Wer nicht mehr liebt und nicht
mehr irrt, der lasse sich begraben.

Johann Wolfgang von Goethe

Das Geheimnis der guten Ehe

»Ich bin immer wieder etwas eifersüchtig. Ich habe immer versucht, viel allein zu machen. Jetzt bin ich wieder auf der Suche, worauf muss ich achten?«, fragte mich eine junge Studentin. Diese Frage verblüffte mich, denn im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass die Liebe wie ein Naturprozess ist, den wir nicht beeinflussen können. Doch tatsächlich können wir begreifen, was bei der Partnerschaftswahl passiert und können dann unser Verhalten zumindest ein wenig ändern. Worauf müssen wir also achten, wenn wir nicht eifersüchtig sein wollen?

Das Drehbuch der Nähe

Die zentrale Angst eifersüchtiger Menschen besteht in der Befürchtung, der Partner könne sich abwenden. Also ist es wichtig, dass Sie sich einen Partner suchen, der wirklich zu Ihnen hält. Sie sollten sich also möglichst in einen Mann, (eine Frau) verlieben, der/die nachdrücklich »ja« zu Ihnen sagt und eine verlässliche Bindung anstrebt. Ob dies der Fall ist, spüren wir meist schon in den ersten Sekunden einer Begegnung. In uns allen ist ein inneres Drehbuch der Liebe aktiv. Dieses Drehbuch ist möglicherweise manchmal etwas kitschig, und wir würden es anderen deshalb auch nicht erzählen. Es ähnelt den alten Märchen: Da sucht Dornröschen den Prinzen und will gerettet werden, da klettert ein Mann zu Rapunzel empor und will sie bewundern, oder zwei gehen wie Hänsel und Gretel durch die Welt, um sich zu unterstützen. Und jedes Drehbuch hat ein anderes Nähemoment. Hänsel und Gretel erleben die beständige Nähe vor allem auch im Alltag, Rapunzel kennt die Nähe nur, wenn man sich um sie bemüht und Dornröschen erlebt die romantische Liebe und wird gerettet und man fragt sich: Was kommt dann? Jedenfalls suchen wir nach einem Drehbuch einen Partner, der zu uns passt. Welche Situation trifft auf Sie zu? Sind Sie eher eine Frau, die sich für Männer interessiert, die kameradschaftlich sind und viel Sicherheit ausstrahlen? Oder werden Sie unruhig, wenn Sie auf einen richtigen Kerl treffen, der wie ein einsamer Wolf aussieht: etwas verwegen, mutig und ein bisschen verloren? Mit ihm werden wir interessante Nächte verbringen können, aber sein Bindungsangebot wird gering sein, so dass Sie immer wieder etwas Eifersucht verspüren werden. Die Grundformel für ein eifersuchtsarmes Leben besteht deshalb in der Botschaft: Suchen Sie sich einen Partner, der sich wirklich auf eine Beziehung einlassen kann. Das spüren Sie daran, dass er Interesse an Ihnen hat, dass er Fragen zu Ihrem Leben stellt. Und er ruft Sie auch selbst an, Sie müssen ihm nicht hinterherlaufen. Bei ihm haben Sie das Gefühl: er will mich wirklich! Es mag sein, dass die »einsamen Kerle« manchmal mehr Gefühle in Ihnen hervorrufen. Sehnsucht entsteht oft gerade dort, wo man sich um den anderen bemühen muss. Doch wenn Sie sich auf Dauer ständig darum sorgen müssen, ob der andere wirklich treu ist und Sie liebt, werden Sie mit heftigen Eifersuchtsgefühlen rechnen müssen.

Ist er ein Teamplayer?

Schwierig sind auch jene Männer, die ständig auf Bewunderung angewiesen sind. Das können sehr aufregende, tolle Männer sein, die gern im Mittelpunkt stehen und tiefe Gefühle in uns auslösen können. Doch gerade diese Männer neigen dazu, sich auch Anerkennung außerhalb der Beziehung zu suchen. Kurzum: Sie neigen zum Fremdgehen. Achten Sie also bei der Suche vor allem auf den Faktor Beziehungsfähigkeit. Dieser entscheidet darüber, ob der zukünftige Partner im Wesentlichen an sich denkt oder ob er die Partnerschaft als gleichberechtigtes Team begreift. Wenn er ein Teamplayer ist wird er auch dazu beitragen, dass allmählich ein Fundament der Beziehung entsteht. Dann macht er Ihnen nicht nur Liebeserklärungen und massiert Ihnen den Rücken, er wird Ihnen auch seinen Freundeskreis und seine Familie vorstellen und davon sprechen, dass Sie nun eine Partnerschaft haben. Und nach mehreren Monaten haben Sie dann das beruhigende Gefühl: ich habe eine Liebesbeziehung, die ein ganzes Leben lang halten könnte.

Wenn sich das Band der Nähe lockert

Nun wissen wir alle, dass viele Beziehungen nicht ewig halten. Stets gibt es Belastungsproben, die wir bewältigen müssen. Das gelingt nicht immer: Wir sind gekränkt, fühlen uns nicht verstanden und ziehen uns zurück. Und allmählich lockert sich das Band der Nähe. Nun spüren wir, dass wir uns nicht mehr so gern an den anderen anschmiegen, wir reden nicht mehr offen miteinander. Und irgendwann gibt es dann einen größeren Konflikt, wir sind gereizt und sagen ihm, was uns schon immer gestört hat. Wir merken durchaus, dass ihn das Gespräch verletzt hat, zugleich sind wir wütend, weil sich nichts ändert. Wir merken, dass unsere eigenen Ansprüche unerfüllt bleiben. Er hilft nicht im Haushalt, wir versorgen die Kinder fast allein – so haben wir uns die Partnerschaft nicht vorgestellt. Schließlich geht auch die Sexualität zurück und die Beziehung wird immer distanzierter. Und jetzt sind Sie natürlich eifersüchtig, wenn er weggeht. Zu Recht fragen Sie sich: Findet er eine andere, die netter ist? Die seine Bedürfnisse erfüllt? Die nicht so viele Ansprüche stellt? Wir sind eifersüchtig, weil tatsächlich die Gefahr besteht, dass die Beziehung scheitert. Dies ist die Ursituation der normalen Eifersucht. Sie beruht auf dem Auseinanderleben der Partner. Und wir sehen hier eines ganz klar: Die meisten Eifersuchtsprobleme betreffen das Innenverhältnis der Partnerschaft. Genauer gesagt: Es geht um die Defizite und Konflikte der eigenen Beziehung. Es geht um die mangelnde Nähe und die Frage, warum man sich auseinandergelebt hat. Die Beantwortung dieser Frage ist meist wichtiger als die Beschäftigung mit der möglichen Rivalin bzw. dem Rivalen. Personen außerhalb der Liebesbeziehung bekommen meist nur deshalb eine so große Bedeutung, weil es in der eigenen Liebesbeziehung nicht klappt. Dabei darf es durchaus Konflikte geben. Ich bin sogar überzeugt, dass es in jeder lebendigen Beziehung Konflikte geben muss. Aber es wird problematisch, wenn die notwendigen Auseinandersetzungen unfair verlaufen, wenn man den anderen herabsetzt, wenn man den Respekt verliert. Dann haben wir unsere Beziehung vergiftet, die Nähe ist verlorengegangen.

Der Kitt der Liebe

Die wichtigste Maßnahme zur Eindämmung der Eifersucht besteht darin, das Band der Nähe immer wieder neu zu knüpfen. Und dazu sollte man nicht nur reden, man muss auch handeln. Wir brauchen dazu auch in den schwierigen Zeiten der Partnerschaft jenes gemeinsame Dritte, das uns immer wieder zusammenführt. Das sind gemeinsame Interessen wie ein Garten, schöne Radtouren, auch der Freundeskreis, den man zusammen pflegt. Dies alles ist der Kitt der Liebe, der dafür sorgt, dass in schwierigen Zeiten die Beziehung nicht zu distanziert wird. durch solche gemeinsamen Interessen entsteht immer wieder eine zwanglose Brücke zum Partner, auch wenn sich das Band der Nähe etwas gelockert hat. Doch wenn man zusammen das Unkraut zupft, durch den Sommerregen fährt oder eine Einladung vorbereitet, redet man irgendwie doch miteinander. Gemeinsam Erlebtes verführt geradezu zum Reden, und dies ist eine der wichtigsten Säulen einer guten Partnerschaft. Schließlich meinte schon Nietzsche, in einer langen Beziehung könne die Leidenschaft geringer werden und dann würde vor allem das Gespräch bleiben. Und diese Gesprächsbasis versachlicht die Beziehung. Dann fühlen wir uns in der Beziehung sicher, auch wenn die Leidenschaft manchmal schwankt. Und auch dies ist ein wichtiger Beitrag zur Dämpfung der Eifersucht. Die bekannten Überlegungen zur Eifersucht betreffen meist die Frage: »Was soll ich tun, wenn etwas passiert ist?« Doch es wäre wohl viel wichtiger, wenn wir vorbeugen und eine Liebesbeziehung aufbauen, in der nur geringe Eifersuchtsgefühle auftreten.

Zusammenziehen und Heiraten

Wenn Sie die Eifersucht wirklich bändigen wollen, dann beherzigen Sie noch einen weiteren Hinweis: ziehen Sie zusammen. Zwar zeigen alle Untersuchungen, dass das Zusammenziehen zunächst Schwierigkeiten mit sich bringt. Man ärgert sich gelegentlich über die unordentlichen Männer, man muss sich darüber einigen, wie man die Wohnung einrichtet. Und manchmal muss man seine Freiräume verteidigen, wenn uns der Partner zu sehr auf die »Pelle« rückt. Dennoch ist wissenschaftlich erwiesen: Liebesbeziehungen halten länger und sind beständiger, wenn man zusammen wohnt. Man genießt vor allem die mittlere Nähe: Er kocht, sie liest im Nachbarzimmer, man hört sich, sieht sich und so entsteht eine entspannte vertraute Nähe. Wenn Sie nicht zusammen wohnen, müssen Sie die Partnerschaft immer inszenieren. Man trifft sich meist nur dann, wenn man gemeinsam etwas unternimmt. Jene tiefe und dennoch entspannte, fast absichtslose Alltagsnähe entsteht nicht. Das Zusammenwohnen fördert also die unkomplizierte Nähe und verringert die Eifersucht.

Es gibt eine einfache Grundregel: Je größer der Abstand in der Partnerschaft ist, desto stärker ist die Gefahr der Eifersucht. Das gilt natürlich insbesondere für Fernbeziehungen. Sie werden von beiden als erfüllend erlebt, wenn es trotz des Abstandes gelingt, das Band der Nähe immer wieder aufs Neue zu knüpfen. Und dies bedeutet meist, dass sich beide darauf verlassen, einander treu zu sein. Nur dann kann man entspannt das eigene Leben gestalten. Doch eine Dauerlösung ist dies für die meisten Menschen nicht. Nach meiner Erfahrung stellt sich spätestens nach zwei Jahren die Frage, ob man nicht doch enger zusammenzieht oder sich trennt.

Warum das Heiraten wichtig ist

Vielleicht leben Sie schon seit einigen Jahren in einer festen Beziehung und sind inzwischen auch zusammengezogen? Dann stellt sich doch sicher eine weitere Frage: Wollen wir heiraten? Nun verstehe ich jeden, der jetzt etwas zusammenzuckt und der Meinung ist, das Heiraten sei überflüssig, es sei der Tod der Liebe. Ich studierte während der Studentenbewegung, und mich hat das Modell Sartre/Beauvoir sehr geprägt. Beide haben bekanntlich nie geheiratet, lebten in unterschiedlichen Wohnungen. Ihre Bindung bestand in dem gemeinsamen Wunsch, die Welt zu erkunden und sich auszutauschen. Das fand ich damals faszinierend und dennoch frage ich mich heute: Hat das Heiraten nicht einen tieferen Sinn? Ist es wirklich nur ein überflüssiges Ritual? Wir sehen ja, dass sich verheiratete Paare weniger häufig trennen. Das kann zwei Ursachen haben: Entweder heiraten die Paare, die bindungsstärker sind oder das Heiraten führt zu einer tiefen Auseinandersetzung, zu einer ernsthafteren Haltung gegenüber der Partnerschaft. Vielleicht stimmt beides, und deshalb möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Entweder Sie heiraten oder Sie führen in der Beziehung ein klärendes Gespräch. Doch immer sollten Sie sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Was ist, wenn einer von uns beiden krank ist. Wenn einer arbeitslos ist? Sind wir auch in den dunklen Stunden des Lebens füreinander da? Können wir uns wirklich aufeinander verlassen? Und wenn Sie darauf eine Antwort gefunden haben, dann besiegeln Sie Ihre Absprache mit einer kleinen Feier zu zweit. Und Sie werden spüren, dass dieses feierliche Gelöbnis Sie zutiefst anrührt, weil wir dann hoffen dürfen: Ich bin nie mehr allein. So entsteht eine feste Bindung, die wir als die wichtigste Antwort auf das Thema Eifersucht ansehen müssen.

Wenn wir von anderen träumen

Allerdings kann auch das Zusammenziehen und Heiraten nicht verhindern, dass man sich manchmal auseinanderlebt. Meist liegt das Problem darin, dass wir den anderen ändern wollen und deutlich spüren, dass uns dies nicht gelingt. Natürlich sollen wir gelegentlich deutliche Ansprüche an den anderen stellen. Es gibt manchmal gravierende Probleme, so dass sich der Partner ändern muss, damit die Beziehung weitergehen kann. Aber ich bin doch von einer Tatsache überzeugt: Wir können den Partner kaum ändern. Er kann sich höchstens selbst ändern. Wenn wir es trotzdem versuchen, reißt meist das Band der Nähe, und die Eifersucht beginnt zu wachsen. Deshalb gibt es drei grundlegende Hinweise, die Sie beherzigen sollten:

  1. Sie können den Partner nicht ändern. Sie können sich nur bestimmte Verhaltensweisen wünschen (»Bitte bringe das Frühstücksgeschirr raus!«) oder ihm sagen, dass er mehr in der Küche helfen soll. Aber versuchen Sie nicht, den Partner ändern zu wollen. Das führt nicht nur zu Machtkämpfen, Sie konzentrieren sich dann ganz auf seine Defizite und verlieren jene Gelassenheit, die für eine Partnerschaft unverzichtbar ist.
  2. Vermeiden Sie Schallplattengespräche. Das sind jene Auseinandersetzungen, bei denen es immer wieder um das gleiche Thema geht. Die Argumente wiederholen sich ständig. Sie sagt, er sagt, sie sagt … Keiner gibt nach – nichts ändert sich … aber beide fühlen sich ohnmächtig. Vermeiden Sie also diese Gespräche. Und prüfen Sie, ob Sie nicht geschickter mit solchen Themen umgehen können. Manchmal hilft es, wenn Sie die Ansprüche etwas reduzieren, nicht alles so absolut sehen, etwas mehr fragen, weniger fordern. Und plötzlich merken Sie, wie sich der Partner bewegt und Ihnen mehr entgegenkommt, als Sie erwartet haben.
  3. Loben Sie den Partner, das ist quasi das »Schmieröl« der Beziehung. Und Sie werden erleben, dass dann Ihr Partner meist viel offener für Ihre Kritikpunkte und Wünsche ist.

Wer eifersüchtig ist, liebt zu wenig …

Doch nicht immer sind wir so vernünftig, dass wir diese drei Hinweise beherzigen. Dann zerreißt langsam das Band der Nähe und wir fangen an, von anderen Frauen und Männern zu träumen. »Die Gedanken sind frei« – könnte man sagen. Aber das Tragische ist, dass wir gerade dann meist sehr eifersüchtig sind. Wir fühlen uns mit dem Partner nicht mehr verbunden, wir vereinzeln. Das macht unsicher, weil wir den anderen nicht mehr spüren. Und anstelle der Liebe entsteht dann die Eigenliebe. Wir denken nur noch an uns, an unsere Interessen, und das ist der Boden für die selbstbezogene Eifersucht. Zu Recht meinte der französische Moralist La Rochefoucauld, in der Eifersucht würde mehr Eigenliebe als Liebe stecken.

Geht es nicht tatsächlich bei der Eifersucht häufig mehr um die eigene Person, weniger um den Partner? Besonders deutlich wird dies, wenn man der gehörnte Ehemann ist. Dann hat man oftmals nicht nur seine Frau verloren, sondern auch seine Ehre. Typisch ist dann die Frage des Mannes: »Wie stehe ich jetzt da …?« Das kann man durchaus verstehen. Doch die Tragik besteht darin, dass man zwar die Untreue der Partnerin beklagt, sich selbst aber nicht liebend verhält. Denn nach Liebe sieht die Eifersucht tatsächlich oftmals nicht aus. Vielmehr liegt der Eifersucht meist ein großes Verlangen nach Liebe zugrunde und die Angst, dass diese verlorengehen könnte. Es ist eher ein ängstliches Gefühl, man ist auf sich bezogen, man sieht mehr die eigenen Lebensumstände, weniger die des Partners. Und so kann man den Eindruck bekommen: Wer eifersüchtig ist, stellt zwar große Ansprüche an den anderen. Er will geliebt werden, liebt aber selbst zu wenig.

Doch was würde es bedeuten: zu lieben? Ich habe hundert Menschen befragt und bekam zu hören:

  • Liebe ist, einen Menschen zu vermissen, sobald er zur Tür raus ist.
  • Wahre Liebe ist es, wenn du dir eben diese Frage nicht mehr stellst. Dann weißt du, was Liebe ist.
  • Wenn man weiß, dass man mit ihm alt werden möchte.

Nun mögen Sie einwenden, dass mit solchen Beschreibungen der Liebe nur die innere Befindlichkeit erfasst wird. Deshalb stelle ich nochmals die Frage: Was ist die Liebe? Antoine de Saint-Exupéry meinte einmal, die wirkliche Liebe würde beginnen, wenn keine Gegengabe mehr erwartet wird. Doch ist dies wirklich so? Ich denke, dass wir in der Liebe immer etwas ersehnen, erhoffen, erwarten. Vielleicht nicht immer kurzfristig, immer aber langfristig. Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten mitunter verleugnet. Man tat so, als wäre man vollständig für sich verantwortlich, als dürfe man vom anderen nichts erwarten. Der berühmte Spruch des Gestalttherapeuten Fritz Perls lautete vor 40 Jahren:

»Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust.

Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.

du bist du, und ich bin ich,

und wenn wir uns zufällig finden, – wunderbar.

Wenn nicht, kann man auch nichts machen.«

Der Spruch von Perls war die Aufforderung, das eigene Leben zu gestalten, nicht zu schnell mit dem Partner zu verschmelzen. Das war nicht falsch. Aber trotzdem war diese Sichtweise übertrieben. Denn eine Partnerschaft ist immer eine gemeinsame Aufgabe, sie ist ein Team. Und jeder muss bei einem solchen Lebensprojekt »Liebe« mitwirken. Letztlich ist die Liebe ein Brückenschlag, es ist eine Kooperation und der Partner muss bereit sein, bei diesem Näheprojekt mitzuwirken.

Die Belastungsproben einer Beziehung

Dazu ist es wichtig, dass uns der Partner einigermaßen gut kennt. Er muss in der Lage sein, auf unsere Nähebemühungen einzugehen. Und wir müssen davon überzeugt sein, dass es der Partner gut mit uns meint. Doch gerade dies Gefühl kann in einer Beziehung immer wieder verlorengehen. Denn es gibt verschiedene Belastungen durch den Alltag, insbesondere durch Kinder, durch den Ärger hinsichtlich der Verteilung der Aufgaben im Haushalt oder durch Krankheiten. Nur wenn ein Paar diese Belastungsproben halbwegs gut bewältigt, kann es immer besser zusammenwachsen. Kinder sind dann langfristig ein wichtiger Bindungsfaktor. Und Liebesbeziehungen wachsen auch zusammen, wenn man die Arbeiten im Haushalt und Garten als gemeinsame Teamaufgabe begreift. Selbst schwere Erkrankungen können dazu führen, dass ein Paar zusammenwächst. Man kommt sich viel näher als sonst und man begreift, dass das Leben endlich ist. Frühere Differenzen verblassen, weil man gemeinsam begreift, was wesentlich ist.

Die eigene Kindheit begreifen

Doch oft sind wir nicht in der Lage, die Belastungsproben gut zu bewältigen. Jeder hat durch seine Kindheit seelische »Sollbruchstellen«, an denen die Beziehung scheitern kann. Wir sind dann zu empfindlich, haben zu hohe Ansprüche an die Liebe, sind zu schnell gereizt. Deshalb kann an solchen Bruchstellen die Liebe scheitern. Insofern ist es wichtig, dass wir uns drei Fragen stellen:

  • Wie war meine eigene Kindheit, welche Defizite, welche seelischen Verletzungen gab es?
  • Welche positiven Fähigkeiten und Eigenschaften habe ich mitbekommen?
  • Welche Beziehungsmuster sind damals entstanden? Wo bin ich heutzutage empfindlich, schnell gereizt, was sind meine wunden Punkte?

Es ist wichtig, dass wir diese empfindlichen Stellen, diese alten Narben der Kindheit kennen. Denn wir alle verhalten uns in den Momenten der Eifersucht teilweise so wie nach einer schweren Operation. Nach belastenden Kindheitserfahrungen ist unser Seelengewebe zwar wieder zusammengewachsen, aber es entstand Narbengewebe, das nicht so beweglich ist. Deshalb reagieren wir später in der Partnerschaft ungeschickt, wenn wir verletzt, gekränkt und enttäuscht werden. Entweder wir schweigen und ziehen uns zurück oder wir reagieren gereizt und fangen an zu kämpfen. Aber immer gilt: Wir sind nicht in der Lage, geschickt zu reagieren und schaffen es nicht, dabei auch noch den Partner im Auge zu haben. Deshalb müssen wir gelegentlich überlegen, welche Altlasten wir in die Beziehung hineintragen. Schon das Erkennen dieser Problematik ist hilfreich, damit wir uns nicht zu unreflektiert verhalten und ständig mit dem Partner kämpfen.

Wo sind Sie im Leben einseitig?

Und wenn Sie mutig sind, sollten Sie vielleicht noch eine weitere Frage beantworten: Wo sind Sie im Leben einseitig? Es ist doch eine dramatische Problematik, dass wir uns alle in der Liebe für einen Partner/eine Partnerin entscheiden und damit auf andere Lebensentwürfe verzichten, falls wir nicht ständig fremdgehen. Der sehr nähefähige, kameradschaftliche Partner ist selten sehr erotisch, der tüchtige Partner kann selten entspannen. Es fehlen immer die Ergänzungseigenschaften. Meine Großmutter pflegte zu fragen: Wie ist die Rückseite der Münze? Gewissermaßen zahlen wir für jede Partnerschaftswahl einen Preis. Wir bekommen zwar in einer guten Liebesbeziehung viel, müssen aber auf manches verzichten, was uns der Partner nicht geben kann. Es ist gut, wenn wir dies dann in einer Freundschaft ausleben können. Doch problematisch wird es, wenn unser Partner sehr einseitig ist, wenn wir zu viel vermissen. Dann kann es passieren, dass die Freundschaften eine zu große Bedeutung bekommen, so dass fast eine erotische Innigkeit entsteht.

Denn dann haben Sie zuhause den tüchtigen, zuverlässigen, aber doch manchmal schweigsamen Ehemann und zugleich einen anderen lieben Freund, mit dem Sie über alles reden können. Gelegentlich werden Sie dann vielleicht aufstöhnen und sich fragen: Warum ist es nicht möglich, dass ich die Eigenschaften beider Männer in einer Person habe? Aber diese Frage wird sich ihr Partner natürlich gelegentlich auch stellen. Und in Krisenzeiten ist er dann durchaus offen dafür, sich die fehlenden Erlebnisse in einer anderen Beziehung zu holen. Diese kann am Anfang durchaus freundschaftlich sein, aber wenn sie intensiver wird, kann das eine Bedrohung für ihre Partnerschaft darstellen. Deshalb sollte man den Partner nicht nur liebevoll an sich binden, es ist auch wichtig, dass wir unsere Einseitigkeiten gelegentlich überwinden.

Die eigenen unentwickelten Eigenschaften entwickeln

Die schwierigste Aufgabe in unserem Leben besteht immer darin, dass wir auch unsere unentwickelten Potentiale entfalten. Jeder Mensch ist einseitig, denn die Entstehung des Charakters ist immer das Ergebnis von Notsituationen. Als kleines Kind verfügen Sie weder über die innere Stabilität und Ausgeglichenheit, noch über die Lebenserfahrung, die bei der Ausgestaltung eines solchen Lebensentwurfes sinnvoll wäre. Vielmehr ist unser Lebensentwurf vor allem darauf ausgerichtet, mit Situationen von Angst und Bedrohung umzugehen. Nietzsche hat deshalb einmal gemeint, der Charakter sei immer das Ergebnis einer Suche nach einem Ausweg aus dem Urwald. Das klingt dramatisch. Und tatsächlich kann die Lösung, die ein kleines Kind findet, nicht sehr ausgeglichen sein. Dennoch gibt es das Ideal der ganzheitlichen Persönlichkeit. In meinem Studium habe ich gelernt: eine gesunde Persönlichkeit sei vorhanden, wenn man über alle vier Charaktereigenschaften verfügt:

  • Man müsse sich sowohl um sich kümmern können (die Eigendrehung)
  • Aber man sollte auch sozial sein (Außendrehung)
  • Und man sollte den Wandel begrüßen (Veränderung)
  • Und zugleich beständig sein können (das Bewahrende)

Jeder von uns sollte alle vier dieser Eigenschaften in sich verwirklichen. Das ist sicher schwierig, und jeder hat hier gewisse Schwerpunkte. Aber es wäre wichtig, dass wir wenigstens ansatzweise alle vier Eigenschaften in unserem Leben wiederfinden. Das sollte man natürlich für sich selbst tun. Es ist fatal, dass wir unsere Entwicklung zu sehr auf den Partner ausrichten. Genau diese Einstellung ist ja die Basis für Eifersuchtsgefühle. Dennoch ist es gelegentlich sinnvoll, wenn wir uns mit den Augen des Partners sehen. Wissen Sie denn, wie er sich bei Ihnen fühlt? Was er vermisst? Warum er bei Ihnen bleibt? Wann er glücklich ist?

Du bist die Welt für mich

Wir sollten einmal im Jahr miteinander Bilanz ziehen. Beide sollten dann erzählen, wie es ihnen geht, wie sie sich die Entwicklung im kommenden Jahr vorstellen. Das wäre wie eine Jahreshauptversammlung der Liebe. So gehen auch unsere Liebeshoffnungen in Erfüllung. Auch wenn wir gelegentlich einen genügenden Abstand suchen: In der Liebe haben wir doch die Hoffnung, dass wir eine gemeinsame Zukunft finden. Nun heißt es in einem sentimentalen Schlager: »Du bist die Welt für mich.« Zu Recht zuckt mancher bei dieser Aussage zusammen. Denn der Partner darf immer nur ein Teil unseres Lebens sein. Andernfalls überfordern wir jeden Partner und sind schließlich so enttäuscht, dass das Band der Nähe reißt. Und dennoch wäre es gut, wenn wir alle vier Eigenschaften so entwickeln könnten, dass unser Partner sagt: »In dir finde ich alles so vielfältig, dass du mich immer wieder fesselst«. Aber dazu muss die Liebe ein Abenteuer sein.

Die gefährliche Langeweile

Die größte Gefahr einer Partnerschaft besteht darin, dass sie langweilig wird. Darauf weisen vor allem die Befürworter der Untreue hin. Sie behaupten, man müsse fremdgehen, um nicht der Langeweile zu verfallen. Und es gibt dann fast alberne Ratschläge, wie man das Leben wieder spannend macht. Von der gemeinsamen Wanderung durch den Urwald bis hin zum Sex im Stadtpark (mit der Angst überrascht zu werden) findet man viele komische Vorschläge. Aber die schwierigste Herausforderung jeder Liebesbeziehung besteht doch darin, dass wir lebendig bleiben. Überlegen Sie doch einmal selbst: Welche Eigenschaften fehlen Ihnen Ihrer Meinung nach? Und wenn Sie das nicht wissen, fragen Sie Ihren Partner, er wird es Ihnen mit einiger Sicherheit sagen. Und dann versuchen Sie, sich gerade in diesem Bereich etwas zu entwickeln. Nehmen Sie sich kleine Schritte vor, die realistisch sind. Und planen Sie jedes Jahr ein Lebensprojekt, so dass sie mutiger und selbstbewusster werden. Vielleicht überwinden Sie Ihre Schüchternheit und halten einen Vortrag. Oder Sie lernen eine Fremdsprache und verbringen eine Woche im Ausland. Wichtig an solchen Projekten wäre nur, dass Sie dabei jene Eigenschaften entwickeln, die Ihnen schwer fallen. Wenn Sie sehr beständig sind, sollten Sie vielleicht etwas ganz Spontanes unternehmen, etwas Neues wagen. Und wer immer wieder das Neue im Leben gesucht hat, wird ein langfristiges Projekt anstreben, wo er Ausdauer haben muss. Wer sich gut durchsetzen kann, achtet darauf, hingabefähiger zu werden.

Sie werden erleben, dass ein solches Lebensprojekt nicht nur für Sie aufregend ist. Auch Ihr Partner wird gelegentlich feststellen: »So kannte ich dich bisher noch nicht.« Und auf diese Weise bleibt die Liebe lebendig und sie fesseln ihren Partner, indem er immer wieder eine neue Seite von ihnen kennenlernt. Und das ist sicher der beste – und zugleich schwierigste – Schutz vor zu starken Eifersuchtsgefühlen. Denn den Partner liebevoll zu binden, ist die schönste Antwort auf die Angst, die Liebe zu verlieren.