Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre,
ich bin doch zu schade für einen allein.
Wenn ich jetzt grad dir Treue schwöre,
wird wieder ein anderer ganz unglücklich sein.

Friedrich Hollaender

Die Eifersuchts-Untreue-Spirale

Die Verzahnung

Oft ist die Eifersucht innerhalb der Partnerschaft rätselhaft. Nicht immer geht ein Partner fremd. Nicht immer hat er eine Neigung zum Fremdflirten. Nicht immer liegt eine schwere Ehekrise vor. Und doch kann man auch in solchen Fällen vermuten, dass beide Partner an der Problematik beteiligt sind. Häufig handelt es sich dann um eine Verzahnung. Ich nenne dies so, weil wie bei einem Zahnrad das Verhalten eines Partners in Wechselwirkung zum Verhalten des anderen steht. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn jeder einseitig lebt und die fehlenden Anteile an den anderen delegiert. Lassen Sie mich das etwas ausführlicher erklären: In jeder Partnerschaft geht es immer um das Spannungsverhältnis von Nähe und Abstand, von gemeinsamem Leben und Verbindlichkeit einerseits und dem eigenen Leben und Distanz andererseits. In einer lebendigen Partnerschaft muss jeder beide Seiten ausleben. Doch oft müssen wir feststellen, dass einer nur die eine Seite, der andere die Ergänzung lebt. Das kann dann bedeuten, dass einer immer treu und beständig und Nähe suchend ist, während der andere untreu ist und sich eher distanziert verhält. Und die Schwierigkeit besteht nun darin, dass sich die Eigenschaften beider Partner verzahnen. »Ich bin untreu, weil du mich so bedrängst – ich muss dich bedrängen, weil du so untreu bist …« lautet die Kommunikation dieser Partnerschaft.

Lass die Flausen sein …

Solche Verzahnungen sind oft nicht leicht zu erkennen. Da streitet sich ein Paar ständig, sie übernimmt die Beziehungsarbeit in der Partnerschaft, stellt immer wieder Nähe her, verhält sich sehr verbindlich. Er geht fremd, flirtet viel, ist aber sehr charmant. Deshalb denkt sie nicht daran, sich zu trennen. Vielmehr redet sie immer heftiger auf den Partner ein, fordert ihn auf, endlich einmal treu zu sein und sich an das Eheversprechen zu erinnern. Als Psychotherapeut ist man dann leicht geneigt, das Problem sehr einseitig zu sehen. Man schlägt sich auf die Seite der treuen Partnerin und ist sich gemeinsam darüber einig, dass der Ehemann endlich seine Flausen sein lassen müsste – so der Wunsch dieser Patientin. Gemeinsam ist man dann davon überzeugt, dass der Ehemann seelisch gestört ist, eine schwierige Kindheit hatte und eine Therapie braucht. Doch so einfach ist es eben nicht.

Auch die sogenannte beziehungsvolle Partnerin ist an der Problematik beteiligt. Oft lebte sie in einem sehr bedrängenden, engen Elternhaus, durfte sich nicht richtig ablösen, war nie wirklich eigenständig. Und nun suchte sie sich einen Partner, der sie nicht zu sehr bedrängte und gleichzeitig jene Entwicklungsanteile übernahm, die sie nicht ausleben durfte. Er hatte es gelernt »Ich« zu sagen, distanziert zu sein, sich abzugrenzen. Dann ergibt sich folgende Paardynamik:

  • Der untreue Partner ist auf den treuen Partner als Lebensbasis angewiesen. Er bekommt so jene zuverlässige Bindung, die er bisher vermisste. Und für ihn wiederholt sich gleichzeitig das Erlebnis einer bedrängenden Nähe, das er kennt.
  • Der treue Partner wiederum ist auf die lockere Lebensart, die Expansion, den Wandel des untreuen Partners angewiesen. Dieser lebt etwas aus, was er nie leben durfte: nein zu sagen, sich abzugrenzen.

Beide ergänzen sich …

Beide sind also aufeinander angewiesen, doch zur Tragik solcher Partnerschaften gehört es, dass die Dynamik die einseitigen Eigenschaften verstärkt. Es findet keine wirkliche Entwicklung statt. Der Untreue fühlt sich ewig bedrängt, fragt immer wieder: Warum lässt du mir das bisschen Vergnügen nicht? Das wird fortwährend thematisiert und man spürt: Hier geht es nicht nur um das Thema Treue, es geht auch um das Thema Freiräume. Und natürlich ist in dieser Situation eine Aufarbeitung der Partnerschaftskrise schwierig. Denn der Eifersüchtige hat starke Beziehungsängste, er klebt an der Partnerin und müsste sich stattdessen mit seinen weitgehend verdrängten Wünschen nach Freiheit und Autonomie beschäftigen.

Mir fällt bei diesen Lebensentwürfen oftmals auf, wie wenig Freiheit sich beide geben. Das ist teilweise durchaus verständlich, denn je länger die Auseinandersetzungen laufen, desto mehr ist die »Betrogene« verunsichert und klammert und wird den Partner bedrängen.

Er liebte den Fürsten Pückler

Lassen Sie mich diese Problematik an einem kurzen Fallbeispiel erläutern. Eine 30-jährige Technikerin kam zu mir, weil ihr Mann immer fremdging. Sie kannte ihn schon seit zehn Jahren und berichtete, er sei immer hilfsbereit gewesen, habe ein großes Herz für Frauen gehabt. Und sein Lieblingsautor sei der Fürst Pückler gewesen – der immer fremdging. Sie habe ihm dann gesagt, dass sie das Leben von Pückler auch interessant fände. Jedenfalls habe dies zu dem Missverständnis geführt, dass sie mit seiner Untreue einverstanden sei. »Ich mochte ihn sehr, bedrängte ihn nicht, wir heirateten. Aber ich wusste immer, dass er eine Angst vor zu viel Nähe hatte. Das ging einige Jahre gut, dann flirtete er mehr mit Frauen, schließlich ging er fremd. Er war immer ein Mensch, der viel für sich machen musste, er konnte mich nie um etwas bitten. Er konnte nie Wünsche äußern.«

Ich lernte diesen Ehemann kennen, unterhielt mich auch allein mit ihm, und es wurde deutlich, dass er eine sehr schwierige Mutterbeziehung hatte. Sie sei eine sehr resolute Frau gewesen, die nur wegen der Kinder geheiratet hatte. Und sie habe immer für die Kinder gelebt, wenn sie nach Hause kamen, mussten sie sofort Bericht erstatten. Und an seiner Zimmertür hing ein Schild: Nicht abschließen. So hatte er eine Abneigung gegen jede Form von Einengung entwickelt, gleichzeitig brauchte er aber viel Nähe. Dieser Konflikt beherrschte sein Leben. Ganz binden wollte er sich nie. Er suchte immer die Freiheit und wollte deshalb kein Treue-Versprechen abgeben. Dennoch suchte er die Nähe und die Beständigkeit, er war geradezu darauf angewiesen. Aber er wollte nicht für das Glück seiner Frau verantwortlich sein. Diesen Konflikt zwischen Nähe- und Distanzwünschen habe ich genauer in einem Buch (Freiraum für die Liebe) beschrieben. Er ist der Grundkonflikt der Liebe und in jeder Partnerschaft vorhanden.

Der Wunsch nach zu viel Nähe

Doch bei diesem Ehemann trat der Konflikt verschärft auf, er war empfindlich gegen jede Form von Beeinflussung. Er hatte in seinem Raum einige Topfpflanzen, die er wohl falsch behandelt hatte. Sie ließen die Blätter fallen, sahen gelb aus. Seine Frau machte ihm deshalb den Vorschlag, er solle sie umtopfen und düngen und weniger gießen. Darauf sagte er nur »Hmmm« und kümmerte sich nun überhaupt nicht mehr um seine Pflanzen. Man spürt deutlich, wie überempfindlich er gegenüber allen Ratschlägen war, die er sofort als Einmischung empfand. Man ahnt, dass hier nur eine Therapie helfen kann. Doch was wäre das Ziel einer solchen Therapie? Er müsste lernen, sein eigenes Leben zu leben, um wirklich unabhängiger zu werden. Dazu würden vor allem Freundschaften gehören. Doch diese pflegte er nicht, er war immer auf jene engen Beziehungen mit Frauen angewiesen, die er bereits von Kindheit an kannte. Dort fühlte er sich wohl. Beziehungen zu Frauen wurden für ihn aber schnell erotisch und intensiv. Es entstand eine lustvolle, aber auch bedrängende Nähe, die er trotzig relativieren musste. Und das konnte er nur, indem er mit anderen Frauen erotische Bindungen einging.

Beide sind beteiligt

Nun könnte man meinen, dass die Untreue des schwierigen Ehemannes bereits alles erklärt. Doch es gibt die These, dass jeder in einer Partnerschaft einen 50 Prozent-Anteil an der Krise besitzt. Diese These hat mich, obgleich sie oft stimmt, früher sehr geärgert. Wenn man sie so absolut formuliert, verwischt sie zu viel, man gibt sich zu schnell mit dieser Erklärung zufrieden und sucht nicht nach den wirklichen Ursachen. Und diese Ursachen sind oft nicht gut zu erkennen, gerade wenn das Verhalten eines Partners sehr »lärmig« ist. Denn was kann der Anteil der »Betrogenen« an dieser Problematik sein?

Zunächst fällt doch auf, dass sie einen Mann heiratete, obgleich sie von Anfang an ahnen konnte, dass er nicht treu sein würde. Allerdings werden Sie vielleicht sagen, dass es vielen so geht. Man verliebt sich in einen Mann, der gern flirtet und hofft, diesen ganz für sich gewinnen zu können. Dafür habe ich durchaus Verständnis, obgleich es fast nie gelingt, mit einem solchen Mann glücklich zu werden. Aber mir fiel auf, mit welcher Inbrunst, welcher Entschlossenheit diese junge Frau immer nur über ihren untreuen Mann sprach. Auch dafür hatte ich Verständnis. Eine fortwährende Untreue ist etwas, woran wir uns meist nie gewöhnen können. Und trotzdem fing ich an, mich mehr für das Leben dieser Frau zu interessieren. Ich hatte fast den Eindruck, dass sie ein wenig auf ihm »hockte«, ihm die Luft nahm, dass sich alles auf ihn konzentrierte. Sie hatte keine Freundschaften: »Was soll ich denen denn erzählen, ich rede doch immer nur über mich und ihn. Das langweilt doch alle.« Mich beunruhigte also, dass sie keine Freundschaften pflegte – sie hätten ein fester Halt in ihrem Leben sein können. Ich spürte, dass das Problem tiefer liegen musste und fragte nach ihrer Kindheit. Sie stammte aus einem kleinbürgerlichen, sehr engen Elternhaus. Ihr Vater hatte immer die Erwartung, dass aus ihr etwas Vernünftiges werden sollte. Die Grenzen des Elternhauses waren eng gesteckt, alles war vorherbestimmt. Sie durfte abends kaum weggehen, noch mit 18 Jahren wurde ihr alles vorgeschrieben. Eine Pubertät hatte nicht stattgefunden, sie durfte nie »nein« sagen. Dies ist eine wichtige Entwicklungsetappe, die für die Selbstfindung unentbehrlich ist. Dabei war ihr durchaus nach Protest zumute, denn sie hatte einen jüngeren Bruder, der ihr immer vorgezogen wurde. Dass ihr die Zuwendung entzogen wurde, war ihr also vertraut. Doch sie klagte nicht, blieb immer die brave Tochter, die sich nie richtig ablösen konnte. Noch heute besucht sie alle 14 Tage ihre Eltern. Frei zu sein, das ist auch ihr Wunsch und folgerichtig suchte sie sich einen Partner, der sie nicht bedrängte. Er lebte jene Eigenwilligkeit aus, die ihr fehlte. Und doch gibt es bei beiden ein gemeinsames Thema: Sie suchen viel Freiheit und gleichzeitig Bindung. Keiner von ihnen hat Freundschaften, keiner unternimmt etwas allein. Beide erleben in der Partnerschaft eine Wiederholung jener Kindheitsprozesse, die sie als krankmachend erlebten. Er wird bedrängt, sie wird entthront.

Auf diese Weise entstand zwischen den beiden eine klassische Untreue-Treue-Dynamik: Je eifersüchtiger sie wurde, desto untreuer verhielt er sich. So steigerte sich eine anfängliche Problematik zu einem unerbittlichen Machtkampf. Der untreue Partner wurde dabei immer stärker in die Defensive gedrängt. Die treue Partnerin fühlte sich immer mehr im Stich gelassen. Jürg Willi hat dies einmal mit der Eifersuchts-Untreue-Kollusion beschrieben. Er macht deutlich, dass jeder dem anderen Schuld gibt. Dabei war die treue Partnerin in der moralisch besseren Position und konnte auf meine Unterstützung hoffen. Und so hatte sie auch nur ein Lieblingsthema: »Mein Mann muss sich ändern«.

Bei allem Verständnis dafür fiel mir allerdings eines auf: Sobald sie etwas mehr Abstand einlegte, ein wenig mehr auf ihr Eigenleben achtete, hörte er auf, mit anderen Frauen zu flirten. Eines Tages berichtete sie mir: »Bisher haben wir immer endlos geredet. Er teilte mir häufig mit, mit welchen Frauen er sich treffen wollte. Wir redeten dann und redeten. Er erklärte mir, warum er nicht treu sein kann, ich war verletzt. Er fragte, warum gönnst du mir nicht das bisschen Liebe? Ich fragte: Warum kränkst du mich so? Es war verfahren. Aber dann zog ich mich einfach zurück, schlief im Wohnzimmer, hörte auf zu reden. Und – schwupps – war er da, brachte mir morgens meinen Tee, von den anderen Frauen war keine Rede mehr.«

Kann die Liebe heilen?

Eine befreundete Kollegin sagte mir kürzlich: »Es läuft deshalb so gut mit meinem Mann, weil keiner versucht, seine Probleme über den anderen zu lösen.« Das eben ist genau das Problem bei vielen Untreue-Partnerschaften, wo sich jeder am anderen abarbeitet. Die Lösung beginnt also damit, dass sich jeder auf sich selbst besinnt. Natürlich haben wir trotzdem Erwartungen an den Partner. Wir sehnen uns nach Gesprächen, Zärtlichkeiten und Sexualität. Und wir hoffen immer in einer Liebesbeziehung, dass uns der Partner durch seine Liebe heilt, dass seelische Verwundungen durch neue, bessere Erfahrungen korrigiert werden können. Leider aber gehen solche Hoffnungen häufig nicht in Erfüllung, denn oft suchen wir uns einen Partner, der sich weigert, das große Liebesverlangen zu erfüllen. Das mag verwundern, ist aber durchaus sinnvoll. Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie in der Kindheit nicht gut behandelt wurden. Es wäre dann doch viel zu gefährlich, sich einen Mann zu suchen, der immer wieder Nähe herstellt. Von ihm wären wir viel zu abhängig, zu verletzlich. Aber wenn dieser gelegentlich Nähe herstellt und ansonsten freiheitsbewusst ist, können wir erheblich besser damit umgehen. Wir fühlen uns etwas geliebt, behalten aber unsere grundsätzliche Skepsis gegenüber Männern, fühlen uns dadurch auch nicht so verletzlich und hilflos. Dennoch bricht unser Wunsch nach großer Nähe immer wieder durch. Und das nervt diesen Mann, der so freiheitsliebend ist. Immer wieder hört er, dass man Angst habe, er würde fremdgehen. Tatsächlich neigte er früher zu Seitensprüngen und schließlich ist er so genervt, dass er dies Verhalten wieder aufnimmt. Für die Ehefrau ist dies eine absolut traumatische Erfahrung. Sie ist zu Recht verletzt, ihre schlimmsten Erwartungen sind Wirklichkeit geworden. Für sie hat es sich wieder gezeigt: Wo wir hoffen, können wir auch verletzt werden. Der Ehemann sieht dies natürlich völlig anders. Er wird argumentieren, dass er durch die ständigen Eifersuchtsanfälle regelrecht in die Untreue getrieben worden sei. Er empfand seine Frau als so nervig, übergriffig, dass er durch einen Seitensprung wieder den vernünftigen Abstand herstellen musste. Salomonisch könnte man feststellen: Beide haben sich nicht sehr geschickt verhalten, haben sich verletzt und die Beziehung aufs Spiel gesetzt. Es ist eine negative Spirale entstanden, weil die Grundängste beider Partner immer wieder aktiviert wurden:

  • sie: Es gibt keine beständige Nähe, deshalb muss ich klammern
  • er: Ich bin immer bedrängt worden, Frauen können uns Männer nie in Ruhe lassen, deshalb muss ich fremdgehen.

Provozieren wir die Untreue?

Provozieren nicht die eifersüchtigen Partner das Fremdgehen? Sie verhalten sich mitunter so ungeschickt, dass sie tatsächlich das erleiden, was sie befürchten: die Untreue des Partners. Wer wenig eifersüchtig ist, reagiert meist erheblich geschickter. Er kennt jene Doppelstrategie (man muss werben und Nähe herstellen, gleichzeitig aber immer wieder dem Partner genügend Freiheit geben), die eine Beziehung zum Atmen bringt. Dann fühlt sich der Partner umworben und gleichzeitig entsteht in ihm eine Sehnsucht nach mehr Nähe.

Gibt es Unterschiede in der Eifersucht zwischen Männern und Frauen?

Bei meinen Forschungen fiel mir auf, dass Frauen häufiger eifersüchtig sind, während Männer Eifersuchtsgefühle eher verdrängen. Sind also Frauen und Männer unterschiedlich eifersüchtig? Diese Frage kann man mit einem typischen Jein beantworten. Natürlich gibt es Unterschiede im Eifersuchtsverhalten zwischen Männern und Frauen, aber es ist umstritten, womit sie zusammenhängen. Lange ging man davon aus, dass die Familienverhältnisse eine große Rolle spielen. Vor allem für den Ernährer muss es wichtig sein, Seitensprünge der Frau zu erkennen. Bei vier Prozent der Geburten handelt es sich nach aktuellen Untersuchungen um Kuckuckskinder, aber es ist damit zu rechnen, dass durch bessere Nachweismöglichkeiten diese Zahl steigt. Die Dunkelziffer ist erheblich. Und wenn Männer einen Verdacht haben, trifft dieser in bis zu 50 Prozent aller Fälle zu. Kinder kosten bis zu 120 000 Euro bis zum 18. Lebensjahr. Und wie viel Herzblut »investieren« wir in die Kinder? Da würden viele Väter dann doch gern genau wissen, dass es sich wirklich um die eigenen Kinder handelt. Und früher wollten natürlich auch die Frauen die Gewissheit haben, dass der Ernährer nicht plötzlich weg war. Doch diese eher sachlichen Aspekte spielen bei der heutigen Eifersucht eine immer geringere Rolle. Inzwischen gibt es in mehr als 50 Prozent der Ehen keine Kinder und die Verhütungsmethoden sind heutzutage so sicher, dass ungewollte Schwangerschaften eher selten sind. Und Frauen würden heutzutage Kinder notfalls allein großziehen. Die Erklärung: Eifersucht zum Schutz der Familienbindungen fällt also teilweise fort.

Die Eifersucht auf Gesprächsbeziehungen

Dennoch steht für mich fest: Es gibt Unterschiede in der Eifersucht zwischen Männern und Frauen. Zwar ist eine solche Generalisierung schwierig, denn Frauen können heutzutage sehr männlich und Männer sehr weiblich sein – wenn man sie nach den herkömmlichen Rollenmustern beschreibt. Aber tatsächlich sind Frauen eher eifersüchtig, wenn eine tiefere emotionale Bindung entsteht. Männer sind eher eifersüchtig und tief gekränkt, wenn Frauen eine sexuelle Beziehung herstellen. Dieser Unterschied hängt nach meiner Einschätzung damit zusammen, dass Frauen sensibler sind und andere Erwartungen an eine Beziehung haben. Die meisten Frauen wollen vor einem eines: Sie wollen reden, suchen eine emotional innige Beziehung. Sie wollen eine wirkliche Nähe mit dem Partner aufbauen. Deshalb sind Frauen so eifersüchtig, wenn ihre Männer eine intensive Gesprächsbeziehung eingehen. Sie merken dann: Das ist fast mehr als Sexualität, das könnte eine Liebesbeziehung werden. Denn dann erlebt eine andere Frau genau jene Nähe, die sie selbst entbehren. Zu Recht haben Frauen oft Angst, dass sie im Laufe der Ehe auf die Rolle der Hausfrau und der Sexualbeziehung reduziert werden. Eine eifersüchtige Frau sagte mir: »Ich habe gar nicht so große Angst, dass mein Mann fremdgeht. Wir haben eine ganz gute Sexualität. Aber Angst habe ich, wenn er so intensiv mit anderen Frauen spricht. Das gilt vor allem für die Arbeit. Dort ist er in einem Team damit beschäftigt, dass man neue Konzepte für die Vermarktung von Produkten sucht. Man tauscht Ideen aus, ist immer wieder im Gespräch, albert herum, isst zusammen. Das ist eine Form intensiver Nähe, die ich oft mit meinem Mann nicht habe. Und es gibt dort auch sehr hübsche und intelligente Frauen. Da bin ich eifersüchtig. Ich rede mit ihm nur über Kindererziehung und Haushalt. Aber mit seiner Assistentin hat er interessante Gespräche und verbringt mehr Zeit mit ihr als mit mir.«

Ganz unberechtigt ist die Eifersucht auf diese Kollegin nicht. Durch die gemeinsame Arbeit kann tatsächlich eine emotionale Verbindung entstehen, die tiefgreifender als jeder Seitensprung ist. Natürlich ist ein Seitensprung ein Drama. Wir sind doch unendlich gekränkt, wenn der Partner mit einer anderen Frau ins Bett geht. Es ist ja nicht nur eine körperliche Berührung, die dann stattfindet. Das könnte man ja akzeptieren, schließlich umarmt man sich heutzutage viel häufiger und küsst sich auf die Wange. Doch die Sexualität ist eines der tiefsten, körperlich-seelischen Erlebnisse, die wir kennen. »Im Sex drücke ich meine ganze Persönlichkeit aus, viel direkter als sonstwo, ja?«, sagte Maxi Wander einmal. Insofern kann die Sexualität ein so gewaltiges Erlebnis sein. Und es ist natürlich beunruhigend, wenn unser Partner die Sexualität auch mit anderen teilt. Wir erlauben ihm ja im Allgemeinen mit anderen zu reden, zu telefonieren, ins Kino zu gehen – aber die erotische Begegnung soll uns vorbehalten bleiben.

Der seelisch-geistige Seitensprung

Wir könnten uns mit vielem arrangieren, aber den Bereich der Sexualität wollen wir doch für die Partnerschaft reserviert wissen. Oder wie würden Sie es finden, wenn Sie wüssten, dass er eine andere Frau genauso küsst, sie genauso erotisch berührt wie Sie? Dennoch sind Frauen oft noch stärker beunruhigt, wenn sie spüren, dass eine tiefe emotionale Beziehung beginnt. Dies ist oftmals eine massivere Bedrohung für die Liebesbeziehung als der Seitensprung. Deshalb werden solche intensiven Gespräche, die man kaum noch vergisst, als seelisch-geistige Untreue bezeichnet. Zwar schläft man dann nicht miteinander, man küsst sich nicht. Aber es kommt zu einem gegenseitigen Schwingen, die Seelen berühren sich, man redet so intensiv miteinander, dass diese Gespräche fast ein Suchtpotential beinhalten. Schließlich denkt er mehr an die Kollegin als an die Ehefrau, ist innerlich ständig im Gespräch mit ihr.

Frauen wissen, dass aus einer solchen intensiven Gesprächsbeziehung eine Partnerschaft werden kann. Die emotionale Tiefe solcher Beziehungen ist für die eigene Liebesbeziehung viel gefährlicher als ein gelegentlicher Flirt. Deshalb haben Frauen zurecht ein Frühwarnsystem, das sie vor solchen Bindungen warnt, und sie werden eifersüchtig, wenn Männer immer wieder den gleichen Frauennamen erwähnen. Sie registrieren sehr aufmerksam, wenn sie spüren, dass sich ihr Mann innerlich immer mit einer anderen Frau im Gespräch befindet.

Männer hingegen reagieren oft wesentlich direkter. Sie sind vor allem dann empfindlich gekränkt, wenn sie von einem Seitensprung ihrer Frau erfahren. Oft haben sie dann Rachegedanken und nehmen sich vor, ebenfalls fremdzugehen.

Meine Forschungen zeigen: Männer und Frauen sind gleichermaßen eifersüchtig. Auf sexuelle Untreue reagieren sowohl Frauen als auch Männer sehr eifersüchtig. Ein Unterschied ergibt sich nur bei der seelisch geistigen Untreue. Diese liegt vor, wenn man eine so intensive Gesprächsbeziehung hat, dass man fast von einer partnerschaftlichen Bindung sprechen kann. Hier sind Frauen wesentlich wachsamer und eifersüchtiger als Männer. Frauen mit 70 Prozent, Männer nur zu 30 Prozent. Allerdings gibt es auch Männer, die bei dieser seelisch-geistigen Untreue unruhig werden. Das hängt mit ihren Bindungswünschen zusammen:

Wenn Männer eine innige Beziehung anstreben, viel reden wollen und eine große Nähe wünschen, müssen sie es als Bedrohung erleben, wenn ihre Ehefrauen sehr intensive Gesprächsbeziehungen eingehen. Ich habe deshalb den Männern immer folgende Frage gestellt: »Ist es für Sie sehr wichtig, dass Sie persönliche Gespräche mit Ihrer Frau führen, in denen Sie auch über eigene Ängste, Gefühle, Schwierigkeiten reden können?« Wenn dies bejaht wurde, waren diese Männer genauso eifersüchtig gegenüber einer sehr intensiven Gesprächsbeziehung wie Frauen. Dies zeigt: Wie eifersüchtig wir sind, wird immer von unserem Beziehungsmodell bestimmt. Offenbar hat das Ausmaß der Eifersucht psychologische Gründe und hängt nicht mit der Steinzeit oder der Biologie zusammen.