Das Vertrauen und die Treue
sind die Kinder der Liebe

Katja Heimberg

Wenn der Partner fremdgeht

Bei der Bewertung der Eifersucht stellt sich immer die Frage: Ist das Warnsignal der Eifersucht berechtigt oder nicht? Natürlich kann auch eine berechtigte Eifersucht sehr neurotisch sein, wenn wir keinen Ausweg aus der Krise finden. Dann hat zwar die Alarmanlage gut funktioniert, aber die Partnerschaftskrise konnten wir trotzdem nicht bewältigen. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob der Partner treu ist oder zu Seitensprüngen neigt. Manchmal wird unsere Eifersucht schon ausgelöst, wenn der Partner zu viel flirtet. Aber meist läuft es dann doch auf die Frage hinaus: Hatten sie etwas miteinander oder nicht? Zwar sind sich fast alle Menschen einig, dass eine erotische Beziehung bereits mit verführerischen SMS-Botschaften beginnt und mit heißen Küssen und Umarmungen weiter geht. Dies kann eine Partnerschaft massiv gefährden. Aber wenn zwei dann tatsächlich miteinander schlafen, empfinden dies viele als den Super-Gau für die Partnerschaft.

Wie gehe ich mit Eifersucht um

Wie »normal« unsere Eifersucht ist, hängt also davon ab, wie realitätsgerecht dieser Alarm ist. Zeigt uns die Eifersucht wirkliche Gefahren oder reagieren wir zu sensibel? Doch wie sollte ich handeln, wenn der Alarm ausgelöst wird? Früher wurde oft empfohlen, Frauen sollen einen kühlen Kopf behalten und um ihren Mann kämpfen. Balzac berichtet beispielsweise in seinen Roman »Beatrix« von einer Fürstin, die den Seitensprung ihres Mannes entdeckte. Doch sie wollte sich nicht trennen. Sie wollte ihrem Mann auch keine Szene machen. Deshalb beschloss sie, den Kampf mit der Rivalin aufzunehmen. Sie wollte wieder in der Gesellschaft erscheinen, um dort glanzvoll aufzutreten und ihrem Mann eine Liebe vorzuspielen, die sie nicht für ihn empfand. Sie versuchte ihn zu verführen, wollte launisch sein wie jene koketten Frauen, die ihren Liebhaber quälen. Nur ein solches Verhalten konnte ihr noch helfen.

Ein solch vernünftiges Verhalten mag uns heutzutage befremden. Die finanziellen Abhängigkeiten sind geringer als früher, Kinder kann man auch allein aufziehen, deshalb trennen sich viele Frauen heute eher nach einem Seitensprung. Doch wie besonnen man mit einem Seitensprung umgehen kann, erlebte ich vor vielen Jahren. Eine Kollegin hatte mitbekommen, dass ihr Mann ein Verhältnis hatte. Sie sagte ihm daraufhin: Du hast ein viertel Jahr Zeit, dann musst du dich entscheiden. Ich ahnte, dass ihr diese Einstellung nicht leicht gefallen sein muss. Auch sie wird zunächst wütend und verzweifelt gewesen sein. Aber sie wird begriffen haben, dass ihrem Mann Einiges in der Ehe fehlte. Und sie wollte nicht, dass er sich zwangsweise für sie entscheidet und dann lebenslänglich Sehnsucht nach der anderen Frau empfindet. Jedenfalls fand ich diese Einstellung sehr bemerkenswert und fragte mich damals, wie sie mit ihren Eifersuchtsaffekten umging.

Doch könnten Sie so vernünftig auf eine solche Krise reagieren? Ein Seitensprung des Partners ist nie ein normaler Betriebsunfall der Liebe. Es ist kein Ereignis, an das man sich gewöhnen könnte. Die meisten Menschen sind erschüttert und entsetzt, wenn sie den Seitensprung entdecken – auch wenn sie vorher etwas geahnt haben.

Das Bauchgefühl

Über 50 Prozent aller Frauen haben vorher etwas gespürt. Eine Büroangestellte berichtete: »Er hat immer wieder betont, dass er mich liebt … dass wir immer füreinander da sind. Ich hatte aber irgendwann das Gefühl, dass eine andere da ist. Ich fühlte, es driftete auseinander. Das hat er zwar abgestritten. Aber er schlief nicht mehr mit mir, während früher unsere Sexualität sehr intensiv und häufig war. Irgendwann begriff ich, dass da noch eine andere ist. Es war ein Bauchgefühl. Er hat sich einfach zu sehr verändert. Und dann fragte ich ihn ganz direkt: Wie heißt sie? Und er redete – ich habe die Welt nicht mehr verstanden und ich fragte mich lange: warum?«

Tatsächlich lässt sich das Doppelleben meist nicht auf Dauer verschweigen. Es gibt immer kleine verräterische Hinweise …

  • Sie trägt plötzlich einen anderen Lippenstift
  • Er kommt des Öfteren mit einem schönen Blumenstrauß nach Hause
  • Sie vernachlässigt den Haushalt
  • Sie geht immer später schlafen, während er schon im Bett liegt
  • Er muss plötzlich Überstunden machen
  • Das Handy liegt nie mehr herum
  • Er trägt seinen Ehering nicht mehr

Der Zufall

Ansonsten spielt der Zufall eine große Rolle. »Mein Schlüsselbund fiel in einen Kellerschacht, ich kam nicht mehr in meine Wohnung, rief bei ihm auf der Dienststelle an und man sagte mir, er sei heute gar nicht da. Dabei hatte er mir gesagt, er müsse Überstunden machen. Doch in Wirklichkeit lag er mit seiner Geliebten im Bett – wie sich dann rausstellte.« So erlebte es eine resolute Geschäftsfrau, die bisher ihrem Mann vertraut hatte. Sie schilderte mir, dass sie zunächst völlig fassungslos war. Sie habe nicht mehr denken können, sei nur noch durch die Gegend gelaufen, habe dann ihre Freundin angerufen. Und dann führte sie endlose Gespräche mit ihrem Mann. Und immer wieder stellte sie ihm die Frage: warum? Immer wieder machte sie ihrem Mann Vorwürfe (»Wie konntest du?«). An Arbeiten war in dieser Zeit nicht zu denken. Für sie ging es ums seelische Überleben, denn sie fühlte sich wie nach einem Weltuntergang. Das ist normal, denn das wichtigste der Beziehung ist zerstört: Das Vertrauen ist nicht mehr vorhanden – es dauert Monate, manchmal Jahre, bis man dem Partner wieder vertrauen kann. Zu Recht meinte daher La Rochefoucauld, Untreue würde die Liebe ersticken. Deshalb scheitern 1/3 aller Beziehungen unmittelbar nach einem Seitensprung und ein weiteres Drittel innerhalb eines Jahres.

Die große Wut

Der Seitensprung wird meist als eine große Verletzung erlebt. Er ist schlimmer als eine Ohrfeige. Und darauf reagieren wir nicht nur mit einer großen Verunsicherung, sondern meist mit einer großen Wut. Viele rächen sich: Eine Lehrerin zerschnitt sämtliche Anzüge ihres Mannes, der fremdging. Sie hatte keine Lust, ihm auch noch die Anzüge zu geben, damit er sich mit dieser »Tussi« schöne Stunden machte. Nun wird von manchen meiner Kollegen empfohlen, man solle auf die Seitensprünge des Partners respektvoll reagieren und wegschauen. Aber wenn Partner auf eine solche Verletzung überhaupt nicht wütend reagieren, bin ich immer skeptisch. Dann liegt zu viel Abstand vor. Abstand vom Leben und von der Partnerschaft. Gewissermaßen schaut dann der Partner der Beziehung nur noch von außen zu. Und er hat auch so viel Abstand zu seinen Affekten, dass sich eine umfassende Distanzproblematik ergibt. Für den weiteren Verlauf der Beziehung ist es also günstiger, wenn der Betrogene doch eine gewisse Eifersucht zeigt. Wenn er leidet und auch etwas wütend ist. Dann macht er deutlich, dass er um die Beziehung ringt, dass sie ihm nicht egal ist.

Natürlich können die Rachegedanken manchmal sehr zerstörerisch sein. Manchmal bringen eifersüchtige Männer den Rivalen um. Die Rache der Frauen ist meist wesentlich subtiler und erfinderischer. Eine attraktive Kosmetikerin hatte immer einen Verdacht, aber ihr Partner stritt alles ab. Doch eines Tages fand sie auf seinem Handy verschiedene SMS, in der es unmissverständlich hieß: Ich vermisse deine zärtlichen Hände. Dein Häschen. Daraufhin notierte sich diese Kosmetikerin die Handynummern und informierte per SMS alle Frauen, die in dem Handy abgespeichert waren. Und sie organisierte dann ein Treffen aller betrogenen Frauen, die einhellig beschlossen, ihr Liebesabenteuer mit dem attraktiven Unternehmer zu beenden.

Was du kannst, kann ich auch

Oft denkt sich die Betrogene: Was du kannst kann ich auch. Und sie geht dann auch fremd. Auf diese Weise herrscht Gleichstand. Natürlich wird dann der Abstand in der Ehe noch größer, die seelischen Verletzungen immer erheblicher. Das Vertrauen schwindet. Zwar bleibt man oftmals zusammen. Eine Frau erklärte mir: »Da waren die Kinder, und ich hatte mir vorgenommen, du trennst dich nicht. Ich wollte ihnen das Elternhaus erhalten. Mit meinem Mann war ich damals zehn Jahre verheiratet, es war eine richtig normale Ehe. Aber ich habe was geahnt … er hat es abgeleugnet, aber ich wusste es und bin dann auch aus Rache fremdgegangen. Ich dachte: Was du kannst kann ich auch … Die Ehe war dann nach einigen Monaten völlig zerstört, und ich lernte schließlich einen Mann kennen, den ich wirklich liebte. Mit ihm zog ich nach einem Jahr zusammen.«

Die drei Fragen

Doch was können Sie tun, wenn Sie beim Partner bleiben möchten? Oder anders gefragt: wenn Sie die Beziehung nicht beenden wollen? Dann müssen Sie zunächst drei Fragen beantworten:

  • Handelt es sich um einen einmaligen Seitensprung? In über 60 Prozent der Fälle besteht eine längere Beziehung zwischen dem untreuen Mann und der Geliebten, eher selten liegt ein einmaliger Seitensprung vor.
  • Ist der Seitensprung beendet bzw. ist Ihr Mann dazu bereit?
  • Und gibt es in der Beziehung gravierende Defizite oder liegt der Seitensprung in der Persönlichkeit des Seitenspringers?

Denn eine Frage steht dann immer im Raum: Warum ging der andere fremd? Hat man sich in der Ehe auseinandergelebt oder hatte der Seitensprung mit dem Zustand der Partnerschaft nichts zu tun? In dem Buch »Das Geheimnis der Treue« beschreibe ich, dass es neben der unglücklichen Ehe zwei weitere Motive für einen Seitensprung gibt. Es sind der narzisstische Seitensprung und die Angst vor Nähe.

Der narzisstische Seitensprung liegt vor, wenn ein Partner ein sehr schwankendes Selbstwertgefühl hat. Oft bekam er in der Kindheit wenig Liebe, wenig Aufmerksamkeit, aber es wurde viel von ihm erwartet. Dann steht er im Leben immer unter dem Druck, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Das Leben solcher Menschen spielt sich so ab, als würden sie auf einem Seil tanzen und ständig die Bewunderung der Zuschauer entgegennehmen. So sind narzisstische Männer vor allem auf die Anerkennung und Bewunderung von Frauen angewiesen. Während andere Männer täglich ihre Herztropfen nehmen, müssen sie regelmäßig eine Frau verführen, um damit ihr Selbstbewusstsein zu stabilisieren. Ich habe sie rumgekriegt, ich bin ein toller Kerl – das ist die Motivation solcher Seitensprünge.

Doch es gibt auch Seitensprünge, die aus einer Angst vor Nähe entstehen. Dann gehe ich fremd, um das Gefühl der Autonomie wieder zu erleben. Das ist besonders tragisch. Oftmals sind es Beziehungen, in denen eine warmherzige Frau mit einem distanzierten Mann vom Typ »einsamer Wolf« zusammen ist. Und sobald sie innerlich jubelt: »jetzt habe ich ihn« – geht er fremd. Er fühlte sich schon als Kind eingeengt und bedrängt. Und die Nähewünsche seiner Partnerin empfindet er so, als würde man eine Schlinge um seinen Hals legen. Doch wenn er fremdgegangen ist, fühlt er sich wieder freier und kann sich erneut auf die Beziehung einlassen. Auch hier liegt das Problem nicht in der schwierigen Liebesbeziehung, sondern in der Persönlichkeit des Partners. Und eines müssen Sie wissen: Sie können die Persönlichkeit eines Partners kaum ändern. Die Neigung zur Untreue ist sehr mit inneren Prozessen, sehr mit der eigenen Kindheit verbunden. Mit Lust und Leidenschaft hat das wenig zu tun. Es ist eine Überlebensstrategie. Und mit der Partnerschaft hat dies auch nichts zu tun, aber die Ehefrau ist natürlich sehr gekränkt.

Nun mag es für Sie entlastend sein, wenn Sie wissen, dass Sie bei einem narzisstischen Seitensprung bzw. der Angst vor Nähe nicht »schuld« sind. Die Problematik liegt eben nicht in der Ehe, sondern ist in der Persönlichkeit Ihres Mannes begründet. Doch wie gehen Sie dann vor? Was machen Sie beispielsweise, wenn Sie schon zwanzig Jahre verheiratet und bereits etwas älter sind? Eine 65-jährige Dame rief mich vor einem Jahr an und sagte mir, sie lebe mit einem Künstler zusammen. Sie habe nach 20 Ehejahren (!) erkannt, dass er gelegentlich fremdgehen würde. Sie war sehr wütend, sprach ihn darauf an, woraufhin er dann meinte, dies habe nichts mit ihr zu tun. Er brauche dies für sein Ego. Tatsächlich war es so, dass sie nie etwas in der Beziehung vermisste, sie hatte sich immer wohlgefühlt. Sie las mein Treue-Buch und beschloss, mit der Eifersucht umzugehen. Sie wollte die Ehe nicht aufs Spiel setzen. Und sie hat gute Chancen, dass ihr Mann doch noch treu wird. Ältere Männer entdecken oft die »senile Treue«, wie ich das manchmal spöttisch nenne. Wenn sie kränker werden, überlagert schließlich der Wunsch nach einer zuverlässigen Betreuung die Neigung zum Seitensprung. Dann wird die Frage immer wichtiger: Wer pflegt mich, wenn ich krank bin? Man wird ernsthafter, lässt sich mehr auf die Beziehung ein und entdeckt dann oft den Wert der Treue.

Er muss eine Therapie machen

Natürlich können Sie den Partner auch auffordern, eine Therapie zu machen. Wenn Sie mit einem verständnisvollen Mann zusammenleben, wird dieser vielleicht sogar zustimmen. Vielleicht spürt er selbst, dass seine Seitensprünge mehr eine Jagd, weniger ein Vergnügen sind. Vielleicht will er die Ehe wirklich nicht aufs Spiel setzen. Doch es ist immer schwierig, einen untreuen Mann zu einer Therapie zu drängen. Denn solche Veränderungen passieren oft erst dann, wenn Sie notfalls bereit sind, sich zu trennen. Erst dann bekommen Ihre Aussagen die notwendige Ernsthaftigkeit. So erlebte ich es bei einem Mann, der sich bei mir zur Therapie anmeldete, um seine Untreueneigung zu überwinden. Seine Frau habe ihm gesagt, entweder würde sie sich trennen oder sich umbringen, sie halte diesen Zustand nicht mehr aus. Jedenfalls nahm er diese Warnung ernst. Mir fiel auf, dass dieser Mann nur ein Lebensinteresse hatte: Frauen zu verführen. Kam eine hübsche Frau in den Raum, war er innerlich wie auf Sendung. Alle seelischen Programme liefen hoch, alle Antennen lieferten die notwendigen Informationen, um sein Ziel zu erreichen: sie zu verführen. Es gab kein anderes Lebensinteresse, das er genauso leidenschaftlich verfolgte. Die Ursachen für diese einseitige Entwicklung fand ich in der Kindheit. Der Vater war früh verstorben, die Mutter klammerte sich an den Sohn und erwartete immer viel von ihm. So vermischte sich bei ihm die Erfahrung einer engen Bindung mit der Angst vor Nähe. Die Frauen waren zwar immer ein Stabilisator für sein Selbstwertgefühl, gleichzeitig waren aber enge Bindungen für ihn eine Bedrohung. Er lernte daraufhin in der Therapie, sich genügend abzugrenzen und begann eigene Freundschaften. Der Mangel an eigenen Freundschaften ist vor allem bei Männern einer der Hauptgründe, warum sie so verhängnisvoll von Frauen abhängig sind. Und er engagierte sich mehr in seinem Beruf und machte die Erfahrung, dass er auch dort sehr leidenschaftlich sein konnte. In der Therapie lernte er über sein Leben, seine Kindheit nachzudenken, er war schließlich mehr bei sich, nicht mehr so außenorientiert – und wurde treu. Vor einiger Zeit meldete er sich wieder bei mir. Er sei sehr zufrieden mit sich und dem Leben, es sei schön, treu zu sein. Seine Jagd nach Liebe hätte fast die Ehe zerstört und sei regelrecht zwanghaft gewesen.

Der Seitensprung als Partnerschaftskrise

Doch natürlich kann ein Seitensprung immer auch ein Zeichen für ein gravierendes Partnerschaftsproblem sein. Dann liegen massive Defizite in der Beziehung vor, die man zunehmend durch eine emotional-erotische Bindung zu anderen Frauen/Männern ausgleichen möchte. Nun gibt es natürlich in jeder Beziehung gewisse Defizite, nie bekommt man alles, und Goethe hat deshalb einmal gemeint, man müsse mehrere Partner wählen dürfen. Das klingt nach Lustmaximierung und ist irgendwie sehr verständlich. Aber im täglichen Leben führt dies zu starken Konflikten und Verletzungen. Wenn wir ernsthaft und bindungsstark leben, werden wir tiefe Freundschaften eingehen, in denen wir andere Menschen intensiv erleben. Aber die Erotik werden wir nur in der Partnerschaft ausleben, da sonst gravierende Eifersuchtsgefühle entstehen. Zu Recht will der Eifersüchtige dann verhindern, dass der Partner mehr Liebesenergie in eine andere Beziehung investiert. Und er wird verstärkt auf eine Klärung der Partnerschaft drängen. Oft entscheiden sich dann die Partner tatsächlich zu einer Paartherapie.

Doch bevor ich dann mit einer Therapie beginne, prüfe ich immer, ob eine Beziehung noch genug innere Substanz hat. Ob noch genügend Liebesglut und genügende Nähe vorhanden sind. Es gibt dafür drei Kriterien:

  • besteht ein gemeinsames Schwingen, lacht man noch miteinander?
  • geben sich die Partner noch Mühe, um sich in den anderen hineinzuversetzen? Kann man noch miteinander reden? Ist jeder am Wohlergehen des anderen interessiert oder gibt es nur Machtkämpfe?
  • gibt es noch positive Erinnerungen? Wenn man sich trennen will, färbt man alle Erinnerungen an den Beginn negativ ein (Die Beziehung war immer ein Reinfall, die gesamte Partnerschaft eine Fehlentscheidung)

Wichtig ist natürlich auch, dass es noch Zärtlichkeiten gibt. Der erotische Kontakt mag abgebrochen sein, aber wenn es überhaupt keine Berührungen mehr gibt, ist der Entfremdungsprozess schon sehr weit fortgeschritten.

Eine Klärung der Partnerschaftskrise setzt dann natürlich voraus, dass der sogenannte Fremdgeher an der Beziehung noch interessiert ist. Und eine Klärung ist nach meiner Überzeugung nur möglich, wenn der Fremdgeher sein Verhältnis zumindest für die Zeit der Klärung aufgibt. Er mag telefonieren, den Kontakt halten, aber die Treffen und vor allem die Sexualität sollten unterbleiben. Das ist für ihn nicht leicht, denn er weiß nicht, ob eine solche Klärung erfolgreich ist. Und es kann gut sein, dass sich die Geliebte nach der Klärungsphase trennt, weil sie begriffen hat, dass sie nicht die wichtigste Frau in seinem Leben ist. Aber auch die »Betrogene« muss überlegen, ob sie wirklich an einer Klärung mitwirken will. Sie darf nicht zu gekränkt sein, denn sie muss ertragen, dass sich der Partner in einer Krise von ihr abwendete. Dies wird im Allgemeinen nur dann gelingen, wenn sie begreift, dass sie an dem Seitensprung beteiligt ist.

Oft hat sie sich selbst zurückgezogen, hat Entwicklungen versäumt, gewissermaßen war sie auch »schuld« an der Entfremdung in der Beziehung. Allerdings geht es mir nicht um moralische Kategorien. Schuld bedeutet vielmehr, dass ich an der Krise beteiligt bin. durch mein Handeln habe ich zu dem Ereignis beigetragen – würden Wissenschaftler sagen.

Dies wurde mir besonders deutlich, als mir eine Architektin sagte: »Ich bin selbst ein wenig Schuld, ich habe meinen Partner vor einem halben Jahr regelrecht zusammengefaltet. Das hat schon meine Mutter so gemacht, es galt immer das Motto: was raus muss, muss raus. Also habe ich ihm gesagt, was mich schon in den letzten zehn Jahren gestört hat. Mein Partner war sehr unselbständig, ich fühlte mich zunehmend wie seine Betreuerin, die Ordnung in sein Leben bringt. Es lagen überall Rechnungen von ihm rum, es war ein unbeschreibliches Chaos. Und dann wollte er noch bei mir einziehen. Da reichte es mir, ich brüllte ihn an und machte ihm deutlich, dass er ein Versager ist.«

Er zog sich daraufhin zurück und ging fremd. Obgleich sie sehr gekränkt war, warb sie um ihn. Es tat ihr alles sehr leid, sie sprachen wieder miteinander, näherten sich an. Und er begann, sich wieder stärker um das eigene Leben zu kümmern. Die Architektin war erleichtert, sie hatte begriffen, dass sie viel zu spät reagiert hatte. »Ich hätte wahrscheinlich früher etwas sagen sollen. Mir fehlt die notwendige Konsequenz. Freundinnen sagten mir immer: trenne dich. Aber ich liebe diesen Kerl, ich mag ihn wirklich. Wir müssen nur schauen, dass er selbstständiger wird und ich muss lernen, dass ich mich dafür nicht verantwortlich fühle.«

Die Verständigungsarbeit

Es berührt mich immer wieder, wenn eine solche Verständigungsarbeit gelingt, wenn beide begreifen, wie sie die Krise überwinden können. Doch leicht ist dies nicht. Zunächst müssen sich ja beide erarbeiten, warum der Faden der Nähe abgerissen ist. Meist ist dies ein schleichender Prozess, man streitet sich, zieht sich zurück, ist zunehmend genervt vom anderen, bis schließlich eine so starke Entfremdung besteht, dass ein Partner fremdgeht. Der Seitensprung ist also meist das Symptom einer Partnerschaftskrise. Beide Partner dürfen sich deshalb nicht nur damit beschäftigen, über den Seitensprung zu reden. Sie müssen vielmehr überlegen: Wann haben wir uns auseinandergelebt? Meist gibt es bestimmte Momente, bei denen die innere Trennung begann. Die Aussage eines Ehemanns soll dies verdeutlichen: »Du wurdest immer zurückhaltender. Wenn ich mit dir reden wollte, hast du noch gelesen, wenn ich dich berührte, warst du müde, wenn ich dir geholfen habe, hast du das nicht mehr zur Kenntnis genommen. Ich zog mich dann immer mehr zurück und ging in die innere Emigration«, sagte ein 50-jähriger Bauleiter. Er legte immer mehr Distanz ein, weil er die Partnerschaftskrise nicht lösen konnte. Seine Frau beklagte, er würde häufig zu spät nach Hause kommen, sich zu wenig um die Kinder und den Haushalt kümmern. Doch diese Klagen führten eher dazu, dass er noch mehr arbeitete. Er ließ sich nicht gern drängen und zog sich zurück. Seine Frau versuchte schließlich noch mit ihm zu reden, sie wollte seinen Rückzug aufhalten, war sich allerdings kaum darüber im Klaren, dass sie dazu selbst mehr Näheangebote machen musste. So begann eine Partnerschaftskrise, bei der beide davon überzeugt waren, dass sie im Recht waren. Und nachdem der Ehemann fremdging, hatte die Ehefrau die moralische Überlegenheit.

Es ist sehr schwierig, eine solche Krise zu überwinden. Man muss ja nicht nur Ursachenforschung betreiben und die Gründe dafür aufarbeiten. Denn dies gelingt anfänglich kaum. Jeder bringt seine Argumente vor, geht kaum auf den anderen ein, so dass sich beide blockieren. Zunächst muss also eine Bereitschaft zum Zuhören, zum Aufeinander-Zugehen entstehen. Jeder muss wieder stärker auf den anderen eingehen und seine Vorbehalte ein wenig zurückstellen. Es ist zwar wichtig, dass man über das Geschehene redet, aber noch wichtiger ist es, dass man den anderen begreift. Wir müssen mit viel Interesse lernen, ergebnisoffen zu reden. Schnelle Erfolge bringt dies nicht, aber es führt dazu, dass man sich füreinander interessiert.

Der Bauleiter machte also seiner Frau deutlich: »Du warst so bedrängend – ohne wirklich liebevoll zu sein, du hast mir keine Luft mehr gelassen, ich habe schon gespürt, dass du etwas wolltest … aber ich konnte nicht. Wenn du freundlich gewesen wärst und ein wenig Abstand hergestellt hättest, ich wäre gekommen. Aber so konnte ich nicht. Das ging mir schon als Kind so, wenn meine Mutter drängelte. Ich brachte dann bewusst den Mülleimer nicht runter. Als wäre ich trotzig, aber ich wollte nicht, dass ich nur ein Spielball von ihr bin.«

Seine Frau war bei diesen Aussagen zunächst angespannt-ambivalent. Aber sie spürte doch seine Bemühung, sie ahnte, dass er auch ihre Bedürfnisse ernst nehmen wollte und erklärte nun selbst: »Mein Vater war nie da, fast nie. Jedenfalls nachdem ich 5 Jahre alt war. Damals hatte er begonnen, ein Haus zu bauen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ihm dieses Haus wichtiger war als ich. Und bei dir ging es mir dann ähnlich. Ich kann dann nicht mehr freundlich sein.«

Eine solche Verständigungsarbeit gelingt, wenn sich beide bemühen, die innere Seelenmechanik des anderen zu begreifen. Wenn sie die Vorwürfe überwinden und sich wieder füreinander öffnen. Dann können beide wieder zusammenwachsen.

Sie sind sicher erstaunt, dass ich bisher noch nichts zur unmittelbaren Bewältigung des Seitensprungs gesagt habe. Natürlich ist die »Betrogene« immer daran interessiert, vor allem darüber zu reden. Das ist verständlich, denn sie ist ja nicht nur massiv gekränkt worden. Hier liegt eine tatsächliche Bedrohung der Ehe vor. Insofern will sie natürlich erfahren, warum er fremdgegangen ist. Oft will sie auch wissen: Wann hat es begonnen? Wie ist sie? Was hat sie, was ich nicht habe? Diese Fragen sind berechtigt und verständlich. Und die Ehefrau muss natürlich das Gefühl bekommen, dass sich ihr Mann wieder ernsthaft um sie bemüht. Sonst hat die Therapie keine Chance. Doch in dieser Phase der Behandlung muss er sich nicht für sie entscheiden. Das kann er auch nicht, solange die Probleme nicht geklärt sind. Und ich bin von einer Tatsache überzeugt: Die meisten Seitensprünge haben interne Ursachen. Wenn man diese klärt, entfällt die Grundlage für den Seitensprung. Das ist ähnlich wie mit einem feuchten Haus. Wenn man vorübergehend in ein Hotel zieht, mag das nicht zukunftsweisend sein. Besser wäre vielleicht, dass man das Haus saniert. Dass man wieder gern in dem Haus wohnt. Kurzum: dass man wieder gern mit dem Partner zusammen ist. Und genau dies ist der Sinn einer Paarberatung.

Sich entschuldigen können

Wenn die Beziehung Bestand haben soll, muss sich der Seitenspringer auch entschuldigen können. Denn er hat Schuld in dem Sinne auf sich geladen, dass er dem Partner geschadet hat. Er hat dessen Selbstwertgefühl beschädigt. Hier ist eine Ent-Schuldigung angebracht. Doch diese setzt voraus, dass er sich vorher anhört, was dieser Seitensprung im Partner angerichtet hat. Dies muss er aushalten. Eine Patientin sagte ihrem Mann:

»Das stimmt ja, dass wir uns auseinandergelebt haben. Und es stimmt, dass wir wenig miteinander geschlafen haben. Aber dass du dann mit diesem jungen Ding etwas angefangen hast, die ich auch kannte – das fand ich frech. Das hat mich umgehauen, weil ich mich so auf dich verlassen habe. Und das kannte ich ja schon immer im Leben: dass man andere vorzieht. Meine kleine Schwester war irgendwann Vaters Liebling. Und nun du, das hat mich wahnsinnig gekränkt.« Natürlich hat der Seitenspringer immer Gründe für sein Verhältnis. Und ich bin grundsätzlich der Meinung, dass tatsächlich beide an dem Scheitern einer Beziehung beteiligt sind. Dennoch unterstütze ich es, dass sich der »Fremdgeher« entschuldigt, weil dadurch eine moralische Kränkung ein wenig geheilt wird. Und dies erleichtert die Aufarbeitung der Krise.

Wie Vertrauen wieder wächst

Wenn eine solche Paarberatung gelingt, wächst allmählich wieder Vertrauen. Aber wirklich hergestellt ist es auch nach Monaten noch nicht. Dann kann es wichtig sein, dass vertrauensbildende Maßnahmen erfolgen. Ein Ehemann bot beispielsweise seiner Frau an, sie könne sein Handy, den Computer und auch seinen Kalender kontrollieren. Sie lehnte dies jedoch ab: »Er kann mich doch auch so betrügen. Das sind doch alles keine Beweise. Und vor allem: er muss sich um mich bemühen. Ich will nicht, dass er den kleinen Jungen spielt … Natürlich ist mir diese Entscheidung schwer gefallen. Ich hätte ja durchaus eine gewisse Macht gehabt. Und man ist ja auch neugierig. Jetzt sind einige Jahre vergangen, so ganz ist das Vertrauen noch immer nicht da. Es ist vielleicht wieder zu 98 Prozent vorhanden. Aber die 100 Prozent, die es vorher gab, sind durch den Seitensprung einfach weg. Es gab einen Riss in der Beziehung.«

Oft wird jedoch der »Fremdgeher« fast jahrelang seiner Ehefrau erklären, wo er war, warum er später kam, was er tagsüber gemacht hat. Er muss einen tiefen Einblick in seinen Tagesablauf geben, damit seine Frau wieder Sicherheit verspürt. Denn die Heimlichkeit des Seitensprungs hat gerade das Gefühl der Verlässlichkeit zerstört. Allerdings ist es wichtig, dass nun kein lückenloser Nachweis aller Aktivitäten erfolgt, sonst kann der Partner keinen Schritt mehr allein machen.

Der seelische Schadensersatz

Man kann sich überlegen, ob nicht der »Fremdgeher« einen seelischen Schadensersatz leistet. Diese Überlegung mag zunächst verwundern. Der bzw. die Betrogene sind doch meist an der Untreue-Situatuion beteiligt. Und wir sind es im täglichen Leben nicht mehr gewohnt, dass wir vom Verzeihen sprechen. Aber wir müssen uns eines vor Augen führen. Ein Seitensprung ist immer eine schwere Kränkung des Partners. Es ist eine seelische Ohrfeige, vor allem dann, wenn wir ihn monatelang betrogen haben. Das schädigt dessen Selbstachtung, die ja immer auch darauf beruht, dass ich für einen anderen Menschen einzigartig bin. Deshalb ist jedes: »wir machen weiter« so verhängnisvoll. Natürlich darf die Betrogene ihm den Seitensprung nicht fortwährend vorhalten. Aber es wäre doch wünschenswert, wenn die Betrogene spürt: Er meint es wirklich ernst, es tut ihm leid, er sieht mich wirklich. Ich will Ihnen deshalb einige Beispiele schildern, die in den letzten Jahren erfolgreich dazu geführt haben, dass ein Paar wieder zusammenwuchs.

Beispiel 1: Sie hatte sich immer wieder von ihm gewünscht, dass sie gemeinsam einen Tanzkurs machen würden. Er hatte dies abgelehnt – besser gesagt: er wich dem aus. Aber sie begründete dies sehr genau: Sie wolle, dass es Körperkontakt nicht nur im Bett gebe, sondern eine lustvolle, lebendige Umarmung, ein sich spüren auch in der Freizeit. Und sie versprach ihm, seine Ungeschicklichkeiten nicht zu kommentieren, sondern humorvoll zu »ertragen«. Nun stimmte er zu und sie meldeten sich zu einem Tanzkurs an.

Beispiel 2: Sie hatte ihren 50. Geburtstag: Er sammelte viele Fotos, sprach mit alten Klassenkameradinnen, vielen Freundinnen, er drehte einen kleinen Film über ihr Leben, lud all jene Menschen zu einem Fest ein, die bisher ihr Leben begleitetet hatten … und hielt eine Rede, in der er deutlich machte, was an ihr besonders war … Und sie spürte bei dieser Gelegenheit, dass er sich wirklich um sie bemühte, dass es ihm ernst war.

Beispiel 3: Sie war Kunsthistorikerin und hatte sich immer gewünscht, mit ihm eine Reise nach Rom, Florenz und Athen zu unternehmen. Doch er hatte eine leichte Flugangst und sein Interesse galt mehr der Technik. Aber er wollte einmal ihre Welt mit ihren Augen sehen, er wollte sich die Kunst von ihr erklären lassen. Für sie war dies ein deutliches Zeichen, dass er sie ernst nahm.

Kinder, Heiraten, Schmuck

Es gibt jedoch immer wieder Liebesbeweise, denen ich skeptisch gegenüber stehe. Da wird nach einem Seitensprung plötzlich geheiratet, obwohl dieser Schritt vieles eher zukleistert und keine wirkliche Auseinandersetzung stattfindet. Oder noch schlimmer: man beschließt Kinder zu bekommen. An sich ist dies natürlich eine wundervolle Idee. Es ist ein gemeinsames »Projekt«, das eine Beziehung stabilisieren kann. Wir wissen zwar, dass Kinder zunächst oft eine Belastung für eine Partnerschaft sind. Deshalb müssen zwei Menschen ein gutes Team sein, nur dann bewältigen sie auch das Projekt Kindererziehung. So werden Kinder langfristig zu einem guten Bindungsfaktor. Aber es ist meist keine gute Idee, dass man Kinder bekommt, um die Risse der Ehe damit zu kitten. Und das gilt für alle langfristigen Projekte: Da werden Häuser gebaut als Zeichen der Ernsthaftigkeit. Und natürlich ist es auch immer sehr beliebt, Schmuck zu schenken. Vielleicht wären Liebesbriefe manchmal besser.

Eifersucht als Motor

Und es ist verhängnisvoll, wenn die Eifersucht zu schnell erlischt, sobald das Fremdflirten oder die Untreuesituation beendet sind. In meinem engeren Bekanntenkreis erlebte ich in den letzten Jahren eine typische Entwicklung. Eine sehr lebendige, lebenshungrige Frau war mit einem netten, eher gehemmten Mann zusammen, der sehr versorgend war. Er war ein netter Kerl, sah gut aus, aber er hatte sich nie vom eigenen Elternhaus freigeschwommen. Er war in jeder Hinsicht »anständig« – zuvorkommend, die Erotik war nie überschäumend, die Sexualität sei eher zäh gewesen. Nach etlichen Ehejahren ging daraufhin die Frau fremd, sie hatte nie Schuldgefühle dabei, obgleich sie aus einem sehr konservativen Elternhaus stammt. Sie hatte nie das Gefühl, ihrem Mann etwas wegzunehmen. Als er den nicht zu übersehenden Seitensprung seiner Frau nach einem Jahr (!) registrierte, stellte er sie zur Rede. Sie beendete daraufhin den Seitensprung, ihr Mann wurde im Bett ein wenig aktiver. Er spürte, dass sie unzufrieden war. Aber nach wenigen Monaten schlief die Sexualität wieder ein, wurde mehr oder minder zur »Pflichtveranstaltung«. Und diese lebenshungrige Frau ärgerte sich, dass sie ihren Seitensprung geopfert hatte.

Die offene Ehe

Es gibt natürlich auch Paare, die sich darauf verständigt haben, eine offene Ehe zu führen. Sie leben nach dem Motto »Polyamorie«, man liebt mehrere Partner gleichzeitig. Einen Blumenstrauß der Liebe nennen das die Betroffenen. Auf diese Weise hat man dann keine Heimlichkeit, alles passiert offen, es gibt keinen Betrug. Und die Vertreter der Polyamorie betonen, dies sei die wirkliche Liebe, weil es keinen Besitzanspruch gäbe. Doch unproblematisch sind solche Arrangements nicht. Dies wurde mir auch deutlich, als ich kürzlich bei einer Talkshow die sehr attraktive Holländerin Ageeth Veenemans traf, die ein Buch über ihre Beziehung mit zwei Männern geschrieben hat. Sie ist eine der Expertinnen für Polyamorie, was sie mit dem Schlagwort »lieben ohne Grenzen« übersetzt. Doch konfliktfrei sind solche Beziehungen nie. Immer ist ein Partner der innere Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens, die anderen sind eher beiläufige Begleiter und das gesamte Arrangement der Liebe ändert sich ständig. Eifersucht ist bei einer solchen Übereinkunft deshalb an der Tagesordnung.

Es geht immer um Nähe und Distanz

Und eines sollten wir immer wissen, es geht bei einem solchen Arrangement nie in erster Linie um Sexualität. Vielmehr steht der Wunsch nach einer intensiven Bindung, gleichzeitig aber nach viel Freiheit im Mittelpunkt unserer Bedürfnisse. Aber dies erkennen wir oft erst, wenn wir die Lebensumstände genauer kennen und dann sehen wir zum Beispiel, dass hinter dem Liebespakt von Sartre und Beauvoir der Wunsch nach intensiver Bindung bei gleichzeitiger Freiheit stand. Sartre war immer ein sehr unsicherer Mensch, der auf eine feste Bindung mit einer selbstbewussten Frau angewiesen war. Aber gleichzeitig suchte er Autonomie, er ahnte, dass er bei Simone de Beauvoir immer in einer Unterlegenheitsrolle sein würde, dass er zu abhängig sein würde. Und so traf er ein Arrangement, er hatte eine Lebenspartnerschaft mit Simone de Beauvoir, gleichzeitig ging er aber mit anderen Frauen ins Bett. Und dies beunruhigte die scheinbar unerschütterliche Simone, die unter unsäglichen Eifersuchtsgefühlen litt. Und so lernen wir: Das Arrangement einer freien Ehe geht meist von Männern aus, während die beziehungsvolleren Frauen zustimmen. Dies Arrangement lässt sich nur praktizieren, wenn beide ihre Gefühle des Vertrauens und der zuweilen vertrauensvollen Anhänglichkeit extrem verringern. Ein Elektriker würde sagen: Man dimmt die Gefühle runter. Und im Operationssaal würde man dies als eine Anästhesierung der Gefühle bezeichnen. Man verliert also viel, wenn man versucht, das Konzept der Treue aufzugeben.