Zwei Dinge sollen
Kinder
von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel.«
Kindheit und Eifersucht
Die Überwindung der massiven Eifersucht ist nur möglich, wenn wir stärker und selbstbewusster werden. Und wir müssen zu uns selbst finden. Gewissermaßen müssen wir zum Mittelpunkt unseres eigenen Lebens werden. Und das geht nur, wenn wir uns selbst besser kennenlernen, in unsere Kindheit eintauchen und unsere Vergangenheit erforschen. Denn hier liegen die Ursprünge für unsere massive Eifersucht und unser schwankendes Selbstwertgefühl. Können Sie sich noch an jene Kindheitserlebnisse erinnern, die so verunsichernd waren? Oder haben Sie diese vergessen, sich daran gewöhnt wie ein Küstenbewohner an Ebbe und Flut. Oft wird dann vieles für uns normal, was doch verunsichernd war und jetzt zur Tragik der Eifersucht beiträgt. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns eine neue Orientierung erarbeiten. Lassen Sie uns also gemeinsam überlegen: Wie müsste eine Erziehung aussehen, damit später ein Erwachsener nur in einem gesunden Maß eifersüchtig ist.
Eine gute Kindheit
Damit wir als Erwachsene wenig eifersüchtig sind, müssen wir vor allem ein großes seelisches Urvertrauen erworben haben. Dazu sind tausende positive Bindungserfahrungen in der Kindheit notwendig, in denen wir erleben, dass wir erwünscht sind, dass man sich um uns kümmert, sich sorgt. Wir müssen immer wieder die Erfahrung machen: Meine Eltern sind für mich da, wenn ich sie brauche, sie gehen auf meine Bedürfnisse ein. Viele von uns haben dies nicht in ausreichender Weise erlebt. Gerade deshalb fasziniert es mich immer wieder, wenn ich heutzutage jungen Müttern und Vätern zuschaue. Sie versuchen mehr auf die Kinder einzugehen, als dies noch meinen Eltern möglich war. Wenn ihre Kinder mit ihnen reden, wenn sie zum ersten Mal die Türklinke runter drücken, die Treppe hoch gehen, wenn sie singen, ein neues Wort sprechen können – immer haben fast alle Eltern jenes Leuchten, jene Freude in den Augen, die das Kind bestätigt. Denn für diese Eltern sind Kinder das Wichtigste auf der Welt. Ständig besteht ein innerer Draht zum Kind, selbst nachts werden Eltern wach, wenn irgendetwas nicht stimmt. Diese verlässliche Zuwendung führt im Kind zu einem inneren, seelischen Fundament, und allmählich entsteht dann auch sein Selbstbewusstsein.
Das Ich entsteht aus dem Du
So wie eine Pflanze Licht, Nährstoffe und Wasser benötigt um zu wachsen, brauchen Kinder Liebe, gute Vorbilder und vor allem: sehr viel Anerkennung. Denn man kann die Entwicklung von Kindern auf eine kurze Formel bringen: Das Ich entsteht aus dem Du. Ein Mensch mit einem starken Ich, der wenig eifersüchtig ist, hat lange Zeit ein liebendes »Du« gehabt, hat sehr viel Zuwendung bekommen. Es ist in ihm ein festes inneres Fundament entstanden, so dass er innerlich unabhängig wurde. Dies hat der Soziologe David Riesmann einmal als den innengeleiteten Typ beschrieben. Dieser lebt so, als hätte er einen inneren Kompass in sich und ist daher nicht ständig auf die Anerkennung seiner Mitmenschen angewiesen. Solch eine innere Unabhängigkeit hat Sigmund Freud immer sehr bewundert. Er meinte, dass solche Menschen wie ein Wissenschaftler vorgehen. Auch wenn bei einem Versuch ein Reagenzglas springt, wenn Qualm entsteht, suchen sie eine Erklärung und forschen weiter. Sie haben jene Nähe zu sich selbst, dass sie sich von den Schwierigkeiten der Welt nicht zu sehr irritieren lassen.
Die notwendige Ablösung
Wenn Kinder dann genügend Anerkennung getankt haben, können sie sich zunehmend vom Elternhaus ablösen. Denn eine geglückte Kindheit ist letztlich immer ein Ablösungsprozess. Zwar sind wir in den ersten Lebensmonaten vollständig von der Zuwendung der Eltern abhängig. Aber dann beginnt zunehmend im Kind der Wunsch nach Selbständigkeit. Doch haben Sie eine solche Kindheit erlebt, in der Sie sich gemocht und geliebt fühlten? Das ist selten uneingeschränkt der Fall. Die meisten Eltern hatten selbst eine schwierige Kindheit, konnten nicht richtig lieben, waren eher bedürftig oder überfordert. Sie erreichten die Kinder emotional nicht, diese blieben seelisch unterkühlt. Und dies ist meist nicht nur einer zu kargen Mutter anzulasten. Oft höre ich in der Therapie das Lebensschicksal eifersüchtiger Menschen, die einen extrem schwierigen Vater hatten. Vor allem Frauen erzählen mir, dass sie ihren Vater durchaus mochten, ihn sogar idealisierten. Aber auf die ersten Regungen der Selbständigkeit habe er mit großer Wut reagiert. »Ich hatte vor meinem Vater immer Angst. Ich habe die Liebe später wie ein Minenfeld angesehen. Ich dachte immer: ich muss mich vorsehen, sonst ist es vorbei. Die Liebe hatte etwas ganz Irrationales. Sie war manchmal wie eine Seifenblase, eine kleine Belastung, ein Luftzug des Lebens und alles war vorbei. Und so war ich natürlich immer eifersüchtig«, bekennt eine Lehrerin, die immer wieder sehr eifersüchtig ist, weil sie ihrem Partner nicht vertrauen kann.
Alkoholkranke Eltern
Als besonders unbeständig erleben Kinder die Beziehung zu ihren Eltern, wenn diese ein Alkoholproblem haben. 3 Prozent der Bevölkerung haben ein massives Alkoholproblem, zehn Prozent ein riskantes Trinkverhalten. In 2/3 aller Fälle handelt es sich hierbei um alkoholabhängige Väter. Diese können oft durchaus nett sein, aber die Beziehung zu ihnen ist meist sehr brüchig. Eine Patientin erinnert sich: »Mein Vater konnte durchaus lieb sein, aber wenn er getrunken hatte, wurde er übergriffig. Ich ekelte mich davor, wenn er mich anfasste. Und am nächsten Morgen war er dann wieder normal, aber dieser Alkohol stand zwischen uns. Ich konnte mich nie auf ihn verlassen. Und so geht es mir heutzutage auch mit Männern. Ich glaube nie daran, dass sie zuverlässig sind. Sobald ich sie irgendwie nicht verstehe, werde ich eifersüchtig.«
Die Vertreibung aus dem Paradies
Das Gefühl der Unzuverlässigkeit ist die Kernproblematik der Eifersucht. Der Eifersüchtige hat immer das Gefühl, dass im nächsten Moment das Glück des Lebens vorbei sein könnte. Besonders deutlich wurde mir dies bei einem 50-jährigen Patienten, der bei seiner Großmutter aufwuchs und im Alter von 5 1/2 Jahren zu den Eltern kam, weil er zur Schule gehen musste. »Es war wie die Vertreibung aus dem Paradies. Meine Großmutter mochte ich sehr, plötzlich war für mich die Kindheit vorbei. Immer hatte ich ein Gefühl der Sehnsucht und vor allem: Ich glaubte nie an die Verlässlichkeit der Liebe und war untergründig immer eifersüchtig.«
Und dieses Erlebnis einer brüchigen Welt haben Kinder auch dann, wenn sich plötzlich die Eltern trennen oder ein Elternteil krank wird oder stirbt. Immer bricht die Zuwendung – zumindest eines Elternteils – ab, die Kinder müssen sich an den Verlust der Zuwendung gewöhnen. Sie müssen frühzeitig erwachsen werden, sich manchmal um die Eltern kümmern. Wir nennen diesen Vorgang die Notautonomie, bei dem sich ein Kind scheinbar an den Mangelzustand gewöhnt, innerlich aber sehr verunsichert ist und bedürftig bleibt.
Die Notautonomie
Eine wirkliche Gewöhnung an einen Mangelzustand findet bei solchen Kindern natürlich nicht statt. So reagieren bereits kleine Kinder mit deutlichen Eifersuchtsgefühlen, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. Forscher stellten jedenfalls fest, dass schon kleine Babys unruhig wurden und protestierten, wenn ihre Mutter eine lebensechte Puppe streichelte. Bei einem Buch war ihr Protest wesentlich geringer. Offensichtlich handelt es sich bei der Eifersucht um eine sehr grundlegende menschliche Reaktion. Schließlich sind wir auf die menschliche Zuwendung, auf Bindung und Sicherheit existenziell angewiesen. Stellen Sie sich einmal vor, auf die wichtigsten Beziehungspersonen Ihres Lebens wäre kein Verlass? Diese würden sich plötzlich – von einem Tag zum anderen – trennen, weil sie einen anderen Menschen gefunden haben. »Ich habe eine bessere Partie gemacht«, würde man vom anderen hören. Glücklicherweise erleben wir eine solche geringe Bindung sehr selten. Doch genau diese Unzuverlässigkeit in der Zuwendung der Eltern erleben Kinder oft in den ersten Lebensjahren. Und die Tragik besteht darin, dass Kinder noch nicht in der Lage sind, sich dann die Zuwendung woanders zu holen. Sie sind von der emotionalen Versorgung der Eltern abhängig. Und wenn diese nicht ausreicht, entstehen jene Kindheitsdramen, die später der Nährboden für starke Eifersuchtsgefühle sind.
Das stille Drama
Glücklicherweise halten sich unsere Eifersuchtsgefühle halbwegs in Grenzen, wenn wir in den ersten Lebensjahren eine stabile Zuwendung bekommen haben. Auch wenn diese verlorengeht, verfügen wir zumindest über erste Erfahrungen einer guten Beziehung. Doch viel schwieriger ist, wenn im Elternhaus für die Kinder nie ein seelischer Raum vorhanden ist. Das ist vor allem dann der Fall, wenn dem Beruf der Eltern alles untergeordnet werden muss. So erleben die Kinder von Militärs oder Diplomaten oft, dass der Beruf des Vaters das Wichtigste ist. Sie müssen alle paar Jahre umziehen, wenn der Vater versetzt wird. Freundschaften gehen solche Kinder irgendwann nicht mehr ein, weil sie alle Bindungen als vergänglich betrachten.
Aber noch schwieriger ist es, wenn die Eltern nie wirklich Zeit haben, weil sie einen kleinen Laden betreiben und unter Geldsorgen leiden. Die Eltern von Kafka hatten einen solchen Laden, und er hasste die abendlichen Gespräche, wenn es immer wieder um das Thema Geld ging. Aber selbst wenn keine finanziellen Sorgen bestehen – in einer Gastwirtschaft, einem Familienhotel oder einer Bäckerei laufen die Kinder quasi immer nebenher. Entweder muss der Vater noch bis spät in die Nacht hinein arbeiten oder er muss ganz früh beginnen. Ein geregeltes Familienleben ist jedenfalls auf diese Weise kaum möglich und oft haben die Kinder vor allem dann Kontakt mit den Eltern, wenn sie mitarbeiten. Zuwendung muss man sich verdienen – lernen diese Kinder. Ein tiefes Vertrauen in die Liebe entsteht so nicht. Und so ist bei diesen Kindern später immer eine Neigung zur Eifersucht vorhanden.
Die Geschwistereifersucht
Wer zu wenig geliebt wurde, weil die Eltern wenig Zeit hatten, resigniert irgendwann. Man kennt es nicht anders, die stille Vernachlässigung bestimmt schließlich das ganze Leben. Doch neben diesen stillen Dramen gibt es heftige Tragödien, wenn ein Kind zwar zunächst geliebt wurde, dann aber die Zuwendung verlor. Und die Verzweiflung dieser Kinder müssen wir nachempfinden, wenn wir die Eifersucht begreifen wollen. Denn die heftige Eifersucht ist immer ein Ausdruck jener Verzweiflung, die wir als Kinder empfanden. Es ist das panikartige Gefühl, dass man nicht mehr geliebt wird, dass man nun einsam ist wie Sterntaler in dem bekannten Märchen. Und der häufigste Auslöser für diese massive Eifersucht ist die Geburt eines Geschwisters.
Die Entthronung
Es ist schon schwierig damit umzugehen, dass sich die Eltern trennen oder dass ein Elternteil krank ist. Doch ungleich schwieriger ist der Umgang mit einem neuen Geschwister. Denn bei der Geschwistereifersucht erleben wir täglich, dass uns ein Bruder oder eine Schwester vorgezogen wird. Hier entstehen dramatische Gefühle, die fast mörderisch sein können. Die Geschwistereifersucht ist daher die Ursituation der Eifersucht. Wir müssen uns das nur vorstellen: Jahrelang hatten wir die Zuwendung der Eltern für uns allein, standen im Mittelpunkt, konnten zärtlich mit ihnen sein, hatten in ihnen zuverlässige Gesprächspartner. Und dies änderte sich dann buchstäblich über Nacht. Ein Neugeborenes raubt uns diese Vorzugsposition, entthront uns, steht nun im Mittelpunkt. Dagegen lässt sich nichts tun. Und wenn man dann als Kind quengelt, bekam man früher oft zu hören, man solle vernünftig sein. Während sonst alle Bedürfnisse erfüllt wurden, war man plötzlich der Störenfried. Selbst als man wieder einnässte oder stotterte, bekam man die früher gewohnte Zuwendung nicht. Stattdessen musste man mit ansehen, wie das Neugeborene unendlich verwöhnt und verzärtelt wurde. Jedes seiner Äußerungen wurde registriert und bewundert. Besonders dramatisch war dies früher natürlich, wenn ein Mädchen einen Bruder bekam. Oft wurde dieser als Stammhalter der Familie besonders begrüßt, ihm wurde eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Das Mädchen stand fortan am Rande. Und oft gibt es auch einen Kampf der Brüder um die Gunst des Vaters. Hier entstehen Gefühle, die leicht von Wut und Hass getränkt sind.
Liebt man seine Kinder gleich stark?
Selbst wenn die Eltern das Erstgeborene geschickt auf das neue Geschwister vorbereiten, sind Eifersuchtsgefühle kaum zu vermeiden. In ihrer Autobiographie schreibt Simone de Beauvoir, dass sie zwar nicht eifersüchtig gewesen sei, als sie im Alter von 2 1/2 Jahren eine Schwester bekam. Trotzdem stand ihr eines Abends fast das Herz still, als sie hörte: »… mit gemessener, kaum von Neugier bewegter Stimme stellte Mama meinem Vater die Frage: »Welche von beiden ist dir die liebere?« Ich erwartete, Papa werde meinen Namen aussprechen, aber einen Augenblick lang, der mich ewig dünkte, zögerte er: »Simone ist die Überlegenere, aber Poupette ist so anschmiegsam …« Sie wogen weiter das Für und Wieder ab, und … schließlich einigten sie sich darauf, dass sie die eine von uns genau wie die andere liebten; das entsprach zwar ganz und gar dem, was man in den Büchern liest: Eltern haben alle ihre Kinder gleich lieb. Dennoch empfand ich etwas wie Groll.«11 Sie war ja die Ältere und erwartete, dass sie von ihren Eltern mehr geschätzt werden würde.
Zu Recht war Simone de Beauvoir nicht davon überzeugt, dass die Eltern ihre Kinder auf gleiche Weise lieben. Es bilden sich doch immer Sympathiestrukturen heraus. Immer wird ein Kind etwas bevorzugt, ein Kind etwas mehr gemocht. Wichtiger als der Versuch der Gleichbehandlung ist es deshalb, jedem Kind individuell das Gefühl der echten Zuneigung zu geben, damit es ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln kann. Früher ging man davon aus, dass die Liebesansprüche des Kindes unmäßig sind. Das glaube ich nicht. Ein Kind will jedoch nicht im Schatten eines Nachfolgers stehen, es will so viel Aufmerksamkeit und Liebe bekommen, dass es das Gefühl einer eigenständigen, festen Bindung bekommt.
Entthronung ist die stärkste Kränkung
Doch trotz aller Bemühungen gibt es in vielen Familien regelrechte Eifersuchtsdramen. Ich habe sie selbst in der Kindheit erlebt. Ich war der Zweitgeborene und meine Schwester reagierte sehr unruhig darauf, dass nun noch ein Bruder auf die Welt kam. »Nehmt ihn wieder mit, wir brauchen ihn nicht«, soll sie gerufen haben, als ich aus dem Krankenhaus nach Hause kam. Und wir stritten später einmal sehr heftig darüber, wer auf einem Karussell schneller führe. Ich saß auf der Feuerwehr, hatte das Blaulicht angeschaltet, meine Schwester fuhr auf dem Motorrad. Und die dumme Pute behauptete doch tatsächlich, dass sie mich in der rechten Kurve überholte. Dabei blinkte doch mein Blaulicht, und eine Feuerwehr überholt bekanntlich alle.
Diese Eifersucht zwischen meiner Schwester und mir hielt nicht sehr lange an, weil dann noch eine Schwester geboren wurde. Denn am stärksten ist diese Eifersuchtsproblematik, wenn es nur zwei Kinder in der Familie gibt. Dann ist oft das älteste Kind buchstäblich stinksauer auf das Nachgeborene, das plötzlich alle Zuwendung und Anerkennung bekommt. Wenn ein drittes Kind auf die Welt kommt, ist dies für den Ältesten immer eine Genugtuung. Er kann sich dann sagen: Ätsch, jetzt geht es dem zweiten Geschwister so wie mir, auch er ist entthront worden. Diese Genugtuung heilt ein wenig die ursprüngliche Kränkung. Deshalb sind älteste Kinder, die nur ein Geschwister haben, am stärksten krisengefährdet. Jedenfalls erzählten mir Kollegen, dass älteste Kinder mit einem Geschwister am häufigsten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu finden seien.
Mit diesem Entthronungs-Erlebnis hat sich vor allem Alfred Adler beschäftigt. Er stellte fest, dass insbesondere die entthronten Ältesten später unter Eifersucht leiden und über eine konservative Lebenseinstellung verfügen. Sie würden die Vergangenheit bewundern, in der sie noch die ungeteilte Zuwendung bekamen. Deshalb gehen sie lebenslänglich davon aus, dass Veränderungen immer eine Bedrohung ihrer emotionalen Versorgung sein können. Und diese Angst vor einem Verlust der Liebe ist das Grunderlebnis des Eifersüchtigen. Als würde ein Fluch über dem eigenen Leben liegen, gegen den man nichts ausrichten kann.
Eifersucht auf die Eltern
Es ist sehr verständlich, dass Kinder auf die Geburt der Geschwister eifersüchtig reagieren. Doch warum sind dann Einzelkinder oft sehr eifersüchtig? Auch sie müssen Angst haben, dass ihre Vorzugsstellung bedroht ist. Ein guter Freund schilderte, seine Zieh-Tochter habe immer ihre Mutter gefragt: »Wen würdest du retten … mich oder Paul? Wenn du nur einen retten kannst … für wen würdest du dich entscheiden?« Sehr misstrauisch registrierte dieses Mädchen, dass sich die Mutter verliebte. Sie konnte den neuen Partner der Mutter nicht vorbehaltlos akzeptieren und neugierig sein. Denn Kinder sind vor allem dann eifersüchtig, wenn sie vorher zugleich verunsichert waren und zu sehr im Mittelpunkt standen. Und Kinder tun dann alles, um diese Vorzugsstellung wieder zu bekommen. So vertraute Tanja Tolstoi – die Lieblingstochter des russischen Schriftstellers – ihrem Tagebuch an: »Ich werde ganz eifersüchtig, wenn ich sehe, wie nett und aufmerksam Papa zu Mascha ist … Ich fühle mich einsam und ungeliebt, mir kam sogar der Gedanke, nach draußen zu gehen und mir eine Erkältung zu holen, nur damit ich mich auch an Papas Zärtlichkeit erfreuen könnte.«12
Wir müssen raus in die Welt
Nun liegt bei einem eifersüchtigen Kind immer eine innere Verzweiflung vor, die wir ernst nehmen müssen. Sonst würde ein Kind nicht dermaßen stark auf die elterliche Zuwendung ausgerichtet sein. Denn letztlich ist es unser Lebensschicksal, dass wir hinaus müssen in die Welt, dass wir uns aus der warmen Elternwelt lösen. Es ist daher keineswegs normal, wenn ein Junge wirklich seine Mutter, ein Mädchen ihren Vater heiraten will. Natürlich idealisieren Kinder ihre Eltern, es kann durchaus eine sehr innige Nähe entstehen. Und mitunter wollen vor allem Mädchen später einen Mann suchen, der ihrem Vater ähnelt. Aber wenn ein Junge eine große erotische Zuneigung zu seiner Mutter empfindet, ist dies immer ein Zeichen einer zu großen emotionalen Abhängigkeit. So war dies auch bei dem Schriftsteller Stendhal, der wie unter einer Glasglocke aufwuchs, denn sein Vater hatte immer Angst, dass er bei der Berührung mit dem gemeinen Volk verdorben werden könnte. Und so fühlte sich der kleine Henry vor allem zur verwöhnenden Mutter hingezogen und wünschte sich den Vater fort. Seine Mutter fand ihren Mann psychisch abstoßend und ging eine innige Beziehung zum Sohn ein. Für diesen war sie eine anmutige, schöne, begehrenswerte Frau und er bekennt: »Ich wollte meine Mutter mit Küssen bedecken und wünschte, dass es keine Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und küsste mich oft, ich erwiderte ihre Küsse mit solcher Glut, dass sie oft hinausgehen musste. Ich verabscheute meinen Vater, wenn er unsre Liebkosungen unterbrach. Ich wollte sie stets auf die Brust küssen.«13
Doch die Mutter starb, als Henry sieben Jahr alt war. Und das Liebesleben von Stendhal war später davon geprägt, dass er sich in unerreichbare Frauen verliebte und sehr eifersüchtig war. Man hat dies mitunter so erklärt, dass er das Unglück als Stachel für sein Schriftstellerleben brauchte. Doch in Wirklichkeit sind seine Eifersucht und seine unglückliche Liebeswahl das Ergebnis einer symbiotischen Mutterbindung. Indem er sich in unerreichbare Frauen verliebte, schützte er sich vor einer zu symbiotischen Beziehung und wiederholte zugleich die Muttererfahrung, wo auch die Liebe gewisse Grenzen hatte.
Die eifersüchtigen Eltern
Doch wenn die Familienverhältnisse emotional zu eng sind, sind nicht nur die Kinder eifersüchtig. Oft sind auch die Eltern eifersüchtig auf die neuen Partner der Kinder. Sie kennen sicher auch Väter, die extrem eifersüchtig sind auf die Liebhaber der Tochter. Mitunter kann man dies auch verstehen. Nachdem sich der Vater lange so intensiv um seine Tochter gekümmert hat, glaubt er nicht, dass ein anderer dieser Rolle gerecht werden kann. Aber gerade dann ist die Ablösung aus dem Elternhaus so wichtig und zugleich so konflikthaft.
Den neuen Partner verhindern
Doch nicht nur Eltern müssen es lernen loszulassen. Auch Kinder müssen lernen, dass Eltern ihr eigenes Leben führen. Sonst kann es durchaus passieren, dass ein eifersüchtiges Kind eine neue Partnerschaft der Mutter verhindert. Es hat sich so daran gewöhnt, der Partner des alleinstehenden Elternteils zu sein, dass es jeden Versuch zu einer neuen Beziehung mit heftigen Eifersuchtsgefühlen torpediert. Wie stark diese Eifersuchtsgefühle sein können, schildert Elias Canetti in seiner Autobiographie »Die gerettete Zunge«. Als Kind hatte Canetti eine sehr enge Beziehung zu seiner jungen, verwitweten Mutter, und diesen Zustand verteidigte er mit allen Mitteln. Er drohte seiner Mutter, sich vom Balkon zu stürzen, und warf alle Geschenke weg, die ihm einer ihrer Verehrer mitbrachte. Über die Besuche dieses Mannes schreibt er: »Ich wusste nicht, was zwischen Mann und Frau geschieht, doch wachte ich darüber, dass nichts geschähe. … Am schlimmsten war es, wenn er lange nichts sagte, dann wusste ich, dass sie ihm etwas Längeres erzählte, und nahm an, sie sprächen über mich. Dann wünschte ich, dass der Balkon einstürzte und er unten auf dem Pflaster liegen bleibe. Es fiel mir nicht ein, … dass sie ja mit ihm abgestürzt wäre … Damals setzte die Eifersucht ein, die mich mein ganzes Leben lang gequält hat.«14
Die bedürftigen Eltern
Doch warum klammern Kinder so stark, warum sind sie dermaßen eifersüchtig? Fast immer liegt die Antwort darin, dass die Eltern selbst geklammert haben, das Kind nicht loslassen konnten. So war es auch bei dem Schriftsteller Canetti. Seine Mutter war nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes dem Selbstmord nahe gewesen, Elias schlief daher nachts bei ihr und hielt sie teilweise fest, damit sie nicht aus dem Fenster springen konnte. Eine sehr enge Bindung ergibt sich, Elias fühlt sich für seine Mutter verantwortlich. Er wird zum Partner, die Beziehung wird immer symbiotischer, und als Elias dann elf Jahre alt ist, will er die erneute Heirat der Mutter verhindern und droht nun seinerseits mit Selbstmord.
Die zu engen Familienverhältnisse
Solche Eifersuchtsprobleme hat es vor allem in den Familien nach dem zweiten Weltkrieg häufig gegeben. Oft waren die Kinder schon völlig daran gewöhnt, die Mutter allein besitzen zu können. Sie empfanden deshalb den rückkehrenden Vater als Eindringling. Oder sie verhinderten jede neue Liebesbeziehung der verwitweten Mutter, indem sie sich immer dann unmöglich aufführten, wenn ein neuer Bewerber auftauchte. Eifersüchtig reagierte natürlich auch der Vater, wenn sich die Mutter nach den vielen Jahren des Alleinlebens stärker den Kindern zugewandt hatte. Er fühlte sich dann in der Ehe wie ein Außenseiter. Und dies ist natürlich heutzutage in vielen Patchworkfamilien der Fall. Ein neuer Partner muss dann die Tatsache bewältigen, dass er oft von den Kindern abgelehnt wird. »Du bist nicht mein Vater« – ist eine typische Aussage. Nicht selten führt dies zu ernsthaften Konflikten, die zum Scheitern der Beziehung führen.
Der Ablösungsprozess
Wenn Kinder sehr eifersüchtig sind, besteht immer ein dramatischer Teufelskreis. Das Kind fühlt sich zu kurz gekommen, kann sich nicht werbend verhalten und schafft es auch nicht, sich stärker die Zuwendung außerhalb der Familie zu holen. Zwar haben entthronte Kinder oft eine besondere Beziehung zu den Großeltern, aber sie schaffen es trotzdem nicht, das Eifersuchtsdrama aufzusprengen. Sie sind so enttäuscht, wütend und fühlen sich zu kurz gekommen, dass sie sich nicht ablösen und die Zuwendung in Freundschaften suchen können. Und dies bleibt dann oft lebenslänglich die Tragik des Eifersüchtigen. Er hat oft das Gefühl, dass er in einer Beziehung zu wenig bekommt und bleibt auf diesen Mangelzustand fixiert. Insofern ist eine geglückte Entwicklung immer davon geprägt, dass es einen Wunsch nach Nähe, gleichzeitig aber auch nach Unabhängigkeit, nach neuen Beziehungen gibt.
Wichtig ist dies Schwingen zwischen Nähe und Freiheitswünschen vor allem in der Pubertät, weil so der Jugendliche seine eigene Identität entwickeln kann. Identität bedeutet: ich weiß, wer ich bin. Und dies ist wichtig, bevor wir eine Partnerschaft beginnen. Man muss zunächst wissen, wer man ist, man muss eine starke Persönlichkeit entwickeln, bevor man sich auf das Abenteuer der Liebe einlässt. Denn tatsächlich ist die Liebe ein Abenteuer. In jeder Partnerschaft gibt es ständig emotionale Schwankungen. Heute ist der Partner zurückhaltend, morgen will er mich unbedingt küssen und übermorgen zieht er sich dann wieder zurück. Wer will das verstehen? Und vor allem: Wie soll man geschickt damit umgehen? Die Eifersucht ist dann doch fast vorprogrammiert, wenn man feststellt, dass er inzwischen freundlicher zu seiner Sekretärin ist als zu mir? Eifersucht liegt also in vielen Situationen nahe, doch wie interpretiert man ein solches Alarmsignal? Um ein solches Signal richtig zu deuten und dann noch geschickt zu reagieren, braucht man einen festen Boden unter den Füßen. Man braucht einen gewissen Abstand, eine innere Unabhängigkeit, um mit Eifersucht selbstbewusst umgehen zu können. Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Man kann nur wirklich lieben, wenn man auf den anderen verzichten kann. Sonst bekommt man so starke Panikgefühle, dass man in schwierigen Situationen unter massiven Eifersuchtsgefühlen leidet und ungeschickt reagiert. Deshalb ist es so wichtig, dass wir im Leben einmal auf eigenen Beinen gestanden haben. Es ist wichtig, dass wir einmal erlebt haben: Wir kommen allein klar. Auch ohne Partner, ohne Partnerin. Wir haben die Kraft, die Fähigkeit, auch allein zu überleben.
Verwöhnung: die sanfte Gewalt
Nun ist es nicht leicht, notfalls allein zu leben. Ein Roman von Marlen Haushofer – der kürzlich verfilmt wurde – zeigt eindrucksvoll, wie eine Frau im Wald überlebt, nachdem sie durch eine gläserne Wand von dem nahen Dorf getrennt wurde. Und wir lernen diese Fähigkeit des Alleinlebens nur, wenn die Eltern achtungsvoll auf unsere Autonomiewünsche eingehen. Beobachten Sie einmal kleine Kinder. Vor wenigen Minuten wollten diese noch kuscheln, wollten spüren, dass die Eltern immer für sie da sind. Doch dann reißen sie sich los, wollen allein laufen. Wenn die Eltern dies tolerieren, bekommt das Kind die Erlaubnis, sich abzunabeln und trotzdem immer wieder geliebt zu werden. So entsteht eine starke Selbstständigkeit. Doch bei Eifersüchtigen wurde diese meist behindert. Es gibt dann oft Familiengebote mit der Kernaussage: »Wir müssen immer zusammenhalten.« Man musste sich also immer helfen, jede Eigenständigkeit wurde als Egoismus angesehen. Das behindert dann nicht nur die Entfaltung der Selbstständigkeit, so entstehen auch falsche Ansprüche, falsche Liebesmuster. Schließlich messen wir den Partner an unseren Erwartungen, die in der Familie entstanden sind und werden zwangsläufig enttäuscht. Und noch mehr enttäuscht werden wir, wenn wir in der Kindheit verwöhnt wurden. Es klingt ja immer so schön, wenn Kindern jeder Wunsch erfüllt, jede Schwierigkeit abgenommen wurde. Ist das nicht wie im Schlaraffenland? Doch in Wirklichkeit wird so mit sanftem Druck ein Kind unselbständig gemacht und im Elternhaus festgehalten. Und auch hier entwickelt es Ansprüche, die immer wieder enttäuscht werden. Ansprüche haben im Gegensatz zu Bedürfnissen ein Merkmal: Wir reagieren gereizt, wenn diese nicht in Erfüllung gehen. Wir wissen, dass Wünsche nicht immer erfüllt werden. Doch bei Ansprüchen glauben wir, dass wir sie mit Recht stellen können. Wir werden dann unruhig, sind gekränkt und reagieren eher bedrängend. Es ist also wichtig, dass wir sehr selbständig sind, damit wir auf die Schwierigkeiten einer Partnerschaft geschickt reagieren können.
Probleme in der Liebe gibt es immer
Schwierigkeiten gibt es in jeder Partnerschaft – davon bin ich überzeugt! Auch in »guten« Partnerschaften gibt es Probleme, und es ist wichtig, dass man nicht zu irritiert ist, wenn es einmal schwierig wird. Wir sollten deshalb nicht nur die Fähigkeit besitzen, um den Partner zu werben und Nähe herzustellen. Die Überwindung der Eifersucht besteht immer auch darin, dass wir eigenständiger werden. Wir müssen dazu auch in der Lage sein, vorübergehend allein klarzukommen, um eine Krise zu überstehen. Dies bedeutet manchmal sogar, dass man keine panische Angst vor einer möglichen Trennung haben sollte. Denn in jeder massiven Krise gibt es beiderseitige Trennungsgefühle, die man aushalten muss. Eine Patientin sagte mir kürzlich: »Es war die große Entdeckung für mich, dass ich fühlte: Auch nach einer Trennung geht das Leben weiter. Diese Erkenntnis war ein Quantensprung für mich. Die Liebe, ein Partner war für mich immer wichtig. Aber nun wusste ich: Ich kann eine Trennung überstehen.« Um die Eigenständigkeit der Partner zu fördern, mache ich meinen Patienten deshalb einen Vorschlag: Sie sollen einen Abend in der Woche allein verbringen. Jedenfalls ohne Partner. Und man sollte einmal im Monat auch einen Abend ganz allein für sich verbringen. Es ist die Kunst der Selbstbegegnung. Man läuft ja doch oft vor sich selbst davon, ist immer aktiv, man ist »außer sich«. Manche Menschen gehen dann beispielsweise immer wieder ins Kloster. Der Sinn solcher Rückzugsorte besteht darin, dass wir zu uns kommen, und das kann die Tendenz zur Eifersucht reduzieren. Wir kommen uns nahe, verankern uns mehr in uns selbst, wenn wir gelernt haben, in einen inneren Dialog zu treten.
Allein in der Fremde
Ich empfehle meinen Patienten, dass sie außerdem noch zwei Mal im Jahr etwas ganz allein unternehmen und lernen, sich »durchzuschlagen«. Sie sollen dann nur etwas zu trinken und zu essen mitnehmen und zu einer längeren Wanderung aufbrechen. Dann machen sie die Erfahrung, dass sie auch auf sich selbst gestellt das Leben bewältigen können. Das war ja auch der Sinn der »Walz«, auf die früher Handwerker geschickt wurden. Sie mussten nach Abschluss ihrer Lehrzeit neue Lebenserfahrungen machen, fremde Orte und Regionen kennenlernen. Dem Heimatort durften sie sich nur auf 50 km nähern. Erst nach dieser Wanderschaft und daran anschließend einer mehrjährigen Arbeitszeit (den Mutjahren) durfte man sich zum Meisterstück anmelden und sich niederlassen. Erst dann durfte man in manchen Zünften heiraten.