Ein bisschen Eifersucht ist das Salz in der Suppe.
Aber man kann bekanntlich eine Suppe auch versalzen.

Alberto Sordi

Die mittlere Eifersucht

Bei dieser Eifersucht ist das Gefühl der Besorgnis ständig vorhanden. Es wird bereits bei kleinen Situationen ausgelöst:

  • Jede Einladung wird zu einem großen Problem, wenn sie mit einem anderen tanzt …
  • Der Partner darf nie seinen Blick schweifen lassen, weil dies bereits so interpretiert wird, als wäre etwas passiert.

Und nun beginnt oft eine »Kaffeesatzleserei«, alles wird in Richtung Seitensprung interpretiert: Bringt er Blumen mit, hat er ein schlechtes Gewissen. Bringt er keine mit, ist seine Liebe erkaltet. Kurzum: man macht sich verrückt.

Diese mittlere Eifersucht kennt fast jeder. Selbst viele prominente Menschen litten unter diesem Dämon. Der 17-jährige Goethe war rasend eifersüchtig, nachdem er sich in Leipzig in Kätchen Schönkopf verliebte. Auch Theodor Fontane wurde von heftigen Eifersuchtsgefühlen geplagt. Wegen finanzieller Schwierigkeiten konnte er erst fünf Jahre nach seiner Verlobung heiraten und schrieb über diese Wartezeit: er habe den »Höllensoff brennender, verzweifelnder Eifersucht gekostet«. Und sogar Sigmund Freud war in seiner Verlobungszeit so eifersüchtig, dass er an Martha schrieb: »… wenn ich die Macht besäße, die ganze Welt, uns einbegriffen, zu zertrümmern, um sie von neuem spielen zu lassen, auf die Gefahr hin, dass sie nicht wieder mich und Martha hervorbringt, ich täte es unbedenklich.«5

Die massive Unsicherheit

Doch was ist die Ursache dieser Eifersuchtsdramatik? Der Schriftsteller Balzac gibt in dem Roman »Der Ehekontrakt« einen wichtigen Hinweis. Dort führt er aus, Eifersucht sei Zweifel, Furcht und Schwäche. Tatsächlich lässt sich die Eifersucht nur verstehen, wenn wir sie als das Ergebnis großer Selbstzweifel verstehen. Das Selbstwertgefühl eines eifersüchtigen Menschen ist sehr gering. Mich erstaunt es immer wieder: Obgleich eifersüchtige Frauen oft attraktiv, gebildet und liebenswürdig sind, leiden sie unter großen Minderwertigkeitsgefühlen. Inzwischen wurde dieser Zusammenhang sogar wissenschaftlich bestätigt. Psychologen fanden bei einer Befragung von 6482 amerikanischen Männern und Frauen heraus, dass vor allem das niedrige Selbstwertgefühl zur Eifersucht beiträgt. Oft ist dies den Eifersüchtigen durchaus bewusst. Eine meiner Patientinnen berichtete: »Ich bin nur eifersüchtig, wenn ich mit mir unzufrieden bin. Dann vergleiche ich mich stärker und finde andere Frauen hübscher, intelligenter. Und netter. Und die mache ich dann schlecht. Und ich frage manchmal meinen Partner: Wie findest du die … Und wehe er sagt, er fände sie attraktiv. Dann denke ich sofort: Er findet sie attraktiver als mich. Ich frage mich an solchen Tagen immer, warum er bei mir bleibt.«

Die drei großen Zweifel

Nun ahnen wir, dass die Selbstzweifel eifersüchtiger Menschen sehr übertrieben sind. Doch wer unter der ständigen Eifersucht leidet, kennt sehr konkrete Gründe, warum er sich infrage stellt. Er kann sich vor allem in drei Bereichen kaum akzeptieren:

  • der Bildung
  • dem Aussehen
  • der Ausstrahlung

Das heutige Wissen ist so umfangreich, dass sich jeder zu Recht als dumm empfinden kann. Meist haben wir doch nur kleine Wissens-Inseln im Ozean des Nicht-Wissens. Mit dieser Tatsache gehen selbstbewusste Menschen durchaus selbstverständlich um. Sie stellen Fragen, wo sie etwas nicht verstanden haben und müssen nicht etwas darstellen, was sie nicht sind. Doch viele Menschen schämen sich unendlich dafür, dass man sie für dumm halten könnte. Ihnen wurde meist schon in der Kindheit vermittelt, dass sie keinen Grund haben, auf sich stolz zu sein. Wobei ich eines immer als sehr tragisch empfinde: Das Gefühl der eigenen Dummheit regt uns nicht dazu an, neugierig durch die Welt zu gehen und viel lernen zu wollen. Vielmehr werden wir ungern mit den eigenen Wissenslücken konfrontiert, die man als Lernender unaufhörlich spürt.

Noch heutzutage ist das eigene Aussehen für Frauen wichtiger als für Männer. Männer sind häufig selbstbewusst, auch wenn sie einen Bauch haben und kaum noch Haare besitzen. Sartre, der junge Frauen für sich begeistern konnte, war keineswegs schön. Er war klein, hatte eine furchtbare Aussprache und sehr hervorstehende Augen. Doch für Frauen spielt die eigene Schönheit oft eine große Rolle. Nun bin ich allerdings davon überzeugt, dass man nicht schön sein muss, um geliebt zu werden. Die leidenschaftliche Rosa Luxemburg wurde sehr umschwärmt, obgleich sie unter einem erheblichen Hüftschaden litt. Es kommt nach meiner Erfahrung in der Liebe mehr auf die Ausstrahlung, weniger auf das Aussehen an. Doch eifersüchtige Menschen empfinden sich eher als unansehnlich. Ich bin oft erschrocken, dass auch sehr hübsche Frauen nur ihre Fehler sehen. Sie haben ein fast makelloses Gesicht, aber sie monieren ihre beginnende Orangenhaut. Sie registrieren genau, dass hier ein Fältchen größer wird, dort ein weiteres entsteht, beobachten aufmerksam ihren Alterungsprozess. Es mangelt ihnen an Großzügigkeit.

Die übertriebenen Perfektionsvorstellungen

Und nun wird es dramatisch, denn sowohl unsere Meinung über unser Aussehen als auch über unsere Intelligenz beeinflusst massiv unser Auftreten in der Öffentlichkeit. Meist sind wir unsicher, haben aber zugleich eine sehr genaue Vorstellung, wie wir gern auftreten würden. Einer meiner Patienten verglich sich früher immer mit James Bond. Er wollte so souverän auf Frauen zugehen, so cool und männlich. Aber in Wirklichkeit fing er immer an zu stottern, wenn er auf Frauen zuging. Er war ein netter Kerl, die Frauen mochten ihn, aber sicher wurde er erst, wenn er in einer festen Beziehung lebte.

Meist haben wir also Perfektionsvorstellungen, mit denen wir uns entwerten. Das ist tragisch. Auch wenn wir fleißig und hilfsbereit und erfolgreich sind, sehen wir immer nur das Negative. Und das ist der Boden, auf dem die Eifersucht gedeiht.

Die negative Selbstbewertung eifersüchtiger Menschen ist meist dermaßen massiv, sie ist so automatisiert, dass es nicht ausreicht, sie kräftig zu loben. Sie müssen selbst beginnen, sich konstruktiver zu bewerten. Deshalb gebe ich oft eifersüchtigen Patienten eine Aufgabe: Sie sollten eine Rede auf sich selbst zu ihrem – noch in weiter Ferne liegenden – »80-jährigen Geburtstag« schreiben. Sie sollten sich also vorstellen, dass sie auf ihr Leben zurückblicken und dann zum Ergebnis kommen: Es war nicht einfach, es war oft sogar ziemlich schwierig, manches habe ich nicht erreicht. Aber trotzdem ist das Ergebnis überwältigend. Trotz schlechter Bedingungen habe ich viel aus meinem Leben gemacht.

Sicher würde es Ihnen sehr schwer fallen, eine solche Rede zu schreiben. Auch meine Patienten zögern zunächst und »liefern« mir eine solche Rede meist erst nach mehreren Wochen ab. Doch eine solche positive Selbsteinschätzung des Lebens ist extrem wichtig, damit wir jene Selbstverkleinerung überwinden, an die wir uns gewöhnt haben. Allerdings reicht manchmal eine solche Neubewertung des Lebens nicht aus. Zu leise ist die positive innere Stimme, man spürt die eigenen Vorzüge nicht, kann sie nicht richtig bewerten. Dann ist es oft wichtig, dass man zunächst den Partner und gute Freunde bittet, dass sie uns die drei positiven Eigenschaften beschreiben. Ich habe diesen Vorschlag bereits bei der Darstellung der leichten Eifersucht gemacht und will diesen Gedanken noch vertiefen. Seit vielen Jahren mache ich die Erfahrung, dass dann oft anrührende Briefe kommen. Kleine Situationen werden ausführlich angesprochen. Persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten werden bildhaft gelobt. Doch wie würden Sie mit dieser geballten Anerkennung umgehen? Wären Sie nicht auch skeptisch? Schließlich ist diese Anerkennung eine »Auftragsarbeit«, so dass man sie leicht abwerten kann. Wichtig ist es daher, dass wir lernen gelobt zu werden. Ich hatte früher selbst die Angewohnheit, dass ich jedes Lob mit dem Hinweis erstickte, dass ich ziemliche Fehler aufweisen würde. Anschließend ärgerte ich mich oft, dass ich die seltenen Momente des Lobes dadurch beendet hatte. Deshalb habe ich mir inzwischen angewöhnt, dass ich mir jede Anerkennung ruhig anhöre und den Lobenden frage, ob er mir dies nicht noch ausführlicher erklären kann. Das könnte auch Ihnen helfen, dass Sie sich mit einem wohlwollenden, mitunter sogar humorvollen Blick sehen lernen.

Die Kritik in der Kindheit

Doch meist fällt es uns sehr schwer, uns positiv zu betrachten. Zu massiv wirken die Stimmen der Kindheit in uns fort. Das Selbstbewusstsein entsteht durch die Anerkennung, die Beachtung und Wertschätzung der Eltern. Wir müssen als Kinder zunächst sehr viel Lob bekommen, sehr viel Wertschätzung erfahren, damit wir später selbstbewusst sind. Wir müssen das Leuchten in den Augen der Eltern sehen, damit wir als Erwachsene über ein ausreichendes Selbstbewusstsein verfügen. Erinnern Sie sich noch an die eigene Kindheit? Eifersüchtige Menschen haben oft erlebt, dass sie kritisiert wurden, dass gute Leistungen selbstverständlich waren. Sicher kennen Sie das auch: Wenn Sie mit der Note »Zwei« nach Hause kamen, wurde vom Vater nur knapp kommentiert: warum war es nicht eine »Eins«? In solchen Kommentaren liegt eine tiefe Problematik: Es wird viel erwartet, gleichzeitig aber werden im Kind nicht jene emotionalen Fundamente gelegt, die solche Leistungen überhaupt möglich machen. So entsteht die Grundlage für eine ständige Selbstverachtung. Man fühlt, dass man nicht den eigenen Ansprüchen genügt und dies ist die Basis für die Entstehung der Eifersucht. »Ich habe das Gefühl, es gibt überall Frauen, die besser, schöner, attraktiver und erfolgreicher sind als ich. Warum sollte sich mein Partner mit mir abgeben? Er könnte sich doch eine andere suchen. Es ist eigentlich nur Zufall, dass er bei mir bleibt.« Das ist die typische Aussage einer eifersüchtigen Patientin, die in der Kindheit massiv kritisiert wurde.

Der mangelnde Lebensmut

Wer zu wenig Anerkennung bekommen hat, neigt immer zur Selbstunterschätzung. Das hat tragische Folgen. Denn es fehlt uns dann die Entschlossenheit, um eigene Lebensziele zu realisieren. Und wir sind überempfindlich gegenüber jeglicher Kritik. So sehen wir bei eifersüchtigen Menschen eine verhängnisvolle Entwicklung: Sie gehen aufgrund des geringen Selbstbewusstseins allen Prüfungen aus dem Weg. Dabei handelt es sich nicht nur um die klassischen Prüfungen. Vielmehr sind doch alle Lebensprojekte eine Prüfung, weil sie gelingen oder scheitern können. Das spüren eifersüchtige Menschen und weichen oft größeren Anstrengungen aus. Da sie viel von sich erwarten, gleichzeitig aber ungeduldig sind, sind schon kleine Projekte für sie mit der Botschaft verbunden: Du wirst scheitern.

Die Psychologin Tamara Dembo hat in ihrer Doktorarbeit die Grundlagen erfolgreicher Menschen erforscht. Sie hat erkannt, dass diese zunächst geringe Ansprüche an sich selbst stellen und viel trainieren und erst dann die Ansprüche höher schrauben. Doch eine solche geduldige Herangehensweise, die den eigenen Fähigkeiten entspricht, ist eifersüchtigen Menschen fremd. Auf sie trifft die Formel des Berliner Psychoanalytikers Schultz-Hencke zu, der gehemmte Mensch habe die Trias Bequemlichkeit, Riesenerwartungen und Empfindlichkeit. Das klingt bei ihm immer sehr moralisch, man spürt den strafenden Zeigefinger. Aber ist es deshalb so ganz falsch? Doch vielleicht müsste man eher sagen: Man hat nicht den Mut, wirklich das Leben zu gestalten. Man bleibt unter seinen Möglichkeiten, weil man immer schon perfekt sein will. Mit einer kurzen Falldarstellung will ich dies verdeutlichen: Eine eifersüchtige junge Frau hatte einen schwierigen Vater, der sie immer kritisierte. Er war Alkoholiker, die Eltern trennten sich, als sie zwei Jahre alt war. Die Mutter war scheinbar bestätigend, aber sie erwartete viel. Und so hatte die Patientin immer ein geringes Selbstbewusstsein. Sie schaffte noch das Abitur, aber das Studium brach sie ab, weil sie unter zu großen Prüfungsängsten litt. Schließlich fing sie in einem Unternehmen an, wo sie keine Ausbildung nachweisen musste und arbeitete sich hoch. Aber sie konnte nie einen Abschluss erreichen. Stets hatte sie Angst vor dem vermeintlich strengen Blick der anderen. Und so unsicher war sie auch bei Männern. Sie tat zwar viel für sie, wurde nicht gut behandelt und war trotzdem eifersüchtig. Wenn die Männer zwei Tage nicht mit ihr schliefen, hatte sie den Eindruck, dass man mit ihr unzufrieden sei. Sie war überzeugt, dass sich diese von ihr abwenden würden – dass sie eine bessere Frau gefunden hätten. Sie war massiv unzufrieden mit sich, denn sie spürte genau, dass sie aus ihrem Leben mehr machen könnte.

Ich fühle mich als Blender

Diese Problematik einer mangelnden Verwirklichung eigener Lebensmöglichkeiten fand ich bei allen Eifersüchtigen. Oft hatten sie durchaus große Pläne, wollten immer wieder etwas Besonderes schaffen. Doch schon in der Anfangsphase wurden sie extrem unruhig, hatten wenig Ausdauer, konnten mit Schwierigkeiten nicht umgehen. Eine Patientin erzählte mir: »Ich wollte immer viel erreichen, aber wie man das schafft, habe ich im Elternhaus nie mitbekommen. Beide Eltern waren immer sehr unzufrieden mit ihrem Leben. Ich hingegen sollte ihre Erwartungen erfüllen, aber ich hatte weder das Selbstbewusstsein, noch die Ausdauer, die Geduld. Ich kannte jene kleinen Schritte nicht, die doch notwendig sind, damit man Erfolg hat. Und so fühlte ich mich immer als Blenderin. Ich hatte bei jedem Mann das Gefühl: Wenn der mich genau kennenlernt, hinter meine Fassade schaut, ist es aus. Als wäre ich nur eine hübsche Verpackung, die viel verspricht und nichts hält.«

Es kommt also bei der Überwindung der Eifersucht nicht nur darauf an, dass man selbstbewusster wird. Man muss auch lernen, die eigenen Lebenspläne umzusetzen, damit das Selbstbewusstsein ein gutes Fundament bekommt. Erst dies selbst erworbene Selbstbewusstsein macht uns letztlich unabhängig vom Lob der Außenwelt. Es gibt uns das Gefühl: ich weiß was ich kann, ich weiß selbst wer ich bin. Wer nie seine Möglichkeiten entfaltet und seine heftigen Arbeitsstörungen überwindet, wird über diesen Stolz auf das eigene Leben nie verfügen. Deshalb ist es gerade für den Eifersüchtigen wichtig, dass er überlegt:

  • Was waren schon immer meine Jugendträume, meine Lebensziele?
  • Was will ich erreichen?
  • Was wären kleine Schritte, um meinen Zielen näher zu kommen? Was hindert mich daran?
  • Wo kann ich Unterstützung durch andere Menschen, durch eine Gruppe bekommen?
  • Wo könnte ich eine Ausbildung machen, so dass ich genügend Anleitungen erhalte?

Die rege Phantasie

Wir sollten als eifersüchtige Menschen lernen, unsere Aufmerksamkeit auf wichtige Entwicklungsziele zu lenken und uns nicht immer mit dem Partner zu beschäftigen. Ohnehin drehen wir uns zu sehr um den Partner und sind eifersüchtig – vor allem, wenn wir selbst das Interesse an der Beziehung verloren haben. »Man ist nie eifersüchtiger, als wenn man in der Liebe anfängt zu erkalten. Man traut dann der Geliebten nicht mehr, weil man dunkel fühlt, wie wenig einem selbst mehr zu trauen ist«. – meint der Dichter Grillparzer. Ist es also ein Zeichen erkaltender Liebe, wenn man selbst eifersüchtig ist? Jedenfalls wird dann jeder Blick misstrauisch kontrolliert, das Zuspätkommen registriert. So ging es einem eifersüchtigen Ehemann, der seine Frau anrufen wollte. Doch ihr Telefon war immer besetzt. Seine Frau telefonierte sonst nie so lange. Beunruhigt fuhr er nach Hause und stellte fest, dass seine Frau mit dem Kundendienst telefoniert hatte, weil die Waschmaschine kaputt war. Dieser Ehemann war selbst im vergangenen Jahr fremdgegangen und hatte seine Sekretärin verführt. Er war zwar der Ansicht, dass dies nichts zu bedeuten habe, aber er hatte selbst erlebt, wie schnell er einer Versuchung nachgegeben hatte – und übertrug dies nun auf seine Frau. Diese war über seine Unruhe sehr erstaunt.

Die Drehbücher im Kopf

Grundsätzlich ist die Phantasie eine wunderbare Fähigkeit. Wir können uns etwas vorstellen, das nicht existiert. Das ist vor allem dann besonders wichtig, wenn wir etwas Neues wagen wollen. Doch bereits bei der mittleren Eifersucht kommt es zu regelrecht zwanghaften Phantasien. Wir stellen uns oft vor, was passieren könnte. So entstehen ständig kleine Drehbücher im Kopf. Der Partner könnte sich doch von der blonden schönen Kollegin verführen lassen oder er fällt auf die Verführungskünste der Nachbarin herein. Dabei kennt die Eifersüchtige immer die vermeintlichen Vorlieben des Partners. Sie weiß ganz genau, in welchen Frauentyp er sich verlieben könnte, und so bekommt die Eifersucht ständig neue Nahrung. Die Sekretärin ruft manchmal mit einer liebenswürdigen Stimme an, die Nachbarin hat einen lustig-frechen Blick. Dies hat grundsätzlich nichts zu bedeuten, aber für die Phantasie des Eifersüchtigen sind dies bereits Beweise. Alfred Adler hat einmal gemeint, es gäbe bei vielen Problemen ein primitives Verarbeitungsschema. Das klingt nicht gerade verständnisvoll, ist aber dennoch richtig. Wer unter Eifersuchtsgefühlen leidet, sieht Kleinigkeiten meist richtig, aber er gibt ihnen eine zu große Bedeutung. Deshalb meinte Cervantes: »Ein Eifersüchtiger blickt stets durch eine Brille, die aus groß klein, aus Zwergen Riesen und aus Verdacht Wahrheit macht.«

Ich habe oft den Eindruck, dass man die Phantasie eifersüchtiger Menschen konstruktiver beschäftigen müsste. Das Lebensfundament ist zu schmal. Deshalb frage ich eifersüchtige Menschen immer:

  • Was beschäftigt Sie so stark, dass Sie von morgens bis abends daran denken?
  • Welche Lebensziele haben Sie?
  • Auf welche Lebensprojekte werden Sie am Ende Ihres Lebens stolz sein?

Welche unerfüllten Lebensziele haben Sie?

Meist höre ich dann, dass es solche Lebensziele nicht gibt. Man versucht den Alltag zu bewältigen, geht dem Beruf nach, kümmert sich um die Kinder. Und der Partner, die Partnerin spielt eine wichtige Rolle. Doch für unsere Kreativität, unsere Leidenschaft ist ein solcher Lebensentwurf zu schmal, er füllt uns nicht aus. Sie sollten also überlegen, welche unerfüllten Lebenswünsche Sie haben. Wollten Sie schon in der Jugend ein Buch schreiben, eine Fremdsprache erlernen, hatten Sie vor, einen neuen Schwimmstil zu erlernen? Wir alle schieben eine Fülle von unerledigten Lebensplänen vor uns her, und es ist wichtig, dass wir die Kraft der Phantasie etwas mehr auf die Realisierung dieser Pläne richten.

Wir haben nun gelernt, dass wir

  • selbstbewusster werden sollten,
  • uns mit unseren Unvollkommenheiten versöhnen sollten,
  • die Kritik unser Kindheit hinterfragen müssen,
  • und unsere Lebensenergie auf wichtige Ziele lenken sollten.

Doch ein elementarer Schritt zur Überwindung der Eifersucht fehlt noch. Wir müssen unabhängiger vom Partner werden und dazu müssen wir den eigenen Freundeskreis erheblich erweitern. Damit meine ich Freundschaften, in denen Sie wirklich offen über sich reden können, also auch über Ängste, Schwächen und peinliche Situationen. Bauen Sie sich solche Freundschaften auf, in denen Sie wirklich vertrauen können. Bei denen Sie wissen: diese Freunde werden mir helfen. Solche Freundschaften können ein Fels im Strudel des Lebens sein. Deshalb heißt es auch in einem Lied: »Wahre Freundschaft soll nicht wanken«. Und wenn Sie diese Freundschaften haben, werden Sie mitunter vielleicht sogar den Gedanken wagen: Wie könnte ich leben, wenn mich mein Partner verlässt? Für den Eifersüchtigen ist dies meist oft ein unerträglicher Gedanke. Aber ist es nicht vernünftig, wenn wir uns auch als »Einzelwesen« sehen und wissen, dass selbst nach einer Trennung das Leben weitergeht? Vielleicht haben Sie sich zu sehr an den Partner angepasst, weil Sie Angst davor hatten, verlassen zu werden. Eifersucht beruht meist auf einer zu geringen eigenen Selbstständigkeit und einer zu großen Distanz des Partners. Und hier beginnt ein Teufelskreis: Man sucht immer mehr die Nähe des Partners, die man immer weniger bekommt. Deshalb wäre es für die Partnerschaft, aber auch für ihre eigene Selbstachtung wichtig, dass Sie mindestens einmal in der Woche etwas allein unternehmen. Ich nenne dies die PFA-Methode. PFA – das ist der partnerschafts-freie Abend. Treffen Sie sich dann mit Freunden, gehen Sie allein ins Kino, lesen Sie ein Buch – unterbrechen Sie den Dauerkontakt zum Partner. Der Partner kann sehr wichtig sein, aber er sollte nicht die Grundlage unseres Lebens darstellen. Wir sollten auch allein leben können.

Wie bindet man den Partner

Nun sind Sie so selbstbewusst und unabhängig geworden, dass Sie einen nächsten Schritt wagen können: den Partner positiv an sich zu binden. Oft verhält man sich doch so, dass man den Partner von sich forttreibt. »Ich beschuldige meinen Partner, kontrolliere ihn, bin oft launenhaft, ich verhalte mich so, dass jeder vernünftige Mann gehen müsste«, meinte eine Patientin selbstkritisch. Und sie erklärte mir: »Ich kann dann nicht nett sein. Ich habe ja immer das Gefühl, dass er mich nicht liebt, dass er auf dem Sprung sein könnte. Am stärksten ist in mir dann ein Gefühl der Empörung, ich habe das Gefühl, dass ich aufpassen muss. Und dann kann ich nicht lieb sein.« Doch genau dies ist wichtig, wenn Sie selbstbewusster geworden sind. Dann wissen Sie, wie Sie ihren Partner werbend an sich binden können. Denn mit viel Aufmerksamkeit, viel Anerkennung und Erotik können Sie fast jeden Partner an sich »fesseln«. »Man muss einem Mann nur zuhören können und ihm sagen: du bist toll, woher weißt du das, ich könnte dir stundenlang zuhören. Männer muss man loben, gelegentlich mit ihnen schlafen, dann sind sie ganz pflegeleicht und lieben uns« – so die Aussage einer lebenserfahrenen Freundin.

Die Nachempfindlichkeit

Und wenn Sie so geschickt auf den Partner zugehen, können Sie auch auf dessen Werbungsverhalten eingehen. Es ist doch eine Tragik, dass der Eifersüchtige oft »rumzickt«, wenn der Partner auf ihn zugeht. Das liegt oft daran, dass der Eifersüchtige nichts vergessen und verzeihen kann. Er verfügt über eine große Nachempfindlichkeit. Sonst neigen wir im Leben dazu, kränkende Situationen allmählich zu vergessen. Doch dies gelingt dem Eifersüchtigen meist nicht. Man hat oft den Eindruck einer offenen Wunde, die immer wieder aufgerissen wird. Dies spürte ich am deutlichsten bei einer 60-jährigen Dame, die sehr eifersüchtig war. Sie wirkte sehr empfindlich, wie ein Mensch, der ein großes Unrecht nicht vergessen konnte. Also fragte ich sie, welcher Mann sie so verletzt hatte. Sie berichtete daraufhin, dass ihr Mann fremdgegangen sei und sie dann verlassen habe. Ich wollte natürlich wissen, wie lange dies her war, und erfuhr, dass die die Trennung vor 40 Jahren erfolgt sei. Sie erzählte mir, sie habe sich von diesem Schock nie mehr richtig erholt. Sie habe keinem Mann mehr richtig vertraut, sei auch in ihrer jetzigen Beziehung sehr eifersüchtig. Und Sie ahnen wahrscheinlich, dass diese Frau in ihrem Leben nie die Erfahrung einer rückhaltlosen Bejahung machen durfte. Sie war in einem Geschäfthaushalt aufgewachsen, wo natürlich die finanziellen Belange wichtiger waren als die einzige Tochter. Sie wuchs mit der grundlegenden Erfahrung auf, dass sie nie wirklich wichtig war.

Was der Partner tun kann

Vielleicht haben Sie nun ein wenig besser verstanden, warum eifersüchtige Menschen so unsicher sind, wie sie dies verstehen und überwinden können. Sicher ist klar geworden, dass man an seinem Selbstbewusstsein »arbeiten«, seine Entwicklungsziele kräftiger verfolgen und seine Freundschaften pflegen sollte, um vom Partner unabhängiger und zugleich zufriedener zu werden. Und man sollte sich dann so verhalten, dass der Partner emotional gebunden wird. Oft verhält sich der Eifersüchtige in seiner Verzweiflung so, dass er den Partner von sich wegtreibt. Doch auch der Partner kann etwas tun: Er muss versuchen die Eifersucht zu verstehen, was sicher manchmal nicht leicht ist. Und er sollte bemüht sein, genügend Nähe herzustellen. Denn ein distanzierter Partner ist oft der Nährboden für Eifersucht. Und vor allem: Er darf nicht flirten. Spielen Sie also nicht mit dem Feuer. Machen Sie anderen Menschen keine »schönen Augen«, schüren Sie nicht die Eifersucht. Das Flirten mag manchmal spannend sein, aber Sie zahlen dafür einen hohen Preis, weil die Eifersucht keine wirklichen Liebesgefühle auslöst.