Der Mantel der Liebe wärmt am besten,
wenn er mit ein bisschen Eifersucht gefüttert ist.

Aus Dänemark

Die fehlende Eifersucht

Ich wundere mich in der Therapie immer wieder, dass Ehemänner nicht mitbekommen, wenn ihre Frau fremdgeht. Warum merken sie nichts? Gibt es denn den perfekten Seitensprung, den wir nicht bemerken? Tatsächlich gibt es heutzutage viele Ratschläge, was man bei einem Seitensprung beachten sollte. Es wird vor allem geraten, dass man nichts ändert. Man sollte möglichst sogar weiter mit dem Ehemann schlafen, man sollte nicht extra abnehmen, sich keine neue Kleidung kaufen, selbst die äußere Stimmung sollte nicht außergewöhnlich sein. Diese Ratschläge wirken simpel, sind aber natürlich sehr schwierig zu verwirklichen. Man hat doch ein leichtes Funkeln in den Augen, wenn der Seitensprung mehr als ein erotisches Abenteuer ist. Und am liebsten würde man jedem erzählen, wie wundervoll das Leben ist. Aber wer einen Seitensprung begeht, muss schweigen. Und so spielt man ein Doppelspiel, viel besser, viel geschickter als jeder Schauspieler. Man erfindet Geschichten, ohne rot zu werden. Sie bringt dem Ehemann weiterhin seine Fußballzeitung, massiert ihm die Füße, lacht über seine Witze. Dadurch wird er regelrecht »eingelullt«, sein Misstrauen wird besänftigt, Eifersuchtsregungen werden unterlaufen.

Kriminalistische Fähigkeiten

Der »Seitenspringer« mag also sehr geschickt sein. Und doch bin ich der Meinung, dass es der Betrogene merken müsste. Der Faden der Nähe reißt immer mehr ab, sie ist innerlich längst an einem anderen Ort, an dem sie glücklich ist. Er müsste spüren, dass sie neben ihm liegt und an einen anderen denkt. Aber vielleicht bekommt er dies nicht mit, weil er sie noch nie richtig gespürt, ihr richtig nahe war. Vielleicht hat er aber auch das Interesse an der Beziehung verloren. Denn es ist fast unmöglich, auf Dauer wirklich unbemerkt einen Seitensprung zu begehen. Vor allem Frauen entwickeln fast kriminalistische Fähigkeiten, um ihren Mann zu überführen. Kontrollanrufe in der Firma, eine Videoüberwachung in der Wohnung, ein Keylogger nimmt alle Tastenanschläge der Tastatur auf. Eine geheime Videoüberwachung ist zwar nicht erlaubt, ein Keylogger ist natürlich illegal, aber Sie können solche Programme als Download in wenigen Sekunden installieren. Sie können so alle E-Mails von ihm lesen und haben auf Dauer sein Passwort. Dann können Sie seinen gesamten Emailverkehr kontrollieren. Doch ich möchte Sie zur Vorsicht mahnen. Wir wissen in einer Partnerschaft nie ganz, was der andere denkt. »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß«, lautet ein altes Sprichwort. Aber wenn Sie seine E-Mails lesen, bekommen Sie einen tiefen Einblick in sein Gefühlsleben, in seine Liebesschwüre, die möglicherweise einer anderen Frau gelten. Würden Sie das ertragen?

Wie überführt man einen Mann?

Ich habe eine Patientin in Behandlung, die unbedingt ihren Mann überführen wollte. Sie meldete sich im gleichen Internet-Portal an, flirtete virtuell mit ihm, verabredete sich im Cafe und übergab ihm dann die Schlüssel mit der Bemerkung: »Ich ziehe aus – leb wohl«. Aber meist haben wir es einfacher. Beispielsweise ist das Auto eine beliebte Fundgrube für Beweise. Sie können nachsehen, wie viele Kilometer er gefahren ist. Gibt es dafür stichhaltige Gründe? Und wenn Sie unsicher sind, gibt es heute kleine Peilsender, mit denen der Standort des Verdächtigen geortet wird. Noch einfacher ist es natürlich, wenn Sie gelegentlich die Wahlwiederholungstaste am Telefon bzw. seines Handys drücken oder dort anrufen. Wenn Sie mit einem Mann zusammen leben, gibt es sehr viele kleine Spuren, falls er einen Seitensprung begeht. Es gibt die Handyrechnung mit Einzelverbindungsnachweisen, es gibt Kontoauszüge und fast immer pflegen Seitenspringer ihrer Geliebten Geschenke zu machen. Und meist gibt es irgendwo eine Kamera mit verräterischen Fotos.

Die verräterischen Details

Nun werden Sie möglicherweise solche Aktionen für übertrieben halten. Oder Sie fragen sich: »Wie schlecht muss eine Beziehung sein, wie wenig Vertrauen muss vorhanden sein, wenn man zu solchen Maßnahmen greift?« Aber was wollen Sie tun, wenn Sie mit einem sehr attraktiven Partner zusammen leben und gern eine Familie gründen würden? Dann muss man keinen Treuetester beauftragen, der professionell eine Verführungssituation herstellt. Einfacher und oft effektiver ist die Ansammlung von Detailwissen. Er berichtet, in welchem Kinofilm er war und Sie fragen nach einer wichtigen Einzelheit. Oder er sagt, dass er mit Freunden Angeln war und Sie erkundigen sich nach dem Wetter. Wenn er solche Geschichten konstruiert hat, stoßen Sie immer irgendwann auf Ungereimtheiten. Niemand hält eine Lügengeschichte auf Dauer durch. Doch am wichtigsten ist natürlich immer das Bauchgefühl, dem wir vertrauen sollten, wenn wir nicht extrem eifersüchtig sind. Alle Überprüfungen, alle Tests können immer nur einen sehr kleinen Teil des Lebens erfassen. Doch beim Bauchgefühl liegt eine innere Gesamteinschätzung vor. Und wenn Ihre Beziehung halbwegs gut ist, können Sie dieser Einschätzung vertrauen. Ich spüre meist, ob etwas zwischen uns steht, ob die Nähe verlorengegangen ist.

Wenn wir zu wenig eifersüchtig sind

Tatsächlich ist die Nähe in jeder Partnerschaft immer wieder gefährdet. Es gibt Enttäuschungen, Konflikte, Verletzungen, man zieht sich gelegentlich zurück. Oft wartet dann jeder darauf, dass der andere die ersehnte Nähe wieder herstellt. Gelegentlich macht ein Partner eine halbherzige Annäherung, die ihm schwerfällt und wird zurückgewiesen. Und irgendwann hat man von diesem »Spiel« genug, man will nicht mehr verletzt werden, gibt alle Hoffnungen auf, ist in die innere Emigration gegangen. Trotzdem trennt man sich nicht, denn dazu gibt es zu viele Gemeinsamkeiten. Man hat das schöne Haus, man erzieht zusammen die Kinder und tritt nach außen als das perfekte Paar auf. Und man hat auch keine Perspektive für eine bessere Beziehung. Warum sollte man sich trennen? Man beruhigt sich mit dem Gedanken, dass andere Ehen auch nicht besser sind. Vor allem Männer arrangieren sich, sie verdrängen ihre Gefühle und spüren nicht, was sich hinter ihrem Rücken abspielt. Aus mangelndem Lebensmut und einem zu geringen Selbstbewusstsein passt man sich an.

Und in dieser Situation will man oft nicht mehr wissen, ob der andere treu ist. Lesen Sie einmal den Roman »Anna Karenina« von Tolstoi. Dort schreibt er über die betrogene Dolly, die jedes Interesse an ihrem Ehemann verloren hatte. Sonst hätte sie sich trennen müssen, das gewohnte Familienleben hätte sie verloren. Deshalb ließ sie sich hintergehen und verachtete ihn dafür, vor allem aber sich selbst. Aber nicht nur die eigene Selbstachtung leidet, wenn man nicht eifersüchtig ist. Auch die Partnerschaft leidet, wenn überhaupt noch etwas gegenseitiges Interesse vorhanden ist.

Ein Mangel an Eifersucht wird vor allem von Frauen als fehlende Wertschätzung, aber auch als eine grundsätzliche Gefühllosigkeit beklagt. Eine Patientin berichtete: »Wenn ich mal einen anderen Typen anschaue, das interessiert meinen Mann nicht. Eifersucht ist für ihn ein Fremdwort. Kürzlich habe ich bei einem Fest einem anderen Mann ein wenig mehr in die Augen gesehen – für ihn kein Thema. Der schaltet einfach Gefühle aus. Das ist doch nicht normal.« Zu Recht wird ein Mangel an Eifersucht als Lieblosigkeit empfunden. Doch viele Männer begreifen dies nicht und sehen es als Vorzug an, nicht eifersüchtig zu sein. So gaben in einer von mir durchgeführten Umfrage 34 Prozent der Männer an, keine Eifersucht zu spüren. Und darauf waren sie sehr stolz. Ein Patient meinte fast aufgebracht: »Ich finde Eifersucht albern. Es ist doch wie im Kino … Es ist alles eine völlige Übertreibung, man macht sich doch lächerlich.«

Die Verdrängung der Eifersucht

Nun ist durchaus verständlich, dass Männer nicht gern eifersüchtig sind. Wir Männer haben den Anspruch, dass wir unabhängig und stark sind. Doch niemals sind wir ungeschützter und verletzlicher als in der Liebe. Deshalb reagieren wir so eifersüchtig, wenn wir den Verlust des geliebten Partners befürchten müssen. Und dies Warnsignal der Eifersucht ist wichtig, damit wir rechtzeitig und angemessen auf die Gefahr des Liebesverlustes reagieren können. Wer der Überzeugung ist, noch nie Eifersuchtsgefühle empfunden zu haben, verdrängt dieses Warnsignal. Er hat die Alarmanlage abgestellt, die ihn gestört hat. Doch ungestraft stellt man keine Alarmanlage ab: Es sind nicht nur die »Einbrecher«, die sich nun im persönlichen Leben ausbreiten können. Vielmehr führen die verdrängten Affekte ein Eigenleben. Schon Sigmund Freud vertrat die Meinung, dass die Verdrängung der Eifersucht zu massiven Störungen führt. Deshalb ist es erstaunlich, dass es auch heutzutage kaum Bücher gibt, in denen die Eifersucht als sinnvoll geschildert wird. In den achtziger Jahren erschienen zwei solcher Bücher: Nancy Friday schrieb ein sehr umfangreiches Buch über die Eifersucht, in dem sie fordert: »Wir müssen uns endlich bewusst werden, dass Gefühle der Eifersucht nicht mehr versteckt oder verdrängt werden dürfen, sondern als eine der stärksten menschlichen Triebfedern akzeptiert und positiv ins Leben integriert werden müssen.«8 Und auch Hildegart Baumgart betont in »Formen der Eifersucht«, die Eifersucht gehöre zur Liebe, sei ihre dunkle Seite, der man sich stellen müsse. Doch ansonsten wurde die Eifersucht auch in akademischen Kreisen verdrängt und abgewertet. Und noch heute wird dieses Thema vernachlässigt. Schauen Sie einmal bei Amazon nach. Dort finden Sie unter dem Stichwort Sexualität 4000, unter dem Stichwort Ängste sogar 6000 Bücher. Aber es gibt im Bereich Ratgeber nur 155 Titel zum Thema Eifersucht – die fast alle veraltet sind.

Die fehlende Aggressionsbereitschaft

Die Verdrängung der Eifersucht ist verhängnisvoll. Denn sie hat meist zwei Ursachen. Es liegt vor allem eine große Aggressionsgehemmtheit vor. Man fordert zu wenig in der Partnerschaft, lässt alles schicksalhaft über sich ergehen (»was soll ich denn tun?«), man kann sich nicht auseinandersetzen, man verfügt über keinen konstruktiven Umgang mit Konflikten. Dies Verhalten mag manchmal sehr verständnisvoll, ja fast edel wirken. Aber letztlich gibt es doch immer zerstörerische Reaktionen. Man kann sich zwar nicht wehren, aber man blockiert den anderen, zieht sich zurück und kämpft mit indirekten Mitteln. Auch dies ist eine Form von Aggression. Und vor allem handelt man autoaggressiv, selbstzerstörerisch. Man nimmt nicht nur seine Wünsche nach Liebe und Bestätigung zurück. Man zweifelt stark an sich, wird krank. Kurz gesagt: man schwächelt. Der Berliner Psychoanalytiker Schultz-Hencke mahnte daher eindringlich: »Man hat dann den Eindruck, es wäre besser um diese Menschen bestellt, wenn sie eifersüchtig wären, dafür aber sonst produktiver. Denn die Kräfte, die bei ihnen in Gestörtheit des Lebensgefühls gebunden wurden, wären besserer Verwendung wert. Mehr noch, die verdrängte Eifersucht fließt dann oft in völlig zerstörerische Bahnen ab. Mag diese Zerstörung sich auch nur darin äußern, dass ein Pessimismus unbekannter Herkunft das Quellen produktiver Kräfte lähmt …

Aus diesen Gründen wäre ein gewisses Maß an bewusster Eifersucht zu empfehlen … Sie ist im Ganzen des Lebens gesehen viel fruchttragender als die schwelende im Schatten der Seele.«9

Was uns immer bei den Eifersuchtsverdrängern auffällt ist die Tatsache, dass sie nie ganz lebendig sind. So jedenfalls wirkt der Landarzt Charles Bovary auf uns, den Flaubert in seinem Roman Madame Bovary beschreibt. Seine Frau ging ständig fremd, er merkte nichts. Denn er hatte nicht die Fähigkeit zur Eifersucht. Er hatte eine sehr überwältigende Mutter, war sehr gehemmt und schüchtern. Es fehlte ihm das Gefühl, die eigene Ehe verteidigen zu müssen. Er war zu angepasst, zu schicksalsgläubig. Kurzum: er war zu gehemmt. Und diese Hemmung zieht sich durch das ganze Leben solcher Menschen. Sie fordern keine Gehaltserhöhung, sie beschweren sich auch nicht, wenn man ihnen im Gemüsegeschäft eine faule Tomate andreht.

Manchmal hat man regelrecht den Eindruck, dass sie nie wirklich leben, sondern das Leben aus einer großen Distanz beobachten. So jedenfalls kam es mir auch bei einem Lehrer vor, der immer betonte, er sei nicht eifersüchtig. Zwar verliebte sich seine Frau in einen anderen Mann und bekam sogar ein Kind von ihm. Trotzdem hat er das Kind adoptiert. Sein Verhalten könnte man als sehr reif, als erwachsen, als großzügig bezeichnen. Doch seine Gelassenheit wirkte auf mich immer problematisch. Natürlich sollen wir im Leben verzeihen können, es ist ein Zeichen seelischer Größe, wenn wir manchmal nicht zu eifersüchtig sind. Aber das sollte immer das Endergebnis eines schmerzhaften Prozesses sein, in dem wir durchaus wütend und gekränkt sind. Doch wenn wir immer sofort alles verstehen und verzeihen, wehren wir diese Gefühle ab. Wir legen dann eine Distanz zum Leben ein, als ob wir es aus einer Theaterloge beobachten würden.

Und dieser Eindruck bestätigte sich, als ich den Lebenslauf dieses Lehrers erfragte. Er war immer unsicher, seine Entscheidungen waren blass. Zwar konnte er das Studium erfolgreich abschließen, aber er kann sich heute in der Klasse nicht durchsetzen, hat keine starken Interessen, ist oft müde, er selbst sagt, das Leben würde ihm durch die Finger gleiten. Ich weiß nicht, was ich will – sagt er immer wieder. Doch wie soll er das wissen, wo er die Verbindung zu seinen innersten Gefühlen verloren hat, eigentlich nie fand. Sein Vater war meist nicht da, seine Mutter war kühl-dominierend, er hat frühzeitig begriffen, dass er für sich allein sorgen muss. Zwangsautonomie nennen wir das – wenn sich ein Kind zu früh abnabeln musste, weil die Außenwelt zu versagend war. Dann ist man später natürlich nicht eifersüchtig, weil man zu wenig von der Welt erwartet und sich auch dann arrangiert, wenn es für einen selbst verletzend ist.

Die Angst vor Abhängigkeit

Doch neigen wir nicht alle oft dazu, schmerzhaften Gefühlen aus dem Weg zu gehen? Und die Eifersucht ist ein solches schmerzhaftes Gefühl. Vor allem in der Kindheit ist die Eifersucht oft unerträglich. Wir spüren dann, wie abhängig wir sind, wenn wir uns nach Liebe sehnen. Und besonders dramatisch ist dies bei der Eifersucht gegenüber Geschwistern. Wenn wir etwas älter sind, können wir auf diese Eifersucht mit der Expansion nach außen antworten. Man kann sich andere Freunde suchen, neue Wege gehen. Aber in der frühen Kindheit ist dies kaum möglich, deshalb ist diese Eifersucht so schlimm. Das führt zu dem Versuch, jede Abhängigkeit von anderen Menschen zu vermeiden, um keine Eifersuchtsgefühle mehr erleben zu müssen. Das Streben nach Unabhängigkeit wird dann schon bei Kindern zum wichtigsten Lebensziel. Das schließt später Liebesbeziehungen nicht aus. Aber man achtet dann auch in einer Partnerschaft auf eine ausreichende Distanz. Scheinbar zufällig findet man immer distanzierte Männer – oder sie leben weit entfernt oder sind verheiratet. Doch immer steckt dahinter das Lebensmotto: Je weniger mir der andere bedeutet, desto weniger kann er mich verletzen. Eine leidenschaftliche Liebe entsteht so natürlich nie. Und der Partner merkt schon am Beginn einer Beziehung, dass dieser Eifersüchtige auf die emotionale Bremse tritt und das Zusammensein nicht als Partnerschaft ansieht. Oder man zieht nie zusammen, trifft sich nur an wenigen Tagen in der Woche. Auf diese Weise wird die Abhängigkeit vermieden, die sich sonst ergeben könnte. Man handelt wie ein vorsichtiger Kaufmann und verteilt sein Lebenskapital auf viele Menschen. Eifersüchtig ist man dann kaum. Aber man läuft immer Gefahr, dass man verlassen wird, weil man zu wenig emotionale Bindungen herstellt.

Der gekränkte Stolz

Neben der Hemmung und dem Sicherungsmuster »Distanz« gibt es noch eine andere Ursache für die Verdrängung der Eifersucht: es ist die Kränkung. Jede Eifersucht ist eine Kränkung für mein Selbstwertgefühl. Und dies ist insbesondere mit dem schwankenden Selbstgefühl vieler Männer nicht zu vereinbaren. Sie suchen immer nach Bestätigung, denn in der Kindheit wurden sie häufig zu wenig beachtet und geliebt, gleichzeitig wurde viel von ihnen erwartet. Deshalb stellen sie an sich hohe Ansprüche und spüren zugleich, dass sie innerlich keine wirkliche Stabilität besitzen. Ihr Lebensgefühl gleicht so dem eines Seiltänzers, der ständig auf die Anerkennung, den Applaus der »Zuschauer« angewiesen ist. Sie legen immer großen Wert darauf, ihre Selbstachtung aufrechtzuerhalten. Wie sie in den Augen der anderen wirken, dass sie stark und perfekt sind, spielt für sie eine entscheidende Rolle. James Bond, Supermann, Tarzan, Old Shatterhand – dies sind die Idole, denen solche Männer nachstreben. Und es versteht sich von selbst, dass man dann nicht eifersüchtig sein darf. Denn Eifersucht ist das Eingeständnis, sehr von einem geliebten Menschen abhängig zu sein.

Aber gerade diese Männer geraten dann in eine dramatische Krise, wenn sie plötzlich realisieren, dass es einen Rivalen gibt. Frauen holen sich leichter Hilfe und klagen. Doch Männer sind oft geradezu kopflos – das erlebe ich fast täglich in meiner Praxis. Es kommen immer wieder Männer zu mir, die völlig außer sich sind. Sie sind nicht nur gekränkt, sie sind fassungslos. Sie haben ihre innere Sicherheit verloren: »Ich habe immer geglaubt, dass ich nicht eifersüchtig bin, dass ich da drüber stehen würde. Ich wusste, dass mich ein Seitensprung einer Frau schon stören würde. Aber ich dachte, ich würde mich dann wie ein Hund schütteln, der aus dem Wasser kommt. Ich hatte immer den Spruch: Die Karawane zieht weiter. Dass mich das so treffen würde, hätte ich nicht gedacht. Und vor allem habe ich immer gedacht: Ich betrüge die Frauen, jedenfalls habe ich nie etwas ausgelassen. Ich lasse nichts anbrennen, das war mein Motto. Aber dass mich eine Frau betrügt, das habe ich nie geglaubt. Irgendwie bin ich so fassungslos, als ob sich unter meinem Fußboden eine Klappe geöffnet hätte«, so ein Manager. Ihm geht es jetzt genau so wie Karenin, den Tolstoi in seinem Roman »Anna Karenina« beschrieben hat. Er ist erschüttert, als er von seiner Frau hört, dass sie Wronsky liebt. Karenin war bisher nie eifersüchtig: »Weil er in seinem Herzen jenes Geheimfach verschlossen und versiegelt hatte, wo er seine Gefühle für seine Familie, das heißt für seine Frau und seinen Sohn, aufbewahrt hatte.«10 Für ihn ist die Eifersucht ein beschämendes Gefühl, dem er nicht mehr ausweichen kann. Und so fühlt er sich plötzlich wie ein Mensch, der seelenruhig auf einer Brücke über einen Abgrund gegangen ist und nun realisiert, dass diese Brücke nicht existiert. Denn die Brücke war das künstliche Leben, das er bisher führte. Und nun musste er sich in seine Frau hineinversetzen, in ihre Welt der Gedanken, ihre Wünsche und war völlig verunsichert.

Mord und Totschlag

Allerdings ist die Verdrängung der Eifersucht nicht nur ein individuelles Problem. Die Menschheit stand Affekten immer skeptisch gegenüber. Zu gefährlich war es, ihre Kräfte ungesteuert auszuleben. Im Mittelalter waren deshalb sowohl die Eifersucht als auch der Seitensprung geächtet. Eifersucht konnte zu Mord und Totschlag führen, sie war ein gewaltiger Unruhefaktor in jenen Gemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. Das Funktionieren dieser Gemeinschaften hing sehr stark davon ab, dass man den Seitensprung verbot. Wenn dies aber nicht gelang, musste man zumindest die Eifersucht einschränken. Also wurde diese lächerlich gemacht oder als Todsünde gebrandmarkt. Ein souveränerer Umgang mit der Eifersucht war erst möglich, als man in größeren Gemeinschaften lebte. Vor allem in Großstädten kann man sich eher aus dem Weg gehen. So leben wir heute in drei Lebensbereichen: dem Beruf, der Liebe und den Freundschaften. Insofern können wir uns heutzutage vom Partner bzw. der Partnerin trennen und treffen diese oft ein Leben lang nicht mehr.

Zudem hat die Menschheit inzwischen gelernt, etwas besser mit Affekten umzugehen. Sigmund Freud hat einmal gemeint, der Fortschritt der Kultur würde darin bestehen, dass man sich beschimpft und nicht mehr umbringt. Dies ist tatsächlich eine wichtige Entwicklung. Schließlich muss es gelingen, die mörderischen Impulse der Eifersucht einzudämmen. Leicht ist dies natürlich nicht, denn die Eifersucht wird immer wieder durch einen massiven Konflikt geschürt:

  • Wir müssen einen anderen Menschen lieben, seine Entwicklung fördern, damit eine Partnerschaft möglich ist.
  • Aber wir müssen protestieren, wenn der Partner uns die Grundlage der Nähe entzieht, sich anderen Menschen zuwendet und damit alle Bemühungen einer gemeinsamen Beziehung zunichte macht.

Stellen sie sich einmal vor, Sie würden mit einem Geschäftspartner gemeinsam eine Fabrik aufbauen. Sie haben einen Vertrag geschlossen, um die Grundlage ihrer Geschäftsbeziehung schriftlich zu fixieren. Selbstverständlich müsste sich dann jeder mit voller Kraft für die Entwicklung der gemeinsamen Fabrik einsetzen. Dies bedeutet nicht nur, dass man dort seine Zeit verbringt. Wir würden erwarten, dass jeder seine Erfahrungen einbringt, sich für diese Fabrik engagiert, Zukunftskonzepte entwirft. Doch stellen Sie sich einmal vor, ein Teilhaber würde nach heftigen Konflikten heimlich eine neue Fabrik mit einem anderen Geschäftspartner aufbauen, die ähnliche Produkte vertreibt. Und dies genau passiert bei der Untreue, sie ist ein Verstoß gegen alle Geschäftsbedingungen.

Natürlich ist ein Seitensprung verständlich, wenn die Zusammenarbeit bereits völlig gescheitert ist. Im Geschäftsleben haben wir dafür konkrete Anhaltspunkte: Man redet nicht mehr miteinander, die Kommunikation bricht zusammen, es sinkt die Produktivität, die Firma macht nur noch Verluste, Arbeiter müssen entlassen werden, schließlich muss das Unternehmen Konkurs anmelden. Doch diese klaren Kriterien gibt es für eine Liebesbeziehung nicht. Wenn wir die oft leisen Signale der Liebeskrise überhören, gibt es nur den schrillen Alarm der Eifersucht, der einer Mobilmachung entspricht. Wenn wir diesen Alarm auch noch ausstellen, sind wir allen Entwicklungen hilflos ausgeliefert. Meist resignieren wir dann hinsichtlich unserer Liebesansprüche. Und diese Resignation können wir nur vermeiden, indem wir uns aufregen. Alle Affekte enthalten immer einen großen Wutanteil. Das kann man doch mit mir nicht machen – ist die Hauptbotschaft der Eifersucht. durch die Wut heben wir jene Abwertung auf, die uns durch den Seitensprung des Partners zugefügt wurde. Wenn wir diesen Alarm abstellen, werden wir zu einem zahnlosen, schlafenden Tiger. Wir spüren nichts mehr, passen uns an und reagieren irgendwann völlig unberechenbar, wenn wir vom Unglück überrannt werden.

Die fehlende Wertschätzung

Wenn wir das Alarmsignal Eifersucht ausschalten, können wir die zugrundeliegenden Konflikte nicht bewältigen. Doch wir müssen schon lernen, mit den Grundkonflikten des Lebens umzugehen, die darin bestehen, dass wir den anderen brauchen, auf ihn angewiesen sind, gleichzeitig aber eigene Wünsche haben, die oft nicht in Erfüllung gehen. Es hat wenig Sinn, diese Konflikte zuzukleistern und die Affekte zu dämpfen. Damit reduzieren wir nur unsere Lebenskräfte. Das wäre so, als würden wir die Geschwindigkeit aller Autos auf ein Fußgängertempo herabsetzen, weil gelegentlich ein Unfall passiert. Wir nehmen dann nicht zur Kenntnis, dass meist die Fahrer das Auto nicht richtig beherrschten, die Fußgänger unachtsam waren. Wir erkennen das Problem nicht, wollen es nicht überwinden, sondern entscheiden uns für die Konfliktlösung: Verlangsamung des Lebens.

Natürlich ist es nicht einfach, das Affektpotential der Eifersucht zu steuern. Eine Kollegin berichtete mir kürzlich von ihrem Exfreund: »Er erzählte mir mit einem süffisanten Lächeln, er habe nach dem Sport mit einer Freundin zusammen geduscht und sie sogar eingeseift! Ich war gerade dabei, mir ein Mineralwasser einzugießen und in einer spontanen Reaktion drehte ich die Flasche um und gab ihm eine zweite Dusche.« Ihr Exfreund habe dann wie ein begossener Pudel vor ihr gesessen und sei ziemlich wütend geworden. Sie habe dies aber nie bereut. Sie war froh, dass sie ihre Gefühle so spontan äußern konnte. Manchmal fliegen in Partnerschaften auch Tassen und Teller, Türen werden zugeknallt, man beschimpft sich. Das hat häufig ein zerstörerisches Potential. Doch ein Ausweichen vor diesen kraftvollen Affekten ist trotzdem immer verhängnisvoll. Das Leben wird dadurch zwar friedlicher, aber um seine Kraft beraubt.

Auf diesen Zusammenhang hat auch der Kulturwissenschaftler Claude Lévi-Strauss hingewiesen, der zwischen den warmen und den kalten Kulturen unterscheidet. Die kalten würden mehr Wert auf eine langsame Entwicklung, auf die Konstanz des Lebens legen. Man orientiere sich am Zyklus der Natur. Doch heiße Kulturen würden Wert auf das Gesetz der Entwicklung legen. Hier gäbe es Affekte und Konflikte. Gesellschaftliche Spannungen würde man als Anregung und Herausforderung, weniger als Störung begreifen. Hier fände wirkliches Leben und Entwicklung statt, während die kalten Gesellschaften ereignislos wären.

So gesehen ist es immer problematisch, wenn die Eifersucht gesellschaftlich abgelehnt wird. Beispielsweise gab es in den sogenannten sozialistischen Ländern nie ein wirkliches Verständnis für dieses »Laster«. Die Eifersucht passte nicht in das Menschenbild dieser Länder, in denen man sich aufgeklärt gab. Man wollte nicht nur das Eigentum an Produktionsmittel aufgeben, man stand auch der Treue skeptisch gegenüber, weil man auch dort ein Eigentum am Partner vermutete. Man handelte nach dem Motto von August Strindberg: »In der Liebe gibt es kein Eigentumsrecht.« Und das war auch die Überzeugung der Studentenbewegung. Wer noch vor 20 Jahren von »meiner« Frau oder »meinem« Mann sprach, wurde belächelt. Das war ein Besitzdenken, das man überwinden wollte. Damals war man überzeugt, dass es in der Südsee »primitive« Völker gibt, die keine Eifersucht kennen. Man griff gern auf die Erkenntnisse des polnischen Sozialforschers Bronisław Malinowski zurück. Zufällig befand sich dieser auf den Trobriand-Inseln, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Daraufhin wurde er von der britischen Kolonialmacht als Kriegsgegner interniert. Nun hatte er viel Zeit und konnte unbehelligt seine Forschungen betreiben. Er war davon beeindruckt, dass die Sexualität nicht verdrängt wurde, sondern zum Alltag gehörte. Die Kinder würden lange gestillt, sie würden sehr viel Fürsorge und Zuwendung erfahren, es gäbe keine Trieb- und Leibfeindlichkeit. Es gab Häuser, in denen die Jugendlichen die Sexualität spielerisch ausprobieren konnten. So seien die Trobriander ein glückliches, lebensfrohes und friedliches Volk, das keine Gewalt, keinen Krieg kennen würde. Eifersucht würde bei den Trobriandern kaum eine Rolle spielen. Zu einer ähnlichen Auffassung kam schließlich die amerikanische Anthropologin Margret Mead. Sie war überzeugt, dass viele sexuelle Rollen eher das Ergebnis kultureller Prozesse seien. Auf der pazifischen Insel Samoa beobachtete sie sechs Monate lang 67 Mädchen und kam zu dem Ergebnis, dass es dort eine sehr entspannte, glückliche Sexualität gab. Auf diese Forschungen berief sich die Studentenbewegung, man war nun überzeugt, dass die Eifersucht anerzogen und nicht angeboren sei. Wir seien eben emotionale Krüppel und könnten nicht richtig lieben. Und man erwähnte gern die Großzügigkeit der Eskimos, wo dem Gast die eigene Ehefrau angeboten wurde. Offenbar muss das Verhältnis der Geschlechter nicht so sein wie bei uns. Diese Einschätzung führte nun zu einer grundlegenden Skepsis gegenüber der Eifersucht, die man als störend empfand, weil sie die sexuelle Freizügigkeit behinderte. Man hatte einfach eine falsche Einstellung zu den Seitensprüngen des Partners, war zu engstirnig, dachte nur an sich. Das lag dann immer am fehlenden Selbstwertgefühl und den zu starken Verlustängsten.

Doch bereits in den achtziger Jahren gab es kritische Stimmen. Sie vermuteten, dass bei diesen Feldforschungen unsere Erwartungen einer heilen Welt zu großen Einfluss gehabt hätten. So erschien 1983 ein Buch von Derek Freeman, der vor allem Margaret Mead vorwarf, sie sei der Illusion eines Südsee-Idylls erlegen. Er lebte selbst mehrere Jahre auf Samoa und fand erheblich mehr Konflikte. Er war der Meinung, dass Mead von den einheimischen Informanten nicht die Wahrheit erfuhr, da sie eine Fremde war, die zudem die Sprache nicht beherrschte. Man habe ihr erzählt, was sie hören wollte. So blendete sie die gewalttätige Seite der samoanischen Gesellschaft konsequent aus. Eifersuchtsgefühle nahm sie nicht wahr.

Die neue Eifersucht

Inzwischen gibt es seit zehn Jahren eine neue Bewertung der Treue. Sie wird wieder als wichtig und notwendig empfunden. Damit steigt auch die Bereitschaft, sich zur Eifersucht zu bekennen. Im Laufe von fünf Jahren hat sich die Zahl der Patienten verdoppelt, die wegen Eifersuchtsproblemen zu mir kommen. Und in den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der Presseanfragen, Rundfunk- und Fernsehanfragen ebenso verdoppelt. Mein Buch »Das Geheimnis der Treue« ist auf ein ungewöhnliches Echo gestoßen. Treue ist offenbar wieder ein Wert geworden, denn wir suchen eine verlässliche Partnerschaft. In einer Welt, die immer anonymer und unberechenbarer wird, suchen wir Schutz und Sicherheit in einer Liebesbeziehung. Insofern wird Treue für uns immer wichtiger. Denn jede Liebe tendiert immer zur Ausschließlichkeit. Und zu Recht meinte deshalb der Psychoanalytiker Max Marcuse: »Wen wir lieben, den wollen wir auch besitzen.« Mancher wird dies zwar für neurotisch halten und für Besitzdenken, aber ich halte dies für den Ausdruck einer starken Liebe. Was wir lieben, wollen wir behalten und bewahren. Und wir wollen in der Liebe einzigartig sein.

Etwas Besonderes sein

Wir leben in einer Kulturwelt, in der wir das Bewusstsein haben, etwas Besonderes zu sein. Wir sind herausgetreten aus dem Kollektiv – wir sind Persönlichkeiten! Und dazu gehört, dass ich meine eigene Individualität spüre. Man müsse den Unterschied zu anderen Menschen erkennen, heißt es bei Ludwig Feuerbach. Und genau dies erwarten wir in der Liebe. Dort wollen wir spüren, wie unverwechselbar wir sind. Doch wenn der Ehemann mit einer anderen Frau flirtet, sie umgarnt, mit ihr schläft, dann bin ich in einem ganz wesentlichen Teil des Lebens austauschbar. Deshalb ist die Eifersucht so verständlich, so normal, so wichtig.