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Dread Pirate Robert ist in doppelter Hinsicht eine fiktive Figur:  Es ist der Name eines gefürchteten Pirats in William Goldmans Buch Die Brautprinzessin, doch stellt sich im Laufe des Romans heraus, dass es nicht einen Dread Pirate Roberts gibt, sondern dass dieser Name und der Ruf von Pirat zu Pirat weitergegeben werden. Sobald Piratenkapitän sich mit seiner Beute zur Ruhe setzen möchte, bestimmt er einen Nachfolger und heuert eine neue Crew an. Es gibt keinen Dread Pirate Roberts, nur Personen, die seinen Namen annehmen und von seinem Ruf profitieren.  

Dread Pirate Roberts nennt sich auch der Betreiber (bzw. die Betreiber) von Silk Road, jenem Marktplatz im TOR-Netzwerk wo nach Schätzungen ca. 25 Mio Euro im Jahr an Umsatz gemacht werden, hauptsächlich mit illegalen Drogen. Ob Gras, ob Crystal, Ecstasy, LSD, Heroin, Kokain, Crack, Opium, rezeptpflichtige Medikamente, es gibt kaum etwas, das man nicht in seinen Warenkorb legen kann, um es dann an der Kasse mit Bitcoins zu bezahlen. 

Silk Road verbindet ähnlich wie Ebay Verkäufer und Käufer, in diesem Fall Dealer und mutmaßlichen Konsumenten, und bietet den Käufern eine Versicherung und die Möglichkeit Anbieter zu bewerten. 

Der Betreiber von Silk Road erhebt eine Vermittlungsgebühr von den Verkäufern. Nicolas Christin von der Carnegie Mellon University schätzt nach einer empirischen Untersuchung der Seite dass der Gewinn von 3000 $ pro Tag im März 2012 auf 6000 $ pro Tag im Juli 2012 angestiegen ist. 

Jeder, der in der Lage ist, TOR zu installieren und sich für die Bezahlung Bitcoins zu besorgen, kann auf Silk Road einkaufen und die Anzahl der Menschen, die unvorsichtigerweise auf Facebook und Twitter mit ihren Einkäufen prahlen steigt täglich. Brauchte man früher noch Kontakte, um an Drogen zu kommen, ist heute ein Internetzugang ausreichend und man hat freie Auswahl und die Gewissheit, dass man nicht einfach nur ein paar Schläge bekommt und beschämt weiterziehen muss. Dealen ist nicht mehr auf einschlägig bekannte Orte beschränkt und das Netz minimiert die Gewalt am Ende der Verkaufskette.

 Sehr viel spricht dafür, dass Dread Pirate Roberts bisher von verschiedenen Personen verkörpert wurde. Wer sich in dem Silk-Road-Forum umschaut, kann in der Frequenz der Posts des Pirats, in ihrem Ton, in ihrer Ortografie Unterschiede entdecken. Ungeachtet dessen, kann man hinter diesen Personen, eine stimmige Kunstfigur erkennen. 

Dread Pirate Roberts gibt zu, dass Geld ein motivierender Faktor für ihn ist, aber es geht ihm um mehr. „Es geht nicht darum, Drogen zu nehmen oder Ungehorsam zu demonstrieren, es geht darum aufzustehen für unsere Rechte als Menschen und nicht klein beizugeben, wenn wir nichts Falsches getan haben. Silk Road ist nur ein Mittel, um diese Botschaft zu verbreiten, alles andere ist sekundär.“, sagt er in einem Interview mit dem Forbes-Magazin, zu dem er sich entschlossen hat, weil er die Zeit reif hält, diese Botschaft zu verbreiten.  

Aus seinen Aussagen in diesem schriftlich und verschlüsselt geführten Interview  spricht eine amerikanisch gesprägte Vorstellung von individueller Freiheit mit anarchischen Zügen. Wenn man seine Posts im Forum von Silk Road liest, bestätigt sich dieser Eindruck. Dread Pirate Roberts ist eine belesener Mann, der Diskussionen über Bücher von Vertretern der Österreichischen Schule und den Anhänger des Anarchokapitalismus anregt. Die Österreichische Schule ist eine Richtung, die das Individuum in den Mittelpunkt der Ökonomie stellt, während der Anarchokapitalismus den Staat als unsoziale Einrichtung ablehnt, Selbstbestimmung fordert und jeglichen Akt der Aggression außer bei Notwehr missbilligt. 

Folgerichtig ist Dread Pirate Roberts gegen die Legalisierung von Drogen, da er sie nicht unter der Kontrolle eines Staates sehen möchte, der seine Bürger ausbeutet während er selber von der  Wirtschaft ausgebeutet wird. 

Ein Marktplatz wie Silk Road ist nur möglich, weil es Bitcoins gibt, die digitale Währung, die komplett dezentral ist und keinerlei staatlicher Regulierung unterliegt und dabei fast so anonym genutzt werden kann wie Bargeld.  Auch bei Bitcoin geht es darum, sich ein Stück persönliche Freiheit zurückzuerobern und unnötige Gebühren im Geldtransfer zu umgehen. Das Konzept basiert auf einer Peer-to-peer-Technik, die schon Tauschbörsen zum Erfolg verholfen hat. Alle Macht den Mitgliedern, keine zentrale Angriffsstelle bieten. 

Den Wert des Marktplatzes schätzt Dread Pirate Roberts ein wenig großspurisch auf eine 10 bis 11-stellige Summe. 

Silk Road ist seit Anfang 2011 online und den Strafverfolgungsbehörden wohl bekannt, man darf davon ausgehen, dass nicht nur die DEA fieberhaft daran arbeitet, den Marktplatz zu schließen und alle Verkörperungen von Dread Pirate Roberts vor Gericht zu bringen. Dass dies bisher noch nicht gelungen ist, spricht dafür, dass Verschlüsselung und Anonymisierung gut funktionieren. 

Der Betreiber sagt im Interview, er habe eine Sicherheitslücke im System entdeckt, doch anstatt diese auszunutzen und Bitcoins zu stehlen, habe er den damaligen Dread Pirate Roberts darauf aufmerksam gemacht und so sein Vertrauen gewonnen und ihm schließlich den Marktplatz abgekauft. 

Das mag stimmen oder nur ein Ablenkungsmanöver sein, dass darauf zielt, die Behörden in die Irre zu führen - es macht keinen Unterschied. 

Man mag Silk Road als weiteren Beleg dafür ansehen, dass der Krieg gegen Drogen ein verlorener ist und der Zugang zu illegalen Substanzen nicht effektiv limitiert werden kann. Man kann gelangweilt sein von dieser hippiesken, verträumten Sichtweise, dass allein der Konsum von psychoaktiven Substanzen ein Akt der Suberversion ist und die Welt der Mächtigen ins Wanken bringen kann. Man kann mutmaßen, dass die Dread Pirate Roberts ein wenig Publicity gerade gut gebrauchen kann, da dass Marketing der Konkurrenzplattform Atlantis wesentlich offener und agressiver ist. So wurde ein Werbeclip für Atlantis auf Youtube platziert, der mittlerweile natürlich schon wieder gelöscht ist, die Betreiber haben in verschlüsselten Chaträumen Interviews gegeben und ihre Plattform als kundenfreundlicher und fortschrittlicher angepriesen.  Doch selbst wenn es nur um Geld und die Vorherrschaft auf dem illegalen Markt gehen sollte: Dread  Pirate Roberts scheint Recht zu haben: Die Zeit ist reif für seine Botschaft. Und die geht tatsächlich weit über den Konsum von Drogen hinaus.

Nachdem enthüllt worden ist, was die Privatspäre eines Bürgers wert ist, die Unschuldsvermutungen außer Kraft gesetzt sind und festgestellt wurde, dass Sicherheit ein Supergrundrecht ist, braucht es jemanden, der demonstrieren kann, dass man diesem System nicht ausgeliefert ist. Snowden hat uns verraten, was man schon vermutet haben könnte: Dass man dem Staat nicht trauen kann. 

Dread Pirate Roberts ist der lebende Beweis, dass man seine Freiheit und Privatsphäre zurückerobern kann, dass das Internet nicht nur die Möglichkeit bietet gläsern zu werden, sondern unsichtbar und unfassbar, egal wieviele Experten fieberhaft daran arbeiten die Identität dieser Männer zu enthüllen und sie dingfest zu machen.

Es geht nicht nur darum, selber über seine Wahrnehmungsveränderungen zu bestimmen, sondern darum, dass hier demonstriert wird, wie man sich im Netz seine persönliche Freiheit zurückerobern kann. „Doch selbst wenn wir verlieren, der Geist ist bereits aus der Flasche und sie kämpfen auf verlorenem Posten.“ sagte Dread Pirate Roberts schon vor über einem Jahr.