2. KAPITEL

Ich fühlte mich, als ob der Inspektor mir mit einer Schaufel vor die Stirn geschlagen hätte. Aber natürlich war das nicht passiert. Obwohl ich mich so fühlte, hatte er mir auch nicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Worte des Kriminalbeamten hatten völlig ausgereicht, um mich aus der Bahn zu werfen. Vor Entsetzen blieb mir der Mund offen stehen. Ich war vollkommen verblüfft, und es dauerte ein paar Minuten, bis ich die Sprache wiederfand.

„Aber – das kann doch nicht sein! Sind Sie sicher, dass Sie mit den richtigen Frauen gesprochen haben? Fiona O’Malley und Allison Westley. Sie studieren beide hier in Glasgow Kunst, genau wie ich.“

Kennedy nickte.

„Wir haben die Personalien der Zeuginnen überprüft, die Angaben stimmen überein. Aber sowohl Miss O’Malley als auch Miss Westley sagen aus, dass sie in der vorigen Nacht nicht mit Ihnen zusammen gewesen sind.“

„Dann müssen diese Knalltüten sich irren! Lassen Sie mich mit ihnen reden, ich …“

Der Inspektor unterbrach mich mit einer abrupten Handbewegung. Er würde nun seinen entscheidenden Trumpf ausspielen, das spürte ich genau. Und so war es auch. In der kurzen Zeit hatte ich erstaunlich viel über polizeiliche Verhörmethoden gelernt. Erst jetzt bemerkte ich eine Plastiktüte für Beweisstücke, die er vor mir auf den Tisch legte. Sie enthielt ein Messer. Plötzlich wurde mir ganz flau im Magen, mein Kreislauf spielte verrückt. Kennedy sprach langsam, und während er seine nächste Frage stellte, ließ er mich nicht aus den Augen. Detective Sergeant Cynthia Edwards beobachtete mich von der Seite. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwa Hämisches an sich, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.

„Kennen Sie diese Waffe, Miss Duncan?“

Irgendwie schaffte ich es, eine halbwegs verständliche Antwort von mir zu geben.

„D…das ist keine Waffe, sondern ein Arbeitsmesser aus der Kunstakademie. Man benötigt es, um Stücke von Modellierton abzuschneiden. Sehen Sie, da ist ja noch ein wenig getrockneter Ton am Griff.“

„Es mag sein, dass dieses Messer ursprünglich wirklich nur als Werkzeug gedacht war. Aber es wurde als Mordwaffe benutzt, Miss Duncan. Durch diese Klinge hier musste Alice Wright sterben. Und am Griff befinden sich Ihre Fingerabdrücke! Wir haben soeben einen Abgleich vorgenommen.“

Bevor ich antworten konnte, musste auch noch Cynthia Edwards ihren Senf dazugeben.

„Warum gestehen Sie nicht endlich, Miss Duncan? Wir sehen Ihnen doch an, dass Sie Ihre Tat schon bereuen. Wahrscheinlich haben Sie einfach nur einen Moment lang die Nerven verloren. Sie machen auf uns nicht den Eindruck einer eiskalten Mörderin.“

„Ich war es ja auch nicht!“, rief ich unter Tränen. „Ich habe Alice nicht abgestochen, das müssen Sie mir glauben. Ich bin noch nie auch nur in dieser verflixten Pension in Easterhouse gewesen!“

Inspektor Kennedy klappte seinen Schnellhefter zu.

„Ich schlage vor, dass wir das Verhör zunächst unterbrechen. Unsere Kollegen von der Spurensicherung sind noch mit der Beweisaufnahme beschäftigt, außerdem werden noch weitere Zeugen gehört. Am besten machen wir morgen weiter.“

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Momentan gelang es mir halbwegs, mich zusammenzureißen. Irgendwie konnte ich immer noch nicht begreifen, was mit mir geschah. War das hier vielleicht nur ein zweitklassiger TV-Krimi? War ich vor der Glotze eingepennt und würde gleich endlich aufwachen? Doch ich wusste selbst, dass das nur ein Wunschtraum war.

Detective Sergeant Cynthia Edwards machte eine auffordernde Handbewegung.

„Kommen Sie mit mir, Miss Duncan. Ich bringe Sie in eine Arrestzelle. Morgen früh schaffen meine Kollegen Sie ins Untersuchungsgefängnis. Nachmittags ist dann Ihr Haftprüfungstermin vor Gericht. Der Richter wird entscheiden, ob Sie in Untersuchungshaft bleiben. Wenn Sie einen Rechtsanwalt einschalten wollen, ist dafür jetzt der beste Zeitpunkt.“

„Ich kenne keine Juristen“, sagte ich mit tonloser Stimme. Plötzlich war ich nur noch wahnsinnig erschöpft.

„Dann sorge ich dafür, dass Ihnen ein Pflichtverteidiger zugeteilt wird.“

Vermutlich war das von der Kriminalistin nett gemeint, aber so richtig freuen konnte ich mich darüber nicht. Eigentlich hatte ich angenommen, dass Cynthia Edwards etwas gegen mich hätte. Aber letztlich machte sie nur ihren Job, genau wie Inspektor Kennedy. Ich versuchte, mich in die Polizisten hineinzuversetzen. Das war der beste Weg, um sie zu verstehen. Ich führte mir die Argumente vor Augen, die gegen mich sprachen.

Es gab keine Entlastungszeugen, die für mich aussagten. Die Rivalität zwischen Alice und mir war so gut wie jedem an der Kunsthochschule bekannt. Und – auf der Mordwaffe waren meine Fingerabdrücke! Hinzu kam, dass ich zur Tatzeit mehr oder weniger stark betrunken gewesen war. Ich wäre nicht die erste Person in Glasgow, die unter Alkoholeinfluss ein brutales Verbrechen beging.

Was hätte also ich gedacht, wenn ich anstelle der Kriminalbeamten gewesen wäre?

Cynthia Edwards führte mich in eine Zelle und schloss die Tür von außen. Der Raum roch nach Desinfektionsmitteln. Es gab eine Pritsche mit Matratze, Kopfkissen und Wolldecke, außerdem Toilette und Waschbecken aus Edelstahl und einen Hocker, der in der Wand verankert war, außerdem ein Tischchen, das ebenfalls befestigt war. Das war alles. Durch ein vergittertes Fenster von Schulheftgröße drang fahles Tageslicht herein. Ansonsten sorgte eine Neonröhre an der Zellendecke für Beleuchtung. Innerhalb der Zelle konnte man sie weder an- noch ausstellen. Jedenfalls gab es keinen Lichtschalter.

Es war der trostloseste Ort, an dem ich jemals gewesen war.

Ich warf mich auf das Bett und gab mich völlig meiner Trauer und Verzweiflung hin. Normalerweise war ich nicht so nahe am Wasser gebaut, aber in diesen elend langen Stunden wollten meine Tränen gar nicht mehr versiegen. Meine Schultern zuckten, meine Finger krampften sich in die Wolldecke. Und je länger ich heulte, desto mehr gute Gründe fielen mir dafür ein.

Es kam mir vor, als ob die ganze Welt mich verlassen und sich gegen mich verschworen hätte. Warum sagten Fiona und Allison gegen mich aus? War in der vorigen Nacht etwas passiert, das meine Freundinnen gegen mich aufgebracht hatte? Wollten sie mir einen bösen Streich spielen, um mir eine Lektion zu erteilen? Würden sie später ihre Aussagen widerrufen, um meine Entlassung zu ermöglichen?

Und – wenn sie nun gar nicht logen, sondern die Wahrheit sagten?

Ich drückte mein heißes Gesicht gegen die muffige Zellenmatratze. Hatte ich wirklich Alice Wright in einem Anfall von Jähzorn erstochen? Nie hätte ich gedacht, dass ich zu einer solchen Tat fähig sein könnte. Aber nach einigen Cocktails …

Nein, das war einfach unmöglich. Ich wusste doch, wie Alkohol auf mich wirkte. Normalerweise wurde ich durch hochprozentige Drinks einfach nur albern und später dann hundemüde. Aber aggressiv war ich noch nie geworden. Allerdings fand ich es beunruhigend, dass ich mich nicht mehr an die vergangene Nacht erinnern konnte. Hatte ich wirklich so viel getankt – oder war mir eine andere Substanz ins Getränk gemischt worden? In letzter Zeit hatte es in Glasgow immer wieder Fälle gegeben, wo ein Mädchen mit K.-o.-Tropfen gefügig gemacht worden und aus einem Club abgeschleppt worden war. Dieses Schicksal war mir zum Glück erspart geblieben. Denn wenn mich jemand vergewaltigt haben sollte, dann müssten davon ja Spuren an meinem Körper zurückgeblieben sein. Aber körperlich fehlte mir, abgesehen von dem gewaltigen Kater, nichts. Sicherheitshalber zog ich mich noch einmal aus und nahm mich selbst genau in Augenschein. Aber ich hatte keine einzige Schramme und keinen blauen Fleck, geschweige denn Abschürfungen oder Blutergüsse.

Mir blieb nichts anderes übrig als mein Gedächtnis zu durchforsten.

Ich schloss die Augen. Um 20 Uhr hatten Fiona und Allison mich abgeholt. Die Semesterferien hatten gerade begonnen, und deshalb wollten wir Party machen. Zunächst waren wir bei einem Poetry Slam gelandet. Dort war es sehr voll gewesen, und Fiona hatte mit einem der schönen jungen Dichter geflirtet, die ihre Werke vorgetragen hatten. Allison und ich waren so lange von zwei strohblonden norwegischen Touristen zu Cocktails eingeladen worden.

Es war ein gutes Gefühl, dass die Erinnerung allmählich zurückkehrte. Aber lückenhaft war sie immer noch. Ich konnte mich noch nicht einmal an die Namen der Norweger erinnern. Außerdem musste man damit rechnen, dass sie nicht mehr lange in Glasgow bleiben würden. Als Entlastungszeugen kamen sie wohl weniger infrage. Ehrlich gesagt, hätte ich sie noch nicht einmal genau beschreiben können. Und eigentlich war ich mir auch nicht wirklich sicher, dass diese Typen Norweger gewesen waren. Es hätten genauso gut Schweden oder Isländer sein können.

Hatte ich mich denn wirklich später von meinen Freundinnen getrennt?

Ich glaubte, mich zu erinnern, dass wir noch gemeinsam in eine In-Disco wollten, wo wir stundenlang auf Einlass warten mussten. Aber sicher war ich mir nicht. Da hatte es doch diesen riesigen afrikanischen Türsteher gegeben. Wenn ich mir nur sicher gewesen wäre, dass wir dort nicht schon eine Woche früher aufgekreuzt waren. Der Laden hieß jedenfalls Smackers, aber das half nicht wirklich weiter. Und der Muskelmann würde gewiss nicht mehr sagen können, wann genau ihm drei Studentinnen in Feierlaune unter die Augen getreten waren. Oder? Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Sosehr ich mich auch bemühte – mir fielen keine weiteren Einzelheiten zu den Erlebnissen der vorigen Nacht ein. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit wurde die Zellentür aufgeschlossen.

Ein schlaksiger Typ mit Aktentasche kam herein. Ich hatte ihn noch nie gesehen.

„Miss Lindsay Duncan? Ich bin Paul Egan, Ihr Verteidiger.“

Ich nickte nur. Während der Rechtsanwalt auf dem Hocker Platz nahm und seine Aktentasche öffnete, schaute ich ihn mir genauer an. Er wirkte jung, konnte kaum ein paar Jahre älter als ich selbst sein. Aber vielleicht war Paul Egan auch schon weit über dreißig. Auf mich wirkte er wie ein netter Milchbubi. Einer von der Sorte, die mich stotternd und errötend ins Kino einladen wollte. Um den Typen keine falschen Hoffnungen zu machen, hatte ich mich nie auf solche Dates eingelassen. Als Mann war er überhaupt nicht mein Fall, aber das störte mich nicht.

Denn momentan war dieser „Milchbubi“ mein einziger Verbündeter.

Ich schüttete Paul Egan mein Herz aus. Geduldig hörte er sich alles an und machte sich Notizen. Ich bin nicht katholisch, aber er hätte gewiss einen guten Beichtvater abgegeben. Endlich versiegte mein Redefluss. Paul Egan schaute mir direkt in die Augen.

„Die entscheidende Frage für mich ist, ob Sie das Opfer wirklich getötet haben, Miss Duncan. Ich bin Ihr Anwalt, mir können Sie die Wahrheit sagen. Ich muss es wissen, um meine Verteidigungsstrategie darauf aufbauen zu können.“

„Sehe ich aus wie eine Mörderin?“, fragte ich fassungslos.

Der junge oder jung aussehende Jurist schüttelte den Kopf.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Ich weiß es einfach nicht, okay?“, platzte ich heraus. „Ehrlich gesagt, war ich vorige Nacht nicht ganz nüchtern. Ich habe Gedächtnislücken. Ich würde alles dafür geben, wenn ich Ihnen sagen könnte, was geschehen ist.“

„Wurde Ihnen eine Blutprobe entnommen?“

„Ja. Vorhin hatte ich noch einen Restalkoholgehalt von 1,55 Promille. Aber inzwischen fühle ich mich wieder völlig nüchtern.“

„Das spielt keine Rolle. Wichtig ist Ihre Trunkenheit zur Tatzeit. Wir können jetzt beweisen, dass Sie zwischen 22 Uhr und Mitternacht höchstwahrscheinlich unter Alkoholeinfluss gestanden haben. Daraus können sich mildernde Umstände für Sie ergeben.“

„Sie halten mich auch für eine Mörderin, nicht wahr?“, flüsterte ich niedergeschlagen. Noch nicht einmal mein Verteidiger glaubte an meine Unschuld. Das war so niederschmetternd.

„Ich denke eher, dass Sie einen Totschlag im Affekt begangen haben, Miss Duncan. Außerdem müssen wir die vollständige Obduktion von Alice Wright abwarten. Wissen Sie noch, ob es zwischen Ihnen und ihr einen Kampf gegeben hat? Vielleicht finden sich unter den Fingernägeln des Opfers noch Hautpartikel von Ihnen. Alles in allem sind unsere Chancen auf ein mildes Urteil gar nicht mal so schlecht. Nur einen Freispruch werden wir nicht erreichen können, da sollten Sie sich keine falschen Hoffnungen machen. – Gibt es vielleicht erbliche Geisteskrankheiten in Ihrer Familie? Falls ja, dann könnten wir ein psychiatrisches Gutachten beantragen.“

Geisteskrankheiten? Ich hatte meine Familie immer als fast beängstigend normal empfunden. Mir fiel absolut niemand ein, der verrückt gewesen wäre.

„Ich habe Alice Wright aber nicht erstochen“, beharrte ich. Doch Paul Egan sah nicht so aus, als ob er mir glauben würde.

„Wir müssen uns an die Fakten halten, Miss Duncan. – Ich werde jetzt zunächst die Ermittlungsakte der Polizei anfordern. Ansonsten sehen wir uns morgen bei Ihrem Haftprüfungstermin. Nur Mut.“

Wenig später war ich wieder allein in meiner Zelle. Nur der Hauch von einem Allerwelts-Rasierwasser bewies mir, dass ich Besuch gehabt hatte. Ich zermarterte mir weiter das Gehirn, kam aber zu keinem Ergebnis. Der Streit mit Alice wegen meines Dschungeltraum-Projekts lag nun schon eine Woche zurück. Konnte es wirklich sein, dass ich deswegen mit einem Messer auf sie losgegangen war? Oder hatte dieses Biest mir noch etwas anderes angetan, an das ich mich nicht mehr erinnern konnte oder wollte? Waren meine Gedächtnislücken vielleicht auf einen Schock zurückzuführen? Und warum hätte ich dieses verfluchte Arbeitsmesser aus der Uni klauen sollen? Als Mordwaffe war es nicht besonders gut geeignet. Mein eigenes Brotmesser war beispielsweise länger und bestimmt auch schärfer.

Aber auf dem Arbeitsmesser waren meine Fingerabdrücke!

Jeder Student und jeder Professor der Kunsthochschule von Glasgow hätte dieses Werkzeug mitgehen lassen können. Auch der Hausmeister oder eine Putzfrau, wenn es danach ging. Es war kein Geheimnis, dass ich den Modellierkurs von Professor Finnegan besuchte. Sogar im Internet stand, welche Studenten an dieser Übung teilnahmen. In dem Werksaal hatte ich dieses Messer für meine Tonarbeiten benutzt. Und dann hatte es jemand an sich genommen, um mir den Mord in die Schuhe zu schieben. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Ich hatte nämlich noch nie etwas aus der Uni mitgenommen, noch nicht mal ein Stück Würfelzucker aus der Cafeteria. Was hätte ich auch zu Hause mit dem schmutzigen alten Modelliermesser anfangen sollen?

Nein, jemand wollte mich unbedingt wegen Mordes ins Gefängnis bringen. Das wurde mir nun so richtig bewusst.

Was für Feinde hatte ich eigentlich, mal abgesehen von der toten Alice Wright?

Ich dachte sofort an meinen Ex Larry, der mich nach unserer Trennung noch wochenlang genervt hatte. Aber nun war er schon seit einem halben Jahr mit dieser dämlichen Janice Cardiff zusammen. Für die beiden schien es wirklich die große Liebe zu sein. Man sah Larry und Janice an der Uni nur noch zusammen. Sie hatten sogar die gleichen Kurse belegt, um möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen. Ich musste mir eingestehen, dass sie auf mich total glücklich wirkten.

Warum hätte Larry mir jetzt auf einmal schaden wollen? Seit er mit Janice zusammen war, beachtete er mich überhaupt nicht mehr. Und soweit ich wusste, hatte er auch gegen Alice Wright nie etwas gehabt. Nein, das ergab keinen Sinn.

Und wenn nun ein Psychopath sein Unwesen an der Kunsthochschule trieb?

Jemand, der sowohl mich als auch Alice Wright hasste? Durch seine teuflische Falle hatte er jedenfalls zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Das eine Opfer war tot, das andere würde für sehr lange Zeit hinter Gittern landen.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass es auch mich hätte treffen können. Diese Vorstellung ließ mir kalte Schauer über den Rücken laufen. War es vielleicht nur purer Zufall, dass nicht ich erstochen worden war? Wenn ich tot in meinem Blut gelegen hätte, wäre Alice Wright die Hauptverdächtige gewesen. Und dann würde sie jetzt hier in dieser Zelle sitzen und nicht ich.

Verdankte ich mein Leben nur der Willkür eines Geisteskranken?

Jedenfalls war ich jetzt fast erleichtert, dass ich mich im Polizeigewahrsam befand. Hier drin würde mir dieser Irre jedenfalls nichts tun können. Aber wie sollte ich jemals beweisen, dass Alice und ich die Opfer einer hinterhältigen Intrige geworden waren?

Plötzlich fühlte ich mich der Toten auf eine seltsame Art verbunden. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ich einmal etwas mit Alice Wright gemeinsam haben könnte. Und doch war es so. Höchstwahrscheinlich waren wir beide die Opfer eines irren Killers, der uns wie Marionetten in seinem kranken Spiel benutzt hatte.

Als das Abendessen gebracht wurde, grübelte ich immer noch darüber nach, wer etwas gegen Alice und mich hatte. Eigentlich glaubte ich nicht, dass ich etwas herunterkriegen könnte. Das Essen bestand aus zwei Scheiben trockenem Brot, dazu jeweils einem Klacks Marmelade und Honig. Außerdem gab es lauwarmen Pfefferminztee. Doch allmählich merkte ich, dass ich Hunger hatte. Daher schmeckte das Essen auch nicht so schlecht, wie es aussah. Schließlich musste ich bei Kräften bleiben. Wenn ich zusammenklappte, war damit niemandem gedient. Und wenn niemand an meine Unschuld glaubte, musste ich mir eben selber helfen.

Später lag ich unter der kratzigen Wolldecke. An Schlaf war nicht zu denken. Ich fühlte mich sehr einsam und verlassen. Ich verstand immer noch nicht, dass Fiona und Allison gegen mich ausgesagt hatten. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass wir wenigstens die ersten Stunden des Tatabends miteinander verbracht hatten. Aber offenbar hatten meine Freundinnen sogar das geleugnet. Sie hatten die Polizei bewusst angelogen. Weshalb nur?

Warum hatte ich keinen Freund, der mich in diesem Moment einfach nur in den Arm nehmen konnte? Eigentlich war Larry doch gar nicht so übel, sagte ich mir mit einer Anwandlung von Sentimentalität. Janice Cardiff wurde von ihm offenbar auf Händen getragen. Das hätte jetzt ich an ihrer Stelle haben können. Bei diesem Gedanken kamen mir wieder die Tränen, obwohl ich wirklich nicht mehr in diesen Egoisten verliebt war.

Ob meine Eltern schon wussten, dass ich verhaftet worden war? Jedenfalls musste ich damit rechnen, dass die Polizei auch mit ihnen Kontakt aufnehmen würde. Und das war mir gar nicht recht. Mein Dad durfte sich nicht aufregen, er hatte ein schwaches Herz. Wie würde er auf die Nachricht reagieren, dass seine einzige Tochter eine Mörderin sein sollte?

Trotz meiner Sorgen und Ängste fielen mir irgendwann vor lauter Erschöpfung die Augen zu. In meinen Albträumen wimmelte es von finsteren Messermördern, die mal mich, mal Alice Wright verfolgten. Irgendwann legte ein Henker mit einer schwarzen Kapuze einen Strick um meinen Hals, und ich wachte schreiend auf.

Nur langsam fand ich in die Wirklichkeit zurück. Natürlich wusste ich, dass die Todesstrafe in Großbritannien schon vor vielen Jahren abgeschafft worden war. Aber ich fühlte mich trotzdem ziemlich mies. Unter erholsamem Schlaf verstehe ich jedenfalls etwas anderes. Ich versuchte eine Katzenwäsche an dem winzigen Waschbecken. Daraufhin besserte sich mein Zustand wenigstens etwas.

Nach einem Frühstück, das aus dünnem Kaffee und Marmeladenbrot bestand, wurde ich aus dem Zellentrakt des Polizeipräsidiums fortgeschafft. Inspektor Kennedy hatte mir ja schon angekündigt, dass ich ins Untersuchungsgefängnis überstellt werden sollte.

Im Hof des Gebäudes schob mich eine uniformierte Beamtin in einen schwarz lackierten Gefangenentransporter. Für die Fahrt waren mir Handschellen angelegt worden, diesmal aber wenigstens vor dem Oberkörper und nicht hinter dem Rücken. So konnte ich mich etwas besser bewegen.

In dem Transporter hockten bereits zwei andere Frauen, die ebenfalls gefesselt waren. Sie starrten mich neugierig an.

Die ältere von ihnen war mager und bleich. Sie roch wie ein Aschenbecher, der seit Tagen nicht geleert worden war. Die jüngere war fett, hatte blau gefärbte Haare und gehörte, wenn man ihren Unterarm-Tattoos glauben konnte, zu einer berüchtigten Gang aus Glasgow. Die Tätowierung zeigte einen großen roten Blutstropfen, darin ein Kreuz: das Symbol der Bloody Priests. Nicht umsonst ist Glasgow das Banden-Eldorado Großbritanniens. Hier gibt es mehr Gangs als in London, obwohl das die größere Stadt ist. Jedenfalls hatte ich das mal gelesen.

„Hast du eine Kippe, Kollegin?“, fragte mich die Nikotinfreundin mit Reibeisenstimme.

Ich schüttelte den Kopf. Mit dem Rauchen hatte ich schon vor Jahren aufgehört. Und falls ich in jener Unglücksnacht wieder gequalmt hatte, waren meine restlichen Zigaretten ebenso verschwunden wie meine Erinnerung an die Ereignisse.

Die Dicke lachte höhnisch.

„Glaubst du, dieses Modepüppchen raucht Zigaretten, Tamara? Sieh dir doch die eingebildete Schnepfe nur mal genau an, das ist doch eine Bonzentochter. Die denkt doch, sie sei was Besseres. – Warum haben die Bullen dich überhaupt eingebuchtet, Süße?“

Die Frage war an mich gerichtet. Und ich hielt es für besser, meine zukünftige Mitgefangene nicht zu verärgern. Also sagte ich die Wahrheit.

„Mord.“

„Mord?“, wiederholte die übergewichtige Gang-Tussi. Es klang so empört, als ob ich sie beleidigt hätte. „Glaubst du, wir lassen uns von dir verschaukeln?“

„Hört auf zu streiten, Mädels“, sagte die uniformierte Polizistin, die im Gefangenentransporter mitfuhr. Sie schloss die Tür von innen. Dann setzte sie sich neben mich und klopfte mit der flachen Hand gegen die Trennwand zur Fahrerkabine. Daraufhin setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Aber die Dicke gab keine Ruhe.

„Dieses Miststück lügt uns an, Officer“, meinte die Wuchtbrumme. „Das ist doch keine Art, oder? Die ist doch nie und nimmer eine Mörderin!“

Die Polizistin warf einen Blick auf ihre Liste, die sie an einem Clipboard befestigt hatte.

„Also, hier steht auch: Lindsay Duncan, Mordverdacht. Dann wird es wohl stimmen, oder? Und nun gib endlich Ruhe, Suzie.“

Die mit Suzie angesprochene Gefangene und ihre Freundin sagten nun wirklich nichts mehr. Aber mir fiel auf, dass sie mich jetzt respektvoll und ein wenig ängstlich betrachteten. Vermutlich würde ich in der Gefängnis-Hackordnung ganz oben stehen. Ich hatte mal gelesen, dass hinter Gittern Mörder die größte Anerkennung genießen und Triebtäter die geringste.

Aber auf die Anerkennung von diesen Knasthühnern hätte ich gern verzichten können. Doch momentan musste ich mich ganz darauf konzentrieren, nicht vom Sitz zu rutschen. Die Fahrt durch die Stadt verlief nämlich nicht gerade angenehm. Immer wieder legte sich der Gefangenentransporter scharf in die Kurven. Man musste die Beine gegen den Boden stemmen und sich mit den Händen am Rand der Sitzbank festhalten. Von draußen hörte man wilde Chorgesänge, Autohupen und das Klirren von zerbrechenden Flaschen. Erkennen konnten wir nichts, denn die kleinen Lichtschlitze des vergitterten Fahrzeugs befanden sich weit über unseren Köpfen.

„Was ist denn da los?“, fragte ich.

„Celtic Glasgow hat heute ein Heimspiel“, gab die Polizistin zurück. „In der Stadt geht es rund. Aber die Kollegen versuchen, einen Umweg zu fahren.“

Das wunderte mich nicht. Ein Fußballspiel bedeutete in dieser schottischen Metropole mehr oder weniger Bürgerkrieg, daran hatte ich mich schon gewöhnt. Immerhin lebte ich schon fast zwei Jahre in Glasgow. Aber bisher hatte ich es immer geschafft, mich am Wochenende vom Stadion fernzuhalten. Also war ich zuversichtlich, dass auch der Polizist am Lenkrad die richtige Route wählen würde. Gerade die Ordnungshüter mussten doch am besten wissen, wie heftig die Kämpfe zwischen den verfeindeten Fans ausgetragen wurden. Soweit ich wusste, verabredeten sich die Hooligans ja regelrecht per Handy und Internet zu ihren Massenschlägereien. Also stellte ich mich auf eine etwas längere Fahrt in dem unbequemen Fahrzeug ein.

Doch wenig später stoppte der Gefangenentransporter. Der Fahrer betätigte die Hupe und ließ sie gar nicht mehr los. Aber offenbar nützte das nichts. Und dann ertönten dumpfe Geräusche. Es klang, als würden Hunderte von Fäusten gegen das Stahlblech unseres Fahrzeugs trommeln. Wahrscheinlich war das auch so.

„Das sind Celtic-Hooligans!“, rief Suzie. „Mann, diese Jungs sind völlig durchgeknallt. Ich war mal mit einem von ihnen zusammen!“

In diesem Moment war mir das Liebesleben meiner übergewichtigen Mitgefangenen herzlich egal. Ich musste mich nämlich noch stärker festhalten, um nicht von der Bank zu fliegen. Die Kerle gaben sich offenbar nicht mehr damit zufrieden, wie die Irren gegen die Außenwände unseres Gefangenentransporters zu hämmern. Sie begannen nun auch noch damit, das Fahrzeug hin und her zu schaukeln. Das war eine beachtliche Leistung, denn der gepanzerte Wagen war gewiss kein Leichtgewicht. Es mussten Dutzende von Männern sein, die sich da an dem Auto vergriffen. Die begleitende Polizistin hatte schon längst zu ihrem Sprechfunkgerät gegriffen und sprach aufgeregt mit ihrer Leitzentrale. Allerdings konnte ich sie nicht verstehen, obwohl ich unmittelbar neben ihr saß. Die wüsten Fan-Gesänge, die von draußen hereindrangen, waren einfach zu laut.

Suzie rutschte von der Sitzbank und krachte mit ihrem Kopf gegen meine Schulter. Es tat weh, aber es war auszuhalten. Im nächsten Moment bekamen wir ganz andere Probleme.

Denn nun kippte der Gefangenentransporter um!

Es kam mir vor, als ob ich alles in Zeitlupe miterleben würde. Ich wurde vorwärts und gleichzeitig nach oben geschleudert, während sich das behäbige Fahrzeug drehte wie ein sterbender Wal. Als der Wagen auf der Seite landete, krachte es entsetzlich. Die Hintertür am Heck sprang auf.

Mein Knie tat weh, aber ich konnte gehen. Meine Knochen waren durchgeschüttelt worden, aber ansonsten fehlte mir nichts. Ich schaute mich um. Die Polizistin und Suzie waren bewusstlos, die ältere Drogentante wirkte zumindest benommen. Sie stöhnte vor sich hin.

Und durch die offen stehende Doppeltür glotzte ein Haufen Typen mit Celtic-Schals und – Shirts in den kaputten Gefangenentransporter. Mir wurde klar, dass ich nun die einmalige Chance zur Flucht hatte. Diese Kerle würden mich gewiss nicht daran hindern. Wer einen Gefangenentransporter umkippt, ist in meinen Augen jedenfalls kein gesetzestreuer Bürger, der die Flucht einer Strafgefangenen vereitelt.

Außerdem kriegten die Hooligans nun selbst Probleme.

Ich hörte Polizeisirenen, die immer näher kamen, außerdem das Getrappel von zahlreichen Pferdehufen. Als ich aus dem umgekippten Fahrzeug krabbelte, fand ich mich mitten in einem unglaublichen Chaos wieder.

Mehrere geparkte Autos brannten, Fensterscheiben von Geschäften waren eingeschlagen worden. Überall roch es nach Benzin und Alkohol. Links und rechts von mir standen Hunderte von Celtic-Fans. Sie skandierten immer noch ihre Parolen, einige von ihnen filmten sich selbst mit Handys. Viele von ihnen waren vermummt. Aus Richtung Süden rückte nun die berittene Polizei an. Steine flogen, ein paar Tränengasgranaten explodierten zwischen den Fußballrowdys. Es konnte nur noch Minuten dauern, bis die Ordnungskräfte und ihre Herausforderer zusammenknallen würden.

Doch da hatte ich schon die Beine in die Hand genommen. Ich duckte mich, schlug ein paar Haken und rannte in eine ruhige Seitenstraße. Ich lief weiter, bis ich Seitenstechen bekam. Immer wieder warf ich einen Blick nach hinten. Ich war mir sicher, dass ich im nächsten Moment einen Polizisten hoch zu Ross erblicken würde. Oder einen Streifenwagen, vielleicht sogar einen Polizeihubschrauber.

Aber niemand verfolgte mich. Ich war frei!