6. KAPITEL

Das Gebäude war mir unheimlich. Es roch nach verfaultem Holz und Schimmel. Offenbar war dieses Gemäuer früher ein Warenlager gewesen, denn im Lichtschein von Camerons kleiner Taschenlampe sah ich zerbrochene Holzkisten und Stapel von zerrissenen Jutesäcken.

„Das Haus wird nächste Woche abgerissen, das weiß ich von einem Kumpel. Er arbeitet für die Baufirma. Immerhin sind wir für diese Nacht ungestört. Obdachlose werden hier nicht unterkriechen.“

„Und wieso nicht? Hat das Dach Löcher?“

„Nein, das Dach ist in Ordnung. Aber angeblich spukt es in diesem Haus. Der letzte Besitzer des Gebäudes hat sich auf dem Dachboden erhängt, als er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. So etwas spricht sich schnell herum, jedenfalls in Glasgow. Und die meisten Vagabunden sind ziemlich abergläubisch.“

Darauf erwiderte ich nichts. Auch ich fand die Vorstellung, in einem Geisterhaus übernachten zu müssen, nicht besonders prickelnd. Aber ich sagte nichts, weil ich vor Cameron nicht als Weichei dastehen wollte. Es nervte mich sowieso, dass ich eigentlich nur ihm meine gelungene Flucht zu verdanken hatte. Ohne seine halsbrecherischen Fahrkünste und sein Orientierungsvermögen in den alten Stadtteilen hätten die Cops mich schon längst wieder eingefangen. Darüber machte ich mir keine Illusionen. Aber ich wollte kein schwaches Weibchen sein, das sich ständig von einem starken Helden retten lassen musste. Wie sollte Cameron mich respektieren, wenn ich so hilflos wirkte? Deshalb wurde es höchste Zeit, dass ich selbst etwas unternahm.

Doch momentan machte sich bei mir eine große Erschöpfung breit. Allerdings war das nach den Ereignissen des Tages auch kein Wunder. Wenn ich nicht wenigstens ein paar Stunden Schlaf fand, würde ich am nächsten Morgen überhaupt keine Energie haben.

Cameron und ich kletterten über steile Treppen hoch in das zweite Stockwerk. Dort gab es einen fensterlosen Raum, der trocken und etwas weniger schmutzig war als die großen Lagersäle. Vielleicht hatte er einmal als Büro gedient.

Cameron schleppte einige Stapel Jutesäcke herbei.

„Ein Himmelbett bietet zweifellos besseren Übernachtungskomfort, Lindsay. Und leider kann ich dir auch nicht deinen Morgentee auf der Bettkante servieren.“

„Das macht nichts“, erwiderte ich mit weicher Stimme.

Seit wir diesen Raum betreten hatten, hatten sich meine Gefühle schlagartig geändert. Die Beklemmung wegen der unheimlichen Atmosphäre war verflogen, genauso wie meine Angst vor einer neuerlichen Verhaftung. Okay, meine Zukunftsaussichten waren noch nie so mies gewesen. Aber gerade deshalb brachte es mir nichts, mich mit verzagten Grübeleien selbst zu quälen.

Ich war immer noch frei, und ich hatte einen tollen Typen an meiner Seite. Es sah ganz danach aus, dass Cameron mich ebenso gut fand wie ich ihn. Jetzt wurde es dringend Zeit, dass ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen ließ.

Cameron kniete auf dem Boden und schichtete einige Jutesäcke übereinander. Ich kam von hinten an ihn heran und schlang meine Arme um seine breiten Schultern. Als ich erst mal meine eigenen Hemmungen überwunden hatte, ging alles ganz leicht. Denn ich spürte instinktiv, dass er mich nicht zurückstoßen würde. Oder ich hoffte es wenigstens.

„Schön machst du das“, flüsterte ich ihm ins Ohr. „Wollen wir mal ausprobieren, ob diese Unterlage auch weich genug ist?“

Cameron erstarrte. Einen entsetzlichen Moment lang fürchtete ich, dass ich ihn falsch eingeschätzt hatte. Würde er sich gleich von mir losmachen und mir sagen, dass wir doch lieber nur Freunde bleiben sollten? Diesen furchtbaren Satz aussprechen, vor dem sich jedes Mädchen fürchtet, das seine starken Gefühle offenbart?

Du bist für mich wie eine Schwester.

Aber das passierte nicht. Diese Worte aus Camerons Mund zu hören, blieb mir erspart. Zum ersten Mal in den vergangenen vierundzwanzig Stunden hatte ich wirkliches, echtes Glück. Cameron drehte seinen Kopf. Nun befanden sich meine Lippen nicht mehr neben seinem Ohr, sondern direkt vor seinem Mund. Ich kann nicht sagen, ob der Kuss von ihm oder von mir ausging. Wahrscheinlich bewegten wir uns gleichzeitig aufeinander zu, so wie ein Magnet und ein Eisenstück, die unwiderstehlich voneinander angezogen werden.

Während unsere Zungen einen beängstigend schönen Reigen miteinander begannen, zog Cameron mich in seine Arme. Ich strich mit den Fingerspitzen über seine stopplige Wange, sog seinen männlichen Geruch auf. Ich versuchte, Cameron mit allen Sinnen zu erfassen. Ich wollte ihn sehen, schmecken, fühlen, riechen. Und ich hörte ihn auch, als sich unsere Münder voneinander lösten und ich meine rechte Hand ganz oben auf seinen sehnigen Oberschenkel legte.

Cameron stieß einen rauen, erregten Laut aus. Und das, was ich unter meinen Fingerspitzen fühlte, beschleunigte auch meinen Herzschlag ganz ungeheuer. Ich hatte ja Cameron schon splitternackt gesehen, als er noch als Aktmodell gearbeitet hatte. Aber damals war seine Männlichkeit nicht zu dieser Größe angewachsen, die ich nun unter dem Jeansstoff ertasten konnte. Cameron fand mich auch gut, so viel stand fest. Seine Reaktion ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Und ein schöneres Kompliment konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen.

Auch Cameron ging auf meinem Körper auf Entdeckungsreise. Seine Fingerkuppen umfassten meine Brustwarzen, die schon hart wie Kieselsteine waren. Ich kann nicht sagen, ob es in diesem verflixten Abbruchhaus kalt war. Ich jedenfalls fror nicht, als Cameron mich ausgezogen hatte. Er sah nicht nur gut aus, er wusste auch, was er mit seinem Körper anstellen konnte. Ich bin kein unerfahrenes Mauerblümchen, aber Cameron war von meinen bisherigen Lovern zweifellos der beste. Doch das lag gewiss nicht nur daran, dass er so einen traumhaften Body hatte. Nein, ich war auch richtig in ihn verliebt. Und darum fand ich jede seiner Berührungen doppelt und dreifach schön. Sein heißer Atem auf meiner nackten Haut steigerte meine Lust ins Unermessliche.

Wir hatten sehr viel voneinander in dieser Nacht. Cameron und ich ließen erst voneinander ab, als wir total erledigt waren. Ich fühlte mich so ausgepowert, als ob ich an einem Marathon teilgenommen hätte. Aber tief in meinem Inneren war ich unglaublich befriedigt, denn Cameron hatte mich vollständig ausgefüllt. Und das in jeder Hinsicht.

„Dann sind wir jetzt ein Paar, oder?“, fragte Cameron, als er wieder zu Atem gekommen war. Er spielte mit einer meiner schweißnassen Haarsträhnen.

„Das hoffe ich doch sehr. Ich bin jedenfalls kein Flittchen, das es mit jedem macht.“

„So etwas würde ich auch nicht von dir denken. Ich habe mich übrigens in dich verliebt, Lindsay.“

Mein Herz schlug schneller, und ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter.

„Und ich mich in dich, Cameron.“

Eine Zeit lang lagen wir einfach nur da und genossen das Glück, einander gefunden zu haben. Aber allmählich kehrten die Gedanken an die Zukunft zurück, die unmittelbar bevorstand.

„Ob Robert Cincade und diese Nelly meine Erzfeindin auf dem Gewissen haben? Was glaubst du, Cameron?“

„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Sicher, Nelly ist total besitzergreifend. Und ihr Tarot-Tick nervt. Aber warum hätte sie Alice umbringen sollen, wenn sie ihr Robert doch schon ausgespannt hatte? Und vor allem: Was sollte es bringen, dir die Schuld in die Schuhe zu schieben? Du kanntest sie doch gar nicht.“

Ich fühlte einen Stich von Eifersucht.

„Aber du kennst Nelly anscheinend ganz gut.“

„Ja, aber wir waren nie zusammen. Sie war mal mit einem Freund von mir liiert. Daher weiß ich, dass sie einem Mann gewaltig auf die Nerven gehen kann. Aber warum hätte Robert behaupten sollen, dass Alice ein Geheimnis hatte und aus Schottland verschwinden wollte?“

„Um den Verdacht von sich abzulenken.“

„Aber die Polizei verdächtigt ihn doch sowieso nicht. So wie ich das sehe, bist du bisher die einzige Verdächtige. Aber wir wissen, dass du Alice nicht getötet hast.“

„Wissen wir das wirklich?“, seufzte ich pessimistisch. „Eine Zeit lang habe ich an mir selbst gezweifelt, weil ich in der Nacht ziemlich blau gewesen bin. Aber ich hätte niemals dieses blöde Messer aus der Kunstakademie mitgehen lassen. Dieses Beweisstück zeigt mir nur sehr deutlich, dass mich jemand reinreiten will.“

„Richtig, und Nelly ist keine Studentin. Sie arbeitet in einem Esoterikladen. Es würde also auffallen, wenn sie einfach in die Glasgow School of Art spaziert und dort ein Messer klaut.“

Ich nickte.

„Ja, seit so viele Geldbeutel und Handys gestohlen werden, ist der Uni-Sicherheitsdienst auf Zack. Wenn man Ärger mit den Wachleuten vermeiden will, sollte man besser ständig seinen Studentenausweis dabeihaben. Robert Cincade hingegen studiert Kunst. Aber er ist nicht in meinem Modellierkurs, wo die Messer herumliegen. Es wäre also möglich, dass er die Tatwaffe besorgt hat, aber nicht allzu wahrscheinlich. Er müsste ja auch herausgefunden haben, welches Messer von mir benutzt wurde. In dem Kurs sind immerhin elf Studenten. Man kann dort nicht einfach ein und aus gehen, wie es einem gefällt. Der Raum wird nämlich abgeschlossen, wenn nicht gerade modelliert wird. Das machen sie grundsätzlich, seit im vorigen Semester irgendwelche Idioten die Kunstwerke mutwillig zerstört haben.“

„Wir müssen ja Robert Cincade und Nelly Perkins auch nicht von unserer Verdächtigenliste streichen. Aber wir sollten auch daran denken, dass Alice noch andere Feinde gehabt haben könnte.“

„Ja, genau. Und dieser Widersacher muss so viel Macht haben, dass er meine beiden Freundinnen zu einer Falschaussage gebracht hat. Wenn Fiona und Allison gegenüber der Polizei nicht gelogen hätten, würde ich jetzt nicht so tief in der Tinte sitzen. Am liebsten würde ich mir diese beiden treulosen Tomaten mal vorknöpfen.“

„Lass es uns tun“, meinte Cameron schläfrig. „Wir müssen nur aufpassen, ob sie vielleicht Polizeischutz erhalten. Sonst tappen wir nämlich direkt in die Falle.“

Ich brummte zustimmend, und im nächsten Moment war ich eingeschlafen. Auch Camerons Atemzüge gingen schon sanft und regelmäßig.

Am nächsten Morgen wurden wir von unserem eigenen Magenknurren geweckt. Wir riskierten es, in einer abgerockten Imbissstube frühstücken zu gehen. Sie gehörte einem Pakistani, der auf einem Fernseher in der Ecke das TV-Programm seiner Heimat laufen ließ. In der Nachrichtensendung aus Islamabad würde wohl kaum mein Fahndungsfoto auftauchen. Und tatsächlich schienen sich weder der Wirt noch seine ebenfalls pakistanischen Gäste für uns zu interessieren. Wir frühstückten starken Tee und Eier mit scharfer Soße, dann machten wir uns wieder davon.

Zwischen Cameron und mir lief es nach unserer Liebesnacht unheimlich gut. Wir verstanden uns auch ohne viele Worte. Es kam mir vor, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Aber vielleicht schweißt eine gemeinsame Flucht vor der Polizei auch besonders stark zusammen. Auf diese Erfahrung hätte ich allerdings gut verzichten können. Aber nicht auf die Nacht in seinen Armen.

„Die Perücke kannst du wegwerfen“, meinte Cameron. „Nachdem Nelly Perkins die Cops alarmiert hat, wird jeder Officer in Glasgow deine neue Personenbeschreibung haben. Meine übrigens auch. Wir sollten also einen Secondhandladen suchen und uns andere Klamotten besorgen.“

„Hast du überhaupt noch Geld, Cameron?“

„Nicht viel, aber es wird schon gehen. Vielleicht können wir noch mal eine Nacht in der Ruine verbringen. Von Geistern habe ich dort jedenfalls nichts bemerkt. Nur von einer Hexe, die mir mit ihrem Liebeszauber den Kopf verdreht hat.“

Mit diesen Worten legte er den Arm um meine Schultern und schaute mich verliebt an. Ich gab ihm einen Kuss.

„Ich hoffe ja immer noch, dass ich meine Unschuld beweisen kann. Es tut mir auch leid, dass ich dich in meine Probleme hineingezogen habe.“

„Mir nicht“, gab Cameron trocken zurück. „Wenn du nicht unter Mordverdacht geraten wärst, hätten wir vielleicht niemals die vorige Nacht gemeinsam verbracht. Und es war die bisher schönste Nacht meines Lebens.“

Mir lief ein warmer Schauer über den Rücken, denn ich spürte, dass Camerons Worte ehrlich gemeint waren. Er machte auf mich nicht den Eindruck eines Aufreißers, der jede Gelegenheit für einen Flirt beim Schopf ergreift. Damals im Aktzeichenkurs hatten ihm viele Studentinnen schöne Augen gemacht. Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass er eine von ihnen abgeschleppt hatte. Ich selbst war seinerzeit noch zu schüchtern gewesen, um mein Glück bei ihm zu versuchen. Aber dafür hatte ich ja jetzt meine zweite Chance genutzt.

Wir bewegten uns auf einem seltsamen Zickzackkurs durch das morgendliche Glasgow. Hauptstraßen und große Plätze mussten wir vermeiden, denn dort gab es flächendeckend Überwachungskameras. Also liefen wir nur durch Gassen und stille Seitenstraßen. Endlich gelangten wir zu einem Secondhand-Klamottenladen, der von einer alten Hippietante geführt wurde. Sie trug hennarote lange Haare und begrüßte uns mit dem Peace-Zeichen. Ich fand dort einen Jeansanzug in meiner Größe, in dem ich mir vorkam wie eine Figur aus einer Siebzigerjahre-Collegekomödie. Cameron suchte sich eine schwarze Jeans und einen grauen Kapuzenpulli aus. Wir grinsten uns gegenseitig an. Wie Bonny und Clyde oder ein anderes Gangsterpärchen wirkten wir jedenfalls nicht.

„Jetzt schauen wir wenigstens nicht mehr so aus wie in der aktuellen Polizei-Personenbeschreibung, Lindsay.“

„Du hast recht. Man sollte immer das Positive im Leben sehen.“

Cameron bezahlte die Klamotten, die zum Glück sehr billig waren. Ich kam ja nicht an mein Geld heran, weil meine EC-Karte für mich unerreichbar in meiner Wohnung lag. Wahrscheinlich hatten die Cops mein Konto sowieso schon gesperrt. Doch selbst wenn ich sie bei mir gehabt hätte – sobald ich an einen Geldautomaten ging, wurde dadurch mein Standort verraten. Nein, das konnte ich nicht riskieren. Ganz abgesehen davon, dass alle Automaten mit Überwachungskameras versehen waren.

Doch als wir den schäbigen Laden verließen, sah ich plötzlich eine der wenigen Glasgower Telefonzellen, die noch nicht von Vandalen plattgemacht worden war.

„Cameron, ich würde gern meine Eltern anrufen. Sie müssen sich schreckliche Sorgen um mich machen. Was glaubst du, wie lange kann man telefonieren, bevor die Cops den Anruf zurückverfolgen können?“

Cameron grinste schief, wurde dann aber sofort wieder ernst.

„Du hältst mich wohl für einen Profi-Kriminellen, was? – Also, ich habe keine Ahnung. Aber wenn du nur ein paar Sekunden lang sprichst, wird es schon gutgehen.“

Er gab mir unaufgefordert ein paar Pence-Münzen für den Anruf. Für solche kleinen Gesten liebte ich ihn über alles. Und natürlich für seine schönen Augen, für seinen Mut, für seinen trockenen Humor und seine feingliedrigen starken Hände – und für noch ein paar andere Dinge, die nur mich etwas angehen.

Cameron nickte mir auffordernd zu. Er blieb draußen und lehnte sich gegen die Wand, während ich in die Telefonzelle ging und die Tür hinter mir zuzog. Ich warf das Geld ein und wählte die Nummer meiner Eltern. Natürlich kannte ich sie auswendig.

Das Freizeichen ertönte. Mein Herz klopfte so laut wie ein Schmiedehammer, der auf einen Amboss geschlagen wird. Mir lief der Schweiß in Strömen den Rücken herunter. Wenn meine Eltern nun gar nicht daheim waren? Wenn sie auf der kleinen Dorf-Polizeistation vernommen wurden, und …

„Duncan.“

Das war die Stimme meiner Mutter. Plötzlich hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Fast glaubte ich, dass ich gar nicht sprechen könnte. Mom klang sehr angespannt. Wahrscheinlich machte sie sich die größten Sorgen um mich. Das hätte jedenfalls ich getan, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre.

„Hallo? Wer ist denn da?“

Nun hörte sie sich schrill an, fast hysterisch. Wenn ich jetzt nichts sagte, würde sie auflegen, da war ich mir sicher. Und dann wäre ich das Risiko des Anrufs völlig umsonst eingegangen.

„Mom? Hier ist Lindsay.“

„Lindsay!“

Es klang wie der Schrei eines verwundeten Tieres. Schon bereute ich, dass ich meine Eltern überhaupt kontaktiert hatte. Aber sie mussten doch erfahren, dass ich lebte und dass ich nichts Unrechtes getan hatte – abgesehen davon, dass ich aus dem Gefangenentransporter abgehauen war.

Bevor ich zu Wort kommen konnte, redete meine Mutter weiter.

„Lindsay, Dad und ich stehen zu dir. Es ist uns egal, was du getan hast. Aber du musst dich der Polizei stellen, verstehst du? Wir besorgen dir einen Anwalt, wir tun alles für dich. Aber du darfst dich nicht länger verstecken. Vielleicht ist es ja Notwehr gewesen, dass du dieses Mädchen …“

„Ich habe niemanden getötet, Mom“, unterbrach ich sie. „Jemand will mir die Tat in die Schuhe schieben. Hör zu, ich muss jetzt Schluss machen. Es geht mir gut, ich melde mich wieder.“

Und dann hängte ich schnell den Hörer ein, weil ich so laut schluchzen musste. Es tat mir leid, dass meine Mutter wegen mir so beunruhigt war. Doch ich lebte ja noch, und vielleicht würde ich sogar aus dieser ganzen Sache halbwegs ungeschoren wieder herauskommen können. Die Hoffnung hatte ich jedenfalls noch nicht aufgegeben.

Cameron bemerkte natürlich sofort, wie mies ich mich fühlte. Als ich die Telefonzelle verließ, legte er den Arm um meine Schultern.

„Komm, wir knöpfen uns jetzt deine sogenannten Freundinnen vor. Hast du eine Ahnung, wo wir sie finden können?“

Ich nickte und trocknete meine Tränen. Es war gut, sich auf eine Aufgabe konzentrieren zu können. Ehrlich gesagt, drehte ich nach dem Telefonat mit meiner Mutter ziemlich am Rad. Doch nun musste ich mich zwingen, planvoll vorzugehen. Es brachte niemandem etwas, wenn ich in Hysterie verfiel. Am allerwenigsten mir selber.

„Heute ist Mittwoch, oder?“

„Yep.“

„Dann werden wir zumindest Allison im Uni-Sportzentrum finden, Cameron. Sie trainiert jeden Montag, Mittwoch und Freitag im Kraftraum, weil sie an den britischen Bodybuilding-Meisterschaften teilnehmen will.“

„Ernsthaft?“

„Ja, Allison ist wirklich ziemlich fit.“

„Okay, das Uni-Sportzentrum kenne ich. Das Gelände ist unübersichtlich. Wahrscheinlich werden wir es rechtzeitig bemerken, wenn deine Freundin eine Polizei-Leibwache hat. Wir müssen natürlich auf die Überwachungskameras aufpassen. Aber in der Damen-Umkleide werden wohl keine installiert sein.“

Ich lachte.

„Wollen wir es hoffen.“

Cameron schaffte es immer wieder, mich schnell aus meinen trüben Stimmungen zu reißen. Wir hatten beide den gleichen Humor. Es dauerte ziemlich lange, bis wir die Sportanlagen erreichten. Immerhin mussten wir ja zu Fuß gehen und jede Begegnung mit Streifenwagen vermeiden.

Zunächst blieben wir in Deckung und beobachteten, hinter einem geparkten Van versteckt, das Gelände. Einen Streifenwagen konnten wir nirgends entdecken, aber das musste ja nichts heißen. Doch es gab offenbar auch kein Auto, in dem Männer Wache schoben, die nach Zivilcops aussahen. Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet hatten, beschlossen wir, es zu riskieren.

Cameron und ich wollten in das Gebäude eindringen. Eigentlich brauchte man dafür eine elektronische Schlüsselkarte. Aber ich schätze, das Sicherungssystem taugte nicht viel. Jedenfalls schaffte es Cameron, das Schloss mit einer ganz normalen Kreditkarte zu öffnen.

„Hey, bist du ein Profi-Einbrecher?“

„Unsinn, Lindsay. Aber ich habe mich mal aus Versehen selbst in diesem Gebäude eingeschlossen. Ich habe hier auch mal trainiert, weil ich als Aktmodell die Geräte kostenlos nutzen durfte. Da hatte ich die Wahl, entweder bis zum Morgen zu warten oder irgendwie zu versuchen, das System auszutricksen. Wenn man das Prinzip verstanden hat, ist es gar nicht so schwer.“

Ich nickte nur. Eigentlich war es mir auch egal, woher Cameron diese fragwürdige Fähigkeit besaß. In diesem Moment war ich in Gedanken schon völlig bei Allison. Eine Mischung aus Wut und Enttäuschung schnürte mir die Kehle zu. Warum nur hatte meine Freundin mich mit ihrer Falschaussage ins Unglück gestürzt? Ich hoffte, auf diese Frage nun bald eine Antwort zu finden.

Als wir erst im Gebäude waren, beachtete uns niemand. Zwar kamen uns einige Studenten entgegen, aber keiner von ihnen schenkte uns Aufmerksamkeit. Das wunderte mich nicht. Wer zum Uni-Sport ging, dachte vor allem an sein eigenes Training, höchstens vielleicht noch an seine Teamkameraden. Aber nicht an ein junges Pärchen, das ebenfalls einen sehr zielgerichteten Eindruck machte. Und die Polizei würde uns hier zuallerletzt vermuten. Jedenfalls hoffte ich das.

Wir gingen an einigen Gymnastiksälen und Mehrzweckhallen vorbei. Die Geräuschkulisse bewies uns, dass dort die Basketballspieler und die Fechter zugange waren. Man hörte deutlich das Dribbeln und Aufschlagen der Bälle, das metallische Klirren der Klingen und das schrille Piepen der Trefferanzeige. Cameron und ich bewegten uns auf den Westflügel des Gebäudes zu, in dem sich der Kraftraum befand.

„Okay, ich gehe jetzt mal in die Damen-Umkleide und peile die Lage. Ich weiß noch nicht, wie ich mit Allison in Kontakt treten kann. Da muss ich mir was einfallen lassen.“

„Alles klar, Lindsay. Ich warte hier neben dem Getränkeautomaten. Wenn du meine Hilfe brauchst, musst du nur laut genug schreien.“

„Das werde ich tun. Drück mir die Daumen.“

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab Cameron einen schnellen Kuss. Dann wandte ich mich von ihm ab und betrat den weitläufigen Umkleideraum. Dort herrschte das übliche Chaos. Mein suchender Blick schweifte hin und her, aber ich konnte nirgendwo Klamotten entdecken, die meiner verräterischen Freundin gehörten. Und wenn sie momentan gar nicht trainierte?

Ich hätte natürlich die Umkleide durchqueren und in den Kraftraum hinübergehen können. Aber wenn Allison mich erblickte, schlug sie womöglich gleich Alarm. Nein, ich musste sie irgendwie allein abpassen. Aber war das überhaupt möglich? Ich musste mir eingestehen, dass ich keinen brauchbaren Plan hatte.

Da bemerkte ich ein unscheinbares blondes Mädchen, wahrscheinlich ein Erstsemester. Die Studentin zog sich gerade ihren Sport-BH an. Ansonsten war sie mit Shorts und Hallenschuhen bekleidet. Sie schlüpfte noch in ein T-Shirt, griff sich ihr Handtuch sowie ihre Trinkflasche und nickte mir zu. Offenbar wollte sie gerade zum Training gehen.

Da hatte ich eine Idee.

„Hallo. Sag mal, kennst du Allison Westley?“

„Meinst du dieses Kraftpaket? Sie studiert Kunst, nicht wahr? Und sie will an irgendwelchen Bodybuilding-Meisterschaften teilnehmen. Das erzählt sie jedenfalls jedem, der es hören will.“

Ich musste grinsen. Die Blonde gefiel mir. Und die Beschreibung passte zu Allison.

„Ja, genau die meine ich. – Kannst du mir einen Gefallen tun? Wenn du sie gleich im Kraftraum siehst, könntest du sie dann in die Umkleide schicken?“

Die Studentin zuckte mit den Schultern.

„Sicher, das könnte ich tun. Aber warum gehst du nicht selbst zu ihr?“

Mit dieser Frage hatte ich gerechnet. Und als ich jetzt wieder den Mund öffnete, ging mir die Lüge glatt über die Lippe.

„Ich will Allison überraschen. Ich bin nämlich ihre beste Freundin und studiere eigentlich in Amerika. Sie weiß noch nicht, dass ich für ein paar Tage nach Glasgow gekommen bin. Sie wird große Augen machen, wenn sie mich sieht.“

Ich zwinkerte der Blonden verschwörerisch zu und grinste.

„Ah, ich verstehe. Und was soll ich sagen, wenn Allison fragt, warum sie in die Umkleide kommen soll?“

„Du kannst ja behaupten, jemand hätte versehentlich klebrigen Saft auf ihre Klamotten geschüttet.“

Die Studentin lachte.

„Ich weiß ja gar nicht, ob sie jetzt überhaupt da ist. Aber falls nicht, dann komme ich gleich wieder und sage dir Bescheid.“

Mit diesen Worten verschwand die Blonde im Kraftraum. Kurz hörte ich das dumpfe Geräusch, wenn jemand beim Kreuzheben die Langhantel auf den Boden fallen lässt. Außerdem erblickte ich einige Leute, die hart am Latzug oder am Butterfly trainierten. Aber ich konnte auf die Entfernung nicht erkennen, ob meine Freundin dort war. Der Kraftraum ist einfach auch groß und unübersichtlich. Dort können 50 bis 60 Leute gleichzeitig trainieren.

Nun begann für mich ein nervenaufreibendes Warten. Hatte ich mir vielleicht selbst eine Falle gestellt? Wenn Allison Lunte roch und den Sicherheitsdienst alarmierte, waren Cameron und ich geliefert. Aus diesem Gebäude würden wir nur sehr schwer wieder entkommen können. Die Cops mussten einfach nur anrücken und sämtliche Ausgänge besetzen. Dann konnten sie uns pflücken wie überreife Früchte.

Und selbst wenn Allison auf meine List hereinfiel – sie war ja viel stärker als ich. Nicht umsonst trainierte sie so hart mit den Gewichten. Ich stellte für Allison ganz sicher keine Bedrohung dar. Ich hatte ja noch nicht mal eine Waffe, obwohl mich ganz Glasgow für eine Mörderin hielt.

Warum sollte meine verräterische Freundin mir die Wahrheit sagen, anstatt mich zu überwältigen und die Polizei zu rufen? Plötzlich kam mir mein Plan, Allison und Fiona zur Rede zu stellen, gar nicht mehr so clever vor.

Doch nun war es zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen. Die Tür zum Kraftraum flog nämlich auf, und die wütende Allison kam hereingestürzt. Zum Glück bemerkte sie mich nicht sofort, sondern schaute sich suchend um.

„Okay, wer hat hier meine Anziehsachen ruiniert? Ich – oh, Lindsay.“

Allison schloss die Tür von innen und lehnte sich dagegen. Ihr Gesicht, das noch einen Moment zuvor vom harten Training gerötet und schweißbedeckt gewesen war, wurde schlagartig kreidebleich. Nervös wischte sich Allison ihre Handflächen an ihrem ärmellosen Top ab. Ihre Brust hob und senkte sich unter ihren Atemzügen. Sie konnte mir nicht in die Augen sehen.

Immerhin sah es nicht danach aus, dass Allison mich angreifen wollte. Das war doch schon ein kleiner Erfolg. Inzwischen hatte ich gelernt, mich mit wenig zufriedenzugeben.

„Ja, ich bin’s, Allison. Ich bin auf der Flucht vor der Polizei, aber das wirst du bestimmt auch schon gehört haben. Kannst du dir denken, warum ich hier bin?“

Nervös knetete meine Freundin mit den Fingern der rechten Hand ihr linkes Gelenk. Es dauerte einen sehr langen Moment, bis Allison ihre Lippen öffnete.

„Lindsay, du musst unheimlich sauer auf mich sein.“

„Wärst du das nicht auch an meiner Stelle? Du und Fiona, ihr habt mich so richtig in die Pfanne gehauen. Willst du das vielleicht leugnen?“

„Aber die Cops haben doch auch die Mordwaffe mit deinen Fingerabdrücken darauf gefunden. Jedenfalls habe ich das gehört.“

Nun sah ich beinahe rot. Am liebsten hätte ich Allison eine Ohrfeige verpasst. Aber erstens war sie viel stärker als ich, und zweitens hätte mich das nicht weitergebracht. Schließlich wollte ich ja von ihr die Wahrheit erfahren. Und wenn ich sie schlug, konnte ich mir eine ehrliche Antwort wahrscheinlich abschminken. Also beherrschte ich mich, obwohl ich innerlich vor Wut kochte.

„Mordwaffe, ja? Nun, ich habe Alice nicht erstochen. Das weiß ich genau, und du weißt es auch!“

Allison wand sich wie ein Aal.

„Nein. Ich habe keine Ahnung, was zwischen dir und Alice gewesen ist, Lindsay.“

Meine Freundin hatte ein schlechtes Gewissen, das konnte ich ihr an der Nasenspitze ansehen. Allison war eigentlich okay, sonst wäre ich wohl kaum mit ihr befreundet gewesen. Ich traute ihr auch nicht zu, irgendwelche gemeinen Intrigen auszuhecken. Aber trotzdem war sie mir in den Rücken gefallen. Und dafür musste es einen Grund geben.

Ich trat einen Schritt auf Allison zu.

„Du und Fiona und ich waren zusammen auf der Piste, wir haben Party gemacht. Daran kann ich mich genau erinnern, auch wenn ich ein paar Cocktails intus hatte. Und trotzdem habt ihr beide die Polizei angelogen, als es um mein Alibi für die Mordnacht ging. Dafür muss es doch einen Grund gegeben haben!“

„Den gab es auch“, flüsterte Allison. Sie hielt den Kopf gesenkt. Momentan konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass sie bei einem Bodybuilding-Contest Kraft und Selbstvertrauen ausstrahlen würde. Allison wirkte jetzt sehr schwach. Aber für mich war das gut, denn nun würde ich hoffentlich die Wahrheit erfahren.

„Nun rede schon, Allison. Lass dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.“

„Es ist mir so peinlich, Lindsay. Ich kann dich eigentlich total gut leiden, wir sind schließlich Freundinnen. Oder wir waren es, denn du willst jetzt bestimmt nichts mehr mit Fiona und mir zu tun haben. Das kann ich sogar verstehen. Aber Alice – sie hat uns erpresst.“

„Wie bitte?“

Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht damit. Ich hakte nach.

„Willst du mich für dumm verkaufen, Allison? Alice soll euch erpresst haben, nachdem sie erstochen wurde?“

„Nein, nach ihrem Tod natürlich nicht. Alice hat irgendwie mitgekriegt, dass du und Fiona und ich an dem Abend feiern gehen wollten. Also sagte sie zu Fiona und mir, dass wir dir für die Nacht auf keinen Fall ein Alibi geben dürften. Wir sollten einfach behaupten, wir wären nicht mit dir zusammen gewesen.“

„Und das habt ihr dann prompt getan, weil Alice so freundlich darum gebeten hat?“, fragte ich spöttisch. Allison schüttelte heftig den Kopf.

„Nein, sie hatte etwas gegen uns in der Hand. Alice war so ein intrigantes Biest. Sie konnte beweisen, dass ich gedopt habe. Wenn das rauskommt, würde ich für den Bodybuilding-Contest gesperrt, verstehst du? Ich habe monatelang hart trainiert, aber es hat nicht gereicht. Also habe ich etwas mit anabolen Steroiden nachgeholfen, damit sich meine Muskeln besser entwickeln.“

Mein Mitleid hielt sich in Grenzen.

„Und was ist mit Fiona, Allison? Womit hat Alice sie erpresst?“

„Fiona ist fremdgegangen. Du weißt doch, wie eifersüchtig ihr Freund ist. Bill ist Fionas große Liebe, und sie hat es auch schon schwer bereut, dass sie einmal bei Victor schwach geworden ist. Aber es ist jedenfalls passiert, und Alice hatte ein Foto von Fiona und Victor beim Knutschen. Weiß der Teufel, wie sie daran gekommen ist.“

Alice war sehr beliebt gewesen. Sie hatte eine Menge Mädchen zur Hand gehabt, die sie mit Informationen fütterten. Es war also durchaus vorstellbar, dass Alice von Fionas heimlicher Affäre Wind bekommen hatte, genauso wie von Allisons verbotenem Sport-Doping. Trotzdem, irgendetwas störte mich an der Story.

„Weißt du, was ich nicht verstehe, Allison? Angenommen, du sagst die Wahrheit. Alice hat euch erpresst. Zugegeben, das war eine Gemeinheit von ihr. Aber nun ist sie tot. Warum seid du und Fiona bei euren Falschaussagen geblieben? Warum könnt ihr nicht zur Polizei gehen und sagen, dass ihr euch geirrt habt? Die Cops würden euch wahrscheinlich noch nicht mal einen Strick daraus drehen. Wir sind schließlich oft genug gemeinsam abends unterwegs. Da kann man schon mal zwei Nächte verwechseln, oder?“

Allison seufzte.

„Daran habe ich auch schon gedacht, das musst du mir glauben. Aber ich traue mich nicht, und Fiona auch nicht. Es stimmt, Alice ist tot. Aber es kann ja auch sein, dass sie einen Komplizen hat, bei dem sich das Belastungsmaterial gegen uns befindet. Und irgendjemand muss sie schließlich auch ermordet haben.“

„Dann glaubst du also nicht, dass ich es war?“

„Nein, Lindsay. Du warst zur Tatzeit mit Fiona und mir zusammen. Aber ich kann meine Aussage nicht widerrufen. Dafür stecke ich schon zu tief in dieser Geschichte drin.“

Ich wusste nicht, ob ich mich über Allisons Aussage freuen oder ärgern sollte. War sie dreist oder einfach nur ehrlich? Immerhin hatte sie mir gegenüber zugegeben, dass sie die Polizei belogen hatte. Nun wusste ich immerhin endgültig, dass ich selbst Alice nicht umgebracht haben konnte. Aber momentan brachte mich diese Erkenntnis auch nicht wirklich weiter.

„Allison, glaubst du, dass Alice ihren eigenen Tod geplant hat?“

„Darüber habe ich auch schon nachgegrübelt. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Sie war so voller Power, genoss das Leben in vollen Zügen. Ich glaube eher, dass sie ein Geheimnis hatte und spurlos verschwinden wollte. Doch dann hat ihr Mörder ihre Pläne durchkreuzt.“

Ich horchte auf. Nach Robert Cincade war Allison jetzt schon die zweite Person, die von Alices Geheimnis sprach. Aber was hatte sie nur vor der Welt verborgen? In dieser Sache lag der Schlüssel zu ihrem Tod und ihrem wahren Mörder, daran hatte ich keinen Zweifel. Ich musste Allison weiter aushorchen.

„Mit vagen Andeutungen ist mir nicht gedient. Wohin wollte Alice verschwinden? Wenn sie ihren Tod inszenieren und mich als ihre Mörderin hinstellen wollte, dann muss sie doch ein Ziel gehabt haben. Einen Ort, der sich weit weg von Glasgow befindet. Hat sie mit dir oder Fiona darüber gesprochen?“

„Nein, Alice hat uns nichts anvertraut. Aber Fiona kannte sie etwas besser als ich. Vielleicht weiß sie etwas.“

Ich nagte nachdenklich an meiner Unterlippe.

„Fiona müsste um diese Zeit in der Uni sein, wenn ich ihren Stundenplan richtig im Kopf habe. Da gibt es jede Menge Überwachungskameras, außerdem den Sicherheitsdienst. Haben die Cops euch eigentlich keinen Polizeischutz angeboten?“

Allison schüttelte den Kopf.

„Fiona wollte unbedingt eine Leibwache haben. Aber ein gewisser Inspektor Kennedy meinte, dass du uns wohl nicht gefährlich werden würdest.“

„Zum ersten Mal bin ich mit Inspektor Kennedy einer Meinung“, stieß ich verzweifelt hervor. „Ich komme einfach nicht weiter, kapierst du? Solange die Cops den wahren Mörder nicht gefangen haben, werde ich mich niemals von dem Verdacht reinwaschen können.“

„Ich helfe dir!“, rief Allison spontan. Misstrauisch runzelte ich die Stirn. Meine Freundin war mir schon einmal in den Rücken gefallen. Warum sollte ich ihr jetzt noch einmal vertrauen? Es war, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte.

„Lindsay, ich fühle mich dir gegenüber total schuldig. Ich hätte die Polizei nicht belügen dürfen, nur weil Alice mich erpresst hat. Aber irgendwie bin ich von den Ereignissen überrollt worden wie von einer Dampfwalze. Seitdem fühle ich mich richtig mies. Ich würde gerne versuchen, es wiedergutzumachen.“

Ich schaute Allison ins Gesicht, das einen flehenden Ausdruck hatte. Über meine Lage machte ich mir keinerlei Illusionen. Nur mit viel Glück war es Cameron und mir bisher gelungen, nicht von der Polizei gefasst zu werden. Wir konnten Unterstützung dringend gebrauchen.

„Also gut“, sagte ich zu Allison. „Ich nehme dein Angebot an. Und wie willst du den Kontakt zu Fiona herstellen?“

„Ich habe da schon eine Idee.“