Die islamische Revolution im Iran und der Gottesstaat
Vor der Revolution: Das Regime des Schahs
Im Jahr 1976 begann ich mein Medizinstudium in der Millionenstadt Tabriz. Meinen Traum, Physik zu studieren, musste ich aufgeben, da mit dem Abschluss meines nicht streng naturwissenschaftlichen Gymnasiums nach den Regeln des Landes maximal ein Studium der Medizin möglich war. Als mir meine Lehrer das erklärten, schrieb ich einen Protestbrief an das Kultusministerium und wurde in das Büro des Direktors zitiert, der eine Anfrage bezüglich seiner aufmüpfigen Schülerin bekommen hatte. Er sagte mir, ich könne nicht mit dem Kopf durch die Wand, doch ich wollte das nicht einsehen. Ich unterhielt mich mit meinen Klassenkameradinnen auch immer mehr über die Verschwendungssucht des Schahs, der nicht in die Entwicklung des Landes investierte, sondern lieber Champagner fließen ließ. Die Bilder der »Kaiserin« Farah Diba Pahlavi, der Frau des Schahs in ihren Luxusgewändern, standen in zu großem Gegensatz zu unseren Lebensverhältnissen und denen der vielen Menschen im Lande, die wirklich arm waren. Ein Mädchen, Rahele, hatte in einem Schulaufsatz Farah Diba Pahlavi als verschwenderisch bezeichnet. Daraufhin wurden sie und ihre Eltern von der Savak, der Geheimpolizei des Schahs, zu einem Verhör in die Hauptstadt unserer Provinz, nach Sandjan, gefahren. Erst nach zwei Tagen kamen sie wieder, und Rahele war sehr still. Wir Klassenkameradinnen ließen sie nicht in Ruhe, bis sie schließlich sagte, sie sei auch nach uns gefragt worden und insbesondere nach mir. Mich durchfuhr ein tiefer Schreck. Proteste im Klassenzimmer schienen mir bis dahin mit keiner besonderen Gefahr verbunden zu sein, aber dem Savak bekannt zu sein, das war etwas ganz anderes. Schließlich war ich gerade erst 16 Jahre alt geworden. Der Geheimdienst Savak war von Schah Reza Pahlavi 1957 gegründet worden. Vier Jahre zuvor war er durch einen von Washington und London mithilfe des CIA organisierten Putsch zum zweiten Mal an die Macht gekommen. Diese hatten den nationalistisch ausgerichteten Premierminister Mossadegh loswerden wollen, der eine Landreform mit der Zerschlagung des alten Feudalsystems durchführte und versuchte, der iranischen Führung mehr Einfluss auf die Ölförderung im eigenen Land zu geben. Reza Pahlavi hatte die Macht von seinem Vater zuerst 1941 übernommen, dieser hatte 1925 die Dynastie der Kadscharen gestürzt, die das Land seit Ende des 18. Jahrhunderts regiert hatte, und sich zum Schah ernannt. 1941 musste er auf Druck der Alliierten abdanken und die Macht seinem Sohn überlassen – Iran war offiziell neutral geblieben, hatte jedoch deutliche Sympathien für das nationalsozialistische Regime in Deutschland gezeigt.
Nach Raheles Rückkehr beschloss ich, die letzten beiden Schuljahre unauffällig zu bleiben und mich darauf zu konzentrieren, ein gutes Abitur zu machen, um dann zum Studium fortzuziehen aus unserem Dorf. Der Schrecken und die Angst vor Verhaftung und Folter waren mir das erste Mal in meinem Leben tief in die Glieder gefahren. Ein sehr gutes Abitur – das beste meines Jahrgangs – habe ich dann wirklich gemacht, und meine Bewerbung in der eine Tagesreise entfernten Großstadt Tabriz um ein Medizinstudium wurde angenommen. Mein Bruder Sohrab, der sich nach dem Wegzug unseres älteren Bruders nach Teheran ganz als Familienoberhaupt fühlte, war wütend, er hielt das Studium für Mädchen für überflüssig. Doch meine Mutter setzte sich durch und fuhr eines Tages mit mir nach Tabriz, wo ich mich an der Uni einschrieb und ein Zimmer im Studentinnenwohnheim mietete. Das teilte ich mit einer Zimmergenossin, die meine beste Freundin werden sollte – Susan. Sie kam aus einer reichen Teheraner Familie, ihr Vater war Apotheker, ihre Brüder waren Ärzte. Ich fuhr ein Jahr später einmal mit zu ihren Eltern zu Besuch. In ihrem großen Haus erwartete uns auch ein kleiner Pudel. Im Iran hatten Leute keine kleinen Hunde nur zur Zierde, ich sah das zum ersten Mal. Es gab Wein zum Essen, und sie hatten ein Dienstmädchen, Fatima. Susan freundete sich als Jugendliche mit Fatima an, die nur wenige Jahre älter war als sie. Ihre Mutter sah nicht gerne, wenn sie mit dem Dienstmädchen Staub wischte – denn spielen durfte Fatima natürlich nicht. »Ich fand es ungerecht, wie wenig ich tun musste und wie viel Fatima, die nie die Chance gehabt hatte, eine Schule zu besuchen.
Deshalb begann ich mich für die Arbeiterklasse und den Marxismus zu interessieren«, erzählte mir Susan. Ihre Mutter schlug das Dienstmädchen auch schon mal, wenn sie ihrer Meinung nach nicht schnell genug arbeitete, das war für ein iranisches Dienstmädchen nichts Ungewöhnliches. Fatima lebt noch im Iran, sie und Susan, die inzwischen in Schweden lebt, haben weiterhin Kontakt und telefonieren alle paar Wochen miteinander.
Eines Tages war es so weit – ich fuhr allein nach Tabriz, um mein Studium aufzunehmen. Meine Mutter und Sohrab brachten mich zur Schnellstraße, die an unserem Dorf vorbeiführte. Irgendwann kam ein Bus Richtung Tabriz, den musste man nur an den Rand winken, damit er anhielt. Die Fahrt in die Millionenstadt dauerte sieben Stunden.
Meine Zimmergenossin Susan kam erst einen Tag später, so war ich nervös und unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Tabriz war eine große Stadt, es ging vielleicht nicht so liberal zu wie in der Hauptstadt Teheran, aber Frauen in westlicher Kleidung, die in Cafés saßen und mit Männern redeten, waren auch hier zu sehen. Dennoch war ich so verunsichert in der neuen Umgebung, dass ich es fast wie in der Schulzeit machte: Ich überlegte lange, ob ich im Tschador zur Uni gehen sollte. Schließlich entschied ich mich für einen Kompromiss: Ich ging mit Kopftuch. In der Universität angekommen, bemerkte ich, dass es hier keine Schubladen gab, um einen Tschador für die Unterrichtszeit zu verstauen. Es waren nur sehr wenige Studentinnen mit einem solchen Umhang verhüllt. Einige gingen allerdings mit Kopftuch. Prompt sprach mich eine Vertreterin der Volksmudschaheddin an, denn es waren vor allem ihre weiblichen Mitglieder und Sympathisantinnen, die Kopftücher trugen. Ich ging dann mit zu einer ihrer Versammlungen, doch der Raum voller Frauen, die mit verhülltem Kopf einem Vortrag lauschte, wie der Islam die Revolution bringen würde, stieß mich ab. Wieder sollte ich mich auf Gott verlassen, sogar in der Revolution? Denn dass es einer Revolution bedürfe, davon war ich überzeugt. Einer Revolution, um das Schah-Regime zu stürzen und den iranischen Menschen die Freiheit und die Möglichkeit zu bringen, sich zu entwickeln und zu Selbstbestimmung zu gelangen. Dazu brauchte es Zeit, Bildung für alle und auch eine gerechte Verteilung des Reichtums.
Wie auch im Westen, waren an den Universitäten des Iran in den 70er-Jahren verschiedene marxistische Gruppen aktiv. Die größte dieser Gruppen waren die Fedayi. Als geheime Organisation gegen das Schah-Regime 1970 gegründet, verfolgten sie eine Art islamtoleranten Marxismus. In erster Linie waren die Fedayi in der Ausrichtung antiimperialistisch. Diese Haltung bewog die große Mehrheit der Organisation später, nach der islamischen Revolution, das amerikafeindliche Mullah-Regime zu unterstützen, bis die Mitglieder der Fedayi selbst Mitte der 80er-Jahre durch das Regime verfolgt und ermordet wurden, ebenso wie vorher die Kommunisten und nach ihnen die Anhänger der Volksmudschaheddin. Weder ich noch Susan, mit der ich in politischen Fragen weitgehend übereinstimmte, fühlten uns bei den Fedayi wirklich wohl, sodass wir nie beigetreten sind. Zum einen fand ich deren Überzeugung, Attentate auf hohe Persönlichkeiten des Schah-Regimes würden das Volk aufrütteln und zu einem Aufstand führen, falsch. Zum anderen waren die Mitglieder sehr streng, sie schienen mir oft ohne Lebensfreude ganz dem Kampf verschrieben zu sein. Die traditionellen Rollenbilder von Frau und Mann blieben weitgehend unangetastet, selbst als Frauen auch an Waffen ausgebildet wurden. Ich mochte zwar kein »Partygirl« sein, aber ich hatte Freude an schöner Kleidung, und ab und an legte ich gerne Make-up auf. Bei Fedayi-Frauen war so etwas verpönt. Entscheidend für meine Distanz war aber ihre Idee des Guerillakampfes. Ich fand, man sollte mit den Arbeitern und Menschen reden, zu ihnen gehen und sie überzeugen. Heimlich lasen Susan und ich das Kapital von Marx, eine kleine Ausgabe auf Persisch wurde von Hand zu Hand gereicht und war schon völlig zerknittert, als ich das Werk in die Hände bekam.
Einmal verliebte ich mich ein bisschen in einen Kommilitonen, er war Volksmudschaheddin. Er studierte auch Medizin, und wir gingen regelmäßig zu zweit spazieren. Sowohl bei den Volksmudschaheddin als auch bei den Linken war es ein Tabu, der Sehnsucht nach körperlicher Berührung nachzugeben. Sie flirrte in der Luft zwischen uns auf jedem Spaziergang, doch wir haben nicht einmal darüber geredet.
Man hat geheiratet, bevor man mit jemandem zusammen war, das hatte ich verinnerlicht. Dass ich als Jungfrau in die Ehe gehen würde, war einfach keine Frage. Einen Freund wollte ich haben, mit einem Jungen alleine sein dürfen, zum Reden, auch um ein bisschen zu flirten. Über mehr nachzudenken hatte ich mir verboten. So diskutierte ich mit meinem Gefährten über Religion und Politik, und wir stritten viel über unsere verschiedenen Ansichten. Zwei Semester währte unsere Spazierliaison, dann haben wir uns aus den Augen verloren. In Europa hörte ich, dass er nach der Revolution, Mitte der 80er-Jahre, als Volksmudschaheddin verhaftet und hingerichtet worden war.
Gemeinsam mit Susan suchte ich Kontakt zu verschiedenen kommunistischen Gruppierungen. Anders als im Westen war die Opposition gegen den Schah natürlich geheim – und Entdeckung lebensgefährlich. Das erfuhr ich am eigenen Leib, als mich ein ehemaliger Chemielehrer aufsuchte, von dem schon an der Schule alle flüsterten, dass er politisch in der Opposition aktiv sei. Niemand wusste genau, welcher Gruppierung er angehörte, aber es war eine radikale, so wurde gemunkelt. Er hieß Ali Djabari. Als ich schon einige Monate in Tabriz lebte, suchte er mich auf und fragte, ob ich Interesse hätte, mit ihm eine Woche nach Teheran zu gehen, um seine Organisation und ihre Arbeit kennenzulernen. Ich war wie immer neugierig und machte mir keine Gedanken, ob das gefährlich sein könnte – und sagte Ja. So fuhr ich mit ihm nach Teheran. Ich ging mit in eine geheime Wohnung dieser Gruppe. Sie hatten sich von den Volksmudschaheddin getrennt und in Richtung einer marxistischen Organisation entwickelt. Ali Djabari schärfte mir als Erstes ein: »Wenn du von der Geheimpolizei des Schahs festgenommen wirst, dann darfst du nichts über uns sagen.« Spätestens jetzt wusste ich, eine Verbindung zu dieser Gruppe wäre Grund für ein Todesurteil.
Es waren nur drei Männer in der Wohnung, die Organisation bestand aus kleinen Zellen, die sich untereinander nicht kannten. Nur wenige Verbindungsleute hielten den Kontakt der Zellen zur Führung. So war die Möglichkeit, etwas unter Folter zu verraten, am geringsten. Wer die Wohnung verließ, versteckte eine Pistole unter seiner Jacke und trug eine Kapsel mit Gift bei sich, die er schlucken wollte, wenn er verhaftet würde. Alle drei Männer, auch Ali Djabari, sind noch unter dem Schah-Regime ermordet worden.
Als ich nach einer Woche zurück nach Tabriz fahren wollte, gab es eine Szene, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Ich war erst 20, und Ali Djabari und ein Mann mit dem Namen Nabavi Nourie hatten mich zum Bus gefahren und an der Haltestelle abgesetzt. Ich wollte schon einsteigen, da kam mein Lehrer zurück und war sehr nervös, und dann sah ich Blut an seiner Jacke. Ich fragte erschrocken, was los sei, und er sagte, dass ein Geheimpolizist sie angehalten und ihnen befohlen habe, zur nächsten Polizeistation zu fahren. Da hätten sie geschossen – der Polizist war tot. Er ermahnte mich, nie zu erwähnen, dass ich in Teheran gewesen sei oder ihn und seine beiden Freunde kennen würde. Ich stieg benommen in den Bus und fuhr wie in Trance nach Tabriz. Ich hatte Angst, jeden Moment würde der Bus angehalten und Männer des Savak würden einsteigen, um mich herauszuholen und zu verhaften. Aber nichts passierte, auch wartete niemand in meinem Zimmer auf mich. Trotzdem fand ich in dieser Nacht kaum Schlaf. Susan war nicht im Wohnheim, sie übernachtete in einer angemieteten Wohnung im Arbeiterviertel der Stadt. Wir hatten uns schließlich einer Organisation angeschlossen, die Programme in den Fabriken durchführten, sie nannte sich »Der dritte Weg«. Mehrere Tage die Woche standen Susan und ich am Fließband einer Textilfabrik und versuchten, in Kontakt mit den Arbeiterinnen und Arbeitern zu kommen, um ihnen die Ideen des Marxismus näherzubringen.
Am nächsten Tag ging ich zur Universität und erfuhr von Freunden, dass meine Mutter just in der Woche meiner Abwesenheit unangemeldet zu Besuch gekommen war. Ich rief sie sofort an. Susan hatte auch nicht gewusst, wo ich war, auch sie hatte sich schon Sorgen gemacht. Meine Mutter war sehr erleichtert: »Ich war krank vor Angst«, weinte sie. Abends hielt mich der Pförtner im Studentenwohnheim an und erzählte, dass am Abend zuvor zwei Männer nach mir gefragt hätten, sie hätten eine Telefonnummer hinterlassen, die ich anrufen müsste. Mir war klar, wer diese Männer waren, und ich wusste: Ich musste mich bei der Geheimpolizei melden oder in den Untergrund abtauchen. Diese Entscheidung musste ich alleine treffen, schon weil es zu gefährlich gewesen wäre, andere zu Mitwissern zu machen. Schließlich entschied ich mich gegen ein Leben im Untergrund, ohne Kontakt zu meiner Familie, ohne Studium. In dieser Nacht wünschte ich mir sehr, dass ich mich nie politisch engagiert hätte. Dieses Gefühl hatte ich bisher nur zwei- bis dreimal in meinem Leben, ein tiefer, verzweifelter Wunsch nach einem unpolitischen, ungefährlichen, lieber etwas langweiligen Leben. Ich fühlte mich schrecklich einsam und quälte mich durch eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen suchte ich eine Telefonzelle auf und meldete mich bei der Geheimpolizei unter der Telefonnummer, die der Pförtner mir gegeben hatte. Eine männliche Stimme gab mir eine Adresse, dorthin sollte ich am nächsten Tag um 14 Uhr kommen. Bis zum nächsten Mittag blieb ich in meinem Zimmer und hatte große Angst davor, was passieren würde. Die Sekunden erschienen mir endlos, dann wieder raste die Zeit davon. Und schlafen konnte ich wieder kaum. Susan kam an diesem Abend zurück ins Wohnheim und schimpfte mit mir: »Wo bist du gewesen, wir haben uns Sorgen gemacht!« Aber auch ihr konnte ich nichts erzählen, und so antwortete ich ausweichend, bis sie aufgab. Vermutlich ahnte sie, dass ich ihr nichts erzählen konnte, ohne sie durch Mitwisserschaft zu gefährden. Wir lebten in einer Welt, in der Heimlichkeiten zum Überleben gehörten.
Am nächsten Mittag nahm ich ein Taxi und gab dem Fahrer die Adresse, die mir am Telefon genannt worden war. Wir fuhren durch eine belebte Einkaufsstraße, wo ich eine Kommilitonin mit Einkaufstüten sah. Es war, als wäre mein Leben durch die Scheiben des Taxis abgetrennt von dem Leben der Menschen auf der Straße, die in die Geschäfte gingen oder nach Hause zum Essen. Ich fühlte mich ausgeschlossen, schrecklich allein und wünschte mir, einfach nur eine Passantin zu sein. Ich stellte all meine politischen Entscheidungen in Frage – waren sie denn wert, dafür misshandelt oder gar getötet zu werden?
Bei der angegebenen Adresse angekommen, sah ich ein Haus mit Gittern vor den Fenstern und einer großen Eisentür am Eingang. Ich bezahlte den Taxifahrer und klingelte. In der Tür ging ein Guckloch auf, ein Mann schaute heraus, und als ich meinen Namen sagte, öffnete er die Tür und ließ mich herein. Ich fühlte mich, als würde ich ein Gefängnis betreten, und kam mir noch verlassener als im Taxi vor. Der Mann führte mich durch verschiedene Gänge in ein Zimmer, eines von vielen Zimmern auf vielen Gängen, wie mir schien. Dann sagte er mir, dass ich warten solle. Im Raum waren ein paar Stühle, sonst nichts. Keine Bilder, nur nackte Steinwände und ein kleines Fenster, das auf den Hof ging. Mich fröstelte, obwohl es nicht kalt war. Ich dachte an meine Mutter, an meine Schwestern, kleine Szenen unserer Kinderspiele fielen mir ein und machten mir das Herz schwer. Ich weiß nicht mehr, ob ich Minuten oder Stunden warten musste, ich hatte jegliches Zeitgefühl unter dieser Klammer, die mein Herz umpresst hielt, verloren. Plötzlich ging die Tür auf, und herein kamen fünf Männer. Ich kann mich an ihre Gesichter nicht mehr erinnern, aber ich weiß, dass ich dachte: »Zwei Riesen und drei zu kurz Geratene.« Sie setzten sich mir gegenüber: »Sind Sie Frau Ahadi?«, fragte einer, was ich bestätigte. Einer der Riesen übernahm das Gespräch und fragte: »Wo ist Ihre Geburtsurkunde?« Ich sagte: »In meinem Schrank in meinem Zimmer.« »Nein«, sagte er, und ich wurde etwas ruhiger – es ging nicht um meine Reise nach Teheran. »Wir haben Ihre Geburtsurkunde in einer Geheimwohnung der Fedayi gefunden.« Ich war ehrlich erstaunt. »Ich weiß nicht wieso«, entgegnete ich. Schließlich kam heraus, dass ihrer Meinung nach eine Mitbewohnerin im Studentenwohnheim meine Urkunde für die Fedayi gestohlen hatte. Die Fedayi suchten immer nach Urkunden, um falsche Ausweispapiere für Leute im Untergrund herzustellen. Der Verhörton blieb höflich, ich leugnete Kontakte zur Fedayi, und mein Gegenüber meinte, er wisse, dass ich nicht in der Fedayi aktiv sei, aber ich ging ja mit Mitgliedern der Gruppe wandern, dann könne ich ihnen ab nun immer berichten, welche politischen Pläne auf den Wanderungen geschmiedet würden. Es konnte mich nicht überraschen, dass sie Kenntnis von unseren Wanderungen hatten. Diese machten wir, meist sechs bis zwölf Menschen aus verschiedenen linken Gruppierungen, samstäglich in die Berge bei Tabriz. Wandern war so beliebt, weil man in der Natur ungestört reden konnte, nicht zuletzt über Politik. Trotzdem erschütterte mich die Erkenntnis, dass diese fremden Menschen hinter uns herspioniert hatten, körperlich. Mein Magen zog sich zusammen, als ich sagte, dass ich aus einer armen Familie auf dem Land käme und von meiner Mutter so erzogen sei, fleißig zu lernen, damit ich Ärztin werden könne. Meine Mutter würde nicht erlauben, dass ich politisch tätig würde, ich könnte keine Berichte abliefern. »Doch, Sie machen das«, sagte er, immer noch höflich, aber mit einem bedrohlichen Unterton. Ich sagte noch einmal Nein, er sagte noch einmal, ruhig und sehr bestimmt: »Doch, Sie machen das. Sie werden ab sofort einmal die Woche Bericht erstatten.« Ich wurde nicht geschlagen, aber ich wusste, ich hatte keine Garantie, dass ich aus diesem Zimmer je wieder herauskommen würde, und so schwieg ich. Die Bedrohung war greifbar, allein die Anwesenheit der fünf Männer mit mir in einem Raum, aus dem sie mich nicht lebend herauslassen mussten, machte die ernsthaften Folgen, die meine fortgesetzte Weigerung unweigerlich mit sich bringen würde, greifbar. Die Klammer legte sich noch fester um meine Brust, und ich fragte mit belegter Stimme: »Wie?« Ich bekam eine neue Telefonnummer und die Anweisung, den Gesprächsführer einmal die Woche anzurufen. Ich stimmte dem zu, und obwohl ich wusste, dass ich kaum etwas anderes hätte machen können, fühlte ich mich schuldig und feige. Ich rief später am Tag meinen Chemielehrer an und berichtete ihm vor allem, dass die Polizei nichts von meiner Woche in Teheran erfahren hatte. Er sagte, falls ich das Gefühl bekommen würde, sie wüssten doch davon, sollte ich mich sofort melden, und er würde mir helfen, unterzutauchen. Das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe.
Ich meldete mich ab diesem Zeitpunkt einmal wöchentlich telefonisch bei der Geheimpolizei und erzählte, dass nichts passiert sei und ich keine politischen Gespräche gehört hätte. Einen Monat nach meinem Verhör war ich ein paar Tage in Abhar und rief nicht an, ich wollte meine Mutter nicht beunruhigen. Ich aber war sehr unruhig, was würde passieren? Würde ich verhaftet werden, sobald ich zurück nach Tabriz käme? Zwar wartete kein Polizist auf mich, aber als ich in der darauffolgenden Woche anrief, schimpfte mein Gesprächspartner: »Warum haben Sie sich letzte Woche nicht gemeldet?« »Ich war bei meiner Mutter und wollte ihr keine Angst machen. Wir haben dort kein Telefon außer dem in der Poststation, wo alle im Raum den Anruf mithören. Außerdem habe ich wieder keine politischen Aussagen erlauscht.« In den nächsten Jahren meldete ich mich erst wöchentlich, dann weniger und schließlich noch einmal im Monat. Ich habe nie jemandem davon erzählt und hatte Angst, Susan und meine politischen Gefährten würden mich bei Entdeckung als Verräterin brandmarken. Das war natürlich Sinn der Sache: Der Savak versuchte, möglichst viele Leute in die Angst vor dem Verrat zu treiben und die linke Opposition so von innen zu schwächen. Dass ich keine Informationen lieferte, war eher nebensächlich. Ich war in einer Diktatur groß geworden, es gab immer irgendetwas, was man verstecken musste, das gehörte einfach zum Leben dazu. Vor Beginn der Revolution Ende 1978 hörte ich schließlich auf mit den Meldungsanrufen, im allgemeinen Chaos entstanden Schlupflöcher. Doch ich hatte mit Anfang 20 gelernt, mit der Angst vor Verhaftung und Ermordung zu leben und zu versuchen, so weit mit dem Geheimdienst zu kooperieren, dass mir mein Leben blieb, ohne jedoch etwas über meine Genossinnen und Genossen zu erzählen. Später, im Exil, merkte ich schnell, dass viele Oppositionelle im Iran vom Savak auf diese Weise benutzt worden waren. Die Folterknechte der Mullahs zwangen viele ihrer Gefangenen vor laufender Kamera, ein »Geständnis« abzulegen und sich selbst als Verräter zu beschimpfen – die Gebrochenen suchten später oft die Schuld bei sich statt bei ihren Folterern. Ein Phänomen, das in der ganzen Welt zu beobachten ist. Nicht wenige brachten sich später um, aus falscher Scham und gefangen in den Erinnerungen an die erlittenen Qualen. Deshalb ist diese Vorgehensweise ja auch bis heute ein beliebtes Mittel von Folterknechten weltweit.
Ich erwähnte schon, dass Susan und ich uns einer marxistisch orientierten Gruppe anschlossen, die die Arbeiter an der Basis erreichen wollte. Deshalb arbeiteten wir neben dem Studium in der Fabrik. Auch wohnte ich teilweise mit Susan in einer Wohnung in einem Arbeiterviertel. Die Revolution kommt durch Bewusstseinsbildung bei den Massen in Gang, so war die Idee. Susan und ich standen mehrmals wöchentlich am Fließband in einer Nähfabrik. Tabriz war eine Studentenstadt, viele Leute vermieteten an Studenten ein Zimmer. Man hat dann mit der Familie gelebt, oft war in einem Raum die Familie mit fünf, sechs Leuten, und wir hatten zu zweit das andere Zimmer. Ein Zimmer zu bekommen war einfach, eine polizeiliche Anmeldung gab es nicht. Die Miete, rund 80 Tuman, haben wir monatlich bar bezahlt, von den 500 Tuman, die wir als Studenten im Monat als eine Art Studienstipendium erhielten. Manchmal haben wir sogar mit der Familie, bei der wir wohnten, gegessen. Alle paar Monate wechselten wir die Unterkunft. Wir haben später auch mit Männern der Organisation zusammen gewohnt, offiziell waren wir dann ein Ehepaar. Diese Wohngemeinschaften waren sehr keusch, auch die Linken waren durch die religiöse prüde Erziehung geprägt.
Arbeiten in der Fabrik war eine Strategie vieler linker Gruppen, beseelt von der Möglichkeit, im direkten Kontakt den Arbeiterinnen und Arbeitern Marx nahezubringen, ihnen damit die Augen zu öffnen und so ihren Aufstand zu entfachen. Doch in der Fabrik waren wir Außenseiterinnen und sind es immer geblieben. An unserer ganzen Haltung, wie wir uns bewegten, wie wir gingen, haben die Arbeiter sofort gesehen, dass wir keine »von ihnen« sind. Wir mussten während einer Acht-Stunden-Schicht (früh oder spät) vier bis fünf Stunden ohne Pause am Produktionsband stehen und immer wieder dieselben Handgriffe machen. Es war laut, in der Halle arbeiteten 60 Leute, und die Arbeit mit den Textilballen war körperlich sehr anstrengend. Auch durfte man außerhalb der offiziellen Pausen stundenlang nicht zur Toilette, was mir manches Mal zur zusätzlichen Qual wurde. Später habe ich in einer Cola-Fabrik gearbeitet, in einer noch größeren Halle mit über 200 Leuten. Dort war ich dafür zuständig, die frisch abgefüllten Flaschen auf Verunreinigungen zu untersuchen und solche mit Dreck und Fremdstoffen vom Band zu holen. Die Arbeiterinnen, die nicht wegen irgendwelcher marxistischen Ideen in der Fabrik arbeiteten, waren alle sehr arme Frauen, die die pure Not ans Fließband gebracht hatte. Intellektuelle Frauen in der Schah-Zeit konnten problemlos als Ärztin oder Lehrerin arbeiten. Frauen aus der Unterschicht waren dagegen gezwungen, in der Fabrik zu sein, statt sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken zu können. Auch sie selbst sahen das meist so und empfanden ihre Arbeit nicht als Schritt hin zu mehr Selbstständigkeit. Es war oft auch ein Problem für den Ehemann, der offensichtlich nicht in der Lage war, seine Frau zu ernähren, wie es seine Rolle vorsah.
Die Arbeit in der Fabrik habe ich auch im Jahr nach der Revolution beibehalten, ich habe davon gelebt, als Studieren nicht mehr möglich war. Mit dem Politisieren der Proletarier hat es aber bis zum Schluss nicht geklappt. Ich habe einmal versucht, einen alten Mann, der schon 25 Jahre am Fließband stand, zu einem Streik für besseren Lohn zu überreden. Wenn er der Wortführer wäre, so würden die anderen auf ihn hören, da er aufgrund seines Alters und seiner Zugehörigkeit zum Betrieb und den Arbeitern eine ganz andere Autorität als ich hatte. Doch ich hatte keine Chance, von ihm überhaupt ernst genommen zu werden. Die Hierarchie unter den Arbeitern war fest und geschlossen. Wir jungen Studentinnen haben es in der kurzen Zeit, ein bis zwei Jahre, in der Fabrik nicht geschafft, Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Wir blieben die »anderen«, wir hatten freundliche Kontakte zu einigen Frauen und Männern, aber für linke, marxistische Ideen konnten wir sie nicht begeistern. Selbst wenn sie manchen unserer Analysen der sozialen Ungerechtigkeit zustimmten, aktiv wollten sie nicht werden. Stattdessen kamen wir in Kontakt mit anderen linken Studenten und Studentinnen, die ebenfalls für ihre Organisationen in der Fabrik arbeiteten, und bildeten dort bald eine eigene Subgruppe.
Meinen ersten Mann habe ich während der politischen Arbeit kennengelernt. Esmail Yeganedost hieß er, er studierte Physik. Auch er arbeitete in einer Fabrik, und schließlich lebte ich mit ihm offiziell als Ehepaar in einer Wohnung und Susan mit einem anderen Mann in der Nähe. Wir schrieben Flugblätter in unseren Wohnungen und setzten nachts die Druckerwalze in Gang; diese Flugblätter, ein paar hundert pro Nacht, haben wir dann morgens vor dem Morgengrauen, um vier Uhr, unter den Haustüren im Arbeiterviertel durchgeschoben.
Esmail hatte sich einer gemeinsamen Freundin anvertraut, er habe Interesse an mir. Sie nahm mich daraufhin beiseite und ermunterte mich, ihn näher kennenzulernen. Ich beobachtete ihn und unsere Gespräche nun genauer, und langsam verliebte ich mich. Mir gefielen sein Lachen und seine tiefe ruhige Stimme. In politischen Fragen waren wir uns sehr einig, und er war ein großer, attraktiver Mann. Schließlich schrieb ich ihm einen kurzen Brief: Ich mag Dich. Das schien mir leichter, als es ihm zu sagen oder gar zu warten, bis er die Initiative ergriff. Er kam noch am Abend mit dem Brief auf mich zu, umarmte mich und gab mir einen kurzen Kuss auf den Mund. »Meine schöne Kämpferin«, mit diesen Worten besiegelten wir unser Zusammensein. Keuschheit war dabei für uns beide eine Selbstverständlichkeit. Es war in unseren Köpfen sehr tief verankert, dass Sex in die Ehe gehört. Wir waren traditionell, scheu, verschämt und streng. Drei Monate später beschlossen wir deshalb, zu heiraten. Ich fuhr mit ihm nach Abhar und stellte ihn meiner Mutter vor. Ich sagte: »Das ist der Mann, mit dem ich zusammenleben will, deshalb werden wir heiraten.« Sie protestierte nicht, da sie wusste, dass ich meinen eigenen Willen durchsetzen würde. Meine Mutter bestand aber auf einer Hochzeitszeremonie in Abhar. Mein Mann kam aus Tabriz, aus einer Arbeiterfamilie, und seine Eltern waren schon vor Jahren gestorben. Nach einer Woche in Abhar meinte er zu mir, dass die Frauen meiner Familie so modern seien. Was er damit meine, fragte ich ihn. »Du und deine Mutter diskutieren laut über die Hochzeit, deine Schwester Mahtab läuft zu Hause im Minirock herum. Deine Cousine Modjan hat mir zugezwinkert. Ich muss mir überlegen, ob ich mit dir zusammen sein will. Eine Frau muss doch auch etwas bescheiden sein.« Er war also auch ein linker Mann, der noch traditionell dachte, zumindest in Teilen. Ich habe zwar gesehen, dass die Frauen in meiner Familie zu Hause wirklich recht frei sagten, was sie dachten. Aber ich hielt das nicht für problematisch, sondern vielversprechend.
Unser Dorf hatte inzwischen sogar eine Schuldirektorin. Sie war eine sehr geschätzte unverheiratete Frau, 30 Lehrerinnen und 500 Schülerinnen waren ihr unterstellt. Das blieb auch nicht ohne Auswirkungen auf meine Schwestern und Cousinen. Nicht, dass sie nach außen rebelliert hätten, aber zu Hause sagten sie ihre Meinung und fanden, dass auch die Männer der Familie diese hören sollten.
Ich war wie vor den Kopf gestoßen, dass Esmail sich noch eine Bedenkzeit ausgebeten hatte. Ich schämte mich, denn wie sollte ich meiner Mutter erklären, dass dieser Mann, den ich als meinen Bräutigam vorgestellt hatte, mich nun vielleicht doch nicht heiraten wollte? Im Nachhinein bin ich eher darüber traurig, wie tief sich auch in mir die Begriffe von Ehre und Schande eingegraben hatten. Ich konnte nicht darüber nachdenken, wie ich seine Einstellung zu Frauen im Allgemeinen und damit zu mir im Besonderen fand, sondern nur: »Hoffentlich bleibt er bei mir« – und das tat er schließlich auch.
Wir haben also geheiratet. Ich wollte keinen Mullah dabei haben und keine religiöse Hochzeit. Meine Mutter wollte aber genau das. Schließlich wurde es eine »etwas religiöse« Zeremonie, zwar mit Mullah, aber nur im kleinen Kreis der Familie. Ich habe auf das Brautgeld verzichtet, denn ich wollte nicht, dass mein Mann mich kauft. Als frisch vermähltes Ehepaar sind wir zurück nach Tabriz gefahren und haben in der Wohnung meines Mannes gelebt. Seine zwei jüngeren Brüder und seine jüngere Schwester wohnten bei uns, für sie sorgte Esmail seit dem Tod seiner Eltern. Seine beiden jüngeren Brüder waren Anhänger der Volksmudschaheddin und sind in den 80er-Jahren hingerichtet worden. Wenn Besuch aus seiner Familie zu uns kam, habe ich immer den Tschador getragen, in dieser Hinsicht war seine Familie wesentlich konservativer als meine.
Ich habe Esmail geliebt, aber seine traditionellen Ansichten ließen uns manchmal streiten. Ich weiß nicht, ob das bei einer längeren Ehe zu einem ernsthaften Problem zwischen uns geworden wäre. Einmal hat er mich in einem Bus »verteidigt«, als mir jemand von hinten in den Po gekniffen hatte. Dabei war ich schon selbst dabei, den Übeltäter wortstark zusammenzustauchen. Doch Esmail sah es als seine Sache an, mich zu verteidigen, er drängte sich förmlich zwischen mich und meinen Kontrahenten. Das war liebevoll gemeint, aber er begriff nicht, dass ich das traditionelle Bild dahinter ablehnte: In der Öffentlichkeit wurde die Frau von ihrem Mann beschützt und zu Hause musste sie ihm gehorchen.
Eines Abends saßen wir gemütlich beisammen, hatten bei Kerzenschein gegessen, und Esmail erzählte mir, dass er mit einer jungen Frau, die in derselben Straße wohnte, eine freundschaftliche Beziehung gehabt hatte. Ich hatte damit kein Problem, denn es war ja vor meiner Zeit gewesen. Ich erzählte ihm dann von meinem Englischlehrer, meiner ersten, heimlichen Liebe. Einmal hatte ich ihn unter dem Vorwand, Bücher ausleihen zu wollen, alleine besucht und war mir mit meinen 13 Jahren sehr verrucht vorgekommen. Das war auch schon alles gewesen. Trotzdem endete der Abend in einem ganz schlimmen Streit. Mein Mann fand, dass schon verliebte Gedanken an einen anderen Mann, lange bevor ich ihn kennengelernt hatte, etwas Schmutziges seien für mich als Frau. Er wurde fürchterlich eifersüchtig und brüllte mich an, das wäre nicht anständig von mir gewesen. Ich war zutiefst verletzt und gab es auf, mich verständlich zu machen.
Später am Abend rief meine Mutter an. Nachdem wir ein paar Minuten geredet hatten, fragte sie, weshalb ich so traurig klänge, und ich sagte, Esmail und ich hätten uns gestritten. Als sie fragte worüber, konnte ich nur sagen: »Über Kleinigkeiten«. Was zwischen Eheleuten passiert, bleibt zwischen Eheleuten, auch dieses konservative, zutiefst islamische Denken hatte ich noch nicht abgestreift. Ein Jahr haben wir zusammengelebt, bevor Esmail 1980 ermordet wurde, an unserem ersten Hochzeitstag.
Revolution und religiöser Terror
Mein Studium litt zunehmend unter meinen politischen Aktivitäten. Ich war schon längst nicht mehr die Beste, die Arbeit in der Fabrik kostete ihren Preis. Ich war nach einer Schicht am Fließband einfach zu müde, um noch zu lernen. Bis heute habe ich manchmal den Albtraum, dass ich zu einer Prüfung muss, für die ich nicht gelernt habe. Es war eine Zeit des Aufruhrs und der inneren Unruhe im ganzen Land. Das Schah-Regime geriet unter Druck, und Ende 1978 gab es die erste große Demonstration in Tabriz gegen den Schah. Diese Massenproteste wendeten sich gegen die Wohnungspolitik des Schahs, der ganze Viertel von wild entstandenen Armutssiedlungen an den Rändern der Großstädte mit schwerem Gefährt niederwalzen ließ. Rund um Tabriz waren illegal errichtete Siedlungen entstanden, ohne Wasser und Strom, denn die Menschen kamen Mitte der 70er-Jahre in Massen vom Land in die Städte, auf der Suche nach Arbeit. Abrisswagen kamen nachts und walzten die Hütten nieder. Die Menschen waren empört, ihr Protest hatte nicht primär religiöse Ursachen und noch war Khomeini nicht der neue Führer. In Teheran wurden am 8. November 1978 rund 4000 Schah-Gegner bei einer Demonstration erschossen, darunter waren auch mehrere Hundert Frauen.
Gefördert wurde Khomeini in dieser Zeit durch den Westen, wo man auf der Suche nach einem neuen Ansprechpartner für die Zeit nach dem Schah war. Man suchte jemanden, mit dem es möglich wäre, weiter eine verlässliche Politik und Öllieferungen zu bekommen. Zudem sahen die USA in Khomeini einen geeigneten Kandidaten, die linke Opposition niederzuschlagen – man befand sich noch mitten im sogenannten Kalten Krieg mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten.
Was die Volksmudschaheddin und Khomeini und die Linke bis hin zu den Kommunisten vereint hat, war der Antiimperialismus, die Überzeugung, dass Fremde sich nicht in unsere, die iranische Politik einmischen sollten. Khomeini war ein charismatischer Führer, der die Gunst der Stunde geschickt für sich zu nutzen verstand. Er war 1963 mit öffentlichen Reden gegen den Schah aufgetreten, damals in einer Koranschule in Ghom. Er wurde verhaftet, freigelassen und nach einer erneuten Rede, in der er den Schah und seine Bindung an die USA kritisierte, wieder verhaftet. Seine Worte, unter dem Schah lebten die Menschen im Iran schlechter als Hunde, brachten damals große Menschenmengen zu Demonstrationen zusammen, die das Regime blutig niederschlug. 1978 war die säkulare Opposition zunächst mindestens genauso an den Demonstrationen gegen das Regime beteiligt wie die islamischen Kräfte. Doch dann wurde ausgerechnet in Ghom eine Demonstration mit Khomeini-Anhängern niedergeschossen. Dadurch bekamen die Religiösen den Nimbus der alleinig Verfolgten und gewannen die Oberhand – sie riefen nach Khomeini, der sich inzwischen ins Exil nach Paris begeben hatte.
Als die Demonstrationen in Tabriz zunahmen und größer wurden, war ich begeistert, die allgemeine Aufbruchsstimmung riss mich mit. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, was nach dem Schah kommen würde, sondern einfach die Aufregung und den Umbruch genossen, trotz der Gefahr. Denn die Polizei schoss mit scharfer Munition auf Demonstranten, es gab immer wieder Verletzte und Tote. Eine Demonstration, die sich als Gedenkmarsch für die Toten von Ghom begriff, wurde besonders brutal niedergeschossen, es gab Dutzende tote Zivilisten. Nun hörte auch ich immer mehr die Rufe »Es lebe Khomeini«. Ich dachte zuerst, das kann nicht sein, wir wollen eine Revolution, aber keinen Khomeini! Immer noch wollte ich nicht glauben, dass nach der Revolution die Religiösen die Macht erlangen könnten.
Doch die Linke wurde überrollt. Wir saßen zusammen und diskutierten stundenlang, wir demonstrierten und hielten Reden. Die Amerikaner sollten vertrieben werden, iranische Fabriken sollten den Iranern gehören. Die Fedayi sahen sich als Motor für die linke Revolution und verübten vermehrt bewaffnete Anschläge.
Ich redete auf einigen der von den Linken organisierten Demonstrationen. Dabei wurde in mir das Gefühl immer stärker, dass ich gegen einen anschwellenden Strom sprach, der alles mitriss: Die Khomeini-Bewegung oder die Volksmudschaheddin schienen an die Macht zu drängen, ich versuchte die Idee der Revolution, ein besseres Leben für die Menschen, den Aufbau eines Regimes von unten, in Erinnerung zu rufen.
Jede Revolution ist eine Zeit des Umbruchs, in der noch nicht ganz klar ist, in welche Richtung es geht, wer die Macht erhalten wird. Klar war, wer sie nicht mehr hatte: Eines Tages war in der Zeitung zu lesen, dass der Schah das Land verlassen hatte. Dieser Tag war für mich persönlich ein trauriger Tag. Einer der Männer, die politisch mit uns zusammenarbeiteten, lebte zu dieser Zeit in einer Geheimwohnung mit uns und war schon lange depressiv. Er hat sich just an dem Tag, als der Schah ins Exil ging, in der kleinen geheimen Wohnung erhängt. So haben die Menschen auf den Straßen gejubelt, und wir trauerten um unseren Freund.
Wir waren natürlich froh, dass der Schah fort war. Ich war damals noch sehr jung, Anfang 20, heute würde ich versuchen, in so einer offenen Situation in die Politik zu gehen und die Geschicke des Landes als gewählte Abgeordnete mitzugestalten, überhaupt erst einmal für freie Wahlen zu kämpfen. Damals habe ich nicht über so etwas nachgedacht. Ich hatte gehofft, dass eine bessere Regierung kommen und der Savak abgeschafft würde. Ich hoffte auf Meinungsfreiheit, darauf, dass man bald alle Bücher kaufen könnte. Fast ein halbes Jahr hatte in der Zeit der Revolution eine aufregend offene Atmosphäre geherrscht. Dann ließ sich Khomeini am 1. Februar 1979 aus Frankreich einfliegen, und am 1. April 1979 wurde – nach einem Referendum, in dem er 98 Prozent der Stimmen bekam – Iran eine islamische Republik. Ein Referendum, in dem ich wie sicher Tausende andere meine Stimme nicht abgegeben hatte. Wir wollten nicht über eine islamische Republik abstimmen – wir wollten eine breite Demokratie, einen säkularen Staat aufbauen.
Die Revolution war als Volksbewegung gegen den Schah, die Armut und die Brutalität des Savak entstanden, die meisten Leute auf der Straße hatten kein politisches Konzept im Kopf. Nach einer Zeit der Euphorie machte sich Orientierungslosigkeit breit. Es fehlte eine Führungsgruppe, eine Führung. Dies hat Khomeini geschickt genutzt und auch den Westen benutzt, der ja ebenfalls einen Ansprechpartner in Teheran haben wollte und Ängste vor der Zeit nach dem Schah hatte. Khomeini bestückte die Regierung mit seinen Leuten, weder den Volksmudschaheddin noch den Linken hat er einen Platz eingeräumt, nur einigen Liberalen, die Anzüge und Krawatten trugen statt ein religiöses Gewand. Wobei liberal nicht säkular heißt im Iran, also nicht liberal im westlichen Verständnis meint. Der erste Präsident der neuen islamischen Republik, Bani-Sadr, war ein solch iranischer Liberaler. Zum Thema Kopftuch erklärte er, dass die Haare von Frauen eine Ausstrahlung hätten, die Männern gefährlich werden könne, sie sexuell erhitze, deshalb unterstütze er den Zwang zum Kopftuch. Die neuen Machthaber räumten auf. Sogar die Volksmudschaheddin, die eine große und durchaus islamische Bewegung gerade unter jungen Leuten waren, wurden nicht verschont. Als sie merkten, dass Khomeini sie von der Teilhabe an der Macht ausschloss, wollten sie das Regime stürzen und eine eigene Regierung bilden. Doch Khomeini und seine Getreuen waren schon fest im Sattel der Macht, viele Volksmudschaheddin wurden bis Mitte der 80er-Jahre verhaftet, gefoltert und hingerichtet.
1980 kam der Kopftuchzwang – trag das Kopftuch oder wir prügeln dich, das war die Parole! Das islamische Regime setzte immer als Erstes den Kopftuchzwang durch, wenn es eine noch nicht unterworfene Stadt eingenommen hatte. Denn in vielen Provinzen musste sich die neue Macht erst nach und nach festigen. Auch deshalb sind das Kopftuch und der Kampf gegen das Kopftuch so wichtig, es ist ein durch und durch politisches Symbol für die Macht des politischen Islam.
Die Universitäten waren inzwischen geschlossen worden, und ich wusste, dass ich auf einer schwarzen Liste des Regimes stand, so wie meine Freunde aus der Organisation des »Dritten Weges«. Damit war Studieren für mich nicht mehr möglich, ich war froh um meinen Job in der Fabrik, denn so konnte ich etwas zum Lebensunterhalt verdienen. Wenn ich keine Schicht in der Fabrik hatte, ging ich gegen das Kopftuch demonstrieren, mit Hunderten von Frauen und einigen Männern. Ohne Kopftuch natürlich. Ich kann mich noch an die erste dieser Demonstrationen erinnern, vor einem Mädchengymnasium. Die Lehrerinnen gaben sich kämpferisch, und auch die Schülerinnen klatschten Beifall, als ich erklärte, wir würden uns nicht unter das Kopftuch zwingen lassen. Die Stimmung war optimistisch, wir Frauen fühlten uns stark. Die Revolution sollte uns mehr Freiheiten bringen, keine Verhüllungen. Doch mit jedem Tag kamen mehr Männer mit Bärten als Zeichen ihres Glaubens, die unsere Demonstrationen gegen das Kopftuch störten. Sie wurden immer aggressiver, und schließlich kamen einige mit Messern. Mit dem Messer in der Hand sind sie Frauen hinterhergelaufen, Frauen ohne Kopftuch. Und schließlich hatten einige nicht nur Messer, sondern auch Kalaschnikows. Die Demonstrationen wurden kleiner, und schließlich blieben die Leute aus Angst um ihr Leben weg. Die Pasdaran, die Revolutionswächter, nahm mehr und mehr Demonstrantinnen und Demonstranten fest.
Einmal sollte auch ich verhaftet werden, ein Pasdaran hatte mir mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen, und ich war so benommen, dass ich mich nicht gegen ihn wehren konnte. Doch andere Demonstranten konnten mich losreißen, und ich lief schnell in eine Seitenstraße. Ich hatte den Tschador immer in der Tasche, den habe ich mir schnell übergezogen und konnte unerkannt entkommen. So hat mich der Tschador tatsächlich vor Schlimmerem bewahrt.
Ich kannte keine Frau, die das Kopftuch begrüßt hat. Es gab traditionelle Frauen wie meine Mutter, die trugen Kopftuch oder auch den Tschador. Das war eine Gewohnheit, das war Tradition. Aber nun hatte das Kopftuch so viel mehr Bedeutung. Denn nun hieß es: Entweder du trägst Kopftuch oder wir verprügeln dich. Meine jüngere Schwester Mahtab ist heute Ärztin im Iran, und sie muss mit Kopftuch und weiter Kleidung operieren, das ist absurd und kann sogar gefährlich werden, da das weite Gewand ungelenk macht. Sie darf zwar mit Männern arbeiten, aber es ist verboten, dass Männer und Frauen gemeinsam lachen! In all diese verqueren Vorschriften des Miteinanders passt auch der Zwang zur Kopfbedeckung. Das Kopftuch deckelt Frauen im wahrsten Sinne des Wortes, unter dem Schleier ist ihr Platz, nicht frei in der Welt.
Hatte ich am Ende meiner Schulzeit noch entschieden, vorsichtiger und stiller gegenüber dem Schah-Regime zu sein, um einen Studienplatz zu erhalten und Ärztin werden zu können, so war Stillhalten nun keine Option mehr für mich. Ich musste gegen das Regime rebellieren. Ich konnte nicht klaglos das Kopftuch tragen.
Im Lauf der Zeit hatte ich mehr und mehr Kontakt zur Komalah, einer in Kurdistan aktiven linken Gruppe, bekommen. Ich war auch einige Male nach Kurdistan ins Grenzgebiet gereist, wo die Menschen die Komalah sehr unterstützten. Auch das war zum Teil nationalistisch motiviert, es gab viele Kurden, die der Idee eines autonomen Kurdistans anhingen. Aber die Komalah war eine der wenigen Oppositionsgruppen, die ebenso gegen das Schah-Regime wie gegen die islamische Diktatur waren.
Mein Mann hatte mehr Kontakt nach Kurdistan als ich, er war vor unserer Hochzeit mehrere Monate in Kurdistan bei der Komalah gewesen. Schon vor der Revolution hatte die Gruppe in den unzugänglichen Bergen einige Lager errichtet, unterstützt von der einheimischen Bevölkerung.
Eines Tages bekamen wir Besuch von drei kurdischen Frauen, eine war krank, und sie wollten in Tabriz einen Arzt aufsuchen. Sie stammten aus einer bekannten, politisch sehr aktiven Familie aus Kurdistan – und sie waren traditionell gekleidet. Die Komalah hatte sie zu unserer Adresse geschickt. Esmail war entsetzt, als er ihre kurdische Kleidung sah. Ein buntes langes Gewand wurde von einem hellen Schal umspielt. Ein Tuch um den Hals ließ die Haare sehen, auch wenn ein weiteres buntes Tuch wie ein Turban um den Kopf gewickelt war. Er sagte zu mir, dass diese Frauen uns durch ihre Kleidung verraten würden, sie müssten schon allen in der Straße aufgefallen sein in ihrer bunten Kluft. Wer Kontakt zu Kurden hatte, kam unweigerlich ins Visier der Staatsmacht, denn in Kurdistan gab es weite Teile, über die die Armee keine Kontrolle hatte und wo der Widerstand sehr stark war. Ich musste am nächsten Morgen ab sechs Uhr in der Cola-Fabrik arbeiten, deshalb versuchte ich, ihn zu beschwichtigen: »Wir können das am nächsten Tag nach meiner Schicht besprechen.« Mir schien dann noch Zeit genug für eine Diskussion mit unserem Besuch zu sein.
Doch als ich mit dem Bus um halb drei von der Arbeit kam, sah ich am Anfang unserer kleinen Straße einen Revolutionswächter stehen, mit seinem Gewehr im Anschlag. Ein Mann mit Bart und Kalaschnikow, bei dessen Anblick mein Herz einen Moment aussetzte. Ich musste nach Luft schnappen und dachte voller Angst an Esmail und seine Sorgen um eine Entdeckung. Vorsichtig bog ich in die Straße ein, dabei versuchte ich, nicht zögerlich zu wirken. »Nur nicht auffallen«, sagte ich mir innerlich vor wie ein Mantra.
Vor unserem Haus standen noch mehrere bewaffnete Männer. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, aber ich versuchte, ruhig und unauffällig weiterzugehen, den Kopf hielt ich gesenkt. So betrat ich ein Geschäft auf der anderen Straßenseite und spähte durch das Schaufenster zu unserer Wohnung. Durch das Fenster sah ich zwei weitere bewaffnete Männer. Meinen Mann sah ich nicht und auch keine der kurdischen Frauen. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte: Sie waren verhaftet worden. Auf einen ruhigen Schritt konzentriert, verließ ich das Geschäft, mir rann der Schweiß über die Stirn und den Rücken, denn mir war danach, die Beine in die Hand zu nehmen. Doch ich behielt das Schritttempo rund drei Kilometer bei, bis ich bei einer Freundin ankam. Dort wechselte ich den Tschador und sogar die Schuhe. Dann ging ich noch einmal zurück zu unserer Straße, die Wohnung schien nun leer zu sein, aber vor der Haustür stand ein Posten. Ein Bekannter wollte gerade um die Ecke biegen auf dem Weg zu uns, als er mir in die Arme lief. Ich flüsterte ihm schnell zu, dass er verschwinden solle – heute lebt er in London.
Zurück bei meiner Freundin erzählte mir deren Mann, der sich vorsichtig umgehört hatte, dass tatsächlich die Kleidung der drei Frauen einem Nachbarn aufgefallen war, der dann die Geheimpolizei angerufen hatte, und dass die Frauen und mein Mann tatsächlich verhaftet worden waren. Hätte ich nur auf Esmail gehört und wäre mit ihm untergetaucht, statt zur Arbeit zu gehen! Nun konnte ich weder in die Wohnung noch in die Fabrik zurückkehren. Schlimmer aber war, dass er verhaftet worden war. Ich machte mir große Vorwürfe deswegen.
Freunde boten mir ein erstes Versteck. Die Familie meines Mannes konnte ihn im Gefängnis besuchen, so hörte ich von seinem Bruder, dass er in Tabriz im Gefängnis war, aber lebte! Ich habe auch versucht, über die Komalah Kontakt zu Menschenrechtsorganisationen zu erhalten. Denn 1980 konnte für einige Gefangene dank Interventionen von Amnesty International und anderen eine Freilassung erwirkt werden, sogar das Khomeini-Regime war nicht immun gegen Druck von außen.
Ich fuhr nach Teheran, wo ich eine Nacht bei meinem ältesten Bruder verbrachte, aber auf Dauer war das zu gefährlich für ihn und seine Familie. Alle Polizeikontrollpunkte hatten mein Foto. Ich besaß nichts mehr, keinen Pass, keine Kleidung außer der, die ich am Leibe trug. Alles war in der Wohnung gewesen. Deshalb ging ich zu Leuten von der Komalah, wechselte mit ihrer Hilfe von Wohnung zu Wohnung und glaubte fest daran, dass mein Mann bald freikäme. Die Angst um ihn und die Angst, selbst verhaftet zu werden, saßen mir nicht nur buchstäblich im Nacken, sondern in jeder Pore meines Körpers.
Eines Abends – in der Familie, in der ich untergeschlüpft war, hatten wir gerade in einer Gruppe von sechs Leuten das Abendessen beendet – kam ein Parteimitglied zu Besuch. Seine ernste Miene, als er mich erblickte, verhieß nichts Gutes. Ich fing an zu schwitzen, denn im Grunde meines Herzens wusste ich, was nun kommen würde. Er sprach mir mit trauriger Miene sein Beileid aus, mein Mann war tot. Er reichte mir eine Zeitung mit einer Liste der in dieser Woche Hingerichteten. Esmail Yeganedost. Ich weinte die ganze Nacht hindurch, ich hatte nicht gewusst, dass ich so viele Tränen in mir hatte. Ich weinte mich in einen unruhigen Schlaf. Die Familie meines Mannes hatte mir eine Tüte mit seinen Sachen gepackt – einen Anzug, ein Hemd. Diese brachte mir ein Bruder von Esmail am nächsten Tag vorbei: »Leb wohl«, sagte er, denn in Kontakt mit mir zu bleiben wäre für ihn zu gefährlich gewesen. Ich war nun eine gesuchte Verbrecherin. Mit meinem Mann war auch ich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Wir umarmten uns zum Abschied, und schmerzvoll erkannte ich die Ähnlichkeit mit Esmail im Gesicht seines Bruders. Als er fort war, nahm ich sein Hemd aus der Tüte und vergrub mein Gesicht in dem Stoff, der so oft Esmails Haut berührt hatte. Ich suchte seinen Duft. Am nächsten Morgen warf ich die Sachen hinter einen Busch. Falls ich mit ihnen festgenommen würde, würde man vielleicht die Familie meines Mannes bedrängen. Nur meinen Ehering behielt ich.
Ich rief meine Mutter an, die daraufhin sofort nach Teheran kam, wir trafen uns noch einmal bei meinem ältesten Bruder Amir. Am nächsten Tag drängte ich darauf, ihn zu verlassen; als ich seine zwei kleinen Kinder sah, schien es mir verantwortungslos, ihr Leben durch meine Anwesenheit aufs Spiel zu setzen. Unsere Umarmung zum Abschied war meine letzte Begegnung mit ihm bis heute. Meine Mutter musste zurück nach Abhar, und ich bekam den nächsten Unterschlupf bei Komalah-Sympathisanten. Auch meine Mutter sollte ich 14 Jahre lang nicht wiedersehen.
Eine Freundin war einige Tage nach meinem Mann verhaftet worden, sie wurde von der Polizei in ihrer Wohnung erwartet. Auch sie wurde gefoltert, und ihr drohte ebenfalls ein Todesurteil. Ihre Familie versuchte es mit Bestechung, gab Geld und Geschenke an Mullahs und Polizisten und schließlich kam sie frei, kurze Zeit nach der Ermordung meines Mannes.
Als ich sie einige Wochen darauf traf, war sie sehr niedergeschlagen. Sie hatte Schuldgefühle, dass sie überlebt hatte, etwas, was viele Folteropfer quält. Es war auch für mich eine sehr traurige und verzweifelte Zeit. Die tiefe Angst vor Verhaftung und Ermordung ist sehr schwer zu ertragen, und auch ich war oft so verzweifelt, dass ich überlegt habe, mich umzubringen. Das Regime hat viele Menschen in den Selbstmord getrieben, das war Teil der Strategie von Verfolgung und Terror. Massenverhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen, so viele verlorene Familienangehörige in dieser ersten großen Verhaftungs- und Hinrichtungswelle unter dem neuen Regime. Eine Freundin von mir von der Universität, Ladan, wurde auch verhaftet und hingerichtet. Im Sommer 2007 traf ich eine Freundin ihrer Schwester, die heute in Kanada lebt, sie berichtete mir, was wir alle im Grunde wussten: Ladan wurde, wie alle Jungfrauen, vor ihrer Hinrichtung vergewaltigt. Nach islamischem Glauben kommen Jungfrauen direkt ins Paradies. Eine vor ihrem Tod vergewaltigte Frau aber kommt in die Hölle, denn sie hat unehelichen Sex gehabt. Ihre Vergewaltiger glaubten als Gotteskrieger, ihre Opfer direkt in die Hölle zu schicken.
Als mein Mann ermordet wurde, bekam seine Familie die Wohnung, die ihm gehört hatte. Mir wurde ein Achtel des Geldwertes geschickt. Wie schon meine Mutter vor mir war ich als Witwe im islamischen Erbrecht benachteiligt. Die Freundin, die kurz nach meinem Mann verhaftet worden war, erzählte mir, dass sie seine Leiche gesehen hatte. Er lag mit den anderen Hingerichteten des Tages im Gefängnishof, über den sie geführt wurde. Der Hinrichtungen waren in diesen Tagen zu viele, als dass die Leichen so schnell abtransportiert werden konnten, wie neue Opfer starben. Der Säuberungswelle des neuen Regimes fielen Tausende zum Opfer, gehängt, erschossen. Anhänger des Schahs traf es ebenso wie Kommunisten und andere Oppositionelle, 1980 war das Jahr der Todesurteile wegen »Verbreitung des Lasters auf Erden und Widerstreit gegen Gott«.
Nach der Hinrichtung meines Mannes hielt ich mich über ein Jahr in Teheran versteckt. Zunächst zog ich von einem Unterschlupf zum nächsten, nach ein paar Monaten konnte ich mit einem Mann eine geheime Wohnung mieten, und offiziell wohnten wir dort als Ehepaar. Damit wurde die Lage für mich etwas ruhiger, ich musste nicht mehr alle paar Tage zu den nächsten fremden Menschen umziehen. Zudem gefährdete ich ja auch immer die, die mir Unterschlupf gewährten. Oft waren das Familien. Einmal kam ich am späten Abend zu einer neuen Unterkunft. Ein Mann öffnete mir die Tür und hieß mich leise willkommen, da ging eine Tür auf, und ein kleines Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, kam im Pyjama mit verschlafenen Augen heraus. »Wer bist du?«, fragte sie mich. Bevor ich mir überlegt hatte, was ich antworten könne, scheuchte ihr Vater sie sachte zurück ins Bett. Schmerzhaft wurde mir klar, dass ich sogar das Leben dieses Kindes gefährdete, würde ich in dieser Nacht, in dieser Wohnung, verhaftet werden. Die Angst vor Entdeckung blieb, das Leben fühlte sich an, als hätte ich immer einen schweren Bleimantel an. Ich bekam Schlafstörungen und litt unter Panikattacken. Auf der einen Seite dachte ich immer wieder an Selbstmord, es schien der einzige Ausweg aus dieser schweren, endlosen Bedrückung. Dass immer wieder Menschen bereit waren, mich unter Risiko für ihr eigenes Leben zu verstecken, berührte mich sehr. Wir bestärkten uns dabei immer gegenseitig, dass das islamische Regime nicht lange an der Macht bleiben könne. Inwieweit wir uns das glaubten oder nur versuchten, uns gegenseitig Mut zu machen, um durchzuhalten, kann ich nicht sagen.
Denn die Monate vergingen, und das Regime blieb nicht nur, sondern festigte seine Macht, eliminierte immer mehr Gegner. Ich besaß immer noch keine Dokumente, keine Papiere, und die Polizei kontrollierte immer mehr auf der Straße. Selbst Taxifahren war gefährlich, denn auch diese wurden zu Ausweiskontrollen angehalten. Ich wusste: Würde ich ohne Ausweispapiere erwischt, würde ich verhaftet, gefoltert und höchstwahrscheinlich auch hingerichtet werden. Wie so viele, die ich damals kannte. Auch mein letzter Mitbewohner, mit dem ich drei Monate in Teheran in einer Wohnung lebte, wurde ermordet. Nach meinem Weggang war seine Ehefrau zu ihm gezogen, vier Monate später wurde er verhaftet und hingerichtet. Sie konnte danach fliehen und lebt heute in Schweden. Jede Nacht hatten wir Angst, dass Polizisten unsere Wohnung stürmen könnten. Wir fühlten uns wie Kaninchen im Bau, die merken, wie draußen der Fuchs umherschleicht, und deshalb versuchen, ganz still zu sein, damit er sie nicht hört. Doch sie spüren, wie ihr Angstschweiß rinnt und droht, sie zu verraten. Ein Entrinnen schien es nur im Tod zu geben, dem selbst gesetzten Tod als Alternative zum Foltertod. Es war wie die Sehnsucht, die Augen schließen zu dürfen, wenn man sich vor Müdigkeit kaum noch wach halten kann, aber dazu gezwungen wird. Es war die tiefste Erschöpfung, die ich jemals gespürt habe, das Hinabsinken-Wollen ins Nichts wurde zur größten Verlockung. Vielleicht halfen mir schon die Gedanken an diesen letzten Ausweg – denn trotz aller Verzweiflung habe ich nie einen echten Versuch unternommen, mich zu töten.
Die islamische Republik Iran bis heute
Im Krieg gegen den Irak schaffte es Khomeini, den Märtyrertod zu einer wirksamen Waffe zu machen: Zehntausende iranischer Jugendlicher liefen in irakisches Maschinengewehrfeuer, die gefürchteten »menschlichen Angriffswellen«. Um den Hals trugen sie Schlüssel – für die Pforte zum Paradies. Die ersten waren aus Eisen, später mussten Plastikimitate ausreichen. Sie opferten sich wie einst Hussein für seinen Glauben gegen die Sunniten. Genauer gesagt: Sie wurden geopfert. Denn diese Kinder wurden einer Gehirnwäsche unterzogen, gedrillt und gezwungen. Sie lernten in Vorbereitungscamps, nachdem sie teilweise sogar aus den Schulen verschleppt worden waren, Hunden die Kehle durchzuschneiden. Wer sich weigerte, musste mit einem Sack voller Steine auf dem Rücken marschieren, bis er umfiel. Persönliche Sachen waren nicht erlaubt, nur einen Koran bekamen sie alle. Khomeini sah es 1982 so: »Freiwilliges Melden zum Dienst ist religiöse Pflicht.« Das grausame Schicksal dieser Kinder zeigt das Wesen des politischen Islam im Iran – bis heute. Dieses Denken, da bin ich mir sicher, ist nicht reformierbar, denn die Regierung ist, trotz eingeschränkter Parlamentswahl, ja nicht vom Volk gewählt, sondern »von Gott eingesetzt«.
Khomeini betrieb eine Idealisierung des Opfertodes, die bis heute Selbstmordattentäter in aller Welt nachahmen und perfektionieren, bis hin zum 11. September 2001, an dem 19 Menschen über 3000 weitere Menschen mit in den Tod nahmen. Der Islam ist nicht die einzige Ideologie, die Selbstmordattentäter kennt, man denke nur an die Tamil Tigers in Sri Lanka, die mit Selbstmordattentaten einen eigenständigen Tamilenstaat erbomben wollen. Aber es ist kein Zufall, dass die meisten Selbstmordattentäter Muslime sind – sind doch der Glaube an das Paradies und die Hoffnung auf Nachruhm im Diesseits vollkommen kompatibel mit dem politischen Islam.
Die irakischen Schützen, die mit ihren Maschinengewehren im irakisch-iranischen Krieg Tausende wehrloser Kinder niedermähten, wichen, seelisch erschöpft, zurück. Trotzdem hat die Taktik der Kinderopfer Iran keinen wirklichen Kriegsgewinn gebracht. Der Sieg fand auf dem Heimatfeld statt: Einige stolze Eltern bejubelten sogar den sinnlosen Opfertod ihrer Kinder. Manche der Mütter bedauerten nur, nicht noch mehr Söhne geboren zu haben, um sie auf dem Schlachtfeld opfern zu können. Was auf den ersten Blick wie eine Perversion von Mutterliebe aussieht, ist im Grunde logisch in der Mutterideologie des Islam: Stellenwert hat die Frau nur als Mutter von Söhnen. Wenn das Höchste für diese Söhne ist, sich für Allah zu opfern, dann kann es nur Aufgabe jeder Frau sein, Allah so viele Söhne wie möglich zu gebären, die sich opfern können. Auch an dieser Stelle wird deutlich, wie eine Befreiung der Frauen, die Idee eines selbstbestimmten Lebens von Frauen ohne alleinigen Bezug auf Mann und Kinder, den politischen Islam in seinen Grundfesten erschüttern würde.
Gerade deshalb versucht der politische Islam immer wieder, sich den Anstrich von Frauenfreundlichkeit zu geben. Manchmal klingt das unverblümt entlarvend, wie die Aussage des Ayatollah Taleghani auf die Frage nach den Rechten der Frau 1979, kurz nach der Revolution: »Das erste Recht der Frau ist das auf einen Ehemann, das zweite das auf die Mutterschaft.«
Das Regime und die Vertreterinnen und Vertreter des politischen Islam haben gelernt, ihre Wirkung nach innen zu trennen von dem, wie sie sich nach außen, in der Welt der Ungläubigen, präsentieren. Das habe ich selbst erlebt beim Auftritt einer muslimischen Feministin und Abgeordneten des islamischen Regimes, die Ende 1999 zu einem Vortrag in die holländische Universität Leiden eingeladen wurde. Es handelte sich um die Tochter von Hashemi Rafsanjani (er war Präsident der islamischen Republik Iran von 1989 bis 1997). Faezeh Hashemi Rafsanjani war 1996 bis 2000 Abgeordnete im Teheraner Parlament und nannte sich eine muslimische Feministin.
Ich ging mit meinem Mann und politischen Freunden zu dieser Veranstaltung, denn ich war neugierig auf Frau Rafsanjani und hatte einige Fragen an sie. Vor der Universität standen Exiliranerinnen und -iraner und protestierten gegen Frau Rafsanjani und das Regime, welchem sie angehörte. Sie betrat den gut gefüllten Hörsaal, eingeladen hatten Vertreter der Universität, im Tschador. Anwesend war auch ein Minister der holländischen Regierung. Auf dem Weg zum Rednerpult stellte sich ihr eine Frau in den Weg, rief etwas auf Persisch und gab Faezeh Hashemi Rafsanjani drei Ohrfeigen. Mein Mann hatte den Ausruf verstanden – die drei Ohrfeigen waren für ihre drei, während der Präsidentschaft unter Rafsanjani gefolterten und ermordeten Kinder, die Frau war eine Exiliranerin. Eine Zuhörerin stand auf und prangerte das iranische Regime an.
Frau Rafsanjani rang sichtlich um Fassung und besprach sich mit einigen herbeigeeilten Veranstaltern. Diese verkündeten, dass Frau Rafsanjani Erholung brauche und in diesem feindseligen Klima keine Rede halten könne. In mir keimte Wut auf. Impulsiv sprang ich auf, ging auf das Podium und ergriff das Mikrofon. »Guten Tag, ich heiße Mina Ahadi, und ich bin 1956 im Iran geboren. Ich war in der Opposition gegen den Schah, und ich war von Anfang an gegen einen religiösen Staat. Mein Mann wurde deshalb 1980 von der Regierung der islamischen Republik Iran verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Es ist sehr schade, dass Frau Rafsanjani heute nicht zu uns spricht, denn ich habe einige Fragen an sie.« Die Leute waren überrascht, aber ich sah, dass ich mit meinen einleitenden Worten Interesse geweckt hatte. Die Veranstalter wussten nicht so recht, was sie tun sollten. Ihr Zögern nutzte ich, um meine Rede fortzusetzen. Mehrere holländische Fernsehteams, die gekommen waren, um Frau Rafsanjani aufzunehmen, richteten ihre Kameras nun auf mich. »Frau Rafsanjani, warum tragen Sie den Tschador, statt sich mit den Frauen zu solidarisieren, die im Iran verhaftet und ausgepeitscht werden, weil sie angeblich unislamische Kleidung tragen? Frau Rafsanjani, was sagen Sie uns zu den gesetzlich legalen Steinigungen der letzten Jahre, die wegen Ehebruchs an Männern und Frauen ausgeführt wurden, so im Oktober 1997 gleich an drei Frauen und drei Männern – öffentlich!? Frau Rafsanjani, wieso befürworten Sie einen Sportpark nur für Frauen statt eine gemeinschaftliche Erziehung von Mädchen und Jungen? Liebe Anwesende, Sie fragen nach dem Wesen dieses Islams? Herr Minister, gehen Sie mit Ihrer Frau und Ihrer Tochter eine Woche in den Iran, dann begreifen Sie den Islam!« Einige der Zuhörer applaudierten. Von der Seite traten zwei Polizeibeamte in Zivil, die zur Sicherung der Veranstaltung anwesend waren, an mich heran und baten mich, vom Podium herunterzukommen. Ich folgte ihnen, denn ich wollte keinen Aufruhr entfachen. Ein Holländer trat auf mich zu und bat mich, weiterzureden. Ich stimmte zu, und er stellte mir einen Stuhl hin, auf den ich kletterte, um so wieder von allen der circa 300 Anwesenden gesehen und gehört zu werden. Rund zwei Stunden habe ich so mit den Menschen diskutiert. Später erzählten mir meine Töchter, sie hätten mich im Fernsehen gesehen – und sie hätten mich prima gefunden.
Im April 2000 lud dann die Heinrich-Böll-Stiftung zur sogenannten Berlin-Konferenz. Ein Dialog sollte stattfinden mit Vertretern der islamischen Republik. Als die Künstlerin Parvaneh Hamidi in einer Protestperformance in Bikini und Schleier den Saal betrat, wurden vor allem von den Vertretern der islamischen Republik Rufe laut, sie zu entfernen. Die Podiumsteilnehmer waren teilweise völlig empört, als die Frau mit einem Ruck den Schleier von sich riss und nur noch im Bikini vor ihnen stand. Kurz darauf riss ein Sicherheitsbeamter die Frau von hinten herum und zerrte sie hinaus. Im Saal gab es Tumulte, das Podium wurde niedergerufen mit Parolen wie »Nieder mit dem islamischen Regime«. Viele oppositionelle Exil-Iraner hatten sich in den Saal gedrängt. Wir kamen von unserer eigenen Konferenz gegen das islamische Regime, die wir auf der Straße gegenüber dem Tagungsort abhielten. In dem Tumult bat mich einer der Veranstalter, etwas zu sagen, um die Menge zu beruhigen. Ich ergriff wieder einmal das Mikrofon und erzählte von der Hinrichtung meines Mannes. Ich sagte meine Meinung – dass das Regime im Iran nicht reformierbar sei und der Islam dort auch nicht. Doch das war etwas, was die den Grünen nahen Intellektuellen der Heinrich-Böll-Veranstaltung nicht hören wollten. Ihr Leiter kam auf mich zu und beschwerte sich, dass ich die Leute nicht beruhigt hätte. Ich sagte, das hätte ich nicht versprochen, ich könne nur sagen, wie es im Iran sei und was meine Einschätzung dazu wäre.
Die Konferenz wurde gefilmt, und dieser Film, auch mit einem Stück meiner kurzen Rede, wurde im Iran heimlich verbreitet. Das war dem »Reformer« Chatami dann doch zu viel, 20 Teilnehmer der Berliner Konferenz wurden nach ihrer Rückkehr in den Iran verhaftet. Darunter war Akbar Gandschi, Mitbegründer des iranischen Geheimdienstes unter Khomeini, einer der Reformer. Sein Fall erregte international Aufmerksamkeit, er selbst tritt heute für die Trennung von Staat und Religion ein. Das aber wäre eben keine Reform, das wäre ein Systemwandel. Meiner Meinung nach widerspricht sich Herr Gandschi damit selbst. Akbar Gandschi wurde erst sechs Jahre nach seiner Verhaftung, am 16. März 2006, freigelassen. Ich widerspreche seinen politischen Ansichten, aber seine Verhaftung war absolut unrechtmäßig. Ich bin sehr froh, dass er freigelassen wurde. Die Berlin-Konferenz hat im Iran großen Nachhall gefunden, die Menschen haben darüber geredet, und Freunde, die später aus dem Iran geflüchtet sind, sagten mir, in ihrem Umfeld kannte man nicht nur den Auftritt von Akbar Gandschi, sondern meinen fast noch mehr.
Westliche Politik gegenüber dem Iran ist natürlich von westlichen Interessen bestimmt, dem Zugriff auf Ölvorräte und strategischen Überlegungen. Wie so oft werden Menschenrechte nur im Mund geführt, wenn es gerade passt und sie einer »stillen Diplomatie«, wie Joschka Fischer sie gerne betrieb, nicht im Wege stehen. Ausgerechnet zum internationalen Frauentag fuhr er im März 2000 nach Teheran, um »das Eis zu brechen«. Es folgten weitere Reisen des deutschen Außenministers 2001 und 2003. Selbst im August 2006 war er im Namen seines Nachfolgers Frank-Walter Steinmeier zu einer Mission im Namen der »europäisch-iranischen Beziehungen« in der Islamischen Republik.
Ich bin keine Diplomatin. Ich bin ein sozialer und politischer Mensch. Ich verstehe die »Diplomatie der Gespräche hinter verschlossenen Türen« nicht. Auch Atefah Schaaleh hätte sie wohl nicht verstanden.
Atefah Schaaleh war einfach nur eine Jugendliche. Sie wurde am 15. August 2004 im Iran hingerichtet. Sie wurde 16 Jahre alt. Ihre Mutter war gestorben, als sie ein Säugling war. Der Vater ging arbeiten und war zudem drogensüchtig, im weitgehend alkoholfreien Iran ist die Heroin- und Opiumsucht keine Seltenheit. Atefah wuchs deshalb bei ihren Großeltern auf. Sie kümmerte sich um den Haushalt und um die alten Leute, sie half ihnen ins Bett und kochte ihnen zu essen. Das junge Mädchen muss sich sehr allein gefühlt haben. Wegen ihrer Familienverhältnisse wurde sie von einer Mitarbeiterin der Familienbehörde besucht, die sie als »stürmisches Mädchen« beschrieb, welches »nach Liebe suchte«.
Atefah liebte es, alleine durch die Straßen zu streifen, es war also abzusehen, dass sie ins Visier der Revolutionswächter geraten würde. Manchmal saß ihr Kopftuch nicht streng genug, manchmal sprach sie mit einem Jungen auf der Straße, dann wieder ging sie nicht zielstrebig von A nach B, sondern – schlenderte. Atefah Schaaleh wurde dreimal vorübergehend festgenommen, weil sie ohne Begleitung eines männlichen Verwandten spazieren gegangen war.
Eines Tages nahm sie ein Taxi. Der Fahrer war ein älterer, verheirateter Mann, der ehemals ein Polizist gewesen war. Er gab sich als väterlicher Freund, und Atefah dachte, sie habe jemanden gefunden, der sich für sie interessierte.
Doch der Erwachsene benutzte sie auf brutalste Weise, er vergewaltigte sie. Dann warf er sie aus dem Wagen. In der Gosse lag sie, verletzt an Leib und Seele, als sie wiederum von der Polizei aufgegriffen wurde. Statt ihr Hilfe zu bieten, beschuldigten sie sie des unziemlichen Verhaltens. Diesmal wurde sie gefesselt und fast bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Unter den Hieben schrie sie den Namen ihres Peinigers heraus. Daraufhin wurde sie zum Tode wegen Unzucht verurteilt.
Da Iran das internationale Abkommen zum Schutz junger Menschen unter 18 vor der Todesstrafe unterzeichnet hat, wäre selbst unter den Gesetzen der Scharia im Iran die Höchststrafe für dieses »Vergehen« 80 Peitschenhiebe gewesen. Doch in den Akten, die über den Fall an das Oberste Gericht überstellt wurden, um das Urteil zu überprüfen, war Atefah plötzlich gealtert und 22 Jahre alt.
Innerhalb eines Monats wurde das Urteil bestätigt und bald vollstreckt. Im Morgengrauen fuhr einer der mobilen Hinrichtungswagen, die im ganzen Iran laufend im Einsatz sind, auf den Stadtplatz. Das sind LKWs, die auf der offenen Ladefläche einen Kran haben, an dem das Seil mit Galgenknoten hängt. Die junge Frau wurde Punkt sechs Uhr zu dem LKW geführt, mitten durch eine schaulustige Menschenmenge. Sie war gefesselt und weinte. Von ihrer Familie war niemand dort. Einige der Zuschauer machten ihre Fotohandys bereit, um ihre Anwesenheit und das Ereignis zu dokumentieren. Vor Angst drohten Atefah die Beine zu versagen, als ihr die Schlinge um den Hals gelegt wurde. Verzweifelt rief die Jugendliche: »Verzeiht mir, bitte, was immer ich falsch gemacht habe, verzeiht mir, Allah verzeih mir!« Dann gab der Leiter der Hinrichtung das Zeichen, und der Kranführer setzte sein Gerät in Bewegung. Die junge Frau verlor den Boden unter den Füßen, den Kopf in der Schlinge starb sie vor den Augen der Menge.
Während Herr Fischer seine Reisen machte, und er ist nur einer von vielen Kuscheldiplomaten, versuchten wir vom »Komitee gegen Steinigung«, zusammen mit dem »Komitee gegen Todesstrafe«, die junge Atefah zu retten. Vergeblich. Wenn mir jemand vorwirft, ich sei unsachlich, dann sage ich: Ja, ich bin emotional. Mein Herz schlägt für den Kampf für Frauen wie Atefah, für ihre Freiheit. Denn ihre Geschichten zeigen das wahre Gesicht des Iran bis heute.
Wider die sexuelle Selbstbestimmung der Frau
Die sexuelle Belästigung von Frauen gehört zur Strategie, ihnen ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verweigern. Ob mit oder ohne Kopftuch, ob unter der Diktatur des Schahs, durch religiöse Männer oder linke Partisanen, immer wieder musste ich sie selbst erleben oder wurde Zeugin der Belästigung anderer Frauen. Ich möchte davon berichten, weil es zeigt, wie universal sexuelle Belästigung von Frauen leider ist. Der politische Islam behauptet, unter seinem Regime gäbe es dieses Problem nicht. Das funktioniert nur, wenn man die Täter-Opfer-Beziehung verdreht: Wo die Frau den Mann verführt, ist dieser Opfer seiner Triebe.
Nicht alle Männer betrachten Frauen als Objekte ihrer Begierde, die man nicht fragen muss, wenn man sie begaffen, begrabschen oder gar vergewaltigen will. Aber zu einer Kultur der Gleichberechtigung gehört, sich der Tatsache der sexuellen Belästigung bewusst zu werden, Verantwortung zuzuweisen und Frauen zu stärken. Meine Erlebnisse fanden im Iran statt. Aber der politische Islam leugnet auch in Deutschland, dass Frauen von seinen Anhängern sexuell belästigt und erniedrigt werden. Das ist ein Skandal, und deshalb müssen die Islamverbände Rede und Antwort stehen, warum zum Beispiel so viele muslimische Frauen in deutschen Frauenhäusern landen.
In Tabriz, während meiner Studienzeit, lernte ich schnell etwas kennen, was die strenge soziale Kontrolle in meinem Heimatdorf verhindert hatte: sexuelle Belästigung. Auf der Straße und den Gehwegen der Stadt waren immer viele Menschen unterwegs, es herrschte ein ständiges Gedränge. Im Vorbeigehen hatte man auf einmal eine Hand am Busen, die kurz kräftig zudrückte, und bevor man genau sah, wer der Täter gewesen war, war er schon in der Menge verschwunden. In der Logik der Islamisten ist damit bestätigt, dass der Mann nicht anders kann, wenn er von einer Frau mehr sieht als einen Ausschnitt vom Gesicht und die Hände. Dass die Frau an sich eine Verführung ist und deshalb gezähmt, verhüllt und eingesperrt werden muss. Eine Logik, die die Männer davor bewahrt, einmal darüber nachzudenken, wie Frauen sich fühlen, wenn sie nur die Alternative haben, begrapscht oder verhüllt zu werden. Eine Logik, die Frauen zu »Reizträgerinnen« macht, vor der die Männer geschützt werden müssen. Eine Logik, die Allahs Wort folgt und damit unhinterfragbar ist, denn so steht es im Koran, Sure 24, Vers 32: »Sage auch den gläubigen Frauen, dass sie ihre Augen niederschlagen und sich vor Unkeuschem bewahren sollen und dass sie nicht ihre Zierde (ihren nackten Körper, ihre Reize), außer nur was notwendig sichtbar sein muss, entblößen und dass sie ihren Busen mit dem Schleier verhüllen sollen. Sie sollen ihre Reize nur vor ihren Ehemännern zeigen (…).« In Tabriz verführten wir unverschleierten Frauen manche Männer zu wirklich triebhaftem Verhalten. Einmal öffnete ein Mann seinen Mantel, und im Vorbeigehen sah ich, dass er mir seinen steifen Penis präsentierte. Fassungslos stolperte ich vorwärts, und als er schon in der Menge verschwunden war, spürte ich ein feuchtes, schleimiges Gefühl auf meinem Arm. Mir wurde übel, als ich merkte, dass er auf meinen unverschleierten Arm ejakuliert hatte.
Alle zwei bis drei Monate unternahm ich die siebenstündige Busfahrt in mein Heimatdorf, um meine Mutter zu besuchen. Auch auf der Reise war eine Frau nicht vor sexuellen Übergriffen sicher. Meist nahm ich den Bus über Nacht, und einmal spürte ich einen Arm, der sich von hinten um meine Hüfte legte, und eine Hand, die zwischen meine Beine zu greifen versuchte. Ich sprang auf und funkelte den Mann hinter mir böse an. Dann ging ich nach vorne zum Fahrer und sagte ihm, dass ich belästigt worden sei. »Kein Problem«, sagte er, »setz dich neben mich.« So machte ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem und döste ein. Plötzlich schreckte ich hoch, etwas hatte mich berührt. Schlagartig wurde mir klar, dass der Fahrer das Steuer nur noch mit links hielt und seine rechte Hand auf meinem Busen herumstrich. Ich zischte ihn an, aufzuhören, raffte ein weiteres Mal meine Sachen zusammen und fand einen freien Platz hinten im Bus, wo ich trotz meiner aufgewühlten Gefühle von Wut und Scham schließlich noch einmal einschlief.
Ein paar Monate später grapschte im Bus wieder ein Mann von der Bank hinter mir zwischen meine Beine und diesmal sprang ich auf und schrie, er solle das sein lassen. Viele Mitreisende fielen mit ein und beschimpften den Täter. Der Fahrer wurde abgelenkt, und der Bus geriet ins Schlingern. Er rutschte quer über die Autobahn und kam gerade noch vor der Böschung am Standstreifen zum Stehen. »Alle raus!«, brüllte der Busfahrer, und alle Fahrgäste verließen den Bus. »Was ist geschehen?«, wollte der Fahrer wissen, als wir uns am Straßenrand gesammelt hatten. Ich trat vor und sagte: »Der Mann dort«, mein Finger zeigte auf den Täter, »hat mich gestört.« Ein drastischeres Wort kam mir nicht über die Lippen. Der Fahrer schnaufte verärgert: »Oh diese Frauen!«, und befahl uns wieder einzusteigen und Ruhe zu geben. Die Mitreisenden, inzwischen eher empört über den unfreiwilligen Stopp, wirkten keineswegs mehr freundlich, und mir war der ganze Zwischenfall peinlich.
Aber auch einige linke Männer waren auf ihre Art frauenfeindlich. Zum Beispiel erinnere ich mich, dass eine Studentin, die immer stark geschminkt und sehr modisch gekleidet war, dafür regelrecht abgestraft wurde. Mitglieder der Fedayi lauerten ihr auf einem Gang auf, sprangen ihr in den Weg, riefen »Luder« und schütteten einen Eimer Farbe über ihre Kleidung, über ihre weiße Hose und ihr weißes, weit ausgeschnittenes Oberteil. Die Farbe war rot und die junge Frau zutiefst erschrocken. Sie hatte versucht, den Angriff mit ihren Händen abzuwehren. Nun sah sie auf ihre blutroten Hände und fragte verängstigt: »Wieso?« In dem Flur waren noch rund ein Dutzend andere Studenten zugegen, auch ich war zufällige Zeugin. Die meisten sahen weg, als die Farbe verschüttet war und die junge Frau hilflos dastand. Aber ich ging auf die Attentäter zu und fragte auch: »Wieso?« Einer der Männer meinte, dass die Frau unzüchtig angezogen sei. Ich war entsetzt, sah das Mädchen an, das angefangen hatte zu weinen und nun davonlief. Das sollte linke Politik sein? Ich sagte den Männern, dass sie reaktionär wären. Sie zuckten die Schultern und gingen ihrer Wege. Im Grunde hatten viele linke Männer noch wenig über die Stellung der Frauen nachgedacht und redeten sehr konservativ, wenn es um Frauen und die Maßstäbe für deren »moralisches Verhalten« ging. In dieser Frage musste das Bewusstsein der Männer in der linken Opposition erst von den Frauen geweckt werden, nach und nach gingen mehr Männer auch selbstkritisch damit um. Das ist etwas, was auch die linken Frauen in der Bundesrepublik Deutschland vor allem in den 70er-Jahren erfahren mussten.
Bei allen Demonstrationen und Protesten gegen den Schah, gegen sein pompöses Leben im Angesicht der Armut weiter Teile der Bevölkerung (die Empörung über die bombastische 2500-Jahr-Feier 1971 war noch sehr wach) und gegen den Imperialismus – der Blick auf das eigene Frauenbild war bei vielen politisch engagierten Männern recht beschränkt.
Unsere Wandergruppe zog jeden Samstag los, Studentinnen und Studenten aus verschiedenen linken illegalen Gruppen und Sympathisantinnen. Eines Tages waren wir zehn Frauen und kein Mann – so zogen wir los. Wir standen früh auf, vor sechs Uhr, zogen uns festes Schuhwerk an und schnallten uns Rucksäcke mit Wegzehrung für den Tag um. Wir waren uns alle politisch verbunden und untereinander mehr oder weniger befreundet. Diese Wanderungen waren eine willkommene Abwechslung und eine Möglichkeit, auch als Frau den Körper in Bewegung zu bringen. Ich liebte die Wanderungen, die Natur, unsere Gespräche, die sowohl politisch waren als auch Privates, Familie und Freunde, betrafen.
An diesem Frauenwandertag sahen wir auf einem Berg einen Schäfer, ein alter Mann mit einer Herde, er sah erschöpft aus. Wir dachten, er sei vielleicht hungrig und würde sich über eine Aufmerksamkeit freuen. Ich war dann die, die zu ihm hinging und ihm einige Trockenfrüchte anbot. Ich sagte auf Türkisch: »Bitte schön, für Sie.« Er guckte mich an, schwieg aber. Sein Gesicht war unbeweglich, auch griff er nicht nach den Früchten. Ich dachte in diesem Moment, dass er sehr hässlich sei. Er schaute an mir vorbei auf die anderen, sah, dass wir alle junge Frauen waren. Dann, ich konnte es erst gar nicht fassen, pfiff er nach seinem Hund: »Fass!« »Was?«, rief ich. »Was willst du?« Er formte mit seinem linken Ringfinger und seinem linken Daumen einen Kreis und stieß seinen rechten Ringfinger schnell hinein, hinaus, hinein, hinaus. Wir waren an diesem Tag zu zehnt und rannten nun schnell weg. Nur Susan hatte Pech, er erwischte sie mit einem großen Stock, den er aufgehoben hatte, und schlug sie nieder. In einiger Entfernung blieben wir anderen stehen und sahen, wie Susan verletzt am Boden lag und er sich schon an seiner Hose zu schaffen machte. Wir entschieden schnell, dass eine von uns weiter den Berg hinunterrennen und um Hilfe rufen würde. Wir anderen kehrten um. Da der Mann bei seinen Aktivitäten an seiner Hose den Stock niederlegen musste, schnappte ich mir diesen. Und da kam zum Glück schon unsere Kameradin, die nur wenige Biegungen weiter auf zwei Bergsteiger gestoßen war, mit diesen zu Hilfe. Es waren zwei Studenten, Kommilitonen, die wir kannten. Ich war froh, dass Hilfe da war, denn kaum sah der Schäfer die zwei Männer, sprang er auf, zog seine Hose zu und entschuldigte sich – bei den Männern. Susan war voller blauer Flecken und Prellungen von den harten Schlägen. Einer der Studenten fragte den Schäfer wütend, was er da mache. Dieser antwortete: »Entschuldigung, ich wusste nicht, dass diese Frauen mit dir unterwegs waren.« Unser vermeintlicher Begleiter übernahm sofort die Rolle des Führers und sagte: »Folgt mir!« Wir drehten mit ihm um und gingen den Berg gemeinsam hinab, den Schäfer hinter uns lassend. Susan stützte sich auf zwei von uns, sie hatte starke Schmerzen von den Stockschlägen und konnte nur in kleinen Schritten gehen. Unser Führer meinte, wir sollten besser nicht mehr alleine weiter; was heißen sollte, ohne Mann, denn immerhin waren wir zu zehnt und nicht eine allein. Wir überlegten, ob wir den Schäfer anzeigen sollten, ich war dafür, denn was er uns und natürlich vor allem Susan angetan hatte, war ein Verbrechen. Aber andere in unserer Wandergruppe wollten nichts mit der Polizei zu tun haben, denn diese war der imperialistische Feind, und schließlich müsse man auch den armen Mann verstehen, alt und hässlich und dann plötzlich allein mit zehn jungen Frauen! Dem Argument, dass die Polizei Teil des imperialistischen Regimes sei, konnte ich mich nicht entziehen, zumal mein Glaube, dass sie uns helfen und tätig werden würde, nicht wirklich groß war. So ließen wir die Sache auf sich beruhen. Wir Freundinnen, die diesen Tag zusammen erlebt hatten, wussten, dass auch die beiden Männer nicht darüber reden würden, das »große Gewissen und das kleine Gewissen«, wie wir sie nannten, nach ihrer sehr unterschiedlichen Körpergröße.
Und selbst in den kurdischen Bergen, in der kleinen Gemeinschaft der Partisanen, gab es strenge Moralvorstellungen. Dies musste ich in meinen zehn Jahren dort, von 1980 bis 1990, erleben. Zudem war die soziale Kontrolle in unserer kleinen, rund 300 Menschen umfassenden Lagergemeinschaft hoch. Eines Tages hörte ich von Gerüchten, dass eine junge, unverheiratete Frau schwanger sei. Das war der richtige Stoff für Klatsch. Dabei war die moralische Verurteilung über ihren Fehltritt nicht zu übersehen. Sie schien zügellos, unehrenhaft, sie wurde geächtet. Ihr Name war Parvin, und sie war gerade 21 Jahre alt. Als ich eines Morgens in das gemeinsame Badehaus der Frauen ging, hörte ich dort einige über sie tuscheln. Dann betrat Parvin den Raum, und das Gespräch verstummte. Die Frauen starrten sie an, und Parvin wandte sich ab. Ich ging auf sie zu und bot ihr meine Seife an. Zwar hatte sie selbst Seife in der Hand, aber ich wollte ihr meine Unterstützung anbieten und dies auch den anderen Frauen zeigen. Parvin lächelte mich an und meinte, sie nähme wohl besser ihre eigene Seife, und bedankte sich. Sie wurde von der Lagerleitung, dem Parteikomitee der Komalah, einer Befragung unterzogen. Ja, sie war schwanger. Nein, sie werde den Namen des Kindsvaters nicht sagen. Die Parteileitung redete ihr ins Gewissen, sie müsse den Namen sagen, damit der Mann seine Verantwortung übernehmen könne. Das klang schön, aber ich konnte Parvin verstehen. Vielleicht war der Mann verheiratet, vielleicht hätte er alles abgestritten. Sie wusste, dass sie keine Chance auf ein »ehrbares« Familienleben hatte. Mit ihrer Entscheidung, sich einem Mann vor der Ehe hinzugeben, war sie das Risiko der sozialen Ächtung eingegangen. Als ich von dem Gespräch mit der Lagerleitung hörte, war ich empört darüber, was diese sich anmaßte. Das war doch keine Hilfe für eine junge, schwangere Frau, die ganz ohne Familie im Lager lebte. Nur einer dieser Genossen ist zu Parvin gegangen und hat ihr ohne Vorwurf zugehört und mitgefühlt. Parvin war vor einem halben Jahr mit einem befreundeten Ehepaar nach Kurdistan geflüchtet, nachdem ihr Vater und ihr Bruder wegen politischer Reden verhaftet worden waren. Ihre Mutter war schon vor Jahren gestorben. Kurz entschlossen suchte ich Parvin auf. Sie saß auf ihrem Bett in der kleinen Hütte, die sie mit zwei anderen Frauen teilte, und weinte. Da eine ihrer Zimmergenossinnen im Raum war, schlug ich einen Spaziergang vor. Zwar konnten wir uns wegen der Sicherheitslage nicht weit entfernen, doch hinter dem Lager war ein Wald, in dem man sich einige hundert Meter weit die Beine vertreten konnte. Ich sagte
Parvin, dass ich sie in keiner Weise verurteilte und dass ich ihr meine Unterstützung anbieten wolle, damit sie mit dem Kind gut leben könne. Sie freute sich und bedankte sich wieder, aber ihre Augen blieben traurig. »Ich habe den Mann geliebt. Nun ist mein Leben vorbei. Und welche Zukunft hätte mein Kind?« Ich erschrak über ihre Hoffnungslosigkeit und versuchte, ihr Mut zuzusprechen. Sie war so jung, und sicher würde man einen Weg finden, sie und ihr Kind, wenn es erst einmal kräftig genug sei, nach Europa zu bringen. Dort könne sie neu anfangen. Sie schien mir nicht überzeugt, aber schließlich lächelte sie mich zaghaft an. Wir gingen ins Lager zurück, und ich sagte ihr, dass ich am nächsten Tag mit der Lagerleitung sprechen würde. Etwa zwei Stunden später hörte ich einen Schuss. Ein Schuss bedeutete im Lager meist einen Selbstmord, das kam nicht häufig, aber immer einmal wieder vor. Menschen verzweifelten an der Enge, dem Krieg und an persönlichen Problemen. Ich wusste sofort, was passiert war, bevor es mir jemand sagte: Parvin hatte sich erschossen. Erschossen, weil die Leute sie wegen ihrer Schwangerschaft verurteilten, statt ihr zu helfen. Auch ihr Freund hatte sie im Stich gelassen. Ich lief zu ihrer Hütte und sah, wie sie herausgetragen wurde. Noch vor zwei Stunden war sie voller Leben gewesen – aber ihre Verzweiflung war stärker. Ich ging zur Lagerleitung und wollte das Thema »uneheliche Schwangerschaft« auf den Tisch bringen. In meinen Augen waren die Mitglieder des Komitees mitverantwortlich an Parvins Tod. Aber man bügelte mich unwirsch ab. Das wäre eine Privatsache, es sei Krieg, und man hätte wichtigere Dinge zu tun. In diesen Zeiten müsse man sich auf alle verlassen können, »eine Frau, die unehelich schwanger wird, ist nicht zuverlässig«. Angesichts solch hanebüchenen Unsinns wurde ich wütend, aber ich spürte, dass ich wenig Gehör finden würde, und gab für den Augenblick auf. Zur Trauerfeier am nächsten Tag kam nur eine Handvoll Menschen. Ich sprach am Grab Parvins, die von selbstgerechten Moralaposteln in den Selbstmord getrieben worden war.
Zudem organisierte ich eine Gedenkveranstaltung, die auch gegen die Doppelmoral der Lagerleitung gewandt war. Im Lager sprach sich so etwas schnell herum, und es kamen an die 50 Menschen – aber einige Uneinsichtige waren auch dabei: Einige der anwesenden Männer diskutierten hochemotional, einer stand sogar auf und nannte mich eine Schlampe.
Ein Jahr später bekam ich diese Moral noch einmal zu spüren, diesmal betraf es mich direkt: Ein Kollege in der Radiostation des Lagers fing an, mit mir zu flirten. Ganz dezent, er sagte »hübsche Kollegin« und solche Dinge und lächelte mich kurz an, wenn er mir etwas sagte. Wir arbeiteten im gleichen Raum, so gab es reichlich Gelegenheit, miteinander zu reden. Ich war nicht verliebt, aber ich ließ ihn immer näher herankommen. Ich fühlte mich allein, und er war ein hochgewachsener Mann mit charmanten Manieren. Er konnte sich gut ausdrücken, hatte einen Doktortitel und war Lehrer. Ich fragte ihn nach seiner Familie, und er erklärte mir, er sei geschieden, seine Frau lebe mit ihren beiden Kindern im Iran. Bald begannen wir eine Beziehung. Nun war es im Lager nicht nur so, dass allgemein getratscht wurde über das (vermeintliche) Liebesleben der Mitgenossen, sondern es wurde auch erwartet, dass man Beziehungen der Parteileitung im Lager mitteilte.
Dieser Druck war spürbar, und ich beschloss, in die Offensive zu gehen. Ich ging zum Parteivorsitzenden und sagte ihm, dass ich mit dem Kollegen zusammen sei. Und quasi noch am selben Tag wussten alle: Mina ist mit einem verheirateten Mann zusammen, der sogar noch zwei Kinder hat! Als mir das zu Ohren kam, natürlich nicht direkt, erklärte ich immer wieder, dass mein neuer Freund geschieden sei.
Drei Tage später bekam ich einen offiziellen Brief vom Vorsitzenden der Komalah: Mein Verhalten sei unkommunistisch und unmoralisch! Es war wie ein blauer Brief für Schüler in Deutschland! Ich war wie vor den Kopf gestoßen: Unmoralisch? Unkommunistisch? Die meisten schienen so zu denken, es wurde weiterhin hörbar getuschelt. Mein Freund hielt die Belastung viel weniger aus als ich, er wurde depressiv. Eines Nachmittags nach der Arbeit kam er in mein Zelt und hielt eine Pistole in der Hand. Aufgeregt fuchtelte er mit der Waffe: »Mina, ich bringe mich um. Ich halte dieses Gerede nicht mehr aus!« Ich bekam Angst, die Waffe schien nicht nur geladen, sondern auch entsichert zu sein. Deshalb versuchte ich, ruhig zu bleiben und ihn zum Abgeben der Pistole zu bewegen. »Komm, gib mir deine Waffe, dann können wir erst einmal reden.« Er schüttelte den Kopf und fuchtelte mit den Händen. »Nein, das hat doch keinen Zweck!«, rief er und lief hinaus. Voller Sorge rannte ich hinterher, doch er war schon im Wald verschwunden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, melden wollte ich den Vorfall nicht, um ihm keine Scherereien zu machen. Abends sah ich ihn an einer Feuerstelle, ohne Pistole, im Gespräch mit einem Freund. Ich war erleichtert, aber ich fühlte mich auch von ihm verlassen und schrecklich allein. Dieses Klima der moralischen Entrüstung bedrückte mich sehr. Am nächsten Tag setzte ich mich ein Stück in die Berge ab, weit konnte man nicht gehen, ohne Gefahr zu laufen, einer Armeepatrouille in die Arme zu laufen, und dachte stundenlang nach, was ich tun sollte. Mich umbringen? Nein, das kam nicht in Frage. Weggehen? Wohin? In den Iran? Das wäre auch Selbstmord gewesen. Nach zwei Monaten habe ich dann zu meinem Freund gesagt, dass ich mich von ihm trennen wolle. Wir konnten unsere Verbindung nicht mehr unbeschwert leben, und da ich nach wie vor nicht wirklich verliebt war, spürte ich nur noch Mitleid, keine gute Grundlage für eine Liebesbeziehung.
Drei Monate später kamen seine Frau und seine Kinder ins Lager, er war gar nicht geschieden, sondern hatte nur mit seiner Frau über eine mögliche Trennung gesprochen. Wieder wurde getuschelt, deshalb ging ich nach der Arbeit zu dieser Frau und stellte mich vor. Auch sie schien schon von mir gehört zu haben, schickte ihre Kinder aus der Hütte und fragte mich, was denn nun wirklich losgewesen wäre. Das fand ich beeindruckend, und es gab mir die Möglichkeit, meine Sichtweise zu erklären, denn für mich war er ja seiner Erklärung nach ein ungebundener Mann gewesen. Sie und ich wurden Freundinnen und gingen häufig demonstrativ zusammen zum Mittagessen. Wir haben uns gegen die Moralapostel verbündet. Aber natürlich hat niemand etwas laut zu uns gesagt. Nach einem Monat ist sie nach Europa gegangen, und dann haben die beiden sich wirklich scheiden lassen.
Obwohl es weit und breit keinen Mullah gab, gab es eine Art Standesamt im Lager, dort wurde offiziell geheiratet, es wurde gefeiert, und dann durfte man mit dem Mann zusammen sein. Wenn man bedenkt, dass im Lager auf zehn Männer zwei Frauen kamen, ahnt man, dass wir Frauen allesamt gute Chancen auf einen Ehemann hatten.
Je nationalistischer die Männer waren, desto weniger hielten sie von der Gleichberechtigung der Frau. Es gab in der Komalah eine eher kurdisch-nationalistische Strömung und eine eher links-intellektuelle Gruppe, der sich vor allem Studenten zugehörig fühlten. Als das islamische Regime verstärkt Lager in Kurdistan angriff, wurde die nationalistische Tendenz stärker, wie so oft nutzte auch hier der Krieg den Hardlinern.
Religion war im Lager und bei der Komalah kein Thema, aber der Islam war auch nichts, was kritisch hinterfragt wurde. Selbst einige der Linken, die heute im Iran leben und vorsichtig und heimlich in der Opposition sind, verstehen meinen Entschluss, abzuschwören, nicht. Sie sehen darin eine »Verletzung von Gefühlen«. Ich bekomme E-Mails von Anhängern der linken Opposition im Iran, in denen mir vorgeworfen wird, ich würde die Gefühle von Moslems verletzen, aber keine Politik betreiben. Ich sehe meinen Kampf gegen den Islam als sehr politisch: Der Islam behauptet religiöse Absolutheiten, um die realen Verletzungen des Leibes, der Psyche und des Lebens von Frauen, und letztlich von allen Menschen, zu negieren.
Im Jahr 2004 fand das ARD-Magazin »Kontraste« auf der Homepage des Zentralrats der Muslime ein Buch, dessen Titel Erlaubtes und Verbotenes im Islam lautete. Darin fanden die Journalisten genaue Anweisungen für den muslimischen Ehemann auf Deutsch. Er darf, heißt es da: »… schlagen, um islamisches Verhalten zu bewahren, und wenn der Ehemann Ungehorsam in etwas sieht, was sie tun muss, oder wo sie ihm gehorchen muss.«23
Heute formulieren die Autoren islamischer Literatur vorsichtiger, die Bücher heißen zum Beispiel Über islamisches Verhalten oder Das Buch der Ehe. Die Inhalte sind strikt wie eh und je. Die Lehre des Islam, erhältlich über Milli Görüs, beschreibt den Untergang der Zivilisation, dem nur Muslime entgehen werden.24 Hier haben wir die religiöse Absolutheit, die das Schlagen der Frau als religiöse Regel, wieder einmal, unhinterfragbar macht.
Mein Leben als Partisanin
Die Organisation Komalah war in Kurdistan entstanden, zunächst als maoistisch-linke Opposition. Sie lehnte das islamische Regime und Khomeini radikal ab. In anderen Teilen Irans südlich von Kurdistan war die Komalah kaum bekannt. Es gab dort die Sahand, eine kleinere kommunistische Partei, die auch aktiv gegen das Regime war. Die Komalah hat mit der Sahand zusammengearbeitet. An dieser
Stelle muss ein heute nicht mehr sehr bekannter, aber bedeutender linker Theoretiker und Aktivist genannt werden, der mich sehr beeinflusste: Mansoor Hekmat.
Geboren wurde Mansoor Hekmat 1951 in Teheran. Er studierte an der Universität von Schiraz Wirtschaftswissenschaften, ab 1973 studierte er in London, wo er sein Studium auch beendete. Zu dieser Zeit begann Hekmat, das Marxsche Kapital und andere politische Werke zu lesen. Er gründete die Union kommunistischer Kämpfer und nahm nach seiner Rückkehr in den Iran an der Revolution von 1979 teil, auf deren Höhepunkt er einen Arbeiter- und Soldatenrat gründete. Anders als der größte Teil der iranischen Linken lehnte er aber die Treue zum Islamismus und dem Obersten Rechtsgelehrten Khomeini ab. Er sprach vom »Mythos einer progressiven nationalen Bourgeoisie«.
Auch er musste vor drohender Verfolgung in die kurdischen Berge flüchten. Hier begegnete ich ihm 1981 zum ersten Mal, als er in unser Lager kam. Er war ein freundlicher Mann mit wachen Augen und fast immer einem verschmitzten Lächeln um den Mund. Seine Union marxistischer Kämpfer schloss sich 1982 mit der Komalah zusammen. Sie wurden nun die Kommunistische Partei Irans. Doch die nationalistische Strömung innerhalb der Komalah wollte das Ziel eines autonomen kurdischen Staates nicht hinter sich lassen. Sie hatte dem islamischen Regime kurz nach der Revolution sogar Verhandlungen angeboten. Hekmat verließ deshalb nach einigen Jahren die Kommunistische Partei Iran und gründete 1991 die Arbeiterkommunistische Partei Irans.
Seine Theorie und Praxis würde ich kurz so umschreiben: Er wollte zurück zu Marx und sah, dass die Arbeiterklasse auf sich allein gestellt war, auch weil sie die einzige Klasse war, die größere Veränderungen im 20. Jahrhundert erwirkt hatte. Der Sowjetunion oder der Volksrepublik China sprach er ab, sozialistische Staaten zu sein, und kritisierte ihre Diktaturen scharf. Entgegen den Ideen des Marxismus hatten sie weder Mehrwert und Lohnsklaverei abgeschafft noch die Produktionsmittel vergesellschaftet. Teilweise waren seine Ansichten durch den Rätekommunismus geprägt; er war überzeugt, dass dieser nur mit freien Wahlen Bestand haben würde. Diese Überzeugung verband mich mit ihm, dass die Menschen selbst die Lebensverhältnisse für sich und alle verbessern können. Zudem sahen wir Bildung und die Geltung der Menschenrechte als Basis für den Sozialismus an. Hekmat engagierte sich immer sehr für die Frauenrechte und sah »keine Befreiung ohne die Befreiung der Frauen«. Auch war er engagierter Gegner der Todesstrafe – alles andere als selbstverständlich im illegalen Widerstand. Er war davon überzeugt, dass das Recht auf Leben ein Menschenrecht sei, und zudem sah er, dass Hinrichtungen die Ausführenden verrohten. Auf der Basis seiner Ideen bin ich bis heute Mitglied der Arbeiterkommunistischen Partei Iran. Das verursacht bei manchen ein ungutes Gefühl, Journalisten fragen mich nach meinem Verhältnis zu Stalinismus und DDR. Das ist ganz einfach: radikale Ablehnung. Gerade in Deutschland kennen die Menschen die Diktatur im Namen eines Sozialismus, der mit einer Analyse von Arm und Reich und dem Versuch einer gerechten Verteilung der Güter zum Wohlstand aller nichts mehr zu tun hat. Auch ist eine materielle Gleichheit nur von Wert auf der Basis der Meinungsfreiheit. Das ist mein Kommunismus.
Gerechtigkeit und individuelle Freiheit und individuelles Wohlbefinden gehören zusammen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Gesellschaften, in denen die Verteilung des Wohlstands relativ gleich ist, die glücklichsten sind – nicht die absolut reichsten Gesellschaften. Und ich kann mein persönliches Glück nur gestalten und genießen, wenn ich respektvoll mit allen Menschen und der Natur umgehe, auch das ist mein Kommunismus.
Nachdem ich nach der Hinrichtung meines Mannes ein Jahr in Teheran im Untergrund gelebt hatte, sah ich über die Komalah die Möglichkeit, nach Kurdistan zu gehen, denn die iranische Regierung hatte damals das kurdische Gebiet innerhalb ihrer Staatsgrenze nicht unter Kontrolle. Ich hatte in einer meiner Unterschlupffamilien eine echte Freundin gefunden. Sie hieß Shaadi, mit ihren 50 Jahren war sie für mich schon eine ältere Frau, so alt wie meine Mutter. Shaadi lachte viel und bekam dabei Grübchen. Wenn wir bei ihr saßen und uns unterhielten, war sie immer beim Nähen. Sie nähte wunderschöne Blusen mit Stickereien, ihre drei Töchter hatten alle diese Blusen an, und auch mir schenkte sie eine. Sie schätzte mich sehr und nannte mich »meine Kleine«. Ihre Freude übertrug sich auf mich, immerzu mussten wir über die kleinsten Dinge lachen, eine Maus, die durch den Raum huschte, konnte mit Shaadi ebenso lustig sein wie der neueste Mullah-Witz. Humor war überlebenswichtig in der Illegalität, ab und zu mit jemandem Witze zu machen und herzhaft zu lachen, war im wahrsten Sinne des Wortes gesund.
Shaadi redete mir zu, nach Kurdistan zu gehen, sie sah wohl, dass meine Verzweiflung zunahm und ich trotz aller fröhlichen Stunden mit ihr anfing zu resignieren. Würde die Resignation zunehmen, würde ich mich womöglich eines Tages doch noch umbringen. Ich war mit den Nerven wirklich am Ende, in der Stadt fühlte ich mich ständig bedroht, und so war ich froh um diese Perspektive. Von heute aus betrachtet wundere ich mich, wie ich diese Situation überhaupt so lange ausgehalten habe – aber damals war ich jung und stark, stärker, als ich mich manchmal gefühlt habe. Die Komalah organisierte schließlich meine Flucht nach Kurdistan. Kurz vor meiner Abreise besuchte ich ein befreundetes Ehepaar, wir kannten uns von der Universität, sie hatten auch Medizin studiert. Es war ein wunderschöner Abend, wir unterhielten uns über die Zeit an der Universität. Es war einer dieser Abende, an dem man mit alten Freunden in Erinnerungen schwelgt, jenen Professor und seinen Sprachfehler nachmacht, über die Kommilitonin lacht, die an den Samstagsmorgen in der ersten Vorlesung immer einschlief, weil sie freitags Nachtwachen im Krankenhaus machte, und dann mit dem Kopf auf die Tischplatte knallte, dass es krachte. Es war ein Abend mit Gier nach Normalität inmitten eines Krieges. Dazu tranken wir feierlich ihre letzte Flasche Wein aus der Zeit vor der Revolution und schliefen die Nacht auf dem Flachdach ihres zweistöckigen Hauses, wie es im Iran üblich war und heute noch ist. So liegt man nach der Hitze des Tages direkt in der frischen Luft der Nacht. Am Morgen gab ich ihnen meinen Ehering und sagte, sie sollten ihn behalten, bis wir uns wiedersähen. Sie waren die letzten Freunde, die ich vor meiner Flucht sah, und ich hatte keine Ahnung, ob ich diese überleben würde. Wir umarmten uns mit einem sehr ungewissen »Auf Wiedersehen«. Ich sah die beiden tatsächlich wieder, allerdings über zehn Jahre später und durch einen Zufall, mitten in Köln.
Anfang der 90er-Jahre, ich lebte zu dieser Zeit in Wien, wurde ich nach Köln eingeladen, um eine Rede auf einer Veranstaltung von Exiliranern zu halten. Auf dem Plakat stand in Persisch »Mina Ahadi: Frauenrechte im Iran«. Ein Mann kam auf mich zu: »Mina, erkennst du mich?« »Nein«, sagte ich und überlegte, wer denn dieser glatzköpfige Mensch sein könnte. Er sagte: »Ich gehe auf die Toilette, bis ich wiederkomme, hast du dich an mich erinnert.« Ratlos schaute ich ihm hinterher und fragte die Leute um mich herum, wer er denn sei. Als ich den Namen hörte, wusste ich, er ist der Freund aus meiner letzten Nacht in Teheran! Als er wieder in den Saal kam, begrüßte ich ihn herzlich und fragte nach seiner Frau. Die beiden lebten inzwischen in einer kleineren Stadt bei Düsseldorf, und am nächsten Tag besuchte ich sie mit meinem Mann und meiner kleinen Tochter. Es war ein freudiges Wiedersehen. Als ich einmal mit der Frau in die Küche ging, um Getränke zu holen, nahm sie mich zur Seite und meinte, sie hätte mir etwas zu gestehen: »Es tut mir sehr leid. Wir haben deinen Ehering verkauft. Wir haben damals hin und her überlegt, aber auf der Flucht durch die Türkei hatten wir kein Geld mehr, und unsere Älteste, die damals sieben war, wurde sehr krank mit hohem Fieber und Durchfall. Wir brauchten einen Arzt, aber konnten ihn und die Medizin nicht bezahlen. Schließlich haben wir nachgegeben und den Ring verkauft.« Scheu schaute sie mich an, und ich beeilte mich zu erwidern, dass der Ring wichtig war, aber das Leben und die Gesundheit ihres Kindes doch viel wichtiger. Und ich erinnerte sie an meine Worte, dass der Ring bei ihnen bleiben solle, bis wir uns wiedersähen – schließlich hatten wir uns wiedergetroffen, auch ohne Ring! Es rührte mich an, wie ernst sie meine Geste der Freundschaft genommen haben. Doch ich merkte, noch als ich es aussprach, wie ernst ich es meinte: Kein Ring der Welt war so viel wert wie das, was wir gerade erlebten, ein Wiedersehen in Sicherheit. Doch bis dahin war es noch ein langer Weg gewesen, damals, in jener Nacht auf dem Flachdach in Teheran.
Die Reise nach Kurdistan war sehr gefährlich, die Grenzregion wurde scharf kontrolliert, denn natürlich war ich nicht die Einzige, die auf diesem Weg vor dem Regime floh. Zudem wollten die Machthaber verhindern, dass die Partisanen in den kurdischen Bergen Zuwachs bekamen. Zu jener Zeit hatten diese noch ein sehr großes Gebiet in der Grenzregion Iran/Irak unter ihrer Kontrolle.
Ich bin mit Shaadi Richtung Kurdistan gefahren, von Teheran ging es mit dem Bus nach Sanandadsch, kurz vor der Grenze zu Kurdistan. Wir wohnten dort ein paar Tage bei einer mit Shaadi befreundeten Familie. Meine Freundin hatte die Idee, zur Tarnung und zu unserem Schutz ein kleines Kind mitzunehmen. So gab uns die Familie ein zweijähriges Kind mit, die Eltern reisten einen Tag später mit dem Auto nach Kurdistan. Damals erschien es uns ganz normal, das Kind auf die Flucht mitzunehmen. Natürlich war es in Gefahr, wenn ich entdeckt werden würde, aber die Gefahr war für uns alle so allgegenwärtig, dass es uns nicht in den Sinn kam, so an das Kind zu denken. Die Eltern liebten ihr Kind, aber sie wollten auch für dieses Kind, dass ich fliehen konnte in eine bessere Zukunft, in die Berge und den Widerstand gegen das islamische Regime.
Ich hatte einen Tschador an und wieder keine Ausweispapiere bei mir, aber das Kind auf dem Schoß. Wir kamen zum entscheidenden Kontrollpunkt, bewaffnete Polizei bestieg den Bus. Ich wurde leicht panisch, wenn man mich ohne Papiere erwischen würde, würde man mich sofort verhaften. Ich nahm das Kind und tat so, als ob ich es beruhigen müsste. Ich konnte nur hoffen, dass es nicht zu schreien anfing. Die Polizisten gingen tatsächlich ohne Kontrolle an mir vorbei, sie machten nur Stichproben an diesem Tag. Shaadi hatte gültige Dokumente, sie wurde kontrolliert und durchgelassen. Die Erleichterung war wie der sprichwörtliche Stein, der mir im Moment des Weiterfahrens vom Herzen fiel, und ich küsste das verblüffte Kind in meinen Armen überschwänglich auf die Wangen.
Von Sanandadsch ging es nach Bukan und dann in ein recht kleines Dorf, wo sich damals Partisanen der Komalah aufgehalten haben. Da die Reise von der Komalah geplant worden war, erwarteten mich einige ihrer Mitglieder. Die Waffen, die sie bei sich trugen, waren ein für mich ungewohnter Anblick, ich ahnte noch nicht, wie schnell ich mich daran gewöhnen und diesen Anblick in den nächsten zehn Jahren sogar alltäglich finden würde. Einige hatten meinen Mann gekannt, der vor zwei Jahren, kurz vor Beginn unserer Liebe, mehrere Monate unter ihnen gelebt hatte. Sie sprachen mir in kurzen Worten ihr Beileid aus und lobten Esmail als tapferen Kämpfer und guten Freund. Ich schlief die erste Nacht seit über einem Jahr tief und fest durch, ohne Angst vor Verhaftung! Als ich morgens aufwachte, fühlte ich nicht mehr diesen Druck in meiner Brust, der mich das ganze letzte Jahr nie verlassen hatte.
Die Jahre zuvor war ich schon zwei- oder dreimal in Kurdistan gewesen, mit Susan zusammen hatte ich Medikamente und Kleidung gebracht, die wir in Tabriz gesammelt hatten. Kurdistan war 1981 bis auf wenige Ausnahmen frei vom islamischen Regime. Die Komalah hatte 2000 bis 3000 Mitglieder und wurde von der Bevölkerung unterstützt. Wir mussten uns in den nächsten Jahren immer weiter zurückziehen, am Ende haben wir auch die Grenze zum Irak überschritten, denn das Grenzgebiet unterstand weder Teheran noch Bagdad, dort war einfach nur Krieg.
Dem islamischen Regime war ich erst einmal entkommen. Dass ich 25 Jahre später gegen das Vorrücken des politischen Islam in Europa kämpfen würde, hätte ich damals nicht für möglich gehalten, ich habe nicht im Traum daran gedacht!
In Kurdistan, quer über das irakisch-iranische Grenzgebiet verteilt, gab es seit der iranischen Revolution eine sogenannte Freie Zone. Hier hielten sich verschiedene Widerstandsgruppen auf, neben der Komalah auch Kämpfer anderer kurdischer Parteien und der Fedayi. Die Freie Zone wurde Ende der 80er-Jahre im Lauf des Kriegs zwischen Iran und Irak immer kleiner, war aber in der ersten Hälfte der 80er ein großes Gebiet, in der Breite von Bukan im Iran bis Rahiya im Irak, und erstreckte sich über Hunderte Kilometer von Norden nach Süden.
Als ich nach Kurdistan kam, war ich alleine, ohne Familie, ohne Freunde, ohne Mann. Deshalb habe ich zunächst in einem der sogenannten Frauenzimmer im Lager geschlafen, mit anderen Frauen, die wie ich ohne Mann waren. Rund zehn Frauen lebten auf 20 qm. Das war sehr eng, man hatte keinen Raum für sich, schon gar keine Intimsphäre. Viele Männer hatten Zelte zu zweit oder zu dritt, aber die Frauen waren in Massenlagern untergebracht. Ich kann noch heute nicht gut schlafen, wenn ich mit mehreren Menschen in einem Raum bin – und wenn ich das deutsche Wort Frauenzimmer höre, muss ich an dieses Zelt denken, und mich schaudert. Ich musste zwar nicht mehr den Unterschlupf wechseln, aber gerne hätte ich aus einem Dorf von unterwegs meine Mutter angerufen oder meine Schwester Mariam, aber das wäre zu gefährlich gewesen. Auch vermisste ich meine Freundin Susan.
Später im Zentrallager haben zwei bis drei Frauen ein Zelt geteilt, dort konnte man eher Ruhe finden nach der Arbeit. Es war oft kalt, im Winter schneite es in den Bergen, und die Zelte hielten die Kälte nur begrenzt draußen. Zudem waren manche Tiere durchaus gefährlich. Ich wachte einmal im Schlaf auf und sah eine Schlange. Ich sprang schnell auf und lief aus dem Zelt. An einem kalten und nassen Dezembertag kamen wir drei Frauen abends zu unserem Zelt – und es war umgefallen. Wir bauten es in der Dunkelheit wieder auf. In dieser Nacht begann der Verschleiß meines Knies, das mich bis heute plagt. In dieser Nacht spürte ich zum ersten Mal Schmerzen nach dem stundenlangen Arbeiten im Regen. Nässe und Kälte war vor allem im Winter in den kurdischen Bergen kaum zu entkommen. Die Strapazen hinterließen bei den meisten bleibende Spuren – bei mir zeugen bis heute kranke Knie davon.
Mittags um zwölf Uhr gab es ein gemeinschaftliches Essen in einem sehr großen Zelt mit vielen langen Tischen. Nachmittags wurde es als Gemeinschaftszelt genutzt, hier konnte man schreiben oder lesen. Abends gab es im Zelt wieder Essen und manchmal ein Fest oder Diskussionen. Der Tag endete um zehn oder elf Uhr. Mit der Zeit haben wir kleine Hütten gebaut, die letzten zwei Jahre habe ich mit meinem zweiten Mann in so einer Hütte, einem kleinen, aber befestigten Raum, gelebt. Auch das Badezimmer war ein befestigter Raum, in dem es sechs oder sieben Duschen gab. Wir haben diese Hütten aus Steinen und Holz selbst gebaut. Über die Komalah wurden Dinge wie Medikamente, Seife und Weiteres zentral besorgt, wir konnten ja nicht in den nächsten Supermarkt gehen. Meist stammten sie aus nahe gelegenen irakischen Städten. Aber es war unmöglich, Binden zu bekommen. Im Lager lebten Frauen, die jeden Monat ihre Tage hatten, und das war ein so großes Tabu, dass es offiziell einfach keine Binden gab! Wir Frauen haben darum gebeten, es auf Versammlungen eingefordert – sechs Jahre lang! 1986 gab es die ersten Binden über den Lagereinkauf, vorher haben wir uns mit Stoffstücken ausgeholfen.
Wir hatten auch Kontakt zu irakischen Organisationen, auch zu Dschalal Talabani, der im April 2005 zum Staatspräsidenten des Irak gewählt wurde. Wir hatten verschiedene Kontakte zu Widerstandskämpfern, die gegen Saddam Hussein kämpften und links orientiert waren. Diese Kontakte waren allerdings schwierig aufrechtzuerhalten, da wir damit auch in das Visier der irakischen Regierung gerieten, die uns sonst eher wohlwollend gegenüberstand, da wir ja gegen ihren Feind in Teheran kämpften. Schließlich haben Gruppen türkischer Kurden weiter im Norden teilweise mit dem islamischen Regime in Teheran paktiert, da dieses sie in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch Saddam Hussein unterstützte. Auch im Widerstand ging es nicht einfach um Menschenrechte für alle, sondern um vielfältige politische (Macht-)Interessen.
Der Alltag im Lager war streng strukturiert. Morgens haben wir von sechs bis sieben Uhr gefrühstückt. Dann hat jeder eine Aufgabe für den Tag bekommen, aufräumen, kochen, waschen. Jeden Tag hat sich die Aufgabe geändert, aber es waren jeden Tag zwei bis drei Stunden Arbeit für die Gemeinschaft, damit das alltägliche Leben funktionierte. Ich arbeitete zudem täglich vier bis fünf Stunden im Radiosender. Wir hörten Nachrichten aus aller Welt und machten Sendungen auf Persisch und auf Türkisch. Ich hatte eine Sendung auf Türkisch, meine Muttersprache, in der ich vor allem über die Lage der Frauen im Iran sprach. Aber die erste Radiosprache war Persisch. Zudem gab es kurdische Sendungen, im Lager hörte man alle drei Sprachen, ich selbst habe in diesen Jahren Kurdisch gelernt.
Wir hatten Kontakte in den Iran, heimlich sind manchmal Mitglieder der Partei in Städte des Iran gereist und haben sich so mit Widerstandskämpfern im Land getroffen.
Im Zentrallager gab es immer wieder Zusammenkünfte, Menschen aus anderen Lagern und aus vielen Teilen des Irak kamen zu Diskussionen über die besten Strategien im Widerstand. Dieser Austausch war für uns in unserer doch sehr kleinen und abgeschlossenen Welt sehr wichtig. Auch der heutige Präsident des Irak, Dschalal Talabani, war einige Male Teilnehmer.
Wir Frauen konnten im Lager endlich Sport treiben, eine Stunde täglich war Zeit für Fußball und Volleyball. Frauen und Männer spielten zusammen, ich genoss die Bewegung vor allem beim Volleyball, solange meine Knie es zuließen.
Es gab unter den Männern Homosexualität im Lager, aber das war ein großes Tabu, darüber wurde nie gesprochen. Es gab sowohl Homosexuelle als auch heterosexuelle Männer, die mangels Frauen auf einen männlichen Sexualpartner zurückgriffen. Männer schliefen in Zelten zu zweit und zu dritt zusammen, in den Bergen oft noch beengter als im Hauptlager, da kamen sie sich einfach mitunter näher. Aber es war ein hundertprozentiges Tabuthema.
»Echte« Homosexuelle hatten es schwer, denn sie durften niemals offen sein. Ich habe den Selbstmord eines Schwulen mitbekommen, er hat sich erschossen. Er litt unter dem Schweigen und wurde innerlich immer kleiner. Aber keiner sprach mit ihm. Als er in seine Hütte ging, um sich zu erschießen, rollte er erst den Teppich ein und setzte sich in eine Ecke. Dann hielt er eine Pistole an seine Schläfe und drückte ab. Das Blut spritze an die Wand und auf den Boden, den Teppich aber hatte er sauber gehalten. Diese Szene, ich ging in die Hütte, als sein Leichnam abtransportiert wurde, hat sich mir eingebrannt. Auch ich habe das Tabu nicht gebrochen, nicht über Homosexualität gesprochen. Auch ich brauchte dazu noch Zeit.
Es lebten auch lesbische Frauen im Lager. Von einer sagte man mir: »Pass auf, wenn du mit ihr in einem Zelt, einer Hütte schläfst. Lege dich nicht neben sie, sie macht nachts komische Sachen mit dir.« Sie war stigmatisiert. Heute lebt diese Frau in Kanada, ist offen lesbisch. Ich habe vor einigen Monaten auf einer Tagung ihre Tante getroffen, und diese fragte mich, ob ich von der Homosexualität ihrer Nichte gewusst hätte. »Ja«, antwortete ich, »wir wussten das alle.« »Sie war aber sehr einsam, damals, als lesbische Widerstandskämpferin in den kurdischen Bergen.« »Ja«, konnte ich nur noch einmal antworten, »wir waren auch noch in alten Moralvorstellungen gefangen, auch ich. Es tut mir leid, aber so war es.« Homosexuelle Paare konnten natürlich nicht gemeinsam eine Hütte nehmen, so wie ich und mein Mann nach unserer Lagerhochzeit.
Ich habe viele menschlich schwierige Situationen erlebt, über Jahre mit nur wenigen hundert Menschen auf engem Raum, im Krieg von Angriffen bedroht. So gab es Eltern, die ihre Kinder auf der Flucht zurückgelassen hatten, um ihr eigenes Leben zu retten, oder weil sie hofften, die Kinder seien bei Verwandten in Sicherheit. Sie hatten oft über Jahre keinen Kontakt zu ihren Kindern, Sehnsucht mischte sich dabei oft mit Schuldgefühlen, als Eltern versagt zu haben.
Ich habe von meiner Mutter in den zehn Jahren, die ich in Kurdistan gelebt habe, genau einen Brief erhalten. Natürlich gab es keine Adresse, an die man einfach einen Brief schicken konnte. Also war ein Verbindungsmann der Komalah einmal zu meiner Mutter gegangen und hatte ihr berichtet, dass ich in Sicherheit sei. Diesem hatte sie einige Zeilen mitgeben können, die Wochen später über verschiedene Träger bis zu mir gelangt waren. Einen weiteren Kontakt auf diesem Wege aufrechtzuerhalten, wäre aber viel zu gefährlich gewesen. Im Alltag hat man all diese Konflikte ignoriert, so getan, als sei es gar nicht so schwer. Meine Mutter hatte keinen Kontakt nach Kurdistan, keine Vorstellung, wie ich dort lebte. Sie hatte Angst um mich, für sie war Kurdistan einfach nur gefährlich. Ich habe in der Zeit im Lager sogar meinen Geburtstag vergessen, so etwas war nicht mehr wichtig, nicht mehr real.
Meine Freundin Susan war Anfang der 80er-Jahre nach Paris geflüchtet, sie schrieb mir des Öfteren und schickte Päckchen mit Kleidung. Über den Irak waren die Verbindungswege zwar auch sehr langsam, aber durch Boten der Komalah kam ab und an Post von Unterstützern aus Europa bis zu uns. 1987 kam sie dann über den Irak zu Besuch in unser Lager und lernte einen Mann kennen und lieben. Sie blieb mit ihm in Kurdistan, bis sie 1990 nach Schweden gingen, die beiden leben dort noch heute mit ihren zwei Kindern, Susan arbeitet als Sozialarbeiterin, nachdem sie in Schweden noch einmal studiert hat. Sie war immer die Fleißigere von uns beiden. Heute besuchen wir uns regelmäßig und telefonieren jede Woche miteinander.
Nach dem Zusammenschluss der Komalah und der Gruppe Sahand um Mansoor Hekmat zur Kommunistischen Partei Iran, gründeten wir im Zentrallager eine Schule. Ich wurde die Leiterin und organisierte den Lehrplan und die Lehrkräfte. Für drei Monate kamen nun jeweils rund 70 Partisanen aus den Bergen ins Lager und drückten die Schulbank. Viele, die sich unserem Kampf gegen das iranische Regime angeschlossen hatten, hatten kaum Bildung genossen. Deshalb lehrten wir mitunter auch Lesen und Schreiben. Dazu kamen Politik, marxistische Theorie, Geschichte und Partisanenkriegsführung. Denn im Krieg befanden wir uns.
Ebenso wichtig war mir der andere Teil der Ausbildung – Schulung in Menschen- und Frauenrechten. Denn gerade im Krieg wurden diese Rechte als Randprobleme behandelt, wie die Geschichte der jungen Schwangeren bezeugt. Diesen Fehler, die scheinbar kleinen zwischenmenschlichen Konflikte in Zeiten des Krieges zurückzustellen, haben Untergrundorganisationen in allen Zeiten immer wieder gemacht, und wir waren auch nicht davor gefeit. Der Feind sollte draußen bleiben in dieser Extremsituation des Partisanenlagers, wo man eng aufeinandersaß. Mit der Schule wollten wir deshalb auch dafür sorgen, dass die Menschen trotz des Krieges nicht ihre Menschlichkeit verloren oder gar vergaßen. Manchmal ging es um offensichtlich wichtige Fragen wie die, ob Frauen Waffen tragen durften – sie durften schließlich, was schon zur Selbstverteidigung unabdingbar war und trotzdem manchen Männern nicht einleuchten wollte.
Kleidung schien dagegen scheinbar unwichtig, aber die Frage, ob das Oberteil der Frauen, beide Geschlechter trugen lange Hosen, weiter und damit unpraktischer sein sollte als das der Männer, wurde heftig diskutiert. Denn es ging um die Frage nach der Sichtbarkeit weiblicher Rundungen von Brüsten und Hüften. Wir Frauen setzten unser Recht auf Bequemlichkeit durch, aber es war tatsächlich Bildungsarbeit bei einigen der Männer nötig, ihnen das begreifbar zu machen. Der Besuch in der Schule war auf drei Monate angelegt. Die Schule bestand aus 20 Zelten, wie ein Internat. Neben den Fragen nach Kleidung und Kriegstaktiken war die nach dem Umgang mit Gefangenen sehr entscheidend. So gab es in den Partisanengruppen immer mal wieder »wilde« Hinrichtungen, wenn Mitglieder der islamischen Armee gefangen genommen wurden. Mansoor Hekmat war sein ganzes Leben ein Kämpfer gegen die Todesstrafe, und ich hatte in ihm einen Gefährten in dieser Frage gefunden. Es gibt einfach keine Untat, keinen noch so grausamen Krieg und keinen noch so grausamen Diktator, die eine Hinrichtung »verdient« hätten. Die Todesstrafe verroht jede Gesellschaft, die sie einsetzt, und jede Partisanengruppe, die sie zulässt. Dies ist meine Überzeugung bis heute, und ich sehe nicht eine Hinrichtung, die diese Ansicht nicht bestätigt hätte. Zudem ist das erste Menschenrecht das auf Leben, ohne dieses kann es keine weiteren geben.
Mein zweiter Mann war einer der bewaffneten Kämpfer, die an der zweiten Schulung teilgenommen haben. Ich hatte ihn vorher nicht gekannt. Seine Partisanengruppe bestand aus rund 70 Frauen und Männern. Die Gruppe hatte zwei Vorsitzende, einen militärischen Vorsitzenden und einen politischen Vorsitzenden, das war mein zukünftiger Mann, Mohammad. Nach meinem Erlebnis mit meinem Freund hatte ich zu dem Kapitel Männer innerlich Abstand genommen. Als ich merkte, dass mir Mohammad gefiel, ich ihn attraktiv fand mit seiner charmanten Art und seinem Lachen, da wurde ich erst einmal vorsichtig. Doch ich merkte, dass ich Gefühle für ihn entwickelte. Eines Tages hatte es so heftig geregnet, dass in einige Hütten der Schule Wasser gelaufen war. Nachdem der Regen aufgehört hatte, bat ich ihn, beim Aufräumen der Schäden mitzuhelfen. Er war sehr hilfsbereit und freundlich, das mochte ich an ihm. Langsam aber sicher kam es zu immer mehr Gesprächen zwischen uns, und ich fühlte, wie meine Liebe zu ihm wuchs. Eines Abends saßen wir zu rund einem Dutzend Frauen und Männern in einer gemütlichen Runde um eine Feuerstelle. Einer der Männer foppte mich, ich solle mal sagen, was ich dachte, wer wen denn besonders mochte. So scherzte ich reihum: »Ja, du magst sie besonders, und ihr beide, ihr seid doch verliebt!« Die »Ertappten« sahen sich an und lächelten etwas verlegen, einer aber rief: »Du hast Mohammad ausgelassen, den willst du ja für dich haben!« Ich lachte mit den anderen, wusste aber, dass er recht hatte.
Mohammad erwiderte meine Gefühle, und am nächsten Tag sprachen wir über uns. Er sagte, dass ich nicht mit ihm in die Berge gehen könne, er aber bald wieder aufbrechen müsse, er gab unserer Liebe keine Zukunft. Wir kamen dennoch zusammen, unsere Gefühle waren stärker als die Vernunft. Wir haben es aber nicht offiziell bekannt gegeben, und er musste zwei Monate später zurück in die Berge. Einen weiteren Monat später bekam ich die Nachricht, er sei im Krieg gefallen. Ich brach vor Schmerz buchstäblich zusammen, wieder hatte ich einen geliebten Menschen verloren. Eine Kollegin vom Radio saß die ganze Nacht bei mir und hielt einfach meine Hand. Meine Kolleginnen und Kollegen im Radio waren alle sehr liberal, sie sahen es mit dem Heiraten nicht so eng. Am nächsten Morgen kam die Nachricht, dass er nicht tot, sondern mit Hepatitis im Krankenhaus sei, und ich war sehr erleichtert. Als er zwei Wochen später wieder ins Lager kam, fielen wir uns einfach um den Hals, und er sagte: »Lass uns heiraten!« Ich musste nicht überlegen, und so heirateten wir nach Lagersitte, also nicht in einem echten Standesamt, aber »lageroffiziell«.
Das war 1984, und seitdem leben wir zusammen. Unsere Flitterwochen waren 20 Tage Gemeinsamkeit im Lager, bevor er wieder fortmusste. Nach einem Monat Trennung bat ich das Zentralkomitee um die Erlaubnis, zu ihm gehen zu dürfen. Ich sehnte mich nach ihm, das Leben im Krieg war zu kurz, um warten zu können. Die Erlaubnis wurde mir nicht gewährt, es sei zu gefährlich, hieß es. Ich bin wieder mit dem Kopf durch die Wand, packte meine Sachen und suchte seine Partisanengruppe auf. Ich habe zwei sehr gefährliche Monate erlebt in der Kampfgruppe, jeden Tag gab es Gefechte, Flucht, immer waren wir auf der Hut. Eines Tages waren wir in einem Dorf, mein Mann und ich saßen im Haus eines alten Ehepaares, welches uns einen Tee gekocht hatte, da näherte sich eine Einheit der iranischen Armee. Mich quälte zu allem Überfluss noch eine fürchterliche Migräne, aber das war in der Situation das kleinste Problem. Mohammad ging zu seiner Einheit, und ich blieb bei den alten Leuten. Ich hatte eine Waffe, war aber nicht geübt im Schießen. Stunde um Stunde warteten wir, ich mit meinem dröhnenden Kopf, immer wieder hörten wir in der Ferne Schüsse. Erst am Abend klang der Kampf ab, das Dorf war verschont geblieben, doch dieser Nachmittag hat mir die Schrecken des Krieges nähergebracht als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.
Der Kampf ging vorbei, die Armeeeinheit zog ab. Ein Mann von unserer Gruppe war im Gefecht getötet worden, wir beerdigten ihn am nächsten Morgen. Die Erinnerung an diese Beerdigung, wie der Leichnam versenkt wurde und die Abschiedsworte für den Gefallenen gesprochen wurden, wie das Grab zugeschaufelt wurde und wir auseinandergingen, ist in mir lebendig, als wenn es gestern gewesen wäre. Das Leben in den Bergen war noch weit schwerer als im Zentrallager. Auf dem Marsch bekam ich natürlich auch irgendwann meine Tage. Mangels Hilfsmitteln riss ich von einem Hemd den Ärmel ab und machte ihn zu meiner Binde. Meiner einzigen, was hieß, dass ich sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit in einem Bach auswusch, auswrang – und feucht wieder benutzte. Ich bekam eine schwere Erkältung, aber Zeit zum Ausruhen blieb nicht. Wir mussten in einer Reihe bleiben beim Marschieren, waren in der Gruppe rund 70 Leute, Rücksicht auf den Einzelnen konnten wir uns in dem von iranischen Truppen durchstreiften Gelände nicht leisten. Eine Frau hatte einen fürchterlichen Durchfall, sie musste mitunter in die Hose machen, da ein ständiges Anhalten zu gefährlich war! Wir marschierten eng in einer Reihe, bis zu 18 Stunden am Tag. Wir waren im Krieg. Arsa, die Frau mit dem Durchfall, war schließlich so geschwächt, dass sie umfiel. Wir zogen sie einfach auf und weiter, stehen bleiben war unmöglich, weil Späher iranische Soldaten in der Nähe gesehen hatten. Es ist mir im Nachhinein fast unvorstellbar, was wir durchgemacht haben, was wir ausgehalten haben.
Es war nicht nur, dass die iranische Armee Jagd auf uns machte, wir lebten zusätzlich mitten in der Frontlinie des irakisch-iranischen Krieges.
Ab Ende 1987 gerieten wir endgültig in die Schusslinie, Saddam Hussein hatte Verhandlungen mit seinen kurdischen Gegnern abgebrochen, und die Freie Zone wurde immer kleiner. Zu den iranischen Angriffen kamen nun die Angriffe irakischer Kampfflugzeuge.
Die Angriffe des Iran töteten vereinzelt Menschen in den Lagern. Aber den schlimmsten Angriff flog die Armee Saddam Husseins mit chemischen Waffen. Wir wussten, dass wir im Fall eines Gasangriffs nach oben auf den Berg, nicht nach unten ins Tal laufen sollten, denn das Gas ist schwerer als die Luft und sinkt deshalb nach unten. Eigentlich hätte ich zur Zeit dieses Angriffs mit chemischen Waffen im Radio arbeiten müssen, aber ich hatte just an diesem Nachmittag meinen Chef gefragt, ob ich früher gehen könne, da ich mich krank fühlte. Eigentlich war das nicht seine Art, jemanden wegen Krankheit früher gehen zu lassen, aber an diesem Tag hatte er aus einem unerfindlichen Grund besonders gute Laune. Kaum war ich im Hauptlager, hörte ich plötzlich die Flieger kommen. Ich sah, wie die Radiostation bombardiert wurde, sie war erstes Ziel des Angriffs. Unsere Stimme sollte zum Verstummen gebracht werden. In mir krampfte sich alles zusammen, und in Todesangst folgte ich einfach anderen Menschen, die mich den Berg mit hinaufzogen, fort vom Gas. 32 Menschen sind in der Radiostation bei diesem Angriff ums Leben gekommen. Mein Chef und viele meiner langjährigen Kolleginnen und Kollegen waren darunter, mich hatte ein Zufall gerettet.