Meine Jugend im Iran
Emanzipation braucht Bildung
Ich habe die Gültigkeit der These, dass Emanzipation Bildung braucht, am eigenen Leib erfahren. Deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas aus meiner Kindheit erzählen. Knapp ein Jahr nach der Hochzeit meiner Eltern wurde mein ältester Bruder, Amir, geboren. Zwei Jahre später kam mein Bruder Sohrab zur Welt, wieder zwei Jahre später meine Schwester Mariam, dann im gleichen Abstand ich. Nur bei meiner kleinen Schwester Mahtab hat es nach mir sechs Jahre gedauert. Noch vor ihrer Geburt ist mein Vater gestorben.
Meiner Mutter stand als Witwe nur ein Achtel des Besitzes ihres verstorbenen Ehemanns zu, den Rest bekam sein Bruder, der nächste männliche Verwandte. Es ging nicht um einen großen Besitz, dennoch war es ungerecht. Sie beschwerte sich bei diesem Bruder, und es gab einen großen Familienrat. Erstaunlich war, dass überhaupt darüber debattiert und meine Mutter angehört wurde. Sie sagte, diese Erbregelung sei Unrecht, sie habe fünf Kinder und erhalte nur ein Achtel des Geldes ihres eigenen Mannes.
Mein Vater war der Familienernährer gewesen, aber sie hatte in Haus und Hof ihren Teil der Arbeit genauso getan. Das waren sehr rebellische Worte, es war das einzige Mal, dass ich meine Mutter so sehr aufbegehren sah. Sie wurde gehört, aber sie hatte keine Chance. Vielmehr sollte meine Mutter davon überzeugt werden, dass es gut sei, wenn der Bruder meines Vaters sich nun auch um sie und ihre Kinder kümmern würde. Wir wohnten in seinem Haus und waren damit unter männlicher Obhut. Doch ich fand, dass meine Mutter recht hatte, wieso bekam sie nicht das Geld ihres Mannes? Die Lektion war mir klar: Als Frau muss man sich in sein Schicksal fügen. Ich wollte keine Frau werden, ich wollte mich nicht in mein Schicksal fügen, auch wenn ich keine genaue Vorstellung davon hatte, was das heißen könnte.
Mein Onkel hatte elf Kinder, an Spielkameraden hat es mir zu Hause also nie gemangelt. Aber auch Hausarbeit gehörte zu meinem Alltag, so hatten wir zwar Strom, mussten aber unsere Kleidung und das Geschirr in einem kleinen Fluss am Straßenrand waschen. Erst als ich neun war, wurde eine öffentliche Wasserleitung in Abhar verlegt, danach gab es einen öffentlichen Wasserhahn neben der Schule, dort konnten wir Leitungswasser holen. Vorher hatten wir unser Wasser nachts aus dem am Dorfrand fließenden Fluss geholt. Tagsüber wuschen die Frauen dort die Wäsche, laut meiner Mutter war in der Nacht aber wieder sauberes Wasser nachgeflossen. Natürlich hatten wir auch kein Wasserklosett. Die nächtlichen Gänge auf die Latrine, eine tiefe Grube mit einem kleinen Loch in einer Ecke des Innenhofes, waren mir immer unheimlich. Auch stank es dort entsetzlich, die Leerung einmal im Jahr half dem Gestank in keiner Weise ab.
Unser großer Luxus war ein Radio. Meine Mutter hörte abends immer die Nachrichten, und wir Kinder setzten uns manchmal um sie herum und lauschten dem persischen Kinderprogramm, welches vor allem aus Liedern bestand, die ich heute noch alle singen kann. Zu Hause war meine Mutter vor ihrer Witwenschaft westlich angezogen, Kleid, Rock, offene Haare. Aber auf der Straße musste sie den Tschador tragen, in unserem kleinen Dorf ging es traditionell zu wie überall auf dem Land. Ich musste wie alle Mädchen ab dem 12. Lebensjahr außerhalb des Hauses einen Tschador tragen. Auch das Spielen mit anderen Kindern auf der Straße war ab diesem Zeitpunkt vorbei. Dorthin durfte ich wie die erwachsenen Frauen nur noch, wenn ich einen bestimmten Weg zu einem bestimmten Ziel, und das ohne Innehalten oder Umwege, verfolgte. Also zur Schule oder manchmal mit der ganzen Familie eine andere Tante besuchen. Frauen waren sehr auf die Welt des Hauses beschränkt.
Mein Onkel war geschäftlich viel unterwegs. Er war Verwalter bei einem Großgrundbesitzer. Eines Tages kam eine Frau mit einem sechsjährigen Jungen zu uns und sagte: »Dieses Kind ist von ihm.« Meine Tante war tief getroffen, aber es gab für sie keine Möglichkeit, etwas gegen die Situation zu tun, die mein Onkel nun schuf: Er mietete eine kleine Wohnung für seine zweite Frau, wo diese mit ihrem Sohn lebte. Den Sohn heiratete 15 Jahre später meine ältere Schwester Mariam. Die Ankunft der zweiten Frau war im Dorf ein kleiner Skandal, zwar waren Zweitehen durchaus gestattet, in der Praxis aber selten. Nach ein paar Wochen hatten sich die Gemüter allerdings beruhigt, und die zweite Frau meines Onkels wurde in der Dorfgemeinschaft akzeptiert. Ich fragte mich, weshalb Männer mehrere Frauen haben durften, Frauen aber nur einen Mann. Das schien mir ungerecht, aber ich wusste instinktiv, dass ich das besser keinen Erwachsenen fragen sollte. Ich habe als Jugendliche nur einmal eine persische Übersetzung des Koran gesehen, normalerweise gab es ihn nur auf Arabisch und er war damit unverständlich für mich. Aber heute kenne ich auch Sure 4, Vers 4: »Überlegt gut und nehmt nur eine, zwei, drei, höchstens vier Ehefrauen. Fürchtet ihr auch so noch, ungerecht zu sein, nehmt nur eine Frau oder lebt mit Sklavinnen (die unter euerer Hand, unter euerem Rechte stehen), die ihr erwarbt.«
Im schiitischen Islam, also auch im Iran, ist neben der Polygamie auch die Zeitehe erlaubt: Ein Mann heiratet eine Frau auf eine vorher festgelegte Zeit, diese beträgt zwischen einer Stunde und 99 Tagen. Danach muss sie 45 Tage warten, bis sie sich erneut verehelichen kann, wohl, um eine Schwangerschaft auszuschließen, oder, im Fall einer solchen, den Vater genau bestimmen zu können. Die Frau bekommt nach Ablauf der Ehe meist eine Entschädigung. Ob man diese Art der Ehe als eine Form der Prostitution betrachtet, mag man selbst entscheiden. Interessant erscheint mir eine Studie, die die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher in ihrem mit Ursula Spenger-Stegemann geschriebenen Buch Frauen und die Scharia erwähnt: Nach ihr sind Zeitehen besonders bei Mullahs beliebt, die üblicherweise vor Heiligenschreinen von bestimmten Frauen direkt darauf angesprochen werden.
Als Kind blieben mir solche Einsichten natürlich unerreichbar, doch die Ungerechtigkeit, die in der untergeordneten Stellung der (Ehe-)Frau lag, begriff ich gefühlsmäßig sehr gut.
Immerhin war der Schulbesuch für Mädchen etabliert. In unserem Dorf gab es eine Mädchen- und eine Jungenschule. Ich bin vom ersten Tag an gerne in die Schule gegangen, ich war neugierig, und Lernen hat mir Spaß gemacht. Schreiben war etwas Wunderbares, und es ermöglichte das Lesen. Englisch, welches wir ab der siebten Klasse hatten, ermöglichte mir weitere Lektüren. Aber auch Mathematik fand ich spannend, weil sie so logisch war.
Lernen machte mir nicht nur Spaß, ich war auch sehr gut darin: In der zweiten oder dritten Klasse gab mir meine Mathelehrerin die Aufgaben für die fünfte Klasse, da ich mich sonst gelangweilt hätte. Die Schule hatte sechs Jahrgänge, es gab jeweils eine Klasse pro Jahrgang mit rund 30 Schülerinnen. Zweimal die Woche hatten wir eine Stunde Koranunterricht, also stupides Auswendiglernen fremder arabischer Laute durch Nachsprechen. Ebenso stupide waren auch die ewigen Lobeshymnen unserer Lehrerinnen und Lehrer auf den Schah. Der Geburtstag des Schahs wurde jedes Jahr feierlich begangen, mit einer großen Veranstaltung im dörflichen Sportstadion. Als ich in der dritten Klasse war, habe ich auf dieser Feier ein Gedicht vorgetragen, vor rund 400 Personen. Es ging um eine Mutter, die ihren Sohn liebt. Der hatte eine Geliebte, die ihm sagte, du musst deine Mutter töten. Da ging er hin und stieß seiner Mutter ein Messer in die Brust. Doch seine Mutter sagte ihm noch im Sterben, dass sie ihn liebe, egal was er getan habe, denn er sei ihr Sohn. Es war ein sehr pathetisches Gedicht, und ich habe es mit all meinem kindlichen Pathos vorgetragen. Es war meine erste Rede vor Publikum, und mir gefiel, wie alle mir zuhörten. Als das Publikum nach meinem Vortrag klatschte, freute ich mich sehr und war stolz auf mich. Dieser Stolz steigerte sich noch, als ich am nächsten Tag in der Tageszeitung ein Foto von mir sah. Dass ich mit dem Gedicht einem Sohnes- und Männerkult gehuldigt hatte, der Frauen Stolz nur in der Rolle als Mutter von Söhnen gewährte, machte ich mir nicht bewusst, zu schön war der Erfolg.
Die Schule machte mir zwar Spaß, aber die Pädagogik bestand aus Pauken, Prüfen und Strafen. Eine meiner Cousinen, ein Jahr älter als ich, war sehr schlecht in der Schule. Eines Tages forderte mich eine Lehrerin auf, diese Cousine mit einem Stock zu schlagen, da sie eine Aufgabe nicht lösen konnte. Die Lehrerin sagte, ich müsse meine Cousine schlagen, damit diese lerne zu lernen. Ich schüttelte den Kopf und war wie erstarrt. »Das musst du machen«, sagte die Lehrerin drohend. Ich verstehe bis heute nicht, was sie damit bezweckte, aber ich weigerte mich und sagte leise: »Das mache ich nicht. Sie ist größer als ich, und ich liebe sie.« Dann fing ich an zu weinen, denn es war entsetzlich, einer Erwachsenen zu widersprechen, es war absolut böse. Die Lehrerin schaute auch ganz empört, damit hatte sie wohl nicht gerechnet. Schließlich aber ließ sie mich gehen, ich weiß nicht mehr, ob sie meine Cousine dann selbst schlug. Zu Hause musste ich meiner Mutter einfach davon erzählen, aber ich wusste nicht, ob sie mich bestrafen würde, denn ich hatte ja einer Lehrerin widersprochen! Doch zu meiner Überraschung lobten mich meine Mutter und auch meine Tante, die während meines tränenreichen Geständnisses ins Zimmer kam. Ich lernte, dass es richtig ist, dem eigenen Gewissen zu folgen, und dass mich mein Gefühl für das, was richtig und falsch war, nicht trog. Ich habe mir damals geschworen, diesem meinem Gewissen immer zu folgen – egal, wer mir etwas befehlen würde.
Den Tschador, den alle Mädchen ab zwölf trugen, durften wir innerhalb der Schule ablegen und konnten uns in unseren Kleidern bewegen. Morgens kamen wir verhüllt in die Eingangshalle, dort zogen wir den Umhang über den Kopf aus. Jedes Mädchen faltete ihren Tschador sorgfältig zusammen und schob ihn in eine Schublade unter ihrem Tisch. Ich mochte es, dass wir dann nicht mehr alle gleich aussahen. Auch war der Stoff des Überhangs schwer und machte mich unbeweglich. Unter dem Schah hatten wir an der höheren Schule auch männliche Lehrer, ihnen begegneten wir innerhalb der Schulmauern unverhüllt. Das schien mir nicht logisch, aber ich war viel zu froh, den verhassten Umhang loszuwerden, um viel darüber nachzudenken.
Besuche in Teheran
Die Unterschiede zwischen Stadt und Land waren im Iran meiner Kindheit gravierend, vor allem in Teheran gab es einen starken westlichen Einfluss auf den Lebensstil. Der Vater meiner Mutter lebte seit seiner Scheidung in Teheran. Er war im Gegensatz zu dem Vater meines Vaters nicht in der kommunistischen Tudeh-Partei, aber er war ein großer Freidenker, ein mit dem Westen sympathisierender Liberaler. Jedes Jahr haben wir die gesamten drei Monate der Sommerferien bei ihm verbracht. Er lebte in einer Wohnung mit seinem Sohn, meinem Onkel, der Physik studierte. In den Sommerferien habe ich in seinen Physikbüchern gestöbert, sah meine Zukunft als Physikstudentin vor mir. Denn meinen Onkel bewunderte ich, er war ein großer attraktiver Mann, der viel lachte und gerne all meine Fragen zu beantworten suchte. Physik war für ihn die Möglichkeit, die Gesetzmäßigkeiten des Universums naturwissenschaftlich zu erklären, das weckte meine Neugier. Außerdem nahm mich mein Onkel oft mit ins Kino. Ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten der Filme erinnern, aber es waren iranische und ausländische, unterhaltsame und kritische, und ich habe sie in mich aufgesogen. Im dunklen Kinosaal saßen damals Frauen und Männer zusammen, selbst zaghaftes Händchenhalten zwischen Mädchen und Jungen, so erzählte mir mein großer Bruder später, war damals möglich.
In den drei Sommermonaten in Teheran haben wir Mädchen, meine ältere Schwester und ich, keinen Tschador getragen. Ich fühlte mich dort viel freier in meinen Bewegungen. Wir sind Eis essen gegangen mit meinem Großvater und durch die Straßen geschlendert, einfach so, ohne Ziel und Zweck. Viele Frauen in Teheran saßen in Cafés und rauchten, sie hatten kurze Röcke und ärmellose Blusen mit Ausschnitt an. Mein Großvater sagte gerne: »Männer und Frauen sind gleich. Es ist falsch, was die Religion sagt.« Er kritisierte Mohammed, der eine Neun- oder Zehnjährige zur Frau genommen habe, also ein Kind. Meine Mutter schimpfte daraufhin mit ihm, er solle dies nicht vor uns Kindern diskutieren. Doch er meinte, wir sollten das hören, denn sonst käme Gott und mische sich in die Leben der Menschen, das werde er nicht zulassen. Meine Mutter verteidigte nicht Mohammed, sondern stritt mit ihrem Vater über dessen Tonfall uns Kindern gegenüber. Was es mit Mohammed, von dem ich natürlich wusste, dass er der letzte Prophet Allahs gewesen war, und dieser Mädchen-Ehefrau, die jünger war als ich, auf sich hatte, fragte ich meinen Großvater einmal, als er mit mir alleine in seinem Wohnzimmer saß.
Mohammed, der Mensch
Mein Großvater erzählte mir, dass Mohammed im siebten Jahrhundert gelebt hatte und ein Eroberer gewesen sei. »Er hatte Offenbarungen, wie sie ihm gerade passten. Einmal verliebte er sich in die Frau seines Adoptivsohnes Zaid. Da erschien ihm Allah und machte die Sünde nicht nur legitim, sondern von Gott befohlen. So gibt es nun diese schöne Sure im Koran, Sure 33, Vers 37 und 38: ›Es ziemt den gläubigen Männern und Frauen nicht, wenn Allah und sein Gesandter irgendeine Sache beschlossen haben, sich die Freiheit herauszunehmen, anders zu wählen, denn wer Allah und seinem Gesandten ungehorsam ist, der befindet sich in offenbarem Irrtum. Als du zu jenem, dem Allah und dem du Gnade erzeigt hattest, sagtest: ›Behalte dein Weib (Seineb) und fürchte Allah‹, suchtest du deine Liebe im Herzen zu verheimlichen, welche doch Allah veröffentlicht haben wollte, und du fürchtetest die Menschen da, wo es billiger gewesen wäre, Allah zu fürchten. Da sich endlich Zaid hinsichtlich ihrer (zur Scheidung) entschlossen hatte, da gaben wir sie dir zur Frau, damit für die Gläubigen kein Vergehen mehr darin bestehe, wenn sie die Frauen ihrer angenommenen Söhne heiraten; denn was Allah befiehlt, das muss geschehen.‹ Praktisch, nicht wahr?!«, meinte mein Großvater.
Mohammed wurde 571 in Mekka geboren, er gehörte zum Stamm der Haschemiten. Gegen 595 bot ihm seine damalige Arbeitgeberin, die 15 Jahre ältere zweifache Kaufmannswitwe Chadidscha bint Chuwailid (555 – 619) aus dem angesehenen quraischitischen Geschlecht Abd al-Uzza, die Heirat an. Mit ihrer Hilfe erlangte Mohammed finanzielle Unabhängigkeit und soziale Sicherheit, eine Wende in seinem Leben.
616 bis 622 wuchs eine kleine Schar von Anhängern um den selbst ernannten Propheten, dem angeblich einige Jahre vorher der Erzengel Gabriel erschienen war und ihm die erste Offenbarung Gottes brachte. Diese »Offenbarungen« ereilten ihn fortan immer wieder, nach seinem Tod schrieben Anhänger sie auf – der Koran entstand. In Mekka war der Prophet nicht mehr wohlgelitten, die Stadtherren sahen ihre Macht bedroht. Er ging nach Medina und begann seine Feldzüge. Im Jahr 624 besiegte er die Mekkaner. Seine Rache war göttlich, wie es in Sure 59, Vers 4 bis 6, heißt: »Und wenn auch Allah die Verbannung nicht über sie niedergeschrieben und verhängt hätte, so hätte er sie doch auf eine andere Weise in dieser Welt gestraft, und in jener Welt ist ihnen außerdem die Strafe des Höllenfeuers bereitet. Dies traf sie, weil sie sich Allah und seinem Gesandten widersetzten, denn wer sich Allah wiedersetzt, gegen den ist Allah streng im Bestrafen. Was ihr auch an Palmen fälltet oder auf seinen Wurzeln stehen ließt – so oder so -, es geschah, wie Allah will, um die (jüdischen) Übeltäter mit Schmach zu bedecken.«
Wie in allen monotheistischen Religionen ist die Psychologie der Angst vor der ewigen Verdammnis ein machtvolles Instrument der Führer, hier Mohammeds, seine Anhänger untertan zu halten. Als 625 die Mekkaner im Gegenzug die Mediner besiegten, war Gott diesmal auf der Seite der Unterlegenen, so Sure 3, Vers 173: »Alle die, welche Allah und seinem Gesandten gefolgt sind und, nachdem sie verwundet wurden, dennoch entsprachen und Allah fürchteten, werden großen Lohn empfangen.« 627 aber vernichtete Mohammeds Armee die Mekkaner entscheidend. Er überließ es einem verbündeten arabischen Stamm, um sich dessen Wohlwollen zu sichern, wie sie mit einem jüdischen Stamm umgehen wollten, der sich bedingungslos ergab. Er verhinderte nicht nur nicht das Massaker, dem alle Männer des Stammes zum Opfer fielen, ließ zu, dass Frauen und Kinder versklavt wurden – er teilte sich auch die Beute mit den Arabern. Zu seinem Beuteanteil gehörte auch eine Konkubine. Wieder schickte Gott Mohammed die passende Offenbarung, die die Tötung der Juden (»Leute der Schrift«) gutheißt, in Sure 33, Vers 26 bis 28: »Die Ungläubigen mit ihrem Mute hat Allah zurückgetrieben, und sie konnten keinen Vorteil erringen; den Gläubigen aber war Allah hinreichender Schutz im Kampfe; denn er ist stark und allmächtig. Er veranlasste auch, dass von den Schriftbesitzern mehrere aus den Festungen herabkamen, um ihnen, den Verbündeten, Beistand zu leisten, und er warf Schrecken und Angst in ihre Herzen, sodass ihr einen Teil umbringen und einen anderen Teil gefangen nehmen konntet. Und Allah ließ euch ihr Land erben, ihre Häuser und ihr Besitztum und ein Land, das ihr früher nie betreten hattet: Denn Allah ist aller Dinge mächtig.«
Der Eroberungskrieg Mohammeds und der seiner Anhänger über seinen Tod hinaus bis heute im Namen Allahs hatte begonnen. Sure 9, Vers 29: »Bekämpft diejenigen der Schriftbesitzer, welche nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und die das nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben, und sich nicht zur wahren Religion bekennen, so lange, bis sie ihren Tribut in Demut entrichten (und sich unterwerfen).« Christen und Juden standen und stehen eine (kleine) Stufe über den Ungläubigen, worunter auch Anhänger aller anderen Religionen und Kulte fallen. Denn Mohammed behauptete, die Religion Abrahams zu vollenden, in der Konsequenz bleibt aber der Islam die »einzig wahre Religion«.
Mohammeds Lieblings- und Hauptfrau war Aisha bint Abu Bakr. Strittig ist, ob sie 6, 14 oder 19 Jahre alt war, als er sie zur Frau nahm. Mohammed war damals 53 oder 56 Jahre alt. Diese Diskussion um ihr Alter ist wichtig, weil zum Beispiel der von einem Islamisten ermordete niederländische Regisseur Theo van Gogh behauptet hatte, Mohammed sei nach heutigen Maßstäben ein Kinderschänder gewesen. Es wäre schön für Aisha, wenn er es nicht war. Dass auch heute noch in einigen Ländern unter Berufung auf ihn und seine Lehren Männern die Polygamie erlaubt ist, ist aber nach meinem Verständnis von Menschenrechten – Frauenrechten – heutzutage keinesfalls zu tolerieren.
Ein anderes Leben
Die Besuche in Teheran eröffneten mir eine Fülle von alternativen Vorstellungen, wie ich mein Leben leben könnte, fernab von dem einer verheirateten Ehefrau auf dem Dorf. Ich würde studieren und einen Beruf erlernen wie die meisten Frauen, die mir in dieser Stadt begegneten. Ich kann mich noch erinnern, dass ein Mann in Teheran aus dem Bekanntenkreis meines Großvaters seine Frau alleine mit ihren Freundinnen ausgehen ließ. Er blieb zu Hause bei den Kindern, und meine Mutter hat mit anderen Frauen diskutiert, ob dies nun ein guter oder ein schlechter Ehemann sei. Meine Mutter meinte, er sei ein gutherziger Mann – aber sie war der Frau gegenüber misstrauisch, ob da nicht eher ein Liebhaber dahintersteckte als ein Kinobesuch mit Freundinnen. Eine Frau, die ohne Mann einer Vergnügung nachging, schien ihr doch zu allem fähig zu sein.
Als Jugendliche habe ich in den Sommern in Teheran gerne Miniröcke gekauft und getragen, überhaupt war ich begeistert vom »shoppen gehen«. Ich mochte es, in den Läden hübsche Kleidung durchzusehen, anzuprobieren und manchmal sogar etwas zu kaufen. Wir hatten nicht viel Geld, aber gerade mein Onkel machte sich einen Spaß daraus, mir und meiner Schwester einen neuen Rock und noch eine Bluse dazu zu kaufen. Meine Mutter schimpfte dann mit ihm. Sie war in Sorge, dass ich das Leben mit dem Tschador dann noch mürrischer nehmen würde. Und sie hatte recht, meine Schwester Mariam war viel stoischer darin, die Dinge hinzunehmen, wie sie eben waren. »Man kann doch nichts ändern«, versuchte sie mir manchmal beizubringen. Was mir nur ein trotziges »ich schon!« entlockte. In unserem Dorf bin ich die anderen neun Monate des Jahres auf der Straße natürlich trotzdem weiter mit einem Tschador bekleidet gegangen. Wie sollte ich dabei nicht murren: In Teheran brach keine unkontrollierte Anarchie aus, wenn Männer unbedeckte Frauenhaare – und sogar Frauenbeine – sahen. Weshalb sollte das auf dem Land anders sein? Aber ich wusste, dass ich in Abhar nicht einfach in einem Rock mit Bluse über die Straße gehen konnte. Ich verstand nicht warum, es schien, als herrsche Allah auf dem Land anders. Diese Zerrissenheit verfolgte mich bis in meine Träume: Nachts habe ich jahrelang immer wieder geträumt, ich sei in Abhar auf der Straße unterwegs und hätte keinen Tschador an, sondern tatsächlich nur einen Rock mit Bluse. Einen wadenlangen dunkelroten Rock und eine hochgeschlossene Bluse, cremefarben mit Blümchenmuster. Alle starren mich an, die Frauen in ihren Schleiern, die Männer anklagend und in Sorge um ihren Sexualtrieb, die Kinder werden wegen meines Aussehens in die Häuser gescheucht. Ich fühle mich wie nackt vor all diesen Menschen und suche verzweifelt meinen Tschador. Schließlich bin ich aus diesen Träumen immer schweißnass aufgewacht.
Die Welt in Teheran brachte mich mit neuen Möglichkeiten in Kontakt. Einerseits waren offensichtlich nicht alle Frauen unter einen Schleier gebannt – und sie sahen dabei aus, als würden sie Freude haben, wenn sie im Café saßen, Kaffee tranken, lachten, sich mit Männern und anderen unverhüllten Frauen unterhielten, rauchten. Aus heutiger Sicht ist es paradox: Da lebte ich in einer brutalen Diktatur, in der der Schah viele Menschen verhaften, foltern, hinrichten ließ – und ich erfuhr mehr darüber, dass ich in manchen Dingen die Wahl hatte, dass eben nicht alles von Gott bestimmt ist, als manches Mädchen in einer heutigen streng islamischen Familie in Deutschland, einem demokratischen Land. Denn diese Mädchen sehen zwar dieselben Möglichkeiten wie ich damals in Teheran, doch viele von ihnen sind schon tief indoktriniert mit der Angst vor den Verlockungen des Satans. Dann sehen sie zwar andere Mädchen, die nicht verschleiert sind, die schwimmen, die Freunde haben, aber wollen schon selbst nicht mehr mit deren Welt in Kontakt kommen, denn die ist in ihren Augen unislamisch.
Mein Großvater hat nach seiner Scheidung nicht mehr geheiratet, hatte aber eine Freundin, eine Sängerin. Was das genau hieß, eine Freundin haben, das haben wir damals als Kinder noch nicht verstanden, aber er sagte immer, er wolle nicht mehr heiraten, und diese Frau nannte er seine Freundin.
1967 änderte der Schah die Scheidungsgesetzgebung, Männer konnten sich nur noch erschwert scheiden lassen, Frauen war es nun auch möglich, nach einer Scheidung das Sorgerecht für ihre Kinder zu erhalten. Ein Fortschritt, der nicht wirklich bis in die Dörfer drang. Vielleicht, weil die Ablehnung des Schahs zu groß war, der sich im gleichen Jahr, an seinem 48. Geburtstag, zum Kaiser krönte.
Auch der Antiamerikanismus wurde durch das Regime geschürt: Die Aufrüstung Irans zur größten Militärmacht der Region geschah zunächst mit US-Krediten, später waren bis zu 41 000 militärische und 20 000 zivile US-Berater im Iran. Der Mehrheit der Bevölkerung blieb Wohlstand ein Fremdwort – der Schah schwelgte in amerikanischem Luxus. Dies hat es Khomeini und seinen Nachfolgern zumindest erleichtert, den Hass des Volkes auf den Schah und die USA anschwellen zu lassen, wie der Sturm auf die amerikanische Botschaft oder die unzähligen Demonstrationen gegen Amerika zeigten.
Wenn wir nach dem Sommer aus Teheran nach Hause kamen, fühlte ich mich wie aufgetankt und fragte meine Mutter oft, warum wir nicht ganz dort leben könnten. Aber sie hatte nicht das Geld dafür, sie war von dem kostenfreien Wohnen bei ihrem Schwager abhängig, denn ihre kleine Rente als Witwe eines Lehrers reichte kaum, uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Das war für mich schwer zu verstehen, als Jugendliche kam mir das Dorf nach dem Sommer so eng vor wie die Luft unter dem Tschador. Unter dem Tschador habe ich weiter versucht, hübsch gekleidet zu sein, um zumindest in der Schule, in deren Mauern wir den Tschador ablegen durften, auszusehen, wie ich es wollte. Stolz zeigte ich mich dort in Rock und Bluse aus der Hauptstadt.
Lustgefühle und unterdrückte Sexualität
Eines Tages hatte ich beim Aufwachen Blut in der Schlafanzughose. Erschrocken zog ich sie aus, holte einen Eimer Wasser vom Hof und wusch sie heimlich aus. Doch bald merkte ich, dass ich weiterblutete, lief in die Küche zu meiner Mutter und zeigte auf meinen Unterleib, wo das Blut schon durch die Hose zu sehen war. Meine Mutter kreischte auf, mein Bruder war im Zimmer, und sie schimpfte: »Wie kannst du dich so deinem Bruder zeigen!« Ich fühlte einen Kloß im Hals und hielt mir die Hände vor den Leib. »Was soll ich tun?«, fragte ich leise. »Geh zu deiner älteren Schwester«, antwortete meine Mutter. Diese zeigte mir, wie man mit Stofffetzen das Blut auffing, und erklärte, dass ich nun jeden Monat bluten würde. Sie führte mich nach meiner ersten Menstruation auch zum rituellen Baden, denn in der Vorstellung islamischer Männer ist eine menstruierende Frau unrein und muss sich folgerichtig nach den Tagen gründlich baden – vor allem, bevor sie wieder mit ihrem Ehemann verkehrt. Es war ein seltsames Gefühl, denn nun war ich eine Frau. Ab nun, auch diese Botschaft war mir schon tief eingepflanzt worden, würde mein Anblick die Männer in Versuchung führen. Es ist schwer zu beschreiben, wie dieses Gefühl ein Mädchen beeinflusst. Im tiefsten Wesen unrein zu sein, eine Gefahr für die Gemeinschaft, aber sein Wesen nicht ändern zu können, das ist schwer zu begreifen. Es bürdet einem eine Schuld auf, die sich bedrohlich und schwer anfühlt. Eine tiefe Angst begleitet das Mädchen von diesem Tag an sein ganzes Leben, die Angst, dieses satanisch verführerische sexuelle Wesen in sich nicht bändigen zu können. Selbst ich, die ich mich aus diesen Vorstellungen des Islam und der unterdrückten Sexualität der Frau intellektuell ganz gelöst habe, habe einen Rest dieser Angst noch immer tief in mir sitzen. Ganz frei werde ich nie werden. Auch daran denke ich, wenn ich heute Mädchen in Deutschland mit Kopftuch sehe. Natürlich lachen diese Mädchen, freuen sich an Spielen, Filmen, mögen ihre Freundinnen, den Schulunterricht. Ihre Lebensfreude bricht sich Bahn, dennoch ist ihnen die Suche nach einem selbstbestimmten Leben nicht gestattet. Darüber reden sie nicht, damit bleibt jede für sich allein.
In der Vorstellung des Islam genügt allein der Anblick eines unverhüllten Frauenkopfes, um in Männern für sie unkontrollierbare Triebe auszulösen, die Frau an sich ist die Verführerin. Eine Frau, die nicht als Jungfrau in die Ehe geht, bedroht die Ehre der ganzen Familie, waren doch ihre Brüder und ihr Vater nicht in der Lage, sie zu kontrollieren. Durch den islamischen Ehevertrag erhält der Mann das Recht auf die »sexuelle Nutzung« seiner Frau. Manchmal hört man, der Islam sei im Gegensatz zum Christentum eine sexualitätsfreundliche Religion. Zwar wird der Sexualität im Koran viel Raum gegeben, aber immer nur im Hinblick auf die Befriedigung des Mannes. Selbst im Paradies locken die Jungfrauen, wie in Sure 44, Vers 52 bis 56: »Die Gottesfürchtigen aber kommen an einen sicheren Ort, in Gärten mit Wasserquellen, und sie werden sich, gekleidet in Seide und Samt, einander gegenübersitzen. So soll es sein, und wir werden sie mit schönen Jungfrauen vermählen, jede Huri mit großen schwarzen Augen. Dort können sie mit Gewissheit alle Arten von Früchten fordern.« Dies ist nur eine Sure von vielen, die die fleischlichen Genüsse beschreiben, die auf die Männer im Paradies warten. Bekanntlich kann auch eine Frau das Paradies erreichen – wenn ihr Ehemann mit ihr zufrieden war. Nur fragt man sich, was sie dort soll, auf sie warten keine Männer, um sie zu verwöhnen, während ihr Mann fleischlichen Gelüsten mit unzähligen Jungfrauen frönt!
Sinnlichkeit auf Erden gibt es manchmal für Frauen, die ein öffentliches Bad besuchen können: Hier können sie alle Varianten von Sinnlichkeit und Zärtlichkeit erleben, und es gibt lesbische sexuelle Begegnungen, die sich im Bad anbahnen. Da Frauen eine eigene Sinnlichkeit ohne Bezug zum Mann nicht zugestanden wird, ist das Bad – wie der Harem – ein Freiraum, in dem manche Frauen ihre Körper lustvoll erleben können. Heimlich und natürlich nicht als weibliche Sinnlichkeit und Sexualität anerkannt. Es ist auch kein Paradies für Lesben, denn weder existiert dieser Begriff, sogar die Vorstellung einer solchen Lebensweise ist kaum möglich, noch ist der Eintritt in die Ehe damit in Frage gestellt. Ein Lebensweg außerhalb der Ehe ist für Frauen nicht vorgesehen. Allein dieses Diktat der Eheschließung sollte doch alle Multi-Kulti-Toleranten aufhorchen lassen – und Frauen sowieso!
Auch ich habe meine ersten sinnlichen und sexuellen Erfahrungen mit einer Freundin gemacht. Wir waren 13 und wussten, dass wir »das« heimlich tun mussten, aber es fühlte sich schön und nicht böse an. Wir hätten »es« auch nie Sexualität genannt, Sexualität begann in der Hochzeitsnacht mit der Entjungferung. Wir umarmten uns einfach nackt beieinanderliegend und streichelten unsere Körper.
Vermutlich hätte ich diese Lust mit einer Freundin in jedem Fall ausprobiert, aber nichtsdestotrotz vermisste ich es sehr, mit Jungs ungezwungen umgehen zu dürfen. Ich erinnere mich an einen Abend im Winter, als wir um den Tisch mit der Familie meines Onkels saßen und zu Abend aßen. Über unsere Beine war eine große Decke gelegt, damit der Holzkohleofen unter dem Tisch alle Füße und Beine wärmen konnte. Neben mir saß ein Cousin, der ungefähr im gleichen Alter wie ich war. Plötzlich spürte ich einen Fuß, der an mein Bein strich. Ich merkte, dass er mich verstohlen anschaute, und lächelte ihn vorsichtig an, hoffend, dass es keiner der Erwachsenen mitbekam. Während des ganzen Essens füßelten wir heimlich, mein Herz schlug vor Aufregung, und ich fühlte in meinem Bauch ein unbekanntes Prickeln, welches aufregend war und Lust auf »mehr« machte.
Wie ich Atheistin wurde
Ich habe als Kind fünfmal am Tag gebetet, so hatte ich es von meiner Mutter gelernt, so haben es alle in der Familie gemacht. Mit neun Jahren fing man an, niemand lehrte es einen, sondern man machte einfach mit. Auf der Straße mussten wir den Tschador erst ab dem 12. Lebensjahr tragen, beim Gebet aber verhüllte man sich immer. Der Kopf ist demütig zu senken, man blickt dort auf den Boden, wo man ihn mit der Stirn bei der Verneigung vor Allah berührt. Die totale Unterwerfung unter Gottes Willen, die totale Lossagung eines eigenen Willens außer dem, alles Denken und Tun nach seinen Geboten auszurichten, wird damit fünfmal täglich demonstriert. Man spricht nie frei zu Gott, sondern arabische Suren, zunächst die erste des Koran, Verse 1 bis 7: »Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner, dem gnädigen Allerbarmer, der am Tage des Gerichts herrscht. Dir allein wollen wir dienen, und zu dir allein flehen wir um Beistand. Führe uns den rechten Weg, den Weg derer, welche sich deiner Gnade freuen – und nicht den Pfad jener, über die du zürnst oder die in die Irre gehen!« Natürlich in Arabisch.
Dann folgen weitere Suren, deren Auswahl ich nicht verstanden, aber auch nicht hinterfragt habe. Ich habe dieses Ritual den Erwachsenen und meinen älteren Geschwistern einfach nachgemacht. Das Beten hat keinen anderen Sinn als den, unhinterfragt zu tun, was Gott will. Als Lohn ist jedes Gebet ein Schrittchen hin zum Paradies, weg vom Abgrund der Hölle.
Meine Mutter traf sich mit den Frauen des Dorfes ungefähr einmal im Monat zur religiösen Unterweisung. 20 bis 30 Frauen kamen in einer Wohnung zusammen, dort begrüßten sie sich herzlich mit einer kurzen Umarmung und redeten, über ihre Kinder, ob der neue Dorfschullehrer so gut war wie der alte, der nach Teheran gegangen war, wie die Bohnenernte dieses Jahr ausfiel. Vor jedem dieser Treffen wusch sich meine Mutter und zog frische Kleidung und den Tschador an, ein Gefühl von Feierlichkeit und Vorfreude umgab sie wie sonst zu keiner Gelegenheit. Als Kind ging ich manchmal mit zu diesen Treffen, dort spielte ich mit den anderen Kindern. Nach einiger Zeit, vielleicht einer halben Stunde, rief eine der Frauen von der Tür, dass der Mullah käme. Wir Kinder wurden in eine Ecke gescheucht, wo wir still auf dem Boden hocken mussten, und die Frauen setzten sich in einen Kreis, auch auf den Boden. Ein Sessel stand in den Kreis einbezogen, dort nahm der Mullah Platz und predigte. Allah ist groß, fing er an, und die Frauen wiederholten im Chor »Allah ist groß«. Dann sprach er von Hussein und seinem Tod, vom Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen und dass man als Gläubiger, auch als Frau, nach dem Tod ins Paradies kommen könne. Ich staunte jedes Mal, wie die Frauen, auch meine Mutter, bei seinen Worten anfingen zu weinen. Nach einem gemeinsamen abschließenden Gebet endete das Treffen, alle verabschiedeten sich wieder wortreich und mit Umarmungen voneinander, und wir gingen nach Hause. Meine Mutter war für den Rest eines solchen Tages mehr in sich gekehrt und strahlte eine innere Ruhe aus. Es schien, als hätte diese Mischung aus sozialen Kontakten und tränenreichem Gebet ihr neue Kraft gegeben.
Als ich 14 war, ging ich nur noch selten mit zu diesen Treffen, aber ich erinnere mich, dass statt des Mullahs nun eine junge Frau aus Teheran kam. Sie war sehr hübsch, Mitte 20, und lehrte den Islam ganz neu. Sie erzählte nicht einfach alte Geschichten. Ich erinnere mich, dass sie erklärte, eine gute Muslima wolle sich in jedem Augenblick dem Willen Allahs verschreiben und seine Gebote befolgen. Und sie beschrieb die Verlockungen des Teufels, denen gerade wir Frauen zu widerstehen hätten, denn wir seien eine dieser Verlockungen für fremde Männer. Die Vorschriften und Rituale der Religion sollten wir nicht nur befolgen, sondern wir sollten immer wieder überprüfen, ob wir in Gedanken und Tun noch auf dem rechten Weg seien. Zudem prangerte sie die Gottlosigkeit der iranischen Regierung und des Schahs mit seinem Luxusleben an.
In dieser Zeit wurde mir die Kluft zwischen diesem Lebensweg und dem westlich geprägten meines Großvaters immer deutlicher, und ich selbst spürte immer mehr den Riss, den diese beiden Wege mitten durch mich hindurch gezogen hatten. Ich ahnte, ich würde mich entscheiden müssen. Aber eine Entscheidung war im Islam nicht vorgesehen. Allah ist unantastbar. In den Sommerferien wohnte ich bei meinem Bruder Amir und seiner Frau. Beide waren berufstätig, sie arbeitete in einem Büro bei der Armee, und beide teilten sich die Hausarbeit und die Kinderbetreuung. Doch auch in Teheran breitete sich die islamistische Bewegung aus. Eine meiner Lehrerinnen hatte mir Bescheid gegeben, dass sie den Sommer über die Islamschule in der Erschad-Moschee besuchen würde. Dies ist eine große Moschee in Teheran, die islamistische Bewegung war dort schon in den 70er-Jahren erstarkt. Die Volksmudschaheddin waren aus der linken Opposition entstanden, sie wollten die Monarchie stürzen und ein islamistisches Linksregime errichten. Die Schriften ihres Vordenkers, des Soziologen Ali Shariati, waren bei vielen Jugendlichen populär. Er hatte in Paris studiert und kritisierte die Ausrichtung des Schahs nach Westen. Der Iran sollte eine stolze und eigenständige Nation werden. Dieser Teil seiner Schriften, die nationalistischen, machten mich skeptisch. Ich konnte mich nicht dem Gedanken anschließen, dass der Iran ein von Allah besonders geliebtes Land sei. Aber mir war klar, warum Shariati so großen Anklang fand: Er versuchte, dem Volk, das sich vom Schah und den USA gedemütigt fühlte, Stolz zu geben, Stolz auf die eigene Nation. Shariati war zu dieser Zeit im Iran wesentlich bekannter als Khomeini. Dieser kam später mit Hilfe der Anhänger Shariatis, den Volksmudschaheddin, und ihrer großen Anhängerschaft, gerade unter jungen Leuten, an die Macht – und sie wurden von ihm in den 80er-Jahren fallen gelassen, ihre Anhänger verfolgt und hingerichtet, wie vorher die linke Opposition.
In Abhar, in unserem Haus, waren ganz andere Gedanken eingezogen – in Form der Bücher meines Großvaters, der 1975 zu uns zog. Er hatte ein kleines Zimmer für sich, und dieses bestand zur Hälfte aus Büchern. Ich begann mich durch sie hindurchzulesen, wenn ich nicht im Haushalt helfen oder Hausaufgaben machen musste. Rausgehen durfte ich in diesem Alter sowieso nur noch für direkte Wege, immer in einen Tschador gehüllt, den Blick zu Boden gesenkt. Marx, Lenin und Sartre aber warteten zu Hause auf mich. Bei ihnen gab es nicht nur keinen Gott, sondern dessen »Tod« eröffnete ganz neue Möglichkeiten für ein freies Denken und Handeln. Es waren Sätze wie diese von Sartre, die mich zu dieser Zeit langsam und mühsam, wegen meiner tief verankerten Angst vor Gott, vom Islam befreiten: »Wenn wir sagen, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist, so wollen wir nicht sagen, dass der Mensch gerade eben nur für seine Individualität verantwortlich ist, sondern dass er verantwortlich ist für alle Menschen.«22 Der ganz auf sich selbst zurückgeworfene Mensch ist im eigentlichen Sinne verantwortlich für das Wohl aller Menschen – da er nur noch menschliche Gebote befolgen muss, können diese nur sozial gerechte Gebote sein. In meinem letzten Schuljahr bereitete ich mich somit nicht nur durch Schullektüre auf die Universität vor, sondern begann, mich für die Ideen von Sozialismus und Kommunismus zu begeistern. Mein Großvater war ein liberaler Mann, er freute sich an meiner Wissbegier und diskutierte gerne über Politik und Philosophie. Abends durfte ich in sein Zimmer kommen und mich auf den Boden hocken, während er auf einem Stuhl saß, dem einzigen, den wir besaßen. Ich las ihm aus seinen Büchern vor, und er kommentierte das Gehörte. Als ich ein Jahr später fortzog, vermisste ich diese abendlichen Lesestunden sehr. Bei jedem meiner Besuche zu Hause nahmen wir unser Leseritual aber wieder auf. Bis zu seinem Tod 1980 wohnte er bei meiner Mutter, den Sieg der Islamisten musste er zu seinem eigenen Entsetzen noch miterleben.
Schon bevor mein Großvater mit seinen Büchern eingezogen war, hatte ich angefangen, Fragen zu stellen. Ich überlegte immer wieder, ob es eine Sünde sei, nicht mehr zu beten, denn ich begann an meinem Glauben zu zweifeln, aber ich hatte Angst zu sündigen. Ich hatte manchmal das Gefühl, in meinem Kopf wäre ein Knoten – wenn es keinen Gott gäbe, könnte ich durch Unglauben nicht sündigen, da es auch keine Sünde gäbe. Aber wenn ich sündigte, indem ich nicht glaubte, musste es ja einen Gott geben. Von klein auf hatte ich es als selbstverständlich betrachtet, dass da immer ein Gott ist, der alles sieht, und ihm zu Gefallen sein, war der höhere Sinn des Lebens. Diese Botschaft war selbst mit einem atheistischen Großvater bei mir angekommen. Religion war auch von meinem Alltag nicht zu trennen.
Wenn mein Onkel aus Teheran zu Besuch kam, stritt er mit meiner Mutter über die Existenz Gottes. Sie verbat sich gottloses Reden in ihrem Haus. Dass es Gott nicht gibt, war für sie eine genauso unsinnige Aussage wie wenn jemand behauptet hätte, es gäbe keine Sonne. Gott war eine Tatsache. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mein Onkel aber erzählte uns Kindern, dass man an der Universität überall ganz offen darüber streite, ob es überhaupt einen Gott gäbe, und dass er nicht mehr an seine Existenz glaube.
Als kleines Kind hatte ich meinem Großvater noch erklärt, es sei nicht gut, wenn er Witze über Mohamed mache und Gottes Existenz leugne. Ich war besorgt um seinen Platz im Paradies.
Und mit 16 habe ich dann selbst aufgehört zu glauben. Meine Mutter tolerierte stillschweigend, dass ich meine Gebete nicht mehr sprach, wenn ich alleine war. Nur in der Moschee betete ich im hinteren Teil des Saales, dort, wo die Frauen ihren Platz hatten. Diese innere Abkehr vom Glauben war in linken Kreisen, vor allem später an der Uni, häufig anzutreffen. Es war radikal, sich als Atheist zu bezeichnen, aber es schien uns fatalerweise nicht politisch. Politisch war der Antiimperialismus, der Kampf gegen den Schah und seine westlichen Verbündeten. Zwar hatte die Diktatur einige Verbesserungen der westlichen Moderne gebracht, so die Bildung für Frauen. Doch war es eben eine Diktatur, es gab keine Meinungsfreiheit, keinen Pluralismus und keine Achtung der individuellen Menschenrechte. Da die Menschen im Iran diese individuellen Menschenrechte nicht kennenlernten, mit voller Billigung der USA und Großbritanniens, die im Schah einen Verbündeten gegen das Sowjetreich sahen und den Zugang zu den Ölfeldern für wichtiger als Freiheit für Millionen Iraner erachteten, konnte die Theokratie der Mullahs mit ihrem fanatischen Khomeini an der Spitze nahtlos an das Regime des Schahs anknüpfen. Das Diktat des Schahs wurde durch das Diktat der Religion ersetzt. Eine Chance, freies Denken und ein Gespür für Individualität zu bekommen, hatte das iranische Volk nie. Gott, besser gesagt die Mullahs, die sich Führer in seinem Namen nannten, haben sich als die größten Diktatoren erwiesen.
Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen, in der das freie Denken unterdrückt wurde. Auch wenn die Menschen sahen, dass es Ungerechtigkeiten gab, war es schwer, Ideen für eine bessere Gesellschaft zu entwickeln, denn dazu fehlten Informationen und die Möglichkeit zum offenen Austausch. Das hat es den Ayatollahs leicht gemacht, die Macht zu übernehmen. Die Menschen im Iran waren es gewohnt, zu folgen, nicht zu entscheiden. Die meisten hatten nicht die Chance, verschiedene Möglichkeiten für ein neues politisches System gegeneinander abzuwägen. Der Befreiung vom Regime des Schahs folgte keine Zeit der Orientierung hin zu Aufklärung, Individualität und positiv selbst bestimmter Freiheit. Wie in vielen Umbrüchen der Weltgeschichte nutzte der nächste Diktator diese Zeit der Verunsicherung durch die neue Freiheit dazu, den Menschen eine scheinbare Sicherheit zu bieten – wenn sie ihm nur folgten. In einer sozial unsicheren Zeit des Umbruchs tendieren Menschen seit Menschengedenken dazu, regressive Lösungen zu suchen – wenn ihnen nicht die Chance geboten wird, die neue Freiheit selbst positiv zu füllen. Zudem stand Khomeini als vermeintlich antiwestliche Lösung da. Denn dass die USA, denen die Rechte der Menschen außerhalb ihrer Staatsgrenzen auch im Fall des Iran schlicht egal waren (und bis heute sind), keine positive Alternative waren, ist völlig einsehbar.
Dass ich in der Diktatur gelernt habe, den Wert und die Rechte des Einzelnen zu schätzen und dafür einzutreten, habe ich vor allem dem Recht auf Bildung zu verdanken. Denn erst, wer verschiedene Möglichkeiten und Ansichten kennenlernt, kann lernen zu entscheiden und Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.