KAPITEL 11
Santiago ist ein beispielhafter Soldat und einer der mutigsten Männer, denen ich jemals begegnet bin. Doch trotz seiner herausragenden Leistungen kann ich eine Beförderung zum Corporal nicht empfehlen. Es ist möglich, dass seine Loyalität gegenüber Fenix die gegenüber der COG übersteigt. Selbst wenn es nicht so sein sollte, stellt seine Entscheidung, zugunsten von Fenix auszusagen, sein Urteilsvermögen infrage. Aber … auch wenn ich seiner Beförderung nicht zustimmen kann, muss ich rein privat feststellen, dass wir hier einen Mann haben, den ich für seine Weigerung, einen Freund im Stich zu lassen, obwohl er wusste, was es ihn kosten würde, nur bewundern kann.
(LIEUTENANT COLONEL JAMES AMSTIN IN EINER EINSCHÄTZUNG VON PRIVATE DOMINIC SANTIAGO KURZ NACH DER KRIEGSGERICHTSVERHANDLUNG IM FALL MARCUS FENIX)
NORTH GATE NAHRUNGSMITTELANLAGEN, JACINTO; HEUTE, VIERZEHN JAHRE NACH TAG A
»Wow.« Federic Rojas wartete auf den eintreffenden Raven. Als Bernie mit einem anschwellenden blauen Auge und geplatzter Lippe heraussprang, sah er fast aus, als hätte man ihn hereingelegt. »Wer war das denn?« »Maden«, sagte Dom. Ohne seinen Helm sah Federic schrecklich jung aus und seinem toten Bruder viel zu ähnlich. »Sie hat sie eingeladen, sich hinzusetzen, damit sie sich mal so richtig aussprechen können.«
»Du hast es ihr echt gegeben? Ich meine, so richtig? Mit den Fäusten?«
»Das Gerücht hätte ich gern in Umlauf«, sagte Bernie, »aber das Vieh hat mir eine gesemmelt, als ich’s aufgefräst hab.«
»Wow. Ich verpasse ja ’ne ganze Menge.«
Bernie tätschelte ihm im Vorbeigehen den Kopf. »Möge es noch lange so weitergehen, Süßer.«
Hoffman stürzte beinahe aus dem Raven und stakste dann mit offensichtlicher Schwierigkeit über das Gelände. Aus dem Halbdunkel der Heli-Kabine hob Lieutenant Barber hinter Hoffmans Rücken mahnend den Zeigefinger.
»Da sollte wirklich jemand einen Blick drauf werfen, Sir«, rief Barber ihm nach. »Dieser Verband wird nicht ewig halten. Sind Sie sicher, dass sie nicht mit uns zurückfliegen wollen?«
»Ich werd’s überleben«, knurrte Hoffman. »Danke. Jetzt zurück zur Basis. Das ist ein viel zu wertvolles Spielzeug, mit dem ihr da rumfliegt.«
Marcus eilte ihm nicht zu Hilfe. Cole tat das bereits. Er schob dem Colonel eine Hand unter den Arm und es gab nichts, was Hoffman dagegen hätte tun können. Er schien sich dafür zu schämen, angeschossen worden zu sein. Cole setzte ihn auf das Trittbrett eines APCs und zog eine Spritze mit Schmerzmittel aus seinem Gürtel.
Er raschelte mit der sterilen Verpackungsfolie. »Soll ich das machen oder wollen Sie selbst, Sir?«
»So weh tut’s auch wieder nicht. Lassen Sie mal stecken, Cole.« Hoffman öffnete seinen Stiefel, rollte sein Hosenbein hoch und überprüfte den Verband. »Wahrscheinlich müssen Sie sich das Teil in den eigenen Arsch jagen, damit Sie den Rückweg mit Baird aushalten.«
»Er ist abstoßend, Sir, aber nützlich.«
»Wo ist Jack? Die Büchse sollte inzwischen zurück sein.«
Marcus hielt zwei Finger ans Ohr und lauschte dem Geschnatter des Funks. »Lieutenant Stroud lenkt ihn. Sie überprüft den Rückweg.« Er machte eine kurze Pause ,»’ne Menge Gestrandete unterwegs. Zwei weitere Locust-Sichtungen, aber noch nicht so nah, dass man sich Sorgen machen müsste.«
»Das noch kommt von dir?«
»Nein, Colonel, von Stroud. Sie ist immer vorsichtig.«
Dom sah auf seine Uhr und dann hinauf in den Himmel. Es war bewölkt, also würde es noch schneller dunkel werden. Kein zurechnungsfähiger Gear ging gern bei Nacht raus. Nicht nur wegen den Locust, sondern auch wegen den nachtaktiven Kryll.
Obwohl man seit der Leichtmassen-Bombardierung keine Kryll mehr gesehen hatte, wurde das Gelände mit Flutlichtem erhellt, während das hektische Verladen weiterging. Das würde reichen, um die extrem lichtempfindlichen fliegenden Raubtiere fernzuhalten; ein überfülltes Gelände wie dieses wäre sonst der ideale Jagdgrund für sie gewesen, lauter eingepferchtes Fleisch, das sich nirgends vor ihren rasiermesserscharfen Schwingen verstecken konnte.
Er konnte keine Hühner hören und fragte sich, ob sich die Vögel vielleicht gegenseitig warnten, nicht hinauszugehen, damit sie nicht vom Raubtier Mensch erwischt wurden und den Hals umgedreht bekamen.
Sergeant Parry ging mit raschem Schritt an einer Reihe Fahrzeuge entlang, bog dann in ihre Richtung ab und zeigte auf sein Handgelenk.
»Wie lange noch, Sarge?«, fragte Hoffman.
»Im Laufe der nächsten halben Stunde. Wir fangen jetzt an, den vorderen Teil des Zuges in Position zu bringen.«
»Das ging schnell.«
»Wir haben nicht alles verladen. Nur die Dringlichkeitsliste und jedes Ersatzteil, das nicht niet- und nagelfest war. Lässt sich nicht sagen, ob wir überhaupt noch einmal zurückkommen können, um irgendetwas anderes mitzunehmen.«
»Gute Arbeit, Parry.« Hoffman zog sich an der Tür des Armadillos hoch, wobei seine Fingerknöchel weiß anliefen. »Fenix, bring dein Fahrzeug in Position.«
Dom schwang sich auf den Fahrersitz. Marcus rutschte rein und seufzte. Er war problemlos wieder in die Rolle eines Gears geschlüpft, so als ob er nie fort gewesen wäre, aber für Dom verlief der Vorgang nicht so problemlos. Er wollte wissen, was in diesen vier Jahren im Gefängnis mit ihm passiert war. In der kurzen Zeit seit ihrer Flucht hatte sich nie der passende Moment ergeben, zu fragen, ob er die Briefe erhalten hatte oder wie schlimm es da drin gewesen war. Dazu war sich Dom bewusst, dass er langsam wieder zum nervigen Kind wurde, weil er Bernie ständig wegen Carlos in den Ohren lag und jetzt vielleicht auch noch riskierte, Marcus’ scheinbares Gleichgewicht zu zerstören. Niemand verbrachte vier Jahre im Block und kam wieder raus, als sei nichts geschehen.
Das war das Schlimme an den Gefechtspausen. Am besten, man verbrachte sie mit Essen, Schlafen oder Streiten, denn Nachdenken brachte die Toten und die Verlorenen wieder zurück und stellte einen vor die Frage, warum man überhaupt noch weitermachte.
Warum?
Weil sie irgendwo da draußen ist.
Weil Carlos niemals aufgehört hätte.
Weil auch Marcus Hoffnung braucht. Und Cole und Baird und Tai.
»Ich glaub, Bernie ist sauer auf mich«, sagte Dom, während sie auf Rojas warteten.
»Die ist niemals auf irgendwen sauer. Außer auf Baird.«
»Ich hab sie schon zwei Mal wegen Carlos gefragt.« Dom musste nicht erst erklären, was er mit wegen meinte. Marcus wollte nie darüber sprechen. »Sie hat gesagt, sie würde mir erzählen, was passiert ist.«
»Ja, hab ich gehört.« Marcus starrte eine Weile geradeaus, dann sah er Dom ins Gesicht. »Glaubst du, das würde einem von euch etwas bringen?«
»In all den Jahren hast du deswegen kaum einen Ton gesagt. Und mich hat’s bis vor Kurzem auch nicht verrückt gemacht. Kennst du das, wenn die Leute glauben, die Zeit würde ihnen davonlaufen, und plötzlich wollen sie Leute sehen, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen haben, und ihr Leben auf die Reihe kriegen?«
»Ja. Aber dir läuft die Zeit nicht davon.«
»Sie war ehrlich. Sie hat gesagt, es würde mich aufregen.«
Marcus drehte sich wieder nach vorn. »Er wurde in die Luft gesprengt, Dom. Verfickt noch mal, willst du das haarklein erzählt bekommen? Er hat den Embry Star bekommen. Wenn die Locust nicht aufgetaucht wären, hätten sie inzwischen einen Film über ihn gedreht. Wenn …«
Die Oberluke vibrierte und Rojas sprang voller Begeisterung auf den Rücksitz. Damit war die Unterhaltung gestorben. Dom war so frustriert, dass er ihn am liebsten angeschrien hätte, denn dies war die längste Unterhaltung, die er und Marcus seit Jahren über Carlos’ Tod geführt hatten.
»Hey, tut mir leid.« Rojas beugte sich zwischen den Sitzen vor und blickte von einem zum anderen. Jetzt, wo er wieder seinen Helm aufhatte, sah er wieder genauso aus wie Jan, und hörte sich auch so an, was Dom unerträglich fand. Die Toten wollten ihn heute einfach nicht in Ruhe lassen. »Ich musste grad noch Tai helfen, den Dillo zu bewegen. So ’n Zivilist hat ihm mit seinem Tieflader den Weg versperrt und ich hatte Angst, er frisst den Typen lebendig.«
Marcus schaltete wieder auf den offiziellen Sergeant Fenix um. »Tai ist eigentlich ganz lässig. Redet jede Menge schrägen Scheiß, aber aggro isser nur bei Maden.«
Die Unterhaltung war wieder so weit entfernt wie eh und je. Dom wartete auf den Abfahrtsbefehl und lehnte mit dem Kopf an der Seitenluke, während er versuchte, sich vorzustellen, was verflucht noch mal schlimmer sein könnte als der Tod, den er sich in den letzten sechzehn Jahren so oft für Carlos ausgemalt hatte.
»Zentrale an Delta.« Er zuckte zusammen, als er Anya Strouds Stimme hörte. »Delta, ich überwache hier ein paar neue Locust-Bewegungen. Jack filzt auf Tarnmodus. Seit einfach auf der Hut, wenn ihr losfahrt, okay?«
»Jawohl, Ma’am«, sagte Dom ganz automatisch.
»Es heißt, in der Kantine gibt’s heute Nudeln. Ich wollte euch bloß motivieren. Denkt an Fleischklößchen.«
»Kein Locust stellt sich zwischen einen Gear und seine Fleischklößchen.«
»Das ist die richtige Einstellung. Zentrale Ende.«
Rojas beugte sich wieder nach vorn. »Ich wusste gar nicht, dass sie Sinn für Humor hat.«
»Wir haben schon viel erlebt.«
»Oh …«
»Da gibt’s kein Oh, okay?«
Wenn es um Frauen ging, hatte Dom keinen Sinn für Humor. Es gab nur Maria: es würde immer nur Maria geben.
Es dauerte zehn Minuten, bis Doms Ohrstöpsel wieder ansprang. Dieses Mal war es Hoffman.
»Losfahren, Santiago. Konvoifahrer – Abstände einhalten. Nicht anhalten. Immer auf neue Richtungsanweisungen gefasst sein, für den Fall von Pannen oder Feindkontakt. Benutzt über Funk eure Rufzeichen, haltet die Kanäle für Befehle offen und sendet nur, wenn es absolut unumgänglich ist. Hoffman Ende.«
Dom warf den Armadillo an und steuerte auf die Tore zu. Der Himmel hatte sich inzwischen violett gefärbt und die Lichter des Lagers verblassten in der Dunkelheit.
Kurz darauf sah er nur noch die Reihe der Abblendlichter hinter sich.
Er konnte sich an eine Zeit erinnern, in der die Straßen von Ephyra so hell erleuchtet waren, dass sie die Wolken anstrahlten, und er sie schon auf zwanzig Klicks Entfernung sehen konnte. Energie in rauen Mengen. Jetzt lag die Stadt beinahe in völliger Dunkelheit. Nur hie und da wurde eine unentbehrliche Straßenbeleuchtung aufrechterhalten und das auch nur für ein paar Stunden. Es gab keine offizielle Ausgangssperre, aber es sah genauso aus.
Dom beschleunigte in die Dunkelheit hinein und bog um eine Ecke auf die Hauptstraße zurück zur letzten Zuflucht der Menschheit.
Aber selbst auf diesen öden, verlassenen Straßen hielt er bei jedem Meter des Weges weiter nach Maria Ausschau.
KONVOIMITTE
Hoffmans Wade schmerzte wie die Hölle.
Es war ein gutes Mittel gegen die Müdigkeit. Kaliso behielt ihn immerzu im Auge, während der APC über den Schutt holperte, so als wollte er sehen, ob ihn ein richtig großes Schlagloch zum Schreien bringen würde. Vielleicht war es inzwischen doch an der Zeit für Schmerzmittel.
Was bin ich nur für ein Idiot. Wenn ich draufgegangen wäre, wer hätte dann meinen Posten eingenommen? Reid oder McLintock. Und tschüss, Menschheit. Arschlöcher, alle beide.
Hoffman wollte nicht in die Geschichte eingehen als der Typ, unter dessen Wache die menschliche Spezies ihr Dasein ausgehaucht hatte. Die Tatsache, dass es in diesem Fall keine Geschichte geben würde, die ihn richten könnte, machte die Sache nicht leichter. Aber er würde nicht ewig leben und der Offiziers-Genpool wurde mit jedem Tag, der verging, seichter. Erbfolge war das Stichwort, das ihn immer mehr beschäftigte: Er musste einen aufgeweckten Burschen finden, der den Weg für die Zukunft ebnete. Fenix hätte einen guten Kandidaten abgegeben, wenn er nicht so ein impulsiver und mürrischer Bastard gewesen wäre.
Schon klar, ich sehe die Ironie dabei, danke. Vielleicht vertraue ich ihm nicht, weil ich mir selbst nicht vertraue.
Er merkte allerdings, dass er jetzt nicht mehr automatisch Verräter dachte.
Warum habe ich das getan?
Hoffman hatte sich in seinem ganzen Leben nie vor einem dreckigen Job gedrückt und er hatte jede Menge zu erledigen gehabt. Plötzlich erschrak er bei dem Gedanken daran, dass er Marcus Fenix einfach in einem verlassenen Gefängnis zurückgelassen und ihm nicht einmal das grundlegendste Zugeständnis gewährt hatte, dass er sogar einem kranken Hund gegönnt hätte, nämlich eine Kugel in den Kopf und fertig. In den vergangenen Nächten ertappte er sich oft bei dem Gedanken an die kleinen Details einer Art von Tod, die er schon zur Genüge aus einem anderen Krieg kannte: dass letzten Endes Wasser und Nahrung ausgegangen wäre – die Nahrung sofort, das Wasser vielleicht erst ein paar Wochen später – oder dass die Locust die Zelle überrannt hätten. Verdiente irgendein Mann so etwas? Hatte Fenix sich mit seinen Leistungen im Krieg nicht ein wenig Gnade verdient? Hatte Hoffman nicht selbst höhere Ansprüche?
Die Entscheidung war in Sekundenschnelle gefallen. Öffnet die Türen und lasst die Bastarde raus. Fenix auch, Sir? Nein, scheiß auf ihn, soll er doch verrotten. Nur ein kurzes Zähnefletschen, bevor er seine Pistole zückte und davonging, um sich der nächsten Krise zu stellen.
Druck war kein Grund, schließlich fällte Hoffman jeden Tag seines Lebens Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Jetzt plagte es ihn, nicht zu wissen, wieso er es getan hatte, und er erkannte den Mann nicht, der das getan hatte, denn es war nicht der Victor Hoffman, den er zu kennen glaubte. Hoffman erinnerte sich daran, wie Fenix aus dem Raven sprang, aus seiner Zelle gerettet von einem Kumpel, der Befehle missachtet hatte und bereit gewesen war, für ihn zu sterben. In diesem Moment hatte er Fenix – und Dom – in die Augen schauen müssen.
Und Fenix war immer noch bereit, zu kämpfen. Nach der ganzen Scheiße. Nachdem ich ihn hab hängen lassen. Er setzte immer noch alle Hebel in Bewegung.
Hoffman fragte sich, ob es Dom Santiagos Meinung war, die ihm am meisten zu schaffen machte.
Du hast es getan. Lebe damit. Lerne daraus.
Die Straße vor ihnen verlief schnurgerade, keine Kurven oder Unterführungen, keine toten Winkel, relativ gute Sicht trotz der unbeständigen Straßenbeleuchtung. Ohne die sichtbaren Schäden an den Gebäuden hätte die Gegend irgendein heruntergekommenes Viertel vor dem Tag A sein können. Gruppen Gestrandeter lehnten an den Haus wänden oder saßen auf Türstufen, rauchten oder tranken und genossen das neue Gefühl, endlich einmal wieder draußen sein und entspannen zu können. Sogar ihre erhobenen Mittelfinger, die sie den vorbeifahrenden COG-Fahrzeugen entgegenstreckten, wirkten freundlich.
Es war nicht der Ort für einen Hinterhalt.
Trotzdem verkrampften sich Kalisos Finger um das Lenkrad. Hoffman ertappte sich dabei, dass sein Blick nicht nur bei dem verwahrlosten Geschmeiß, das hier herumhing, achtsam von einer Seite zur anderen wanderte. Er konnte keine Anzeichen für Kampfhandlungen erkennen. Keinen der verräterischen Hinweise auf anstehende Schwierigkeiten, die zu erkennen er als junger Gear so intensiv trainiert hatte, dass sich diese Wahrnehmung zu einem ständig arbeitenden Extra-Sinn entwickelt hatte, der genauso natürlich war wie Hören oder Sehen. Die Straßen waren nicht menschenleer. Es standen keine Fahrzeuge im Weg, die der Konvoi hätte umfahren müssen. Es gab nichts Konkretes, das seinen Radar zum Piepen brachte, und trotzdem wusste er, fühlte, schmeckte, erfasste er irgendwie, dass Ärger bevorstand.
Kaliso hatte eine Hand am Lenkrad, während die andere auf seiner Pistole ruhte. Auch er wusste es.
Plötzlich hörte Hoffman Fenix’ Stimme. »APC-eins an alle Fahrzeuge. Wir spüren hier vorne Vibrationen. Passt auf.«
Vielleicht bedeutete es gar nichts. Vielleicht war es nur ein weiteres Nachbeben durch das Grundgestein, das sich seit der Leichtmassen-Bombardierung immer noch verschob. Vielleicht war auch nur irgendwo ein Abwasserkanal eingestürzt. Die Gestrandeten verschwanden jedoch plötzlich, zogen sich in die Gebäude zurück, und Hoffman verließ sich lieber auf das argwöhnische menschliche Tier in ihnen als auf Technologie. Doch auch die hatte ihren Platz.
»Konvoileitung an Zentrale«, meldete er. »Stroud, möglicher Kontakt. Hier bebt’s. Prüft das mal für uns nach.«
»Schon dabei, Colonel. Jack prüft den Weg vor der Kolonne. Ich habe ihn noch einmal zurückgeschickt.«
Anya war schlau. Sie verstand etwas von Hinterhalten. Sie wusste, dass so etwas jederzeit auf einem Weg -
Scheiße! Der Schrei gellte so laut in Hoffmans Ohrstöpsel, dass es wehtat. Er konnte nicht sagen, woher er gekommen war – kein verdammtes Rufzeichen. Zivilisten – kein verficktes bisschen Disziplin. Kaliso behielt seine Geschwindigkeit bei. Wenn man nicht in einen Hinterhalt fuhr, fuhr man weiter. Und wenn man in einen fuhr – stieg man in die Eisen und legte schleunigst den Rückwärtsgang ein.
»Zwo-Fünfundzwanzig – wir sind getroffen … haben uns überschlagen.« Die Nummer bedeutete, dass sich das Fahrzeug relativ nahe hinter dem Kommando-Dillo befand. Ein ganzes Stück der Kolonne folgte ihm noch. »Scheiße – Maden …«
Gewehrfeuer rasselte los, dröhnte in Hoffmans Ohrstöpsel und hallte in der Straßenschlucht wider, gefolgt von mehreren Explosionen, die sich nach einem Boomshot anhörten. Er erhaschte einen kurzen Blick auf Jack, als der Bot auf Kopfhöhe und mit Höchstgeschwindigkeit zum Ende des Konvois schoss. Die Reihe der Laster erstreckte sich mindestens über einen Kilometer, wobei die einzelnen Fahrzeuge im bebauten Gebiet fünfundzwanzig Meter Abstand hielten. Er wusste nicht genau, wo Fahrzeug 2-25 angehalten hatte, oder ob es für die nachfolgenden Fahrzeuge einen Fluchtweg gab. Nur Jack konnte das sehen. Hoffman blieb nichts anderes übrig – keinem der Fahrer oder Geleit-Gears blieb etwas anderes übrig – als dem Funkverkehr zu lauschen. Sie waren blind. Nur Jack hatte das Gesamtbild im Blick und – durch Jacks elektronische Augen – Anya Stroud.
»Stroud, können Sie sehen …«
Ihre Stimme unterbrach ihn. »Zentrale an Zwo-Zwo-Sieben, nach links, links, links, links. Alle Fahrzeuge Zwo-Zwo-Sieben folgen.« 2-26 musste es also auch erwischt haben. Sie gab neue Richtungsanweisungen, um den Rest des Konvois um den Hinterhalt herumzulotsen. Ein reines Ratespiel. Wenn die Maden hier durchbrachen, dann konnten sie überall nach oben kommen. Aber der Konvoi musste in Bewegung bleiben, um überhaupt eine Chance zu haben, durchzukommen. »Zwo-Zwo-Sieben, ich habe nur einen Bot in der Luft, also geben Sie mir an jeder Kreuzung Ihre Position durch, damit ich Sie führen kann.«
»Zentrale, hier Zwo-Zwo-Sieben, biegen nach links auf die Parkway ab.« Es war die Stimme einer Frau, angespannt vor Angst, aber immer noch kontrolliert. Nicht schlecht für eine Zivilistin. »Es sind Maden, wir haben sie gesehen. Vor uns ist alles sauber.«
Die Frau hätte in alles Mögliche hineinfahren können. »Stroud, bringen Sie Jack an die Kolonnenspitze«, sagte Hoffman. Kaliso stieß zurück, schwang den Dillo herum und jagte rechts von den Lastern auf Hochtouren den Konvoi hinunter. »Wir fahren zurück und greifen die Maden an. Verluste?«
»Jack ist noch am Ort des Überfalls, Sir. Zwo-Zwo-Fünf und Zwo-Zwo-Sechs stecken fest und sind schwer beschädigt, Zwo-Zwo-Sechs brennt. Ich sehe … den Fahrer und den Schützen … sie sind noch in der Kabine. Zwo-Zwo-Fünf … Fahrer und Schütze tot – das Fahrzeug liegt umgestürzt auf der Beifahrerseite.«
»Definitiv tot?«
Anya zögerte keine Sekunde. »Da gibt’s keinen Puls zu fühlen. Zerstückelt.«
Manchmal erlebten die Beobachter in der Zentrale das Schlimmste mit und dazu noch in Großaufnahme.
Aber es gab Regeln: Es gab die Regel Weiterfahren-und-raus-aus-der-Todeszone und es gab die Greif-die-Scheiß-maden-an-Regel und Hoffman war klar, dass er und Kaliso Letztere befolgen würden. Er drehte sich, so weit es ging, nach hinten und griff nach dem Granatwerfer auf dem Rücksitz. Sein Bein machte ihm jetzt keine Schwierigkeiten mehr. War schon guter Stoff, dieses Adrenalin. Während die Scheinwerfer an ihnen vorbeizischten, bereitete er den Granatwerfer vor und griff nach vom, um das Dach des APCs zu öffnen. Der letzte Laster der Reihe zog an ihnen vorbei und auf einmal starrten sie eine dunkle Straße hinunter, an deren Ende gelbes Licht flackerte – ein lodernder Laster.
»Die werden da nicht herumhängen«, sagte Kaliso. »Aber sie werden auch noch nicht weit gekommen sein.«
Er brachte den Dillo ein paar Meter vor dem Wrack zu Stehen. Es lagen Leichen herum, aber noch konnten sie sie nicht bergen. Ein paar tote Maden lagen in einer Lache aus dunkler Flüssigkeit, die Hoffmann zunächst für ausgelaufenes Öl aus dem Laster hielt, aber als er genauer hinsah, erkannte er, dass es Blut war. Scheinwerfer kamen direkt auf ihn zu, drehten dann aber, wie von der Zentrale umgeleitet, nach links ab. Irgendwo die Straße hinunter musste der Nachhut-APC mit Cole, Mataki und Baird sein.
»Zentrale an Konvoi, wir haben Locust an der Oberfläche. Sie kommen die Avenue runter Richtung Parkway«, meldete Anya. Sie musste Jack in großer Höhe über die Kreuzungen geschickt haben, um einen besseren Überblick zu haben. »Anzahl – sieht nach mindestens dreißig aus. Sie bewegen sich zum Teil durch die Gebäude.«
Die Fahrer konnten jedes Wort mithören. Hoffman hoffte, die Zivilisten würden nicht die Nerven verlieren und versuchen, sich über die Seitenstraßen zu zerstreuen. Bisher hatten sie sich gut geschlagen und sich aus dem Funkverkehr herausgehalten.
Bairds Stimme schnitt dazwischen. »APC drei an Hoffman, sollen wir die Route verlassen und angreifen? Wenn wir beim Canal Walk links abbiegen, können wir sie umfahren und sie beim Rundbau abfangen.«
Untertunnelung verlangte Zeit und Energie und oft schienen die Maden von beidem nicht genug zu haben, und wenn sie sich wie jetzt an der Oberfläche bewegten, erhöhten sich die Chancen. Aber das Problem bei einem Feind, der sich unter einem bewegte, war die Ortung. Der Konvoi hatte keinen Radar oder Schall-Resonator, mit dem man die Bewegungen der Maden verfolgen konnte. Es war also ein Glücksspiel. Vielleicht war es auch ein Köder vor einem Großangriff.
Aber Baird schaffte es oft, wie die Maden zu denken.
»Das Ende der Kolonne ist frei, Sir«, meldete Anya.
»APC drei, ausscheren und verfolgen.« Wir hätten mehr APCs mitnehmen müssen, wenn wir nur mehr von den verdammten Dingern hätten.
Mit jedem Tag und mit jedem Kampf leierte die Technologie der COG mehr aus, brach zusammen oder ging in Flammen auf und sie wurde nicht ersetzt. Hoffman kletterte zurück in die Kabine.
»Wir übernehmen jetzt als Nachhut-Fahrzeug. Wenn Sie es zeitlich richtig hinbekommen, können wir sie von beiden Seiten in die Zange nehmen.«
»Verstanden, Sir.«
»Ich will Sie ja nicht beunruhigen, Sir«, meldete sich Fenix, »aber wenn die Maden am Ende der Avenue nach rechts drehen, steuern sie direkt auf die Brücke zu.«
Kaliso fuhr mit dem Dillo ans Ende der Lasterschlange und machte auf der Straße eine rasche Drei-Punkt-Wendung, um sich hinter dem letzten Fahrzeug zu positionieren. Wenn der Konvoi erst einmal den Fluss hinter sich hatte, ging es nicht mehr viel weiter, denn dann würden sie sich auf bewährtem Granit befinden, ohne Risse, und die Maden müssten für einen Angriff die Brücke überqueren.
»Fenix«, sagte Hoffman. »Lassen Sie sie nicht an diese Brücke.«
Manchmal konnte ein einfacher Satz aus dem Nichts Hoffman wie ein Sprungtritt in eine andere Welt befördern.
Lassen Sie sie nicht an diese Brücke.
Wenn Dom Santiago in der Nähe war, hatte »Brücke« nur eine Bedeutung für Hoffman: Carlos Santiagos heldenhafter Tod bei Aspho Fields, dort auf der Brücke gefallen, als er und Marcus Fenix verzweifelt Widerstand leisteten, um Hoffman die nötige Zeit zu verschaffen, damit er seine Mission erfüllen konnte.
Vielleicht lösten die Worte bei Fenix die gleichen Erinnerungen aus. Vielleicht auch nicht. Aber Hoffman hätte darauf gewettet, dass es so war.
»Verstanden, Sir.«
Im fahlen Licht des Armaturenbretts des APC sah Kalisos Gesicht wie personifizierte Gewalt aus, wie eine völlig andere Spezies. Die Metallpiercings und verschlungenen Tätowierungen verzogen seine Züge zu einem fremdartigen Gesicht. Als der APC wieder die Abzweigung vor dem Ort des Hinterhalts erreichte, verlangsamte er das Tempo, um einen Blick auf die zerstörten Laster zu werfen. Gestrandete waren bereits aus ihren Verstecken gekrochen, um den Laster, der nicht brannte, zu plündern.
Es lagen immer noch Leichen in diesen Lastern, Leichen von Leuten, die für das Überleben der Menschheit ein Risiko eingegangen waren und den Preis dafür bezahlt hatten.
Wir können nicht anhalten. Du kennst die Vorgehensweise und weiß warum.
Und sollte Kaliso es nicht wissen, so wusste Hoffman es für sie beide.
»Sir, erbitte Erlaubnis, auszusteigen«, murmelte Kaliso.
Sie waren dazu da, die Lebenden zu beschützen. Sie würden kostbare Zeit verlieren. »Erteilt«, sagte Hoffman.
Kaliso hielt den Dillo an, schnappte sich den Granatwerfer von Hoffmans Schoß, stolzierte zu den Lastern hinüber und gab den Gestrandeten mit seiner freien Hand ein Zeichen, zurückzugehen. Hoffman stieg aus dem Dillo und blieb, nur für den Fall, mit gezückter Waffe an der geöffneten Luke stehen.
»Geht weg von dem Laster«, rief Kaliso. »Ihr schändet ihn.«
Scheiße, er war wieder auf einem seiner abgedrehten Philosophen-Trips. »Koalitions-Eigentum«, brüllte Hoffman, nur damit diese Drecksäcke auch richtig verstanden. »Geht davon weg oder wir eröffnen das Feuer. Verstanden?«
Es war die Standardherausforderung für Plünderer, aber die Gestrandeten begegneten ihr nur selten. Sie gafften. Manche rannten davon, aber andere gingen zurück und versuchten Kisten aus den Fahrzeugen zu zerren, geradeso, als ob ein wütender Süd-Insulaner mit einer geladenen Panzerfaust und einem Lancer um die Schulter kein Grund zur Beunruhigung wäre. Ein Kerl – so ein selbstmörderischer Bastard – versuchte sogar, den Tank anzuzapfen.
»Ist doch eh alles voller Öl und Scheiß, Mann«, sagte einer der anderen Männer. »Ihr wollt das doch eh nicht mehr essen, oder? Wir verhungern hier draußen.«
»Das ist ein vorläufiges Kriegsgrab«, knurrte Hoffman und legte mit seiner Pistole an. »Und wir sterben hier draußen.«
Der Gestrandete hechtete in Deckung. Und Kaliso feuerte.
Er zielte jedoch auf den Laster. Eine Säule aus Rauch und Feuer stob in den Himmel. Kaliso wartete und sah mit konzentriert zusammengezogenen Augenbrauen zu, wie sich das Feuer festfraß, dann wandte er sich den Gebäuden zu, in die die Gestrandeten geflüchtet waren.
»Ich komme später wieder«, rief er. »Besudelt sie nicht noch einmal.«
Er stieg wieder in den Dillo. Hoffman starrte ihn an.
»Was zur Hölle sollte das denn gerade, Private?«
»Wie Sie sagten, Sir, es ist ein Kriegsgrab.« Kaliso warf den APC wieder an und trat das Gaspedal durch. »Feuerbestattungen sind angemessen. Erlaubnis, die Gefallenen später zu bergen?«
Viel zu bergen, gab es da nicht mehr, aber Hoffman verstand, wieso der Gedanke an diese Parasiten, die gleich neben den Leichen von besseren Menschen alles durchwühlten, Kaliso an die Nieren ging. Er hatte nur eine reichlich schräge Art, das auszudrücken.
Immerhin hatten sie diese Gestrandeten-Arschlöcher davon abgehalten, den Laster zu plündern.
»Erteilt«, sagte Hoffman. »Niemand wird zurückgelassen. Tot oder lebend.«
Diesen Schwur versuchte Hoffman immer in Ehren zu halten. In Zeiten wie diesen Anstand zu bewahren, war genauso wichtig wie das Retten von Leben, denn wenn der Preis für das Überleben der Menschheit der Verfall in die Barbarei war, dann gab es keinen Unterschied mehr zwischen den Menschen und den Locust.
In diesen Abgrund hatte er bereits mehr als einmal geschaut. Würde er noch einmal hineintauchen, gäbe es kein Zurück mehr.
FÜHRUNGS-APC, BEI ANFAHRT AUF DEN FLUSS
»Ich hasse diese Scheiße«, sagte Dom.
Der Funkverkehr zwischen den Fahrzeugen, Hoffman und der Zentrale waren die einzigen Anhaltspunkte, die ihm ein Bild von dem Konvoi gaben. Dabei brachte ihn das, was gesagt wurde, weniger aus dem Konzept als die Vorstellung, was sich zwischen den Lageberichten und Kursänderungen abspielte. Wenn man nichts sah, füllte man die Lücken im Kopf aus. Es war, als würde man einem Hörspiel lauschen, bei dem die meisten Sätze fehlten, und dabei wissen, dass die Besetzung tatsächlich getötet werden würde, falls etwas schief lief.
»Was haben wir da hinten verloren?«, fragte Rojas.
»Zwei Zivilfahrer und drei ausgeschiedene Gears.« Marcus studierte eine Marschskizze, die er auf seinen Schenkeln ausgebreitet hatte. »Und ein paar Tonnen Lebensmittel.«
»Zwo-Fünfundvierzig an Zentrale«, meldete sich ein Fahrer. »Ich hab hier ein Problem. Das Getriebe saftet ohne Ende und die Warnleuchten blinken.«
»Scheiße.« Marcus blickte nicht auf. »Das ist der Tieflader mit den Fermentations-Fässern. Der hat Überbreite.«
»Können Sie ranfahren?«, fragte Anya den Fahrer.
»Negativ. Wenn ich stehen bleibe, blockiere ich die Straße. Ich habe noch ein paar Tanklaster und den Nachhut-APC hinter mir.«
Auf der Karte mochten die Strecken passierbar aussehen, aber außerhalb des Herzens von Jacinto hatte man seit Jahren keine Straße mehr ausgebessert und der Weg konnte einem jederzeit durch Locust-Aktivitäten oder einstürzende Gebäude versperrt werden. Anya verließ sich auf die Videoübertragung von Jack, um neue Routen aufzuklären.
»Zwo-Fünfundvierzig, hundert Meter nach College Green gibt es eine Abzweigung nach rechts, die Sie in einer Schlaufe wieder auf die Fahrtroute bringt«, sagte sie. »Haben Sie genug Platz, um herumzuschwenken?«
»Ich kann’s versuchen. Die Mühle bleibt sowieso irgendwann stecken, also habe ich kaum Alternativen.«
Marcus unterbrach sie. »Anya, du könntest die anderen Fahrzeuge um Zwo-Fünfundvierzig herumleiten, die Besatzung extrahieren und den Laster später bergen.«
»Wenn er ranfahren kann, kann ich das Teil reparieren«, fügte Baird über Funk hinzu.
Der Fahrer blieb einen Moment still. »Okay, den Versuch ist es wert. Die klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, und wir brauchen die Teile vom Laster wahrscheinlich nötiger als die Pilz-Fässer. Wenn’s sein muss, stehe ich Wache, bis ein Reparaturtrupp da ist.«
»Ich sagte, ich kann die Schüssel reparieren«, wiederholte Baird.
»Ich komme jetzt an die Abzweigung.«
»Okay, Zwo-Fünfundvierzig, bei College Green rechts abbiegen, nachfolgende Fahrzeuge bleiben auf Kurs.«
»APC drei wechselt den Fahrer«, sagte Baird.
»Baird, was hast du vor?«, fragte Marcus.
»Aussteigen, um Zwo-Fünfundvierzig zu helfen.«
»Zentrale, ich übernehme«, sagte Cole. »Damon hat mir die Schlüssel gegeben, aber er meint, um Mitternacht soll ich wieder zu Hause sein.«
Es hatte keinen Sinn, sich jetzt mit Baird zu streiten. Und er hatte recht – wenn jemand den Laster wieder auf Trab bringen konnte, dann er.
»Baird hält an, um jemandem zu helfen?«, meinte Dom. »Hat der sich den Kopf angehauen, oder was?«
»Das hab ich gehört, Arschloch …«
»Der will bloß zeigen, was er für ’nen dicken Schraubenschlüssel hat«, meinte Cole.
Hoffman ging dazwischen. »Kein Privatgeplänkel auf diesem Kanal, Mädels.«
Direkt voraus konnte Dom die Lichter der Timgad-Brücke sehen, die sich in doppelter Reihe wie eine Landebahn hinzogen. Die ersten Laster der Kolonne hätten es schon bald geschafft und dann konnte er umkehren, um sich um die Nachzügler zu kümmern. »Anya, wie sieht’s aus?«
»Jack verliert immer mehr Drohnen aus den Augen. Sie bewegen sich durch die Gebäude.«
»Irgendwelche Anzeichen, dass sie sich auf die Brücke zubewegen?«, fragte Marcus.
»Noch nicht.«
Nur Drohnen. Keine Reaver, Nemacyst, Berserker, nicht seit der Leichtmassen-Detonation. Dom verkniff es sich immer, seine Hoffnungen zu hoch zu schrauben, aber langsam sah es wirklich so aus, als ob die Locust tatsächlich einen massiven und anhaltenden Schlag eingesteckt hatten.
Aber man kriegt sie nicht wie einen Wasserhahn abgedreht.
Nachzügler. Es sei denn, sie haben einen neuen Plan … aber was das angeht, haben sie in den letzten vierzehn Jahren nicht viel auf die Beine bekommen.
»Zentrale, wir nähern uns jetzt dem Rundbau«, meldete Cole. Der Rundbau war einst ein Kulturzentrum gewesen. Zwei sichelförmige Gebäude erhoben sich um ein tief liegendes Amphitheater, das im Sommer als Kulisse für Open-Air-Konzerte und Theaterstücke gedient hatte, wenn das Gelände für den Verkehr gesperrt war. Theaterstücke waren nicht Doms Ding, aber es war ein herrlicher Ort gewesen, um abends spazieren zu gehen und ein überteuertes Bierchen zu kippen, und heute war es ein ebenso herrlicher Ort, um Fallen zu stellen, wenn die Maden so zuvorkommend waren, hier vorbeizuschauen. »Sie müssen jetzt diesen Weg nehmen.«
Dom hörte ein Stöhnen im Hintergrund und dann rabiates Fluchen von Bernie. Cole nahm offenbar eine ziemlich holperige Abkürzung.
»APC drei, wir stoßen von Süden zu euch«, sagte Hoffman. »Wir sehen sie. Verdammt!« Eine Feuersalve war zu hören. »Und sie haben uns gesehen.«
»Das wird ein Rennen, Sir«, sagte Cole. »Mataki glaubt, diese Maden wären essbar.«
Dom wusste jetzt, wie Anya sich fühlte. Sein Herz überschlug sich beinahe aus lauter Frustration darüber, dass er nicht bei ihnen sein und Feuerunterstützung geben konnte. »Ich werd gleich noch verrückt.«
»Jack hat noch mehr Drohnen aufgespürt, Sir«, meldete Anya. »Keine Anzeichen von Auftauchlöchern, aber sie kommen von überall.«
»Wir sollten zurückgehen und ihnen helfen.« Weitere Laster rollten an Doms Tür vorbei, während sie warteten, und das rhythmische, langsame Wrumm … Wrumm … Wrumm der Motoren bildete den Countdown zur Beendigung der Mission. »Wir können nicht einfach hier rumsitzen.«
»Fünfzehn Minuten, dann sind alle drüben«, beruhigte ihn Rojas. »Bei Durchschnittsgeschwindigkeit.«
Baird meldete sich wieder. »Ich bin jetzt bei dem Laster«, sagte er außer Atem. Er musste ihm hinterher gerannt sein. »Dem hat’s ’ne Dichtung zerfetzt. Ich pack selbsthärtendes Tape drum rum, mehr hab ich nicht da. Und dann werd ich – oh, Scheiße!«
»Kontakt, Kontakt, Kontakt! Zwo-Fünfundvierzig, Kontakt. Maden direkt vor uns!«
Das war der Fahrer von 2-45, der sich an die Regel hielt, wie man einen Angriff meldete, aber Bairds Scheiße hatte es schon ganz gut zusammengefasst. Dom hörte Baird angestrengt keuchen und dann Feuersalven.
»Hier sind überall Maden«, rief Hoffman.
»Sir, ich glaube nicht, dass der Konvoi ihr Ziel ist«, meinte Anya. »Ich denke, sie haben es auf die Gears abgesehen. Es ist ein Köder.«
Kaum hatte Anya es ausgesprochen, wusste Dom, dass es stimmte.
»Ich enttäusche nur ungern«, knurrte Marcus. »Dom, fahr da runter.«
Maden mochten wie hirnlose Viecher aussehen, aber sie waren schlau und jetzt hatten sie den Konvoi schon wieder eingewickelt. Sie wussten, dass Menschen – Menschen wie Delta und Hoffman – lieber mit einem Gegenangriff auf einen Hinterhalt reagieren würden, anstatt zu flüchten und dem Feind die Kontrolle zu überlassen. Und das bedeutete, dass woanders schon die nächste Falle warten konnte.
Dom lenkte den APC mit kreischenden Rädern die Straße hinunter und versuchte dabei, sich den schnellsten Weg zum Rundbau und College Green vor Augen zu führen. Beides war nur ein paar Blocks entfernt. Der Rest des Konvois war jetzt auf sich allein gestellt.
»Bleibt, wo ihr seid«, befahl Hoffman. »Scheiße, Fenix, hast du dich auch nur ein Mal in deinem Leben an einen Plan gehalten?«
»Anya kann uns alarmieren, falls wir woanders gebraucht werden.«
»Verdammt, wo kommen diese Bastarde nur alle her?«
Alle hielten ihre Funkkanäle offen, wie angeordnet. Allerdings waren sie wechselseitig eingestellt, sodass jedes Keuchen, jeder Atemzug und jeder Fluch in Doms Kopf widerhallte und es nichts gab, was er dagegen tun konnte.
»Alles schon erlebt«, sagte Marcus. Er musste sich an das Gleiche erinnern wie Dom, da war er sich sicher. »Und ich mache nicht noch mal die gleichen Fehler.«