9

Das Individuum und Ideale,

Religion, Wissenschaft und Recht

Fortsetzung der Sitzung 860, Mittwoch, den 13. Juni 1979

(Nach einer Pause um 21.45 Uhr:) »Das Individuum und Ideale, Religion, Wissenschaft und Recht« - das ist die Überschrift für unser nächstes Kapitel, das neunte.

Was ist das Recht? Warum habt ihr ein Recht?

(»Recht oder Gesetze?«)

Warum habt ihr Gesetze? Beginnen wir damit. Sind Gesetze dazu da, Leben zu schützen, Eigentum zu schützen, Ordnung zu schaffen, Gesetzesbrecher zu bestrafen? Werden Gesetze geschaffen, um den Menschen vor seiner eigenen Niedertracht und Gemeinheit zu schützen?

Kurzum, sind Gesetze dazu da, den Menschen vor seiner grundsätzlich verbrecherischen und sündigen Natur und vor seinem so oft verleumdeten Selbst zu schützen? (Pause.) Wenn ihr »vollkommene Geschöpfe« wäret, würdet ihr dann überhaupt Gesetze brauchen? Definieren die Gesetze das, was unannehmbar ist, oder verweisen sie auf irgendwelche undifferenzierte, kaum wahrgenommene positiveren Aspekte? Sind Gesetze ein Versuch, Handlungsimpulsen Grenzen zu setzen? Sind sie Ausdruck der gesamtgesellschaftlichen Definitionen annehmbaren und unannehmbaren Verhaltens?

Worin besteht, nach eurem Verständnis dieser Begriffe, der Unterschied zwischen einem Verbrechen und einer Sünde? Kann der Staat euch für eine Sünde strafen? Sicher kann er euch für ein Verbrechen bestrafen. Ist das Recht als die Summe aller normierten Gesetze vielleicht die Widerspiegelung von etwas anderem - ein Widerschein der dem Menschen innewohnenden Suche nach dem Ideal und seiner Verwirklichung? Wann treten Gesetze in Gestalt leibhaftiger Idealisten auf den Plan? Warum stimmt ihr ein solches Hohngelächter an, wenn die tönernen Füße der Politiker zum Vorschein kommen? (Pause.) Inwiefern betrifft euch das als Individuen? Wir werden mit dem Individuum beginnen.

(Pause um 21.59 Uhr, dann flüsternd:) Jedes Individuum ist ursprünglich von einer guten Absicht beseelt, wie verborgen diese Absicht auch sein mag oder wie verfehlt die Mittel und Wege, die zu ihrer Verwirklichung führen sollen, auch sein mögen.

Wie der Körper von Kindheit an wachsen will, so wollen auch alle Begabungen und Fähigkeiten des Menschen wachsen und sich fortentwickeln. Jeder Mensch hat seine eigenen Ideale, und Impulse bahnen diesen Idealen ihre eigentümlichen, ganz besonderen Entwicklungswege - Wege, die sowohl dem einzelnen wie auch seiner Gesellschaft Erfüllung bringen sollen. Impulse liefern nähere Angaben und konkrete Anstöße. Sie verweisen auf ganz bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten, die dem Individuum ein Gefühl für eigenschöpferische Leistung geben und einen großen Schaffensspielraum erschließen, und die von selbst ankommenden Rückmeldungen dieses Ausdrucks lassen den betreffenden Menschen wissen, daß er zur Bereicherung seiner Umwelt beiträgt.

(Nach langer Pause:) Diese natürlichen Impulse werden, sofern sie befolgt werden, ganz von selbst zu politischen und sozialen Organisationen führen, die sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Entwicklung fördern. Und somit würde dank eurer Impulse ungezwungen eins ins andere fließen, würden persönliches Handeln und Wirken ganz natürlich gesellschaftliche Relevanz gewinnen.

Wenn man euch beibringt, eure Eingebungen und Impulse zu hemmen und ihnen zu mißtrauen, dann kommt es in euren Organisationen zur Verstopfung. Alles, was euch dann bleibt, ist das unbestimmte Verlangen, der theoretisch bleibende Wunsch, die Welt zu verbessern. Da ihr der persönlichen Macht eurer Handlungsimpulse beraubt seid - die eigentlich Wegbereiter dieses Idealismus sein könnten, indem sie euch eure persönlichen Fähigkeiten entwickeln helfen -, bleibt euch nur ein unbestimmter, drängender, ja quälender Wunsch, konstruktiv zu handeln, in die gegebenen Umstände ändernd einzugreifen, ohne jedoch irgendeine Möglichkeit zielführenden Handelns zu sehen. So kommt es zu fortwährender Frustration, und wenn ihr sehr an euren Idealen hängt, kann diese Situation euch zur Verzweiflung treiben.

(Pause in einem auch weiterhin kraftvollen Vortrag:) Ihr werdet dann vielleicht beginnen, die Kluft zwischen eurem verallgemeinerten Ideal und den zahlreichen konkreten Beispielen menschlicher Profitgier und Korruption, die euch allenthalben in die Augen springen, übertrieben zu sehen. Und vielleicht beginnt ihr dann auch, euch auf eure eigenen Schwächen zu konzentrieren, und in eurem Gefühl wachsender Unzufriedenheit mag es euch so vorkommen, als ob die meisten Menschen von etwas getrieben wären, das auf ein völliges Fehlen jeglicher guten Absicht schließen läßt.

Ihr werdet vielleicht entrüstet, empört oder, schlimmer noch, von Selbstgerechtigkeit erfüllt sein, so daß ihr alle diejenigen anzugreifen beginnt, mit denen ihr nicht übereinstimmt, (sehr nachdrücklich) weil ihr nicht wißt, wie ihr euren Idealen oder eurer eigenen positiven Absicht sonst entsprechen könnt.

(22.15 Uhr.) Zu versuchen, die Welt zu verbessern, scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein, denn allem Anschein nach seid ihr machtlos, und all die nützlichen kleinen Privataktionen, die ihr unternehmen könnt, erscheinen im Kontrast zu eurem verallgemeinerten Ideal so winzig, daß ihr sie verächtlich von der Hand weist, und so versucht ihr erst gar nicht, eure Fähigkeiten konstruktiv einzusetzen. Ihr beginnt nicht bei euch selbst, eurem Leben, eurer Arbeit, euren Angehörigen. (Lauter:) Was zum Kuckuck macht das schon für einen Unterschied in der Welt, wenn ich eine bessere Verkäuferin oder Büroangestellte, ein besserer Rohrleger oder Autohändler bin? Was kann der einzelne Mensch schon tun?

Aber genau dort müßt ihr zuallererst anfangen, aktiv zu werden!

Dort an eurer Arbeitsstelle und im Kreis eurer Angehörigen und Freunde ist der Schnittpunkt, an dem ihr mit der Welt zusammentrefft. In diesen Beziehungen (eindringlich) üben eure Impulse unmittelbaren Einfluß auf die Welt aus. (Pause.)

Viele von euch sind davon überzeugt, daß ihr nicht wichtig seid und wenn ihr alle dieses Gefühl hegt, wird es euch so vorkommen, als ob eure Handlungen in der Welt nichts bewirkten. Ihr werdet eure Ideale absichtlich allgemein halten und euch so vor der Notwendigkeit drücken, diesen Idealen gemäß in der einen Weise zu handeln, die euch offensteht: indem ihr euch und euren Handlungsimpulsen vertraut und die Menschen, die euch im täglichen Leben begegnen, durch euren Eigenwert überzeugt und handelnd beeindruckt.

Die Untaten der meisten Kriminellen entspringen einem Gefühl der Verzweiflung. Viele von ihnen haben hohe Ideale, doch sind dies Ideale, denen sie nie vertraut, nach denen sie nie gehandelt haben. Sie fühlen sich ohnmächtig, und so lassen sie in selbstgerechter Weise ihre Wut und Rachsucht an einer Welt aus, die in ihren Augen nichts als zynisch, habsüchtig und verdorben ist. Sie haben ihre ganze Aufmerksamkeit auf die große Kluft fixiert, die zwischen einerseits ihren Idealvorstellungen vom Menschen und andererseits ihren Vorstellungen vom Menschen, wie er tatsächlich sei, zu klaffen scheint.

Einerseits glauben sie, daß das Selbst schlecht ist, und andererseits sind sie überzeugt, daß das Selbst nicht so sein sollte. Ihre Reaktion ist übertrieben. Die meisten sehen die Gesellschaft als »Feind« des Guten.

Bei vielen - natürlich nicht allen - Kriminellen könnt ihr dieselben Eigenschaften finden, die ihr den Helden zuschreibt, nur daß den Helden bestimmte Wege und Möglichkeiten offenstehen, ihrem Idealismus Ausdruck zu verleihen; Kriminelle finden solche Zugänge völlig abgeschnitten.

Ich will nicht etwa die Verbrecher romantisieren oder ihre Handlungen rechtfertigen. Ich möchte bloß darauf hinweisen, daß nur wenige Verbrechen »aus Lust am Bösen« begangen werden, daß es sich vielmehr um verzerrte Reaktionen auf die Unmöglichkeit handelt, tief empfundene Ideale zu verwirklichen.

So kehren wir zu der Frage zurück, was das Ideale, was das Gute seiner Natur nach sei. Wer bestimmt, was richtig und falsch, was recht und unrecht - was gut und böse ist?

Ende der Sitzung, und herzlich einen guten Abend.

(»Vielen Dank, Seth.«)

(22.32 Uhr. Janes Vortrag war, ungeachtet der vermerkten Pausen, oft rasch und leidenschaftlich gewesen. Gegen Ende der Sitzung hatte sie jedoch langsamer zu sprechen begonnen. »Es gibt da noch mehr, aber mir war so, daß ich’s nicht zu fassen kriegte«, sagte sie und meinte damit ihren sehr entspannten Zustand, den sie noch immer genoß. »Aber ich nehme dieses Material ganz allgemein wahr, und dann greift Seth es an irgendeiner bestimmten Stelle auf. Ich glaube, die Sitzung heute abend war eine dieser konzentrierten, wo man in kurzer Zeit eine Menge mitkriegt...« Ich versicherte ihr, sie habe ihre Sache gut gemacht.) Sitzung 862, Montag, den 25. Juni 1979

(Am letzten Mittwoch kam es nicht zu der regulären Buchsitzung, da nach dem Abendessen unerwartet Besuch eintraf, der so lange blieb, daß Jane die Sitzung zu überspringen beschloß.

Heute abend gab Jane erneut einem Gedanken Ausdruck, den sie schon vor einer Woche zu Beginn der 861sten, nicht für das Buch bestimmten Sitzung geäußert hatte: sie glaubt, Seth sei dabei, »

Individuum und Massenschicksal« zum Abschluß zu bringen. »Zwar noch nicht in den nächsten zwei Sitzungen, aber er steuert darauf zu. Was er über die negativen Glaubensüberzeugungen, die wir als Individuen hegen und die die Mehrheit unserer Gesellschaft teilt, zu sagen hat oder sagen mag, das hat er gesagt, und er möchte mit seinem nächsten Buch anfangen, in dem es darum gehen wird, wie wir in positiver Weise den Ausweg aus unseren Schwierigkeiten finden und eine bessere Welt schaffen können... Du weißt schon - dieses Material über Werterfüllung, von dem ich dir erzählt habe. Ich habe heute sogar schon mit Buchtiteln herumjongliert, obwohl ich weiß, daß ich das nicht tun sollte.«*

Jane wollte die Sitzung früher als üblich beginnen. Doch haben wir einen ganzen Teil davon ausgelassen, da Seth noch andere Themen erörterte, bevor er um 21.09 Uhr mit Material für dieses Buch durchkam.)

Nur kurz: Diktat.

Der Rechtsprechung eures Landes zufolge ist jeder Mensch unschuldig, solange er nicht einer Schuld überführt wurde. Im Sinne solcher Gesetzgebung ist also jeder von euch unschuldig, bis ihm ein

* Gerade bevor Jane letzte Woche die 861ste Sitzung abhielt, kam seitens Seth einiges die Neugier reizende Material im Zusammenhang mit der Idee durch, daß der Analytiker bei jeder Psychotherapie die hinter den emotionalen Verstrickungen verborgenen guten Absichten und Impulse herausarbeiten sollte. Sie machte sich ein paar Notizen dazu. Es handelte sich, wie sie sagte, um sehr vielversprechendes Material, das dazu beitragen könnte, die landläufigen Methoden der Therapie zu verändern. So wie die Dinge stehen, könnte es sich dabei um ein Buch handeln - Seths nächstes - über »die Therapie der Werterfüllung«. Jane war ganz begeistert von den neuen Ideen, mit denen sie sich selbst konfrontiert hatte.

In der 861sten Sitzung dann - die, wie schon vermerkt, nicht für »

Individuum und Massenschicksal - bestimmt war - streifte Seth kurz das Material über Ideen und Impulse, das er in den vergangenen Buchsitzungen gebracht hatte, was ihn wiederum dazu führte, sich zu den Notizen zu äußern, die Jane gerade geschrieben hatte. Es klang wirklich so, als habe er sich für ein nächstes Buch entschieden: »Die Therapie der Werterfüllung wird darauf abzielen, den Menschen in Berührung mit seinen grundlegenden Instinkten zu bringen und ihm das Gespür für die impulsiven Antriebe seines Lebens zu vermitteln. Das wird ihm ermöglichen, seine eigene Version des Ideals zu entdecken, indem er es als seinen eigenen Impulsen, Gefühlen und Fähigkeiten innewohnend erkennt, und ihm dabei helfen, annehmbare und praktische Methoden zu finden, um seine natürliche Tatkraft zur praktischen Verwirklichung dieses Ideals einzusetzen.«

Verbrechen nachgewiesen wird. Der Nachweis muß durch Zeugen, durch glaubhaft gemachte Tatumstände und ein glaubwürdiges Motiv erbracht werden.

Aus der Sicht eurer Religion jedoch seid ihr von Geburt an von der Erbsünde gezeichnet: ihr tragt das »Kainszeichen« symbolisch auf der Stirn. Ihr seid Abkömmlinge einer Gattung, die sich gegen Gott versündigte. Von Anfang an verurteilt, müßt ihr euch taufen lassen, gute Werke tun und an Christus glauben oder was der Vorschriften mehr sind, um errettet oder erlöst zu werden.

Anderen Religionen zufolge seid ihr »erdgebunden« infolge der »

niedrigen Begierden« eurer Natur, »ans Rad des Lebens gefesselt« und zu endlosen Wiedergeburten verdammt, bis ihr »geläutert« seid. Und wie euch eure Wissenschaften weismachen wollen, seid ihr ein lebendes Konglomerat handfester Stoffe und Chemikalien, hervorgebracht von einem planlosen Universum, das die eigene Existenz lediglich dem Zufall verdankt, und mit einem Leben geschlagen, das dadurch gekennzeichnet ist, daß all die »primitiven und animalischen Triebe« eurer entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit in eurem Innern ständig auf der Lauer liegen, um sich in unbewachten Momenten Ausdruck zu verschaffen und eure Kontrolle zu unterlaufen.

Also ihr, die ihr das lest, betrachtet die Gesetzgebung und Rechtsprechung eures Landes hinfort mit etwas freundlicheren Augen als bisher! Sie schaffen zumindest die legale Grundlage für den Glauben an eure Unschuld, und unbeschadet all ihrer Mängel schützen sie euch vor den fanatischen Aspekten dogmatischer Gesetze jeglicher Religion.

Religiösen Gesetzen zufolge geht es, ob nun ein Verbrechen begangen wurde oder nicht, um Sünde, um Erbsünde (Pause), und eure religiösen Glaubensüberzeugungen setzen als selbstverständlich voraus, daß das Individuum schuldig ist, solange nicht das Gegenteil bewiesen wurde.

Und wenn ihr tatsächlich kein Verbrechen begangen habt, dann habt ihr zumindest in eurem Herzen gesündigt - wofür ihr natürlich ebenfalls bestraft werden müßt! Alles kann Sünde sein, sei es nun ein Kartenspiel oder eine Übertreibung sexueller Phantasie. Seid ihr sündhafte Kreaturen? Glauben nicht viele von euch daran?

(Lebhaft:) Ihr wurdet geboren mit einem inneren Wissen um euer natürliches Gutsein. Ihr wurdet geboren mit einem inneren Wissen um euer rechtmäßiges Dasein im Universum. Ihr wurdet geboren mit dem Wunsch, eure Begabungen zu entfalten und euch aktiv handelnd in der Welt zu bewegen. Diese Tatsachen bilden die Grundlage dessen, was ich als das Naturgesetz bezeichnen möchte.

Ihr kamt auf die Welt als Wesen voller Liebe und Mitgefühl. Ihr kamt auf die Welt voller Neugier auf euch selbst und eure Welt. Ihr kamt auf die Welt mit dem Wissen, daß euch ein einzigartiges, tiefinneres Gewahrsein eures Selbst innewohnt, das ungeteilt es selbst ist und das seiner eigenen Erfüllung und der Erfüllung anderer Menschen entgegenstrebt. Ihr kamt auf die Welt als die Verwirklichung des Idealen Suchende. Ihr kamt auf die Welt mit dem Bestreben, zur Lebensqualität beizutragen, indem ihr die euch zuteil gewordenen Anlagen, Fähigkeiten und Begabungen ins Leben einbringt. Diese könnt allein ihr der Welt geben, und so erreicht ihr ein nur euch mögliches Selbstsein und tragt damit zur Werterfüllung auch der Welt bei.

(21.29 Uhr.) All diese Qualitäten und Eigentümlichkeiten sind euch aufgrund des Naturgesetzes gegeben. Als Art seid ihr auf Zusammenarbeit und liebevolles Miteinander angelegt. Eure Mißverständnisse, eure Schandtaten und eure Verbrechen werden, so real sie auch sind, kaum je aus der Absicht begangen, Böses einfach um des Bösen willen zu tun; vielmehr erfolgen sie aus der schwerwiegenden Verkennung der Natur des Guten und der Mittel zu seiner Verwirklichung. In ihrem tiefsten Herzen wissen die meisten Menschen darum. Eure Gesellschaften jedoch, eure Regierungen und Erziehungssysteme haben ihre Grundlagen allemal in einem festen Glauben an die durch nichts zu ändernde Unverläßlichkeit der menschlichen Natur. »Die menschliche Natur ist unverbesserlich!« Eine solche Feststellung setzt als selbstverständlich voraus, daß der Mensch von Natur aus böse, habgierig, ein Raubtier und ein geborener Mörder ist.

Ihr handelt in Übereinstimmung mit euren Glaubensüberzeugungen. Ihr werdet zu dem Selbst, für das ihr euch haltet. Eure zu Glaubenssätzen erhärteten individuellen Überzeugungen werden zu den Glaubenssätzen der Gesellschaft, aber das ist ein ständiges Geben und Nehmen.

Wir werden demnächst die Gestaltung einer schöneren Massenwirklichkeit zu erörtern beginnen - einer Wirklichkeit, die erfahren werden kann, wenn mehr und mehr Individuen im Einklang mit der wahren Natur des Selbst leben. Dann wird es nicht mehr so viele angsterfüllte Menschen und weniger Fanatiker geben, und jeder Mensch, der sich im Einklang mit seinem Selbst befindet, wird zu sehen beginnen, wie er das »Ideal« seiner praktischen Verwirklichung zuführt. Der Zweck rechtfertigt nie und nimmer die Mittel.

Ende der Sitzung. Einen schönen guten Abend - und Ruburt (Jane) meinen Beifall!

(»Er macht seine Sache gut!«)

Genau das meine ich.

(»Schön. Danke.«)

(21.40 Uhr. Jane sagte, Seth habe in seinem Diktat von heute abend einen Teil der Informationen abgehandelt, die sie vor der dann ausgefallenen Sitzung von Mittwoch abend nonverbal von ihm aufgefangen und über die sie dann geschrieben hatte. »Aber da gibt es noch mehr, worauf er noch nicht eingegangen ist.«) Sitzung 863, Mittwoch, den 27. Juni 1979

(Jane erhält fünfunddreißig bis fünfzig Briefe pro Woche. Der Posteingang in unserem Hügelhaus ist, wie wir immer wieder feststellen können, erstaunlich gleichmäßig das Jahr hindurch: Wir erhalten zum Beispiel nie in der einen Woche hundert Briefe und in der nächsten keinen oder in einer Woche siebzig und in der nächsten nur zehn Briefe.

In bemerkenswerter Weise verteilen unsere »Korrespondenten« ihre Mitteilungen so, daß wir stets etwa gleichviel Post erhalten, und so haben wir Zeit genug, jeden Brief zu lesen. Und jeden Samstag und Sonntag schreibt Jane ihre Antworten, so kurz sie auch oft sein mögen, so daß wir am Montag morgen, wenn ich dem Briefträger den Stapel Briefe hinauslege, für die Eingänge der nächsten Woche vorbereitet sind.

Natürlich erfordern nicht alle Briefe eine Antwort, aber wir haben einmal ausgerechnet, daß Jane ungefähr zweitausend Briefe im Jahr beantwortet. Und diese Zahl nimmt in dem Maße zu, wie ihre Werke weiteren Kreisen bekannt werden.)

(Um 21.10 Uhr, wieder einmal im Flüsterton:) Guten Abend.

(»Guten Abend, Seth.«)

Diktat: Wenn ich von Naturgesetzen spreche, dann beziehe ich mich nicht auf die Naturgesetze eurer Wissenschaftler, wie beispielsweise das Gesetz der Schwerkraft - das überhaupt kein Gesetz ist, vielmehr das Sichtbarwerden des Wahrnehmungsmechanismus auf einem bestimmten Bewußtseinsniveau. In dieser Hinsicht ist zu sagen, daß eure »

voreingenommene Wahrnehmung« sogar in eure Instrumente eingebaut ist. (Pause.)

Ich spreche von den inneren Naturgesetzen, die der Existenz zugrunde liegen. Was ihr Natur nennt, erfließt natürlich eurer speziellen Wirklichkeitserfahrung; doch sind außerhalb dieses Kontexts auch noch andere Arten des Sichtbarwerdens »natürlich«. Die Naturgesetze, die ich zu erklären im Begriff bin, liegen allen Wirklichkeiten zugrunde und schaffen die Grundlage für mannigfaltige Arten von »Natur«. Doch werde ich versuchen, diese in eure Begriffe zu übersetzen.

(Nach langer Pause:) Jedes Wesen erfährt das Leben so, als befinde es sich im Mittelpunkt des Lebens. Das gilt für die Spinne in der Besenkammer ebenso wie für jeden Mann und jede Frau. Dieses Prinzip gilt auch für jedes einzelne Atom. Das Bewußtsein in all seinen Manifestationen tritt ins Dasein, indem es sich im Mittelpunkt des Lebens geborgen fühlt - indem es das Leben durch sich selbst erfährt, indem es durch seine eigene Natur das Leben gewahrt. Es tritt ins Dasein mit einem inneren Drang zur Werterfüllung. Es ist ausgestattet mit einem Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit in seiner Umwelt, zu der es sich in angemessener Weise verhält. Ihm ist der Drang zu Wachstum und Handeln eingegeben, und es ist von dem Wunsch beseelt, sich seiner Welt einzuprägen.

(21.21 Uhr.) Es ist schwierig, den Begriff »Werterfüllung« zu erklären, aber er ist von großer Bedeutung. Offensichtlich hat er mit der Entwicklung von Werten zu tun - nicht mit moralischen Werten, sondern mit Werten, für die euch wirklich die angemessenen Worte fehlen. Bei diesen Werten geht es schlechthin um die Steigerung der Lebensqualität, die das Wesen in seinem Innersten wahrnimmt. Die Qualität eines Lebens soll beispielsweise nicht einfach erlebt und weitergegeben werden, vielmehr soll in schöpferischer Weise zu ihr beigetragen werden, soll sie vervielfacht werden auf eine Weise, die mit Quantität nichts zu tun hat.

In diesem Sinne haben Tiere ein Gespür für Werte, und wenn ihre Lebensqualität so absinkt, daß das Leben unerträglich und nicht mehr lebenswert ist, geht die Gattung ein. Ich spreche nicht vom Überleben des Stärkeren, sondern (eindringlich) von der Fortdauer sinnerfüllten Lebens.

Das Leben ist Sinn für die Tierwelt. Eines ist vom anderen nicht zu trennen. (Pause.)

So will es zum Beispiel recht wenig besagen, wenn ihr feststellt, daß Spinnen instinktiv Netze weben, weil Spinnen Insekten fressen müssen, und daß die beste Netzweberin die überlebensfähigste Spinnenart sein wird. (Lange Pause, dann humorvoll:) Es ist gar nicht so einfach für mich, dem klebrigen Gespinst eurer Glaubensüberzeugungen zu entkommen. Jedenfalls stellt das Netz der Spinne auf seine Weise ein verwirklichtes und - wenn ihr mir den Ausdruck verzeiht - auch ein künstlerisches Ideal der Spinne dar. (Lauter:) Es setzt die Spinnen in Erstaunen, daß die Fliegen freundlicherweise in diese Netze einfallen.

Man könnte sagen, die Spinne wundere sich, daß Kunst so praktisch sein kann.

(Nach einer Pause um 21.30 Uhr:) Und was ist mit der armen, nichtsahnenden Fliege? Ist sie denn so vernarrt in das Spinnennetz, daß sie alle Vorsicht vergißt? (Flüsternd und trocken:) Denn freilich sind Fliegen die Opfer solcher verderbenbringender Wundergespinste. Wir haben es hier wirklich mit klebrigem Zeug zu tun.

(Noch immer in Trance schenkte Jane sich etwas Wein ein.) Zunächst einmal handelt es sich hier um

Bewußtseinswirklichkeiten, die anders sind als die euren. Es sind in einem Brennpunkt gesammelte Bewußtseinsausprägungen, deren jede sich im Mittelpunkt des Lebens fühlt; gleichzeitig jedoch identifizieren sie sich auch mit dem Ursprung der Natur, aus dem sie hervorgehen.

Zwischen Fliege und Spinne waltet ein Zusammenhang, der sich jedem Erklärungsversuch entzieht, und beide sind dieses Zusammenhanges gewahr - nicht als Jäger und Beute, sondern als individuelle Teilnehmer an natürlichen Vorgängen, die einen tieferen Sinn haben. Beide sind Mitwirkende an einem gemeinschaftlichen Plan der Werterfüllung, in welchem beide Erfüllung finden. (Pause.)

Es gibt eine Bewußtseinskommunikation, die eure Wahrnehmung entgeht. Und während ihr an Theorien wie derjenigen vom Überleben des Stärkeren und an der großen Phantasmagorie der Evolution hängt, stellt ihr die Inhalte eurer selektiv eingeschränkten Wahrnehmung der Welt in einer Weise zusammen, die solche Theorien zu bestätigen scheint. So werdet ihr beispielsweise dem im Labor hingeopferten Leben einer Maus keinen Wert beimessen, und auf die Natur werdet ihr mit Klauen und Zähnen ausgefochtene Kämpfe projizieren; was ihr dabei jedoch vollständig überseht, ist das großartige Zusammenspiel aller Beteiligten an dem gemeinsamen Lebensabenteuer, um das es in Wirklichkeit geht.

(Pause.)

Menschen, die glauben, das Leben habe keinen Sinn, können leicht dem Wahnsinn verfallen. Die etablierten Religionen haben gewaltige Fehler. begangen, doch stellten sie wenigstens ein Leben nach dem Tode in Aussicht; sie boten ein Heilsversprechen und bewahrten - zuweilen ungewollt - die Überlieferung vom Heroismus der Seele. Die Wissenschaften einschließlich der Psychologie sind sowohl durch ihre Aussagen wie auch durch das, was sie zu sagen unterlassen haben, der Feststellung nahegekommen, daß das Leben keinen Sinn hat. Das steht in krassem Widerspruch zu dem jedem Lebewesen innewohnenden biologischen Wissen, von spiritueller Wahrheit ganz zu schweigen.

Solche Lehre leugnet die Bedeutung der biologischen Integrität. Sie verwehrt dem Menschen die Wahrnehmung gerade der Lebenselemente, deren er als biologisches Geschöpf dringend bedarf - des Gefühls nämlich, daß er im Mittelpunkt des Lebens steht, daß seine Umwelt ihm einen sicheren Raum zum Handeln bietet, daß er Vertrauen zu sich selbst haben kann und daß seinem Dasein und Handeln ein Sinn zugrunde liegt.

(21.44 Uhr.) Impulse sind Anweisungen zum Handeln, die euch das Leben erteilt. Wenn man euch beibringt, euren Impulsen zu mißtrauen, dann stellt man euch in Gegensatz zu eurer eigenen physischen Integrität.

Wenn ihr glaubt, daß euer Leben sinnlos ist, dann werdet ihr nichts unversucht lassen, um ihm Sinn zu geben. Euer Verhalten gleicht dann dem einer Maus in einem Laboratorium der Wissenschaftler; euer grundlegender Lebenselan hat Schaden genommen.

(Nach einer Pause sehr energisch:) Ich bemühe mich bei meinen Feststellungen um Mäßigung, aber ich muß sagen: Eure Psychologie der letzten fünfzig Jahre hat viele Geistesstörungen mitverursacht, indem sie versuchte, den großartigen individuellen Wurf, der in jedem Menschen angelegt ist, auf ein Konglomerat generalisierter chaotischer Impulse und grobstofflicher Chemikalien zu reduzieren - in einem Mischmasch falsch angewandter Freudscher und Darwinscher Denkansätze.

Seelenqualen allerpersönlichster Art wurden auf mehr oder minder unpersönlich-allgemeine Ursachen, die in der »unbewußten«

Triebstruktur des Menschen zu suchen sind, zurückgeführt. Akte unbezwinglichen, eigenschöpferischen Ausdrucks wurden als Zeichen eines unausgeglichenen Hormonhaushalts gedeutet - als ein Zug ins Perverse. Ein Genie hat seine Existenz einer Chromosomenaberration oder seinem Vaterhaß zu verdanken. Sinn und Bedeutung des Lebens wurden auf die Zufallsnatur der Gene reduziert. Die Wissenschaftler dachten nach Kriterien des Durchschnitts und ihrer Statistik, und jeder Mensch hatte in die so etablierten Kategorien zu passen.

In einem gewissen Grade haben zu diesen Pervertierungen auch die Kirchen beigetragen: sie wünschten sich zwar jede Menge Sünder, aber vor Heiligen schreckten sie zurück wie vor jedem extravaganten Verhalten, das nicht vom Zwiespalt und von der Sündhaftigkeit des Menschen zeugte.

Zwangsläufig gab es in den Tapetenwänden eurer Zivilisation Risse, und es kamen Menschen mit paranoiden und schizophrenen Zügen dahinter hervor. Die Eigentümlichkeiten der darunter Leidenden wurden gebührend zur Kenntnis genommen. Ein Mensch, der glaubt, daß das Leben keinen Sinn hat und daher sein eigenes Leben sinnlos ist, der will sich eher verfolgt als ignoriert wissen. Selbst die Last der Schuld ist besser zu ertragen, als überhaupt kein Gefühl zu haben. Wenn ein Paranoider fühlen kann, daß er von der Regierung und deren Handlangern oder überhaupt von »gottlosen Mächten« verfolgt wird, dann fühlt er wenigstens, daß sein Leben wichtig sein muß: warum sonst würden andere danach trachten, es zu vernichten? Wenn er Stimmen hört, die ihm seine Vernichtung androhen, dann sind diese Stimmen tröstlich, geben sie ihm doch das Gefühl, daß sein Leben einen Wert haben muß.

Gleichzeitig kann der Paranoide seine schöpferischen Fähigkeiten in Phantasien zum Ausdruck bringen, vor denen der Normale fassungslos steht - und diese kreativen Fähigkeiten haben einen Sinn, denn die Phantasien dienen dazu, den Paranoiden seines Eigenwertes zu versichern. Wenn er nach euren Begriffen geistig nicht gestört, sondern gesund wäre, dann hätte er keinen Spielraum für seine schöpferischen Fähigkeiten, die ja immer mit dem Lebenssinn verbunden sind, und im Normalzustand ist der Paranoide davon überzeugt, daß das Leben sinnlos ist. Wenig Gutes kam dabei heraus, wenn Psychoanalytiker den Assoziationen eines solchen Menschen zuhörten. (Pause.) Oft hat der als Paranoiker oder als Schizophrener etikettierte Mensch eine derartige Angst vor seiner eigenen Energie, seinen Impulsen und Gefühlen, daß diese von ihm fragmentiert, verdinglicht und als von außen statt von innen kommend gesehen werden.

Vorstellungen von Gut und Böse werden übertrieben und das eine vom anderen abgetrennt. Aber auch darin finden die schöpferischen Fähigkeiten noch eine Möglichkeit zum Ausdruck. Der Betreffende fühlt sich außerstande, sie anders auszudrücken. Solche Menschen haben Angst vor der Wucht ihrer eigenen Persönlichkeit. Ihnen wurde gelehrt, daß der kraftvolle Ausdruck von Energie etwas Ungehöriges und geistig-seelische Eigenmacht unheilvoll ist und daß aus dem Selbst kommende Impulse zu fürchten sind.

Was bleibt einem solchen Menschen dann noch übrig, als diese Impulse - zum Guten wie zum Üblen - nach außen zu projizieren und daher jeden Ausdruck selbständigen Handelns effektiv zu blockieren?

(Nach einer Pause um 22.07 Uhr:) Der Begriff der Schizophrenie wird zu einem alles abdeckenden Sammelbegriff, mit dem die sich Autorität anmaßende Instanz der Psychologie herrschender Lehrmeinung den individuellen Ausdruck persönlicher Sinnhaftigkeit auf eine verallgemeinerte Massenerscheinung reduziert. Die unter Wahnideen, insbesondere unter Verfolgungswahn, Leidenden sind Menschen, die leider unerschütterlich den schlimmsten Abirrungen von Wissenschaft und Religion Glauben schenken. Paranoiker und Schizophrene versuchen, Sinn in einer Welt zu finden, die ihnen als sinnlos dargestellt wurde, und in abgeschwächter Form zeigen sich ihre Tendenzen überall in der Gesellschaft.

Kreativität ist ein dem Menschen innewohnender Drang, der viel wichtiger ist als das, was die Wissenschaft als die Befriedigung der Grundbedürfnisse bezeichnet. In diesem Sinne ist Kreativität das tiefste Grundbedürfnis. Ich spreche hier nicht etwa von irgendeinem zwanghaften Bedürfnis, zum Beispiel Ordnung zu schaffen - was einer Verengung der geistig-seelischen oder der räumlich-materiellen Umwelt gleichkäme -, sondern von einem der Gattung eingeborenen machtvollen Trieb zu schöpferischem Tun und zur Erfüllung von Werten emotionaler und spiritueller Natur. (Lauter:) Und wenn der Mensch diese nicht findet, dann werden ihn die sogenannten Grundbedürfnisse, Nahrung, Obdach und sexuelle Befriedigung zu suchen, nicht am Leben erhalten.

Ich will damit nicht bloß sagen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Ich sage damit, daß der Mensch, der in seinem Leben keinen Sinn findet, nicht leben wird, ganz gleich ob er Brot findet oder nicht. Er wird weder die Energie zum Broterwerb aufbringen noch seinen Impulsen zum Broterwerb vertrauen.

Es gibt also Naturgesetze, denen alle Formen des Lebens und alle Wirklichkeiten unterworfen sind - Gesetze der Liebe und Zusammenarbeit -, und das sind die Grundbedürfnisse, von denen ich spreche.

(Flüsternd:) Ende der Sitzung.

(»Schön. Gute Nacht.«)

(22.17 Uhr. »Also das ist seltsam«, sagte Jane, als Seth sich zurückzog. »Es ist erst viertel nach zehn, aber ich fühle, daß das, was er uns gegeben hat, dem Inhalt nach weit über die abgelaufene kurze Zeit hinausreicht. Vor der Sitzung wußte ich, daß er auf Schizophrenie und so weiter eingehen würde, aber er ging über bloße Andeutungen hinaus...«

Tatsächlich war ihr Vortrag oft intensiv und für mein Schreibtempo ziemlich anspruchsvoll gewesen.)

Sitzung 866, Mittwoch, den 18. Juli 1979

(Seit vor drei Wochen die 863ste Sitzung abgehalten wurde, hat Jane nur zwei planmäßige Sitzungen - beide mit anderer als für dieses Buch geeigneter Thematik - und zwei persönliche Sitzungen abgehalten.

Seth zufolge ist die Sitzung von heute abend in den nach 21.52 Uhr erfolgten Äußerungen auch kein Buchdiktat; aber Jane und ich legen das Material hier vor, weil Seth darin auf Fragen zurückkommt, die ich früher in »Individuum und Massenschicksal« gestellt hatte: Welche Rolle spielen beispielsweise Pockenviren im menschlichen Leben? Wie ich in den einführenden Anmerkungen zur 840sten Sitzung schrieb: »Worin besteht die Beziehung zwischen dem Wirtsorganismus und der Krankheit?«

Meine Fragen waren durch einen Artikel hervorgerufen worden, den ich vor ein paar Tagen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift gelesen hatte; die Autoren erklärten darin, daß eine signifikante Anzahl von Frauen infolge Kontakts mit dem Sperma von Männern, die sich nicht einer Vasektomie unterzogen haben oder, anders gesagt, nicht sterilisiert sind, Brustkrebs entwickeln kann. Ich fand, wie ich Jane gegenüber bemerkte, den ganzen Sachverhalt und den Gedanken, daß männliche Vertreter unserer Gattung den weiblichen möglicherweise Krebs übertragen könnten, äußerst seltsam. Wir hatten übrigens schon früher von dieser Theorie gehört; jedenfalls müßte eine Übertragung von Krebs auf diesem Wege als eine der verhängnisvollsten Folgen betrachtet werden, die sich aus der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau ergeben könnten. Wir waren daher äußerst gespannt, wie Seth die ganze Sache erklären würde, und er gab uns tatsächlich ausgezeichnete Informationen dazu. »Den ironischen Möglichkeiten in unseren Glaubenssystemen sind keine Grenzen gesetzt«, sagte ich zu Jane. »Was, wenn die Forscher als nächstes herausfinden, daß die Partnerin, also die Frau, ihrerseits in irgendeiner bisher unvermuteten Weise ihrem Partner ein krebserzeugendes Virus übertragen kann?«

Es war an diesem Abend etwas kühler als sonst. Jane war ziemlich still, als wir auf Seth warteten. »All diese Fragen«, sagte sie, als ich sie auf ihr Schweigen hin ansprach, »all diese Dinge, die ich beantworten soll... ich glaube, ich bin ins Brüten gekommen, weil ich in die Falle gegangen bin, von der Seth spricht: zu denken, daß ich die Welt retten muß...«

Daraufhin mußten wir beide lachen. Wir kamen überein, daß es da gar nichts zu retten gibt. Die Welt muß nicht gerettet werden. Sie ist durchaus imstande zu überleben, auch wenn sie eine so ungebärdige Spezies wie den Menschen beherbergt. Schließlich, so sagte ich, stelle der Mensch nur eine einzelne Gattung dar, die ihr Sein der lebendigen Erde im Zusammenspiel mit fast unzähligen anderen Gattungen erschafft, und jede Gattung tue von ihrem Gesichtspunkt aus dasselbe. Nicht einmal durch seine destruktiven Verhaltensweisen, erklärte ich, könne der Mensch diese gemeinsame Wirklichkeit in größerem Ausmaß verletzen, ungeachtet solcher potentiellen Fiaskos wie dem von Three Mile Island oder selbst eines Atomkriegs. Insbesondere erinnerte ich Jane an Seths in der 865sten, nicht für das Buch bestimmten Sitzung vom Montag letzter Woche getroffenen Feststellung:

»Glücklicherweise ist die Macht konstruktiven Denkens und Handelns tatsächlich maßgebend in der Natur und in eurer Welt.

Andernfalls würdet ihr nicht existieren. Die gemeinschaftlichen Projekte und die kooperativen Unternehmungen biologischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, künstlerischer und spiritueller Natur, die sich kreuz und quer durch diesen Landkreis von Elmira ziehen, sind einfach phantastisch. Diese Zusammenarbeit vollzieht sich weitgehend unbemerkt, doch hat sie ihre sichere Grundlage in der Stabilität, die ein Kennzeichen allen Lebens ist. Punkt.«)

(21.04 Uhr.) Diktat. (Pause.)

Jede Gattung ist mit Gefühlen und Empfindungen ausgestattet, die in ein inneres System der Werterfüllung eingebettet sind. Jede Gattung ist demnach nicht nur an ihrem körperlichen Überleben und der Vermehrung ihrer Einzelexemplare interessiert, sondern auch an der Vertiefung und Entfaltung derjenigen besonderen Anlagen und Eigentümlichkeiten, die für sie kennzeichnend sind.

Was nun diese Erörterung betrifft, so ist zu sagen: Es gibt biologische Ideale, die den Chromosomen eingeprägt sind, aber es gibt auch Ideale, die viel schwieriger zu definieren sind und die gewissermaßen als geistig-seelische Blaupausen für die Entwicklung noch ganz anderer Veranlagungen vorhanden sind. Ich verwende hier das Wort geistig-seelisch in dem wörtlich zu nehmenden Sinn, daß alle Gattungen auch ihre eigenen geistig-seelischen Komponenten haben, im Unterschied zu den euch wohlbekannten physischen Eigentümlichkeiten der Tiere und Pflanzen. Eure herrschenden Meinungen machen euch blind für jeglichen Hinweis auf das tatsächliche Zusammenwirken, das zwischen allen Gattungen besteht. Ich spreche auch nicht von einem zwangsweisen Miteinander - als Resultat eines »Instinkts«, der irgendwie die sozialen Gewohnheiten der Tiere steuert -, denn ihre Gewohnheiten sind sozial und kooperativ.

Ruburt war kürzlich entsetzt zu lesen, daß orthodoxe Wissenschaftler dem Menschen noch immer den freien Willen absprechen. Ihren Anschauungen zufolge ist jegliches Gefühl bewußter Entscheidung in Wirklichkeit die Widerspiegelung der jeweiligen Einstellung des Gehirns. Ich jedoch sage, daß der Mensch im Rahmen seiner Existenz Willensfreiheit hat, (in Sperrschrift) wie auch alle anderen Gattungen Willensfreiheit haben im Rahmen ihrer Existenz.

Das Huhn kann kein Buch lesen. Es kann zu lesen nicht beschließen. Die Pflanze kann nicht beschließen, die Straße hinabzuschlendern. Doch können das Huhn und die Pflanze zu leben oder zu sterben beschließen - ziemlich bedeutende Entscheidungen für jedes Lebewesen. Sie können sich dafür entscheiden, ihre Umwelt zu mögen oder nicht zu mögen und sie ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend zu verändern. Es ist in Mode zu sagen, daß sich diese und jene wissenschaftlichen Gesetze auf der mikroskopischen Ebene beweisen lassen, indem man beispielsweise einzelne Partikel weit über den Normalzustand hinaus beschleunigt. Aber ihr ignoriert absichtlich, daß es auch auf der mikroskopischen Ebene Gefühle gibt, und schon gar nicht kommt ihr natürlich zu dem Schluß, daß alle Partikel psychische Partikel mit ihrem ihnen eigenen Streben nach Weiterentwicklung und Werterfüllung sind. Deshalb gehen die Atome Verbindungen miteinander ein, um Materie zu bilden. Sie suchen die Erfüllung ihrer selbst durch Form. Gemeinschaftlich wählen sie die Formen, die sie annehmen werden.

(21.23 Uhr.) Wenn schon der einfachste Partikel mit solchem Streben begabt ist und Ideale in sich birgt, die nach Erfüllung suchen, wie sollte es dann um den Menschen anders bestellt sein? Ihr seid darauf angelegt, Sinn, Gemeinsamkeit und Liebe zu suchen. Ihr seid darauf angelegt, brillante geistig-seelische und materielle Schöpfungen in Form eurer Künste und Wissenschaften, Religionen und Zivilisationen hervorzubringen. Und selbst die Fehler und groben Entstellungen, die euch dabei unterlaufen sind, selbst sie sind durch euer Bedürfnis entstanden, in eurer persönlichen Existenz und im Leben selbst Sinn zu finden.

Wenn ein Wissenschaftler glaubt, daß das Leben keinen Sinn habe, dann hat er sich einfach mit einer Ideologie gewappnet, die ihm einen zuverlässigen Schutz gegen die Wechselfälle des Lebens zu bieten scheint. Wenn er sagt, das Leben habe keinen Sinn, dann kann er gegebenenfalls nicht enttäuscht werden, denn (sehr eindringlich) er hat sich häuslich eingerichtet in einem selbstgesponnenen Kokon, der freilich einen Sinn hat, da er ihn vor seinen tiefsten Ängsten absichert.

Eine Zivilisation, die der Kreativität keinen Spielraum gibt, gefährdet ihren eigenen Bestand. Eine Nation, die begabten Menschen mit Mißtrauen begegnet, statt sie zu fördern, befindet sich, gelinde gesagt, in Schwierigkeiten. Eure Psychologen, die den Akzent auf die »

Norm« legen, bringen die Menschen dazu, sich vor ihren individuellen Besonderheiten und Begabungen zu fürchten, weil die Norm der Psychologie schon bloß mit den Konturen der Psyche auch nicht eines einzigen Menschen übereinstimmt. Sie reicht weder an die Höhen noch an die Tiefen menschlicher Erfahrung. Und so bekommen die Menschen Angst vor ihrer eigenen Identität.

Ruburt las heute einen Artikel über begabte Kinder, ihren Hintergrund und ihre Entwicklung. Begabte Kinder passen nicht in das Bild der Psychologie. Begabte Kinder passen nicht in das Bild vom Kind, wie es den Eltern verkauft wird. In Wirklichkeit kommt bei begabten Kindern all die Aufmerksamkeit, geistige Regsamkeit, Wißbegier und Lernfähigkeit zum Vorschein, die aus mancherlei Gründen bei der Mehrheit der Menschen latent bleiben, jedoch der Gattung eingeboren sind. Die Begabten sind keineswegs exzentrische, die Norm sprengende Versionen des Menschen, vielmehr liefern sie einen Hinweis auf seine wahren Fähigkeiten. (Pause.)

Eure Gehirne sind nicht leer, sondern gut »geölte Maschinen«, bereit, bei eurer Geburt in wirbelnde Aktivität zu treten. Sie sind ausgestattet mit der Neigung zu lernen, und (eindringlich) die Rudimente des Wissens, wie ihr es versteht, sind dem Gehirn eingegeben. In diesem Sinne denkt auch das Gehirn schon vor der Geburt. Es reagiert nicht bloß.

Jedes Individuum hat seine eigenen einzigartigen Fähigkeiten. Für manche dieser Fähigkeiten, die sich auf den Umgang mit anderen beziehen, habt ihr nicht einmal Bezeichnungen. Eltern nun neigen leicht dazu, ihre Kinder zu mißbilligen, wenn sie ungewöhnliche Begabungen zeigen. Sie fürchten, daß ihre Kinder nicht mit den anderen auskommen werden. Sie sind beunruhigt, weil ihre Kinder nicht der Norm entsprechen - aber kein Kind entspricht je der »Norm«.

Viele Erwachsene, die ihre eigenen Begabungen auf dem einen oder anderen Gebiet spüren, spielen diese Fähigkeiten herunter, weil sie Angst davor haben, sich von »der Masse« abzuheben, oder weil sie fürchten, sich der Kritik ihrer Mitmenschen auszusetzen. Religion und Wissenschaft haben ihnen gleichermaßen eingeschärft, daß es besser sei, alles Hervorragende zu vermeiden. Doch jeder lebende Mensch birgt in sich ein Merkmal von Größe und, mehr noch, das Verlangen, seine inneren Begabungen optimal zur Reife zu bringen.

Ich spreche nicht von Größe im Sinne von Berühmtheit oder, wie üblich, nur im Hinblick auf künstlerische oder intellektuelle Fähigkeiten, sondern auch im Hinblick auf Menschen mit großem Gefühlsreichtum.

Auch spreche ich von noch anderen natürlichen Fähigkeiten wie der Traumkommunikation, dem bewußten Einsatz von Träumen und der Kreativität im Alltagsleben. Es gibt Dimensionen menschlichen Gefühlslebens und psychischer Erfahrung, die euch verborgen bleiben, einfach weil ihr den Radius eurer Aufmerksamkeit so sehr auf die Idee der »Norm« einengt. So muß (leise) jede Erfahrung, die sich nicht in das offiziell gebilligte Schema einfügt, als bizarr, exzentrisch und irrelevant erscheinen und von euren Wissenschaften ignoriert werden.

Viele Kinder, die bei ihren Lehrern als zurückgeblieben gelten, sind in Wirklichkeit hochbegabt. Das gleiche gilt für aufsässige Kinder, die überaktiv sind und auf medikamentöse Behandlung gesetzt werden. Ihre Rebellion ist ganz natürlich. Bei autistischen, also krankhaft selbstbezogenen und daher kontaktunfähigen Kindern handelt es sich in vielen Fällen um Menschen, deren sich schon früh die Idee bemächtigt hat, die Welt sei so voll von Unsicherheit, daß man besser gar nicht erst mit ihr kommuniziert, solange die eigenen Bedürfnisse erfüllt werden.

Wenn das Kind ernährt, gekleidet und versorgt ist, dann behält es sein Verhalten bei, und das Verhalten selbst dient seinen Bedürfnissen.

(Nach einer Pause um 21.46 Uhr:) Das Kind fühlt, daß es gefährlich ist, sich auf die Welt einzulassen. Nun wird zwar niemand einem Kind die Nahrung vorenthalten, doch kann es nützlich sein, wenn das Kind um Nahrung, vielleicht in Form besonderer Leckerbissen, bitten oder irgendwie zeigen muß, daß es eine Entscheidung getroffen hat.

Autistische Kinder haben Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Oft wurde das, zumindest teilweise, von den Eltern übernommen, so daß das Kind deren eigene uneingestandenen Ängste zum Ausdruck bringt.

Dessenungeachtet kann das autistische Kind hochintelligent sein.

Man könnte sagen, ein solches Kind versinnbildlicht das, was geschieht, wenn ein Individuum sich für wertlos hält, wenn es den eigenen Impulsen nicht vertraut, wenn es verschiedene Möglichkeiten der Wahl eher als Probleme denn als Vorteile auffaßt und es für sicherer hält, seine Begabungen zu verleugnen, anstatt sie zu nutzen. Leben ist Ausdruck.

Ende des Diktats.

(21.52 Uhr.) Ich werde euch eine Antwort geben (auf meine Frage über die Beziehung zwischen Wirtsorganismus und Krankheit). Ihr gestaltet selbst eure Wirklichkeit. Das (humorvoll) sollte für euch die vollständige Antwort sein, ist es aber offensichtlich nicht.

Erstens einmal, falls krebsträchtiges Sperma in die Gebärmutter einer Frau gelangen würde und sie nicht die Absicht hätte, die Krankheit zu bekommen, würde ihre körpereigene Immunabwehr den Krebs völlig unschädlich machen. Zweitens jedoch - ich beziehe mich hier auf den erwähnten Artikel - kommt das sowieso nicht vor. Ich weiß nicht so recht, wie ich mich ausdrücken soll (Pause); doch will ich, so gut ich kann, eine Erklärung versuchen, obwohl diese in mancher Hinsicht den Erkenntnissen der Wissenschaft zu widersprechen scheint.

Auch wenn Wissenschaftler »Krebszellen« finden und auch wenn es den Anschein hat, daß Krebs durch ein Virus verursacht wird, so geht es doch in Wirklichkeit bei dieser Krankheit um eine Wechselbeziehung zwischen dem, was ihr etwa einen Wirtsorganismus und einen Parasiten nennen würdet, und in einem gewissen Maße gilt das für jede Krankheit, auch beispielsweise für die Pocken, obwohl die beiden Krankheiten völlig unterschiedliche Ursachen zu haben scheinen. Eine Wirtszelle wird nicht einfach angegriffen. Sie lädt zum Angriff ein, wobei mir freilich die Konnotationen, die mit dem Wort »Angriff« verbunden sind, überhaupt nicht gefallen. Ich versuche nur, zunächst die euch geläufigen Wörter zu verwenden.

Es ist nicht einfach so, daß eine Zelle plötzlich der Krankheit gegenüber »in ihrer Widerstandskraft erlahmt«. Ich will versuchen, das Ganze so einfach wie möglich zu erklären: Jede Zelle spiegelt einen psychischen Zustand wider. Eine Zelle existiert sowohl als eine selbständige Einheit für sich, wie auch im Verbund mit allen anderen Zellen im Körper. Es gibt unzählige Gemütsstimmungen, psychische Zustände, die sich in fortwährendem Austausch und Wandel befinden, wobei der übergreifende Gesamtzustand die biologische Integrität betrifft (Doppelpunkt): Der Organismus hält zusammen, er erhält seine Funktionen aufrecht und so weiter.

Euer Körper ist (leise und nachdrücklich) der physische Spiegel eures psychischen Befindens. Er wird durch die Energie des Universums aufgeladen. Er tritt von Augenblick zu Augenblick ins Dasein. Euer Geist-Seele-Gemüt und euer Körper verdanken sich ein und demselben Ursprung: universeller Energie. Ihr seid mit Vitalität geladen. Ihr müßt einen Sinn in eurem Leben erkennen. Wenn euch, aus welchem Grund auch immer, der Sinn eures Lebens abhanden kommt, dann spiegelt sich das in eurem Körper wider. (Pause.) Es ist sehr schwierig, all dies von den vielen Begleitvorstellungen zu trennen, die mit dem Begriff der Krankheit einhergehen, und (noch immer mit Nachdruck) ich möchte nicht, daß das Material mißverstanden wird. Krebs beispielsweise wurde in jüngster Zeit geradezu zum Symbol für die Anfälligkeit des Körpers -

ein Beweis für das Ausgeliefertsein des Menschen an den Körper. Doch ist Krebs eine Krankheit, die die Menschen haben, wenn sie sterben wollen - wenn sie sich schämen zuzugeben, daß sie sterben wollen, weil dieser Wunsch jeglicher Vernunft zu spotten scheint. Wie können Individuen zu sterben wünschen, wenn die Gattung ums Überleben kämpft?

Ich habe schon früher erwähnt, daß viele Menschen Krebs hatten und sich wieder erholten, ohne überhaupt etwas davon zu merken. Euren Glaubensüberzeugungen zufolge ist es jedoch geboten, unter bestimmten Umständen (wie den von Jane in der Fußnote Seite 72 f. beschriebenen) schon im Fall auch nur vager Befürchtungen, daß man Krebs haben könnte, einen Arzt zu konsultieren, denn es gibt viele unbegründete Befürchtungen, und nur die als unbegründet erkannte Befürchtung schenkt dem Betreffenden symbolisch wie auch körperlich neues Leben.

Was nun den erwähnten Artikel betrifft, so müßten sich die Körperzellen einer Frau bereits auf den Gast vorbereitet haben -

vorausgesetzt jetzt, der Parasit sei krebsträchtig und stamme aus dem Sperma des Mannes. Von Angriff könnte da nicht die Rede sein, wohl aber könnte, seitens der Frau, eine gewisse Aufnahmebereitschaft angenommen werden, die der Vorbereitung kommender Veränderungen förderlich ist.

(Nach einer Pause um 22.13 Uhr:) Es kommt zu einer Lebenskrise.

Der »Parasit« oder das Virus spielt seine Rolle beim Zustandekommen einer solchen psychisch angesteuerten Verfassung. Es ist eine emotional geladene Verfassung, eine sich zuspitzende Krisensituation. Ich bin mir der quälenden Fragen bewußt, die durch solche Vorgänge aufgeworfen werden, wie auch der Kluft, die zwischen meinen Erklärungen und den täglichen Erfahrungen so vieler Menschen zu bestehen scheint. Tatsache ist jedoch, daß der Tod, wenn er kommt, gewollt ist; er wurde gewählt.

Tatsache ist, daß der Tod auf seine Weise der Kulminationspunkt eines Lebens ist und zu einem neuen Leben und einer neuen Erfahrung führt. Die Zellen wissen dies. Das Herz auch. Die Menschen können nicht zugeben, daß sie zu einem gegebenen Zeitpunkt sterben wollen. Könnten sie die Tatsache ihres eigenen Sterbewunsches akzeptieren, so könnten einige von ihnen sogar ihre Entscheidung rückgängig machen. Und viele tun das auch: Die psychische Verfassung bessert sich, und die Körperzellen sind nicht mehr für den Krebs anfällig.

Frauen, deren Männer sich sterilisieren ließen, erleben oft eine Befreiung von sexuellen Problemen, unter denen sie selber sehr gelitten hatten. Die Angst in diesem Bereich hat sich verringert. (Lange Pause.) Gebärmutterhalskrebs kann - wohlgemerkt, er kann - durch die von einer Frau aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen vorweggenommenen Deformationen ausgelöst werden, wodurch es dann zu Deformationen der Wachstumsprozesse selbst kommen kann. In gewisser Weise spiegelt sich in den großen körperlichen Schmerzen, die durch den Krebs - durch manche Arten von Krebs - verursacht werden, die Glaubensüberzeugung der Kranken wider, daß das Leben nichts als Schmerz und Qual sei.

Zugleich gemahnt der Schmerz an Gefühl und Empfindung. (Pause.) Das ist alles für heute abend. Euch beiden herzlichst einen guten Abend.

(»Herzlichen Dank. Gute Nacht.«)

(Die Sitzung fand ihr Ende um 22.23 Uhr.)

Sitzung 867, Montag, den 23. Juli 1979

(Der Abend war sehr feucht, doch kühl nach einem Gewitter am späten Nachmittag. Jane empfand die feuchte Luft, als wir um 20.15 Uhr für die Sitzung Platz nahmen. Sie hatte keine Fragen an Seth; vielmehr erwartete sie, daß er sein Material vom letzten Mittwoch abend in Beantwortung meiner Frage über die Beziehung zwischen Wirtsorganismus und Krankheit fortführen werde. Nach dem Abendessen war ihr »ziemlich deutlich« der Gedanke gekommen: »Es wird kein Diktat. Ich glaube, es liegt wieder eine ganze Menge vor - aber es ist noch nicht ganz hier, weißt du«, sagte sie.

Doch dann kamen um 20.45 Uhr Nachbarn auf Stippvisite, und danach erklärte Jane, daß sich das Material ungeachtet der Kürze dieses Besuchs etwas aus ihrer inneren Wahrnehmung »zurückgezogen« habe. »

Also warte ich einfach, bis es wieder auftaucht«, sagte sie. Als das geschah, brachte Seth eine so gelungene Fortsetzung des nicht für das Buch bestimmten Teils der letzten Sitzung, daß wir sie in dieses Buch aufnehmen wollen. Endlich, um 21.28 Uhr:)

Nun: Guten Abend.

(»Guten Abend, Seth.«)

Ich kann in Verlegenheit geraten, und (mit schiefem Gesicht) meine Verlegenheit war es, die Ruburt empfand, denn da ist wirklich eine Fülle von Informationen, die ich euch in ganz bestimmter Hinsicht geben möchte. Und doch muß ich mich mit euren gewohnten Denkweisen herumschlagen, die es euch erschweren, bestehende Zusammenhänge zu erkennen.

Wie immer werde ich (lächelnd) mein Bestes tun und wenigstens zu Beginn nur Begriffe verwenden, die euch vertraut sind. Mir ist klar, daß die tägliche Erfahrung einigen meiner Ideen zu widersprechen scheint - habt also Geduld mit mir. Ich werde die Idee der Krankheit mit der Idee der Kreativität in Verbindung bringen, denn diese beiden sind eng miteinander verknüpft. (Pause.)

Erinnert euch der Analogien, die ich früher gebracht habe, als ich die Landschaft der körperlich-materiellen Erfahrung mit der Landschaft eines Malers verglich - die, obzwar vielleicht düster und unheildrohend, doch ein Kunstwerk sein kann. Tatsächlich ist jeder Mensch ein Künstler: er malt sein eigenes Bildnis in lebender Farbe - ein Bildnis eines Menschen freilich, der nicht bloß in ruhiger Haltung an einem Tisch sitzt, sondern handelt. Ihr, die ihr jetzt lebt, besucht gewissermaßen den gleichen Lehrgang des Lebens. Ihr blickt umher, um zu sehen, wie eure Zeitgenossen mit ihren Bildnissen vorankommen, und ihr findet alle möglichen Varianten: tragische Selbstbildnisse, heroische Selbstbildnisse, komische Selbstbildnisse. Und all diese Bildnisse haben ihr Leben und beeinflussen sich gegenseitig, und indem sie einander beeinflussen, gestalten sie das soziale und politische Massengeschehen eurer Welt.

Diesen Bildnissen kommt ganz offensichtlich eine biologische Wirklichkeit zu. Die Beteiligten malen mit den gleichen Farben - woraus sich eure Ähnlichkeiten ergeben - und mit größter schöpferischer Freiheit; dem Spielraum sind kaum Grenzen gesetzt. So tragen denn die zahllosen Bildnisse, indem jedes einzelne Einfluß auf jedes andere ausübt, mitgestaltend zur psychischen und physischen Realität der Menschheit bei, und so seid ihr auf eine Weise in die Gestaltung einer Unzahl von Bildnissen miteinbezogen. Behaltet einfach diese Analogie im Hintergrund. (Pause.)

Diese Bildnisse sind Ausdruck einer angeborenen und so wunderbaren Kreativität, daß sie ganz unwillkürlich entstehen - es ist unwillkürliche Kunst! Die Menschheit ist in schöpferischer Weise ständig damit beschäftigt, alternative Versionen ihrer selbst hervorzubringen. Die übergreifenden Muster bleiben dieselben. Die biologische Integrität wird aufrechterhalten. Bei dem jedoch, was ihr als Krankheit anseht, handelt es sich ebenfalls um kreative Schöpfungen, die auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig ihre Wirksamkeit entfalten.

(21.46 Uhr.) Zahlreiche Viren sind für die körperliche Gesundheit lebenswichtig und nehmen nur unter ganz bestimmten Bedingungen jene Charakteristik an, die ihr für todbringend haltet. Der gesundeste Körper beherbergt zahlreiche sogenannte tödliche Viren in, wie ihr sagen könntet, latenter, also in nichtaktiver Form - nichtaktiv von eurem Gesichtspunkt aus, weil sie keine manifesten Krankheitssymptome verursachen. Tatsächlich jedoch helfen sie aktiv mit, die allgemeine Ausgewogenheit des Körpers aufrechtzuerhalten. In gewisser Weise pendelt sich die Gattung in jedem einzelnen Körper auf einen bestimmten Status quo ein, und doch experimentiert sie auch in schöpferischer Weise mit Zellveränderungen und Chromosomenvarianten, so daß natürlich jeder Körper einzigartig ist. Es gibt alle möglichen Abstufungen in den Wirkungsweisen der Krankheiten. Bestimmte Krankheiten können den Körper sogar kräftigen; indem sie seine volle Abwehrkraft mobilisieren, bewirken sie eine grundlegende Verbesserung seiner Gesamtverfassung.

Einige sogenannte Krankheiten könnten unter Umständen das Überleben der Gattung gewährleisten.

(Nach langer Pause, einer von vielen:) Geduldet euch einen Moment... (Lange Pause.) Es ist sehr schwierig zu erklären. (Pause.) In gewisser Weise helfen manche Krankheiten, das Überleben der Gattung sicherzustellen - nicht indem sie die Schwachen ausmerzen, sondern indem sie in einer großen Zahl von Individuen jene Voraussetzungen schaffen, die zur Stabilisierung bestimmter Erbfaktoren innerhalb der Gattung notwendig sind, oder um die Gattung mit einer »natürlichen Impfung« gegen eine wahrgenommene größere Gefahr abzusichern.

In den Mikrokosmen der menschlichen Organismen sind immer biologische Experimente im Gang - in dem schöpferischen Bestreben, der Gattung so viel Handlungsspielraum wie nur möglich zu verschaffen.

Vergegenwärtigt euch: Euer Körper wird durch eure Gedanken biologisch verändert.

(Nach langer Pause um 22.01 Uhr:) Eure Zivilisation und Kultur wirken sich biologisch auf die Gattung aus. Ich spreche hier nicht in abfälliger Weise von so augenfälligen Zusammenhängen wie etwa der Umweltverschmutzung und so weiter. Dächtet ihr noch nach Kriterien der alten Evolutionslehre, so würde ich sagen, daß eure Zivilisationen und Kulturen tatsächlich das Erbgut der Chromosomen verändern. Noch einmal: Eure Gedanken beeinflussen eure Zellen, und sie können auch die Erbfaktoren verändern. Geduldet euch einen Moment... Eure Vorstellungen spielen bei euren Krankheiten eine große Rolle, wie ja eure Vorstellungen auch in allen anderen Bereichen eures Lebens von ausschlaggebender Bedeutung sind. Ihr gebt eurem Leben »Gestalt«, indem ihr in eurer Vorstellung diese und jene Möglichkeit erwägt. Ist es Krankheit, wird euer Körper krank. Dabei darf nicht vergessen werden, daß ihr der Krankheit auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und religiöse Bedeutungen beimeßt. Nicht selten gebt ihr um einer dieser Bedeutungen willen der Krankheit Ausdruck.

Ich sagte euch, daß es in den Mikrokosmen des Organismus eine (bitte in Sperrschrift) starre Ich-Struktur wie die eures Egos nicht gibt.

Doch gibt es Identität. Eine Zelle fürchtet nicht den eigenen Tod. Allzuoft hat sich ihre Identität in selbstverständlicher Weise von der körperlichen zur unkörperlichen Wirklichkeit - und von dort wieder zurück - bewegt.

Sie »singt« vor lauter Lebensqualität. Sie wirkt harmonisch mit anderen Zellen zusammen. Sie gliedert sich dem Körper ein, von dem sie einen Teil bildet, und zwar in der höchst kooperativen Weise, daß sie sich dieser Formation gewissermaßen zur Verfügung stellt. (Pause.) Die Träume der Gattung sind äußerst wichtig für ihr Überleben, nicht nur weil das Träumen eine biologische Notwendigkeit ist, sondern auch weil die Menschheit in ihren Träumen Zugang zu tieferen Erfahrungsbereichen der Kreativität hat, so daß die künftig notwendigen Ideen, Erfindungen und Handlungen zur rechten Zeit und am rechten Ort in Erscheinung treten werden. Nach Kriterien der alten Evolutionslehre sage ich ketzerisch, daß der Entwicklungsprozeß des Menschen auch durch seine Träume vorangetrieben wurde.

(22.20 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Nun weisen viele, ja tatsächlich die meisten Fähigkeiten und Eigenarten, die ihr allein dem Menschen zuschreibt, in unterschiedlichem Maße auch alle anderen Gattungen auf. Doch mit dem Träumen hat es ein Besonderes. Es sind die menschlichen Träume, die weitgehend das bewirkten, was ihr für die Evolution eurer Gattung haltet. (Eindringlich:) Ihr habt anders als andere Lebewesen zu träumen gelernt. Ich dachte, dieser Ausspruch würde euch gefallen.

(»Er gefällt mir tatsächlich!«)

Natürlich habt ihr davon geträumt, euch durch Sprachen miteinander zu verständigen, bevor ihr sie erfunden habt. Ihr seid dank der Schöpferkraft und der Inhalte eurer Träume zu dem geworden, was ihr seid; denn andernfalls hättet ihr, sofern überhaupt, nur eine Art mechanistisch-zweckmäßige Sprache entwickelt, die sich mit der einfachsten grobmateriellen Wirklichkeit begnügte: »Da ging ich. Da geht er. Die Sonne ist heiß.« Ihr wärt auf die bloße Feststellung materieller Tatsachen beschränkt geblieben. Ihr hättet (Pause) keinerlei Möglichkeit gehabt (Pause), euch etwas vorzustellen, das nicht schon existierte. Ihr hättet keine Möglichkeit gehabt, euch eine Vorstellung von euch selbst in neuen Situationen zu machen. Ihr hättet kein umfassendes Bild der Jahreszeiten gehabt, denn erst das Träumen bildete das Gedächtnis heraus und verlängerte die Wahrnehmungsspanne im menschlichen Bewußtsein. Es untermauerte die Lektionen des täglichen Lebens, was ausschlaggebend für das Vorankommen des Menschen war.

Der Mensch erwarb sich beispielsweise die durch die tägliche Erfahrung von Generationen geprägte Erkenntnis des periodischen Wechsels der Jahreszeiten keineswegs rein intellektuell. Dafür lebte er zu sehr im Augenblick. Doch träumte er in der einen von den anderen Jahreszeiten, und im Traum sah er sich selbst die Samen von Früchten ausstreuen, wie er es in seinem Alltagsleben dem Wind abgeguckt hatte.

Seine Träume erinnerten ihn daran, daß eine kalte Jahreszeit gekommen war und wieder kommen würde. Die meisten Erfindungen kamen euch in Träumen, und es sind, um es noch einmal zu sagen, hauptsächlich eure Träume, die euch von anderen Gattungen unterscheiden.

(22.35 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Die Kreativität der Menschheit ist auch ein Ergebnis eurer besonderen Art der Traumspezialisierung. Sie läuft hinaus - läuft hinaus - auf einen in sich einzigartigen Daseinszustand, in dem ihr die Elemente der materiellen und nichtmateriellen Wirklichkeit miteinander verbindet. In diesem Zustand befindet ihr euch gleichsam an der Schwelle zwischen den beiden Wirklichkeiten, und ihr habt gelernt, an dieser Schwelle in jeweils kurzen Spannen des Gewahrseins genau all die kreativen Elemente aus der nichtmateriellen Realität zu beziehen, die ihr benötigt. Punkt.

Tiere sind in ihren Traumzuständen in der Regel weniger physisch orientiert. Zwar träumen sie auch von der materiellen Wirklichkeit., aber viel kürzer als ihr. Im übrigen tauchen sie in ihren Träumen in ein Traumbewußtsein anderer Art ein, (lauter) das ich zu einem späteren Zeitpunkt erklären zu können hoffe. (Pause.) Ende der Sitzung - doch werde ich mit dem Material fortfahren. Ich wünsche euch herzlich einen guten Abend; wir haben da einen feinen Topf mit metaphysischem Fisch aufgemacht!

(»Großartig! Gute Nacht, Seth, und sei bedankt!«) (22.42 Uhr. Ich habe nur einige der vielen langen Pausen vermerkt, die Jane machte, während sie für Seth sprach; tatsächlich hatte sie seit Monaten in keiner Sitzung so langsam gesprochen. »Jetzt verstehe ich, warum ich mich vor der Sitzung so verwirrt fühlte«, sagte sie, »sogar als die anderen da waren. Ich mußte einfach dasitzen und darauf warten, daß alles auf eine neue Weise zusammengesetzt würde. Es war komisch.«

Sie hielt inne. Dann: »Mir scheint, daß gegen Ende der Bücher jeweils neue Themen durchkommen, als wäre schon das nächste Buch in Vorbereitung. Nimm zum Beispiel die Idee von dem Buch, das Seth erwähnte, über Therapie und Werterfüllung und was du heute über Körperbewußtsein gesagt hast. Alles hängt miteinander zusammen.«

Vergleichen Sie die kurzen Hinweise zur Therapie der Werterfüllung in den einführenden Anmerkungen zur Sitzung 862 und die Fußnote auf Seite 296. Heute hatte ich Jane an Seths Ausspruch von vor etwa zwei Jahren erinnert, wonach in seinem Material die Frage des Körperbewußtseins und dessen Rolle noch gar nicht richtig zur Sprache gekommen sei. Seth hatte angedeutet, daß er eine riesige Menge an Material über das Körperbewußtsein vorrätig habe, das er uns jederzeit durchgeben könne. Seitdem bin ich auf dieses Thema neugierig.

Doch als ich nun bemerkte, daß mir das Material von heute abend über das Träumen und die Sprache besonders zusagte, gab Jane zur Antwort: »Ich wollte, du hättest das nicht gesagt. Kaum hast du’s nämlich getan, da fühlte ich, wie sich ein ganzer Kreis von Informationen eröffnete, eine Riesenmenge über eine Reihe von Massenträumen, in denen der Mensch der Urzeit das Sprechen erlernte. Die Träume waren wie Glossolalie - du weißt schon, dieses Sprechen in unverständlichen Lauten -, aber die Laute waren sinnvoll, und der Mensch begann zu sprechen...« Und eine Minute später: »Etwas anderes ist mir gerade eingefallen: Der Urmensch konnte, wenn er mit seinesgleichen zusammen war, auf Gegenstände der Dingwelt hinweisen, um sich verständlich zu machen. Doch Sprechen lernte er erst, als er versuchte, seine Träume zu beschreiben. Sprache war seine einzige Möglichkeit, Mitteilungen über ein Geschehen zu machen, das man nicht sehen konnte. Auf einen Baum konnte er zeigen und dazu grunzen, aber in der Erinnerung eines Traums gab es nichts, worauf er zeigen konnte. Er mußte eine Ausdrucksweise finden, um Unsichtbares zu beschreiben. Auch Erfindungen wurden nur möglich, indem er anderen zu erzählen versuchte, was er in seinen Träumen gesehen hatte.«)

Vierter Teil:

Von praktizierenden

Idealisten