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Bezugssystem 2 als Heimat allen Bewußtseins
und Ursprung allen Geschehens
Fortsetzung der Sitzung 823, Montag, den 27. Februar 1978
(23.13 Uhr.) Neues Kapitel: »Bezugssystem 2« (lange Pause) »als Heimat allen Bewußtseins und Ursprung allen Geschehens.«
Geduldet euch einen Moment... Ein zufälliges Zusammentreffen rein materieller Gegebenheiten könnte, unter welchen Umständen auch immer, niemals Bewußtsein hervorbringen - oder die Bedingungen schaffen, die Bewußtsein ermöglichen.
Wenn ihr von eurer Welt mit all ihren natürlichen Herrlichkeiten glaubt, daß sie ihren Ursprung dem Zufall - einem Zufall kosmischen Ausmaßes - verdanke, dann muß es freilich oft den Anschein haben, daß einer solchen Welt wenig Bedeutung zukomme. In dieser Sicht hätte alles Leben auf dieser Erde keinen Ursprung außerhalb seiner selbst. Der Mythos vom großen - bitte groß schreiben - ZUFALLSTREFFER, dem die Entstehung des Lebens auf eurem Planeten zugeschrieben wird, bedingt natürlich auch ein individuelles Bewußtsein, das es nur zufällig gibt.
Die Vorstellung entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß ein derartig vitales Bewußtsein überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, das Endprodukt lebloser Materie zu sein, die es dann aber doch irgendwie fertiggebracht haben soll, sich so zu verhalten, daß die menschliche Spezies fähig und imstande war, Logik, Phantasie und Organisationstalent zu entwickeln und all die Zivilisationen und Kulturen hervorzubringen, die ihr kennt. Eure Mythen lehren euch, daß die Natur nur ein einziges Ziel verfolgt: das Überleben der Gattung. Am Einzelwesen ist ihr demnach wenig gelegen oder nur insoweit, als der einzelne Mensch zum Fortbestand der Menschheit beiträgt. So erscheint die Natur ihrem Wesen entfremdet. Denn tatsächlich besteht sie ja aus nichts anderem als aus lauter Einzelwesen, so daß sie anders als im Hinblick auf diese Tatsache gar nicht betrachtet werden kann.
Ohne die einzelnen Pflanzen, Tiere und Menschen, ja selbst die individuellen Zellen und Viren, hat die Natur keinen Sinn. Euer materielles Universum hatte einen nichtmateriellen Ursprung, in den es noch immer eingebettet ist.
(23.35 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Bezugssystem 2 stellt die innere Sphäre der Wirklichkeit dar, die inneren Dimensionen der Realität, die eurer Welt das ihr eigentümliche Gepräge verleiht. Die Energie, die euch am Leben erhält und eure Gedanken nährt, wie auch die Energie, die eure Städte beleuchtet - sie hat ihren Ursprung im Bezugsystem 2. Dieselbe Energie, die ihr praktisch anwendet, wenn ihr den Fernsehapparat anschaltet, erlaubt euch auch die Einstimmung auf die Erfahrungen eures täglichen Lebens.
Ende der Sitzung. Ende des Diktats, es sei denn, ihr habt Fragen.
(Ich zögerte ermüdet. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll...«) Es wäre gut, wenn ihr beide parallel zu diesen Sitzungen das Bezugssystem 2 im Gedächtnis behieltet, um etwas zuversichtlicher damit umzugehen und mehr auf all die »Koinzidenzen« zu achten, die sich in euren täglichen Erfahrungen immer wieder ergeben.
Ich wünsche euch einen schönen guten Abend.
(»Vielen Dank, Seth. Gute Nacht.« - Ende um 23.42 Uhr.) Sitzung 824, Mittwoch, den 1. März 1978
(Nach dem Abendessen hatten Jane und ich heute über die Evolutionstheorie miteinander gesprochen. Aber vorher... 21.40 Uhr.) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Diktat: Im Zusammenhang mit der Entstehung des Universums und der Entstehung von Ereignissen wollen wir für einen Augenblick eine andere Art Mythos betrachten.
Heute abend, während eines gemütlichen Abendessens, sahen Ruburt und Joseph das Märchen vom Aschenbrödel im Fernsehen. Dieses Märchen ist meiner früher gegebenen Definition gemäß ein Mythos. Nun mag man vielleicht einwenden, daß ein solches Kindermärchen wenig mit irgendeiner ernsthaften Diskussion erwachsener Menschen über etwas so Tiefgründiges wie die Entstehung der Welt zu tun hat und daß sich aus einer solchen Quelle keine wissenschaftlich relevanten Einsichten in die Natur der Entstehung von Ereignissen gewinnen lassen.
Zunächst einmal hat das Märchen vom Aschenbrödel einen glücklichen Ausgang und ist deshalb etlichen Erziehern zufolge (mit Ironie) höchst unrealistisch, da es die Kinder nicht gehörig auf die unausbleiblichen Enttäuschungen des Lebens vorbereite. Manches entstammt natürlich der Einbildungskraft des Erzählers, und ihr werdet von vielen ernsthaften, seriösen Erwachsenen zu hören bekommen, daß Tag- und Wunschträume euch nicht weiterbringen.
In der Geschichte vom Aschenbrödel jedoch gelingt es der Titelfigur, obwohl arm und von niedrigem Stand, ein allem Anschein nach unerreichbares Ziel zu erreichen. Aschenbrödels Wunsch, an einem Ball des Fürsten teilzunehmen und den Prinzen zu treffen, setzt fernab jeder Logik eine Reihe magischer Geschehnissse in Gang. Die Patin, die plötzlich als Fee in Erscheinung tritt, verwandelt die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, ein Kürbis wird zur Kutsche, und viele andere Verwandlungen spielen sich ab.
Kinder haben dieses Märchen immer geliebt, denn sie erkennen die ihm innewohnende Gültigkeit.* Die Feenpatin ist eine schöpferische Personifizierung des inneren Selbst, das in Erscheinung tritt, um dem sterblichen Ich zu Hilfe zu kommen und seine Wünsche zu erfüllen, selbst wenn dessen Anliegen nicht in den praktischen Bezugsrahmen des normalen Alltagslebens zu passen scheinen. Wenn das innere Selbst auf diese Weise antwortet, werden sogar die üblichen, gewöhnlichen, dem Anschein nach trivialen Umstände mit einer neuen Vitalität aufgeladen und scheinen für das betreffende Individuum »zu arbeiten«.
Wer jetzt dieses Buch liest, ist sicher schon zu alt, um sich noch der vielfältigen Phantasien der frühen Kindheit entsinnen zu können. Aber Kinder verstehen spontan, daß sie an der Entstehung von Ereignissen, die ihnen zuzustoßen scheinen, wesentlich beteiligt sind. Sie experimentieren oft und viel, meist im geheimen, da die Erwachsenen ja immer versuchen, die Kinder der vorgegebenen Wirklichkeit der Alltagswelt anzupassen, die mehr oder minder als gebrauchsfertiges Massenprodukt für sie bereitgehalten wird.
* Natürlich sahen Jane und ich eine Verfilmung des Märchens, wie wir es in den USA kennen. (Im Märchen der Gebrüder Grimm kommt dem Aschenputtel die verstorbene Mutter zu Hilfe.) Ich machte mir die Mühe, der Sache weiter nachzugehen. So erfuhren wir, daß das Märchen vom Aschenbrödel viel älter und weiter verbreitet ist, als wir gedacht hatten; es reicht zurück ins China des neunten Jahrhunderts und existiert in Hunderten von Versionen rund um die Erde.
Kinder experimentieren mit der Schöpfung lustvoller oder auch furchteinflößender Geschehnisse, wobei sie versuchen, für sich selbst die Art der Kontrolle über ihre eigene Erfahrung festzustellen. Sie stellen sich lustvolle und furchteinflößende Erfahrungen vor. Sie sind tatsächlich fasziniert von den Auswirkungen, die ihre Gedanken, Gefühle und Absichten auf alltägliche Vorkommnisse haben. Das ist ein natürlicher Lernprozeß. Wenn sie »Butzemänner« erschaffen können, dann können sie sie auch wieder zum Verschwinden bringen. Wenn ihre Gedanken sie krank werden lassen können, dann gibt es für sie keinen wirklichen Grund, Krankheit zu fürchten, denn sie ist ihre eigene Schöpfung.
Dieser Lernprozeß wird jedoch schon in der Kindheit im Keim erstickt. Seid ihr dann Erwachsene, so hat es den Anschein, als wäret ihr subjektive Wesen in einem eurem Bewußtsein übergestülpten objektiven Universum, fremdbestimmt und praktisch außerstande, das eigene Lebensgeschehen mehr als oberflächlich zu kontrollieren.*
(22.02 Uhr.) Die Geschichte vom Aschenbrödel wird zu einem Phantasiegebilde, einer Täuschung, oder sogar zu einer Geschichte über das Erwachen der Sexualität im Freudschen Sinne. Durch die Enttäuschungen, die ihr erfahren habt, mag es tatsächlich so aussehen, als stehe ein solches Märchen in direktem Widerspruch zur Lebenswirklichkeit. Das Kind in euch entsinnt sich jedoch dunkel eines eigentümlichen Gefühls der Meisterschaft, die nicht verwirklicht werden konnte, einer Macht, die fast ergriffen und dann anscheinend auf immer verloren wurde, ja einer Daseinsdimension, in der Träume buchstäblich wahr wurden. Das Kind, das ihr wart, verspürte natürlich noch mehr: es spürte seine eigene größere Wirklichkeit in einem völlig anderen Bezugsrahmen, aus dem es nicht so lange zuvor hervorgegangen und mit dem es noch immer innig verbunden ist. Es fühlte sich also umgeben von den Wirklichkeiten des Bezugssystem 2.
* Die eigentliche Sitzung 806 findet man in Kapitel 2. In dem ausgesparten Teil jener Sitzung kam Seth aber mit einigen Kommentaren in bezug auf Kinder durch, die gut zu seinem Material von heute abend passen. »Der Kraftpunkt ist in der Gegenwart. Ihr solltet die Wichtigkeit eines Problems nach Möglichkeit herunterspielen. Vergeßt ein Problem, und es wird verschwinden. Ein törichter Ratschlag, wie es scheint. Aber Kinder wissen um seine Wahrheit. Spielt Behinderungen in eurem Denken herunter, und sie verlieren an Bedeutung.
Übertreibt ihr jedoch Hindernisse in eurem Denken, so werden sie in der Wirklichkeit bald riesige Ausmaße annehmen.«
Das Kind wußte, daß es »von irgendwo anders her gekommen« war
- nicht zufällig, sondern planmäßig. Das Kind wußte, daß seine innersten Gedanken, Träume und Impulse irgendwie mit der Welt der Natur so verbunden sind wie Grashalme mit einem Feld. Das Kind wußte, daß es ein einzigartiges und einmaliges Ereignis oder Wesen ist, das einerseits Mittelpunkt seiner selbst ist und andererseits an Zeit und Raum, ja den Jahreszeiten der Welt teilhat. Tatsächlich lassen Kinder sich nur wenig entgehen, und so stellen sie fortwährend Versuche an in dem Bemühen, nicht nur die Auswirkung ihrer Gedanken, Absichten und Wünsche auf andere, sondern auch das Ausmaß zu entdecken, in dem andere ihr eigenes Verhalten beeinflussen. Sie befassen sich also ziemlich unmittelbar mit Wahrscheinlichkeiten, und zwar auf eine Weise, die dem Verhalten Erwachsener ganz fremd ist.
In gewisser Weise ziehen sie raschere Schlußfolgerungen als Erwachsene, und oft zutreffendere, weil sie noch nicht durch Inhalte strukturierter Erinnerungen konditioniert sind. Ihre subjektive Erfahrung bringt sie also in ziemlich unmittelbaren Kontakt mit den Methoden, durch die Geschehnisse bewirkt werden.
Würdest du das (Bier) bitte öffnen für unseren Freund! Möchtest du deine Hand ausruhen?
(22.28 Uhr. »Nein...«)
Kinder verstehen die Bedeutung von Symbolen, und sie verwenden sie ständig, um sich zu schützen - nicht vor ihrer eigenen Wirklichkeit, sondern vor der Welt der Erwachsenen. Ständig tun sie so, als ob, und sie lernen rasch, daß fortdauerndes So-tun-als-ob auf irgendeinem Gebiet in einer konkret erfahrbaren Version der imaginären Aktivität resultiert.
Auch wird ihnen bald klar, daß sie nicht über uneingeschränkte Freiheit verfügen; denn gewisse imaginativ vorweggenommene Situationen werden sich später in minder genauen Versionen manifestieren als vorgestellt, und manche werden sich als so blockiert erweisen, daß sie sich nie materialisieren.
Kinder, die noch nicht die konventionellen Vorstellungen von Schuld und Strafe verinnerlicht haben, finden rasch heraus, daß es leichter ist, erfreuliche Geschehnisse herbeizuwünschen als unerfreuliche.
Das Kind trägt in sich das Durchsetzungsvermögen und die dem Bezugssystem 2 entstammende Energie, und es weiß intuitiv, daß Wünsche, die seiner Entwicklung förderlich sind, leichter »passieren«, als solche, die ihr entgegenstehen. Seine natürlichen Impulse bewirken ganz natürlich die Entwicklung seines Körpers und Gemüts, und wenn es im Einklang mit diesen inneren Impulsen handelt, fühlt es sich sicher und getragen. Das Kind ist von Natur aus wahrhaftig. Wird es krank, so kennt es intuitiv den Grund dafür, und es weiß sehr wohl, daß es selber die Krankheit hervorgerufen hat.
Eltern und Ärzte hingegen betrachten das Kind als Opfer, das nicht verantwortlich ist für sein Kranksein; es wurde unpäßlich, weil es schädlichen Einflüssen aus seiner Umwelt oder seinem Körper ausgesetzt war. So sagt man dem Kind: »Du bist erkältet, weil du nasse Füße hattest.
« Oder: »John oder Sally hat dich angesteckt.« Vielleicht wird ihm gesagt, es habe ein Virus, was den Anschein erweckt, daß etwas gegen seinen Willen in seinen Körper eingedrungen sei. So lernt das Kind, daß solche Glaubensmeinungen akzeptabel sind. Ihnen zuzustimmen ist leichter, als ehrlich zu sein; vor allem da Ehrlichkeit oft auf eine Art von Mitteilungen hinausliefe, für die seine Eltern nur ein Stirnrunzeln übrig hätten, oder weil das Kind Gefühle zum Ausdruck bringen müßte, die völlig unannehmbar wären.
(22.46 Uhr.) Mamis kleiner Bub oder kleines Mädchen kann dann zu Hause bleiben und mutig einer Krankheit trotzen, und sein Verhalten wird entschuldigt. Das Kind weiß vielleicht, daß die Krankheit das Ergebnis von Gefühlen ist, die die Eltern als Feigheit betrachten würden, oder daß sie mit Gefühlswirklichkeiten einhergeht, die den Eltern einfach unverständlich wären. Allmählich fällt es dem Kind leichter, die Einschätzung der Lage durch die Eltern zu akzeptieren. Nach und nach zersetzt sich die feine Beziehung, entgleiten die Zusammenhänge zwischen seelischen Empfindungen und der Körperwirklichkeit.
Ich will hier nichts übermäßig vereinfachen. Im Verlaufe dieses Buches wird solches Verhalten immer wieder an Beispielen zu erörtern sein. Jedenfalls weiß das Kind, das zusammen mit einer ganzen Reihe von Klassenkameraden an Mumps erkrankt, daß es seine persönlichen Gründe hat, sich einem solchen biologischen Massengeschehen anzuschließen, wogegen der Erwachsene, der »Opfer« einer Grippeepidemie wird, sich seiner eigenen Beweggründe kaum bewußt ist.
Er durchschaut nicht die Massensuggestionen, die dabei im Spiel sind, oder den Grund, warum er sich eigentlich darauf einläßt. Gewöhnlich ist er davon überzeugt, daß sein Körper von einem Virus befallen wurde, ganz gleich, ob er das nun wollte oder nicht - (äußerst nachdrücklich) ganz gleich, ob er das nun wollte oder nicht! Somit ist er ein Opfer, und das Gefühl seiner eigenen Macht kommt ihm abhanden.
Hat dann jemand die Malaise glücklich überstanden, so nimmt er für gewöhnlich an, daß er seine Genesung den Medikamenten verdankt, die ihm verabreicht wurden. Oder er denkt vielleicht, daß er einfach Glück gehabt hat - aber er glaubt nicht, daß sein eigenes Entscheidungsvermögen in dieser Frage irgendeine Rolle spielt. Die Genesung scheint ihm zuzufallen, wie ihn die Krankheit zu befallen schien. Gemeinhin kann der Patient nicht sehen, daß er selbst seine Genesung bewirkt, daß er sie sich selber zuzuschreiben hat, weil er nicht zugeben kann, daß seine eigenen Intentionen auch für seine Krankheiten verantwortlich sind. Er kann also nicht aus seiner eigenen Erfahrung lernen, und jeder Ausbruch einer Krankheit wird ihm weitgehend unverständlich erscheinen.
Macht Pause.
(23.00 Uhr. Janes Sprechtempo in Trance war beträchtlich rascher gewesen als in den Sitzungen der letzten Zeit. Doch ging es um 23.10 Uhr etwas langsamer weiter.)
Diktat: Vor einigen Jahren, noch bevor unsere Sitzungen begannen (Ende 1963) - doch unmittelbar davor - hatte Ruburt (Jane) eine Erfahrung, die er in seinen eigenen Büchern beschrieben hat.
Dieses Vorkommnis führte zu einem hingekritzelten, unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel »Das materielle Universum als Ideenkonstruktion«.* Sein Wunsch und seine starke Intention, die Natur der Realität besser zu verstehen, lösten die Produktion jenes fragmentarisch gebliebenen Manuskripts aus. Als erwachsener junger Mensch zur Zeit der Ermordung des Präsidenten John F. Kennedy fand er sich selbst in einer Welt vor, die scheinbar sinnlos war. Konditioniert von den Glaubensüberzeugungen seiner Generation - Glaubenssätzen, die auch in eurer Zeit noch Geltung haben -, hielt er doch an einer tragenden Glaubensüberzeugung fest, die er seit seiner Kindheit nie völlig verloren hatte.
Sein Glaube, so unlogisch er, wenn ausgesprochen, auch klingen mochte, so widersprüchlich er, aufs tägliche Leben angewendet, auch scheinen mochte, besagte, daß das Individuum auf irgendeine Weise die Natur der Realität selbst wahrnehmen kann dank eingeborener Fähigkeiten, auf die das Individuum ein Recht hat, -
* Diese Erfahrung hat Jane im »Seth-Material«, Kapitel 1, beschrieben.
Fähigkeiten, die Teil des menschlichen Erbes sind. Anders gesagt: Ruburt fühlte, daß eine winzige Chance bestand, Türen des Wissens zu öffnen, die ins Schloß gefallen waren, und er beschloß, diese Chance wahrzunehmen.
Die Ergebnisse, die sich ursprünglich in jenem inzwischen vergilbten Manuskript niederschlugen, ließen ihn augenblicklich erkennen, daß er auf die eine oder andere Weise die Begebenheiten seines Lebens selbst gewählt hatte und daß jeder Mensch nicht Opfer, sondern Schöpfer all der Geschehnisse ist, in die er als einzelner oder als Teil einer größeren Gemeinschaft verwickelt wird.
Während dieser im wahrsten Sinne des Wortes energiegeladenen Stunden wußte er auch, daß seine Sinne nicht so sehr materielle Erscheinungen wahrnahmen, sondern vielmehr an der Entstehung von Begebenheiten mitwirkten, die dann als tatsächlich wahrgenommen wurden.
Ende des Diktats.
(23.26 Uhr. Jane, noch immer in Trance, brachte noch einiges Material für uns, darunter die folgende Bemerkung im Zusammenhang mit Seths Erörterung des Märchens vom Aschenbrödel:) Verzeiht mir die Terminologie, aber ihr beide habt an »Magie«
geglaubt, sonst wäre es nie zu den Sitzungen gekommen. Ihr habt geglaubt, daß die Wirklichkeit mehr in sich birgt, als die Sinne euch zeigen. Ihr habt geglaubt, daß ihr gemeinsam erreichen könnt, was bislang noch nicht erreicht wurde, daß ihr nämlich auf die eine oder andere Weise sinnvolle und echte Lösungen für die Probleme der Welt anbieten könnt...
(Ende um 23.34 Uhr.)
Sitzung 825, Montag, den 6. März 1978
(Nach ein paar Tagen erholsamer Ruhe haben wir beide am Wochenende die Arbeit wieder aufgenommen. - 21.31 Uhr.) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
(Mit vielen Pausen:) Diktat: Das materielle Universum ist das Ergebnis sinnvoller Ideenkonstruktion, wie Ruburt im Verlaufe jener Erfahrung erkannte, die ich in der letzten Sitzung (um 23.10 Uhr) erwähnt habe.
Es war dies eine Einsicht anderer Art als all die aufgrund von Sinneswahrnehmungen gewonnenen Erkenntnisse, die von euren Wissenschaften anerkannt werden. Nicht durch Überlegungen gelangte Ruburt zu seiner Erkenntnis vom geistigen Ursprung der Welt. Auch konnte irgendeine gewöhnliche Sinneswahrnehmung ihm diese Information nicht vermitteln. Sein Bewußtsein verließ seinen Körper -
etwas, das von vielen gebildeten Menschen nicht einmal für möglich gehalten wird. Ruburts Bewußtsein verschmolz, während es noch immer seine eigene Individualität bewahrte, mit dem Bewußtsein der Blätter vor seinem Fenster und mit dem Nagel im Fensterbrett, und wanderte innen und außen zugleich, so daß sein Bewußtsein wie ein mentaler Wind durch psychologische Nachbarschaften wanderte.
Euer Universum ist nicht materiellen Ursprungs, und jedes Geschehen, sei es nun bedeutend oder sei es geringfügig, nimmt seinen Ausgang im Bereich des Bezugssystems 2. Euer räumlich-materielles Universum entstand also und entsteht noch immer aus diesem inneren Bezugssystem.
Die Kraft, die eure Gedanken nährt, entstammt derselben Quelle.
Man könnte wohl sagen, die Welt, wie ihr sie kennt, mit all ihren Erscheinungen und Vorkommnissen funktioniert - wie auch euer Körper -
in den wesentlichen Prozessen »automatisch«. Eure individuellen Wünsche und Absichten steuern die Aktivität der spontanen Prozesse eures Körpers, das heißt, euer Körper geht auf euer Geheiß über den Fußboden, und dieses Tun ist das Resultat eures Wunsches, auch wenn die damit verbundenen Vorgänge »von selbst« geschehen müssen.
Eure Intentionen sind von beträchtlicher Auswirkung auf eure körperliche Gesundheit. Ebenso »lenken« alle lebenden Menschen gemeinschaftlich das Weltgeschehen, so daß es sich auf ganz bestimmte Weise vollzieht, auch wenn die inneren Abläufe wie von selbst oder automatisch erfolgen müssen. Aber auch andere Arten beteiligen sich daran, und ihr alle steuert auf die eine oder andere Weise die Aktivität des Erdkörpers nicht viel anders, als ihr euer eigenes körperliches Verhalten steuert.
(21.50 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Ihr seid auf die Welt gekommen mit dem eingeborenen Drang zum Wachstum -
wohlausgestattet mit den inneren Prägemustern, die zu der ausgebildeten Gestalt eines Erwachsenen führen. Und nicht nur die Zellen, sondern auch die Atome und Moleküle, aus denen sie gebildet waren, enthielten die positive Absicht, in einer körperlichen Formation zusammenzuwirken, um zur Erfüllung zu kommen, und sie waren von Anfang an nicht nur aufs Überleben eingestellt, sondern Träger eines Idealbildes, das zur bestmöglichen Entwicklung und Reife führen sollte.
All diese besonderen Merkmale haben ihren Ursprung im Bezugssystem 2, denn die psychologische Wirklichkeit des Bezugssystems 2 drängt ganz von selbst zu kreativem Ausdruck. Dieses System ist also nicht einfach etwas Neutrales, vielmehr lebt in ihm eine spontane Bereitschaft zur Erfüllung aller in ihm enthaltenen Muster. Wie William James in Ruburts Buch (»The Afterdeath Journal of an American Philosopher: The World View of William James«) sagte: »Das Universum ist guter Absicht voll«. Es ist auch ganz spontan auf die Hervorbringung
»guter« oder positiver Geschehnisse eingestellt. Ich setze das Wort »gut«
hier einmal in Anführungszeichen wegen eurer irrigen Vorstellungen hinsichtlich der Natur von Gut und Böse, die wir etwas später erörtern wollen.*
In diesem Sinne ist also die körperlich-materielle Welt wie jeder physische Körper »magisch«. Ich verwende diesen Begriff mit Bedacht, denn er verwirrt die Prämissen eures vernünftigen Erwachsenendenkens, und indem ich das, was ihr Vernunft nennt, solcherart verwirre, gelingt es mir vielleicht, in euch eine Ahnung dessen heraufzubeschwören, was ich den höheren Intellekt nenne.
Bloße Vernunft vermag lediglich Schlußfolgerungen im Hinblick auf die bekannte Welt zu ziehen. Sie kann ein Wissen nicht akzeptieren, das von »anderswoher« kommt, denn ein solches Wissen paßt nicht in die Kategorien der Vernunft und verwirrt die Kausalitätsvorstellung von Ursache und Wirkung. Kraft und Fähigkeit zum vernunftgemäßen Denken entstammen jedoch dem Bezugssystem 2. Den Begriffen dieser Erörterung zufolge seid ihr imstande, logisch zu denken aufgrund »
magischer« Vorgänge, welche die logische Vernunft selbst möglich machen. Der Begriff »magisch« wird einfach immer dann verwendet, wenn man Geschehen kennzeichnen will, für das die Vernunft keine Erklärung hat, das heißt Geschehen, das außerhalb des Rahmens existiert, in dem sich die Vernunft zu Hause fühlt.
Eure Wissenschaftler halten sich selbst natürlich für höchst
* Jane und ich sind wirklich gespannt auf Seths Material über »die irrigen Vorstellungen des Menschen hinsichtlich der Natur von Gut und Böse«. Nach unserer Post zu urteilen sind auch viele andere Menschen daran zuhöchst interessiert.
vernünftig; doch muß man von den meisten sagen, daß sie ehrlicher wären, wenn sie bei dem Versuch, den Ursprung des Universums zu beschreiben, zugeben würden, daß die Vernunft allein keinerlei wirkliche Einsicht vermitteln kann. Jedem von euch ist die sogenannte Entstehung der Welt ebenso wohlvertraut, ebenso bewußtseinsnah oder -fern wie die eigene Geburt, denn der Anbeginn von Wahrnehmung und Empfindung in einem Neugeborenen birgt alle die Fragen in sich, die auch mit der Geburt des Universums zusammenhängen.
Die Mutter könnte nicht bewußt die körperlichen Vorgänge steuern, die zur Geburt führen. Die Geburt ist im wahrsten Sinne des Wortes ein magischer Vorgang, ebenso wunderbar wie das sogenannte erste Auftreten von Leben auf dem Planeten selbst. Die wissenschaftliche Analyse des Gehirns sagt euch weder etwas über die Kraft, die eure Gedanken bewegt, noch vermag sie euch über den Ursprung der Fähigkeiten des Gehirns Aufschluß zu geben. Und doch tritt die ständige Aktivität zwischen den Bezugssystemen 1 und 2 schon im bloßen Vorhandensein eurer Welt sichtbar zutage und auch in den Beziehungen zwischen euren Vorstellungen, Gefühlen und Überzeugungen und den Geschehnissen, die ihr persönlich oder im Verbund mit den Massen erlebt und die eure Erfahrung ausmachen.
Macht Pause.
(22.13 Uhr. Die Pause kam ein wenig früh, nachdem Jane nur 42
Minuten lang in Trance gewesen war. »Ich war vor der Sitzung nicht besonders darauf eingestimmt«, sagte sie. »Vielleicht war ich an diesem Nachmittag müde. Ich habe in den letzten Tagen Seth-Mitteilungen über den Stoff für die Sitzung von heute abend erhalten. Was wir bekommen haben, paßt aber nicht dazu... Und ich habe wieder dieses Gefühl, daß eigentlich mehr Zeit vergangen sein sollte, während ich weg war: ich finde, es müßte jetzt viel später sein, als es ist. Es ist, als erwartete ich, daß das Material, wenn es gut ist, mehr Zeit erfordern müsse, oder so...
Aber der Fluß hörte einfach auf, und so kam eben die Pause.«
Fortsetzung um 22.25 Uhr.)
Es ist nicht meine Absicht, geringschätzig über die Vernunft zu sprechen, denn sie erfüllt in angemessener Weise Aufgaben, die in eurer Wirklichkeit lebenswichtig sind. Ebenso wahr jedoch ist es, daß ihr im tiefsten Sinne eure Vernunft nicht entwickelt habt, so daß eure Version der Vernunft zwangsläufig mit gewissen Deformationen einhergeht.
Auch ist es nicht meine Absicht, denjenigen beizupflichten, die euch vorschlagen, euren Intuitionen und Gefühlen auf Kosten eurer Vernunft zu folgen. Vielmehr werde ich später in diesem Buch andere Wege aufzeigen. Eure Vernunft, so wie ihr sie jetzt gebraucht, verfährt jedoch in erster Linie mit der Wirklichkeit so, daß sie diese in Kategorien unterteilt, Unterscheidungen trifft und den »Gesetzen« von Ursache und Wirkung nachgeht, und ihre Domäne ist in erster Linie die Beobachtung und Überprüfung all dessen, was der Mensch wahrnimmt. Ihr setzt eure Vernunft vornehmlich zur Erforschung der Materie und aller Abläufe ein, die in eurer Welt bereits als Tatsachen feststehen.
Andererseits folgen eure Intuitionen einer anderen Art der Organisation. Diese geht mit Assoziationen einher, verknüpft unterschiedlichste Elemente miteinander und kombiniert selbst bekannte Gegebenheiten auf neue, »unschuldige« Weise; sie weiß vom Zwang der Einschränkung auf Ursache und Wirkung meist nichts. In diesem Sinne also geht es im Bezugssystem 2 um Gedankenverknüpfungen. In ihm können die wahrnehmbaren Vorgänge der Stoffwelt in einer unendlichen Vielfalt von Variationen kombiniert werden, und aufgrund der Anweisungen, die ihr ihnen durch eure Assoziationen erteilt habt, kommen sie euch dann zur Erfahrung.
Die Zufälle, die sich zu ereignen scheinen, die Zufallsbegegnungen, die unverhofften Begebenheiten, sie alle treten in eure Erfahrung, weil ihr sie auf die eine oder andere Weise herbeigerufen habt, auch wenn unüberwindliche Widerstände dagegen zu sprechen schienen. Diese Widerstände - diese Hindernisse - gibt es in Bezugssystem 2 nicht.
(22.40 Uhr.) Auf die eine oder andere Weise machen eure Intuitionen euch mit der Tatsache vertraut, daß ihr euren Platz im Universum habt und daß das Universum euch wohlgesonnen ist. Die Intuitionen sprechen von eurer einzigartigen und lebenswichtigen Rolle im Netzwerk dieses Universums. Intuitiv wißt ihr, daß das Universum sich euch entgegenneigt. Eure Vernunft jedoch kann nur mit den gesicherten Ergebnissen eurer sinnlich-konkreten Wahrnehmung etwas anfangen - aufgrund der einseitigen Ausbildung, die eure Gesellschaften ihr angedeihen ließen. Tatsächlich habt ihr eurer Vernunft die Auswertung wichtiger Daten verwehrt, denn ihr habt sie dazu angehalten, den psychischen Fähigkeiten zu mißtrauen. Die Kindermärchen aber enthalten noch viel von diesem Uraltwissen.
Bisher habe ich die Bezugssysteme 1 und 2 getrennt besprochen, und ich werde weiter so verfahren, um euch die Sache leichter und verständlicher zu machen. In Wirklichkeit gehen die beiden natürlich ineinander auf, denn eure Existenz im Bezugssystem 1 ist eingebettet in das Bezugssystem 2. Selbst euer Körper wird im Bezugssystem 1
fortwährend erneuert aufgrund seiner simultanen Wirklichkeit in Bezugssystem 2. Das Bezugssystem 2 kehrt sich immerfort nach außen und erscheint in eurer Erfahrung als Bezugssystem 1. Doch konzentriert ihr euch so ausschließlich auf die äußere Wirklichkeit, daß ihr sehr oft die ganz offensichtlich tieferen Quellen eurer körperlichen Existenz ganz außer acht laßt. Infolgedessen befaßt ihr euch so ausschließlich mit Methoden der Unterteilung und Kategorisierung, daß ihr assoziative Organisationen aus dem Blick verliert, obwohl ihr sie in euren innersten Denkprozessen laufend in Anspruch nehmt.
Ende der Sitzung, sofern ihr keine Fragen habt.
(»Wie findest du es, daß Jane mir bei den einleitenden Bemerkungen zu ihren Büchern hilft?«)
(Mit Nachdruck:) Ich finde das eine fabelhafte Idee. Ich lasse Geschehnisse magisch in Erscheinung treten, wenn sie unter der Oberfläche eures Lebens wachsen - weil Ruburt sich gern angenehm überraschen läßt. Er ist jetzt sehr aktiv auf anderen Ebenen und dabei, unser Material gut zu verwenden. Einen guten Abend.
(»Danke, Seth. Gute Nacht.«)
(22.56 Uhr.)
Sitzung 826, Mittwoch, den 8. März 1978
(21.35 Uhr.) Nun, guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Diktat: Ihr müßt verstehen, daß das Bezugssystem 2 einerseits gewissermaßen eine unsichtbare Version des materiellen Universums ist.
Andererseits jedoch ist es weitaus mehr als das, denn es enthält in sich wahrscheinliche Variationen dieses Universums - von der erhabensten kosmischen Variante bis hin zu den minuziösesten Begebenheiten eines jeden beliebigen Kalendertages.
Einfach ausgedrückt: Euer Körper hat einen unsichtbaren Gegenpart im Bezugssystem 2. Zu Lebzeiten ist jedoch dieser Gegenpart so sehr mit eurem Körper verbunden, daß es irreführend sein kann zu sagen, die beiden - der sichtbare und der unsichtbare Körper - seien voneinander getrennt. In gleicher Weise haben eure Gedanken eine Wirklichkeit im Bezugssystem 2, und nur um der Analogie willen könnte man jetzt sagen, daß Gedanken das Äquivalent der Dinge sind; denn im Bezugssystem 2 kommt den Gedanken und Gefühlen weitaus mehr Bedeutung zu als allem Dinglichen in der körperlich-materiellen Wirklichkeit.
Im Bezugssystem 2 wirken die Gedanken augenblicklich musterbildend. Sie sind die »natürlichen Elemente« dieser psychischen Umwelt, die miteinander Verbindungen eingehen, um gewissermaßen die psychischen Zellen, Atome und Moleküle zu bilden, aus denen sich alles Geschehen aufbaut. In diesem Sinne können die konkreten Ereignisse, die ihr wahrnehmt oder erfahrt, mit »psychischen Objekten« verglichen werden, die dingfest und konkret in Zeit und Raum zutage zu treten scheinen. Solche Ereignisse scheinen gewöhnlich irgendwo in Raum und Zeit ihren Anfang zu nehmen und auch dort zu enden.
Ihr könnt einen Gegenstand wie beispielsweise einen Tisch ansehen und sein Vorhandensein im Raum erkennen. Natürlich ist euch psychisches Geschehen gewissermaßen zu nahe, als daß ihr es in gleicher Weise wahrzunehmen vermöchtet, doch scheint das übliche Erleben einen Anfang und ein Ende zu haben. Hingegen geht die Erfahrung eines Objekts oder eines äußeren Geschehens normalerweise nur mit Oberflächenwahrnehmungen einher. In eurer Sicht ist die Oberfläche eines Tisches glatt und fest, auch wenn euch theoretisch klar ist, daß er sich aus der Bewegung tanzender Atome und Moleküle zusammensetzt.
Ebenso erlebt ihr eine Geburtstagsparty, einen Autounfall, ein Bridgespiel oder irgendein Geschehen dieser Art als psychologisch kompakt, mit einer glatten Erfahrungsoberfläche, die in Zeit und Raum zusammenhält. Doch spielen dabei unsichtbare »Partikel« und Wahrnehmungen, die die Lichtgeschwindigkeit übersteigen, mit, die niemals sichtbar werden.* Sie enthalten, mit anderen Worten, psychische Komponenten, die von Bezugssystem 2 in Bezugssystem 1 einfließen.
(Nach langer Pause:) Jedes Geschehen hat somit eine unsichtbare Dichte und eine multidimensionale Grundlage. Eure Landstriche
* Beachten Sie die Fußnote zu Sitzung 803, Seite 54.
sind erfüllt von Winden, Luftströmungen, Wolken, Sonnenlicht, Staubpartikeln und so weiter. Der Himmel wölbt sich über den ganzen Planeten. Das unsichtbare Bezugssystem 2 enthält unendlich viele Muster, die sich wie Wolken wandeln, die sich vermischen und miteinander verbinden, um euer Seelenklima zu bilden. Gedanken haben, was wir für den Augenblick so nennen wollen, elektromagnetische Eigenschaften. So verstanden gehen eure Gedanken im Bezugssystem 2
Verbindungen mit den Gedanken anderer Individuen ein, und so entstehen Massenmuster, die die allgemeine psychologische Grundlage eines Umwelt- oder Weltgeschehens bilden. Doch ist wiederum das Bezugssystem 2 nicht wertneutral; vielmehr tendiert es automatisch zu Entwicklungen, die wir hier als gut oder konstruktiv bezeichnen wollen.
Es ist seinem Wesen nach wachstums- und entwicklungsfördernd.
Konstruktive oder »positive« Gefühle oder Gedanken materialisieren sich leichter als destruktive oder »negative«, weil sie sich mit den Wesensmerkmalen von Bezugssystem 2 im Einklang befinden.*
(22.05 Uhr.) Wenn dem nicht so wäre, dann hätte die Menschheit nicht so lange existiert. Auch wären die Leistungen menschlicher Zivilisation und Kultur - Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Kunst und so fort - nicht möglich gewesen. Das Bezugssystem 2 kombiniert Ordnung und Spontaneität, aber seine Ordnung ist anderer als die übliche Art. Es ist ein kreisförmiger, assoziativer, »natürlich ordnender Prozeß«, in dem die Spontaneität ein Wesenselement der übergeordneten universellen Ordnung ist und die Potentiale des Bewußtseins zu ihrer vollen Entfaltung bringt.
Jeder Mensch ist von Geburt an mit der Fähigkeit ausgestattet, ganz natürlich in die Erfüllung der in ihm angelegten Möglichkeiten hineinzuwachsen - nicht auf Kosten anderer, sondern in einem übergreifenden Kontext, in dem die Erfüllung jedes Einzelwesens zur Erfüllung eines jeden anderen Einzelwesens beiträgt.
So gesehen gibt es ein »ideales« psychologisches und, für euch, ein
* Hier führt Seth seine in der Sitzung 825 nach 21.50 Uhr gemachte Feststellung, wonach das Universum »ganz spontan auf die Hervorbringung »
guter« oder positiver Geschehnisse eingestellt ist«, offensichtlich weiter aus.
Die heute abend durchgekommenen Passagen beziehen sich auch auf die Bemerkungen der Sitzung 821 hinsichtlich der »echten Identifikation« des Menschen mit der Natur und mit seiner Funktion im Lebenszusammenhang seines Planeten.
psychisches Muster, in das ihr selbst innig verwoben seid. Das innere Selbst bewegt euch unablässig in diese Richtung. Dieses Muster wiederum ist nicht starr, sondern flexibel genug, um aus dem Wechsel der Umstände Nutzen zu ziehen, nicht anders als eine Pflanze, die, wenn ihr sie von einem Zimmer ins andere tragt, sich stets der Sonne zukehren wird, ganz gleich aus welcher Richtung das Licht gerade fällt. Doch existiert das innere Selbst nicht in der Zeit wie ihr, und so ist es angewiesen auf eure Einschätzung von Situationen, zu deren Bewältigung euch die Vernunft gegeben ist.
Offenbar gibt es Gegenstände jeglicher Größe, Form, Beschaffenheit, Dauerhaftigkeit und Schwere. Es gibt Objekte, die privaten und die öffentlichen Zwecken dienen. Und es gibt auch »
riesenhafte psychische Objekte«, alles mit sich fortreißende Geschehnisse, von denen die Menschenmassen der Umwelt, ja ganzer Länder betroffen sein können. Es gibt auch Naturereignisse, die Massenverschiebungen unterschiedlichen Ausmaßes bewirken, wie beispielsweise die Überschwemmung weiter Landstriche. Solchen Vorkommnissen liegen psychische Konfigurationen seitens aller davon Betroffenen zugrunde insofern, als die inneren individuellen Muster der von einem solchen Geschehen berührten Existenzen in irgendeiner Weise einer gemeinsamen Absicht folgen, die gleichzeitig auf einer natürlichen planetarischen Basis der übergreifenden Wirklichkeit dient.
Der Planet selbst muß, um zu überdauern, durch fortwährende Wandlungen und instabile Situationen gehen. Ich weiß, es ist nicht leicht zu verstehen, aber (sehr nachdrücklich) jeder Gegenstand, den ihr wahrnehmt - Gras, ein Baum oder Stein, selbst Meereswellen oder Wolken -, jede dingliche Erscheinung hat ihr eigenes unsichtbares Bewußtsein, ihre eigene Absicht und emotionelle Färbung. In jedem Element, jedem Lebewesen gibt es auch eine Anlage, die auf Wachstum und Erfüllung drängt - nicht auf Kosten der übrigen Natur, vielmehr in solcher Weise, daß auch jedes andere Element der Natur seine Erfüllung findet.
Bisweilen verschmelzen die Intentionen von Mensch und Natur miteinander. Ich spreche jetzt stark vereinfacht: Vielleicht wünschen zum Beispiel diejenigen, die in eine Überschwemmung geraten, unbewußt, daß die Vergangenheit von ihnen »weggewaschen« wird, oder sie wollen einfach von einer Flut vitaler Gefühle überschwemmt werden, mit denen solche Katastrophen häufig einhergehen. Sie wollen die Macht der Natur neu und tiefer erleben, und oft dient ihnen die Erfahrung dazu, ungeachtet des Ruins ein neues Leben zu beginnen.
Menschen, die anders orientiert sind, werden alle möglichen Gründe finden, um ein solches Gebiet zu verlassen. So entdeckt man vielleicht plötzlich anderswo die große Chance, was zu einer überstürzten Abreise zwingt. Man verläßt auf bloßen Verdacht hin plötzlich die Gegend, um einen neuen Job zu finden, oder faßt den spontanen Entschluß, einen Freund in einem anderen Staat aufzusuchen. So werden diejenigen, deren Intentionen in dieser Hinsicht mit denen der Natur nicht übereinstimmen, auch nicht an diesem Massengeschehen teilnehmen. Sie werden aufgrund von Informationen aus dem Bezugssystem 2 rechtzeitig Schritte unternehmen. Diejenigen, die bleiben, beschließen aufgrund derselben Informationen, an dem bevorstehenden Geschehen teilzunehmen. (Lange Pause.)
Wenn ihr in die Zeit und das körperliche Leben eintretet, sind euch seine Bedingungen schon bekannt. Ihr seid biologisch und psychisch prädisponiert, in dieser reichen Umgebung zu wachsen, um auf allen Ebenen zur Erfüllung der Ziele eurer Gattung, der Menschheit, beizutragen, darüber hinaus jedoch um eure eigene ganz einmalige Sichtweise und Lebenserfahrung in die größeren Bewußtseinsmuster einzubringen, von denen ihr einen Teil bildet.
Ihr beginnt gerade die innigen Verknüpfungen zu verstehen, die in eurer räumlich-materiellen Umwelt bestehen. Noch viel komplizierter jedoch sind die psychischen Verknüpfungen. Sie sind dergestalt, daß die Träume und Gedanken eines jeden Individuums sich mit denen jeder anderen Person verweben und so ständig wechselnde Muster von Wünschen und Absichten bilden. Einige davon tauchen als Ereignisse auf dem physischen Lebensplan auf, andere wiederum nicht.
Macht Pause. (22.37 bis 22.55 Uhr.)
Ende des Diktats.
(Obgleich Seth das Buchdiktat für diesen Abend als abgeschlossen bezeichnete, stand das erste Thema, das er nun aufgriff - mein Traum von gestern früh - ganz bestimmt im Zusammenhang mit den Feststellungen, die er unmittelbar vor der Pause gemacht hatte. Auffallend war diese: »
Wenn ihr in die Zeit und das körperliche Leben eintretet, sind euch seine Bedingungen schon bekannt.« Ich denke, mein Traum liefert eine vortreffliche Illustration dieses Gedankens. Ich hatte gestern mit Jane über den Traum gesprochen und beabsichtigt, Seth zu bitten, an diesem Abend etwas darüber zu sagen, falls er es nicht von sich aus täte. Ich will nicht geradezu behaupten, daß der Traum das Material für heute abend inspiriert habe oder daß er präkognitiv in dem Sinne gewesen sei, daß ich seine Thematik für heute abend »aufgeschnappt« und den Traum um einen Teil davon gewoben hätte, um mir selber diese besondere Information zu geben. Vielleicht hätte ich Seth wegen solcher Möglichkeiten befragen sollen, aber ihre Implikationen waren mir noch nicht klar, während er sprach und ich mit Aufschreiben beschäftigt war.
Ich zitiere im folgenden aus meinem Traumnotizbuch, wobei ich das Alter aller Beteiligten zum besseren Verständnis beifüge: Traum, Dienstag morgen, 7. März 1978.
Sehr lebhaft und wie gewöhnlich in Farbe. Ich träumte, ich sei in der Küche unseres Hügelhauses in Elmira und im Begriff, nach draußen in den Hinterhof zu gehen. Meine Mutter, die vor fünf Jahren mit 81
Jahren starb, war bei mir. In dem Traum waren sowohl sie wie ich von unbestimmtem Alter, und ich glaube, sie sagte mir, was ich da draußen zu erwarten hätte. Doch wußte auch ich, was mir bevorstand.
Draußen auf dem Rasen erblickte ich dann meinen verstorbenen Vater und seine Mutter. Mein Vater war auch 81 Jahre alt gewesen, als er vor sieben Jahren starb. Seine sehr alte Mutter war 1926 gestorben, als ich sieben Jahre zählte.
Ein sehr ungewöhnlicher Traum. Mein Vater und seine Mutter warteten auf mich. Das Eigentümliche war, daß Großmutter Butts wesentlich jünger aussah als ihr Sohn, mein Vater. Sie war Ende Dreißig oder Anfang Vierzig, eine schöne Frau mit glattem braunem Haar und faszinierenden blaugrünen Augen, die etwas Magnetisches hatten.
Jetzt war meine Großmutter auf den Knien; aufrecht kniete sie im Gras. Ich sank vor ihr auf die Knie. Wir begrüßten uns wie alte Freunde, umfaßten uns mit den Armen, während wir miteinander sprachen, und küßten uns lebhaft. Wir waren so froh, einander zu sehen! Ich erinnere mich an die Beine meines Vaters, der neben uns stand. Doch blieb er den ganzen Traum hindurch eher schattenhaft, nicht annähernd so wirklich wie seine Mutter. Auch meine Mutter seine Frau - sah ich nicht viel klarer. Wir alle sprachen miteinander, doch kann ich mich des Gesagten nicht entsinnen; ich weiß nur, daß unsere Begegnung einen freudigen Anlaß hatte.
Ich kann mich nicht an andere Träume dieser Art erinnern. Ich erwachte, als der Traum zu Ende war - oder aus meiner Wahrnehmung schwand - mit dem sicheren Gefühl, daß er etwas ganz Ungewöhnliches darstellte. Jane rührte sich im Halbschlaf neben mir, und ich sagte ihr, daß ich einen großartigen Traum gehabt hatte. Ich beschrieb ihn ihr in allen Einzelheiten, als wir gegen sieben Uhr aufstanden.
Hier nun, was Seth zu diesem Traum zu sagen hatte:) Euren Begriffen zufolge ist die Mutter deines Vaters bereit, von neuem in den Raum eurer Zeit einzutreten. Dein Vater hat dich ihr gezeigt und hat sie auch mit anderen lebenden Familienmitgliedern bekanntgemacht, die noch in der Zeit sind. Viele Individuen tun dies, sie werden psychisch noch lebendiger Verwandter gewahr, auch wenn sie einander im Leben vielleicht nie begegnen werden.
Zum Beispiel mögt ihr euch im Leben allein fühlen, wenn alle eure Verwandten gestorben sind. Gleichermaßen vergewissert ihr euch oft, daß frühere Freunde oder Verwandte vor euch bereits da sind, wenn ihr ins Leben tretet.
(Der Traum wirft zahlreiche Fragen auf, auf die Seth nicht weiter einging und die zu bedenken ich Ihnen anheimstelle: Reinkarnation, die Verschiebung von Lebensaltern und die Zeitunabhängigkeit der Erinnerung im Traumzustand und so weiter. Ich habe tatsächlich ein paar klar bewußte Erinnerungen an Großmutter Butts; als ich sie das letzte Mal sah, war sie krank, einige Monate vor ihrem Tod vor 52
Jahren. Doch sonderbarerweise kann ich leichter bewußt akzeptieren, daß meine Großmutter vor über einem halben Jahrhundert starb, als die Tatsache, daß mein Vater und meine Mutter schon seit sieben beziehungsweise fünf Jahren tot sind.
Seth beendete die Sitzung, nachdem er anschließend an dieses Traummaterial noch kurz auf ein paar andere Dinge eingegangen war, um 23.05 Uhr.)
Sitzung 827, Montag, den 13. März 1978
(Heute nachmittag erhielt Jane von ihrem Herausgeber und Cheflektor Tam Mossman per Post einen Andruck des Schutzumschlages zu ihrem Buch über William James. Zum erstenmal sahen wir die vom Verlag vorgesehene Gestaltung desselben, und wir fanden ihn sehr gut. - 21.59
Uhr.)
Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Ein Potpourri. Die Vererbung spielt eine weit geringere Rolle in der Charakterbildung, als allgemein angenommen wird. Ebenso verhält es sich mit der Umwelt, wie sie gemeinhin verstanden wird.
Eure zu Glaubenssätzen erhärteten Überzeugungenen machen euch jedoch von vornherein geneigt, Erfahrungen nach den Kriterien von Vererbung und Umwelt zu interpretieren, so daß ihr in erster Linie diese beiden Faktoren als primär verhaltensbestimmend ins Auge faßt.
Deswegen entgehen manche weitreichendem, menschlichem Tun und Lassen zugrunde liegenden Organisationsmuster eurer Aufmerksamkeit fast völlig. Immer wieder lest ihr Berichte über Menschen, die sich beispielsweise von fiktiven Personen oder Persönlichkeiten aus der Vergangenheit oder von völlig Fremden viel stärker angezogen fühlen als von ihren eigenen Familienangehörigen. So etwas gilt als Kuriosum.
Die Persönlichkeit des Menschen ist viel offener für Anregungen aller Art, als man gemeinhin annimmt. Wenn man der Ansicht ist, das Selbst beziehe seine Informationen lediglich aus dem Materiellen, dann freilich kann man menschliche Motivation nicht anders als durch Vererbung und Umwelt bestimmt sehen. Wenn ihr jedoch erkennt, daß der Persönlichkeit auch andere Informationsquellen als die rein materiellen zur Verfügung stehen, dann müßtet ihr euch zu fragen beginnen, welche Auswirkungen diese Gegebenheiten auf die Charakterbildung und das individuelle Wachstum haben. Kinder haben einen Charakter schon bei der Geburt, und ein vollständiger wahrscheinlicher Lebensplan existiert dann schon ebenso sicher wie der wahrscheinliche Plan für den Körper der Erwachsenen, die sie einmal sein werden.
Das Bewußtsein bildet die Gene, und nicht umgekehrt, und das der Geburt harrende Kind steuert durch die Chromosomenstruktur neues Material bei.* Das Kind nimmt auch von Geburt an viel mehr
* Chromosonen sind fadenförmige Gebilde, »Kernschleifen«, in den Zellkernen von Organismen, die das Erbgut eines Lebewesens enthalten, die Gene. Bei der Zellteilung verdoppelt sich ihre Anzahl.
konkretes Geschehen wahr, als man denkt. Doch davon abgesehen nutzt das Kind die ersten Lebensjahre, um - besonders im Traumzustand -
andersgeartetes Material zu erforschen, das seinen eigenen Phantasien und Absichten entspricht, und es erhält einen ständigen Strom von Informationen, der überhaupt nicht von seiner Vererbung oder seiner Umwelt abhängt.
Von da her weiß das Kind zum Beispiel um seine zur gleichen Zeit geborenen Altersgenossen. Der »individuelle« Lebensplan eines jeden Menschen hat seinen Platz im Gesamtgefüge der Lebenspläne seiner gleichaltrigen Mitmenschen. Diese Pläne werden dem einen vom anderen mitgeteilt, und augenblicklich werden Wahrscheinlichkeiten im Bezugssystem 2 in Bewegung gesetzt. Unter Umständen werden Wahrscheinlichkeiten kombiniert und zum Teil festgelegt, so daß zum Beispiel Individuum A dreißig Jahre später Individuum B auf einem Marktplatz treffen wird - wenn dies den Absichten der beiden Beteiligten entspricht. Es wird im Leben eines jeden Menschen gewisse Begegnungen geben, die Meilensteine darstellen und die als große Wahrscheinlichkeiten oder als Pläne angelegt waren, in die der Mensch hineinwächst.
Es gibt also Ereignisgestalten, die ihr auf eine bestimmte Weise materialisiert in fast der gleichen Weise, wie ihr die Körpergestalt eines Erwachsenen aus der Struktur des Fetus materialisiert. So gesehen arbeitet der Körper mit stofflichem Material - obwohl die Zellen, Moleküle und Atome eines jeden Organismus, wie schon oft erwähnt, wiederum ihr eigenes Bewußtsein und ihre eigene Wirklichkeit haben.
Euer mentales Leben hat offensichtlich mit psychischem Geschehen zu tun. Doch wächst das Kind unterhalb der Schwelle sinnlicher Wahrnehmung der mentalen Gestalt von Geschehnissen entgegen, die sein Leben ausmachen werden. Die ganz besonderen Absichten, die jedem Individuum eigentümlich sind, sind also im Bezugssystem 2 vorhanden, und mit der Geburt beginnen diese Absichten unverzüglich, sich der stofflichen Welt von Bezugssystem 1 aufzuprägen.
Die Geburt eines jeden Kindes verändert ganz offensichtlich die Welt, denn sie setzt augenblicklich eine psychische Bewegung in Gang, die die Vorgänge in Bezugssystem 1 und 2 gleichermaßen beeinflußt.
(22.26 Uhr.) So mag zum Beispiel ein Kind geboren werden, das musikalisch begabt ist. Sagen wir, das Kind sei ungewöhnlich begabt.
Bevor es alt genug ist, sich irgendeiner Ausbildung zu unterziehen, wird es gleichwohl die wahrscheinliche Richtung kennen, die es für die Musik während seiner Lebenszeit einschlagen wird. Es wird im Traumzustand mit anderen künftigen jungen Musikern bekannt werden, obwohl auch sie noch Kleinkinder sind. Wieder werden Wahrscheinlichkeiten in Bewegung gesetzt, und die Absicht eines jeden Kindes macht sich nach außen hin geltend. Viele solcher Kinder werden, ihrer besonderen Zielsetzung gemäß, auch mit Musik der Vergangenheit bekannt werden.
Dies gilt in größerem oder geringerem Maße für jeden Tätigkeitsbereich. Jeder Mensch trägt zur Weltszene bei, und die Absichten eines jeden Individuums vervielfachen sich, in Addition zu denen jedes anderen lebenden Menschen. Die Lebenserfüllung des Einzelmenschen stellt die Voraussetzung für die Leistungen und Errungenschaften eurer Welt dar.* Und mangelnde Lebenserfüllung erzeugt natürlich jene Mangelerscheinungen, die, gleichfalls sichtbar werden.
Geduldet euch einen Moment... Manche von euch haben Geschwister. Andere sind Einzelkinder. Eure Vorstellungen von Individualität sind euch sehr hinderlich. Jeder Teil des Bewußtseins enthält - um es nochmals zu sagen - außer sich selbst die Potentiale aller anderen Individualformen von Bewußtsein. Daher sind eure persönlichen Informationen über die Welt nicht annähernd so privat, wie ihr
* Seths Material über individuelle Kreativität erinnerte mich sofort an eine seiner Mitteilungen in dem persönlichen und daher ausgelassenen Teil der Sitzung 580 vom 12. April 1971. Ich bin kürzlich daraufgestoßen, als ich nach einigen anderen Hinweisen suchte. (Der Hauptteil der Sitzung 580 war dem Kapitel 20 der »Gespräche mit Seth« gewidmet.) Ich habe das folgende Zitat so gern, daß ich für uns Abschriften angefertigt habe, um bei Bedarf darauf zurückzukommen, eine davon habe ich an der Wand meines Arbeitszimmers angeheftet. Dies ist ein typisches Beispiel dafür, wie etwas Gutes verlorengehen kann in der unablässig anwachsenden Fülle des Seth-Materials; selbst mit unseren Versuchen, eine Art Index aufzustellen, ist es sehr schwierig, allen Einzelheiten auf der Spur zu bleiben:
»Ruburt ist, wie du weißt, überaus kreativ. Was den meisten Künstlern nicht bewußt wird, ist die Tatsache, daß das Selbst die erste Schöpfung ist. Sie betrachten sich selbst nicht als Produkt ihrer eigenen Kreativität. Ruburt hat dank seiner schöpferischen Energie stets die Verfassung des inneren Selbst, dessen Tätigkeiten und innere Einstellungen in vollendeter Weise gespiegelt und sogar ein wenig übertrieben.«
Daraus läßt sich schließen, daß sich Seths Bemerkung offensichtlich nicht nur auf Kunstschaffende, sondern auf jedermann bezieht.
annehmt, denn hinter der vordergründigen Erfahrung eines jeden Geschehens verfügt jeder einzelne von euch aus höherdimensionalen Wirklichkeiten zu allem Geschehen über Informationen, die ihr normalerweise nicht wahrnehmt.
Wenn ihr in irgendein Geschehen, an dem ganze Gruppen beteiligt sind, verwickelt seid, von einem Konzert bis hin zu einer Lawine, dann seid ihr auf einer anderen Ebene all der Aktionen gewahr, die zu dieser besonderen Teilnahme führen. Wie Gebäude aus Ziegeln zusammengesetzt sind, so werden Ereignisse, die Massen betreffen, durch viele kleine unsichtbare Geschehnisse aufgebaut - wobei sich jedes ganz akkurat in eine Art psychologisches Baugerüst einfügt, an dem jeder von euch psychisch beteiligt ist. Dies trifft gleichermaßen auf Massenbekehrungen wie auf Naturkatastrophen zu.
Ende des Diktats - dies war Diktat.
(22.43 Uhr. Im Fortlauf der Sitzung hatte ich gehofft, daß sie weiterhin dem Diktat dieses Buches galt; schließlich beschloß ich, das Folgende dem Buch einzufügen, auch wenn es natürlich kein Buchdiktat ist. Es betrifft einen sehr lebhaften Traum, den Jane vorgestern hatte, und Seths Deutung von heute abend. Wir legen dieses Traummaterial hier vor, weil es Elemente von allgemeinem Interesse enthält und auf bestimmte Punkte eingeht, die in manchen Leserbriefen angesprochen wurden. Janes Traum macht mich ein bißchen neidisch (selbst wenn einem solchen Vorkommnis ein Element der Angst anhaftet), da ich mich nicht entsinnen kann, je einen solchen Traum gehabt zu haben. Sie schrieb:
»Traum, Samstag nachmittag, 11. März 1978.
Ich hielt ein Mittagsschläfchen und erwachte mit der Erinnerung an folgende Traumerfahrung: Zunächst war ich in einem Raum und fragte eine Gruppe von Leuten nach »dem Rat« - ich wollte wissen, ob es so etwas gäbe. Im selben Moment erschien ein weißes Licht von Türbreite vom Boden herauf bis zur Decke, mit einigen Symbolen darin oder darauf. Augenblicklich fuhr ich durch die Luft aufwärts dahinein, wobei ich mit großer Geschwindigkeit aus dem Raum aufstieg. Ich bekam es mit der Angst zu tun und wollte zurückkehren; ich glaube, ich hatte Angst, völlig mitgerissen zu werden. Ich weiß nicht, was ich sah. Ich kehrte augenblicklich in den Raum zurück, ohne mich entsinnen zu können, wie.
Später bin ich in einem spiritualistisch anmutenden Konsultationsraum und erzähle einer Frau meine Erfahrung. Als ich ihr sage, daß ich die Autorin des Seth-Materials bin, ist sie ziemlich betroffen und sagt, daß man es nicht akzeptiere. Mir ist das egal.
Dazu Seth:)
Ruburt hat also nach einem Rat gesucht. Er war ein Ratsuchender, der höchster Weisung bedurfte, und so wurde daraus »der Rat« - ein vortreffliches Wort übrigens, das hier für die tiefinnerste und zugleich erhabenste Weisung steht, die jedem Individuum zugänglich ist.
Er suchte nach einem Zustand höheren Bewußtseins, der eine einzigartige und doch universale Quelle der Information und Offenbarung darstellt. Eine solche Quelle gibt es für jedes Individuum, ganz gleich, wie sie gedeutet wird. Das weiße Licht ist ein bezeichnendes Symbol in solchen Fällen. Er konnte sich die Information nicht zu eigen machen und bekam doch einigermaßen Angst vor der Ungeheuerlichkeit der damit verbundenen Erfahrung, als ob das uralte und doch neue Wissen, das zu suchen er seine persönlichen Gründe hatte, so allumfassend wäre, daß seine eigene Individualität Schwierigkeiten haben könnte, es zu verarbeiten und gleichzeitig den eigenen notwendigen Bezugsrahmen beizubehalten. Eine solche Reaktion ist völlig natürlich, einfach wegen der Ungewohntheit derartiger Erfahrungen.
Doch wurde er in jenem Licht gebadet, davon erfüllt und erfrischt und zu neuen Einsichten geführt, die nun in seiner Erfahrung schubweise auftauchen werden, so daß er sie sich in seinem alltäglichen Bezugsrahmen aneignen kann. Übersetzungen finden also selbst in diesem Augenblick statt. Auch der Kontakt wird wieder hergestellt werden.
(Nachdem Seth mehrere Minuten auf einiges andere Material für Jane verwendet hatte, sagte er um 23.10 Uhr gute Nacht.) Sitzung 828, Mittwoch, den 15. März 1978
(21.53 Uhr.) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Nun: Der Mensch der Frühzeit, wie ihr ihn geschichtlich seht, stand in einer bewußteren Beziehung zum Bezugssystem 2 als jetzt ihr.
Wie Ruburt in »Psychic Politics« erwähnte, gibt es viele Abstufungen von Bewußtsein, und wie ich in der »Natur der Psyche - ihr menschlicher Ausdruck in Kreativität, Liebe, Sexualität« erwähnte, gebrauchte der Mensch der Frühzeit sein Bewußtsein vornehmlich für andere Wahrnehmungen als die, mit denen ihr vertraut seid. So empfand er zum Beispiel häufig das, was ihr als Produkte der Einbildungskraft bezeichnen würdet, als Sinneswahrnehmungen, die mehr oder minder die körperlich-materielle Erscheinungswelt widerspiegeln.
Imagination oder Einbildungskraft ging stets mit Kreativität einher; erst als dann der Mensch sich auf das begrenzte Bewußtsein einzustellen begann, dem es hauptsächlich um Ursache und Wirkung zu tun war, nahm er nicht länger die Schöpfungen seiner Imagination als Tatsachen seiner Wirklichkeit wahr. Der Mensch der Frühzeit eurer Geschichte hatte begriffen, daß beispielsweise Krankheit ebensosehr wie Gesundheit ursprünglich das Ergebnis der Einbildungskraft war, denn er erlebte viel unmittelbarer die Effizienz seiner brillanten Imagination. Die Verbindungslinien zwischen imaginativer und stofflich-körperlicher Erfahrung haben sich für euch verwischt, und natürlich sind sie auch von anderen Glaubensvorstellungen und den Erfahrungen, denen solche Vorstellungen zugrunde liegen, überdeckt.
Ich stelle das hier sehr vereinfacht dar. Es ist viel komplizierter -
und doch nahm zum Beispiel der Mensch der Frühzeit die Tatsache wahr, daß niemand eine körperliche Verletzung erleidet, ohne dieses Geschehen auf die eine oder andere Weise in seiner Vorstellung vorweggenommen zu haben. Daher wurden auch imaginative Behandlungsmethoden angewandt: ein körperliches Leiden wurde kraft Imagination geheilt - und in jenen Tagen zeitigten solche Heilverfahren ihre Wirkung.
Ungeachtet allen Besserwissens eurer Geschichtsbücher waren jene Männer und Frauen der Frühzeit völlig gesund. Sie hatten starke Knochen, gute Zähne. Doch gingen sie mit ihrer Alltagswelt, der Stoff-und Dingwelt, durch bewußten Einsatz der Imagination auf eine Weise um, die heute überaus schwierig zu verstehen ist. Sie wußten um den Tod und erkannten sich als sterblich, doch ihr tieferes Gewahrsein von Bezugssystem 2 ermöglichte ihnen eine umfassendere Identifikation, und so verstanden sie auch, daß der Tod nicht nur eine Naturnotwendigkeit, sondern auch eine Gelegenheit für andere Arten der Erfahrung und Entwicklung ist.*
* Vergleichen Sie die Fußnote zu Sitzung 803, Seite 49 f.
(Lange Pause um 22.10 Uhr.)
Sie empfanden ganz unmittelbar ihre Verbundenheit mit der Natur, die ihnen in einer völlig anderen Weise als euch zur Erfahrung kam. Sie fühlten, daß sie der erweiterte Ausdruck ihrer eigenen Stimmungen und Temperamente war, die Materialisierung von psychischen Geschehen, die zu gewaltig waren, als daß der Körper irgendeines Einzelmenschen oder einer Gruppe sie hätte enthalten können. Sie fragten sich, wohin ihre Gedanken gingen, nachdem sie sie gehabt hatten, und sie stellten sich vor, daß diese Gedanken irgendwie zu den Vögeln und Felsen, Bäumen und Tieren wurden, die selbst in immerwährender Wandlung begriffen waren.
Doch fühlten sie auch, daß sie sie selber waren, daß sie als Menschenwesen einer Dimension der Natur Ausdruck gaben, die zu großartig war, als daß sie im Rahmen der sichtbaren Natur hätte enthalten sein können, und sie wußten, daß die Natur sie, die Menschen, brauchte, da sie ihr eine Stimme anderer Art verliehen. Als Menschen sprachen sie für sich selbst; doch weil sie sich so sehr als Teil der natürlichen Umwelt empfanden, waren sie auch Sprecher der Natur und all ihrer Geschöpfe.
In euren Deutungen der Natur bleibt viel Unverständliches. Die Menschen der damaligen Welt wußten, daß in der Natur Gleichgewicht herrscht. Menschen und Tiere müssen sterben. Fiel ein Mensch, wie das manchmal geschah, einem Tier zur Beute und wurde verzehrt, so mißgönnten seine Gefährten dem Tier seine Beute nicht - wenigstens nicht in einem tieferen Sinne. Und wenn sie selber Tiere erlegten und beispielsweise deren Herz aßen, so geschah das nicht nur, um sich die »
starken Herzen« oder die Furchtlosigkeit der Tiere anzueignen, sondern es trat darin auch die Absicht zutage, diese Eigenschaften zu bewahren, so daß jedes Tier in den Erfahrungen der Menschen gewissermaßen fortleben würde.
Die Menschen jener Zeiten schützten sich vor Unwettern, doch sie verargten dem Unwetter nicht die Gefährten, die ihm zum Opfer fallen mochten. Ihr Bewußtsein wechselte einfach vom Bündnis mit dem Selbst-im-Körper zum Bündnis mit dem Selbst-im-Unwetter über. Die Intentionen von Mensch und Natur waren weitgehend identisch und wurden auch so verstanden. Damals fürchtete der Mensch die Elemente nicht, wie man heute gern annimmt.
(22.25 Uhr.) Manche Erfahrungen des Menschen der Frühzeit würden euch heute ganz fremdartig erscheinen. Doch in gewissen Formen wiederholen sie sich durch die Jahrhunderte. Der Mensch der Frühzeit nahm sich selbst als Individuum wahr. Er fühlte, daß die gewaltige Macht seiner Emotionen in den Naturkräften ihren Ausdruck fand. Er projizierte sich selbst in die Natur, in den Himmel, und erschuf dort in seiner Vorstellung personifizierte Träger dieser Naturkräfte, die viel später dann beispielsweise als die anthropomorphen Götter des Olymps fortlebten. Er nahm jedoch die Lebenskraft auch noch im Geringsten der Natur wahr, und, noch unberührt von jeglicher Einschränkung seiner Wahrnehmungsfähigkeit, war er sich seiner Verbindung mit jedem Individualbewußtsein gegenwärtig, auch dem geringsten. Seine Version dieser Sicht der Natur fand viel später dann in dem »kleinen Volk« der Natur- und Elementargeister ihren Ausdruck.
Vor allem aber war sich der Mensch der Frühzeit des Ursprungs der Natur bewußt.
Staunen erfüllte ihn ob der immerwährend neuen Entdeckungen seines Bewußtseins. Er hatte den Bewußtwerdungsprozeß noch nicht mit der Scheineleganz glatter Kontinuität überdeckt, die euer Bewußtsein jetzt angenommen hat. So war er, wenn er einen Gedanken hatte, von Neugier erfüllt: Woher ist er gekommen? Sein Bewußtsein war ihm also ein Quell immerwährenden Entzückens, in seinen wechselnden Qualitäten so wahrnehmbar und offensichtlich wie der wechselnde Himmel. Die Glätte, die Ebenheit eures Bewußtseins wurde daher - im Sinne des zuvor Gesagten - auf Kosten bestimmter anderer Erfahrungen, die früher möglich waren, erworben. Ihr könntet nicht in der Welt eurer Gegenwart leben, wenn euer Bewußtsein noch so verspielt, neugierig und schöpferisch wäre, wie es einmal der Fall war, denn auch die Zeit wurde damals ganz anders erfahren.
Ihr mögt das schwierig zu verstehen finden. Doch was ihr jetzt erkennt, entstammt ebensosehr dem Reich der Imagination wie jene Erfahrungen, die der Mensch der Frühzeit als wirklich erlebte, die ihr jedoch als Halluzinationen, als bloße Einbildung bezeichnen würdet.
Es scheint für euch auf der Hand zu liegen, daß gigantische Naturprozesse völlig außerhalb eures Wirkungskreises liegen. Ihr meint, keinerlei Anteil an der Natur zu haben, abgesehen von der technologischen Kontrolle, die ihr über sie ausübt, und dem Schaden, den eure Technologie in ihr anrichtet. Ihr gebt zu, daß das Wetter einen Einfluß auf eure Gemütslage hat; doch den Gedanken, es könnten irgendwelche tieferen psychischen Zusammenhänge zwischen euch und den Elementen bestehen, würden die meisten von euch als absurd von der Hand weisen.
(22.40 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Ihr gebraucht allerdings Redewendungen wie »von Gefühlen überschwemmt werden«
und andere sehr intuitive Feststellungen, die eure eigene tiefere Erkenntnis von Vorgängen zeigen, die euch völlig entgehen, solange ihr sie durch die Vernunft allein betrachtet. Tatsächlich lädt der Mensch die Unwetter ein. Er sucht sie sich aus, denn gefühlsmäßig versteht er sehr wohl, welche Rolle sie in seinem persönlichen Leben spielen und daß sie eine Naturnotwendigkeit sind. Durch die Offenbarungen der Urgewalten der Natur erfühlt der Mensch den gemeinsamen Ursprung seiner selbst und der Natur, und er weiß, daß diese Urgewalt tiefe emotionale Einsichten in ihm zu wecken vermag, Einsichten, deren er für seine eigene seelische und spirituelle Höherentwicklung bedarf.
Der Tod ist kein Ende, sondern eine Transformation des Bewußtseins. Die Natur mit ihren wechselnden Jahreszeiten verkündet euch diese Botschaft unablässig. Im Lichte dieses Verständnisses gesehen fordern die Katastrophen der Natur keine Opfer: Natur und Mensch spielen miteinander ihre notwendigen Rollen im größeren Rahmen der Wirklichkeit.
Die Vorstellungen jedoch, die ihr über den Tod und die Natur hegt, zwingen euch, Mensch und Natur als Widersacher zu sehen. Aufgrund dieser Vorstellungen ist die Art und Weise, wie ihr solche Vorkommnisse erlebt, schon vorprogrammiert, und so bestätigen sie nur, was ihr glaubt.
Wie ich schon früher erwähnte (in Sitzung 821), hat sich jeder Mensch, der von einer Epidemie oder einer Naturkatastrophe betroffen wird, aus persönlichen Gründen für diese Umstände entschieden. Solche Erfahrungen können dem Individuum das Gefühl eines umfassenden Einsseins vermitteln - manchmal erscheint sogar sein Leben wie von einem ganz neuen Sinn erfüllt, auch wenn dies dem üblichen Denken als Ungereimtheit erscheinen muß.
Ende des Diktats.
(22.51 Uhr. Nachdem Seth eine halbe Seite Anmerkungen für Jane durchgegeben hatte, beendete er die Sitzung um 22.58 Uhr.) Sitzung 829, Mittwoch, den 22. März 1978
(Letzten Montag abend gab Seth eine ganz kurze persönliche Sitzung für Jane, die, wie sich herausstellte, bei doppeltem Zeilenabstand genau eine Schreibmaschinenseite mit Informationen ergab. Seth sagte, daß er »ganz spezielles Material für Ruburt« vorbereite; doch abgesehen von dem wohligen Gefühl des Entspanntseins, das Jane seither empfindet, harren wir noch der Dinge, die da kommen sollen.
Hinsichtlich Jane meine ich mit Entspannung etwas anderes, als man vielleicht vermuten könnte. Wie sie es einmal formulierte:
»Es ist eine Art - fast möchte ich sagen: profunde -
Superentspannung, geistig und körperlich zugleich. Etwas völlig anderes als Gähnen, obwohl ich vielleicht gähnen möchte. Sie wird begleitet von einer eigentümlichen Empfindung innerlichen Sinkens, ein langsames Absinken unter die Wirklichkeiten, die wir gewöhnlich wahrnehmen...
Eine derartige Entspannung ist also fast wie eine erweiterte biologische Einsicht.«
Jane wollte ungeachtet ihrer überaus angenehmen Verfassung die Sitzung abhalten. »Ich denke, ich kenne sein Thema für heute abend«, sagte sie, »aber ich weiß nicht, ob es Diktat wird oder nicht...« Dann nahm sie ihre Brille ab, als sie in Trance ging. - 21.30 Uhr.) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Nun: Auch Tiere bedienen sich der Imagination. Sie verfügen über Vorstellungskraft, was immer ihr zur Zeit darüber denkt. Der Mensch allerdings ist so begabt, daß er seine Erfahrungen steuert und seine Zivilisationen und Kulturen weitgehend durch den Gebrauch seiner imaginativen Fähigkeiten erschafft.
Dieser Punkt ist euch überhaupt nicht klar. Dessenungeachtet gründen sich eure gesellschaftlichen Organisationsformen, zum Beispiel selbst eure Regierungen, auf imaginative Prinzipien. Die Grundlage eurer innersten Erfahrung wie auch die all eurer Organisationsformen beruhen auf einer Wirklichkeit, die von den Institutionen selbst, die ihr ihre Entstehung verdanken, nicht anerkannt wird.
Es geht jetzt auf Ostern (26. März) zu, die jährliche Feier eines Geschehens, das als historische Tatsache betrachtet wird: die
[Auferstehung und] Himmelfahrt Christi.* Ungezählte Millionen haben auf die eine oder andere Weise dieses Geschehen durch die Jahrhunderte gefeiert. Privatleben, allgemeine Feststimmung und religiöse Inbrunst gingen ineinander auf. Zahllose öffentliche Festlichkeiten, Feiern im Schoße der Familie und kirchliche Gottesdienste wurden abgehalten an längst vergessenen Ostersonntagen. Aus dem gleichen Anlaß wurden allerdings auch blutige Kriege geführt und fanden Verfolgungen statt, in denen Menschen, die die Dogmen der einen oder anderen Glaubenslehre nicht anerkannten, um des Seelenheils willen ums Leben gebracht wurden.
* Ich ergänzte Seths Aussage durch »Auferstehung und«, weil Jane mir sagte, daß der allgemeinen Lehre zufolge die Auferstehung Christi von den Toten sich am Ostersonntag, am dritten Tage nach seiner Kreuzigung, ereignete, wogegen seine Auffahrt zum Himmel später stattfand - 40 Tage später, wie es in der Apostelgeschichte des Lukas (1, 10) heißt. Soweit uns bekannt ist, steht Seths Folgerung, daß Auferstehung und Himmelfahrt Christi am selben Tag stattfanden, im Widerspruch zum allgemeinen Glauben.
»Hier schien Seth die beiden Geschehnisse ineinander zu teleskopieren,
« schrieb Jane, »oder sich auf beide miteinander zu beziehen, als ob da für ihn kein Unterschied bestünde... Vielleicht legt Seth nahe, daß die Himmelfahrt das Hauptmoment in der Christusgeschichte sei und weniger die Auferstehung, oder er sagt uns, daß die beiden Ereignisse, thematisch miteinander verflochten, als ein einziges betrachtet werden können.« Da wir nicht willkürlich etwas an Seths Texten ändern, stehen hier seine Erwähnung der Himmelfahrt statt der Auferstehung und eine ähnliche, die gleich folgen soll, so da, wie sie gegeben wurden.
Jane und ich haben auch Forschungsberichte über das »Neue Testament
« zu Rate gezogen und entdeckt, daß einigen Bibelforschern zufolge von den vier Evangelien (des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, in dieser Reihenfolge) diejenigen des Lukas und des Johannes so gelesen werden können, daß Auferstehung und Himmelfahrt am selben Tag stattgefunden haben. Doch in der Apostelgeschichte postuliert Lukas das 40-Tage-Intervall zwischen den beiden Ereignissen. Aufgrund solcher Widersprüche stellt sich beim Studium der Evangelien und verwandten Materials Verwirrung ein. Jesus Christus selbst hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, und es gibt auch keine Berichte über sein Leben seitens unmittelbarer Augenzeugen oder auch nur Zeitgenossen.
Einige Gelehrte behaupten zwar, das Markusevangelium sei früher entstanden, doch wurden den meisten Bibelforschern zufolge die Evangelien erst zwischen den Jahren 65 und 110 n. Chr. geschrieben. In diesen gibt es jedenfalls viele Übereinstimmungen, aber auch Unstimmigkeiten und Lücken, die Fragen aufwerfen: Warum wird die Auferstehung nicht beschrieben?
Warum gibt es so wenige Hinweise auf die Himmelfahrt? Matthäus zum Beispiel erwähnt sie überhaupt nicht, und Paulus spielt in seinen Schriften nur einmal darauf an (1. Timotheus 3, 16). Ist die Berichterstattung des Lukasevangeliums nur schematisch statt chronologisch? Wenn wirklich Zeit (bis zu 40 Tagen) zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi verging, wo befand er sich dann körperlich während all dieser Zeit, abgesehen von den wenigen berichteten Gelegenheiten, bei denen er sich den Frauen, die sein Grab leer gefunden hatten, den Aposteln und einigen anderen offenbarte?
Manchmal kam Christus als eine Erscheinung - aber wie Seth in einer persönlichen Sitzung kommentierte: »Es kann keine Welt geben, in der die auferstandenen Toten sich unter die Lebenden mischen. Einer solchen Auferstehung müßte eine rein spirituelle Existenz folgen.«
Seth hat in dieser Sitzung 829 nicht gesagt, daß Christus gekreuzigt, von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren sei, sondern er bezog sich auf die Interpretation, wie die Christen der Frühzeit ihre eigene schöpferische Christusgeschichte sahen. Seth hat stets betont, daß es einen geschichtlichen Christus nicht gab, wohl aber den biblischen, und daß in der Wirklichkeit des biblischen Dramas Christus tatsächlich gekreuzigt wurde.
(Dies wurde insbesondere in Kapitel 20) der » Gespräche mit Seth« näher erörtert.)
* Seth zufolge überdauerten die alten religiösen Mythen regelmäßig ungefähr zweitausend Jahre.
Es gab geistige Wiedergeburten und Erneuerungen - und auch gottlose Gemetzel um der Bedeutung von Ostern willen. So gesehen sind sicherlich Fleisch und Blut berührt und Menschenleben verändert worden.
Alle religiösen und politischen Strukturen, deren Gültigkeit ihr anerkennt und die sich auf das »Ereignis« der Himmelfahrt Christi gründen, bestanden - und bestehen - aufgrund einer Idee. Die Idee war das Ergebnis eines unerhört großartigen Aktes der Imagination, die dann in die historische Landschaft durchbrach und allen Geschehnissen der Zeit Glanzlichter aufsetzte, so daß sie in der Tat von einem gnadenreichen unirdischen Licht erhellt erschienen.
Die Idee, daß der Mensch den Tod überlebt, war nicht neu. Die Idee des »Herabstiegs« einer Gottheit auf die Erde war uralt. Die alten religiösen Mythen hatten ebenso viele Jahrhunderte überdauert, wie sie das Christentum jetzt erreicht hat.* Doch die wunderbare Verschmelzung der Vorstellungswelt mit der Welt der geschichtlichen Zeit verlor immer mehr an innerem Zusammenhang, so daß schließlich nur noch Riten übrigblieben und die alten Götter die Einbildungskraft nicht mehr ergriffen. Die Zeit war reif geworden für das Christentum.
(21.49 Uhr.) Weil der Mensch die Welt seiner Vorstellung ihrem Wesen nach verkennt, hat er immer so sehr darauf bestanden, seine Mythen als historische Tatsachen darzustellen, denn nur die Tatsachenwelt gilt ihm als wirklich. So muß denn ein Mensch von Fleisch und Blut den über alle Zweifel erhabenen Beweis, daß jeder Mensch, aber auch wirklich jeder, den körperlichen Tod überlebt, liefern, indem der eine stirbt und dann leibhaftig zum Himmel auffährt.
Tatsächlich überlebt jeder Mann und jede Frau den Tod, aber (Mit stiller Heiterkeit) nur eine so auf Buchstäblichkeit versessene Spezies konnte es fertigbringen, auf dem physischen Tod eines Gottesmenschen als Beweis für den Rest zu bestehen.
(Eindringlich:) Noch einmal: Christus wurde nicht gekreuzigt. Der historische Christus, wie ihn die Überlieferung schildert *, war ein Mensch, der von seelischen Wirklichkeiten erleuchtet und von der unendlichen Erkenntnis berührt war, daß jeder Einzelmensch aufgrund seiner Existenz ein Berührungspunkt zwischen dem All-das-was-ist und der Menschheit ist.
Christus sah, daß das Göttliche und das Menschliche sich in jedem Menschen begegnen und daß der Mensch den leiblichen Tod überlebt dank seiner Existenz im göttlichen Sein. All die unsäglichen Greuel, die im Namen der Christenheit begangen wurden, erfolgten ausnahmslos aufgrund des Haftens »am Buchstaben statt am Geist des Gesetzes«, durch Beharren auf buchstäblichen Auslegungen; die zugrunde liegenden spirituellen, imaginativen Ideen jedoch wurden ignoriert.
Noch einmal, der Mensch steuert seine Existenz durch die Entfaltung seiner Vorstellungskraft - eine Leistung, die ihn tatsächlich vom Tier unterscheidet. Was Menschen miteinander verbindet und was sie voneinander trennt, sind die Macht der Ideen und die Kraft der geistigen Vorstellung. Vaterlandsliebe, Familienzusammenhalt, Parteizugehörigkeit - die dahinterstehenden Ideen sind von allergrößter praktischer Auswirkung in eurer Welt. Ihr entwerft euch in Raum und Zeit wie Kinder, indem ihr durch das freie Spiel der Imagination euer Wachstum anregt. Im Augenblick einer körperlich-materiellen Erfahrung färbt ihr sie und die Natur selbst mit den Tönungen eurer einzigartigen Imaginationsprozesse. Sofern ihr nicht wirklich tief und eingehend darüber nachdenkt, bleibt euch die grundlegende Bedeutung der Welt eurer Vorstellung vollständig verborgen, und doch bringt sie buchstäblich eure Erfahrungswelt und die Welt der Massenzivilisation hervor, in der ihr lebt.
* Seth erörterte die Christusgeschichte in verschiedenen Kapiteln des »Seth-Materials« und der »Gespräche mit Seth«.
Die Evolutionstheorie* zum Beispiel ist ein imaginatives Konstrukt, und doch haben jetzt bereits mehrere Generationen die Welt in ihrem Lichte erblickt. Nicht nur denkt ihr anders über euch selbst - ihr erlebt deshalb in euch ein anderes Selbst. Dementsprechend wechseln eure Institutionen ihre Aspekte, so daß die Erfahrung mit den Glaubenssätzen übereinstimmt, die ihr über sie habt. Ihr handelt auf eine bestimmte Weise. Ihr betrachtet das gesamte Universum auf eine Weise, die es vorher nicht gab, so daß Vorstellung und Glaube unmerklich eure subjektive Erfahrung und eure objektiven Umstände strukturieren.
(22.10 Uhr.) In allen übrigen imaginativen Konstrukten empfand sich der Mensch, ihrer jeweiligen Vorzüge oder Nachteile ungeachtet, als Teil eines größeren Plans. Der Planer mochte Gott sein oder die Natur oder der Mensch in der Natur oder die Natur im Menschen. Es mochte viele Götter geben oder nur einen Gott, aber das Universum hatte einen Sinn. Selbst die Idee des blindwaltenden Schicksals gab dem Menschen etwas, wogegen er sich auflehnen konnte, das ihn zum Handeln trieb.
(Sehr eindringlich und ironisch:) Die Idee eines sinnlosen Universums ist für sich ein höchst kreativer Akt. Tiere zum Beispiel könnten sich eine derartige Idiotie nicht vorstellen. Die Theorie eines sinnlosen Universums demonstriert ja die staunenswerte Leistung eines offensichtlich geordneten Intellekts, der sich vorstellen kann, er selbst sei das Ergebnis von Nichtordnung oder Chaos. Das setzt ein Geschöpf voraus, das fähig ist, sein Gehirn »kartographisch« zu vermessen und sich einzubilden, daß die phantastisch geregelte Ordnung des Gehirns aus einer Wirklichkeit habe entstehen können, die selbst jeglichen Sinnes entbehrt. Die Theorie besagt also tatsächlich, daß das geordnete Universum auf magische Weise entstand. Die Verfechter der Evolutionstheorie müssen wohl an einen Gott des Zufalls irgendwo glauben oder an - groß geschrieben - DEN
ZUFALL, denn
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**************************************ezieht sich auf eure individuellen Glaubensvorstellungen über euch selbst und die Art und Weise, wie ihr euch in eurer Vorstellung seht. Wieder einmal habt ihr Krieg zwischen den Juden, den Arabern und den Christen, weil spirituelle Wahrheiten buchstäblich gedeutet werden.In jedem Menschen verbindet sich die Welt der Vorstellung, ihre Macht und Stärke mit der historischen Wirklichkeit. In jedem Menschen ist die höchste und unantastbare und unauslöschliche Macht des All-das-was-ist individualisiert und wohnt im Zeitlichen. Die Imagination des Menschen kann ihn in jene anderen Bereiche tragen - doch wenn er versucht, diese Wahrheiten in zu enge Bezugsrahmen zu zwängen, dann verzerrt und verbiegt er innere Wirklichkeiten, so daß sie zu engstirnigen Dogmen werden.
Macht Pause.
(22.26 bis 22.40 Uhr.)
Nun: Die neueste Ausbreitung der fundamentalistischen Religionen ist als Gegenbeweis gegen die Evolutionstheorien entstanden. Es handelt sich also um eine Überkompensation, denn in der Darwinschen Welt gab es weder tieferen Sinn noch Gebote. Es gab keine Maßstäbe für Recht und Unrecht, so daß große Teile der Völker sich wurzellos fühlten.
Sie kehrten zu autoritären Religionsauffassungen zurück, in der die unbedeutendste Handlung nach Regel und Vorschrift zu erfolgen hat. Sie setzen Emotionen frei und rebellieren somit gegen den Intellektualismus der Wissenschaft. Sie sehen die Welt wieder in den Kategorien von Schwarz und Weiß, wobei in simpelster Weise Gut und Böse säuberlich voneinander geschieden sind, und so bringen sie sich in Sicherheit vor einer eisglatten, entfremdeten Welt, die dem tiefinneren Empfinden des Menschen jeden Rückhalt zu nehmen schien.
Leider beschränken sich die Fundamentalisten welcher Religion auch immer auf buchstäbliche Deutungen intuitiv erfaßter Wirklichkeiten, so daß sie die Kanäle noch weiter verengen, durch die ihre Fähigkeiten psychischer Wahrnehmung fließen könnten. Dem fundamentalistischen Bezugsrahmen dieser Tage fehlt, ungeachtet seiner Inbrunst, jener Reichtum, den das Christentum der Vergangenheit mit seinen vielen Heiligen bot. Statt dessen hat er, was seine christliche Eigenart anbelangt, etwas fanatisch Puritanisches und seinem Charakter nach eigentümlich Amerikanisches. Er ist mehr restriktiv als expansiv.
Gefühlsausbrüche sind in den meisten Lebensbereichen bloß eingeschränkt möglich und erlaubt nur unter Umständen als ein explosiver religiöser Ausdruck, wenn sie nämlich nicht so sehr spontan zum Ausdruck kommen, sondern eher von der Lockerung der üblichen Repression her plötzlich freigesetzt werden.
Die Vorstellungskraft sucht sich immer Ausdruck zu verschaffen.
Sie ist immer schöpferisch, und unterhalb der Gesellschaftsstruktur sorgt sie für frische Anregungen und neue Wege zur Erfüllung, die dann allerdings von fanatischen Überzeugungen besetzt werden können. Wenn das geschieht, werden eure Institutionen repressiver, und oft kommt es dann zu Eskalationen der Gewalt.
Wenn ihr nach Zeichen für die Vergeltung Gottes Ausschau haltet, so werdet ihr sie überall finden. Eine Lawine oder eine Überschwemmung wird dann nicht als natürlicher Akt der natürlichen Kreativität der Erde gesehen, sondern als Strafe Gottes für begangene Sünden.
Die Evolutionslehre zwingt zur Schlußfolgerung, daß die Natur des Menschen amoralisch und um des Überlebens willen alles erlaubt ist. Es gibt, nach Meinung der meisten Verfechter dieser Lehre, keine Möglichkeit irgendeines spirituellen Überlebens. Demgegenüber glauben die Fundamentalisten lieber an die sündige Natur des Menschen, denn ihr Glaubenssystem liefert zumindest einen Bezugsrahmen, in dem er errettet werden kann. Die Botschaft Jesu Christi aber lautete, daß jeder Mensch seinem Wesen nach gut und ein individualisierter Teil des Göttlichen ist.
Dennoch ist noch nie versucht worden, eine Zivilisation auf der Grundlage dieser Anschauung zu errichten. Die weitreichenden Gesellschaftsordnungen christlicher Prägung beruhten statt dessen immer auf der »sündigen« Natur des Menschen - und das sind nicht die Organisationsformen und Strukturen, die es ihm ermöglichen könnten, gut zu werden oder sich jenes ursprünglichen Gutseins in sich gewahr zu werden, das dem Menschen, wie Christus ganz klar erschaute, schon innewohnt.
(23.01 Uhr.) Es wirkt fast schon wie eine Lästerung zu sagen, der Mensch sei gut, während eure Erfahrungen doch fortwährend das krasse Gegenteil beweisen. Nur zu oft handelt ja der Mensch, als seien seine Motive die eines geborenen Mörders. Ihr habt gelernt, den Stoff, aus dem ihr gemacht seid, mit Argwohn zu betrachten. Aber wie könnt ihr von euch erwarten, auf irgendeine folgerichtige Weise vernünftig oder aus Nächstenliebe zu handeln, wenn ihr den Glauben hegt, von Natur aus verworfene Geschöpfe zu sein, so von Verderbnis geprägt, daß ein solches Handeln eurem Wesen widerspräche?
Geduldet euch einen Moment... Ihr seid nicht nur Teilhaber, sondern ein Teil der Natur. Als solche habt ihr zu wählen gelernt und bringt völlig natürlich und automatisch Träume und Vorstellungen und Überzeugungen hervor, um die herum ihr eure Wirklichkeit organisiert.
Etliche der Auswirkungen mißfallen euch; doch verfügt ihr über ein Bewußtsein ganz besonderer Art, aus dem heraus jedes Individuum an der Schaffung einer Weltwirklichkeit gestaltend teilnimmt. Ihr habt teil an einer Existenzgrundlage, von der aus ihr lernt, wie man ein vorgestelltes Reich der Wahrscheinlichkeiten in eine mehr oder minder spezifisch ausgeprägte, materiell erfahrbare Welt umwandelt.
Ihr trefft gewissermaßen eure Auswahl aus einer grenzenlosen, unendlichen, mathematisch überhaupt nicht faßbaren Fülle von Ideen, um sie zu Wirklichkeitsfragmenten umzugestalten, aus denen eure erlebte Erfahrungswelt besteht. Ihr verfahrt dabei so, daß die zeitlosen Vorgänge in der Zeit erfahren werden, daß sie sich gegenseitig durchdringen und ineinander aufgehen, um sich den Dimensionen eurer Wirklichkeit einzufügen. Dabei kommt es zu schöpferischen Gestaltungen von solchem Wert und solcher Vollendung, daß diese für welche Geschöpfe auch immer ein Optimum der Leistung darstellen. Auch große Mißerfolge gibt es. Doch sie sind Mißerfolge nur im Vergleich mit dem von eurem inneren Wissen entworfenen leuchtenden Vorstellungsbild, das jene Ideale für euch birgt, an denen ihr eure Errungenschaften meßt.
Diese Ideale wohnen jedem Individuum inne. Es sind natürliche Neigungen zu Wachstum und Erfüllung.
Das war das Diktat. Das war auch das Ende des Kapitels - und ich wünsche euch einen schönen guten Abend.
(»Vielen Dank, Seth. Gute Nacht.«)
(23.16 Uhr. Ich meine, daß viel von Janes ausgezeichnetem Vortrag nach der Pause in Zusammenhang mit dem Seth-Material der Sitzung 825
steht, darunter diesem Ausspruch: »Ich setze das Wort gut, hier einmal in Anführungszeichen wegen eurer irrigen Vorstellungen hinsichtlich der Natur von Gut und Böse, die wir etwas später erörtern wollen.«) 5
Die Mechanismen der Erfahrung
Sitzung 830, Montag, den 27. März 1978
(Seit Jane mit der vor elf Monaten begonnenen Arbeit an diesem Buch befaßt ist, sind wir mit Arbeiten an all den noch nicht erschienenen Büchern eingedeckt. Fast ständig korrigieren wir Manuskripttexte, Druckabzüge, Umbrüche, und viel Arbeit macht uns auch die Verfassung der notwendigen Einführungstexte, Anmerkungen und Fußnoten. Für den 10. April hat Tam Mossman uns seinen Besuch angesagt. Jane möchte bei dieser Gelegenheit ihre Arbeit an »Oversoul Seven« mit ihm besprechen und diese dann vielleicht weiterführen. - 21.15 Uhr.) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Zunächst einmal Diktat. Neues Kapitel mit dem Titel »Die Mechanismen der Erfahrung«.
Eure Welt und alles, was sie ausmacht, existiert zunächst in der Vorstellung. Man hat euch gelehrt, eure volle Aufmerksamkeit ausschließlich auf körperlich-materielles Geschehen zu richten, so daß es dieses ist, das für euch den Stempel der Wirklichkeit trägt. Gedanken, Gefühle oder Überzeugungen erscheinen demgegenüber als nebensächlich, weil subjektiv - irgendwie unwirklich -, und sie scheinen lediglich als Antworten auf ein bereits vorhandenes Umfeld materiell feststehender Gegebenheiten zu entstehen.
So denkt ihr zum Beispiel normalerweise, daß eure Gefühle hinsichtlich eines bestimmten Geschehens in erster Linie Reaktionen auf das Geschehen selbst sind. Selten kommt euch der Gedanke, daß die Gefühle selbst das Primäre sein könnten und daß das betreffende Geschehen sich gewissermaßen als Antwort auf eure Emotionen ergab.
Das grundlegende Problem ist das eurer inneren Brennweiteneinstellung: sie ist weitgehend verantwortlich für eure Interpretation jeglichen Geschehens.
Zur Übung stelle man sich für eine Weile vor, daß die subjektive Welt eurer Gedanken, Gefühle, Vorstellungsbilder und Phantasien die »
Grundfeste« der Wirklichkeit darstellt, aus der die konkreten Lebenserfahrungen hervorgehen. Man betrachte die äußere Welt einmal von innen her. Stellt euch vor, daß die konkrete Erfahrung Folge und Niederschlag eurer subjektiven Wirklichkeit ist. Vergeßt, was ihr über Reiz und Reaktion gelernt habt. Laßt für eine Weile alles beiseite, woran ihr geglaubt habt, und seht den Inhalt eurer Gedanken als tatsächlich gegeben an. Versucht, alles, was geschieht, als Niederschlag eurer eigenen Gefühle und Überzeugungenen in Raum und Zeit zu betrachten.
Denn tatsächlich verursacht eure subjektive Vorstellungs- und Gefühlswelt die Erfahrungen, die ihr in eurem Leben macht.
In der Überschrift für dieses Kapitel habe ich das Wort »
Mechanismen« gebraucht. Zweifellos legt es den Gedanken an reibungsloses, geradezu technisches Funktionieren nahe. Obwohl weder die Welt noch der Mensch eine Maschine ist - ihre inneren Funktionsweisen sind von einer Art, die keinerlei Technologie jemals imitieren könnte -, ist hier eine natürliche Mechanik im Spiel, durch die die Potentiale innerer Dimensionen des Bewußtseins zur Geltung kommen - und die allein eure mit der Welt materiell zusammenhängende, körperliche Existenz begründen. Da ihr eure Identität falsch zu sehen gelehrt wurdet, konzentriert ihr euer Gewahrsein auf eine so ausschließliche Weise auf den Brennpunkt eurer Alltagswelt, daß ihr den Eröffnungen eures Bewußtseins nicht folgen könnt, das euch mit allen Bereichen der Natur verknüpft. In gewisser Weise ist die Welt wie ein vieldimensionales exotisches, sich in Zeit und Raum entfaltendes Gewächs, eine Pflanze, die jedweden Gedanken oder Traum, jede imaginierte Hoffnung oder Befürchtung ganz natürlich zur Blüte bringt -
eine Pflanze unglaublicher Wandlungsfähigkeit, nicht für einen Augenblick dieselbe, deren allerkleinster Teil, Wurzel, Blatt, Stiel oder Blüte, eine Rolle spielt und mit dem Ganzen zusammenhängt.
Selbst diejenigen unter euch, die rein intellektuell dem Gedanken zustimmen, daß ihr selbst eure Realität erschafft, haben gewisse gefühlsmäßige Schwierigkeiten, ihn wirklich zu akzeptieren. Ihr seid buchstäblich hypnotisiert zu glauben, daß eure Gefühle den von euch wahrgenommenen Geschehnissen erwachsen. Tatsächlich verursachen eure Gefühle die von euch wahrgenommenen Geschehnisse. Natürlich reagiert ihr dann sekundär auf diese Geschehnisse.
(21.45 Uhr.) Man hat euch beigebracht, daß eure Gefühle unbedingt an spezifische konkret erfahrene Vorkommnisse gebunden sein müßten. Beispielsweise seid ihr vielleicht traurig, weil ein Verwandter gestorben ist oder weil ihr euren Arbeitsplatz verloren habt, weil ihr von einer geliebten Person eine Zurückweisung erfahren habt oder aus sonst irgendeinem von zahllosen akzeptablen Gründen.
Eure Gefühle, heißt es, wären ohne Vorkommnisse, die sich ereignen oder ereignet haben, nicht möglich. Öfter allerdings »ereignen«
sich eure Gefühle »im vorhinein«, einfach weil diese Gefühle die ursprünglichen Wirklichkeiten sind, aus denen sich die Geschehnisse dann erst herleiten.
Ein naher Verwandter ist vielleicht bereit zu sterben, obwohl kein äußeres Anzeichen dafür spricht. Dieser Mensch wird wahrscheinlich gemischte Gefühle haben und sowohl Erleichterung wie auch Traurigkeit verspüren, die ihr dann vielleicht wahrnehmt - aber das primäre Geschehen, das zu seinem Tod führt, sind seine Gefühle.
Es kommt in eurem Zeitalter beinahe einem psychologischen Trick gleich, zu der Einsicht zu kommen, daß ihr tatsächlich eure Erfahrung und eure Welt selbst gestaltet, einfach weil aufgrund eurer Wahrnehmungsgewohnheiten der Augenschein das Gegenteil zu bestätigen scheint. Diese Einsicht gleicht etwa derjenigen von Träumern, wenn sie plötzlich im Traum »erwachen« und sogleich wissen, daß sie erstens träumen und daß sie zweitens selber das erlebte Drama schaffen.
Zu verstehen, daß ihr selbst eure eigene Wirklichkeit erschafft, erfordert - für viele Menschen wenigstens - eine vergleichbare Art des »
Aufwachens«, nämlich aus dem normalen Wachzustand. Natürlich gelingt das manchen besser als anderen. Die Einsicht verändert tatsächlich »die Spielregeln« (lauter) in bezug auf euch selbst in ganz beträchtlichem Maße. Ich habe dies nicht ohne Grund erst jetzt und nicht schon in früheren Büchern erwähnt, denn es folgen auch unsere Bücher ihren eigenen Rhythmen, und das vorliegende ist in gewisser Hinsicht eine Fortführung der »Natur der persönlichen Realität«.*
Solange ihr glaubt, daß gute oder schlechte Lebensumstände euch
* Es kommt Jane und mir ganz unglaublich vor, wie rasch die Zeit vergangen ist, aber dieses Buch mitgerechnet liegt Seths »Die Natur der persönlichen Realität« bereits fünf Bücher zurück, und er diktierte es vor fünf bis sechs Jahren, in den Jahren 1972 und 1973.
von einem personifizierten Gott als Lohn oder Strafe für eure Handlungen zugemessen werden oder aber daß alle Geschehnisse nichts als sinnlose, chaotische Knoten in dem wirren Netz einer Welt des Zufalls sind, so lange könnt ihr weder eure eigene Kreativität verstehen noch die Rolle im Universum spielen, die ihr als Individuen oder als Gattung zu spielen fähig seid. Ihr werdet statt dessen in einer Welt leben, in der Ereignisse und Erfahrungen euch zustoßen, in der ihr den Göttern der einen oder anderen Art Opfer bringen oder euch selbst als Opfer einer gleichgültigen Natur sehen müßt.
Ihr solltet vielmehr ohne Vernachlässigung dessen, was in eurer Welt geschieht, den Brennpunkt eurer Aufmerksamkeit nach innen richten, so daß ihr die Zusammenhänge zwischen eurer jeweiligen subjektiven Wirklichkeit und den jeweiligen von euch wahrgenommenen Geschehnissen zu erkennen vermögt. Ihr seid die Urheber allen Umweltgeschehens.
Mit dieser Einsicht werden euch wahrhaft neue Dimensionen des eigenen Bewußtseins aufgehen, und ihr werdet zu Einsichten gelangen, durch die ihr Kontrolle über Leistungen gewinnt, die ihr, ohne es zu wissen, schon immer vollbracht habt.
Wie schon früher (in Sitzung 828) erwähnt, besaß der Mensch der Frühzeit eine einheitliche Schau subjektiver und objektiver Wirklichkeiten. Ihr jedoch habt als Gattung etwas entwickelt, das man fast als eure »zweite Natur« bezeichnen könnte - eine Welt der Technologie, in der ihr jetzt zu Hause seid. Sie hat komplizierte Gesellschaftsstrukturen hervorgebracht und mußte zwangsläufig die Trennung zwischen subjektiv erfahrbarer und objektiv wahrnehmbarer Welt noch erhärten. Doch jetzt ist es an der Zeit, daß ihr euch eurer Position bewußt werdet und die Bewußtseinskorrekturen vornehmt, die es euch erlauben werden die vollbewußte Verantwortung für euer Handeln und Erleben zu übernehmen.
Ihr könnt »aufwachen« aus dem Wachzustand eures Alltags, und das ist der naturgewollte nächste Entwicklungsschritt eures Bewußtseins -
ein Schritt, für den ihr biologisch bestens gerüstet seid. Tatsächlich dringt jeder Mensch gelegentlich zu dieser Erkenntnis vor. In ihr sieht man sich gleichermaßen vor Triumphe und Herausforderungen gestellt. Dort, wo ihr mit eurem Leben zufrieden seid, dürft ihr euch dies selbst zuschreiben, und dort, wo ihr es nicht seid, bedenkt, daß ihr in einem Lernprozeß steht; ihr seid wagemutig genug, um die Verantwortung für euer Handeln zu übernehmen.
Doch wollen wir noch etwas genauer betrachten, in welcher Weise euer Innenleben eure tägliche Lebenserfahrung hervorbringt und wie sich dieses mit der Lebenserfahrung anderer Menschen verbindet.
Macht Pause.
(22.25 Uhr. Seth kam um 22.37 Uhr zurück mit einer ganzen Menge persönlichen Materials für Jane und mich und beendete dann die Sitzung um 23.06 Uhr.
Was er am Ende des Buchdiktats über die Verantwortung zu sagen hatte, die man für seine Handlungen trägt, erinnerte uns daran, welchen persönlichen Herausforderungen wir zu begegnen haben aufgrund der Rollen, die wir in diesem Leben gewählt haben. Jane und ich sind bemüht, uns ständig der Warnungen, die uns Seth in der persönlichen Sitzung vom 25. Juni I977 durchgab, zu erinnern:
»Euer individuelles und gemeinsames intuitives Verständnis und intellektuelles Unterscheidungsvermögen hat euch schon in jungen Jahren die Fähigkeit verliehen, die Schwierigkeiten eurer Mitmenschen klar zu erkennen. Das wiederum gab euch den Anstoß dazu, den gesamten Bezugsrahmen eurer Zivilisation in Frage zu stellen. Es gelang euch, was nur wenige vermögen: einen Sprung über eure Epoche hinaus zu tun: euch intellektuell und mental und manchmal auch gefühlsmäßig von den kurzsichtigen und bedauerlichen religiösen, wissenschaftlichen und sozialen Glaubensüberzeugungen eurer Zeitgenossen zu befreien.
Doch werdet ihr gefühlsmäßig noch immer von so manchen dieser alten zu Glaubenssätzen erhärteten Überzeugungen beherrscht; einige brauchbare Überzeugungenen sind von euch auch überstrapaziert oder allzu lange gehegt wurden. Da ihr einen so klaren Blick für die Schwächen eurer Epoche habt, neigt ihr beide dazu, ihnen zuviel Gewicht beizumessen oder, besser gesagt, euch darauf zu konzentrieren, so daß euch das Gefühl emotionaler Sicherheit abgeht. Und darauf reagiert ihr, indem ihr Verteidigungswälle errichtet...«) Sitzung 831, Montag, den 15. Januar 1979
(Die Rosen schienen letzten Herbst besonders lange blühen zu wollen.
Am 28. September 1978 schrieb Jane dieses kleine Gedicht, als ich ein paar Blüten der Kletterrose hereinbrachte, die sich neben dem Küchenfenster unseres Hügelhauses emporrankt: Die zeitliche Rose
enthält
ewige Samen,
worin
das ganze Universum
(und du und ich)
enthalten sind.
Janes Gedicht mag hier als Symbol dafür stehen, daß sie seit 42
Wochen keine Sitzung mehr für dieses Buch abgehalten hat, das heißt, seit der 830sten Sitzung vom letzten März sind Sommer, Herbst und Winter 1978 vergangen, und wir befinden uns schon im (bislang sehr kalten und stürmischen) neuen Jahr. Dessenungeachtet haben wir während der vergangenen neuneinhalb Monate eine Menge getan; unter anderem haben wir 56 nicht für das Buch bestimmte Sitzungen abgehalten. Diese, seien es nun persönliche oder seien es andere Sitzungen, machen natürlich zahlenmäßig mehr als das Doppelte der 22
Sitzungen aus, die Jane bisher für »Individuum und Massenschicksal«
abgehalten hat (die heutige nicht mitgerechnet). Was unsere Gefühle im Hinblick auf die langen Unterbrechungen, die sich während der Entstehung dieses Buches mehrmals ergeben haben, angeht, so sind, glaube ich, meine einführenden Anmerkungen zur Sitzung 815
kennzeichnend, besonders jene über die simultane Zeit sowie meine Feststellung: »Wir haben nicht die Absicht, Seth zufragen, wann das Buch fertig sein wird.«
Obwohl jeder von uns das Manuskript zu diesem Buch gelegentlich wieder einmal durchgeschaut hatte, war es doch seltsam, Seth nach all dieser Zeit mit neuem Material dafür durchkommen zu hören, und ebenso seltsam, die Arbeit an diesen Anmerkungen wiederaufzunehmen.
Seit letztem März also haben wir im allgemeinen zweimal wöchentlich unsere persönlichen oder nicht für das Buch bestimmten Sitzungen abgehalten. Ihre regelmäßige Abhaltung kam der gleichmäßigen, beruhigenden Entfaltung unserer Kreativität im Hintergrund all unserer sonstigen, oft hektischen Aktivitäten zugute.
Doch sind es ihrer zu viele, als daß man sie auf sinnvolle Weise beschreiben könnte, und sie lassen sich auch nicht einfach kurz zusammenfassen. Immerhin hat Jane sie zusammenzufassen versucht, und so folgt hier eine leicht gekürzte Version dessen, was sie aufgrund meiner Protokolle niederschrieb:
»Überblickt man jetzt noch einmal diese neuneinhalb Monate umspannenden Sitzungen, dann wird ziemlich deutlich, was Seth vorhatte. Er hatte uns in persönlichen Sitzungen bald nach Beginn des Diktats für dieses Buch das Material über die Bezugssysteme 1 und 2
durchgegeben, wie Rob in seinen Anmerkungen zu Sitzung 814 dargelegt hat. Doch obwohl Seth diese psychischen Bezugssysteme bis zu einem gewissen Grade auch in einem Dutzend Sitzungen für das Buch erörtert hat, legte er doch schließlich diese lange Diktatpause ein, um uns durch den Rückblick auf unsere eigenen früheren Denkweisen und die der Welt ganz allgemein im Licht der Bezugssysteme 1 und 2 ›umzuerziehen‹.
»Diese persönlichen Sitzungen laufen«, ich zitiere weiterhin Janes Zusammenfassung, »in einem wesentlichen Sinne parallel mit seinem Material für dieses Buch, und dieses Buch läßt uns die Welt und die gegenwärtigen Ereignisse in ganz anderem Licht sehen als früher. So stellten wir zum Beispiel mehrmals Fragen im Hinblick auf tödliche Unfälle in unserem Umkreis, von denen wir gelesen hatten, da wir uns fragten, wie solche Vorkommnisse sich in die Bezugssysteme 1 und 2
einfügen. Einige der Sitzungen waren unseren persönlichen Anschauungen gewidmet, doch gewöhnlich stellte Seth solche Anschauungen in einen weiteren gesellschaftlich relevanten Zusammenhang. Vier Tage, nachdem sich die Katastrophe von Jonestown, jener Siedlung im südamerikanischen Guyana, abgespielt hatte, begann er diese zu erörtern; dort hatten am 18. November 1978
aber neunhundert Amerikaner durch Mord und Selbstmord den Tod gefunden. Seitdem haben wir öfter unserer Hoffnung Ausdruck gegeben, daß Seth in diesem Buch auf die ganze Jonestown-Affäre eingehen werde; unser Wunsch kann ihm nicht verborgen geblieben sein!
So finden sich also, verstreut in all dem persönlichen Material, einige ausgezeichnete - und lebhafte - Erörterungen von damals gerade aktuellem Zeitgeschehen, aber auch Erörterungen der Zusammenhänge zwischen Kreativität und Bezugssystem 2 und so unterschiedlicher Themen wie etwa des psychotischen Verhaltens oder früher Zivilisationen. Es war so, als ob Seth versuchte, uns zu helfen, alteingeschliffene Assoziationen ein für allemal zu überwinden.
Zweifellos hat er sein Bestes versucht, und falls nicht alles gelungen sein sollte, dann liegt das wohl an uns.«
Und weiterhin Jane: »Natürlich haben wir unsere Alltagssorgen wie andere Menschen auch. Seth hat uns nie ›einen Rosengarten versprochen‹ und wir haben unsere guten und unsere schlechten Tage, während wir den täglichen Herausforderungen, Freuden, Abenteuern und Mißhelligkeiten des Lebens begegnen. In dieser großen Anzahl von Sitzungen wandte sich Seth mehreren unserer individuellen Probleme zu: Robs gelegentlichen Anflügen von Unwohlsein aufgrund seiner ›
Wetterfühligkeit‹ und auch der Vielfalt kleiner, aber lästiger Symptome, und meinen eigenen, schon lange währenden rheumatischen Beschwerden. Und wenn Seth uns auch keinen Rosengarten gab, so hat er doch versucht - und versucht noch immer -, uns zu zeigen, woher das Unkraut kommt! Dieses persönliche Material hat dazu beigetragen, daß wir unsere mannigfachen Herausforderungen in einer viel größeren Perspektive zu sehen vermögen, und wir haben schon einige Anläufe zu ihrer Überwindung gemacht. Wie alle anderen, die er anspricht, müssen auch wir Seths Material selber in die Tat umsetzen. Die Sache ist nur, daß wir so damit beschäftigt sind, das Material in Empfang zu nehmen und für die Veröffentlichung vorzubereiten, daß wir kaum Zeit finden, es uns wie jemand, der die Seth-Bücher liest, gründlich zu erarbeiten.
Vielleicht hat Seth dies in unseren persönlichen Sitzungen zu kompensieren gesucht, indem er eine Weile mit dem Diktat ausgesetzt hat, um uns zu helfen, mehr persönlichen Nutzen aus dem Material zu ziehen.«
Wir hielten unsere erste Sitzung für 1979 - eine persönliche - am Silvesterabend ab, und im Verlaufe dieser Sitzung bemerkte Seth, daß er
»nächsten Mittwoch wieder die Sitzungen für das Buch aufnehmen«
würde, aber es kam dann doch anders; er hatte immer noch ein paar nicht für das Buch bestimmte Sitzungen in Reserve. Doch hat Jane im Hinblick auf die Wiederaufnahme der Arbeit an diesem Buch in letzter Zeit immer wieder das schon vorliegende Material durchgesehen.
Beginn der Sitzung um 21.22 Uhr.)
Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Diktat. Dies ist eine Fortsetzung des angefangenen Kapitels 5 »Die Mechanismen der Erfahrung«.
Die organisierten Religionen haben viele gravierende Irrtümer begangen, doch lieferte das Christentum durch Jahrhunderte hindurch einen Bezugsrahmen, zu dem sich große Teile der Welt bekannten und in dem jegliche Erfahrung an sehr definitiven »Regeln« gemessen werden konnte - Erfahrung, die, einmal in den Brennpunkt gerückt, umgefärbt wurde und sich dennoch in reichem Maße Ausdruck verschaffen konnte, solange sie sich innerhalb der vom religiösen Dogma gesetzten Grenzen hielt.
War ein Mensch auch ein Sünder, so gab es noch immer einen Weg der Erlösung, und die Unsterblichkeit der Seele wurde kaum je in Frage gestellt. Es gab feste Regeln für fast alle Arten möglicher sozialer Kontakte und religiöser Erfahrungen. Es gab festgelegte, nahezu allgemein akzeptierte Zeremonien für Geburt und Tod und die wesentlichen Lebensetappen. Die Kirche war die Autorität, und der Einzelmensch lebte sein Leben, indem er fast automatisch seine persönlichen Erfahrungen so strukturierte, daß sie sich in die geltenden Normen einfügten.
Innerhalb solcher Begrenzung gediehen natürlich bestimmte Erfahrungen bestens, andere wiederum nicht. In eurer Gesellschaft gibt es eine alle Erfahrungen abdeckende Autorität nicht. Der Einzelmensch muß sich selber seinen Weg durch das Gestrüpp unterschiedlicher Wertsysteme bahnen und dabei Entscheidungen treffen, an die niemand auch nur von ferne gedacht hätte, als beispielsweise noch der Sohn automatisch das Gewerbe seines Vaters übernahm oder als Ehen noch vornehmlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten geschlossen wurden.
So unterscheidet sich also eure gegenwärtige Erfahrung ganz wesentlich von der eurer Vorfahren, und ihr könnt gar nicht richtig abschätzen, wie sehr sich eure subjektiven Einstellungen und die Art und Qualität der heutigen gesellschaftlichen Beziehungen von denen früherer Zeiten unterscheiden. Ungeachtet der vielen Irrtümer der Kirche verkündete das Christentum in seinem besten Sinne die letztendliche Gültigkeit eines jeden Menschenlebens. Fraglos hatte das Leben einen Sinn, ganz gleich, ob man nun die ihm zugemessene spezielle Bedeutung bejahte oder nicht.
(21.35 Uhr.) Auch die Träume der Menschen waren in früheren Zeiten anders. Sie waren weit mehr von metaphysischen Bildern erfüllt, beispielsweise bevölkert von Heiligen und Dämonen. Insgesamt jedoch gab es ein einziges Glaubenssystem, und jegliche Erfahrung wurde im Lichte dieses Systems gedeutet. Heute habt ihr viel mehr Entscheidungen zu treffen, und ihr müßt in einer Welt einander widersprechender Glaubenssysteme, die euch durch Zeitung und Fernsehen tagtäglich ins Haus getragen werden, den Sinn eures Lebens oder den Sinn des Lebens schlechthin zu finden versuchen.
(Nach kurzer Pause:) Ihr könnt dieses oder jenes ausprobieren. Ihr könnt von einer Religion zur anderen überwechseln - oder von der Religion zur Wissenschaft oder umgekehrt. Das ist zutreffend in einer Weise, die für die Masse der Menschen zum Beispiel des Mittelalters undenkbar gewesen wäre. Allein die vervollkommneten Methoden der Kommunikation bedeuten, daß ihr täglich mit unterschiedlichen Theorien und Lehren, Kulturen und Zivilisationen konfrontiert werdet. Für einige wesentliche Lebensbereiche bedeutet dies, daß die Mechanismen der Erfahrung tatsächlich deutlicher zutage treten, denn sie sind nicht mehr unter der Glasglocke eines einzigen Glaubenssystems geborgen.
(21.43 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Eure subjektiven Entscheidungsmöglichkeiten sind heute weitaus größer, doch ebenso groß ist natürlich die Notwendigkeit, diese subjektive Erfahrung in sinnvolle Begriffe zu fassen. Wenn ihr glaubt, daß ihr tatsächlich eure eigene Wirklichkeit hervorbringt, dann stoßt ihr sofort auf eine ganz neue Reihe von Fragen. Wenn ihr tatsächlich individuell und en masse selbst Erfahrung erschafft, warum gibt es dann in eurem Leben soviel Negatives? Entweder schafft ihr euch selbst eure Wirklichkeit, oder sie wird für euch geschaffen. Das läuft entweder auf ein zufälliges Universum hinaus - oder eben nicht. (Pause.) Nun hielt im Mittelalter die etablierte Religion oder das organisierte Christentum für jedes Individuum ein engmaschiges Gitter von Glaubensüberzeugungen bereit, durch das hindurch das persönliche Selbst wahrgenommen wurde. Anteile des Selbst, die durch dieses Gitter nicht wahrgenommen werden konnten, waren für den Menschen unsichtbar. Alle Probleme waren von Gott gesandt als Warnung oder Strafe. Die Mechanismen der Erfahrung waren hinter jenem Gitter wie hinter einem Schleier verborgen.
Nun denn: Die Glaubenssätze eines Charles Darwin und eines Sigmund Freud haben euch unter ein neuartiges Gitter gesetzt. Erfahrung wird akzeptiert und wahrgenommen nur insoweit, als sie durch dieses Gitter gefiltert werden kann. Sah das Christentum den Menschen als von der Erbsünde befleckt, so erscheint er in der Darwinschen Sichtweise als Vertreter einer mit Mängeln behafteten Gattung, in der das individuelle Leben wenig zählt und stets hinter den Erfordernissen der Gattung rangiert, wobei das Überleben oberstes Ziel ist - jedoch ein Überleben ohne Sinn. Die Großartigkeit der Psyche wird ignoriert, das Zusammengehörigkeitsgefühl des Individuums mit der Natur wird untergraben, denn der Mensch, so scheint es, muß auf Kosten der Natur überleben. Die größten Träume und die schlimmsten Befürchtungen gelten als Ergebnis unausgeglichener Drüsenfunktionen oder, um Freud das Wort abzunehmen, als durch traumatische Erfahrungen der Kindheit bedingte Neurosen.
Doch inmitten dieser Glaubenssätze sucht jedes Individuum einen Sinnzusammenhang zu finden, in dem sein Leben von Bedeutung ist, eine Aufgabe, die das Selbst zum Handeln motiviert, ein Schauspiel, in dessen Thematik individuelles Handeln einen Sinn hat.
Es gibt intellektuelle und emotionale Werte, und manchmal gibt es Bedürfnisse emotionaler Natur, die ungeachtet der Urteile des Intellekts befriedigt werden müssen. Die Kirche hielt für die Menschheit ein kosmisches Drama bereit, in welchem selbst das Leben des Sünders seinen Wert hatte, und sei es nur den, daß Gott Erbarmen zeigen konnte.
In eurer Gesellschaft jedoch führt das sterile seelische Klima häufig zur Rebellion: die Menschen unternehmen Schritte, um Sinn und Dramatik in ihr Leben zu bringen, auch wenn sie sich auf intellektueller Ebene weigern, den Zusammenhang zu erkennen.
Macht Pause.
(21.59 Uhr. Jane war nicht besonders erstaunt, daß Seth zu seinem Buch zurückgekehrt war, da sie dies schon vor Beginn der Sitzung vermutet hatte. Aber sie war »ein bißchen nervös gewesen, auch wenn das eigentlich blöd ist: Immer noch frage ich mich nach einer solchen Arbeitsunterbrechung, ob ich es wieder hinkriege. Der Stoff ist allerdings überhaupt nicht das, was ich eigentlich erwartet hatte...«
Ich sagte ihr, daß es mir Vergnügen macht, Buchdiktat zu erhalten, weil es mich daran erinnert, daß es neben persönlichen Sitzungen noch etwas anderes gibt. Es erinnert mich auch daran, wie gut das Material in seinem allgemeineren Kontext sein kann und daß Seth Wissensreserven für uns bereithält, die wir niemals vollauszuschöpfen imstande sein werden, einfach aufgrund unseres Alters und anderer zeitlich bedingter Begrenzungen. Meine Gedanken brachten natürlich Gefühle des Bedauerns hoch; doch meinte Jane, wir sollten uns lieber auf das konzentrieren, was wir zu tun imstande sind. Ein guter Rat.
Fortsetzung um 22.07 Uhr.)
Als eine große Zahl von Menschen Gott über Bord geworfen hatte, wurde sein Platz vom »Schicksal« eingenommen (lange Pause), und auch der Wille wurde seiner Substanz beraubt.
Ein Mensch konnte weder auf persönliche Leistungen stolz sein, noch konnte er wegen eines Versagens getadelt werden, da seine besonderen Eigenschaften, Möglichkeiten und Mängel weitgehend als Resultat von Zufall, Erbfaktoren und unbewußten Mechanismen verstanden wurden, die sich allem Anschein nach seiner Kontrolle weitgehend entziehen. Der »Teufel« ging, bildlich gesprochen, in den Untergrund; so konnten viele seiner negativen Wesenszüge und verderblichen Charaktereigenschaften dem Unbewußten zugewiesen werden. Man sah den Menschen als ein in sich selbst entzweites Zwitterwesen, dessen obere Hälfte, eine Art bewußtseinsbegabte Galionsfigur, unbehaglich die mächtigen Pranken einer unbewußten tierischen Unterleibsnatur zierte. Der Mensch betrachtete sich selbst als durch Vererbung und die Umwelt seiner frühen Kindheit programmiert, so daß er allem Anschein nach für immer in Unkenntnis seiner wahren Motive bleiben mußte.
Nicht nur stand er zu sich selbst im Widerspruch, er verstand sich auch als Teil eines gleichgültigen mechanischen Universums ohne Aufgabe und Zielsetzung, eines Universums jedenfalls, das sich nicht im geringsten um den einzelnen kümmert, vielmehr nur um die Gattung.
Wahrlich eine seltsame Welt! (Pause.)
Es war eine in vieler Hinsicht neuartige Welt, denn es war die erste, in der eine große Anzahl Menschen glaubte, sie sei von Natur und Gott getrennt, und in welcher der Seele alle Großartigkeit aberkannt wurde. Ja, für viele Menschen wurde selbst die Idee der Seele verdächtig, peinlich, veraltet. Ich verwende hier die Wörter »Seele« und »Psyche« synonym.
Diese Psyche ist mehr und mehr in jeder nur möglichen Verkleidung zum Vorschein gekommen, um ihrer Vitalität, ihrer Entschiedenheit und Fülle Ausdruck zu verschaffen und um neue Zusammenhänge zu finden, in denen sie eine subjektive Wirklichkeit auszudrücken vermag, die zuletzt die Sperrmauern steriler Glaubenssätze überflutet.
Natürlich findet die Psyche ihren Ausdruck im Handeln, doch trägt sie in sich jenen ursprünglichen Impuls, dem das Leben entspringt; sie sucht die Erfüllung des Individuums und strebt automatisch die Schaffung eines gesellschaftlichen Umfelds oder einer zivilisierten Umwelt an, die produktiv und schöpferisch ist. Sie projiziert ihre Intentionen nach außen auf die materielle Welt und versucht, durch persönliche Erfahrung und soziale Kontakte ihre Potentiale zu verwirklichen, und zwar so, daß auch fremdpsychische Potentiale zum Leben erweckt werden. Sie sucht, ihre Träume zu realisieren, und finden diese im Leben der Gesellschaft keine Resonanz, so wird sie jedenfalls persönlichen Ausdruck in einer Art Privatreligion finden.
Geduldet euch einen Moment... Im Grunde ist Religion ein Anliegen, durch das der Mensch den Sinn seines Lebens zu erkennen sucht. Sie ist eine Konstruktion, die auf einem tiefen seelischen Wissen beruht. Ganz gleich, unter welchem Namen sie daherkommt, sie steht für die Verbindung des Menschen mit dem All.
Ende des Diktats. Jetzt noch ein paar Notizen.
(22.27 Uhr. Seth kam mit einer halben Seite Informationen für Jane durch - persönliches Material, das hier ausgelassen ist - und beendete die Sitzung um 22.34 Uhr. »Ich bin meiner selbst so schrecklich unsicher«, sagte Jane, sobald sie aus der Trance kam. »Ich bin so froh, daß er wieder am Buch ist. Ich frage immer wieder: Ist es gut, ist es gut? Ich weiß, daß es gut ist, aber ich habe vor lauter Spannung wieder dieses flaue Gefühl...«)
Sitzung 832, Montag, den 29. Januar 1979
(Die Sitzung von heute abend entsprach in ihrer Länge von etwa anderthalb Stunden mit Pause denjenigen der letzten Zeit; doch widmete Seth nur den ersten kürzeren Teil der Arbeit am Buch. - 21.11 Uhr.) Nun: Guten Abend. Diktat.
(»Guten Abend, Seth.«)
In eurer Gesellschaft herrscht allgemein die Ansicht vor, daß der Mensch ein ordentliches Einkommen, eine Familie oder andere menschliche Bindungen, eine gute Gesundheit und ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl haben muß, wenn er überhaupt produktiv, glücklich oder zufrieden sein soll.
Die Verbesserung der Sozialeinrichtungen, des Gesundheitswesens und der Arbeitsbedingungen, Umwelt-, Familien- und sogar Freizeitplanung sind die Schlagworte einer Politik, die »den Massen«
Erfüllung bringen soll. Kaum je oder nur ausnahmsweise wird etwas über das dem Menschen innewohnende Bedürfnis gesagt, in seinem Leben einen Sinn und eine Aufgabe zu finden. Kaum je ist die Rede von dem eingeborenen Bedürfnis des Menschen nach Dramatik, nämlich nach innerer spiritueller Dramatik, dank der ein Mensch sich als Teil einer Aufgabe fühlen kann, die seine eigene ist und doch über ihn hinausreicht.
Es gibt ein Bedürfnis im Menschen, heroische Impulse zu empfinden und zum Ausdruck zu bringen. Seine instinktiven Impulse leiten ihn spontan dazu, die Qualität seines eigenen Lebens sowie des Lebens der Mitmenschen zu verbessern. Er muß sich selbst als eine wirkende Kraft in der Welt sehen können.
Auch Tiere dramatisieren. Auch sie haben Emotionen. Sie empfinden sich als Teilhaber am Drama der Jahreszeiten. In diesem Sinne sind sie ganz und gar lebendig. Die Natur in all ihren Erscheinungen wird so voll erfahren durch die Tiere, daß sie für diese das Äquivalent zu euren kulturellen und zivilisatorischen Strukturen darstellt. Die Tiere sprechen auf ihre vielfältigen Nuancen in einer Weise an, die sich jeglicher Beschreibung entzieht, so daß ihre »Zivilisationen« - die der Tiere -
aufgrund der Verwobenheit sinnlich wahrgenommener Tatsachen bestehen, die ihr gar nicht wahrzunehmen vermögt.
Die Tiere wissen auf eine Weise, die euch verschlossen ist, daß ihre individuelle Existenz sich unmittelbar auf die Natur der Realität auswirkt.
Sie sind also engagiert. Ein Mensch kann Gesundheit und Reichtum sein eigen nennen, kann sich befriedigender Beziehungen erfreuen und obendrein eine erfüllende Arbeit verrichten und doch ein Leben führen, dem die Dramatik fehlt, von der ich spreche - denn wenn der Mensch nicht das Gefühl verspürt, daß das Leben selbst einen Sinn hat, dann muß jedes Einzelleben notwendigerweise sinnlos erscheinen, und alle Liebe und alle Schönheit enden nur im Verfall.
Wenn ihr an ein zufällig entstandenes Universum glaubt und wenn ihr denkt, daß ihr Teil einer bloß zufällig entstandenen Gattung seid, dann scheint das individuelle Leben jeglichen Sinnes bar zu sein, und was sich an Geschehen abspielt, wird chaotisch erscheinen. Katastrophales Geschehen, das der Mensch der Frühzeit auf den Zorn einer Gottheit zurückführte, konnte wenigstens in diesem Zusammenhang noch verstanden werden, aber die meisten von euch leben heute in einer vorgestellten Welt, in der die Geschehnisse ihres Lebens keinen besonderen Grund mehr zu haben scheinen - oder sich sogar in einer ihren Wünschen direkt entgegengesetzten Weise zu vollziehen scheinen...
Was für eine Art denkbaren Geschehens können Menschen bewirken, die sich machtlos fühlen und deren Leben allen Sinnes beraubt zu sein scheint - und welche Mechanismen liegen dem dennoch sich abspielenden Geschehen zugrunde?
Ende des Diktats für heute. Ich habe da noch ein paar Anmerkungen .
(21.34 Uhr. Diese »Anmerkungen«, die sich auf andere Dinge bezogen, füllten allerdings noch mehrere Seiten, bevor Seth um 22.38
Uhr gute Nacht sagte.
Ich sagte Jane, daß ich Seths Material über die äquivalente Organisation der Tiere mit den menschlichen Zivilisationen in Vergleich gesetzt hervorragend und überaus anregend finde. Ich hoffe, Seth werde noch mehr darüber bringen.)
Sitzung 833, Mittwoch, den 31. Januar 1979
(Jane hatte in den letzten Tagen mit großer Freude an ihrem Roman »
Oversoul Seven« gearbeitet. - Sitzungsbeginn 21.21 Uhr.) Nun: Diktat.
Menschen werden nur dann »für eine Sache sterben«, wenn sie nichts gefunden haben, was das Leben lebenswert macht. Und wenn es so aussieht, als sei das Leben bar aller Sinnhaftigkeit, dann wird es Menschen geben, die durch die Umstände ihres Todes ein Zeichen setzen.
Wir werden gleich auf solche »Sachen« und ihren Zusammenhang mit dem Empfinden des Menschen, daß das Leben einen Sinn hat oder nicht hat, zurückkommen.
Aber zunächst einmal wollen wir einen sehr einfachen Vorgang betrachten. Ihr möchtet zum Beispiel das Zimmer durchqueren und eine Zeitung zur Hand nehmen. Diese Absicht dient einem klaren Zweck. Ihr bewegt euren Körper automatisch in der richtigen Weise, auch wenn ihr euch der dabei in Gang gesetzten inneren Mechanismen nicht bewußt seid. Ihr stellt euch keine Schranken oder Hindernisse in Form etwa zusätzlichen Mobiliars vor, das durch Zufall, Vorsehung oder einfach als Widerstand euren Weg versperrt. Ihr schlagt den geraden Weg auf euer Ziel zu ein. Dieses Tun ist sinnvoll, weil es etwas ist, das ihr tun wollt.
Doch gibt es Intentionen, die nicht annähernd so leicht zu beschreiben sind, Tendenzen psychischen Ursprungs, Erfüllung heischende Sehnsüchte, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Der Mensch erlebt Wünsche, Ambitionen, Neigungen und Abneigungen höchst emotionaler Natur - und zugleich hegt er ganz bestimmte intellektuelle Vorstellungen über sich, seine Gefühle und die Welt. Diese Glaubensvorstellungen sind antrainiert, da ihr euren Verstand so gebraucht, wie es euch beigebracht wurde.
So möchte vielleicht jemand berühmt werden, und es stehen ihm oder ihr dafür sogar einige Fähigkeiten zu Gebote, so daß die Wunscherfüllung durchaus möglich wäre. Ein solcher Mensch glaubt nun aber vielleicht auch, daß Glück oder Ruhm zu Unglück und Zügellosigkeit führen oder auf irgendeine andere Weise katastrophale Folgen haben würde. In einem solchen Fall steht der klaren Absicht, Begabungen zu nutzen, eine andere, völlig entgegengesetzte klare Absicht gegenüber: nämlich ein Berühmtwerden zu vermeiden.
Es gibt Menschen, die sich einen Ehepartner und Kinder wünschen, zugleich aber hegen sie die Überzeugung, daß Liebe etwas Schlechtes und Sexualität etwas Entwürdigendes sei oder daß das Kinderkriegen dem Glück, der Jugend ein Ende setze. Solche Menschen brechen dann ohne einen von außen her ersichtlichen Grund eine gute Partnerbeziehung plötzlich ab, oder sie bringen den Partner dazu, daß er die Beziehung abbricht. Auch hier haben wir es wieder mit zwei klaren Absichten zu tun, die miteinander im Widerstreit liegen.
Diejenigen, die glauben, daß ihrem Leben ein Sinn zugrunde liegt, können Probleme oder Belastungen dieser Art verhältnismäßig leicht meistern. Doch können sich Enttäuschungen, Konflikte und Ohnmachtsgefühle aus solchen Gründen verheerend auf die Persönlichkeitsstruktur derjenigen auswirken, die dem Leben wenig Sinn beimessen. Solche Menschen beginnen, sich Hindernisse auf ihrem Weg vorzustellen, wie wenn plötzlich eine Barriere sie an der Durchquerung ihres eigenen Zimmers hindern würde.
(21.40 Uhr.) Wenn ihr einfach einen räumlichen Bestimmungsort erreichen wollt, dann gibt es Landkarten, die Aufschlüsse über die Beschaffenheit des Landes und der Land- und Wasserwege geben.
Sprechen wir jedoch von Bestimmungsorten im psychologischen Sinne, dann müssen wir weit mehr in Betracht ziehen.
Wollt ihr euch da bewegen, (humorvoll) so bleibt euch erspart, ein Wenn und Aber oder was auch immer auszumerzen - euer Körper wird mobilisiert, wenn ihr euch bewegen wollt. Er verwirklicht sofort eure Absicht. Der Körper ist, psychologisch gesehen, eure persönliche innere und nächste Umwelt. Eure Absichten mobilisieren eure psychischen Energien und diese verwirklichen augenblicklich ein beabsichtigtes Handeln auf dem körperlich-materiellen Plan.
Wollt ihr das Geschäftsviertel eurer Stadt aufsuchen, dann wißt ihr, daß es diesen Bestimmungsort gibt, auch wenn ihr meilenweit davon entfernt seid. Wollt ihr einen Liebespartner finden, dann nehmt ihr natürlich auch an, daß es einen potentiellen Partner gibt, auch wenn ihr nicht wißt, wo und wann ihr ihn finden könnt. Doch ihr sendet die von Absicht und Verlangen erfüllten Bewußtseinsinhalte aus wie Strahlen, und diese suchen wie Detektive die Welt ab. Oder es ist vielmehr ein Abtasten nach einem Menschen, dessen Eigenschaften den euren am besten entsprechen. Welche Absicht ihr auch verfolgt, immer ist diese Komponente psychischen Geschehens damit verbunden.
Die Organisation eurer Gefühle, Überzeugungen und Absichten bestimmt den Brennpunkt, um den sich eure physische Existenz und eure materielle Wirklichkeit anordnen. Das vollzieht sich in vollendeter Spontaneität und Ordnung. Wenn ihr zum Beispiel an die Sündhaftigkeit der Menschen glaubt, dann werdet ihr aus den Sinneseindrücken eures Alltags diejenigen auswählen, die euch in eurem Glauben bestätigen.
Darüber hinaus jedoch organisiert ihr auch eure innere psychische Welt auf eine Weise, daß ihr Erfahrungen und Ereignisse anzieht, die -
wiederum - eure Überzeugungen bestätigen.
Der Tod ist, nicht anders als die Geburt, Teil eurer Selbsterfahrung.
Seine Bedeutung ist von Individuum zu Individuum verschieden - und in gewisser Weise bietet euch der Tod in eurem jeweiligen Leben die letzte Gelegenheit einer bedeutenden Aussage, sofern ihr das Gefühl habt, dies zuvor versäumt zu haben.
Manche Menschen sterben in aller Stille. Andere setzen mit ihrem Sterben ein Ausrufezeichen, so daß man nachher sagen kann, daß der Tod dieses Menschen sein Leben an Bedeutung eigentlich überragte. Manche Menschen sterben in ihrer Jugend, erfüllt vom Rausch der Lebensmöglichkeiten, noch halb geblendet vom Zauber der Kindheit und bereit, hochgemut die Schwelle zur Erwachsenenwelt zu überschreiten -
wie es scheint. Viele solcher jungen Menschen ziehen es vor, früh zu sterben, wenn sie fühlen, daß die Möglichkeiten der Erfüllung in Frage gestellt sind. Oft sind sie Idealisten, die unterschwellig - bei allem Enthusiasmus, aller Intelligenz und bisweilen außerordentlichen Gaben -
lebhaft fühlen, daß das Leben ihre Begabungen nur besudeln, ihren geistigen Höhenflug nur hemmen und das große Versprechen, dieses unerfüllbare, nur verdunkeln würde.
Dies ist natürlich keineswegs immer der Grund für derartige Tode, doch wird mit diesen gewöhnlich ein Zeichen gesetzt, das dem Tod eine zusätzliche Bedeutung zu verleihen scheint und Eltern und Altersgenossen vor Fragen stellt. Solche Individuen wählen hochdramatische Todesumstände, weil sie allem Anschein zum Trotz nicht die Möglichkeit fanden, die dramatischen Inhalte ihrer Psyche in der Welt, so wie sie ihnen erscheint, zum Ausdruck zu bringen. Oft wird ihr Tod zu einer Lektion für die Mitmenschen, die sich unversehens vor Fragen gestellt sehen, die ihnen vorher nie gekommen wären. Doch gibt es auch Aussagen en masse eben dieser Art seitens vieler Menschen, die sich zusammengefunden haben, um zu sterben. Menschen, die sich ohnmächtig fühlen und keinen Grund zu leben finden, können sich tatsächlich zusammenfinden, um »für eine Sache zu sterben« die ihnen weder den Willen noch einen Grund zum Leben gab. Sie werden Gleichgesinnte suchen und finden.
(22.05 Uhr.) Der innere Mechanismus der Emotionen und Glaubensüberzeugungen solcher Menschen ist kompliziert; doch handelt es sich hierbei um Menschen, die sich vom irdischen Leben betrogen fühlen. Der Gesellschaft stehen sie machtlos gegenüber. Sie denken in Schwarzweißkategorien, und ihre widersprüchlichen Emotionen sowie ihre Moralvorstellungen über diese Emotionen bringen sie dazu, eine Art Zuflucht in einem starren Glaubenssystem zu suchen, das ihnen fertige Verhaltensregeln liefert. Solche Systeme führen zur Kultbildung, und die potentiellen Mitglieder erwählen sich einen Führer, der ihren Zwecken ebenso dienen wird, wie sie den seinen zu dienen scheinen - kraft eines inneren Zwangs, den jedes Mitglied irgendwie verspürt.
Ende des Diktats. Noch ein paar Bemerkungen.
(22.10 Uhr. Nachdem er einige Abschnitte Material für Jane geliefert hatte, schloß Seth die Sitzung um 22.I5 Uhr ab. Jane war nicht wenig überrascht über das plötzliche Ende; ihr Vortrag war gleichmäßig und energisch gewesen. »Und mir war, als gäbe es da noch seitenweise Material - wirklich seitenweise!« rief sie. »Mir war auch so, als käme ich in die Sache mit Guyana, ohne sie beim Namen zu nennen, wenigstens kam es mir so vor.« Wir beide meinten - und hofften übereinstimmend, daß Seth die Tragödie von Jonestown in diesem Buch erörtern würde.) Sitzung 834, Montag, den 5. Februar 1979
(Nach dem Abendessen las Jane heute einige kürzlich von mir geschriebene Notizen, in denen ich darüber spekulierte, warum ich Porträts - meine »Köpfe«, wie ich sie nenne - ausschließlich aus meiner Vorstellung schöpfe und nicht nach dem lebenden Modell »wirklicher Menschen« - male. Ich habe mich oft gefragt, ob diese Vorliebe meinerseits nicht zumindest teilweise von Reinkarnationsvorstellungen oder der Idee der Ebenbilder* inspiriert sei. Ich bemerkte heute abend, daß es schön wäre, wenn Seth darübersprechen würde, und Jane erwiderte, sie denke, er werde es tun.
Wegen dieser Feststellung sowie ihrem Wunsch, Material zu einer persönlichen Frage von Seth zu erhalten, kam sie dazu, sich zufragen, ob wir heute abend überhaupt Buchdiktat erhalten würden. Dann, kaum hatten wir für die Sitzung Platz genommen, bat mich Jane aufzuschreiben, was sie sagen würde, da sie das Material zur Verfügung hatte, ob Seth nun darauf zu sprechen kam oder nicht: »Ein neuer Teil und eine Kapitelüberschrift: ›Von Menschen, die Angst vor sich selbst haben‹. ›Kontrollierte Umwelten und Massenverhalten‹.« Ich sagte ihr, ich dächte, Seth würde nicht nur ausreichend Zeit haben, um unsere persönlichen Fragen zu behandeln, sondern würde auch mit Arbeit für das Buch durchkommen, und das war auch der Fall.
Wir legen hier wegen seiner guten allgemeinen Verwendbarkeit auch sein Material für mich vor: Wiewohl Seth über meine Malereien - »
meine Köpfe« - spricht, ohne auch nur ein Wort über »lebende Abbilder«
zu verlieren, so zeigt er doch auf, wie solche »Bewußtseinseinwohner«
* Seth hat solche »lebenden Abbilder« erstmals in Kapitel 2 des »Seth-Materials« beschrieben und diese dort auch als »Fragmentpersönlichkeiten«
bezeichnet; ausführlich erörtert er dieses Phänomen in Band 2 der »›Unknown‹
Reality«: Das innere Selbst oder die Wesenheit eines jeden Menschen macht sich zur gegebenen Zeit nicht nur in einem Leben, sondern gleich in mehreren geltend, um dadurch um so mehr Erfahrung zu gewinnen. Diese kommt der Wesenheit erst aufgrund einer Vielfalt der Rollen zu, die verschiedenen Lebensaltern, Nationalitäten und Sprachen, unterschiedlichem Geschlecht und Status innerhalb der Familie und in beruflicher Hinsicht und so weiter erwachsen.
Wie ich Seths These der lebenden Abbilder verstehe, ist es möglich, wiewohl nicht zwingend, daß jeder von uns irgendwann einmal, vielleicht in einem anderen Land, in einer anderen Kultur, einem seiner Ebenbilder -
volkstümlichen Vorstellungen zufolge einem Doppelgänger - begegnet. Jane und ich kennen das Phänomen hauptsächlich aus ihren ASW-Kursen.
einen Teil des inneren Wissens eines jeden Menschen um sein eigenes höheres - oder größeres - Selbst ausmachen.) (20.59 Uhr. Flüsternd:) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Über euer Material und was damit zusammenhängt.
Wie ich schon oft sagte, gibt es Konzeptionen, die sich nur äußerst schwierig erklären lassen. Dies gilt insbesondere für jene, die die Natur des Bewußtseins betreffen. Mitunter können durchaus gültige Konzeptionen aus eurer Sicht als widersprüchlich erscheinen, so daß eine Tatsache eine andere zu widerlegen scheint.
Ich bin sehr bemüht, die ursprüngliche Einzigartigkeit des Individuums herauszustellen. Ich sage aber auch, daß das Selbst keine Begrenzungen kennt. Diese beiden Feststellungen können widersprüchlich erscheinen. Als Kind umschließt eure Identität in ihrer Alltagserfahrung nicht die späten Lebensjahre. Wenn ihr alt seid, identifiziert ihr euch nicht mit dem Kind. Euer Identitätsgefühl ändert sich also im Laufe der Jahre. Es scheint gewissermaßen, daß ihr euch selbst durch die Lebenserfahrung etwas hinzufügt und »mehr werdet, als ihr vorher wart«. Ihr wechselt wahrscheinlich das Selbst wie Gewänder und wahrt zugleich - gewöhnlich mit der größten Selbstverständlichkeit -
eure Identität. Die Mosaikmuster des Bewußtseins haben eine wunderbare Leuchtkraft.
Wenn ich von Mosaikmustern spreche, denkt ihr vielleicht an glitzernde kleine Scherben verschiedener Größen und Formen. Aber die Mosaikmuster des Bewußtseins sind eher Lichtern vergleichbar, die sich selbst und Millionen von Spektren durchstrahlen.
Das Kind im Mutterleib sieht mentale Bilder, noch ehe seine Augen sich geöffnet haben. Euer Gedächtnis, so hat es den Anschein, ist nur das eure - doch habe ich euch gesagt, daß ihr an der Geschichte auch anderer Existenzen teilhabt. Ihr erinnert euch anderer Gesichter, auch wenn ihr euch die Wahrnehmung der diesem tieferen inneren Gedächtnis entstammenden Bilder vielleicht nicht bewußtmachen könnt. So müssen sie oft in Gewändern der Phantasie erscheinen. Ihr seid, was ihr selbst seid. Euer Selbst ruht sicher geborgen in seiner eigenen Identität, einzigartig in seiner Eigenart, und begegnet dem Leben und den Jahreszeiten in einer Weise, die es nie zuvor gab und nie wieder geben wird - und doch seid ihr darüber hinaus noch eine einmalige Version eures höheren Selbst. Ihr habt teil an gewissen übergreifenden Mustern, die in sich von einmaliger Ursprünglichkeit sind.
(21.15 Uhr. Jane wendet sich mir zu:) Deine [gemalten] Gesichter stellen ein solches Wiedererkennen dar. Du hast immer gedacht, daß deine künstlerische Begabung dir genug sein müsse. Du dachtest, daß sie deine alles andere ausschließende Leidenschaft sein müsse, aber du hattest nie das Gefühl, daß sie es war - denn wäre sie es gewesen, dann wärest du ihr unentwegt gefolgt. (Lange Pause.) Für dich mußte sich die Malerei mit einer tieferen Einsicht verbinden. Die Malerei sollte dir sogar zum Lehrer werden, indem sie dich durch die Bilder hindurch und über sie hinaus und wieder zu ihnen zurück führte.
Der Malerei fiel die Aufgabe zu, das angesammelte Wissen aus deinen Wesenstiefen in Form von Bildern zum Vorschein zu bringen -
nicht von Menschen, denen du jetzt auf der Straße begegnen könntest, sondern als Porträts der Einwohner deines Bewußtseins. Diese Bewußtseinseinwohner sind sehr real. In gewisser Weise sind sie deine Eltern, mehr als deine leiblichen Eltern es waren, und wenn du ihre Wirklichkeit zum Ausdruck bringst, so bringen sie auch die deine zum Ausdruck. Alle Zeit ist gleichzeitig. Einzig die von jedermann gehegte Illusion der Zeit hält euch davon ab, einander zu begrüßen. In gewisser Weise schaffst du, wenn du solche Porträts malst, psychische Brücken zwischen dir und den vielen anderen Gestalten des Selbst: deine Identität mit dir selbst wächst.
Es gibt, doch ich meine das nur in einem metaphorischen Sinne (zweimal wiederholt), gewisse - (humorvoll) ein notwendiges einschränkendes Wort - »Energie-Selbstheiten« oder Persönlichkeiten, Teile deiner größeren Identität, die ungewöhnliche Mengen von Energie auf sehr konstruktive Weise genutzt haben. Diese Energie ist auch Teil deiner Persönlichkeit, und während du solche Bilder malst, wirst du sicher ein paar Ausbrüche der Begeisterung, ja selbst puren Überschwangs durchleben. Diese Gefühle aber ermöglichen dir, die Bilder solcher Persönlichkeiten zu identifizieren.
(»Ja, ich denke, ich habe das letzte Woche empfunden, als ich am neuesten meiner Köpfe gearbeitet habe. Deshalb habe ich mich eingangs der Sitzung darüber ausgelassen, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, das eingehender zu erörtern.«)
Deshalb erwähne ich es auch. Ich wußte, daß du Ruburt nichts davon gesagt hast. Und der Pinsel kann tatsächlich ein Schlüssel zu anderen Welten sein. Deine eigenen Gefühle übertragen sich in solchen Malereien.
(21.29 Uhr.) Auf jeden Fall solltest du die Traumtätigkeit unterstützen, und es wird sich eine Wechselbeziehung zwischen deinen Träumen, deiner Malerei und deiner Schriftstellerei ergeben.* Eins wird das andere bestärken. Dein Schreiben gewinnt an Vitalität durch deine Malerei, deine Malerei durch dein Schreiben - und dein träumendes Selbst ist zu der einen oder anderen Zeit in Verbindung mit allen anderen Aspekten deiner Wirklichkeit.
(21.31 Uhr. Jetzt kam Seth mit einigem Material in Beantwortung von Janes Frage durch, bevor er um 21.38 Uhr eine Pause einlegte.
Fortsetzung um 21.56 Uhr.)
Diktat: Wenn ihr eurem persönlichen Selbst nicht traut, dann werdet ihr euch selbst auch in euren Beziehungen mit anderen Menschen nicht trauen.
Wenn ihr eurem persönlichen Selbst nicht traut, dann werdet ihr die Macht fürchten, denn ihr werdet befürchten, sie unweigerlich zu mißbrauchen. Ihr werdet euch dann vielleicht (vorgebeugt, mit sanftem Nachdruck und leicht belustigt) absichtlich in eine Position der Schwäche bringen, wobei ihr fortwährend behauptet, daß ihr Einfluß gewinnen wollt. Da ihr euch selbst nicht versteht, befindet ihr euch in einer verzwickten Lage, und mysteriös und kapriziös erscheinen die Mechanismen der Erfahrung.
Doch gibt es gewisse Situationen, in denen diese Mechanismen deutlich sichtbar werden, und so wollen wir ein paar dieser Umstände genauer betrachten. (Pause.) Einige davon mögen übertrieben erscheinen insofern, als sie »normalerweise« im Leben der meisten Menschen nicht vorkommen. Doch werfen sie gerade wegen ihrer ziemlich bizarren Natur ein grelles Schlaglicht auf die Absichten, oft genug einander widersprechende Anliegen, wie sie nur allzuhäufig im Leben ganz »
normaler« Männer und Frauen in Erscheinung treten.
* Seth erwähnte offensichtlich diese »Wechselbeziehung«, weil ich gerade vor kurzem kleine Ölgemälde von einigen weiteren meiner lebhaften Traumbilder angefertigt habe. Ich habe entdeckt, daß mir das sehr viel Vergnügen bereitet und daß es viel anspruchsvoller ist, als ich vorausgesehen hatte, zu versuchen, die wechselnden, leuchtenden Traumelemente auf die dem Maler verfügbaren bewegungslosen Oberflächen zu bannen, die wir in der Wirklichkeit unseres Wachbewußtseins so gewohnt sind. Jedes dieser kleinen Gemälde wird sowohl technisch als auch gefühlsmäßig zu einem ganz eigenen Abenteuer, und nicht jeder Versuch will mir gelingen. Jetzt stelle ich mir die nunmehr müßige Frage, warum ich nicht schon in jüngeren Jahren Bilder nach meinen Träumen gemalt habe und warum man dergleichen auch von anderen Malern kaum je hört. Ich persönlich kenne keinen Maler, der in dieser Weise mit Träumen arbeitet.
Wenn Menschen, aus welchem Grund auch immer die Überzeugung hegen, daß ihr Selbst nicht vertrauenswürdig und die Welt, ja das Universum, höchst unsicher sei, dann beginnen sie, anstatt lustvoll ihre Fähigkeiten zu entfalten, ihre materielle und mentale Umwelt zu erforschen. Sie schränken ihre Realität ein, auferlegen ihren Fähigkeiten Grenzen und erschöpfen sich darin, ihre Umwelt übermäßig zu kontrollieren. Sie werden zu furchtsamen Menschen, und furchtsame Menschen wollen keine Freiheit, weder geistig-seelisch noch materiell.
Sie erwarten Schutz durch Regeln und Vorschriften. Sie wollen gesagt bekommen, was gut und was schlecht ist. Sie neigen zu zwanghaftem Verhalten. Sie suchen sich Führer - politische, wissenschaftliche und (amüsiert) religiöse -, die ihr Leben für sie ordnen sollen.
Im nächsten Teil des Buches werden wir daher über Menschen sprechen, die Angst vor sich selbst haben, und über die Rollen, die sie in ihrem privaten und gesellschaftlichen Verhalten suchen. Wir werden uns mit geistig-seelisch oder materiell geschlossenen Umwelten beschäftigen, in denen Fragen zu stellen tabu und gefährlich ist. Es kann sich dabei um Umwelten von Menschen handeln, die, wie es gemeinhin heißt, geistig gestört sind, oder um Umwelten, die von vielen geteilt werden wie beispielsweise im Fall eines Massenwahns, insbesondere Verfolgungswahns.
Es gibt religiöse Kulte, und wissenschaftliche gibt es auch. Es gibt Menschen, die sich sogar einem persönlichen Kult mit Regeln und Vorschriften unterwerfen, die nicht minder rigoros sind als die, welche einer Gruppe furchtsamer Anhänger von einem Despoten welcher Art immer verordnet werden. Solche Zustände gibt es tatsächlich, und ich hoffe, daß eine Erörterung derselben in ihrem Verständnis beitragen wird.
Dessenungeachtet wird der größere Teil dieses Buches natürlich dem Anliegen dienen, Konzepte und Ideen vorzustellen, die jedem von euch die Entfaltung eurer Fähigkeiten und eurer Kreativität ermöglichen und die deshalb ganz von selbst zu einem gesunderen und vernünftigeren sozialen Verhalten beitragen.
Nun zu den Überschriften, die Ruburt brachte. Die eine ist der Titel von Teil 3: »Von Menschen, die Angst vor sich selbst haben.« Die andere von ihm formulierte Überschrift ist der Titel des nächsten Kapitels. Fügt ganz oder teilweise noch hinzu - »Religiöse und wissenschaftliche Kulte und Formen persönlichen Wahns.«
Ende der Sitzung.
(»Okay.«)
Hast du noch irgendwelche Fragen?
(»Nein, ich glaube nicht.«)
Dann wünsche ich euch einen schönen guten Abend.
(»Danke, Seth.« Ende um 22.15 Uhr.)
Dritter Teil:
Von Menschen, die Angst
vor sich selbst haben