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Kontrollierte Umwelten und
Massenverhalten, religiöse und
wissenschaftliche Kulte,
persönlicher Wahn
Sitzung 812, Samstag, den 1. Oktober 1977
(Als Seth uns vor sechzehn Monaten die Kundgaben der Sitzung 812
durchgab, sagte er, sie würden »Teil eines späteren Kapitels in dem Buch werden« [vergleichen Sie meine einleitenden Anmerkungen zu Sitzung 814]. Die Sitzung erfolgte nach einer Begegnung, die Jane und ich mit einem unerwarteten Besucher hatten; diese Auszüge sind aber in keiner Weise persönlich. Jedenfalls passen sie gut zu dem Material dieses Buches. Sobald Seth Janes Titel für den dritten Teil und Kapitel 6
bestätigte, wußten wir, daß wir die geeignete Stelle gefunden hatten, um dieses Material einzufügen. Übrigens trafen wir diese Entscheidung, ohne Seth zu fragen.)
(21.33 Uhr. Flüsternd:) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Nun: Thema sind Wahnideen und wie sie sich äußern.
Wahnvorstellungen sind ein sehr interessantes Phänomen, denn sie zeigen, in welcher Weise Geschehnisse und Sachverhalte, die den einzelnen mit anderen Menschen verbinden, durch persönliche Glaubensüberzeugungen verzerrt werden können. Die Sachverhalte erscheinen »verzerrt«; doch während der an Wahnideen Leidende im Zerrbild seiner Sicht ein Geschehen zu sehen überzeugt ist, bleibt die Art und Weise, wie andere Menschen eben dieses Geschehen wahrnehmen, unverändert...
Worauf ich hier hinweisen möchte, ist insbesondere die Fehldeutung völlig harmlosen Geschehens, das einzelne Menschen persönlich oder auch viele Menschen betrifft, und ich möchte hervorheben, in welcher Weise materielle Ereignisse symbolisch »
überbaut« werden können, so daß aus ihnen eine Wirklichkeit geschaffen werden kann, die gewissermaßen teils materieller, teils traumhafter Art ist.
Natürlich müßt ihr alles Geschehen auf persönliche Weise interpretieren. Es entsteht ja durch euch. Doch gibt es dabei auch eine gemeinsame Plattform der Wahrnehmung, die mehr oder weniger eine hinlänglich tragfähige Grundlage für die einer vielen Menschen zugänglichen gemeinsamen Welt bildet. Bei den meisten geistigen Abirrungen sind Menschen im Spiel, deren persönliche Symbole ihre primären Sinneswahrnehmungen so stark überschatten, daß diese Sinneswahrnehmungen oft kaum mehr registriert werden. Diese Individuen verhalten sich häufig in einer Weise in der Wirklichkeit der materiellen Welt, wie sich die meisten Menschen in der der Traumwelt verhalten, so daß sie Schwierigkeiten damit haben, zwischen ihrer rein subjektiven und einer für die vielen anderen gültigen Wahrnehmung zu unterscheiden.
Viele dieser Menschen sind außerordentlich imaginativ und kreativ.
Oft jedoch mangelt es ihnen am gesunden Umgang mit der allgemein akzeptierten Wirklichkeit, und so versuchen sie, der Welt ihre persönliche Symbolik aufzuprägen oder sich eine persönliche private Welt zu erschaffen. Im allgemeinen sind solche Menschen ihrer Mitwelt gegenüber eher argwöhnisch eingestellt. Jeder Mensch gestaltet selbst seine Wirklichkeit, und doch muß diese Wirklichkeit auch mit anderen geteilt und von deren Wirklichkeit umfangen werden können...
Nun geduldet euch einen Moment... Eure Sinne versorgen euch als in Zeit und Raum lebende Geschöpfe mit höchst spezifischen Daten und mit einer hinlänglich zusammenhängenden Sicht der materiellen Wirklichkeit. Ihr alle mögt ganz individuell auf die Jahreszeiten reagieren, und doch liefert euch dieses Naturgeschehen einen gemeinsamen Hintergrund für eure Erfahrungen. Es obliegt dem Bewußtsein, Sinneswahrnehmungen so klar und präzise wie möglich zu interpretieren, um die notwendige Handlungsfreiheit für geistig-seelische und körperliche Mobilität zu gewährleisten. Ihr seid eine mit Vorstellungskraft begabte Gattung, und so ist die materielle Welt gefärbt und geprägt von euren imaginativen Projektionen und geladen von der hinreißenden Gewalt der Emotionen. Doch wenn ihr verwirrt oder völlig aus der Fassung seid, dann empfiehlt es sich sehr, eure Aufmerksamkeit der natürlichen Welt zuzuwenden, wie sie euch in jedem Augenblick erscheint, um sie unabhängig von euren Projektionen auf euch wirken zu lassen.
Ihr selbst gestaltet eure Wirklichkeit. Doch wenn ihr im Nordosten lebt und es ist Winter, dann solltet ihr (humorvoll) lieber körperlich den Winter erleben, sonst seid ihr euren primären Sinneswahrnehmungen ziemlich entfremdet.
Wer unter Verfolgungswahn leidet, hegt seine ihm eigenen Glaubensüberzeugungen. Stellen wir uns einmal einen solchen Menschen vor - jemanden, der sich für gesund hält und sich etwas auf seinen gesunden Menschenverstand zugute tut. Nennen wir ihn Peter.
Peter also kommt aus irgendwelchen Gründen zu dem Schluß, daß sein Körper anstelle etwa des FBI es auf ihn abgesehen hat. Vielleicht wird ein einzelnes Organ oder irgendeine Körperfunktion seinen besonderen Verdacht erregen, und er wird viele körperliche Vorgänge ähnlich mißdeuten, wie jemand anderer größere Naturvorgänge oder soziale Prozesse fehlinterpretiert. Jede sogenannte öffentliche Bekanntmachung des Gesundheitswesens im Zusammenhang mit Symptomen, die irgendwie seinen wunden Punkt betreffen, versetzt ihn sofort in Alarmzustand. Er wird sich in Erwartung seiner Fehlfunktion bewußt und unbewußt auf den betreffenden Körperteil konzentrieren.
Und unser Freund kann tatsächlich seine eigene Körperwirklichkeit verändern.
Peter wird solche Körpervorgänge aus seiner negativen Sicht als bedrohlich einschätzen, so daß einige ganz normale Empfindungen bei ihm dieselbe Rolle zu spielen beginnen wie zum Beispiel bei manchen Leuten die Angst vor der Polizei. Macht er das lange genug, so wird er tatsächlich eine Körperregion unter Druck setzen, und indem er anderen von seinem Leiden erzählt, wird er allmählich nicht nur die Wirklichkeit seiner Welt in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch die der Umwelt, mit der er in Verbindung steht. Man »weiß« dann, daß er ein Magengeschwür oder was auch immer hat. Auf jeden Fall handelt es sich dabei um eine Fehlinterpretation grundlegender Sinneswahrnehmungen.
Wenn ich sage, daß jemand Sinneswahrnehmungen falsch interpretiert, dann ist damit gemeint, daß das subtile Gleichgewicht zwischen Geist und Materie in der einen oder anderen Richtung verlorengeht. Es gibt demnach bestimmte Vorgänge, die den Zusammenhang der Welt sichern. Obwohl diese Vorgänge letzten Endes außerhalb der Weltordnung ihren Ursprung nehmen, so erscheinen sie doch nichtsdestoweniger als Konstanten in derselben. Ihre Wirklichkeit ist das Ergebnis eines denkbar präzisen Gleichgewichts der Kräfte, so daß bestimmte psychische Geschehnisse als durchaus real erscheinen und wieder andere nur als Randerscheinungen. Es gibt eine Abend- und eine Morgendämmerung. Wenn ihr in der Mitte der Nacht bei vollwachem Zustand glaubt, es sei Sonnenaufgang, und ihr nicht zwischen eurer persönlichen Welt der Vorstellung und der materiellen Welt der Wirklichkeit zu unterscheiden vermögt, dann ist dieses Gleichgewicht gestört.
Für den Paranoiden wird seine Besessenheit - denn darum handelt es sich - zum Mittelpunkt seines psychischen Universums, und er blendet alles aus, was nicht ins Bild paßt, bis alles mit seinen Glaubensüberzeugungen übereinzustimmen scheint. Eine unvoreingenommene Überprüfung seiner Sinneswahrnehmungen jedoch würde ihm jederzeit Erleichterung bringen.
Macht Pause. Eine Anmerkung: Dies wird später noch Teil eines Kapitels in diesem Buch werden.
(22.31 Uhr. Anschließend folgte eine Mitteilung für Jane. Um 23.30
Uhr beendete Seth die Sitzung.)
Sitzung 835, Mittwoch, den 7. Februar 1979
(Jane war sehr entspannt vor der Sitzung. Diese besondere Art der Entspannung können Sie besser verstehen, wenn Sie sich die einführenden Anmerkungen zu Sitzung 829 vergegenwärtigen. - Beginn der Sitzung um 21.11 Uhr.)
Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Es gibt eine Zauberformel die seit Beginn dieses Jahrhunderts viele Menschen in ihren Bann schlug: »Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser!«.*
Das mag wie eine überoptimistische, entzückende Augenauswischerei klingen. Bis zu einem erstaunlichen Grade jedoch erwies sich diese Suggestionsformel für Millionen von Menschen als wirksam.
* Seth zitierte verkürzt die berühmte Autosuggestionsformel des französischen Apothekers und Psychotherapeuten Amile Coué (1857 bis 1926) bereits in Kapitel 4 der »Natur der persönlichen Realität«. In einer Fußnote dazu (Seite 106) vermerkte ich bereits, daß Coué einer der Pioniere der Suggestionsforschung war und daß sein in den zwanziger Jahren verfaßtes Werk und seine Ideen zwar in Europa gut aufgenommen worden waren, in Amerika aber wenig Widerhall fanden. Tatsächlich endete seine Vortragsreise in den USA wegen der feindlichen Pressereaktionen als Mißerfolg.
Ein Allheilmittel war sie nicht. Sie mußte ohne Wirkung bei all denjenigen bleiben, die an die grundlegende Vertrauenswürdigkeit ihrer eigenen Natur nicht glaubten. Diese Suggestion aber war und ist kein Hirngespinst, denn sie ergibt - als Selbst- wie auch als Fremdsuggestion -
einen Bezugsrahmen, dem sich neue, aufbauende
Glaubensüberzeugungen zugesellen können.
Oft jedoch begegnet man in eurer Gesellschaft dem Gegenteil; mit schöner Regelmäßigkeit wird suggeriert: »Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht immer schlechter und schlechter, und der Welt ebenso!«
Ihr habt eure Suggestionsformeln für Unheil jeder Art; es ist eine probate Methode, Überzeugungen zu schaffen, die persönliche Katastrophen und Massentragödien geradezu heraufbeschwören. Gewöhnlich verbergen sich solche Überzeugungen hinter der »herrschenden Meinung«, das heißt hinter der konventionellen Maskierung als allgemein akzeptierte Denkinhalte. (Pause.) So mögen beispielsweise viele Tausende in irgendeinem Kampf oder Krieg umkommen. Diese Tode werden wie selbstverständlich hingenommen. Es handelt sich ja um Kriegsopfer, keine Frage. Selten kommt jemand auf den Gedanken, daß es sich (sehr nachdrücklich) um Überzeugungsopfer handelt. Die Gewehre und die Bomben und die Kampfhandlungen sprechen allzu beredt von Krieg.
Offensichtlich gibt es den Feind. Er hat böse Absichten. Kriege sind im Grunde Beispiele für Massenselbstmord. Doch werden sie aufgrund verhängnisvoller Massensuggestionen auf dem Schlachtfeld genau von den die Ressourcen eines Volkes verkörpernden Menschen ausgetragen, die überzeugt sind, daß die Welt unsicher und voller Gefahren ist, daß auf das Selbst kein Verlaß ist und daß außenstehende Fremde immer feindlich gesinnt sind. Ihr haltet es für selbstverständlich, daß die Spezies Mensch streitsüchtig und aggressiv ist. Ihr müßt die feindliche Nation überlisten, bevor ihr selbst vernichtet werdet. Diese paranoiden Tendenzen verbergen sich massenhaft unter den nationalistischen Kriegsbannern der Menschheit.
»Der Zweck rechtfertigt die Mittel.« Dies ist ein weiterer höchst verhängnisvoller Glaube. Religionskriege haben immer paranoide Tendenzen, denn stets fürchtet der Fanatiker Systeme, deren Glaubenssätze im Widerspruch zu seinen eigenen stehen. (Pause.) Gelegentlich kommt es zum Ausbruch von Epidemien, die Todesopfer fordern. Doch sind diese zum Teil ebenfalls Opfer ihrer Glaubensüberzeugungen. Die meisten von euch glauben ja, der Körper sei die natürliche Beute von Viren und Krankheiten, die sich eurer persönlichen Kontrolle entziehen, sofern die nicht seitens der Schulmedizin ausgeübt wird. Die in der Ärzteschaft generell vorherrschende Meinung, eine Massensuggestion wie andere auch, akzentuiert und übertreibt die Anfälligkeit des Körpers und spielt die natürlichen Heilkräfte des Körpers hinunter. Menschen sterben, wenn sie zu sterben bereit sind, und sie haben ihre eigenen Gründe dafür. Niemand stirbt ohne Grund.* Da euch jedoch dieses Wissen nicht vermittelt wird, erkennen die Menschen ihren eigenen Grund zu sterben nicht; man lehrt sie ja auch nicht zu erkennen, worin eigentlich der Sinn ihres Lebens besteht, denn ihnen wird gesagt, daß das Leben ein Zufallstreffer in einem kosmischen Glücksspiel sei.
(21.33 Uhr.) Daher könnt ihr euren eigenen Eingebungen nicht trauen. Ihr denkt, daß eure Lebensaufgabe in etwas oder jemand anderem als euch selber liegen müsse. In einer solchen Situation verschreiben sich viele Menschen irgendeiner Sache - in der Hoffnung, daß ihre eigene unerkannte Lebensaufgabe in der durch diese Sache gegebenen Aufgabe aufgehen werde.
Eine große Anzahl bedeutender Männer und Frauen haben sich einer Sache gewidmet, der sie ihre Energien, ihr Vermögen und ihre volle Unterstützung zugute kommen ließen. Diese Menschen erkannten ihre eigene Wesenstiefe und brachten ihre Vitalkraft in die Sache ein, an die sie glaubten. Sie gaben nicht ihre Individualität für die Sache auf.
Vielmehr bestätigten sie dadurch ihre Individualität und wurden noch mehr sie selbst. Sie erweiterten ihren Horizont und stießen über die Landschaften konventionellen Denkens hinaus in neue Bereiche vor, und ihre Motivation war (mit großem Nachdruck) Lebensfreude und Vitalität, Wißbegier und Liebe - nicht Angst!
Viele Menschen haben kürzlich ihr Leben in der Tragödie von
[Jonestown] Guyana verloren. Diese Menschen fanden sich bereit, auf Befehl ihres Führers Gift zu nehmen. Keine Armee umzingelte die Siedlung. Keine Bombe fiel. Kein todbringendes Virus hatte sich in der Menge verbreitet. Es gab nichts, um den Mechanismus der Geschehensabläufe zu bemänteln. Diese Menschen fielen einer Epidemie ihrer Glaubensüberzeugungen zum Opfer, in einem Umfeld, das geistig wie auch räumlich-materiell in sich abgekapselt war.
* Vergleichen Sie dazu die Fußnoten zu Sitzung 802, Seite 42, und zu Sitzung 805, Seite 72 f.
Die »Übeltäter« waren die folgenden verhängnisvollen Ideen: daß man einer gefährlichen, unsicheren Welt schutzlos preisgegeben ist; daß die Menschheit selbst verseucht ist vom Vernichtungswillen; daß der einzelne keine Macht hat über seine Lebenswirklichkeit; daß die Gesellschaft oder die gesellschaftlichen Bedingungen als unabhängige Größen existieren und daß ihre Zwecke und Absichten der Erfüllung des Individuums geradewegs zuwiderlaufen; schließlich, daß der Zweck die Mittel rechtfertigt und daß es keinen Gott gibt, der in dieser Welt irgend etwas auszurichten vermag.
Die Menschen, die dort starben, waren Idealisten, sich selbst übersteigernde Perfektionisten, deren tiefe Sehnsucht nach dem Guten pervertiert und verdorben war durch eben jene von ihnen gehegten Überzeugungen. Denn solche Überzeugungen müssen notwendigerweise nach und nach die Wahrnehmung all dessen, was gut ist, aus der Erfahrung ausschließen.*
Der Mensch ist guten Willens. Wenn ihr überall nur Böses in der menschlichen Gesinnung - in euren eigenen Handlungen und in denen der Mitmenschen - zu erkennen meint, dann setzt ihr euch in
* Nach dieser Sitzung war ich ziemlich überrascht, als Jane mir erzählte, daß die Tragödie von Jonestown für sie ein sehr emotionsgeladenes Thema sei und daß Seth dies von Anfang an wußte. Ich hätte das eigentlich auch wissen sollen.
Sie erklärte, es sei für sie belastend, »weil der Vorfall ein Beispiel dafür ist, wie ein verrückter Visionär seine Anhänger im Namen der Religion ins Verderben führen kann«. Natürlich spielen in diese Gefühle ihre eigenen Jugendkonflikte mit der katholischen Kirche mit hinein, die dazu führten, daß sie mit achtzehn Jahren der organisierten Religion den Rücken kehrte. Sie hängen auch zusammen mit ihrer strikten Weigerung, das Seth-Material zur Grundlage irgendeiner Kultbewegung werden zu lassen, die dann, wie vereinzelt vorgeschlagen wurde, unter ihrer Führerschaft stehen müßte. Daher unterzieht sie Seths (wie auch ihr eigenes) Material ständig einer sehr strengen Überprüfung, um sicherzugehen, nicht »eine verrückte Schraube, die andere Menschen in die Irre führt« zu sein. Religiöser Fanatismus macht ihr Angst. In ihren Augen ist es übrigens nur ein Schritt dorthin vom Fundamentalismus, der hierzulande im Aufstieg begriffen ist. (Vergleichen Sie dazu Seths Material über Evolution und Fundamentalismus in Sitzung 829.) Jane lachte, als ich sie fragte, warum sie mir von ihren Gefühlen über Jonestown nichts gesagt hatte: »Du hast mich nie gefragt!« Sie fügte hinzu, daß sie nicht die Absicht gehabt hatte, etwas zu verheimlichen, sondern ihre Haltung einfach als Konsequenz ihrer eigenen Überzeugungen empfunden hatte. Das Massensterben von Jonestown (im November 1978) ereignete sich während unserer Arbeitspause vom Buchdiktat, doch erörterte Seth die Affäre schon bald in unserem persönlichen Material, wie Jane es in ihrem Beitrag zu den einführenden Anmerkungen zu Sitzung 831 beschrieben hat. Jetzt sagte sie mir, daß Seth das Thema in dieser Weise aufgegriffen habe, um ihr die spätere Arbeit an diesem Buch zu erleichtern.
Widerspruch zu eurem eigenen Sein und zum Sein eurer Gattung. Ihr konzentriert euch auf den Abgrund, der zwischen euren Idealen und eurer Erfahrung klafft, bis von der ganzen Wirklichkeit nur noch der Abgrund übrigbleibt. So könnt ihr die natürliche Disposition zum Guten im Menschen nicht sehen. Oder wenn, dann könnt ihr sie nur ironisch sehen, weil im Vergleich zu euren hohen Idealen das Gute in der Welt als so verschwindend klein erscheint, daß ihr darüber spottet.
(21.56 Uhr.) So kapselt man sich von der Gesamtheit möglicher Erfahrungen ab. Die Menschen leben dann in Angst vor sich selbst und vor der Natur ihres eigenen Seins. Ob intelligent oder beschränkt, hochbegabt oder nur durchschnittlich - sie haben Angst davor, sich selbst als Selbst zu erfahren und ihren eigenen Wünschen zu folgen. Sie wirken deshalb bei der Errichtung von Dogmen oder eines Systems oder eines Kultes mit, dem sie dann »zum Opfer fallen«. Sie erwarten von ihrem Führer, daß er an ihrer Stelle handelt. Er saugt gewissermaßen ihre Paranoia in sich auf, bis sie zu einer unwiderstehlichen Kraft in ihm anschwillt, und er ist ebensosehr das »Opfer« seiner Anhänger, wie sie seine »Opfer« sind.
In der Guyana-Affäre waren es »waschechte Amerikaner«, die unter einem fremden Himmel (in Südamerika) starben, doch nicht unter einem Kriegsbanner, was unter Umständen noch annehmbar gewesen wäre. Es waren dies Amerikaner, die nicht in einer blutigen Revolution oder als Geiseln von Terroristen starben. Vielmehr waren es Amerikaner, die in einem fremden Land ganz bestimmten Überzeugungen zum Opfer fielen, die auf heimischem Boden gewachsen und spezifisch amerikanisch sind.
Neben den obenerwähnten verhängnisvollen Ideen gibt es noch den spezifisch amerikanischen Glauben, daß Geld die Lösung für fast jedes soziale Problem darstelle, daß der Lebensstil der Mittelklasse der einzig wahre »demokratische« Lebensstil sei und daß die Mißhelligkeiten insbesondere zwischen Schwarz und Weiß durch die Verordnung sozialer Pflästerchen und Bandagen aus der Welt geschafft werden können.
Notwendig aber wäre, die den Problemen zugrunde liegenden Glaubensüberzeugungen aufs Korn zu nehmen.
Viele junge Menschen sind in bester Nachbarschaft in schönen Farmhäusern oder in schönen Villen in guten Wohngegenden aufgewachsen. Man sollte meinen, daß diese Jugend, die zu Amerikas Elite gehört, alles erreicht habe, was es im Leben zu erreichen gibt. Sie haben vielleicht die Universität besucht, vielleicht nie arbeiten müssen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen - und doch sind sie die ersten, denen aufgeht, daß solche Privilegien nicht notwendigerweise zur Lebensqualität beitragen, da sie ja auch die ersten sind, die sich einer so beneidenswerten Position erfreuen.
Die Eltern haben dafür gearbeitet, ihren Kindern solche Vorteile zu verschaffen, und die Eltern selbst sind einigermaßen ratlos und verwirrt angesichts der Einstellung ihrer Kinder. Die Eltern haben Besitz und Position erkämpft in Übereinstimmung mit ihrem Glauben an die auf Wettbewerb und daher Wettkampf programmierte Natur des Menschen -
und dieser Glaube bringt sich um seinen eigenen Gewinn: seine Frucht hat einen bitteren Geschmack. Viele der Eltern glaubten ganz einfach, der Sinn des Lebens bestehe darin, mehr Geld zu machen, und Tugend zeige sich im Besitz des besten Autos, des schönsten Hauses oder Swimmingpools - Beweis, daß man in einer von Klauen und Zähnen beherrschten Welt zu überleben verstand. Ihre Kinder jedoch fragten sich, was es mit ihren so ganz anderen Gefühlen auf sich habe und wie sie einem Lebenssinn gerecht werden könnten, nach dem sie sich sehnten.
Ihre Herzen waren wie leere Gefäße, die darauf warteten, gefüllt zu werden. Sie wünschten sich ein sinnerfülltes Leben, fühlten sich aber zugleich als Söhne und Töchter einer Gattung, die, von Verderbnis gezeichnet, richtungslos und ohne klare Bestimmung war.
Sie probierten verschiedene Religionen aus, und im Lichte ihrer Auffassung von sich selbst schienen ihre früheren Privilegien sie nur noch mehr zu verdammen. Sie versuchten es mit sozialen Programmen und fanden zu einem seltsamen Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Benachteiligten, denn auch diese waren wurzellos. Die Privilegierten und die Minderprivilegierten fanden sich in einem Bund der Hoffnungslosigkeit zusammen, indem sie einen Führer mit der Macht ausstatteten, die sie selbst nicht zu besitzen glaubten.
(Nach langer Pause um 22.14 Uhr:) Sie gingen schließlich in die Isolation, indem sie der Welt, so wie sie sie kannten, den Rücken kehrten.
In der Stimme ihres Führers am Mikrophon verdichteten sich ihrer aller Stimmen zu einem einzigen Crescendo. Ihr Lebenssinn erfüllte sich, indem sie ein unübersehbares Zeichen durch ihren Massentod setzten.
Die Amerikaner wurden durch die Tragödie genötigt, die Natur ihrer Gesellschaft, ihrer Religionen, ihrer Politik und vor allem ihrer Glaubensüberzeugungen in Frage zu stellen.
(Nach langer Pause sehr intensiv:) Jeder einzelne hatte sich für diesen Weg entschieden.
Ende der Sitzung, sofern ihr keine Fragen habt.
(22.17 Uhr. »Würdest du etwas über Jane sagen?« fragte ich. Seth kam prompt mit zwei Zeilen ermutigendem Material für sie durch. Dann:) Ende der Sitzung.
(Lachend: »Okay.«)
(22.19 Uhr. »Ich fühle mich immer noch ziemlich so«, sagte Jane, sobald sie aus der Trance kam; sie meinte damit ihre sehr angenehme und entspannte Verfassung. »Jetzt gerade ist es wie ein Rieseln und Strömen in meiner rechten Schläfe, meinem rechten Knie und meinem rechten Fuß...« Ich finde, daß das Material der Sitzungen durch ihren entspannten Zustand jedesmal gewinnt.)
Sitzung 840, Montag, den 12. März 1979
(Fast fünf Wochen sind seit der Sitzung 835 vergangen. Seth ist seitdem auch mit vier weiteren Sitzungen durchgekommen - deren letzte drei sich aus dem unerwarteten Tod unseres jungen Katers Billy am 28. Februar ergaben. Ich will jetzt versuchen, diese traurige Begebenheit aus einigem Abstand in bezug auf unser Leben und in ihrer Verflechtung mit dem Seth-Material im allgemeinen und mit diesem Buch im besonderen zu betrachten.
Als ich früh morgens am 26. Februar aufstand, um Korrekturabzüge fertig zu machen, merkte ich, daß Billy nicht in guter Verfassung war. Jane beobachtete ihn, während ich zum Postamt ging.
Als ich zurückkam, hatte sich sein Zustand nicht gebessert, und am Nachmittag brachte ich ihn zu unserem Tierarzt, der ihn zur Behandlung dabehielt. Der Kater war ernsthaft krank und hatte inzwischen große Schmerzen. Jane und ich fragten uns, warum ein allem Anschein nach so vollkommenes Geschöpf ohne jeden ersichtlichen Grund plötzlich so krank werden sollte. »Wir waren sehr betroffen«* schrieb ich in
* Wir waren erschüttert, weil Billys unerwartete ernste Krankheit uns die allgemein verbreitete Ansicht ins Gedächtnis rief, daß das Leben verletzlich ist
- jegliche Form von Leben. Billy hatten wir eine Woche nach dem Tod unseres Katers Willy (der im November 1976 im Alter von sechzehn Jahren gestorben war) in einem Tierheim als Kuscheltierchen zum Liebhaben gefunden und uns auf eine Reihe gemeinsamer Jahre mit ihm »eingestellt«.
In der Sitzung 836 erinnerte uns Seth daran, daß »Tiere nicht an ein langes oder kurzes Leben ›denken‹ sondern an eine leuchtende Gegenwart, die, verglichen mit eurem Bezugsrahmen, weder Anfang noch Ende hat... Zeit in eurem Sinne gibt es für sie nicht - und im tieferen Sinne kann die Qualität auch eines Menschenlebens nicht primär nach seiner Länge bewertet werden.«
Um Ihnen einen weiteren Einblick in die auch für uns immer noch unklare Beziehung zwischen Jane und Seth zu geben, ist Billys Fall interessant.
Vor der Sitzung 836 hatte Jane ihrem Kummer über seinen möglichen Tod Ausdruck gegeben. Seth gab ihr dann Material durch, das besagte, daß »die Zeit für eine Katze in der Gegenwart enthalten ist... im Grunde währt das Leben für sie ewig, ob sie nun zehn Monate oder zehn Jahre oder wie lange auch immer lebt«. Damals wehrte sie sich (wie sie später für mich schrieb) gefühlsmäßig heftig gegen diese Botschaft Seths, da »es allzu leichtfertig zu sein schien, das Leben einer Katze - oder überhaupt ein Leben - abzuschreiben - selbst wenn es stimmte. Und ich nahm an, daß es stimmte... »In früheren Jahren«, so fuhr sie fort, »machten mir solche spontanen Einwendungen meinerseits schwer zu schaffen, und dann pflegte ich dazusitzen und innerlich mit Seth zu hadern, so daß die Sitzung nicht gleich anfangen konnte; sie begann erst, nachdem ich innerlich den Mund hielt. Als ich das während unserer Vorbereitungen für die Sitzung 836 erwähnte, meinte Rob, ich hätte ihm nie etwas davon gesagt. Es ist mir wohl einfach nicht in den Sinn gekommen, denke ich.«
meinen Anmerkungen zu der persönlichen, nicht zur Veröffentlichung bestimmten Sitzung 836, die Jane an jenem Abend gab. Im Verlauf der Sitzung ging Seth kurz auf Billys Krankheit ein, wobei er auch die erste »
Rate« einer Antwort auf eine von mir seit langem gehegte Frage brachte: Mich interessierte die Beziehung zwischen dem Wirtsorganismus - sei dies nun Mensch, Tier oder Pflanze - und einer Krankheit, die er sich zuzieht und die beispielsweise durch ein Virus »verursacht« ist.
Ich werde am Schluß dieser Anmerkungen auf die Frage zurückkommen.
Am Dienstag sagte uns der Tierarzt am Telefon, es gehe Billy besser, so daß wir ihn »wahrscheinlich« am folgenden Nachmittag abholen könnten; ich solle jedoch vorher anrufen. Am Mittwoch nachmittag läutete, eine Stunde bevor ich anrufen sollte, das Telefon.
Natürlich dachte ich sofort an unseren Tierarzt. Er war es auch, und er erklärte in bedauerndem Tonfall, Billy sei vor etwa einer Stunde gestorben. Der Arzt hatte die Praxis verlassen, um einen Hausbesuch zu machen. Als er zurückkehrte, fand er Billy tot in seinem Gehege. Er wußte nicht, warum die Katze gestorben war... Wir fühlten uns ganz elend - dennoch bestand Jane darauf, die Sitzung 837 abzuhalten.
Am übernächsten Tag brachte uns eine gute, Freundin zwei sechs Wochen alte Kätzchen, ein Geschwisterpärchen aus einem Wurf, von einer nahegelegenen Farm. Wir nannten sie sogleich Billy und Mitzi: Billy der Zweite, weil er ebenfalls getigert war, und Mitzi, weil sie mich mit ihrem langhaarigen schwarzweißen Fell sogleich an die Mitzi meiner Kindheit erinnerte, die dem Nachbarn der Butts gehört hatte. Die beiden Kätzchen hatten bisher nur in einer düsteren Scheune gelebt und waren so scheu, daß sie sich mehrere Tage lang unter unserer Wohnzimmercouch verkrochen.
* In der Sitzung 837 sprach Seth hauptsächlich über Billys Tod. Es war nicht so, daß der Verlust »einer bloßen Katze« der einzige Grund für unser tiefes Angerührtsein war; wir verspürten, wie auch gedankliche und gefühlsmäßige Konsequenzen durch dieses Vorkommnis ausgelöst wurden. Wir konnten noch immer nicht glauben, daß Billy uns für immer verlassen hatte. Dieses Gefühl war um so stärker, als wir keinen »Leichnam« hatten, der uns seinen Tod bewiesen hätte. Ich hatte ihn nicht abgeholt: die Erde war hartgefroren, so daß ich ihn nicht im Hinterhof neben Willy begraben konnte, und der Tierarzt hatte sich bereit erklärt, die sterblichen Reste für uns zu beseitigen.
Wir hatten genau so empfunden, als Willy vor drei Jahren gestorben war, und wie damals sagte Jane jetzt traurig: »Wenn ich jetzt unsere Fragen über den Tod dieser Katze beantworten könnte, könnte ich vielleicht unsere Fragen über alles und jedes beantworten...«
Wir sind immer bestrebt, mit Hilfe des Seth-Materials Antworten zu bekommen. Im übrigen denke ich schon, daß Jane dank Seth tatsächlich ein gewisses Verständnis der großen Fragen der Menschheit über Leben und Tod gewonnen hat. Seth ging in den Sitzungen 837 bis 839 auf solche Fragen ein, während er über Billy sprach, doch sein Material ist viel zu ausführlich, um es in dieses Buch aufzunehmen, zu ausführlich sogar, um auch nur die Glanzlichter in angemessener Weise zu zitieren. Immerhin folgen hier ein paar Auszüge aus dem Material, das er uns in diesen persönlichen Sitzungen durchgab. Wir hoffen, daß sie zumindest eine Ahnung seiner Antworten auf diese tiefinneren Herausforderungen vermitteln, vor die wir alle uns gestellt finden.
Aus Sitzung 837 vom 28. Februar: »Meine lieben Freunde: Das Sein ist größer als Leben oder Tod. Leben und Tod sind Seinszustände. Eine Wesenheit besteht, sei es nun im Zustand des Lebens, sei es im Zustand des Todes. Das Bewußtsein eurer Katze hing nie von ihrer Verkörperung ab; es wählte selbst die Erfahrung des Katze-Seins. Es gab da nicht etwas, das sagte: ›Dieses Bewußtsein soll das einer Katze sein.‹
Gewissermaßen habt ihr Billy ohne seine Zustimmung auf eine andere als seine Wahrscheinlichkeit umgeschaltet, als ihr ihn aus dem Tierheim holtet, wo man ihn bald ›beseitigt‹ hätte. Seine drei Jahre mit euch bedeuteten für ihn eine Gnadenfrist... Er machte sich diese Wahrscheinlichkeit nicht zu eigen, weil er andere Ziele verfolgte.
So etwas wie ein Katzenbewußtsein oder ein Vogelbewußtsein gibt es im Grunde genommen nicht. Vielmehr handelt es sich einfach um Bewußtsein, das sich dafür entscheidet, etwas in dieser oder jener Verkörperung zu erleben.
Solche Themen sind überaus schwierig zu erörtern, zumal ich Entstellungen zu vermeiden trachte, die zwar nichts mit Ruburt selbst zu tun hätten, sich aber einfach aus der Art und Weise ergeben würden, wie ihr derartige Ideen verarbeitet.
Aus der Sitzung 838 vom 5. März: »Ich möchte die Idee falschverstandener Seelenwanderung vermeiden, der zufolge sich beispielsweise Menschenseelen in Tieren verkörpern. So wie es kein Bewußtsein gibt, das darauf ›zugeschnitten‹ wäre, Katze oder Hund zu werden, so gibt es auch kein vorfabriziertes Bewußtsein, das dazu bestimmt wäre, ein menschliches zu sein...
Ihr beide wußtet, daß Billy sterben würde. Auch die Pflanzen in eurem Haus und die Bäume vor eurer Tür wußten es. Auf der Zellebene hatte die Meldung stattgefunden, und die Zellen ›wissen‹ um Geburt und Tod jeder einzelnen Zelle...« (Vergleichen Sie dazu das Material der Sitzung 804 nach 22.45 Uhr.)
»Zellkommunikation erfolgt zu rasch, als daß ihr sie verfolgen könntet.
Die Katze hätte es sich natürlich noch anders überlegen können, aber die Signale waren im vorhinein gegeben. Manche, die euch schrieben, hatten diese Wahrscheinlichkeit gespürt...« Mit Erstaunen hatten Jane und ich dies aus Briefen ersehen können, die wir in den Tagen unmittelbar nach Billys Tod von Freunden und auch von Unbekannten erhielten.
Aus Sitzung 839 vom 7. März: »Die Identität eines Wesens ist viel mysteriöser, als ihr wißt, denn ihr rechnet gewissermaßen pauschal jedem Lebewesen eine Identität zu. Euer Kater Billy nun existiert in den Bewußtseinseinheiten, die sich zusammenschlossen, um seine Identität, wie ihr sie kennt, zu bilden; sie bilden jenes Muster noch immer, wenn auch nicht materiell. Die Katze existiert als sie selbst in dem größeren lebenden Gedächtnis ihrer eigenen größeren, Selbstheit. Ihre Organisation - die der Katze
- existiert unverletzbar, jedoch als Teil der größeren psychischen Organisation, der sie entstammt.
Diese Identität Billys bleibt lebendig und ihrer selbst bewußt, ganz gleich ob sie in eurem Sinn reaktiviert wird oder nicht. Dies ist nicht immer der Fall - es gibt da die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Billy jedenfalls identifizierte sich mit der ›größeren‹ Organisation, des Wurfs, das heißt mit seinen Geschwistern, die auch alle tot sind, und diese Bewußtseinseinheiten sind jetzt beieinander. Sie bilden eine ›Gestalt‹ in der die Bewußtseinseinheiten miteinander verschmelzen und eine neue Identität bilden.«
Jane und ich hatten lebhafte psychische Erfahrungen, in denen wir Billy kurz nach seinem Tode wahrnahmen: wir sahen ihn »überlebensgroß«, voll unerhörter Lebenskraft und Anmut. Die Erfahrung war für mich fast angsterregend. Jane möchte diese Erlebnisse zusammen mit einigem Material, das sie über wissenschaftliche Tierversuche schrieb, in einem ihrer eigenen Bücher verwenden.
Nun zu meiner oben erwähnten Frage in bezug auf Viren.
»Worin«, so schrieb ich zur Sitzung 836, »besteht die Beziehung zwischen dem Wirtsorganismus und der Krankheit?« Kürzlich hatten Jane und ich über die augenscheinliche Ausmerzung der Pocken gesprochen, wie sie Anfang dieses Monats von der Weltgesundheitsorganisation WHO bekanntgegeben worden war, und uns gefragt, ob die Krankheit wirklich eliminiert worden ist. [Die WHO
will vorläufig noch nicht die Krankheit offiziell als ausgemerzt erklären, sondern noch ein Jahr lang abwarten, ob irgendwelche neuen Fälle auftreten.] Oder werden die Pocken vielleicht in zehn Jahren von neuem in Erscheinung treten? Ganz bestimmt würden, sagte ich Jane, die Pocken, wenn sie als eine Wesenheit »denken« könnten wie wir, sich selbst kaum als schlecht oder als eine furchtbare Krankheit oder Geißel betrachten. Wenn sie wirklich so schrecklich waren, warum existierten sie dann überhaupt im Bezugssystem der Natur? Welche Rolle spielten sie in der großen Ordnung der Lebensformen? Würde die »Krankheit«
von dem Zustand der Wahrscheinlichkeit, in dem sie sich jetzt befinden mochte, eines Tages in unsere Wirklichkeit zurückkehren und sich somit allem Anschein nach regeneriert haben? Was würden wir Menschen sagen, wenn das geschähe? Das Wiederauftreten der Pocken würde zweifellos vernünftig erklärt werden: sie hätten verborgen oder latent in irgendeinem vergessenen Winkel der Erde überdauert; oder es handle sich um eine Mutation, die sich irgendwie aus einer der nahe verwandten Formen von Tierpocken zu schwarzen Pocken »entwickelt« hatte.
In derselben Sitzung gab Seth unter anderem die folgenden Antworten auf meine Frage:
»Alle Viren jeglicher Art sind wichtig für die Stabilität eures planetaren Lebens. Sie sind Teil des biologischen Erbes und Bewußtseins des Planeten. Ihr könnt ein Virus nicht ausmerzen, auch wenn ihr jede vorhandene Art bis auf ihr letztes Glied zerstört. Sie existieren weiter im Gedächtnis der Erde, um so, wie sie waren, von neuem erschaffen zu werden, wann immer das nötig ist.
Dasselbe gilt natürlich für jede als ausgestorben geltende Art der Tier- und Pflanzenwelt. Nur ein so ausschließlich auf die Dingwelt eingestimmtes Bewußtsein wie dasjenige des Menschen vermag sich einzubilden, daß die physische Ausrottung einer Art ihre Existenz vernichtet.«
Seth berührte dieses Thema auch in den nächsten Sitzungen, die ebenfalls persönlicher Natur sind und in denen er sich weiterhin mit Billys Tod befaßte; doch an diesem Abend ging er detaillierter darauf ein. Auch wenn er diese Sitzung 840 nicht als Buchdiktat bezeichnete, so legen wir hier doch einen Teil davon vor, weil das Material so gut zu seiner Thematik für dieses Buch paßt. - Beginn der Sitzung um 21.28
Uhr.)
Nun: Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
(Energisch:) Ihr könntet gar nicht leben ohne Viren, auch könnte es ohne sie eure biologische Wirklichkeit, wie ihr sie jetzt kennt, nicht geben. (Pause.)
Viren scheinen »Übeltäter« zu sein, und normalerweise betrachtet ihr sie isoliert, wie zum Beispiel das Pockenvirus. Doch es bestehen weitverzweigte Gefüge ständiger Wechselwirkungen, in denen empfindliche biologische Gleichgewichte, an denen die Viren beteiligt sind, aufrechterhalten werden. Jeder Körper enthält unzählige Viren, die zu jeder Zeit vorhanden sind und unter bestimmten Voraussetzungen tödlich sein könnten. Diese Viren - ich stelle das jetzt so einfach wie möglich dar - haben im Körper abwechselnd aktive und passive Perioden, in Übereinstimmung mit der allgemeinen körperlichen Verfassung. Viren, die in bestimmten Stadien »tödlich« sein können, sind es in wiederum anderen nicht, und in den letztgenannten reagieren sie biologisch in durchaus zuträglicher Weise. Sie tragen zur Stabilität des Körpers bei, indem sie beispielsweise in der Zelltätigkeit notwendige Veränderungen bewirken, die zu bestimmten Zeiten erforderlich werden und die dann ihrerseits wieder weitere Zellveränderungen mit günstiger Wirkung auslösen.
Denken wir einmal, um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu nehmen, an die Gifte. Belladonna kann tödlich sein, doch weiß man seit alters her, daß geringe Gaben davon dem Körper bei bestimmten Krankheitszuständen wohltun.*
(21.38 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Den Viren im Körper kommt eine besondere Funktion zu. Ihre Auswirkungen sind nur unter bestimmten Umständen tödlich. Die Viren müssen zu destruktiver Tätigkeit angereizt werden, und das geschieht nur unter bestimmten Voraussetzungen: nämlich wenn das betreffende Individuum von sich aus entweder den Tod oder eine biologische Krisensituation sucht.
In solchen Fällen geht der Erkrankung immer eine mentale und
* Belladonna ist eine in Europa heimische Pflanze. Auszüge daraus enthalten (unter anderem) das Alkaloid Atropin, das bei Muskelkrämpfen Anwendung findet und die Pupillen erweitert. Es ist erwähnenswert, daß im europäischen Mittelalter größere Mengen dieser Auszüge als Halluzinogene von »Hexen«
und den Mitgliedern verschiedener Kulte verwendet wurden.
emotionale Ansteckung voraus. Meist spielen dabei soziale Gegebenheiten eine Rolle, wenn sich beispielsweise ein Individuum am tiefsten Punkt eines sozialen Umfeldes der Armut befindet (Pause), dessen Opfer es zu sein scheint, oder sich in einer Situation sieht, in der sein individueller Wert als Mitglied der Gesellschaft ernstlich herabgemindert ist.
Nun: So, wie ein Angehöriger einer minderprivilegierten Gesellschaftsschicht auf die schiefe Bahn kommen, asoziale Züge entwickeln und kriminelle Handlungen begehen kann, so kann er statt dessen in ebensolcher Weise die Viren aktivieren und deren soziale Ordnung zerstören, so daß Viren plötzlich todbringend werden oder Amok laufen. Und natürlich sind die daraus resultierenden Krankheiten ansteckend ! In diesem Sinne sind es »soziale« Krankheiten. Es geht nicht so sehr darum, daß ein Virus plötzlich destruktiv wird - wiewohl dies der Fall ist -, als vielmehr darum, daß die gesamte, grundsätzlich kooperative Struktur, in die alle Viren miteinbezogen sind, unsicher und gefährdet wird.
Ich sagte euch schon (in der privaten 836sten Sitzung), daß Viren mutieren. Das geschieht häufig. Es scheint wissenschaftlich gerechtfertigt zu sein, an Schutzimpfungen gegen gefährliche Viruserkrankungen zu glauben - und gewiß scheinen Impfungen wissenschaftlich gesehen zu wirken. Die Menschen eurer Gegenwart werden zum Beispiel nicht mehr von den Pocken heimgesucht. Manche Naturvölker haben geglaubt, daß Krankheiten durch Dämonen bewirkt werden. Medizinmänner versuchten, durch bestimmte Zeremonien den Körper von den Dämonen zu befreien, und auch diese Methoden erwiesen sich meist als wirksam.
Das Glaubenssystem war festgefügt und Teil allgemeiner Überzeugung, und es begann erst dann zu versagen, als diese Gesellschaften mit »
zivilisierten Ansichten« konfrontiert wurden.
Doch wenn ihr die Dämonen »negativen Glaubensüberzeugungen«
gleichsetzt, dann habt ihr einen großen Schritt getan. Menschen sterben auch weiterhin an Krankheiten. Viele eurer wissenschaftlichen Prozeduren, die Impfungen mitinbegriffen, »verursachen« ihrerseits neue Krankheiten. Es hilft jedoch einem gegen Pocken und Kinderlähmung geimpften Patienten nichts, wenn er infolge seiner negativen Glaubensüberzeugungen an Krebs stirbt.*
* Vergleichen Sie die Fußnoten zu Sitzung 802, Seite 42, und zu Sitzung 805, Seite 72 f.
(21.55 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... Was ich über Viren gesagt habe, trifft auf alles biologische Leben zu. Viren sind »
hochintelligent«, ich will sagen, sie reagieren umgehend auf Reize. Sie sind für Gemütszustände empfänglich. Sie sind sozial. Ihre Lebensdauer kann beträchtlich variieren, und manche können jahrhundertelang inaktiv bleiben, um dann jedoch erneut zum Leben zu erwachen. Ihnen sind biologisch imprägnierte Gedächtnismuster zu eigen. Unter Umständen können sie sich innerhalb von Sekunden zu Zehntausenden vermehren.
Sie bilden auf vielerlei Weisen die Grundlage des biologischen Lebens, doch ihr nehmt sie nur dann wahr, wenn sie »ein tödliches Aussehen«
annehmen.
Ihr nehmt die innere Armee der Viren im Körper, die ihn fortwährend beschützen, nicht wahr. Wirt und Virus brauchen einander, und beide sind Teil desselben Lebenszyklus.
Jetzt geduldet euch einen Moment... Eine kurze Anmerkung: Ruburt war vor der Sitzung einen Augenblick lang etwas verstimmt, ja launisch. Ihm war, so fand er, nicht danach zumute, um halb zehn Uhr abends eine Sitzung abzuhalten, um Allerweltsprobleme zu lösen. Er wollte einfach seine Ruhe haben und fernsehen, und in dieser Laune verbirgt sich ein ganz wichtiger Punkt: Die Sitzungen sind Ausdruck eurer persönlichen, gemeinsamen Wißbegier, einer noblen, anerkennenswerten Wißbegier in bezug auf die Natur der Wirklichkeit.
Sie sind entstanden aufgrund eures Wunsches zu wissen und in Erfahrung zu bringen, ob ihr das Wissen wie eine Frucht in eurer Hand halten könnt oder nicht, ob das Wissen einer leidenden Welt als Heilmittel dargereicht werden kann oder nicht.
Ich verstehe durchaus, daß ihr das Wissen praktisch anwenden und den Menschen, soviel ihr nur könnt, helfen wollt; aber das kann nicht euer alleiniges Ziel sein. Als euer vornehmliches Ziel muß euch stets das Abenteuer der Erforschung des eigenen Bewußtseins gelten, die schöpferische und künstlerische Unternehmung, für die es vielleicht keinen Namen gibt. Ihr fertigt nicht Schuhe an, damit fremde Füße in sie schlüpfen. Ihr produziert keine Deodorants, damit andere nicht schwitzen, nicht riechen. Würdet ihr das eine oder andere tun, so könntet ihr unmittelbar auf materielle Resultate - materielle Resultate - blicken: Leute mit Schuhen aus eurer Werkstatt und (vergnügt) Leute, die nicht schwitzen. Solche Deodorants sind übrigens sehr unzuträglich...
Ihr habt es nicht mit irgend etwas spezifisch Materiellem zu tun, ja nicht einmal mit etwas spezifisch Psychischem. Vielmehr befaßt ihr euch mit der Aneignung von Glaubensüberzeugungen, die wesentlich besser sind als die derzeit gängigen, eines Bezugssystems, das umfassend genug ist, daß es alle Besonderheiten enthält und den Menschen tatsächlich die Möglichkeit bietet, sich selbst besser verstehen zu lernen. Ihr erschafft eine weithin ausstrahlende Aura, einen Lichtbezirk spiritueller und intellektueller Einsicht, der den Menschen eben deshalb helfen kann, weil ihr nicht an Besonderheiten gebunden seid, sondern euch mit den weiterreichenden inneren Wirklichkeiten beschäftigt, denen die Besonderheiten entstammen...
(22.10 Uhr.) Geduldet euch einen Moment...
(Nach einer langen Pause griff Seth ein Thema auf, das nichts mit der Thematik dieses Buches zu tun hatte. Er sagte gute Nacht um 22.26
Uhr.)
Sitzung 841, Mittwoch, den 14. März 1979
(Seth hat weder die letzte Sitzung noch das Material von heute abend als Buchdiktat bezeichnet. Doch wie bei der 840sten Sitzung legen Jane und ich Teile der Durchgabe dieses Abends in diesem Buch vor, da wir finden, daß sie innerhalb dieses Bezugsrahmens veröffentlicht werden sollten. - Beginn um 21.08 Uhr.)
(Flüsternd:) Guten Abend.
(»Guten Abend, Seth.«)
Nun: Ich sagte - im Buchdiktat, glaube ich - (in der Sitzung 835) sinngemäß, daß die Menschen von Jonestown an einer Glaubensepidemie starben. Ich habe Worte in diesem Sinne verwendet.
Der Fall war, um es noch einmal zu sagen, aufsehenerregend wegen der offensichtlichen Suizidhandlungen. Immerhin ist ja das Gift als Beweis gefunden worden. Hätte man die gleiche Anzahl Menschen (Pause) aufgrund einer bösartigen Krankheit - Pocken oder dergleichen -
tot aufgefunden, so wäre die Ursache ein Virus. Erörtern wir Gedanken und Viren im Zusammenhang mit körperlicher Gesundheit.
Ihr betrachtet Viren als materiell und Gedanken als mental. Ihr solltet wissen, daß auch Gedanken Ihre physisch-materiellen Aspekte und Viren ihre mentalen Aspekte haben. Ihr habt beide gelegentlich gefragt, warum ein leidender Körper sich nicht einfach auf sich selbst besinnt und seine Heilkräfte aktiviert, indem er den negativen Einfluß zerstörerischer Glaubensannahmen und Gedanken einfach abschüttelt.
Wenn ihr Gedanken als mental und Viren als materiell betrachtet, ist die Frage verständlich. Es ist nicht nur so, daß Gedanken den Körper beeinflussen, was sie natürlich tun, sondern jeder einzelne von ihnen ist ein auslösender Stimulus, der hormonelle Veränderungen bewirkt und die gesamte körperliche Verfassung in jedem Augenblick verändert. (Pause um 21.16 Uhr.)
Euer physischer Körper... gebt mir Zeit... ist die fleischgewordene Version eurer Wesenheit - die physisch lebendige Version der Verkörperlichung eurer Gedanken. Es ist nicht so, daß eure Gedanken einfach chemische Reaktionen im Körper auslösen; vielmehr haben sie außer ihren offensichtlichen mentalen Aspekten auch eine chemische Wirklichkeit. Ich werde versuchen, das durch eine Analogie zu verdeutlichen. Es ist nicht eben die beste, aber ich hoffe, daß sie den entscheidenden Punkt herausstellt. Es ist so, als ob eure Gedanken sich in die verschiedenen Komponenten eures Körpers verwandelten.
(Nachdrücklich:) Unsichtbar existieren sie nicht anders als die Viren in eurem Körper. Euer Körper besteht nicht nur aus dem Stoff, der beispielsweise durch Röntgenstrahlen oder Autopsie enthüllt werden kann, sondern zu seinen Voraussetzungen gehören auch tiefreichende Beziehungen, Verbindungen und Gruppierungen, die physisch nicht sichtbar werden. Eure Gedanken sind in einem physischen Sinn für euren Körper ebenso konstituierend, wie es die Viren sind, ebenso lebendig und sich selbst vermehrend, und sie selbst formieren sich zu inneren Gruppierungen. Ihre Vitalität löst automatisch (lange Pause bei weitoffenen Augen) alle inneren Reaktionen des Körpers aus. Wenn ihr Gedanken denkt, sind sie bewußt. Ihr denkt in Inhalten eines Satzes oder mehrerer Sätze oder vielleicht in Bildern. Diese Gedanken - ich versuche das so gut wie möglich zu erklären - entstehen aus inneren Komponenten, die ihr nicht wahrnehmt.
Wenn der Gedanke Gedanke ist, dann ist er gewissermaßen wieder in diese Komponenten zerlegt. Eure Gedanken haben auch eine emotionelle Grundlage. Die kleinste (überbetont) Zelle in eurem Körper trägt zu dieser emotionellen Wirklichkeit bei und reagiert unmittelbar auf eure Gedanken.
(21.28 Uhr.) Geduldet euch einen Moment... So gesehen bewegen sich Gedanken allerdings viel rascher fort als Viren. Die Aktion des Virus folgt dem Gedanken. Jeder Gedanke wird biologisch registriert. Wenn ihr gegen Krankheit immun seid, so ist die grundlegende Immunität eine geistig-seelische.
Ihr seht Viren als Übel, das sich vielleicht von Land zu Land verbreitet, um zahllose Organismen zu befallen. Nun sind aber Gedanken
»ansteckend«. Ihr verfügt über eine natürliche Immunität gegenüber allen Gedanken, die nicht mit euren eigenen Absichten und Überzeugungen übereinstimmen, und natürlich seid ihr »geimpft« mit einem gesunden Glauben und Vertrauen in eure eigenen Gedanken vor anderen. Im Wuduismus lebt einiges davon der Idee nach fort, die Anhänger des Wudu komplizierten und entstellten sie jedoch mit der Angst vor dem Bösen, mit Riten der Besessenheit und magischer Tötung und so weiter.
Ihr könnt geistige und körperliche Gesundheit nicht voneinander trennen, und ebensowenig könnt ihr die Denkweise eines Menschen von seiner körperlichen Verfassung trennen.
Während ich all dies über Gedanken und Viren sage, solltet ihr den größeren Zusammenhang im Blick behalten, in dem die Erörterung stattfindet, denn neue Informationen und Einsichten aus Bezugssystem 2
sind für jeden einzelnen von euch stets verfügbar, und der Körper sendet seine eigenen Signale aus.
Habt ihr irgendwelche Fragen zu diesem Material?
(»Nein, ich möchte mich zuerst gründlicher damit befassen.«) Die Menschen, die in Jonestown starben, waren des Glaubens, sterben zu müssen. Sie wollten sterben. Wie konnten sie es gedanklich zulassen, ihren eigenen Tod herbeizuführen? Diese Frage kann, um es noch einmal zu sagen, nur dann formuliert werden, wenn euch nicht klar ist, daß (nachdrücklich) rein physisch eure Gedanken genau so wie die Viren einen Teil eures Körpers ausmachen.
(21.37 Uhr. Nachdem er noch einige andere Themen erörtert hatte, beendete Seth die Sitzung um 22.05 Uhr. Eines dieser »anderen Themen«
veranlaßte mich zu nachstehender Fußnote.*)
* In meiner Fußnote zu Sitzung 840, Seite 211 f., erwähnte ich unser Streben nach Einsicht in die Beziehung zwischen Jane und Seth. Jane war darauf gekommen, als sie einmal genauer auf ihre persönlichen Reaktionen einging.
Wir sind sehr darauf bedacht, so viel wie nur möglich über Jane oder Seth an sich zu erfahren. Heute abend also vermittelte uns Seth in dem ausgelassenen Teil der Sitzung, wie mir vorkommt, einige wichtige Einsichten in seine Persönlichkeit - mit Humor, viel Energie und einem Schuß Ironie.
»Ich bin kein Philosoph, daß ich meine Gedanken und Werke mit denen der bekannten Professionellen vergleichen könnte, von denen (in einer Zuschrift) die Rede ist. Ich denke, ich sei - mit Verlaub - auf meine Weise erdhaft-sinnlicher als die besagten Herren.
Ich bin - wiederum auf meine Weise - übermütiger und spielerischer.
Das Wort »Wahrheit« ist sehr gewichtig, und je öfter man es wiederholt, desto ferner und unerreichbarer scheint sie zu sein. Ich gebe meinen Theorien kein Etikett, und ich erläutere oder versuche, meine »tiefgründigsten« Aussagen zu erläutern, indem ich ihnen einen Schuß Lebenseifer beimische, ein Fünkchen Humor, ein selbstgefälliges Körnchen Bescheidenheit. Ich betrachte mich selbst als enthusiastischen psychologischen Forschungsreisenden, der sich eigenem Wunsch zufolge auf glücklicher Fahrt durch Universen befindet und imstande ist, mit lauter und herzhafter Stimme von der hypothetischen Küste des einen einem anderen Nachrichten zuzurufen über das, was er gefunden hat und immer noch findet.«
* Sue ist übrigens von den Nachforschungen für ihr Buch stark in Anspruch genommen; vor allem muß sie die ehemaligen Kursteilnehmer aufspüren und dann persönlich, telefonisch oder brieflich befragen. Viele von ihnen haben inzwischen den Wohnort gewechselt, und einige leben im Ausland. Sue hat auch einen Fragebogen entworfen, den die Teilnehmer an ihrer Untersuchung ausfüllen sollen.
Sitzung 844, Sonntag, den 1. April 1979
(Jane hat täglich an ihrem dritten Roman über die Abenteuer von Oversoul Seven gearbeitet, und sie erhielt immer wieder Mitteilungen seitens Sue Watkins über deren Fortschritte an dem Buch, das Sie über Janes ASW-Kurse schreibt unter dem Arbeitstitel »Konversationen mit Seth«.*
Am Morgen des vergangenen Mittwochs kam eine unheildrohende Entwicklung in Three Mile Island, dem Atomkraftwerk auf einer Insel im Fluß Susquehanna südlich von Harrisburg, Pennsylvania, in Gang. Es scheint, daß infolge eines Zusammenwirkens von technischen Pannen und menschlichem Versagen Unit Nummer 2, einer der beiden Reaktoren des Kraftwerks, überheizt wurde; dieser ließ radioaktives Wasser in den Fluß und, wenn auch nur in kleineren Mengen, radioaktive Gase in die Atmosphäre ab. Das ganze Kraftwerk liegt jetzt still, da der Reaktor Nummer 1 schon vorher außer Betrieb gesetzt worden war. Doch ist die Situation inzwischen sehr viel ernster: Es besteht die katastrophale Möglichkeit eines Durchschmelzens der Uraniumbrennstäbe im Inneren des schadhaften Reaktors. Das wäre der denkbar schlimmste Betriebsunfall, der, von einer Explosion abgesehen, unter den gegebenen Umständen passieren könnte - etwas, von dem die Fürsprecher der Kernkraft immer wieder behauptet hatten, daß es »so gut wie nicht passieren kann«. Wenn es zum Durchschmelzen des Reaktorkerns käme, würden riesige Wolken radioaktiver Materie in die Atmosphäre entweichen, und es könnten mehrere hunderttausend Menschen auf die eine oder andere Weise zu Katastrophenopfern werden.
Anfänglich wurde davon gesprochen, bis zu einer Million Menschen aus dem Umkreis von Three Mile Island zu evakuieren. Einige Flüchtlinge haben bereits das Gebiet von Elmira, wo wir wohnen, erreicht, und als wir auf der Landkarte nachschauten, waren Jane und ich überrascht zu finden, daß wir nur 130 Meilen Luftlinie von Harrisburg entfernt und schon viel längere Entfernungen bequem an einem Tag gefahren sind. »Sonderbar«, sagte ich nachdenklich zu Jane, »
daß von allen Kernkraftwerken in der Welt gerade mit demjenigen etwas schiefgehen muß, in dessen Nachbarschaft wir leben...«
Unsere Region soll außerhalb der Gefahrenzone liegen - aber wir lesen widersprüchliche Zeitungsberichte darüber, ob wir aufgrund der vorherrschenden Windrichtungen unter den Nachwirkungen eines Durchschmelzens zu leiden hätten. Sogar jetzt noch ermitteln örtliche Zivilschutzbeamte mehrmals täglich die Strahlungswerte der Luft. »
Jonestown war weit weg, fern in einem anderen Land«, sagte ich zu Jane,
»aber die potentiell mögliche Massentragödie von Three Mile Island schwelt am Rande unseres eigenen Lebensraums.« Die ganze Affäre geht mit einem Gefühl unwirklicher Unmittelbarkeit einher, weil es nichts zu sehen gibt und weil die meisten Leute sich, glaube ich, gar keine Vorstellungen machen können von dem, was passieren könnte.
Es dürfte wohl kaum ein Zufall sein, daß die Vorkommnisse Jonestown und Harrisburg sich beide innerhalb eines Zeitraums von weniger als sechs Monaten ereigneten und daß sie die beiden Pole oder Extreme der gegenwärtigen Glaubenssysteme der Menschheit darstellen: der Religion und der Wissenschaft.
Natürlich hoffen wir, daß Seth, indem er mit dem »Massenschicksal
« fortfährt, sich ebenso ausführlich zu Three Mile Island äußern wird, wie eben jetzt zu Jonestown. In der Tat kam es zu Material über Three Mile Island in der Sitzung von heute nachmittag, und hauptsächlich deshalb entschlossen wir uns, die nachstehenden Auszüge zu bringen.
Eigentlich könnte man die Sitzung 844 eher eine Jane-Seth-Sitzung nennen insofern, als oft Janes eigenes Bewußtsein in den Vordergrund trat, bestärkt und getragen von Seths unterschwelliger Einwirkung. Diese recht ungewöhnliche Situation entstand wohl, weil sie heute nach dem Mittagessen eine ausgezeichnete Analyse von zwei Träumen niederschrieb, die ich kürzlich gehabt hatte. Als wir am Küchentisch saßen und ihre Arbeit durchsprachen, fühlte Jane, daß sie in einen Trancezustand gehen könnte, der diesmal ihr eigener sein würde, statt »
nur« in einer Seth-Trance zu sein. Sie begann, das Material in mäßigem Tempo in ihrer gewöhnlichen Stimme durchzugeben. Sobald ich begriff, daß sie eine Sitzung abhalten wollte, bat ich sie zu warten, um Stift und Notizbuch zu holen. Dann kam Jane mit viel anregendem Material über Träume durch - der zweite Grund, warum wir die Sitzung auszugsweise in diesem Buch bringen. Einiges von dem allgemeineren Material wird später mitgeteilt; einige der mehr spezifischen Erörterungen [die eigentlich zu Beginn der Sitzung durchkamen] fasse ich in der nachstehenden Fußnote zusammen.*
* Viel von Janes Trancematerial zu der Frage, welchen persönlichen Nutzen der einzelne aus seinen Träumen zieht, ergab sich als Antwort auf eine Frage, über die wir in letzter Zeit allerlei Vermutungen angestellt hatten: Wenn die meisten Menschen sich nicht an ihre Träume erinnern, welchen Zweck können dann ihre Träume haben? Die Frage ergab sich aufgrund unserer Annahme oder vielmehr Gewißheit, daß alles in der Natur absichts- und sinnvoll ist. Deshalb müssen Träume eine wesentliche Rolle im Leben der Menschen spielen - aber welche?
so fragten wir uns. Hier sind Auszüge aus den Antworten, die Jane heute in Trance gab:
»Auch wenn ihr euch eurer Träume nicht bewußt erinnert, ihre Botschaft erreicht euch allemal. Sie wird in eurer täglichen Erfahrung aufscheinen, in euren Gesprächen oder in Tagesereignissen.
Weil Träume eine so geglückte Verbindung von auslösenden Reizen der inneren wie auch der äußeren Umwelt sind, finden zahlreiche äußere Vorkommnisse Verwendung, um innere Traumbotschaften auszulösen, und umgekehrt. Wenn sich beispielsweise drei Menschen gemeinsam dasselbe Fernsehprogramm anschauen, dann kann jeder für sich jeweils bestimmte Passagen der Sendung so interpretieren, daß diese Passagen mit seinen individuellen Träumen der vergangenen Nacht in Beziehung gesetzt werden und ihm ihre Traumbotschaften auf eine Weise vermitteln können, die für ihn annehmbar ist...
Hierzu gehört ein scharfes Unterscheidungsvermögen. So wird beispielsweise auch eine Zeitungsnotiz dem Leser deshalb in die Augen springen, weil sich in dieser Notiz ein Teil einer ihm zugekommenen Traumbotschaft spiegelt. Oder es kann sich ein Gespräch mit einem Nachbarn ergeben, und aus der Interpretation der nachbarlichen Aussagen wird eine Traumbotschaft einleuchtend. In solchen Fällen wird der Betreffende wohl kaum vermuten, daß es im Grunde um einen Traum geht...
Du träumst vielleicht, eine Autoreise zu machen, nur um festzustellen, daß ein Reifen geplatzt ist, weil du zu schnell gefahren bist. Möglicherweise entfällt dir der Traum vollständig. Doch wirst du auf die eine oder andere Weise
- vielleicht im Verlauf einer Fernsehsendung - auf eine Situation stoßen, in der ein Autoreifen platzt. Oder du wirst eine Notiz dieses Inhalts in der Zeitung lesen, oder du wirst eine Geschichte hören, die direkt oder indirekt über dasselbe Mißgeschick berichtet. Die Unzahl auslösender Reize, die deine materielle Umwelt bereithält, ermöglicht es natürlich jeder beliebigen Anzahl vergleichbarer Situationen, an jedem beliebigen Tag in deine Wahrnehmung zu treten. Auch dann wirst du dich vielleicht nicht an den Traum erinnern; aber die Situation selbst, so wie sie sich deiner Wahrnehmung darbietet, könnte dich veranlassen, deine Reifen zu überprüfen, deine Reise abzusagen oder aber Überlegungen darüber anzustellen, ob du dich zur Zeit rascher in eine bestimmte Richtung bewegst, als dir zuträglich ist. Wie dem auch sei, die Traumbotschaft wird dich erreichen.
(Nachdem sie eine Pause gemacht und ein halbes Glas Milch getrunken hatte, nahm Jane den Faden um 16.00 Uhr wieder auf:) Das ist jetzt ganz locker... Aber ich möchte noch ein paar Punkte klarstellen...
Da die Gegenstände der Dingwelt ohnehin ihren Ursprung in der menschlichen Imagination haben, besteht ein enger Zusammenhang zwischen den wahrnehmbaren Objekten und den Träumen der Menschen.
Sie wirken als Symbole der inneren Wirklichkeit, und so ist es nur natürlich, daß der Mensch, ob er sich dessen nun bewußt ist oder nicht, Gegenstände auf eine Weise wahrnimmt, daß sie auch für Symbole stehen, die zuerst in seinen Träumen auftauchen.
Das trifft auch auf »großes Geschehen« zu. Stellt euch der Einfachheit halber Geschehnisse einmal als psychologische Objekte vor, Geschehnisse, die von einer großen Anzahl von Menschen in ähnlicher Weise wahrgenommen werden wie Objekte.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Christusdrama. Dabei wurden persönliche Träume und die Träume der Massen auf die Außenwelt im historischen Kontext der Zeit projiziert. Dies hatte zur Folge, daß zahlreiche Menschen im Drama zu Mitspielern der äußeren Handlung wurden - allerdings in einem weitaus größeren Massentraum, der dann im allerbuchstäblichsten grobstofflichen Sinn gedeutet wurde. Aber dennoch kam die Botschaft an, obwohl also das innere Drama selbst nicht erinnert wurde. Und weil der Traum sich mit historischen Ereignissen verwob und viele Deutungen erfuhr, wurde zwangsläufig seine Botschaft verzerrt oder, besser gesagt, sie verwob und verquickte sich mit anderen Träumen, deren Botschaften ganz andere waren.
Erinnert euch eurer Sorgen im Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk von Three Mile Island. Die ganze Idee der Kernkraft war zunächst ein Traum - ein Akt der Imagination einiger Individuen und später der durch Science-fiction und die Künste genährte Traum vieler Menschen. Augenblicklich entrollten sich von diesem Traum Wahrscheinlichkeiten in alle Richtungen, als gewaltige Möglichkeiten und Gefahren.
Es war bestimmt kein Zufall, daß diese spezielle Situation zunächst über ihre Darstellung im Film als Möglichkeit ins allgemeine Bewußtsein trat.
Kernkraft steht schlicht und einfach für Kraft, Kraft an und für sich.
Ist sie gut oder schlecht? (Eindringlich:) In den Träumen des Menschen ist sie ein Attribut Gottes: die Kraft des Universums. Immer hat sich der Mensch als von der Natur gesondert betrachtet, und so muß er sich auch als von der Kraft der Natur gesondert betrachten - und es muß eine große Kluft in seinen Träumen zwischen beiden geben. So erscheint die Kernenergie tatsächlich als Traumsymbol, und in der Welt taucht sie auf als etwas, das man in den Griff bekommen muß.
Die Fundamentalisten sehen in der Kernkraft eine Gewalt, die zur gottgewollten Zerstörung der Welt dienen könnte. Der Zwischenfall von Harrisburg hat für sie eine ganz bestimmte Bedeutung. Manche Wissenschaftler setzen die Atomkraft in Beziehung zum menschlichen Wissensdrang; sie haben das Gefühl, der Natur diese mächtige Energie zu entreißen, weil sie »schlauer« sind als die Natur - schlauer als die Natur, schlauer als ihre Mitmenschen - und so verstehen sie alles damit zusammenhängende Geschehen auf ihre ganz besondere Weise. Die Wahrscheinlichkeiten sind natürlich noch immer sozusagen im Auftauchen begriffen, und in individuellen wie auch in Massenträumen probieren die Menschen alle Arten von Ausgängen der Geschichte der Atomkraft aus.
Alles in allem haben Millionen Menschen damit zu tun, und sie alle werden natürlich auf die eine oder andere Weise davon betroffen.
(16.45 Uhr. »Heute nachmittag habe ich etwas gelernt«, sagte Jane während einer kurzen unangekündigten Pause. »Ich hatte schon früher daran gedacht, aber erst jetzt will es mir in den Kopf, daß die Sitzungen viel besser sind, wenn ich selbst nicht betroffen bin - wenn ich mich betroffen fühle, finde ich es schwieriger, mich hineinzufinden. Ich fing an, hier gegen Ende irgendwie vorsichtig zu werden... ich glaube, wir hätten sonst mehr über die Atomsache bekommen.« Dies habe jedoch, meinte sie, nichts mit der etwa denkbaren Befürchtung zu tun, Voraussagen zu machen, die sich später als unrichtig erweisen könnten.
»Ich entsinne mich, daß er - Seth - mir in diesem Zusammenhang sogar zu Hilfe gekommen ist mit Stoff zum Christusdrama«, sagte Jane. »
oh, oh, da ist noch mehr...« Und sie fiel fast augenblicklich wieder in »
ihre« Trance.)
Es bestand eine Verknüpfung, die darin liegt, daß das Christusdrama aus dem Traum des Menschen von der Verwirklichung der Brüderlichkeit auf Erden hervorging - dem Innesein eines in sich ruhenden, klaren Bewußtseins und einer inneren Sittlichkeit, die ihm in der Welt der Materie Halt bieten würde.
Das Christusdrama schwappte tatsächlich in die Wirklichkeit geschichtlichen Geschehens über. Die Ängste und Befürchtungen des Menschen, daß es ihm nicht gelingen werde, Brüderlichkeit, ein sicheres, in sich ruhendes Bewußtsein und eine tragfähige Sittlichkeit Wirklichkeit werden zu lassen, finden ihren Niederschlag in seinen unterschiedlichen Vernichtungsträumen. Und tatsächlich kann das materielle Geschehen, das sich zur Zeit in dem Atomkraftwerk bei Harrisburg abspielt, durchaus einem Warntraum gleichgesetzt werden - und es ist ein solcher - mit der Bedeutung, daß der Mensch sein Handeln ändern muß.
(Ende um 16.47 Uhr. »Okay«, sagte Jane, »ich wußte, daß da ein Zusammenhang besteht zwischen der Sache mit Christus und dem, was heute in der Welt geschieht, und das war’s. Ich hab’ es gern, wenn’s glatt geht, und das ging jetzt wirklich glatt. Ich befand mich in einem hübsch ausgeglichenen Bewußtseinszustand. Doch ich sollte noch hinzufügen: All dies hat sich zu einer Tageszeit abgespielt, in der ich gewöhnlich nicht besonders auf der Höhe bin, gegen vier Uhr nachmittags. Aber oft kommen mir Einfälle, wie dies jetzt im ersten Teil der Sitzung der Fall war, wenn ich beispielsweise gerade beim Geschirrspülen bin. Ich merke es mir und sage mir dann, daß ich es Rob erzählen werde... So frage ich mich, wie oft ich irgendeinen guten Stoff auf diese Weise verpaßt habe, wenn ich dann vergesse, es dir zu erzählen...«) Sitzung 845, Montag, den 2. April 1979
(Obgleich Seth diese Sitzung nicht als Buchdiktat bezeichnete, beschlossen Jane und ich, Auszüge davon in dieses Buch einzubringen, und zwar aus einem doppelten Grunde: Erstens kann das Material, das in der nachstehenden Fußnote erörtert wird, als eine Erweiterung der Diskussion aber Vernunft und Intuition gelten, die Seth in der 825sten Sitzung brachte. Zweitens möchten wir die Kommentare zu Jonestown und Three Mile Island in der Reihenfolge bringen, in der sie gegeben wurden, auch wenn sie nicht immer im Zusammenhang der »offiziellen«
Buchsitzungen erscheinen. Das betrifft auch alles andere, was Jane und ich im Hinblick auf diese beiden Ereignisse noch eventuell einfügen werden.*
Im Augenblick ist die Situation in dem schadhaften Kernkraftwerk
* »So hat es der Mensch zum Beispiel«, sagte uns Seth heute abend, »mit einer Art doppelten Selbstseins zu tun insofern, als er gegenwärtig sich selbst als eine heikle Mischung von Körper einerseits und Geist und Seele oder Gemüt andererseits betrachtet. Er identifiziert sich in erster Linie mit dem, was ich einen begrenzten Teil seines Bewußtseins nenne. Er identifiziert sich mit Vorgängen, die er als einigermaßen unter seiner Kontrolle stehend wahrnimmt.
Hierbei denkt der Mensch zum Beispiel an seine Tätigkeiten, sein Handeln und Tun, aber er identifiziert sich nicht mit jenen inneren Vorgängen, die sein Tun und Handeln überhaupt erst ermöglichen. Er identifiziert sich mit dem, was er als sein logisches Denken und seine Vernunft betrachtet. Sie scheinen ihm nahezulegen, daß er über eine kühle, elegante Distanz zur Natur verfügt, von der andere Lebewesen wie die Tiere nichts wissen. Wiederum identifiziert er sich nicht mit den Vorgängen, die sein logisches Denken überhaupt erst ermöglichen. Diese Vorgänge sind spontan und ›unbewußt‹, und so hat es den Anschein, daß alles, was außerhalb seiner bewußten Kontrolle liegt, undiszipliniert oder chaotisch sein muß und jeglicher Logik entbehrt.
Religion wie auch Wissenschaft fußen auf solchen Überzeugungen.
Allem, was spontan geschieht, wird mit Mißtrauen begegnet. Das Wort allein schon scheint Vorstellungen von außer Kontrolle Geratenem oder von einem Wechsel von einem Extrem ins andere hervorzurufen. Allein die Vernunft, so scheint es, gewährleistet Ordnung, Disziplin und Kontrolle.
Daher kehrt sich das Denken des Menschen gegen seine eigene Natur, und er meint, sie kontrollieren zu müssen. Das menschliche Bewußtsein kann spontane Prozesse durchaus wahrnehmen. Doch hält der Mensch praktisch selber die Tür zu deren Verständnis geschlossen, indem er sich nur mit demjenigen identifiziert, was er für rational und vernünftig hält, und nach Kräften die Unterströmung aller spontanen Prozesse ignoriert, auf denen die Vernunft so triumphierend einhersegelt.
So ist ihm oft angst und bange vor der eigenen Kreativität, weil ihm ihr Ursprung nicht geheuer ist.«
noch immer sehr angespannt. Geringfügige Mengen von Radioaktivität dringen weiterhin in die Atmosphäre. Atomare Sicherheitsexperten bezeichnen die Lage als »stabil«, und heute stattete der Präsident Three Mile Island einen Besuch ab in der Absicht, die Menschen zu beruhigen.
Doch die Möglichkeit eines Durchschmelzens des Reaktorkerns in dem überhitzten Reaktor Nummer 2 besteht noch immer. Man sagt uns, daß eine radioaktive und potentiell explosive Wasserstoffwolke, die bislang verhindert hatte, daß Kühlwasser die oberen Enden der Kontrollstäbe in der Heizvorrichtung des Reaktors erreichen konnte, jetzt sehr langsam und sorgfältig in die Atmosphäre abgelassen wird; das ist ein erster Schritt in der geplanten Auflösung der Gaswolke. Am 31. März wurde angeraten, daß Kinder und schwangere Frauen aus einem Umkreis des Kraftwerkes von fünf Meilen evakuiert werden sollten, und heute erhielten die Zivilschutzleiter in Stadt und Land des östlichen Pennsylvaniens Pläne für eine vorsorgliche Evakuierung sämtlicher Einwohner innerhalb eines Umkreises von 25 Meilen. Auch werden Vorkehrungen gegen Plünderungen getroffen, die schätzungsweise »zwei bis drei Stunden nach der Evakuierung«, einsetzen würden. Die örtlichen Milchvorräte können unbesorgt getrunken werden, da die Futtervorräte an Mais und Heu schon vor Monaten eingebracht wurden, aber niemand kennt wirklich die Auswirkungen der Strahlung auf die ungeborenen Kälber im Umkreis des Reaktors. Und so wartet das ganze Land, ja die ganze Welt ab, was in Three Mile Island geschehen wird, einem Ort, der sich gar nicht so weit südlich von der Stelle befindet, an der ich eben diese Anmerkungen niederschreibe.
Jane und ich sind bemüht, sowohl die Fürsprecher der Kernkraft wie auch ihre Gegner zu verstehen. Nur eins steht im Moment für uns fest: Eine von einem Kernkraftwerk ausgehende Katastrophe, wie sie in Three Mile Island droht, ist unter allen Umständen für unsere Gesellschaft unannehmbar. Die langjährige Verwüstung großer Lebensräume in einem Staat wie Pennsylvanien zum Beispiel darf nicht aus Gründen der Kostenersparnis, Brennstoffknappheit, Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit oder aus welchem Grund auch immer riskiert werden. Jane und ich meinen, daß die USA, statt sich in erster Linie auf die Kernkraft zu konzentrieren, massive Anstrengungen unternehmen sollten, um andere Energiequellen zu nutzen - zumindest so lange, bis die Risiken und Technologien im Zusammenhang mit der Kernkraft wesentlich gründlicher verstanden werden. Und es gibt bekanntlich zahlreiche andere Energiequellen, die entwickelt werden können. Wir meinen, daß solche alternativen Ressourcen erschlossen werden sollten, auch wenn sie anfänglich oder auch auf Dauer teurer als die Kernkraft sein sollten, denn ganz sicher wäre bei keiner von ihnen mit den entsetzlichen Folgen - und enormen Kosten - zu rechnen, die aus einer einzigen großen Panne in einem Kernkraftwerk entstehen würden.
Abgesehen von unseren Bedenken gegen das unausgereifte Know-how im Umgang mit der Kernkraft beklagen Jane und ich zutiefst die unrühmliche Tatsache, daß die Regierung und die Industrie unseres Landes seit über dreißig Jahren versäumt haben, sichere Methoden für den Transport und die Endlagerung radioaktiver Abfälle zu entwickeln; manche Abfälle werden für hunderttausende Jahre hochgiftig bleiben und somit für ungezählte Generationen eine Lebensbedrohung darstellen.
Derzeit sind keinerlei Lösungen für diese in höchstem Maße irritierenden wissenschaftlichen und politischen Herausforderungen in Sicht.
Natürlich drängt sich mir dabei die Notwendigkeit des Umweltschutzes und der Energieeinsparung auf, deren Verwirklichung allerdings nur unter beträchtlichen Opfern seitens aller Einzelmenschen sowie aller Gemeinschaften möglich ist.
Um es einmal so auszudrücken: Die Beispiele, die uns von Jonestown und Three Mile Island geliefert werden, erscheinen uns als »
phantastisch« anmutende Lektionen. Wir möchten, daß unser Land und die ganze Welt aus diesen Lektionen lernt, aber gleichzeitig sind wir zutiefst besorgt darüber, ob die Menschheit auch rasch genug lernt. Jane und ich möchten, daß unsere Welt - unsere Lebenswelt, unser Planet -
und alles Leben auf diesem Planeten im Geiste eines umfassenden Fürund Miteinanders gedeihen, so daß das Leben für alle Menschen, für alle Lebewesen lebenswert sei.
Seth brachte, wie gesagt, das Material, das ich in der Fußnote zu Anfang dieses Abschnitts zusammengefaßt habe, zu Beginn der Sitzung von heute abend ein. Später dann, nachdem Jane in Trance um 22.12 Uhr pausiert hatte:)
Hast du irgendwelche Fragen?
(»Ich hatte wenig Zeit, um über Fragen nachzudenken, aber wir haben heute über die Zusammenhänge zwischen Jonestown und Three Mile Island gesprochen - wie diese beiden Vorkommnisse gewissermaßen für die Extreme von Religion und Wissenschaft stehen.«) Da hast du freilich recht, und du hast es auch in beiden Fällen mit Kultverhalten zu tun: mit einem geschlossenen Glaubenssystem, mit starren Haltungen, einer stark emotionsgeladenen seelischen Verfassung und einem Verhalten, das man durchaus als zwanghaft bezeichnen kann.
Die Todeswilligen von Jonestown glaubten, daß sie die Welt gegen sich hätten, insbesondere das Establishment und die Landesregierung.
Ihnen hafteten Züge eindeutigen Verfolgungswahns an. Dasselbe trifft auf so viele Wissenschaftler zu, die jetzt fühlen, daß das kulturelle Klima sich gegen sie wendet, daß die Menschen ihnen nicht länger bedingungslos vertrauen, so daß sie befürchten müssen, ihre hochangesehenen Positionen zu verlieren.
Bis zu einem gewissen Grade - um mich einmal mehr relativ auszudrücken - haben die Wissenschaftler eine gewisse Verachtung entwickelt gegenüber all denjenigen, die ihre Sprache nicht verstehen, gegenüber der nichtelitären Plebs, den Uneingeweihten. Es geht ihnen gegen den Strich, daß sie auf Geld der Regierung angewiesen sind, von Leuten, die keine Wissenschaftler sind, und so lassen sie, um sich schadlos zu halten, trügerische Allmachtsgefühle in sich aufkommen -
und das macht sie sorgloser, als sie sein sollten. Sie fühlen sich lediglich von der Öffentlichkeit mißverstanden.
Keiner von ihnen wünscht die Katastrophe, und doch denken manche von ihnen, daß dem Volk recht geschähe - denn im Katastrophenfall würde das Volk vielleicht endlich einsehen, daß die Politiker nichts von Wissenschaft verstehen und daß eigentlich die Wissenschaftler das Sagen haben sollten: Wir müssen genug Geld zur Verfügung haben; wer weiß, was sonst passiert!
Die wissenschaftliche Elite könnte natürlich mit der Wahrscheinlichkeit einer Welt aufwarten, deren Funktionsweise zu begreifen den Horizont des »kleinen Mannes« überstiege. Tatsächlich aber verfügt euer Land über ein vorzügliches Kontroll-, Überwachungs-und Ausgleichssystem. Während eure Wissenschaftler gerade dabei sind, alle möglichen Experimente zur Erzeugung künstlichen Lebens zu erwägen, bringen eure Fernsehsendungen systematisch eure alten Frankensteinfilme. Das ist kaum ein Zufall. Die Gemüts- und Verstandeskräfte der Volksgemeinschaft sind durchaus fähig, gemeinhin nötige Feststellungen zu treffen, und diese Feststellungen werden gehört.
Habt ihr noch irgendwelche Fragen?
(»Ich glaube nicht.«)
Ende der Sitzung, und guten Abend.
(»Vielen Dank, Seth.« - 22.25 Uhr.)*
Sitzung 846, Mittwoch, den 4. April 1979
(Es ist vorbei! Die Krise von Three Mile Island ist vorüber - das jedenfalls hat der Gouverneur von Pennsylvanien heute morgen über das Fernsehen verkündet. Das beißt, die Gefahr einer »unmittelbaren Katastrophe« ist offenbar gebannt. Doch werden die Herausforderungen
- und Befürchtungen -, die durch Three Mile Island entstanden sind, noch jahrelang fortbestehen. Jane und ich lasen, daß es bis zu vier Jahren
* »Nach der (845sten) Sitzung von gestern abend«, so schrieb Jane heute, »habe ich ferngesehen, während Rob einen Spaziergang machte. Als ich so dasaß, erhielt ich neues Material über eines der Themen, die in der Sitzung angesprochen worden waren. Doch kam es nicht in Seths ›druckreifer Version‹
sondern in Ideen durch. Ich erzählte Rob davon, als er zurückkam, und jetzt am Morgen will ich zusehen, wieviel davon mir noch geblieben ist.
Diesen Ideen zufolge muß das Glaubenssystem der Wissenschaftler zwangsläufig in destruktivem Handeln enden, denn die grundlegende Einstellung der Wissenschaftler verführt sie dazu, weniger sorgfältig mit dem Leben umzugehen, als geboten wäre, und das setzt sie in einer Weise von der Natur ab, die eine gewisse Mißachtung individuellen Lebens zur Folge hat. Die Führer religiöser Kultgemeinden oder Sekten, wie beispielsweise der von Jonestown, übertreiben grandiose Ideale von Brüderlichkeit und Liebe, während sie oft genug den natürlichen Ausdruck individueller Liebe verbieten indem sie trachten, Familienbande aufzulösen und so weiter. Infolgedessen wird die idealisierte Liebe immer unerreichbarer, wogegen Schuld und Verzweiflung wachsen.
In gleicher Weise sprechen die Wissenschaftler von grandiosen Idealen, vom Triumph des Menschen über die Natur und den Planeten. Gleichzeitig isolieren diese Ideale die Wissenschaftler von aller praktischen Erfahrung des täglichen Umgangs mit ihren Mitmenschen, und da sie Lebewesen der Tierwelt als Objekte betrachten, müssen sie zwangsläufig das menschliche Leben aus einem ähnlichen Blickwinkel sehen. Das Opfer vieler tausender Menschenleben, das ein atomarer Unglücksfall fordern würde, erscheint in ihrer Vorstellung als nahezu gerechtfertigt, wenn dieser der Forschung dazu verhelfen würde, dem grandiosen Ziel des ›Triumphes über die Natur‹ ein Stück näherzukommen. Diese Einstellung erniedrigt sie automatisch zu Mechanikern.
Der Wissenschaftler trägt die Bürde dieser Entfremdung, und in seinem Herzen muß er hoffen, daß seine Mission scheitert - denn wäre sie erfolgreich, dann würde er tatsächlich den Menschen von der Natur des Menschen getrennt haben, würde er den Menschen im philosophischen Sinn als bedeutungslosen seelischen Schutt beiseitegeworfen haben. Und so kommt es, daß Wissenschaftler häufig ihre eigenen Bemühungen sabotieren.«
dauern dürfte und Millionen Dollar kosten wird, den beschädigten Reaktor zu entseuchen, zu erneuern und wieder funktionsfähig zu machen; die Kostenvoranschläge schwanken zwischen 40 und 400
Millionen Dollar. Einige Regierungsbeamte sagen, daß der Reaktor möglicherweise nie wieder betriebsfähig sein werde, daß er vielleicht verschrottet werden müsse oder nur mehr als eine Art versiegeltes Mausoleum, als stummes Symbol unseres Atomzeitalters, fortbestehen werde. Gegenwärtig herrscht die Befürchtung, daß, falls und wenn mit den Aufräumarbeiten begonnen würde, die geringen und anscheinend unschädlichen Mengen von Radioaktivität, die noch in die Atmosphäre austreten, an Intensität zunehmen könnten. Es ist bereits eine lebhafte Debatte in Gang über die »tödlichen Krebsfälle«, zu denen es möglicherweise in der ortsansässigen Bevölkerung kommen wird, da noch niemand wirklich weiß, was unter solchen Umständen als »
unschädliche« Strahlendosis gelten könnte. Und zu alledem beharren unsere Energieexperten darauf, daß die USA die Nutzung der Kernenergie schon zu weit vorangetrieben haben, als daß sie jetzt noch umkehren könnten.
Jedenfalls hat der »Störfall« von Three Mile Island - ob er nun bisher zu irgendeinem signifikanten radioaktiven Niederschlag geführt hat oder nicht - bei Jane und mir allerhand Verstörungen zur Folge gehabt. In diesem Zusammenhang möchte ich das jüngste Projekt in der Reihe der vielen Überlegungen erwähnen, die wir über die Jahre im Zusammenhang mit dem Seth-Material angestellt haben, ständig bemüht, ein Gleichgewicht zwischen den Wirklichkeiten, die wir uns selbst geschaffen haben, und den Möglichkeiten, denen wir fortwährend in der
»Außenwelt« begegnen, herzustellen.
Jane war vor der Sitzung heute abend völlig durcheinander.
Irgendwie war uns nach dem Abendessen die Idee für ein »schnelles«
Seth-Buch über Jonestown und Three Mile Island gekommen: etwas, das man dem Publikum ziemlich umgehend vorlegen könnte, anders als ein reguläres Seth-Buch, dessen Material erst in ein paar Jahren publiziert würde. Wir hatten sogar schon einen passenden Titel dafür, den wir nach der Sitzung vom letzten Montag vorläufig so formuliert hatten: »Seth über Jonestown und Three Mile Island - Religiöse und wissenschaftliche Kulte.«
Zwar war ich heute abend nicht geradezu besessen von dieser Idee, äußerte dies jedoch im Gespräch mit Jane nicht. Aber ich spürte, daß ich sie verwirrte. Um ein solches Vorhaben zu verwirklichen, wären wir genötigt, gewisse Grundsätze und Überzeugungen aufzugeben, die bisher stets maßgebend für uns gewesen waren: ich meine damit vor allem die Wahrung unserer Privatsphäre sowie unser Widerstreben, mit derart hochaktuellem Material »in die Öffentlichkeit zu gehen«, anstatt darauf zu vertrauen, daß das Seth-Material auf lange Sicht seine Wirkung in der Gesellschaft zeitigen würde. Zudem würden wir uns unmittelbarer Kritik aussetzen. Andererseits bleibt deswegen viel von Seths Material unveröffentlicht, oder es wird auf unabsehbare Zeit beiseitegelegt; für das meiste davon ist kein Raum in diesem Buch, und wahrscheinlich wird auch in künftigen Büchern kein Raum sein. Immerhin versuche ich, diesem Buch einiges davon in Form von Anmerkungen und Fußnoten einzuverleiben.
Ganz sicher wollte ich Jane, wie ich ihr heute abend sagte, nicht nötigen, sich an ein »schnelles« Buch zu wagen, da ich nicht glaube, daß sie dafür bereit ist, ungeachtet meiner Überzeugung, daß sie - mit Seth -
es sehr wohl machen könnte. »Ich wollte, ich hätte dein Vertrauen in mich!« sagte sie zu mir. »Und was würde inzwischen mit ›Individuum und Massenschicksal‹ passieren?«
Ich versuchte zwar, ihre Besorgnis zu zerstreuen, aber als ich etwas später wegen einer anderen Sache in ihr Arbeitszimmer kam, fand ich sie mit gequältem Ausdruck vor ihrer Schreibmaschine sitzen. Die Wirkung meiner Worte war offenbar stärker gewesen, als ich beabsichtigt hatte. Ich bat sie um Entschuldigung. Noch einmal betonte ich, daß ich sie nicht zu dem Vorhaben drängen wolle. Schließlich glaubte sie mir, und im Laufe des Gesprächs erfuhr ich auch, daß sie sich den Kopf darüber zerbrochen hatte, welches von Seths letztem Sitzungsmaterial in diesem Buch vorgelegt werden sollte. Sie fand die Entscheidungen, die ich in dieser Hinsicht getroffen hatte, gut, aber sie wünschte auch, daß Seth »sich wieder auf das Buch besinnen« und seine Sitzungen als Diktat bezeichnen sollte.
»Nun«, sagte sie, nachdem wir für die Sitzung Platz genommen hatten, »ich glaube, ich bin eigentlich bereit.« Dann, um 21.30 Uhr, kam Seth durch, ohne seine übliche Begrüßung:) Eine Bemerkung: Was deine Mitarbeit an unseren Büchern betrifft, so wäre es wohl besser, Joseph (wie Seth mich nennt), wenn du sie nicht so sehr in der Beisteuerung von Anmerkungen verstehst, sondern im Sinne deiner Mitautorschaft. Weißt du, was ich meine?
(»Ja.«)
Eine so veränderte Auffassung könnte für dich in vieler Hinsicht von Vorteil sein. Du solltest wissen, daß deine persönlichen Charakterzüge, Interessen, Eigenschaften und Tendenzen mitverantwortlich sind für die Form, die das Material annimmt.
Die Zwischenfälle von Jonestown und Harrisburg sind in der Tat klassische Beispiele für Schnittpunkte, an denen sich persönliche und öffentliche Wirklichkeiten überschneiden. Ich beabsichtige, sie in »
Individuum und Massenschicksal« eingehend zu erörtern, weil hier der Wissenshintergrund, vor allem hinsichtlich der Bezugssysteme 1 und 2, schon vorgegeben ist.
Ich bin durchaus bereit, mehr Sitzungen pro Woche abzuhalten, und Ruburt (Jane) ist dazu, vor allem in rhythmischer Folge, durchaus imstande. Ist das klar?
(»Ja.« Jane hatte mir heute abend auch gesagt, daß sie die ungeplante Sitzung vom Sonntag besonders genossen hatte - sowohl was den Tag anging als auch die Tageszeit. Sie hatte sich frei gefühlt von aller Besorgnis über das, wovon sie gesprochen hatte und auch frei von unserer üblichen Routine.)
Nun: Diktat. Dies ist immer noch Teil des Kapitels 6. (Pause.) Die Katastrophe von Jonestown ereignete sich (im November 1978) lange nachdem wir dieses Buch begonnen hatten (im April 1977). Gerade vor kurzem kam es zu einem anderen Vorfall - zu einer Panne und fast einer Katastrophe in einem Kernkraftwerk bei Harrisburg in Pennsylvanien. Bisher habe ich in meinen Büchern nur selten auf öffentliches Geschehen irgendwelcher Art Bezug genommen. Dieses Buch jedoch befaßt sich mit der Wechselbeziehung zwischen den Erfahrungen des Individuums und denjenigen der Massen, und so müssen wir uns zwangsläufig mit Träumen und Befürchtungen, die ganze Gruppen oder sogar nationale Mehrheiten hegen, und mit deren Niederschlag im privaten und öffentlichen Leben beschäftigen.
Der Wissenschaft zufolge gab es im Zusammenhang mit der Katastrophe von Jonestown keine radioaktive Verseuchung. Aber es gab natürlich eine psychologische Verseuchung und Auswirkungen, die im ganzen Land von Menschen in allen Lebenslagen verspürt werden. Die Situation von Jonestown wies entschieden all jene Eigentümlichkeiten auf, die ich als charakteristisch für eine Kultgemeinde oder eine Sekte bezeichnet habe. Da gab es Fanatismus sowie eine geschlossene geistig-seelische Umwelt, und es wurden Hoffnungen geschürt im Hinblick auf ein Ideal, das wegen der Konzentration auf all die Hindernisse, die den Weg dorthin zu verbauen schienen, unerreichbar war.
Die meisten Sekten haben ihre eigene spezialisierte Sprache -
ausgefallene Redewendungen, die stereotyp immer wiederkehren -, und diese besondere Sprache dient dazu, die Anhänger von der übrigen Welt zu isolieren. So verhielt es sich auch in Jonestown. Freundschaftliche und familiäre Bindungen wurden entwertet, und so hatten die Menschen von Jonestown all den Halt verloren, der in persönlicher Verbundenheit gründet. Sie fühlten sich bedroht von einer Welt, die gefärbt war von ihren Glaubensüberzeugungen und demzufolge ein Bild schrankenloser Schlechtigkeit und Verderbnis bot. (Pause.) All dies dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Die Situation führte zum Tode Hunderter von Menschen.
Die Situation von Harrisburg war eine potentielle Bedrohung Tausender von Menschenleben, und in diesem
Geschehenszusammenhang springen die Kennzeichen eines Kults weniger ins Auge. Doch sind sie vorhanden. Es gibt ebensowohl wissenschaftliche wie auch religiöse Kulte.
Religion und Wissenschaft verkünden laut, daß sie die Wahrheit suchen, obgleich sie allem Anschein nach völlig entgegengesetzte Systeme bilden. Beide betrachten ihre Glaubenssätze als unantastbare Wahrheiten. Sie suchen überall nach einem Anfang und einem Ende. Die Wissenschaftler haben ihr eigenes Vokabular, das dazu verwendet wird, die Exklusivität der Wissenschaft zu untermauern. Ich spreche jetzt von der Korporation der Wissenschaft ganz allgemein, denn in gewisser Weise besteht da eine Korporation, die durch die »Mitgliedschaft« jedes einzelnen Wissenschaftlers zustande kommt. So mag sich beispielsweise ein bestimmter Wissenschaftler in seiner Rolle des Familienvaters ganz anders verhalten als in seiner Rolle des Wissenschaftlers. Vielleicht liebt er den Hund seiner Familie, während es ihm andererseits gar nichts ausmacht, von Berufs wegen andere Tiere mit krankem Gewebe zu infizieren.
Im übrigen besteht eine Wechselwirkung zwischen Kultsystemen, und so finden wir eine deutliche Beziehung zwischen dem Zustand der Religion, wenn sie als Kult in Erscheinung tritt, und dem Zustand der Wissenschaft, wenn sie als Kult in Erscheinung tritt. Gegenwärtig stellen eure kultischen Religionen eine Reaktion auf das kultische Verhalten der Wissenschaft dar. Die Naturwissenschaft betont, daß sie mit Wertungen nichts zu tun hat und diese allenfalls den Philosophen überläßt. Indem sie jedoch behauptet, die Welt sei eine Schöpfung des Zufalls, ein bedeutungsloses Zufallskonglomerat, das durch einen gefühllosen Kosmos gebildet wurde, legt sie ganz klar ihren Glauben offen, demnach Welt und Mensch im Grunde wertlos sind. Übrig bleibt nur, was irgendwie sich dem individuellen biologischen Prozeß des Menschen an Vergnügen oder Leistung abringen läßt.
(21.58 Uhr.) In einer überregionalen Zeitschrift erschien vor kurzem ein Artikel, der »begeistert« über die jüngsten Fortschritte auf dem Gebiet der Psychologie berichtet in dem Sinne, daß der Mensch bald werde einsehen müssen, daß seine Gedanken, Stimmungen und Gefühle Ergebnis der Chemikalien sind, die in seinem Gehirn herumwirbeln. Eine solche Feststellung entwertet die subjektive Welt des Menschen.
(Nach langer Pause:) Die Wissenschaftler berufen sich auf ihren großen Idealismus. Sie behaupten, den Weg zur Wahrheit zu kennen. Ihre
»Wahrheit« finden sie, indem sie die Stoffwelt erforschen, die Welt der Objekte - Tiere und Sterne, Milchstraßen und Mäuse -, wobei sie (eindringlich) diese Objekte betrachten, als hätten sie keinen eigentlichen Wert, als käme ihrem Dasein keine Bedeutung zu.
Solche Glaubensüberzeugungen aber trennen den Menschen von seiner eigenen Natur.* Er kann sich selbst nicht vertrauen - denn wer kann sich auf das zufällige Gebrodel von Hormonen und Chemikalien verlassen, die irgendwie (lauter und ironisch) ein Schmorgericht namens Bewußtsein bilden - ein unappetitliches Gebräu bestenfalls! Und so entzieht sich das Korps der Wissenschaftler ununterbrochen der Möglichkeit, ihre Wissenschaften irgendeiner größeren Vision des Lebenssinnes zu öffnen. (Lange Pause.) Sie kennen keine Wertschätzung des Lebens, und so rechtfertigt ihre Philosophie tatsächlich die Möglichkeit eines Unglückfalls, der unzählige Menschen direkt oder indirekt das Leben kosten würde, auch die Ungeborenen.**
Diese Möglichkeit ist tatsächlich vorgesehen im wissenschaftlichen Programm. Es gibt Pläne, allerdings ganz unzulängliche, für das
* Vergleichen Sie die Erörterungen der Sitzungen 825, 829 (besonders jene nach 22.10 Uhr) und 832.
** Vergleichen Sie den Inhalt der letzten Sitzung samt Janes Anmerkungen.
Verhalten im Ernstfall - also existiert diese Wahrscheinlichkeit in eurer Welt, und sie ist kein Geheimnis. Geschlossen lehnen eure Naturwissenschaftler parapsychische Fähigkeiten wie die der Telepathie, des Hellsehens oder der Psychokinese oder jegliche Forschung, die diese ins Blickfeld rückt, kurzerhand ab. Erst in jüngster Zeit haben einige von ihnen begonnen, die Möglichkeit, daß der Geist Einfluß auf die Materie haben könne, in Erwägung zu ziehen, und schon die bloße Möglichkeit verstört sie zutiefst, weil sie die Grundlagen ihrer Weltanschauung erschüttert. (Pause.)
Die Wissenschaftler - ich meine insbesondere die Naturwissenschaftler - haben lange auf der Seite von »Intelligenz und Vernunft«, das heißt »logischem Denken und notwendiger Objektivität«, gestanden. Sie sind darauf trainiert, emotionslos zu sein, außerhalb ihrer Erfahrung zu bleiben, sich von der Natur zu trennen und irgendwelche ihnen eigene Gefühlsregungen aus ironischer Distanz zu betrachten. Sie haben ja eine neutrale Position in der Welt der Werte bezogen. Sie waren, bis vor kurzem, die neuen Priester. Alle Probleme, so schien es, waren wissenschaftlich lösbar. Das galt für sämtliche Lebensbereiche: für Fragen der Gesundheit, Störungen im Sozialbereich, die Wirtschaft, sogar für Krieg und Frieden.
(22.17 Uhr.) Wie konnte es solchen durch und durch wissenschaftlich trainierten Herren mit ihrem an Präzision unüberbietbaren Instrumentarium, all ihren vernünftigen und objektiven Standpunkten passieren, daß die Sache mit einem Kernkraftwerk schiefging und zu einer Bedrohung für gegenwärtiges und künftiges Leben wurde? Und was ist mit den Menschen, die im Umkreis wohnen?
Geduldet euch einen Moment... Ende des Kapitels.