SIEBTES KAPITEL
Mich beschäftigte eine Frage, die Kischkewitz gestellt hatte: Was hatten das Haus von Tina Colin und ein Fernsehteam gemeinsam? Wo war das Bindeglied? Oder – etwas anders gefragt – was hatte Tina Colin mit einem Fernsehteam gemeinsam, das sich bemühte, über die Ereignisse zu berichten? War das Fernsehteam auf etwas gestoßen, was jemandem schaden konnte? Hatte Tina Colin irgendetwas entdeckt, was jemandem schaden konnte? Dem Mörder? Aber schickte dieser Mörder vier Vermummte, die einfach drauflos prügelten? Oder hatte möglicherweise das Verprügeln des Fernsehteams und das Anzünden von Tinas Haus gar nichts mit den Todesfällen zu tun? Aber womit hatte es dann zu tun?
Es war ein gutes Gefühl, nach all dem Wirbel eine kurze Galgenfrist äußerster Ruhe zu haben, allein in meinem Haus zu sein. Die Sonne hatte sich verabschiedet und, wenn mich nicht alles täuschte, war die Ermordung der Natalie vier Tage her, vier endlose, atemlose Tage und Nächte.
Die Mordkommission, so viel war sicher, befand sich in keiner guten Lage. Die Flut der Berichte in allen Medien stellte diese Kommission lautstark als eine Ansammlung von Nichtskönnern dar, die es einfach nicht fertig brachte, Licht in das Dunkel zu bringen. Kischkewitz war ein guter Mann und ein blendender Kriminalist. Aber das war unbedeutend; solange diese Kommission nicht in der Lage war zu behaupten: Der ist es!, so lange würde es keine Ruhe geben. Und schlecht für die Ermittler war, dass vier Tage ohne Ergebnis verstrichen waren – die wichtigen ersten vier Tage, in denen Spuren etwas bringen sollen, ja müssen. Nichts an Spuren, nichts an Ergebnissen, eine im Grunde nicht fassbare Leere.
Ich empfand es wie Hohn, dass es unserem kleinen Team nicht gelungen war, mit den übrigen vier Herren der Runde in Bongard zu sprechen. Zu viele Nebenkriegsschauplätze, zu viel Verwirrung und Verirrung um scheinbar Wichtiges. Jemandem, der nach der Wahrheit sucht, bereitet es ein unangenehmes Gefühl, ständig von einem Herrn Giessen aus Bad Münstereifel oder von Herrn Becker aus Maria Laach, von Herrn Kleimann aus Euskirchen oder Herrn Grimm aus Koblenz zu sprechen – ohne mit diesen Namen eine Stimme und ein Gesicht verbinden zu können.
Ich ging in mein Arbeitszimmer und hörte mein Telefonband ab. Es war nichts Wichtiges aufgelaufen, nur eine Frau, der kleine Männer, die Todesblitze versenden, begegnet waren, hielt mir einen aufgeregten, atemlosen Vortrag.
Zuweilen ist es gut, sich an jemanden halten zu können, der nicht widersprechen kann. Ich nahm Cisco mit in mein Schlafzimmer und er durfte am Fußende liegen und nutzte die Gelegenheit, um einzuschlafen und sanft zu schnarchen.
Ich starrte gegen die Decke und kam mir unzulänglich vor. Wieso hatten wir die Geschichte der beiden uniformierten Polizisten nicht geklärt, wieso wussten wir nicht, was Huhu über den letzten Abend von Sven ausgesagt hatte? Wieso hatten wir noch nicht mit dem Grafen von Monte Christo, dem nunmehrigen Hauptverdächtigen Adrian Schminck, gesprochen, wieso, wieso, wieso. Eine andere Stimme widersprach: Hör auf, herumzunölen, Baumeister. Du bist erschöpft und außerdem hast du zu viele Informationen gesammelt, die dir nun den direkten Weg zu einem möglichen Täter verstopfen. Wir hatten an irgendeinem Punkt den Weg des schnellen, direkten Nachfragens verlassen und waren auf Abstellgleise gelangt, wir steckten fest.
Ich starrte an die Decke, ich überlegte, was denn meine Nachbarn wohl zu diesem Fall sagten, den sie jeden Tag diskutierten. Es war nicht schwierig. In meiner Vorstellung gab ich meinem Nachbarn Rudi Latten eine Stimme: »Hör zu, Siggi, da ist was abgelaufen, was eigentlich mit der Eifel nichts zu tun hat. Die Männer im alten Forsthaus in Bongard, das sind doch Kaufleute, ganz stinknormale Kaufleute, die den Hals nicht voll kriegen und die eigentlich nur hier sind, weil sie genug Geld haben, sich eine Jagd in der Eifel zu pachten. Der Hardbeck, ja, der ist Eifler, aber die anderen? Die sind doch nur aus Zufall hier, die haben doch mit der Eifel nichts am Hut. Aber die Bildzeitung schreibt, in Bongard habe eine kriminelle Vereinigung von Wirtschaftsschmarotzern getagt und fiese Pläne schmiedet. Das hätte doch genauso gut im Hunsrück oder im Westerwald oder in Oberbayern passieren können. Aber passiert ist es hier. Und ich sage dir: Das schadet der Eifel enorm!«
Der Landrat? Würde er die Geschichte kommentieren? Und wie? »Ich sage euch, so Dinge passieren überall auf der Welt, in jeder Stadt, in jeder Region. Was hier passiert ist, verwirrt die Menschen, es macht ihnen Angst. Daher ist es enorm wichtig, ihnen zu sagen: Sie leben in einem sicheren Land und dieser Fall ist die Ausnahme. Aber dazu müsste man erst einmal die Möglichkeit haben, ihnen genau zu erklären, was da eigentlich passiert ist. Solange dieser Schwebezustand herrscht, so lange haben die Menschen hier überhaupt keine Sicherheiten mehr.«
Plötzlich kam mir ein Gedanke und ich sprang wie elektrisiert auf. Ich rannte hinunter zum Telefon und rief Detlev Fiedler an.
»Haben Sie Zeit, auf eine halbe Stunde hierher zu kommen?«
»Ich weiß nicht recht, eigentlich müsste ich mal schlafen. Ach was, hier herrscht sowieso Kriegszustand. Ich komme.«
Als er eintraf, war es Mitternacht und Rodenstock, Emma und Vera waren noch immer nicht aus Bongard zurück. Wahrscheinlich hockten sie irgendwo mit Kischkewitz zusammen und redeten über den Fall.
»Wollen Sie etwas trinken?«
»Einen Schnaps. Haben Sie einen Schnaps?«
»Moment, ich hole welchen.« Ich kramte in der Küche herum und fand eine Flasche Obstler aus dem Gutland bei Bitburg. »Wieso herrscht Kriegszustand bei Ihnen?«
»Meine Frau sagt, ich hätte mich viel zu tief in diesen Fall hineingekniet. Ich könne an nichts mehr denken als an die tote Natalie und würde darüber die Familie vergessen.«
»Stimmt das? Hat sie Recht?«
»Natürlich hat sie Recht. Aber ich denke, ich weiß sehr genau, das eine vom anderen zu unterscheiden.« Er lächelte und trank von seinem Schnaps. »Frauen«, murmelte er, »sind äußerst vernunftbegabte Wesen. Und als solche lassen sie sich ausschließlich von Gefühlen befehligen. Weshalb wollten Sie mich so dringend sprechen?«
»Nun, Sie wissen wahrscheinlich, dass kürzlich ein Fernsehteam am Fundort von Natalies Leiche verprügelt worden ist. Und heute am späten Nachmittag ist das alte Forsthaus von Tina Colin von einer gleich aussehenden vermummten Schlägertruppe besucht worden. Das Haus brennt immer noch, Totalschaden. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da Leute am Werk sind, denen es darum geht, Abscheu auszudrücken, kurz: die Eifel zu verteidigen. Frage: Kennen Sie junge Menschen, deren Heimatgefühl so ausgeprägt ist, dass sie solche Aktionen planen und durchziehen würden?«
»Sie reden von Eiflern, nicht wahr?«
»Natürlich«, nickte ich.
Fiedler starrte durch die Terrassentür in den dunklen Garten. Paulchen drückte sich an die Scheibe und wollte herein. Da erschien auch Satchmo und maunzte zum Gotterbarmen.
»Die vier Musketiere«, seufzte er. »Das ist komisch und faszinierend, was Ihnen alles einfällt. Mir wäre das so nie in den Sinn gekommen. Ja, ich kenne so Leute. Wir nennen sie die vier Musketiere. Vier junge Männer aus äußerst seriösen Familien. In der zehnten Klasse haben sie sich zu einem Quartett zusammengetan, das bei Schulaufführungen glänzte. Als ›Die vier Musketiere‹ führten sie Parodien und Sketche auf. Sie waren Klassenkameraden von Sven und Natalie. Begeisterte Eifler, ausgesprochen gute Kenner der hiesigen Flora und Fauna. Wollen alle Biologie oder Physik studieren. Ja, denen würde ich so was zutrauen. Ich hatte mit denen übrigens mal Stunk. Und zwar näherten sie sich in ihren Ansichten den REPs an, sehr weit rechts. Die Gefahr ist immer gegeben, wenn es um Gefühle von Zuhause und Heimat geht. Ja, die könnten das gewesen sein. Sie tauchten auf Motorrädern auf, nicht wahr?«
»Ja. Welchen von ihnen kann ich jetzt hierher bitten?«
»Das wollen Sie riskieren?«
»Aber ja.«
»Na ja, ich weiß nicht recht.« Fiedler spitzte die Lippen. »Ich würde sagen, an Elmar Theis müssten Sie rankommen. Das ist ein Zwei-Meter-Mann mit dem Seelchen einer ganz jungen, im Beruf unerfahrenen Kindergärtnerin.« Er grinste. Dann schaute er auf die Uhr. »Der liest viel, der müsste jetzt erreichbar sein. Aber mich müssen Sie entschuldigen, ich kümmere mich wieder um meine Angetraute. Viel Erfolg.«
Er nannte mir aus dem Stegreif die Telefonnummer und Fiedler war kaum aus der Tür, da rief ich schon Elmar Theis an.
Die Stimme war tief und sanft: »Theis hier.«
»Baumeister. Ich habe eine Bitte: Würden Sie schnell mal zu mir nach Brück kommen? Ich habe ein paar Fragen an Sie. Ich bin Journalist und recherchiere im Fall Natalie und möchte Sie als Klassenkameraden interviewen.«
»Jetzt?«, meinte er verblüfft. »Mitten in der Nacht?«
»Warum nicht?«, fragte ich zurück. »Glauben Sie, der Mörder hat gesagt: Jetzt nicht, es ist schon zu spät am Tag?«
Da lachte er unterdrückt. »Also gut, ich komme. Wo wohnen Sie?«
Ich beschrieb es ihm und er versprach, sofort loszufahren. Dann rief ich Rodenstock an.
Er meldete sich, und ehe ich etwas sagen konnte, polterte er los: »Wir haben uns festgefressen und kommen nicht weiter.«
»Möglicherweise habe ich die vier Motorradfahrer«, erzählte ich. »Ich würde euch gern dabeihaben.«
»Kischkewitz auch?«
»Von mir aus«, sagte ich.
»Der muss mal raus aus seiner Kommission«, entschied Rodenstock. »Der sieht ja den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.«
»Wir doch auch nicht.«
Wenige Minuten später kamen sie und sie waren kaum aus Emmas Volvo gekrochen, als der Mann namens Elmar Theis mit einem geländegängigen Motorrad auf den Hof preschte.
»Hereinspaziert«, sagte ich und reichte ihm die Hand. »Ich bin der Journalist und das hier ist eine Runde von Fatalisten, die nicht mehr daran glauben, den Mörder je zu finden. Aber Sie sind eine neue Hoffnung.«
»Wieso ich?«, entgegnete er verunsichert. »Ich weiß doch wirklich kaum was. Na ja, ich höre erst mal zu.«
»Das ist Herr Kischkewitz, der Leiter der Mordkommission, das ist Vera, Kriminalbeamtin, das ist Emma, ebenfalls vom Metier, das ist Rodenstock, Kriminalrat a. D. Und das, ihr Lieben, ist Elmar Theis, Klassenkamerad von Natalie und von Sven.«
Theis machte höflich und ordentlich die Runde und reichte jedem die Hand, dann setzte er sich neben mich.
Cisco wollte unbedingt auf seinen Schoß springen und ich warf ihn kurzerhand hinaus. Hunde sind im Gegensatz zu Katzen aufdringlich und sie können es nicht fassen, wenn man ihnen deutlich macht, dass sie im Moment überflüssig sind.
»Ich darf einmal das Gespräch eröffnen«, sagte ich. »Können Sie sich daran erinnern, was Sie als Erstes dachten, als Sie hörten, dass Natalie ermordet worden ist und Sven tödlich verunglückt?«
»Das Erste, was ich dachte«, antwortete er wie aus der Pistole geschossen, »war: Das darf nicht wahr sein! Irgendwie war das unfassbar. Mit so was rechnet kein Mensch, oder?«
»Was dachten Sie zwei Tage später?«
»Ich hab mit meinen Kumpels drüber geredet, wir haben endlos diskutiert. Dann dachten wir, also dachte ich, dass eigentlich ziemlich viel daran logisch war. Ich meine an Natalies Tod.«
»Logisch?«, fragte ich verblüfft. »Natalies Tod logisch?«
»Ja«, nickte er und weidete sich ein wenig verlegen an der allgemeinen Überraschung. »Wir kannten Natalie und wir wussten, sie musste etwas für ihre Mutter tun.«
Er war ein langer Schlacks mit dunklen Haaren, einem schmalen Gesicht und dunklen, sehr glanzvollen Augen.
»Nun ja«, fuhr er fort, »es war doch klar, dass da im Forsthaus in Bongard was ablief. Und Natalie war mittendrin. Und wir haben das damals so verstanden, dass sie nicht nur mittendrin war, sondern dass sich das Ganze eigentlich auch um sie drehte.«
»Sie waren sicher neugierig?«, wollte ich wissen.
»Klar«, entgegnete er. »Aber Natalie redete nicht drüber.
Sie war so ... sie war irgendwie sehr alt, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Nein, das verstehe ich nicht«, wandte ich ein.
»Also, sie war irgendwie ...«Er wusste nicht weiter.
»War sie so etwas wie ein Archetyp, eine Urmutter für Sie?«, fragte Emma sanft.
»Ja, genau. Das war sie. Als wir in der Zehn waren, da war sie noch ganz anders gewesen. Sie war auch schon Natalie, aber noch nicht so ... na ja, noch nicht so kühl. Sie zeigte uns ...« Er brach ab, er hatte etwas erklären wollen, was ihm zu weit ging.
»Was hat sie Ihnen gezeigt?«, fragte ich nach.
»Ihre Sexualität, ihr ... na ja, es war schon verrückt.«
»Was ist da geschehen?« Lass nicht locker, Baumeister!
»Das war ... wir waren auf Klassenfahrt in London. Und wir waren ganz heiß auf die Pubs und die Clubs und so. Natürlich wollten wir die Nacht in den Straßen, in einer richtigen Weltstadt erleben. Sie ging mit, sie ging immer mit.«
»Haben Sie sie geliebt?«
»Ja«, erwiderte er. »Wir haben sie geliebt, alle vier. Nicht so, dass wir mit ihr was haben wollten, aber irgendwie war sie unsere Jeanne d'Arc, unser Heilige. Wir waren in einem Schülerheim untergebracht und hockten zusammen in einem Kellerraum. Wir vier. Und sie kam herein und fragte: ›Jungs, was wollt ihr wissen?‹ Einer von uns antwortete: ›Erkläre uns die Frauen.‹ Mein Gott!« Theis strich sich über das Gesicht. »Haben wir gelacht! Aber sie wusste, dass wir es ernst meinten. Und sie zog sich aus, einfach so. Es war ... also, es war nicht erotisch, es war irgendwie cool, voll sachlich. Sie ... sie erklärte: Das hier sind die großen Schamlippen, solche Sachen eben. Ich weiß noch, dass ich die Augen geschlossen hatte, so verlegen war ich. Aber dann machte ich sie auf und erfuhr zum ersten Mal etwas über Frauen, nicht den Scheiß, den unsere Eltern uns erzählen.« Stille Tränen liefen über seine Wangen und es machte ihm nichts aus, dass wir es sahen.
»Sie war einfach wunderbar, nicht wahr?«, fragte Emma ganz leise.
»Damals war sie wunderbar. Damals noch.« Er schniefte, fummelte in den Taschen seiner schwarzen Jeans rum.
Vera reichte ihm ein Papiertaschentuch. »Das, was Sie erzählen, ist sehr schön. Und das, was daraus geworden ist, hat Sie in Wut versetzt.«
»Ja.« Theis fragte: »Kann ich vielleicht eine Zigarette haben. Normalerweise rauche ich gar nicht, aber ...«
»Sicher«, sagte Vera und reichte ihm ihre Schachtel.
Jetzt zitterten seine Hände. Er rauchte nicht genussvoll, er paffte, war aber dankbar, dass seine Hände etwas zu tun hatten. »Ich weiß gar nicht, weshalb ich Ihnen das erzähle.«
»Weil Sie reden wollen, ja, reden müssen«, murmelte Rodenstock. »Kein Wort wird diesen Raum verlassen, wir wissen Ihr Vertrauen zu schätzen.«
»Was veränderte sich?«, erkundigte ich mich.
»Zunächst haben wir das nicht geschnallt. Jedenfalls wurde sie ... ja, immer sachlicher. Sie redete plötzlich viel über Geld. Dauernd über Geld. Was was wert ist und so. Und als wir in Philosophie einmal über geistige Liebe sprachen, fragte sie: ›Wie viel, glaubst du, ist mein Unterleib wert?‹ Einmal stand ich allein mit ihr in der Raucherecke und sie sagte: ›Ich bin eigentlich eine Unternehmerin^ Ich wusste nicht, was sie meinte. Jetzt weiß ich es.«
»Was denn?«, fragte ich.
»Sie verkaufte sich«, stellte er fest. »Oder nein, so war es wohl nicht. Ihre Mutter verkaufte sie.«
»Was ist aus Ihrer Heiligen geworden?«, fragte Emma in die Stille.
»Sie ist tot«, antwortete er schlicht. »Und das war dann irgendwie logisch, oder? Es musste etwas passieren, das konnte doch nicht so weitergehen, irgendwann musste es mal knallen. Jedenfalls glauben wir das.«
»Können Sie diese Mutter verstehen?«
Er überlegte nicht. »Nein.«
»Wie sind die Lehrer eigentlich mit ihr umgegangen?«, fragte Emma.
»Also, die Männer waren hin und weg von ihr. Die Frauen, na ja, die meisten mochten sie nicht, sie war einfach zu mächtig. Die Männer machten ihre Scherze mit Natalie und mühten sich um sie.« Er lächelte. »Da war wohl kaum ein Unterschied zwischen uns und unseren Lehrern. Sie mochten sie alle.«
»Und wie reagierte Natalie darauf?«, fragte Vera.
»Na ja, gutmütig, so nach dem Motto: Komm her, Junge, ich zeig dir was! Die Männer mochten sie ausnahmslos. Fiedler, unser Klassenlehrer, sagte immer: ›Du verkörperst die Sünde, junge Frau!‹ Und wir lachten. Natalie antwortete dann: ›Es ist die Sünde, die jeder von euch jeden Tag begeht^« Theis lächelte wieder in der Erinnerung. »Sie gewann, sie gewann immer.«
»Hatte sie zuletzt etwas Nuttenartiges an sich?«, fragte Vera brutal.
»Eindeutig. Das war es auch, was wir nicht fassen konnten. Wir kauften uns ein Fernglas. Das heißt, erst kauften wir eins, später hatte jeder eins.«
Vor der Tür fiepste Cisco leise. Ich öffnete ihm und er sprang zwischen mir und Vera auf das Sofa, legte sich hin, streckte den Kopf weit vor und sah uns an.
»Würden Sie das bitte erklären?«, sagte Rodenstock.
Veras Hand neben mir kraulte Cisco. Ich griff nach der Hand und spürte, wie Vera den Atem anhielt.
»Na ja, sie gab keine Antworten mehr. Wir konnten sie fragen, so viel wir wollten. Wir wollten wissen, was da in diesem Forsthaus ablief. Und sie erwiderte kalt wie eine Hundeschnauze, das ginge uns überhaupt nichts an. Und wir dachten: Das geht uns wohl was an! Da kam einer von uns auf die Idee, das Forsthaus zu beobachten. Das haben wir dann gemacht, von hinten. Und weil nur wenig zu erkennen war, haben wir uns ein Fernglas gekauft. Zusammen.« Er grinste jungenhaft.
Emma lachte. »Was gab es da zu sehen?«
»Na ja, es ging zu wie in einem Club. Die Mutter rannte um die Männer rum, die trug immer lange Kleider. Und Natalie trug nur Miniröcke, sehr aufreizend. Und manchmal ... und manchmal trug sie kein Höschen.«
»Was noch?«, fragte ich beharrlich.
»Manchmal fuhren alle Männer bis auf einen. Der ging dann in einen der Räume nach oben. Und nach einer Weile kam Natalie und zog sich aus und ... na ja, sie bediente ihn.« Er stockte. »Das war ein Puff mit einer Nutte.«
»Wie oft haben Sie das beobachtet?«
»Wochenlang. Dann hörten wir damit auf, es ... es machte uns irgendwie verrückt.«
»Und sie hat es nicht gemerkt?«, fragte Vera nervös.
»Doch«, nickte er.
»Wie hat sie denn reagiert?«, wollte Rodenstock wissen.
»Wir hatten erwartet, sie beschimpft uns, nennt uns Spanner oder so was. Aber sie sagte nur: ›So ist das Leben!‹«
»Und das klang traurig, nicht wahr?«, meinte Emma.
Er war überrascht. »Ja, genau. Sehr traurig.«
»Sie haben also gesehen, dass sie zu jemandem ins Bett stieg. Wissen Sie genau, zu wem?«
»Aber sicher!«, sagte er. »Wir wollten gründlich sein, wir haben die alle identifiziert.« Er schnaufte. »Das war viel Arbeit. Am schlimmsten war der aus Koblenz. Dr. Lothar Grimm, Rechtsanwalt. Ein Schwein, oh, solch ein Schwein!« Es überwältigte ihn, er machte eine Pause. »Eine geile, rücksichtslose Sau. Einmal war er der Letzte, wollte aber nicht da schlafen. Jedenfalls blieb er unten in diesem riesigen Wohnzimmer. Er rief nach Natalie, hören konnten wir zwar nichts, aber es war irgendwie klar. Er saß nackt an dem Esstisch. Und sie musste niederknien ...«
»Aufhören!«, befahl Emma scharf. »Dazu müssen Sie sich nicht zwingen, mein Sohn!«
Ich hatte plötzlich einen furchtbaren Verdacht: »Sie haben Fotos gemacht, nicht wahr?«
Rodenstock ruckte nach vorn, Emma setzte sich aufrecht, Vera ließ meine Hand los, der Hund wurde aufmerksam.
Theis nickte. »Wir haben fotografiert. Wir haben zusammengelegt und eine schwere Nikon mit einem achthunderter Rohr gekauft, uns Filme besorgt, die auf Restlicht ansprechen. Wir haben...«
»O Gott!«, hauchte Emma. »Jetzt einmal langsam. Sie haben vermutlich Fotos von allen. Auch von Svens Vater?«
»Auch von dem. Aber der hatte nichts mit Natalie. Alle anderen ... alle anderen ja, aber nicht Herr Hardbeck. Wir haben überlegt, ob Herr Hardbeck Natalie getötet hat, weil Sven gelitten hat wie ein Tier. Ich hätte das schon verstanden.«
»Sachlich!«, mahnte Emma kühl. »Sie haben sie alle fotografiert. Alle beim Vögeln?«
»Nein. Das nicht. Das ging nicht, weil die Betten so stehen, dass man das nicht ins Bild bekam. Aber alle nackt mit der nackten Natalie und manchmal auch ... also im Stehen, bei...«
»Schon gut«, sagte Rodenstock abwehrend. »Wo sind diese Fotos? Wer hat sie entwickelt? Verstehen Sie mich nicht falsch: Aber nur ein Foto dieser Art kann der Grund dafür sein, dass Natalie ermordet worden ist!«
Theis' Kopf kam hoch, sein Rücken streckte sich, er begann mit den Händen zu wedeln. »Wir haben es geahnt... Also, wir haben eine Nikon mit Motor. Man kann sie so einstellen, dass sie automatisch alle zwei Sekunden ein Bild macht. Dieser Rechtsanwalt aus Koblenz ... von dem haben wir einen ganzen Film verknipst, als Natalie vor ihm knien musste. Achtunddreißig Fotos. Jetzt sind es nur noch siebenunddreißig, weil einer von uns, Richie, der hat Natalie ein Foto davon gegeben. Sie bettelte so.«
»Hat sie gesagt, wozu sie es haben will?«, fragte ich.
»Ja. Sie hat gesagt, sie wolle es als Erinnerung. Aber wir denken, sie hat es benutzt, um ...«
»Sie haben es begriffen!«, seufzte Emma freundlich.
Ich wollte den Durchbruch. »Ist es nicht empörend, was Presse, Funk und Fernsehen aus der Geschichte gemacht haben?«
Theis kniff die Lippen zusammen, so dass sie eine harte Linie bildeten. »Ja. Keiner hat Natalie wirklich gekannt, aber alle reden und schreiben und filmen über sie. Und keiner berücksichtigt, dass sie früher ganz anders war ... Und es ist einfach zum Kotzen, was die Pressefuzzis aus der Eifel machen. Alle Eifler sind blöd und leben hinter dem Mond. Das ist nicht zu fassen!«
Ich schaute Rodenstock an und er nickte aufmunternd.
»Und da haben Sie sich zusammengetan, die alte bewährte Mannschaft, die vier Musketiere. Erst habt ihr das Fernsehteam aufgemischt. Und dann waren gestern Abend Tina Colin und der entsetzliche Puff dran.«
Er sah mich an und aus seinen Augen sprach unendliche Erleichterung. »Ich wollte es loswerden«, nickte er. »Werden wir in den Knast müssen?«
»Das kann man unter Umständen vermeiden«, sagte Emma rasch.
Kischkewitz hatte die ganze Zeit ruhig und gelassen wie Buddha in seinem Sessel gehockt, kein Wort gesagt, seine Augen nicht von diesem Elmar Theis gelassen, dabei einen ekelhaft stinkenden Stumpen abgebrannt. Jetzt nuckelte er am ausgebrannten Ende herum, das dauernd vom rechten in den linken Mundwinkel wechselte.
»Nun bin ich dran«, nuschelte er. »Sie haben verstanden, wer ich bin? Der Leiter der in dieser Sache zuständigen und ermittelnden Mordkommission. Ich könnte Ihnen den Vorwurf machen, nicht sofort zu uns gekommen zu sein. Ich lasse das mal, weil ich finde, Sie hatten verdammt viel Mut. Aber Sie müssen jetzt begreifen, dass Sie mir einen höchst Verdächtigen genannt haben: Dr. Lothar Grimm aus Koblenz. Ich verlange von Ihnen wohl nicht zu viel, wenn Sie Ihre Kumpane hierher beordern sollen. Und zwar sofort und ohne Wenn und Aber. Wir ersparen Ihnen und den Eltern damit großes Aufsehen. Ist das klar?«
»Selbstverständlich«, sagte Theis. »Und wahrscheinlich brauchen Sie sämtliche Fotos.«
»Genau. Das heißt: Sie rufen jetzt die restlichen Musketiere her. Samt allen Fotos. Und keiner von Ihnen darf auch nur ein Sterbenswörtchen sagen, auch nicht zu den Eltern. Mit denen setze ich mich dann in Verbindung. Ich hoffe, dass ich Ihnen in ... na ja, in Ihrem Fall behilflich sein kann. Straffreiheit gibt es auf keinen Fall, Sie haben einen hohen wirtschaftlichen Schaden verursacht... Mal sehen, ob wir da einen freundlichen Blick drauf werfen können.«
Kischkewitz stand auf und ging hinaus. Wahrscheinlich würde er in den nächsten zwanzig Minuten pausenlos Einsatzbefehle an seine Mannschaft in den Hörer bellen und genaue Verhaltensmaßregeln erteilen.
Elmar Theis zog sich in die Küche zurück und telefonierte dort. Rodenstock verschwand und telefonierte vom unteren Bad aus, Vera war plötzlich weg und ich fand sie auf dem Dachboden. Sie telefonierte. Als ich mit einem Seufzer mein Schlafzimmer betrat, hockte dort Kischkewitz auf dem Bett und sagte gerade: »Fahrt mit Blaulicht und kein Pardon. Ich will den Kerl in zwei Stunden in Wittlich haben. Wie, ist mir scheißegal.«
Ich flüchtete zu Emma zurück ins Wohnzimmer. Ihr Anblick schockte mich, sie rauchte eine von Rodenstocks unförmigen kanonenrohrähnlichen Brasilzigarren.
»Meine Zigarillos sind aus und diese Dinger sind einwandfrei furchtbar. Aber sie qualmen.«
Auf dem Flur ließ Cisco ein furchtbares Jaulen hören und Kischkewitz schimpfte erbost: »Köter, nun geh mir endlich aus den Füßen!« Dann betrat er das Wohnzimmer. »Tut mir Leid, dass ich dein Haus mit Beschlag belege, aber leider warst du zu erfolgreich.«
»Mich würde noch etwas interessieren«, meinte Emma. »Als ihr die vier Männer der Runde aus dem Forsthaus das erste Mal verhört habt, haben die doch Alibis vorweisen können, oder? Wie sah das Alibi von dem Rechtsanwalt aus Koblenz aus?«
»Wenn ich mich recht erinnere, war er daheim bei seiner Familie. Das ist ein schmieriger Mann, sage ich euch. Er ist keiner, der Natalie tötet. Aber er ist durchaus jemand, der einem anderen den Auftrag erteilt zu töten. Das wird noch eine schwierige Kiste.«
»Kann der Pole Bronski einen solchen Auftrag erfüllt haben?«, fragte ich.
»Nein«, antwortete Kischkewitz entschieden. »Ich kann das gar nicht beweisen, aber der Pole ist ein Typ, der mit so einem wie Lothar Grimm nicht kann. Auf keinen Fall.«
»Wo ist eigentlich Tina Colin nun untergekommen?«, fragte Emma.
»Im Hotel Panorama in Daun. Sie darf Daun nicht verlassen. Aha, da sind die Motorradrabauken.«
Sie knatterten auf meinen Hof, zogen die Helme von den Köpfen und kamen sehr verlegen in mein Haus.
Einer von ihnen sagte fast flüsternd: »Wir sind bestellt.«
Emma und ich räumten das Wohnzimmer und Kischkewitz begann ein erstes Gespräch mit ihnen.
»Wir rücken Vera auf den Pelz«, entschied Emma.
Vera lag diagonal auf ihrem Bett auf dem Bauch und schnarchte sanft. Sie wirkte sehr entspannt.
»Ich würde gern eine Partie Billard gegen dich gewinnen«, schlug Emma vor.
»Aber dann wecken wir Vera. Außerdem: Seit wann kannst du Billard spielen?«
»Seit ich als kleines Mädchen zwei Sommer in Belgien in einem alten Plüschcafe verbringen durfte. Ich war der Schrecken aller Eingeborenen. Das Risiko, Vera zu wecken, müssen wir eingehen.« Sie trat an die Platte und baute mit affenartiger Geschwindigkeit den Rahmen mit den Kugeln auf. »Wenn du willst, darfst du anfangen«, sagte sie und suchte sich ein passendes Queue aus.
Ich begann, drosch den ersten Stoß auf die Vollen und registrierte nur halb, dass Vera entsetzt in die Höhe schoss. Ich hatte kein Glück, ich versenkte nichts.
»Tut mir Leid, Liebes«, murmelte Emma, »aber ich muss irgendetwas tun, mir die Lebenslust aus dem Muskeln zu blasen. Es ist mitten in der Nacht, ich weiß, aber keiner in diesem Haus nimmt Rücksicht auf die Tageszeit.«
»Hä?«, machte Vera, setzte sich aufrecht hin und rieb sich die Augen. »O Gott, mein Kopf. Ich hab doch gar nichts mehr getrunken!«
Emma kündigte an: »Ich gehe auf die gelbe Eins, dann nach links auf die Neun, nehme die Gebänderte rechts davon mit, lasse sie aber liegen und gehe auf die Sechs. Klar? Kanadische Holzfäller-Regel.«
»Klar«, sagte ich im Angesicht meines Untergangs.
Sie nahm die weiße Kugel hoch und stieß einen Hungerball, der so sanft über Grün rollte, dass er wie ein alter Mann wirkte, der die letzten Schritte seines Lebens tut. Es geschah wie angekündigt, sie versenkte drei mit dem ersten Stoß, rannte dann behände auf eine andere Position, sagte an, stieß zu, entschuldigte sich zwischendurch für ihre Kunstfertigkeit und räumte im dritten Stoß den Rest ab. Dann stand sie nachdenklich vor der Platte und sagte: »Die Acht wird Schwierigkeiten machen, aber ich denke, es geht über zwei Banden.«
Ich erwiderte: »Aha!«, und wartete auf meine endgültige Vernichtung.
»Was macht ihr da eigentlich?«, nörgelte Vera.
»Wir spielen Murmel«, sagte Emma. »Noch eins?«
»Danke, nein«, winkte ich ab. »Ich bring die Billard-Platte zum Trödel.«
Eine halbe Stunde später verließ Kischkewitz mitsamt den vier Jungmannen das Haus und so etwas wie eine vorläufige Ruhe kehrte ein. Rodenstock und Emma verzogen sich in ihr Zimmer, Vera war erneut in leichtes Schnarchen versunken und ich konnte mein Bett erreichen, ohne irgendwelchen Fremden zu begegnen und ihnen erklären zu müssen: »Wissen Sie, eigentlich ist das hier mein Haus.«
Die Herrlichkeit dauerte nicht allzu lange. Als das Tageslicht anbrach und als etwa um kurz vor fünf Uhr feststellbar war, dass der Tag verregnet sein würde, kam Vera samt Cisco in mein Reich und nörgelte: »Könntest du nicht wenigstens Bescheid sagen, wenn du ins Bett gehst?«
Sie plumpste links neben mir auf die Matratze, während der Hund von rechts kam und meinen Lebensraum auf schlanke dreißig Zentimeter begrenzte, wobei er in heller Freude eifrig bemüht war, seine nasse Zunge durch mein Gesicht zu ziehen. Ich beneidete meine Katzen, die jetzt wahrscheinlich ein warmes Plätzchen für sich ganz allein irgendwo im Keller oder im Geräteschuppen gefunden hatten.
Selbstverständlich wurden wir erst gegen Mittag wach und Vera entdeckte auf dem Küchentisch einen Zettel, auf den Emma geschrieben hatte: Wir versuchen, mit der Ehefrau von Dr. Lothar Grimm in Koblenz Kontakt aufzunehmen. Amüsiert euch schön!
»Amüsieren wir uns jetzt oder arbeiten wir?«, fragte sie.
»Schmeiß Cisco raus«, sagte ich. »Eine alte Französin hat mal einen Roman mit dem Titel Liebe – Brot der Armen geschrieben. Die Frau hatte ja so was von Recht!«
Wir amüsierten uns tatsächlich, denn zunächst knickte der Mittelholm meines Bettes ein und dann, beim Versuch der Reparatur, brachen gleichzeitig beide Krampen aus, die das Fußteil hielten. Das Ausräumen der auf diese Weise unnützen hölzernen Bestandteile des Bettes dauerte eine Weile und zurück blieb eine fantastische Lustwiese, an der nichts mehr zusammenbrechen konnte und die mich an meine Studienzeit erinnerte, was mich außerordentlich rührte.
»Du bist ein richtiger Bodenturner«, lobte Vera.
Gegen 15 Uhr regnete es immer noch in der Art, die von den Eiflern auffrischende Feuchtigkeit von Westen‹ genannt wird. Wir zogen uns trotzdem an, ich rasierte mich trotzdem, wir ließen trotzdem unsere Gehirne warmlaufen.
»Was würdest du jetzt klären wollen?«, fragte ich Vera nach der dritten Tasse Kaffee.
»Ich möchte mich mal mit einer der Ehefrauen der Polizisten unterhalten. Ich möchte wissen, ob die beiden tatsächlich was mit Natalies Tod zu tun haben können.« Sie lächelte versunken.
»Das ist gut, es ist auch nicht so weit nach Lind.«
»Die wohnen in Lind?«
»Einer von ihnen wohnt in Lind. Der 43-jährige Egon Förster. Polizeihauptmeister. Das war der mit dem Schnäuzer«, erinnerte ich mich und sah sein Gesicht vor mir, wie er verwirrt und fassungslos auf die tote Natalie starrte. »Einverstanden. Lass uns fahren. Er war richtiggehend wütend auf Natalie, weil sie so ein unsolides Leben geführt hat.«
»Vielleicht ist er jemand, der sich verantwortlich fühlt, wenn seine Mitbürger Mist bauen.«
»Das kann sein.«
»Darf ich fahren?«
»Selbstverständlich. Ab sofort lasse ich nur noch fahren.«
Wir waren noch nicht einmal an der Einfahrt des kleinen Industriegebietes vorbei, als mein Handy sich meldete.
Es war Kischkewitz, der schnell und hastig berichtete: »Der Pole Bronski ist abgetaucht. Der Schatten hat ihn verloren. Er soll Besuch bekommen haben von seinem Bruder und etwa drei oder vier anderen Polen. Wir vermuten, dass Bronski in die Eifel fährt.«
»Warum sollte er das tun?«
Kischkewitz lachte. »Wahrscheinlich glaubt er, er bekommt von den reichen Koppen, für die er arbeitet, alles Mögliche in die Schuhe geschoben. So ganz Unrecht hat er ja nicht. Zum Beispiel wird die Sache mit den Giftfässern an ihm kleben bleiben. Der Bruder übrigens ist ein paar Jahre älter und hat ein Vorstrafenregister von der Länge der Einkaufsliste, die mir meine Frau am Wochenende mitgibt. Der Mann scheint ziemlich brutal zu sein. Schwere Körperverletzung in insgesamt sechs Fällen. Aber kurioserweise niemals verurteilt.«
»Danke dir, dass du angerufen hast. Hat die Sache mit den Geldsäcken was ergeben?«
»Ja. Natalie hat das Foto an Dr. Grimm in Koblenz verkauft. Für fünfzigtausend Mark. Er behauptet, er habe sie nicht getötet, aber was sollte er auch anderes tun. Das Biest war wirklich auf Zack. Mach's gut.«
»Mach's besser.« Ich erklärte Vera: »Bronski ist auf dem Kriegsspfad, mit einer ganzen Meute Landsleute.«
»Wildwest«, sagte sie knapp. »Der Pole wird gewohnt sein, für sich selbst zu sorgen. Diese Sorte wartet nicht, bis die Polizei was regelt.«
Lind ist klein, winzig klein. Die Straße führt ein paar hundert Meter geradeaus, macht eine Rechtskurve den Hang hoch – dann ist Lind schon wieder vorbei. Eine Frau, die mit einem Kinderwagen spazieren ging, gab uns Auskunft: »Die Försters wohnen da den Weg rein, rechter Hand, letztes Haus.«
Vor der Haustür lag Spielgerät herum, ein grüner großer Plastiktrecker, ein paar Sandförmchen, Schippen, ein alter Ball.
Vera schellte und hatte den Klingelknopf kaum losgelassen, als eine junge Frau öffnete, die ein Kopftuch trug und so aussah, als wolle sie das ganze Haus putzen.
»Ja, bitte?« Sie hatte kräftige Hände und ein leicht gebräuntes, sehr hübsches Gesicht. »Wenn Sie meinen Mann suchen, muss ich Sie enttäuschen. Der ist nicht da.«
»Das wissen wir«, sagte ich. »Ich kenne Ihren Mann, habe ihn an der Stelle getroffen, an der Natalie Colin gefunden wurde. Das hier ist Vera, eine Kollegin von ihm. Wir wollten Sie bitten, mit uns zu reden.«
Ihr Gesicht wurde augenblicklich schmaler und härter. »Worüber denn?«
»Darüber, dass Zeitungen und Illustrierte Fotos von Ihrem Mann und Natalie veröffentlicht haben und behaupten, er und sein Kollege seien tief in die Geschichte verwickelt«, sagte Vera leichthin.
»Und Sie«, sagte die Frau und sah mich an, »sind wahrscheinlich ein Journalist, den das persönlich interessiert, was?« Sie war böse.
»Ich bin Journalist, aber ich habe noch kein Wort über den Fall geschrieben. Wir beide verfolgen Spuren, um sie aufgeben zu können. Und Ihr Mann ist wahrscheinlich so eine Spur. Wo ist er denn?«
»Das weiß ich nicht«, entgegnete sie knapp.
Vera murmelte: »Das glaube ich Ihnen sogar. Geht es ihm denn wenigstens gut?«
»Das weiß ich natürlich auch nicht«, sagte sie. »Na ja«, lenkte sie dann ein, »kommen Sie rein. Entschuldigung, hier sieht es furchtbar aus. Eigentlich hätten die Kinder aufräumen sollen, aber wie das so ist.« Sie ging vor uns her durch einen schmalen kleinen Flur in ein helles Wohnzimmer mit Blick auf einen Garten voller Blumen. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee vielleicht? Ein Wasser?«
»Ein Wasser«, sagten wir.
Sie verschwand für eine Weile und kam mit einem Tablett wieder.
»Dass ich nicht weiß, wo mein Mann ist, das stimmt«, murmelte sie, als wolle sie ein für alle Mal klarstellen, dass an dieser Feststellung nicht zu rütteln war.
»Ist er denn nun auf einem Sonderlehrgang oder im Sonderurlaub?«, fragte Vera.
»Wo tun Sie denn Dienst?«, fragte sie zurück.
»Landeskriminalamt in Mainz«, sagte Vera.
»Tja gut, dann will ich mal erzählen, wie das ablief. Na klar, beide Männer, also mein Egon und Klaus Benesch waren natürlich geschockt. Solche Verbrechen passieren hier doch alle zwanzig Jahre nicht. Aber dass sie deswegen in einen Sonderurlaub geschickt wurden, das war nun wirklich nicht notwendig. Tatsächlich hat mein Egon gesagt, er müsse dringend und ohne Verzug zu einem Lehrgang. Komisch war nur, dass er sagte, er könne mir keine Auskunft geben, was das für ein Lehrgang sei und wo der stattfinde.« Sie kicherte wie ein junges Mädchen. »Ich war immer der Meinung, Männer sind verrückt, aber dieser geheime Lehrgang schießt einwandfrei den Vogel ab. Egon kam ungefähr um drei Uhr nachmittags heim. Als ich um vier Uhr ebenfalls nach Hause kam – ich arbeite in einem Tante-Emma-Laden –, hatte er die Koffer schon gepackt, sah alle paar Sekunden auf die Uhr und war zwei Minuten später samt Auto weg.«
»Darf ich Sie duzen?«, fragte Vera und wartete keine Antwort ab. »Hast du seinen Vorgesetzten angerufen?«
»Sofort natürlich«, sagte sie hell. »Doch der sagte nur, er dürfe mir keine Auskunft geben, aber er könne mir versichern, dass alles seine Ordnung habe. Und ich solle mit niemandem drüber reden. Und dann erschienen die Zeitungen und Illustrierten und ich dachte, mich trifft der Schlag.«
»Warst du dabei, als Egon mit Natalie tanzte?«
»Klar.«
»Erzähl doch mal, wie kam es dazu?«
»Gern. Also Egon ist vereinsmäßig unheimlich stark eingebunden. Sportverein, Freiwillige Feuerwehr, Heimatverein und so weiter. Ständig ist irgendetwas los und er hat auch viele Ehrenämter. Er ackert. Wenn er nicht ackern kann, ist er unglücklich. Einmal im Jahr spielt er sogar die Hauptrolle in einem Schwank, den der Theaterverein auf die Bretter bringt. Und ich finde das richtig, ich mach das genauso. Wenn unsere Dörfer nicht sterben sollen, müssen wir was unternehmen. Unsere Jugend geht in die Städte, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wenn sie ausgelernt haben, sollen sie zu uns zurückkommen. Wenn wir nichts machen, sterben die Dörfer.« Försters Frau wurde richtig eifrig.
»Es war bei einem Dorffest?«
»Ja, ein ganz normales Fest. Ich weiß noch, dass Egon sagte: ›Ich tanze jetzt mit der schönsten Frau im Saal!‹ Wir haben alle gelacht, denn wir wussten ja, wie diese Natalie wirkt. Sie war ja wirklich eine schöne Frau. Dann haben die beiden geschwooft – wie die Kinder. Ja, und der vom Fotostudio Nieder hat Bilder gemacht. Ich habe übrigens selbst so ein Bild beim Nieder bestellt.«
»Ich habe Egon neben Natalies Leiche erlebt«, sagte ich bedächtig. »Er war wütend auf sie. Er warf ihr vor, sie habe sich mit allen möglichen Männern eingelassen.«
Sie nickte ernst. »So ist er. So etwas regt ihn wirklich auf. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass er Polizist ist. Er sagt: ›Man kann seinen Spaß haben, aber man muss wissen, wo die Grenze ist.‹ Ja, so ist er. Und die Natalie hat ja tatsächlich ziemlich heftig gelebt.«
»Das kann man sagen«, nickte Vera. »Hast du denn einen Verdacht?«
»Was mit Egon ist? Wo er ist und so? Nein. Wenn der Chef sagt, alles ist okay, dann wird alles okay sein. Das Ganze mit diesen Fotos, das ist doch idiotisch. In der Provinz ist es eben so, dass jeder jeden kennt, dass jeder irgendetwas vom anderen weiß, dass jeder irgendwie mit jedem zusammenhängt. Bloß weil Egon Polizist ist, ist er doch nichts Besonderes, oder?«
Einen Moment herrschte Schweigen.
»Na ja, etwas Besonderes ist das schon«, sagte ich dann. »Die Gesellschaft geht nicht gut mit Bullen um. Das steht fest. Und Bullen haben nun mal keinen guten Ruf. Das hat was damit zu tun, dass sie mit Verbrechertum aufräumen sollen, während genau das immer weiter wächst. Das muss doch etwas gewesen sein, das auch Egon immer belastet hat, oder?«
»Ja, das ist wohl so«, nickte sie. »An dieser Stelle war Egon irgendwie, ja, traurig. Du mühst dich ab, du redest mit Jugendlichen, du sagst, die Gesellschaft braucht feste Spielregeln, und fünf Minuten später hauen die Jugendlichen sich die Köpfe ein, als habe es nie Regeln gegeben oder als hätten sie nie eine gekannt. Das ist schwer, das ist verdammt schwer. Gewalt wächst, die Leute werden immer brutaler. Und dann kommt noch das Verrückte hinzu, dass die Leute zu Egon sagen: ›Wieso, um Gottes willen, bist du eigentlich Bulle? Du kannst ja doch nichts dagegen tun.‹ Das klingt irgendwie nach Verachtung. Ja, Egon hat darunter gelitten. Immer schon.«
»Und dann die Scheißbezahlung«, murmelte ich.
»Genau!«, rief die Frau etwas schrill. »Genau! Die meisten haben doch keine Ahnung, was die beim Streifendienst so tun müssen. Nimm doch mal diese verrückte Nacht. Da fährt sich erst Sven Hardbeck tot. Egon und Klaus müssen zu den Eltern. Das ist Stress, das ist haushoher Stress. Und dann verkündet der Chef: ›Wir haben da noch eine Leiche! ‹ Die beiden stehen stundenlang, bis die Mordkommission kommt, neben einer Leiche. Und sie haben diese Leiche gekannt, gut gekannt. Das muss man erst mal verkraften. Ich sage, kein Mensch steckt das so einfach weg. Wir hatten das Problem hier im Haus, ich hatte es. Egon kam heim, er redete nicht, konnte gar nicht mehr reden. Er nahm eine Flasche Schnaps und legte sich ins Bett. Mich macht das ganz krank. Er hat die gleichen Träume wie wir alle, muss aber immer die Scheiße aufräumen, die diese Gesellschaft hinterlässt. Wenn die Träume zerbrechen, soll er da sein. Das ist es doch, genau das.« Sie war wütend.
»Wir wollen dich nicht länger stören«, meinte Vera. »Wenn Egon wieder da ist, sag ihm, er macht seine Sache gut.«
Als wir durch Kelberg fuhren, meldete sich Rodenstock aus Koblenz. »Gerade hat sich herausgestellt, dass die beiden verschwundenen Polizisten Förster und Benesch bei Walter Hardbeck den Garten angelegt haben. Keine Schwarzarbeit, 630-Mark-Regelung.«
»Das hilft nicht weiter«, meinte ich. »Polizisten sind auch nur Menschen und sie verdienen zu wenig. Was hat denn Grimms Ehefrau gesagt?«
»Bisher noch nichts. Sie wird erst in einer Stunde wieder zu Hause sein. Wir melden uns.«
»Willst du eigentlich auch noch zu Benschs Frau?«, fragte Vera.
»Nein«, erwiderte ich. »Kein Bedarf. Aber ich würde gern mal mit dem Chef der Wache in Daun sprechen, um die Geschichte abhaken zu können.«
»Gut, dann fahren wir jetzt dahin«, entschied Vera.
»Das können wir auch morgen noch machen. Ich möchte jetzt ins Stellwerk nach Monreal, mit dir was essen.«
»So etwas Edles?«
»So etwas Edles! Egoismus spielt da auch mit, ich habe Hunger. Also fahr mal links und dann nach zwei Kilometern rechts ab Richtung Anschau und runter ins Enztal.«
»Darf ich kurz anhalten und dich küssen?«
»In den Gesetzen zur Personenbeförderung ist ein solcher Fall nicht vorgesehen ... Da ist ein Feldweg, der führt in den Wald.«
Erst nach einer geraumen Weile kamen wir wieder auf die Erde zurück und dann mochte Vera nicht mehr fahren. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes, von einer jungen Frau im Grünen verführt zu werden, zumal sie anschließend rührend bemüht war, mir sämtliche Naturrückstände wie zum Beispiel trockene Gräser und Moose, kleine Zweige und altes Laub von der Figur zu pflücken.