Kapitel 12

Das »Fat Cat Inn« war eine Postkutschenstation in den schottischen Lowlands an der Straße zwischen Edinburgh und Stirling. Die Herberge stammte aus dem 16. Jahrhundert und umschloss mit den Stallungen und Scheunen einen großen Hof. Normalerweise kamen zu jeder Tageszeit Postkutschen und Privatwagen an, um die Pferde zu wechseln oder sich einzuquartieren. Jetzt aber lag der Hof wie ausgestorben unter einem wolkenverhangenen Himmel, eine nicht richtig geschlossene Scheunentür klapperte im Wind, und in den Stallungen standen ein rundes Dutzend Pferde, die unruhig mit den Hufen scharrten und durch geblähte Nüstern schnaubten. Die Stallburschen hatten sich in die Geschirrkammer zurückgezogen, und wenn sie überhaupt über die seltsamen Gäste redeten, die heute angekommen waren, dann nur im Flüsterton.

Die Gäste waren zu Fuß gekommen wie Wegelagerer, aber trotzdem waren zwei von ihnen gekleidet wie ein reicher Lord und seine Lady; die Lady hatte eine Zofe bei sich und der Lord drei Diener. Der Lord hieß Maksym Derenski und war ein Graf aus Krakau. Das blonde Haar trug er der Mode der Zeit entsprechend kurz geschnitten und zu einer Sturmfrisur ä la Brutus gebürstet. Sein Hemdkragen war hoch, wie bei einem Dandy aus vornehmsten Londoner Kreisen, darüber kleidete ihn ein dunkelgrauer Anzug und eine Ton in Ton mit Blütenranken gemusterte grüne Weste vorzüglich. Er lümmelte in einem bequemen Sessel, den der Wirt aus einem Privatsalon in die Gaststube gebracht hatte, und drehte ein Weinglas in den Händen. Das Licht der Kerzen auf den Tischen spiegelte sich in der rubinroten Flüssigkeit.

Ihm gegenüber auf einem Stuhl saß ein zweiter Mann, ebenfalls in einem dunkelgrauen Anzug, aber der Hemdkragen weniger hoch und die Weste beige und ungemustert. Sein Name war Igor Igorowitsch, für die Menschen galt er als Derenskis Freund und Begleiter, in den Kreisen der Werwölfe war er als Derenskis bester Leibwächter bekannt. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Zinnkrug Ale, aus dem er hin und wieder trank, um anschließend sein Gesicht zu einer Miene des Abscheus zu verziehen. An einem Tisch in der Ecke spielten zwei weitere Männer Karten und tranken Ale. Sie hießen Pjotr und Andrej, und jedermann hätte sie für Diener gehalten, dabei hatten auch sie keine andere Aufgabe, als Derenski zu bewachen.

Bei der Ankunft hatten sie dem Wirt mit einem Knurren Beine gemacht, und die anderen Gäste mit finsteren Blicken dazu gebracht, schleunigst aufzubrechen. Es hatte keine Stunde gedauert, bis Derenski und seine Entourage die einzigen Gäste des »Fat Cat Inn« gewesen waren.

Derenski selbst gab sich angenehmen Gedanken an seinen Sieg auf Shavick Castle hin. Er sah wieder vor sich, wie Rhodry Monroes Leib steif geworden war, als sein Geist ihn vor einigen Wochen verlassen hatte, um an einem Ort außerhalb der Zeit gebannt zu werden. Das war der erste Schritt gewesen auf dem Weg, das schottische Rudel unter seine Kontrolle zu bringen.

»Bursche!«, rief er mit polnischem Akzent und schneidend kalter Stimme.

Der Wirt trat ein, wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und verneigte sich tief. »Mylord wünschen?«

»Bring mehr Wein und etwas zu essen. Fleisch!«

»Wie Mylord befehlen.« Der Wirt verneigte sich wieder und machte, dass er die Gaststube verließ.

»Wir sollten nach Krakau zurückkehren, Herr. Ich traue Milan nicht. Wenn wir noch lange hierbleiben, versucht er am Ende, den in Krakau verbliebenen Teil des Rudels zu übernehmen.«

»Du siehst zu schwarz, Igor. An den paar Wölfen, die noch in Krakau sind, wird er nicht viel Freude haben. Er wird nichts unternehmen, solange Ludmilla bei uns ist.« Derenski nickte in Richtung einer Tür, die in einen Privatsalon führte, aus dem leises Lachen zu hören war. Dort hielt sich besagte Ludmilla mit Derenskis Seelenpartnerin auf. Ludmilla war eine noch junge Werwölfin, nicht einmal hundert Jahre alt, die Antonia unter ihre Fittiche genommen hatte. Außerdem war Ludmilla eine Kämpferin des Rudels. Nachdem sie erfahren hatte, dass Derenski sie mitnehmen wollte, um dem Schottlandrudel den Garaus zu machen, hatte sie kaum etwas Eiligeres zu tun gehabt, als lederne Jagdkleidung anzuziehen und sich von ihrem Seelenpartner zu verabschieden.

Der Wirt kam mit zwei Flaschen Wein zurück. Ihm folgte ein Junge, der unter einem schweren Tablett gefährlich schwankte. Verschiedene Sorten Braten und Saucen dampften dort auf Tellern. Nachdem aufgetischt war, scheuchte der Wirt den Jungen aus dem Gastraum und fragte: »Wünschen Mylord sonst noch etwas? Wann darf ich anspannen lassen?« Unterwürfig schielte er auf Derenski.

»Wir geben dir Bescheid. Einstweilen gefällt es uns hier.« Der Leibwächter schoss einen Blick auf den Mann ab, unter dem er zusammenzuckte und wortlos aus dem Raum schlich.

»Die Menschen sind Würmer«, sagte Igor zu seinem Rudelführer. »Sie sind nichts wert, und es gibt viel zu viele von ihnen. Die Idee, mit ihnen friedlich zusammenzuleben, kann nur aus zu viel Branntwein geboren sein.« Igor hatte seinen Alekrug geleert und schenkte sich nun Wein ein. Das Getränk gluckerte in den Zinnkrug, und als er voll war, war eine der beiden Flaschen fast leer. »Warum hat der Wirt nur so wenig gebracht?«

Er erhob sich und ging zur Tür. Als er sie gerade öffnen wollte, wurde sie ihm aus der Hand gerissen. Eine Frau stand vor ihm. Statt der üblichen dünnen Kleider aus mehreren Stofflagen trug sie Hosen und Stiefel wie ein Mann und unter den linken Arm geklemmt einen Hut mit einer Feder. Sie keuchte, als hätte sie einen langen Lauf hinter sich.

Der Leibwächter erkannte sie als Werwölfin und ließ sie vorbei. Daraufhin baute sich die Frau schwungvoll vor Derenski auf. Die beiden Kartenspieler unterbrachen ihr Tun.

»Mylord, ich habe eine Botschaft für Euch.« Sie schwenkte den Hut und verneigte sich.

»Ianthe aus Edinburgh, ich freue mich, dich zu sehen. Was hast du für mich?«

Aus dem Nachbarraum kamen Antonia und Ludmilla in die Gaststube. Die schwarzhaarige Antonia umarmte die rotblonde Ianthe kurz und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Danach überließ sie das Gespräch ihrem Seelenpartner.

»Ich habe diesen Brief erhalten.« Aus der Tasche ihrer Jacke zog Ianthe ein zusammengefaltetes Stück Papier und gab es Derenski. »Jemand aus dem Schottlandrudel hat ihn mir gebracht.« Sie war selbst Mitglied des Schottlandrudels, obwohl sie sich in Edinburgh als Witwe eines reichen Tuchhändlers ausgab.

Derenski nahm den Brief, faltete ihn auseinander und las. Am Ende zerknüllte er das Papier und pfefferte es in eine Ecke.

»Das gibt es nicht!«, brüllte er. Die Werwölfe zogen vor Schreck die Köpfe ein. »Das ist eine Fälschung! Ein Trick dieser Made Eugene.«

Antonia hob das zerknüllte Papier auf, glättete es und las den Brief ebenfalls. Ihr hübsches Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze. Sie gab den Wisch an Ludmilla weiter, die nach dem Lesen die Zähne so fest aufeinander presste, dass sie knirschten. Nach und nach lasen alle Werwölfe, was Ianthe mitgebracht hatte, und ihre Mienen schwankten zwischen Unglauben und Wut.

Auf einen leisen Fingerzeig von Derenski stürzten die drei Leibwächter vor und packten Ianthe, die zu überrascht war für Gegenwehr.

»Das ist ein Trick. Du hast wieder die Seiten gewechselt.« Derenski stand vor ihr, funkelte sie aus gelblichen Augen an.

»Nein! Nein, Mylord.« Die Werwölfin bemühte sich um Nachdruck, dennoch zitterte ihre Stimme. »Dieser Brief lag in Edinburgh vor meiner Tür. Ich war genauso überrascht wie Ihr, Mylord. Das ist seine Handschrift und auch seine Unterschrift. Rhodry Monroe, Earl of Shavick, hat den Brief selbst geschrieben.«

»Das kann nicht sein! Ich habe ihn gebannt! Er befindet sich an einem Ort außerhalb der Zeit, von dort kann er keine Briefe schreiben.«

»Das beweist etwas anderes.« Ianthe deutete auf den Brief, der jetzt auf dem Tisch lag. »Ich habe mich für Euch entschieden, Mylord, und nicht die Seiten gewechselt. Das schwöre ich bei meiner Ehre als Werwölfin.« Sie bemühte sich, die Schwurhand zu heben, was durch den Griff der Leibwächter kaum möglich war.

»Du wirst Gelegenheit bekommen, deine Treue zu beweisen. Ich muss wissen, was es mit diesem Fetzen auf sich hat. Du wirst wie im Brief gefordert nach Shavick Castle reisen, so tun, als würdest du dich auf den Kampf gegen uns vorbereiten und die Einladung zum Dinner annehmen. Du wirst eine brave Angehörige der Schotten sein. Igor und ich werden uns in deiner Nähe aufhalten, und du wirst uns über alles auf dem Laufenden halten.«

»Das mache ich.« Ianthe nickte.

»Maksym, mein Lieber«, mischte sich Antonia ein. »Ich lasse dich nicht allein nach Shavick Castle gehen.«

»Du wirst mit Ludmilla hierbleiben. Wenn ich dich brauche, kommst du nach. Keine Widerrede.«

Die beiden Frauen verzogen die Gesichter, schwiegen aber.

»Lady Ianthe macht sich sofort auf den Weg«, bestimmte Derenski. »Ich will über jeden Furz informiert werden, der bei den Schotten die Luft verpestet. Als Erstes und vor allen Dingen muss ich wissen, ob Monroe sich tatsächlich befreit hat und wie er das geschafft hat.«

Er entließ die Werwölfin mit einer Handbewegung.

Rhodry Monroe runzelte die Stirn und starrte auf den Folianten, den er auf den Knien liegen hatte. Brüchiges Leder, nachgedunkelte Seiten, verblasste Schrift, lateinische Worte. Es handelte sich um das Werk »De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia« des Rechtsgelehrten Thomas Morus, das sich mit dem idealen Staat und einer friedlichen Gesellschaft befasste. Auf einem Tisch neben ihm lagen außerdem mehrere Bücher über Geheimwissenschaften, Alchemie und Zauberkunde.

Er hatte Nola ein Versprechen gegeben und gewusst, dass es schwer werden würde, es einzuhalten. Wie schwer, das wurde ihm allerdings erst jetzt bewusst. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie hergekommen war, ganz zu schweigen davon, wie er sie zurückbringen sollte. Alle diese Bücher hatten ihm keine neuen Erkenntnisse vermittelt. Sicher war er sich nur einer Sache: Nola war seine Seelenpartnerin, und wenn er daran dachte, dass sie ihn verlassen wollte, zerriss es ihm das Herz. Dennoch war ihr Glück alles für ihn — so war das bei der Seelenpartnerschaft.

Er klappte das Buch zu und schmiss es zu Boden, das Geräusch hallte in der stillen Bibliothek unnatürlich laut. Mutlos stand Rhodry auf, schlenderte an den Bücherregalen vorbei und warf einen Blick aus dem Fenster. Der Himmel war bedeckt, und es pfiff ein frischer Wind, der den Winter vertrieb. Rhodry glaubte, den Frühling schon in der Luft riechen zu können.

Er fuhr herum, als die in die Wand eingelassene, kaum zu erkennende Tür geöffnet wurde. Dalton trat ein und verneigte sich. »Lady Ianthe aus Edinburgh ist gekommen und wünscht Euch zu sprechen, Mylord. Sie wartet im Morgensalon.«

Der Vormittag war lange vorbei, aber auf Shavick Castle gab es wenig Morgenbesucher, deshalb führte Dalton ausnahmslos jeden in den Raum, in dem Rhodrys lebensgroßes Porträt hing und dem er den Namen Morgensalon gegeben hatte.

»Ich komme.« Der Earl of Shavick verließ die Bibliothek, während Dalton sich anschickte, den Folianten vom Boden aufzuheben.

Lady Ianthe saß auf einem Sofa und betrachtete das Porträt des Earls, das zwischen den Fenstern hing. Bei Rhodrys Eintreten sprang sie auf und knickste.

»Lady Ianthe aus Edinburgh.« Rhodry zog ihre Hand an seine Lippen. »Ihr müsst hergeflogen sein.«

Sie trug nicht die bei weiblichen Werwölfen übliche Reitkleidung mit Hosen und Stiefeln, sondern ein Kleid aus maisgelbem Organza, dessen Taille unter dem Busen angesetzt war. Sie sah vornehm aus, obwohl ihre Fingernägel kurz und brüchig waren und das Haar nur nachlässig zu einem Knoten aufgesteckt war, als hätte sie es in aller Eile selbst getan. Rhodry kannte sie seit über einhundert Jahren und schenkte ihr ein zerstreutes Lächeln.

»Ich bin aufgebrochen, gleich nachdem ich Euren Brief erhalten habe. Ich wollte mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass Ihr wieder unter uns weilt, Mylord.« Ihr Busen hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.

»Ich bin es in eigener Person.« Er verneigte sich mit übertriebener Grazie vor ihr.

»Auf dem Weg hierher nahe Stirling kam ich am >Fat Cat Inn< vorbei und roch Werwölfe. Im Schutz der Nacht schlich ich hin und spähte durch ein Fenster. Maksym Derenski und seine Schergen hielten sich dort auf.«

»Was haben sie getan?«

»Wein getrunken.«

»Der Hundesohn ist also noch hier.« Wut funkelte aus Rhodrys Augen, aber als sein Blick Ianthe streifte, wurde seine Miene wieder freundlicher. »Hast du noch etwas in Erfahrung gebracht?«

»Leider nein, Mylord. Ich habe mich nicht unter sie getraut. Es wird jedoch nicht ewig dauern, bis er erfährt, dass Eure Bannung durchbrochen wurde. Möglich, dass er es schon weiß.«

Der Earl of Shavick hielt ihren Blick fest. Woher wusste sie von der Bannung? Unter den Mitgliedern des Schottlandrudels hatte er für tot gegolten, das wusste er von Eugene. Spielte sie falsch? Da sie eine Werwölfin war, konnte er ihren Geist nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, wie es ihm bei einem Menschen ein Leichtes gewesen wäre.

Nola, schoss es ihm dann durch den Kopf. Wenn Ianthe die Wahrheit sagte und Derenski auf dem Weg hierher war, war Nola in Gefahr. Wo war sie? Er musste sie sehen - sofort.

»Lady Ianthe, entschuldigt mich!« Er stürzte aus dem Morgensalon und zu ihrem Zimmer. Doch als er an ihre Tür klopfte, antwortete ihm niemand. Er riss sie auf und stürzte in den Raum — Nola war nicht da.

Kopflos rannte er durch Shavick Castle und fragte jeden, dem er begegnete, nach ihr, schaute in jedes Zimmer. Nirgends war sie, niemand hatte sie gesehen. Ganz kurz kam ihm der Gedanke, sie könnte Derenski bereits in die Arme gefallen sein, doch er verwarf ihn wieder. Derenski hatte das Schottlandrudel ein Mal überrascht, ein zweites Mal würde ihm das nicht gelingen. Aber wo war Nola?

Rhodry sprang mit einem Satz die Außentreppe in den Hof hinunter und rannte zu den Stallungen. Die Pferde wurden sofort unruhig, als er eintrat, und ein Stallbursche eilte ihm entgegen. Er hatte Nola auch nicht gesehen, also lief Rhodry zurück in den Hof und schaute sich um. Jetzt konnte sie nur noch im Park sein.

Dann allerdings fiel sein Blick auf den Turm — und tatsächlich, dort stand sie, auf der höchsten Spitze von Shavick Castle und blickte in die Ferne. Seine Erleichterung fiel wie eine Lawine von ihm ab. Er rannte zum Turmeingang und die Treppen hinauf.

Nola schaute über den See auf die Berge. Ein frischer Wind zerrte immer mehr Strähnen aus der Frisur, die ihre neue Zofe Jane ihr heute Morgen gezaubert hatte. Sie hatte inzwischen nicht nur eine Zofe, sondern zwei weitere Kleider erhalten, ein weißes und ein veilchenfarbenes mit einem dazu passenden Mantel. Letzteres trug sie jetzt. Der Mantel hatte einen Fellkragen, der ihren Hals wärmte, doch der Wind fand jede noch so kleine Öffnung an den Ärmeln und zwischen den Knöpfen. Kein Vergleich mit der Funktionswetterkleidung des 21. Jahrhunderts.

Trotzdem fühlte sie sich heute zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Jahr 1818 richtig wohl. Das mochte an den majestätischen Bergen liegen, die sich vor ihren Augen erhoben. Schroff, kahl und doch wunderschön standen sie in der klaren Frühlingsluft. Sie klemmte sich die losen Haarsträhnen hinters Ohr. Der Wind löste sie sofort wieder.

»Nola.«

Sie wirbelte herum. Rhodry stand hinter ihr auf der Turmplattform, wieder nur in Hemd und Weste. Der Wind riss auch an seinem Haar.

»Ich habe dich überall gesucht, Prinzessin.«

»Darf ich nicht hingehen, wo ich will, auf Shavick Castle?« Obwohl seine Worte harmlos gewesen waren, forderten sie sofort ihren Widerspruch heraus. Sie biss sich auf die Unterlippe, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.

»Du darfst überall hingehen. Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht. Ich habe Nachricht erhalten, dass sich die Krakauer noch in Schottland aufhalten. Wenn sie hierherkommen und dir etwas antun … den Gedanken ertrage ich nicht.« Er trat neben sie, legte einen Arm um sie. »Entfern dich nie allein von Shavick Castle, sonst können meine Wölfe und ich dich nicht schützen.«

Sie fühlte seine Wärme, hörte seine Stimme dicht neben ihrem Ohr und legte eine Hand auf seine; seine war warm, ihre viel kühler.

»Friert ihr eigentlich nie?« »Nicht bei schottischem Wetter. Bei einer Reise weit nach Norden würde ich aber wohl einen Mantel mitnehmen.«

»Und was noch?«

»Dein Porträt«, antwortete er prompt. »Obwohl kein Maler deine Schönheit einfangen könnte.«

Mit der freien Hand strich er ihr wieder die Haarsträhnen hinter das Ohr, doch der Wind wirbelte sie sofort wieder nach vorn. Nola lehnte sich an Rhodry, und jetzt, in diesem Moment, fühlte sie sich mit ihm so wohl wie in ihren Träumen. Wenn er sie jetzt auf die Arme nehmen würde, um sie in ein warmes Zimmer mit Kamin zu tragen - sie könnte ihm nicht widerstehen.

Stattdessen deutete der Earl mit einer Hand auf die Highlands vor ihnen. »Alles, was du siehst, Prinzessin, gehört zu Shavick Castle. Jeder Berg und jedes Schaf, jedes Dorf. Siehst du das Meer dort hinten?« Sein Finger deutete auf eine Stelle zwischen den Bergen. »Da endet mein Besitz.«

Nola strengte ihre Augen an, aber am Horizont verschwamm das Bild zu grauem Nebel. »Ich sehe kein Meer.«

»Du brauchst die Augen eines Werwolfs.«

»Können wir ans Meer fahren?« Die Frage war ihr spontan entschlüpft, aber im Nachhinein erschien ihr das als eine geniale Idee. Sie und Rhodry allein am Meer … Sie müssten in einer Herberge übernachten. Was könnte da alles passieren?

»Wenn du möchtest, reisen wir hin. Ich habe dort ein Sommerhaus, klein und gemütlich.«

»Das wird bestimmt schön, auch wenn noch kein Sommer ist. Wann können wir hin?«

»In ein paar Tagen. Ich muss erst die Dinge auf Shavick Castle ordnen.« Er wirkte auf einmal, als wäre er mit den Gedanken ganz woanders. Als gäbe es etwas, von dem sie nichts wissen sollte, das aber alle seine Sinne beschäftigte.

Nola fühlte einen Stich in der Brust, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen, und schenkte Rhodry ein Lächeln.

»Reiten wir ans Meer? Ich bin als Kind viel geritten. Eine Freundin hatte ein Pony, mit dem waren wir jeden Tag unterwegs, bis wir zu groß für das kleine Tier wurden. Danach bin ich noch zweimal in der Woche ein großes Pferd geritten, aber seit ich in London wohne, nicht mehr.«

»Zu groß geworden für ein Pony? Das arme Tier muss die Statur eines Hundes gehabt haben!«

Sie grinste. »Viel größer war es nicht.« »Kannst du auch im Damensitz reiten, wie es sich für eine Lady gehört?«, fragte er lachend.

»Ich reite wie die Männer.«

»Dann muss ich dir wohl eine Hose leihen, Stiefel und ein Hemd.« Immer noch lachte er. »Nein, im Ernst: Wir werden nicht ans Meer reiten.«

»Wie kommen wir dann hin?« Nola fiel auf, dass sie auf Shavick Castle noch nicht ein einziges Pferd gesehen hatte. »Gibt es überhaupt Pferde hier?«

»Nicht so viele wie auf einer Menschenburg. Pferde vertragen sich nicht gut mit Werwölfen, sie spüren unser Wesen und fürchten es. Kein Pferd duldet einen Werwolf als Reiter, und selbst wenn wir in einer Kutsche sitzen, machen wir sie unruhig. Amelia hat aber ein Gig, um damit Besorgungen in den Dörfern zu machen oder Kranke zu besuchen. Und wir haben eine Reisekutsche. Du wirst im Wagen fahren, Prinzessin, und ich laufe.«

»Du läufst?«

»Werwölfe sind gut zu Fuß. Mit einer Kutsche halten wir leicht mit, selbst wenn sie von vier Pferden gezogen wird.«

»Also können wir nie zusammen ausreiten?«

»Ich kann dich ohne Pferd begleiten. Notfalls kann dich ein Stallbursche begleiten, aber ich muss dich bitten, dass du dich niemals allein von Shavick Castle entfernst. Es ist zu deinem eigenen Schutz. Bis die Sache mit den Krakauern ausgestanden ist, ist es hier nicht sicher für dich.«

Er war unvermittelt ernst geworden und zog Nola an sich, die sich daraufhin an seine Brust schmiegte. »Ich begleite dich, wo immer du hinwillst, Prinzessin.« Er lehnte eine Wange an ihr Haar. »Ist dir nicht kalt? Lass uns reingehen.«

Hand in Hand gingen sie die Turmtreppe hinunter, und Nola sagte sich zum zweiten Mal, dass die Gelegenheit günstig wäre, um ihre Träume wahr zu machen. Was brauchten sie mehr als eine Mauernische? Sie atmete heftiger bei diesem Gedanken.

Doch am Fuß der Treppe tauchte Amelia auf und schaute zu ihnen hoch. Auf ihrer Miene lag ein Lächeln, das Nola nicht zu deuten wusste. Vordergründig wirkte es freundlich, aber sie glaubte, dahinter etwas anderes zu sehen, etwas Berechnendes.

»Mylord, Lady Eleonore.« Sie knickste und wandte sich dann an Rhodry. »Es gibt da etwas … in der Küche. Entschuldigt, es ist mir peinlich … «

Der Earl löste seine Hand aus Nolas, seine ganze Aufmerksamkeit war auf die junge Schottin gerichtet. »Nichts muss dir peinlich sein, Amelia.«

Sie zog ihn ein paar Schritte fort und redete leise auf ihn ein. Nola fühlte sich überflüssig, und auch der entschuldigende Blick von Rhodry machte das nicht besser.

»Ich finde den Weg in mein Zimmer allein«, murmelte Nola wütend und drehte sich auf dem Absatz um.

Sie ging jedoch nicht in ihr Zimmer, sondern in die Eingangshalle und von dort aus zu den Wirtschaftsräumen. Vor ihrer Zeitreise hatte sie Shavick Castle durch die Küche betreten, deshalb wusste sie genau, wo sie hinmusste, um zu erkunden, was vorgefallen war.

Kaum hatte sie die Tür zum Wirtschaftstrakt geöffnet, schlug ihr der Geruch angebrannter Erbsensuppe entgegen. Hatte Amelia das mit der »Küche« und »peinlich« gemeint? Für die empfindliche Nase eines Werwolfs musste der Geruch noch viel unangenehmer sein. Neugierig geworden, ging Nola ihm nach.

Er führte sie in die Küche, wo über dem Spülstein ein junges Mädchen damit beschäftigt war, einen großen Topf zu scheuern. Ihre Wangen waren tränenverschmiert, auf einer glühte der rote Abdruck einer Hand. Auf dem großen Tisch in der Mitte der Küche stand eine dampfende Schüssel Erbsensuppe oder besser: Das, was davon übrig war. Dalton, zwei andere Männer und drei Frauen saßen um den Tisch herum und aßen. Bei Nolas Eintritt sahen sie auf. Der Butler erhob sich.

»Ist etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit, Mylady?«

»Alles gut. Ich wollte nur …« Was wollte sie? Dalton gegenüber konnte sie kaum zugeben, dass sie seiner Tochter misstraute.

Das Klingeln einer Glocke erlöste sie. Der alte Mann entschuldigte sich, er werde gerufen. Gleich darauf schoben auch die beiden anderen Bediensteten ihre Teller zurück, grüßten und verließen die Küche durch eine Tür zum Hof. Nola blieb mit den Frauen zurück.

»Mylady, ich bin Mary Anne, die Köchin«, sagte die ältere der Frauen am Tisch, eine hagere Person mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Ihre Stimme klang jedoch freundlich. Sie bot Nola einen Platz an und fragte: »Wollen Sie einen Teller Suppe oder ein paar Eier mit Brot? Roastbeef vom Frühstück wäre auch noch da, oder Lammbraten.«

Nola lehnte das Essen ab, setzte sich aber. »Ich hörte von Ms. Amelia, es hätte in der Küche einen Vorfall gegeben?« »Das ist ja für jeden zu riechen. Diese dumme Gans«, ein Kopfnicken in Richtung des Mädchens am Spülstein, »hat die Erbsensuppe anbrennen lassen, und jetzt riecht es im ganzen Schloss danach.«

»Eigentlich nur hier.« Nola fand, dass sich die Köchin zu viele Gedanken machte. Eine angebrannte Suppe für das Gesinde war auf Shavick Castle doch bestimmt kein Unglück! Man könnte sie einfach den Schweinen geben.

»Die Herrschaften Werwölfe riechen viel besser als wir, und sie hassen den Geruch.«

Das Mädchen am Spülstein schniefte und beugte sich tiefer über den Topf.

»Ms. Amelia redet mit dem Earl darüber«, warf eine der anderen Frauen ein, die bisher geschwiegen hatte. Ihre Stimme klang hoffnungsvoll. »Dann ist alles wieder gut. Er hält ja so viel von ihr, und ist ungewöhnlich freundlich für einen von denen zu einem Menschen.«

Nola horchte auf, und die Köchin nickte.

»Daltons Tochter vergöttert den Earl ja auch schon, seit sie ein kleines Mädchen ist. Als Kind durfte sie sogar auf seinen Schultern reiten, und als sie dann größer wurde, hat er ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn Ms. Amelia mit Lord Rhodry redet, hat diese dumme Gans von Küchenmagd vielleicht Glück und wird nicht bestraft.«

»Wir haben alle Glück, dass wir Ms. Amelia haben«, stimmte die andere zu.

Nola hatte genug gehört