ZWEI
Als Frauke im Landeskriminalamt eintraf, waren die Mitarbeiter ihres Teams schon anwesend. Madsack begrüßte sie mit einem distanzierten, aber immerhin freundlichen »Guten Morgen«, Thomas Schwarczer verhielt sich neutral, und Jakob Putensenf schenkte ihr einen mehr geknurrten als gesprochenen Morgengruß.
Noch auf dem Flur wurde sie von Uschi Westerwelle-Schönbuch abgefangen, der Sekretärin von Kriminaloberrat Ehlers.
»Der Chef bittet Sie, zu ihm zu kommen.«
Sie betrat Ehlers’ Büro, dessen Tür wie so häufig offen stand.
»Guten Morgen, Frau Dobermann.« Er stand von seinem Platz hinter dem Schreibtisch auf, gab ihr die Hand und ging zur Zimmertür, um sie zu schließen. Das bedeutete, dass das Gespräch einen vertraulichen Charakter haben würde.
»Bitte«, sagte Ehlers, deutete auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch und stieg sofort in das Thema ein, ohne sie nach dem Wochenende oder nach ihrem persönlichen Befinden zu fragen. »Was ist vorgestern in Isernhagen geschehen?«
Frauke berichtete von dem Attentat.
»Galt es Ihnen oder dem Mann, den Sie aufgesucht haben?«
»Mir«, sagte Frauke. »Ich habe keine Beweise dafür, bin aber davon überzeugt.«
»Wer war der Mann, den Sie aufgesucht haben? Und warum ist er unerkannt entkommen?«
»Ich kenne den Namen nicht«, erwiderte Frauke. »Es war ein anonymer Hinweis, der mich erreichte. Dem bin ich nachgegangen.«
Ehlers rümpfte die Nase. »Da kommen mir zu viele merkwürdige Zufälle und mangelnde Professionalität zusammen. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie sind gefährdet. Und ich trage die Verantwortung für meine Mitarbeiter. Deshalb überlege ich, ob ich Sie von diesem Fall abziehe. Ich habe kein Misstrauen Ihnen gegenüber und bin überzeugt, die Angelegenheit ist bei Ihnen in den besten Händen. Dafür spricht auch, dass man es gezielt auf Sie abgesehen hat. Man fürchtet Sie. Deshalb bin ich enttäuscht, dass Sie sich so leichtfertig in Gefahr begeben und ohne Abstimmung oder Unterstützung einen solchen Termin wahrnehmen. Was haben Sie sich davon versprochen?«
»Wir wissen zu wenig über unsere Gegner. Es ist uns zwar gelungen, in ihre Strukturen einzudringen und Teile davon zu zerschlagen, aber die Organisation ist so aufgebaut, dass wir noch weit von den Hintermännern entfernt sind. Wir erwischen immer nur die Handlanger, und die werden ständig ersetzt. Die Leute scheinen über ein großes Reservoir zu verfügen. Da gibt es nicht nur einen oder zwei gewaltbereite Akteure. So habe ich mir von diesem Termin versprochen, eventuell ein paar Hintergrundinformationen zu erhalten. Die hätten wir nicht bekommen, wenn wir dort mit einem größeren Aufgebot anmarschiert wären. Deshalb bin ich allein zu diesem konspirativ anmutenden Treffen gegangen.«
»Kann es sein, dass der Anschlag nicht Ihnen, sondern Ihrem Gesprächspartner galt? Dass man ihn eliminieren wollte, bevor er aussagt?«
Es hatte keinen Sinn, dem Kriminaloberrat etwas vormachen zu wollen. Ehlers war ein kluger Analytiker.
»Ich bin mir dessen nicht sicher. Tatsache ist, dass der Informant den Attentäter zuerst gesehen und mich zur Seite gestoßen hat. Daher bezweifle ich, dass es eine gegen mich geplante Aktion war. Dann hätte man mich nicht gewarnt. Vor allem wäre das Ganze auch nicht so aufwendig inszeniert worden.«
Ehlers gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Frauke hätte ihm die wahren Gründe, weshalb sie nach Isernhagen gefahren war, nicht erklären können. Das Ganze war zu unglaubwürdig. Sie selbst gestand sich ein, dass sie die Geschichte auch keinem ihrer Mitarbeiter abgenommen hätte.
Ehlers wies auf ein Blatt Papier, das vor ihm lag. »Der Unbekannte hat Erste Hilfe geleistet«, sagte er. Es klang wie eine Feststellung.
Frauke nickte. Georgs sicheres Auftreten und die Arzttasche ließen keinen Zweifel daran, dass Georg Mediziner war. Ein noch so gut ausgebildeter Laie hätte nicht so gehandelt.
»In welchem Zusammenhang könnte der Mann mit der Organisation stehen?«, bohrte der Kriminaloberrat weiter.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Frauke. Und das war ehrlich.
»Finden Sie nicht auch, dass das Ganze sehr mysteriös ist?« Ehlers musterte sie über den Rand seiner Brille hinweg nachdenklich.
»Ja«, gab sie zu. Auch das war ehrlich.
»Wie wollen Sie weiter vorgehen?«
»Ich warte auf die Spurenauswertung. Vielleicht finden wir einen Hinweis auf unseren Unbekannten. Zur Fahndung würde ich ihn nicht ausschreiben wollen. Wenn er uns etwas erzählen wollte, dann ist die Suche nach ihm unter Zuhilfenahme des ganzen Apparats der falsche Weg. Wir würden damit unter Umständen Spuren legen, denen auch die Organisation folgen könnte.«
»Ist das alles, was Sie im Köcher haben?« Es klang eine Spur enttäuscht.
»Nein«, sagte Frauke, und zum ersten Mal gelang es ihr, ein wenig zu lächeln. »Wir müssen herausfinden, wem das Haus gehört und in welchem Zusammenhang dieser Mann mit den Eigentümern steht. Er schien mir mit den Örtlichkeiten vertraut.«
»Können Sie das näher erläutern?«, fragte Ehlers misstrauisch dazwischen.
»Das war mein Eindruck, als er die Tür öffnete und mich ins Haus bat.«
Ehlers warf einen kurzen Blick auf die Notiz vor sich. »Der erste Bericht der Spurensicherung besagt aber, dass sich in dem Haus nicht ein einziger persönlicher Gegenstand befand. Finden Sie das nicht auch ungewöhnlich?«
»Ja«, gestand Frauke ein. »Immerhin befanden sich Toilettenartikel im Bad. Daraus schließe ich, dass der Mann dort übernachtet hat. Das lässt auch der Inhalt des Kühlschranks vermuten.«
»Na schön«, sagte Ehlers, und es klang eine Spur versöhnlicher. »Ich möchte über alle Schritte informiert werden. Und weitere Alleingänge werde ich nicht mehr akzeptieren. Betrachten Sie es als förmliche Ermahnung.«
Frauke versuchte, ihre Erleichterung zu verbergen. Es war eine missliche Situation, in die sie hineingeraten war.
Als sie auf dem Flur Putensenf begegnete und der Kriminalhauptmeister sie prüfend ansah, hatte sie sich so weit gefangen, dass sie ihn anfuhr: »Gibt es schon Ergebnisse? Oder muss man sich um alles selbst kümmern?«
Putensenf schien für einen Moment verwirrt. »Ich kümmere mich um die Spurensicherung«, versicherte er. »Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.«
In ihrem Büro meldete sich Frauke an ihrem Computer an. Die unendlich erscheinende Zeit, bis das System hochgefahren war, nutzte sie, um noch einmal über das Gespräch mit Ehlers nachzudenken. Der Kriminaloberrat war erstaunlich gut informiert gewesen. Irgendjemand musste ihn mit Details gespickt haben. Zu gern hätte Frauke gewusst, von welchem Zettel Ehlers abgelesen hatte und wer ihm diese Informationen hatte zukommen lassen. Seit ihrer Ankunft in Hannover fühlte sie sich beobachtet. Es fiel ihr schwer, jemanden ins Vertrauen zu ziehen. Ihr Vorgesetzter war sicher loyal, davon war Frauke überzeugt, aber Ehlers musste alle Aspekte in Betracht ziehen und auch ihre Vorgehensweise kritisch hinterfragen. Hier in Hannover misstraute anscheinend jeder jedem. Mit einem Hauch von Wehmut dachte sie an Flensburg, an Schleswig-Holstein und an Kriminalrat Lüder Lüders, selbst an die beiden Husumer Christoph Johannes und Große Jäger. Freunde waren sie nie geworden, aber Frauke hatte diesen Leuten bedingungslos vertrauen können. Das fehlte ihr hier.
Sie griff zum Telefon und bestellte Nathan Madsack zu sich ins Büro. Natürlich hätte sie auch die wenigen Schritte bis zu ihm gehen können, aber mit dieser Geste unterstrich sie, wer in dieser Ermittlungsgruppe das Sagen hatte.
Der schwergewichtige Hauptkommissar erschien wenig später und nahm ächzend Platz.
»Was haben Sie über das Haus in Erfahrung bringen können?«
Madsack musste keine Notizen zurate ziehen, als er antwortete.
»Das Anwesen gehört Dr. Eigelstein. Das ist ein in Hannover angesehener Rechtsanwalt, Senior der Kanzlei Dr. Eigelstein, Knappe und Collegen in der Georgstraße.«
»Der Name ist uns doch bekannt«, überlegte Frauke. »Das ist der Anwalt von Stupinowitsch, dem weißrussischen Bordellbesitzer.« Sie maß Madsack mit einem abschätzigen Blick. »Hatten Sie mir nicht versichert, dass es sich um eine angesehene Kanzlei handeln würde? Wie erklären Sie es sich, dass der saubere Dr. Eigelstein nicht nur Stupinowitsch berät, sondern dass vor seinem Haus auch ein Mordanschlag auf mich verübt wurde?«
»Aber ich …«, stammelte Madsack. »Ich kann doch nur das wiedergeben, was mir bekannt ist.«
Frauke schüttelte den Kopf. »Offenbar weiß hier in Hannover niemand etwas Konkretes.«
»Wie gut, dass wir Sie haben. Unsere Frauenquote«, mischte sich Putensenf ein, der an Fraukes Bürotür stehen geblieben war. »Bevor Sie hier aufgetaucht sind, haben wir keine Ahnung von der Kriminalitätsbekämpfung gehabt.«
»Sie sind der Richtige«, schimpfte Frauke. »Ist es zulässig, dieser Tätigkeit mit ungeputzter Brille nachzugehen? Ihnen fehlt doch der Durchblick. Sie haben nicht bemerkt, dass Ihr Vorgesetzter mit der organisierten Kriminalität paktiert und sogar vor einem Mord nicht zurückschreckt.«
»Ein mutmaßlicher Mörder«, versuchte sich Putensenf zu verteidigen. »So viel Korrektheit muss sein.«
»Sparen Sie sich Ihre Wortklauberei. Was hat die Spurensicherung ergeben?«, wechselte sie abrupt das Thema.
Putensenf trat an den Schreibtisch heran. »Nichts. Es gibt Fingerabdrücke von mehreren Personen, darunter von einer Frau.«
»Das könnten meine sein«, unterbrach Frauke ihn.
Putensenf spitzte die Lippen. »Soso. Wie war das mit der Professionalität? Sie laufen vor der Spurensicherung durchs Haus und fassen alles an. Macht man das so in Flensburg? Ach ja, ich vergaß.« Er legte den Zeigefinger gegen die Schläfe, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen. »Da gibt es doch dieses Versandhaus in Flensburg, Beate Dingsbums … Die vertreiben doch Artikel für ein Vergnügen, bei dem Betatschen dazugehört.«
Frauke unterließ es, Putensenf zu antworten. Wenn der Kriminalhauptmeister hartnäckig weiterfragen würde, hätte sie ein Problem, ihre Anwesenheit in dem Haus zu erklären. In gewisser Hinsicht hatte er recht, wenn er ihr mangelnde Professionalität vorwarf, allerdings auf ganz andere Weise, als er vermutete.
»Gibt es Spuren, die zu bei uns gespeicherten Personen führen?«, fragte Frauke.
»Nein«, erwiderte Putensenf. »Wir haben nur Fingerabdrücke abgeglichen. Ich gehe davon aus, dass Sie keine DNA-Spuren analysieren lassen wollen.«
Das hätte keinen Sinn, überlegte Frauke. Wonach sollte man suchen? Und niemand würde Verständnis für die damit verbundenen Kosten haben.
»Danke, Putensenf«, sagte sie eine Spur freundlicher. Dann wandte sie sich Madsack zu. »Dr. Eigelstein wird uns einiges zu erzählen haben.«
»Sollen Nathan und ich ihn aufsuchen?«, fragte Putensenf.
»Nein«, entschied Frauke. »Ich werde Thomas Schwarczer mitnehmen.«
Kommissar Thomas Schwarczer war leger gekleidet. Er trug ein Hemd aus leichtem Stoff und darüber eine rotbraune Lederjacke. Die oberen Knöpfe des Hemdes waren geöffnet und gaben den Blick auf einen goldenen Anhänger frei, der an einem geknoteten Lederriemen um den Hals hing.
Geschickt steuerte Schwarczer den Opel Astra durch den dichten Innenstadtverkehr, ohne dabei hektisch zu werden oder gar zu drängeln. Frauke überraschte immer wieder, über welche profunden Ortskenntnisse Schwarczer verfügte. Er schien auch in der engen City genügend Plätze zu kennen, an denen er Abstellmöglichkeiten fand.
Nur einen Steinwurf entfernt lag das Rotlichtviertel mit Stupinowitschs Bordell. War das der Grund, weshalb der zwielichtige Weißrusse Dr. Eigelstein als Anwalt gewählt hatte?, überlegte Frauke.
Auf dem Platz vor dem Bürogebäude residierte Friedrich von Schiller auf einem Denkmalssockel. Im Erdgeschoss des Hauses mit der gegliederten Fassade, dem über die oberen Etagen reichenden Erker und den großen Rundbogenfenstern befand sich der Zugang zu einer großen Buchhandlung. Rechts daneben führte ein Durchgang zur Parallelstraße, der mit »Georgspassage« ausgeschildert war. Ein Relief zeigte den mutigen Ritter Georg, hoch zu Ross, wie er dem Drachen die Lanze ins weit aufgerissene Maul stieß.
Georgstraße. Georgspassage. Das Bildnis des Ritters Georg. Und auf dem Georgsplatz hatte sie den rätselhaften Mann kennengelernt, der sich selbst mit diesem Namen vorgestellt hatte. Es war ein bisschen viel »Georg«, befand Frauke. Der Geheimnisumwitterte, der es verstanden hatte, sie zu umgarnen, schien sie mit diesem Namen verspotten zu wollen. Und sie war darauf hereingefallen.
Ein messingfarbenes Schild wies den Weg zur Kanzlei, die sich hinter der hohen Flurtür als nüchterner Bürobetrieb erwies, dessen Interieur überhaupt nicht zum Charme des Altstadthauses passte. Auf Frauke wirkten die an Seilen von der Decke hängenden Lamellenlampen so, als wäre die Inneneinrichtung seit dem Beginn der sechziger Jahre unverändert geblieben. Lediglich die moderne technische Infrastruktur zeugte davon, dass man offenbar den Zug der Zeit nicht verpasst hatte.
Die Frau am Empfang fragte nach dem Wunsch der Besucher, zog gekonnt eine Augenbraue in die Höhe, als sie die Bitte um ein Gespräch mit Dr. Eigelstein vernahm, und sagte: »Ich muss nachsehen, ob der Herr Doktor im Hause ist.«
Frauke hätte ihr am liebsten geantwortet, dass dies ein dummes Argument war. Natürlich wusste jeder Beschäftigte in einem überschaubaren Betrieb wie dieser Kanzlei, ob der Chef anwesend war.
Die Frau nahm den Telefonhörer zur Hand, und die Beamten hörten es zwei Räume weiter klingeln. »Herr Jasper. Ist Herr Dr. Eigelstein im Hause?« Sie sah Frauke an. »Um welche Angelegenheit geht es?«
»Polizei«, sagte Frauke. »Landeskriminalamt«, schob sie hinterher.
Erneut zog die Frau die Augenbraue in die Höhe und wiederholte Fraukes Antwort wörtlich. Dann legte sie auf und sagte: »Einen Moment, bitte.«
Kurz darauf erschien ein Mann in einer grauen Strickweste.
»Jasper«, stellte er sich vor. »Ich bin der Bürovorsteher. Was kann ich für Sie tun?«
In gut geführten Kanzleien lief fast alles über den Schreibtisch des Bürovorstehers. Das war Frauke bekannt. Dennoch ärgerte es sie, dass man ihre Bitte, den Anwalt zu sprechen, überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen schien.
»Zeigen Sie mir bitte die Vollmacht«, sagte sie in scharfem Ton, »dass Herr Eigelstein Sie damit betraut hat, seine privaten Angelegenheiten gegenüber der Kriminalpolizei zu vertreten. Dann bin ich bereit, mit Ihnen zu sprechen.«
Für einen Moment war Jasper irritiert.
»Sie sind wegen einer – äh – persönlichen Sache hier? Und möchten Dr. Eigelstein sprechen?«
»Reicht es, wenn ich es Ihnen gegenüber noch einmal wiederhole? Oder kommen noch mehr Kollegen aus einem dieser Zimmer«, dabei zeigte sie den Flur entlang, »die hören wollen, dass die Polizei Herrn Eigelstein in einer privaten Sache sprechen möchte?« Sie hatte die Stimme erhoben und bewusst lauter gesprochen.
Jasper bewegte die Hand auf und ab, als wollte er ihre Stimme dämpfen. Fast im Flüsterton erwiderte er: »Wenn Sie mir bitte folgen wollen?« Er führte sie in einen kleinen Raum mit einem halben Dutzend abgenutzter Lederstühle, die nebeneinander an der Wand standen. In der Ecke befand sich ein kleiner Tisch mit der obligatorischen Büchermappe. »Nehmen Sie bitte einen Augenblick Platz«, bat er.
»Wenn Sie sich ein wenig beeilen könnten …«, rief ihm Frauke hinterher.
Nach zehn Minuten tauchte Jasper wieder auf und schaffte es, eine kleine Verbeugung zu zeigen. »Würden Sie bitte mitkommen?«, sagte er und führte sie zu einem Raum am Ende des langen Flures.
Das Zimmer war groß und mit Antiquitäten eingerichtet. Es glich einem Stillleben. Ein großer dunkler Schreibtisch, hinter dem auf einem Schreibtischstuhl, der mehr einem Ohrensessel ähnelte, ein Mann mit vollem silbergrauem Haar thronte, beherrschte den Raum. Der Anwalt trug einen gedeckten Anzug und eine silberne Krawatte. Er war hinter den Bergen von staubigen Aktenmappen kaum auszumachen.
Frauke sah sich um. Im Raum stand ein langer, ebenfalls dunkler Tisch, um den sechs Stühle mit brüchigem grünem Lederbezug gruppiert waren. An den Wänden standen Bücherregale, teilweise durch Glastüren abgeschlossen, in denen sich eine ganze Bibliothek von Fachliteratur, Gesetzestexten und Kommentaren verbarg. Mit einem zweiten Blick bemerkte Frauke, dass der Anwalt auch auf dem Fußboden Aktenmappen verteilt hatte.
Madsack hatte gesagt, dass die Kanzlei zu den angesehensten in Hannover gehörte. Damit war offensichtlich auch viel Arbeit verbunden.
»Danke, Gundolf«, sagte Dr. Eigelstein und entließ den Bürovorsteher mit diesen Worten. Mit seiner sauber manikürten Hand wies er auf den Besprechungstisch und nahm gegenüber den beiden Beamten Platz. Er musterte die Polizisten und kniff dabei die Augen ein wenig zusammen. Dann wandte er sich an Frauke und streckte ihr die schlanke Hand entgegen. »Darf ich Ihre Legitimation sehen?«
Frauke reichte ihm den Dienstausweis, den er sorgfältig betrachtete. Zwischendurch warf er einen Blick über den Rand der dunklen Brille, als würde er das Bild auf dem Ausweis mit dem Original vergleichen.
»Danke«, sagte er mit seiner angenehmen dunklen Stimme und gab das Papier zurück. »Was führt Sie zu mir?« Dabei warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, als würde er damit andeuten wollen, dass seine Zeit knapp bemessen war.
»Es geht um das auf Ihren Namen eingetragene Haus in Isernhagen.«
Der Anwalt lehnte sich ein wenig zurück und legte die Fingerspitzen so gegeneinander, dass die Hände ein Dach bildeten. Er lächelte.
»Welches?«, fragte er.
»Die Villa im Birkenweg, vor der gestern ein Schusswechsel stattgefunden hat.«
»Waren Sie daran beteiligt?«
»Das Attentat galt mir«, erwiderte Frauke.
Dr. Eigelstein nahm es reglos zur Kenntnis.
»Sie haben eine – nun ja – merkwürdige Formulierung gewählt«, sagte er.
»Sie meinen, als ich sagte, das Haus wäre auf Ihren Namen eingetragen?«
»Üblicherweise sagt man: ›Das Haus gehört Ihnen.‹«
Nach den ersten Sätzen wusste Frauke, warum Dr. Eigelstein als einer der führenden Anwälte Hannovers galt. Dem Mann schien nicht das kleinste Detail zu entgehen.
»Sie wohnen dort nicht«, sagte Frauke.
»Wie kommen Sie zu diesem Schluss?«
Jetzt sah Frauke demonstrativ auf ihre Armbanduhr. »Meine Zeit ist genauso knapp bemessen wie Ihre. Sparen wir uns Geplänkel auf Nebenkriegsschauplätzen. Also?«
»Muss man in jedem Gebäude, das einem gehört, auch residieren?«
»Wir möchten den Mietvertrag sehen.«
»Welchen Mietvertrag?«
»Sie haben das Haus, Ihr Haus«, überbetonte sie, »vermietet. Mietverträge bedürfen der Schriftform.«
»Ich habe das fragliche Haus nicht vermietet.«
»Nur einem Dritten überlassen?«
Der Anwalt spitzte die Lippen. »Möglich«, sagte er ausweichend.
»Wem?«
Statt einer Antwort lächelte er. »Gehen Sie einer Spur nach? Haben Sie irgendwelche Verdächtigungen?«
Frauke unterließ es, zu antworten. Sie hatte eine Idee.
»Haben Sie einen Bruder?«
Dr. Eigelstein sah sie überrascht an. »Ich verstehe Ihre Frage nicht.«
»Die war deutlich gestellt. Oder spreche ich Dialekt?«
»Ich glaube nicht, dass meine Familie für Sie von Relevanz ist.«
»Ist es so verwerflich, danach zu fragen? Ich kann mir diese Information auch über andere Quellen besorgen«, sagte Frauke.
Der Anwalt musterte sie über den Rand seiner Halbbrille. »Ich habe zwei Brüder.«
»Einer ist Arzt?«
In Dr. Eigelsteins Augen blitzte es kurz auf. Damit hatte er Fraukes Frage unbeabsichtigt beantwortet.
»Lebt Ihr Bruder in Hannover?«
»Er praktiziert in Amerika. In Houston.«
»Und macht im Augenblick Urlaub in der Heimat?«
Jetzt zeigte der Anwalt ein spöttisches Lächeln. »Ich habe Heinrich zuletzt vor zwei Jahren gesehen. Da war ich in Amerika. Reicht das?«
Der Fall wurde immer komplizierter. Frauke schätzte Dr. Eigelstein als zu klug ein, als dass er sie in diesem Punkt belügen würde. Der Anwalt wusste, dass die Polizei das überprüfen konnte. Es sei denn, Heinrich Eigelstein war über ein anderes EU-Land eingereist. Natürlich würde der Anwaltsbruder ihm das Haus zur Verfügung stellen. Aber warum war Georg so sehr bemüht, seine Identität zu verheimlichen?
»Gibt es einen Grund, unsere Fragen nicht zu beantworten?«, fragte Frauke.
»Warum stellen Sie mir diese Fragen?«, antwortete Dr. Eigelstein mit einer Gegenfrage.
»Wir erwähnten es bereits. Vor dem Haus fand gestern eine Schießerei statt.«
»Ist der Täter Ihnen gefolgt? Galt der Anschlag einer anderen Person? Was hat Sie zu dem Haus geführt? Es war doch kein Zufall. Wie ich den Berichten entnehmen konnte, haben Sie mit jemandem gesprochen. Wer war das?«
Dr. Eigelstein zeigte ein überheblich wirkendes Lächeln, das er mit Sicherheit eingeübt hatte und oft im Gerichtssaal aufblitzen ließ. Unausgesprochen zeigte er mit seinen Argumenten Frauke die Trumpfkarte, die er besaß. Was hätte sie antworten sollen? Sie konnte schlecht erklären, dass sie nach Georg suchte. Georg wer? Mit einem Seitenblick bemerkte sie, dass Schwarczer ihre schwache Position auch registriert hatte.
»Ihr Geheimnis werden wir entschlüsseln«, sagte Frauke und stand auf.
»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Ermittlungen«, erwiderte Dr. Eigelstein und begleitete die beiden Beamten zur Tür.
Auf der Rückfahrt zum Landeskriminalamt war Frauke froh, dass Schwarczer schwieg und ihr keine Fragen stellte.
In ihrem Büro setzte sich Frauke umgehend an ihren Computer und suchte nach Dr. Heinrich Eigelstein. Der Anwalt hatte nicht gelogen. Sein Bruder war ein bekannter Neurochirurg und seit Langem in Houston/Texas tätig. Frauke hatte Mühe, die mit medizinischen Fachbegriffen durchsetzten englischsprachigen Berichte zu verstehen. Heinrich Eigelstein galt als international anerkannte Kapazität auf seinem Gebiet. Wenn Frauke sich auch manches hatte zusammenreimen müssen, so war eines gewiss: Dr. Heinrich Eigelstein war nicht Georg, wenn die Bilder, die sie im Internet vom Bruder des Anwalts gefunden hatte, echt waren.
Sie hatte nur wenige Anhaltspunkte, um nach Georg zu suchen. Ihr blieb noch das Treffen der Motorradfreunde auf dem Georgsplatz. Dort war sie Georg das erste Mal begegnet. Vielleicht wussten die anderen Biker etwas. Die Motorradfahrer trafen sich jeden Freitag. Und heute war erst Montag.
Warum versteckte sich Georg? Welches Spiel trieb er mit Frauke? Sie wurde zornig, als ihr bewusst wurde, wie naiv sie sich Georg gegenüber verhalten hatte.
Sie rief im Klinikum Nordstadt an und ließ sich mit der Unfallchirurgie verbinden. Man verweigerte ihr die telefonische Auskunft über den Zustand von Necmi Özden.
Kurz darauf meldete sich Frau Westerwelle-Schönbuch und teilte Frauke im Auftrag von Kriminaloberrat Ehlers mit, sie möge bitte die Staatsanwaltschaft Hannover im Volgersweg aufsuchen.
»Um was geht es?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, erwiderte die Sekretärin. »Ich habe nur eine Notiz von Herr Ehlers. Der ist jetzt zu einer Dienstbesprechung. Er hat gesagt, Sie würden dort von Herrn Holthusen erwartet.«
»Wann?«
»Umgehend.«
Frauke entschloss sich, das kurze Stück bis zum Gebäude der Staatsanwaltschaft auf der Rückseite des Hauptbahnhofs zu Fuß zu gehen.
Die Justizgebäude lagen im Schatten des mächtigen Gebäudekomplexes der Sparkasse Hannover. Während die großzügige Anlage des Geldinstituts sich mit unterschiedlich hohen Quadern aus dunkelbraunem Glas in die Höhe streckte, wirkte das als leichte Rundung gebaute Gebäude der Staatsanwaltschaft eher schmucklos. Die Bedeutung der beiden rostfarbenen Plastiken auf dem Vorplatz erschloss sich Frauke nicht. Die drei Fahnenmasten mit der blauen Europaflagge, der deutschen und der Landesflagge mit dem Niedersachsenross wirkten wie bunte Farbtupfer. Der Torbogen in der Mitte der Anlage gab den Blick auf einen spärlich begrünten Innenhof frei, dessen Zugang durch ein Gitter verwehrt wurde.
Frauke schmunzelte über das Schild »Staatsanwaltschaft – Eingang hier« und die mit Pfeilen verdeutlichte Beschreibung, die den Weg zu den Eingängen des Land- und des Amtsgerichts wies.
Im Unterschied zu den großzügigen und nahezu luxuriös ausgestatteten Arbeitsräumen der Fernsehstaatsanwälte residierte Holthusen in einem engen Büro, das mit Akten überladen schien. Es erinnerte Frauke an den Besuch bei Rechtsanwalt Eigelstein, nur dass die Ausstattung hier einfacher war.
Staatsanwalt Holthusen mochte vielleicht vierzig Jahre alt sein, schätzte Frauke. Er war von kleiner gedrungener Figur. Das runde Gesicht wurde durch einen Schnäuzer verziert, der überhaupt nicht zur ungesunden roten Gesichtsfarbe passte, die auf Bluthochdruck schließen ließ. Selbst durch das schüttere Haar schimmerte die rote Kopfhaut durch.
»Holthusen«, begrüßte sie der Staatsanwalt mit einem laschen Händedruck, nachdem er seinen Schreibtisch umrundet und den Aktenstapel vom Besucherstuhl genommen hatte.
Nachdem Frauke Platz genommen hatte, begann er mit langsamer und monotoner Stimme zu berichten.
»Wir haben einen Hinweis erhalten.«
»Von wem?«, unterbrach ihn Frauke.
Holthusen sah auf. Er schien irritiert durch Fraukes Frage.
»Anonym«, sagte er. »Per Telefon. Das ist im Geschäftszimmer aufgelaufen. Leider gibt es keinen Gesprächsmitschnitt. Um es vorwegzunehmen: Ich vermute, dass es aus dem Steintorviertel kommt.«
»Dem Rotlichtbezirk.«
Holthusen nickte. »Den Wirten dort missfällt, was Sie mit Ihrer Razzia angerichtet haben. Solche Aktionen schrecken die Kunden ab. Man ist lieber ungestört. Aus solchen Überlegungen resultiert vermutlich die Anzeige.«
Dann war unsere gegen Stupinowitschs Bordell gerichtete Aktion ein Erfolg, überlegte Frauke. Das hatte sie bezweckt.
»Man empfindet die Organisation als missliebigen Mitbewerber«, fuhr Holthusen fort. »Das würde man aber noch untereinander ausmachen. Wenn aber zu befürchten ist, dass die Polizei künftig mehr Präsenz im Rotlichtviertel zeigen wird, werden schon einmal härtere Maßnahmen ergriffen. Wie das Anschwärzen bei der Staatsanwaltschaft in diesem Fall. Die Anzeige richtet sich gegen Kevin Schmidtke, sechsundzwanzig, und lautet auf Sozialbetrug.«
Frauke war irritiert. »Was hat der Missbrauch von Sozialleistungen mit dem organisierten Verbrechen zu tun?«
»Erst einmal gar nichts, wenn uns nicht Kommissar Zufall in die Hände gespielt hätte. Und die von Gier getriebene Dummheit der Menschen. Schmidtke ist Empfänger von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II.«
»Hartz IV«, warf Frauke ein.
»So nennt es der Volksmund. Die Arge, die für die Leistungen zuständig ist, wurde ebenfalls anonym informiert, dass Schmidtke neben dem Leistungsbezug unternehmerisch tätig ist.«
»Inwiefern?«
»Beherbergungsgewerbe.«
»Er ist in die Rotlichtszene eingestiegen?«
»Nein!« An Holthusens Stimme war erkennbar, dass ihn Fraukes Zwischenfragen störten. »Schmidtke betreibt eine Hotelpension in der Großkopfstraße.«
»Dort ist er beschäftigt?«
Es folgte ein weiteres betontes »Nein!«.
Frauke hätte Holthusen gern erklärt, dass sie einen flüssigen und umfassenden Bericht zu schätzen gewusst hätte. Sie hatte das Gefühl, dem Staatsanwalt alle Details einzeln entlocken zu müssen.
»Es handelt sich offenbar um eine ganz normale Pension einfacher Art, aber ohne Bezug zum Milieu. Uns stellen sich in diesem Zusammenhang zwei Fragen. Zum einen: Woher hat Schmidtke das Geld für die Übernahme der Pension?«
»Gehört sie ihm?«, fragte Frauke.
»Wenn Sie mich nicht unterbrechen würden, könnte ich meinen Sachvortrag zügiger abschließen«, beschwerte sich Holthusen missgelaunt. »Angeblich ist Schmidtke Besitzer der Einrichtung. Der zweite Punkt ist, dass offenbar kaum Gäste bei ihm einkehren.«
»Von Harz IV direkt in die Insolvenz«, sagte Frauke.
»Eben nicht. Anscheinend kommt Schmidtke zurecht. Das ist es, was uns verwundert. Wie kann jemand, der nicht vom Fach ist, ohne Werbung und Marketing aus dem Nichts heraus erfolgreich ein Beherbergungsgewerbe betreiben?«
Frauke hatte verstanden, was ihr Holthusen umständlich zu erklären versuchte. Deshalb war der Staatsanwalt auch bei Kriminaloberrat Ehlers vorstellig geworden.
»Sie vermuten, dass es eine neue Masche ist, um Geld zu waschen.«
»Richtig.« An Holthusens Mienenspiel glaubte Frauke zu erkennen, dass der Staatsanwalt glaubte, sie sei begriffsstutzig und hätte seine »doch so eingängigen« Erklärungen nicht auf Anhieb verstanden.
»Haben Sie die Informationen zu einem Dossier zusammengefasst?«, fragte sie.
»Selbstverständlich.« Holthusen griff nach einem dünnen Aktenordner und überreichte ihn Frauke.
»Herr Ehlers wird Sie auf dem Laufenden halten«, verabschiedete sich Frauke.
»Gern«, erwiderte Holthusen und schien seinerseits froh, dem direkten Kontakt mit ihr aus dem Weg gehen zu können.
Frauke kehrte zu ihrer Dienststelle zurück und rief ihre Mitarbeiter zusammen. Sie schilderte ihr Gespräch mit Holthusen.
»Das überzeugt«, kommentierte Putensenf. »Und jetzt?«
»Begleiten Sie mich zu Schmidtke«, antwortete Frauke. »Damit Sie von Beginn an gut informiert sind«, fügte sie mit bissigem Unterton hinzu.
Die Großkopfstraße lag in einem ruhigen, gewachsenen Wohngebiet zwischen zwei Hauptverkehrsadern in Linden-Süd. Das Industriegebiet und die Städtische Hautklinik waren ebenso fußläufig zu erreichen wie das auf dem anderen Ufer des Flüsschens Ihme gelegene Niedersachsenstadion, das heute den Namen eines Finanzdienstleisters trug, an dem manche gutgläubigen Anleger kein gutes Haar ließen.
Die Straße selbst war eine verkehrsberuhigte Zone, in deren Mitte zwei Bäume ein wenig Grün spendeten. Dazwischen befanden sich Parkmöglichkeiten für die Anwohner. Die Flächen dazwischen wurden durch Fahrzeuge von Handwerksbetrieben blockiert.
Frauke warf einen Blick auf die alten Häuser, an denen deutlich der Zahn der Zeit genagt hatte. Obwohl dieser Teil der Stadt nie von den Reichen bevölkert worden war und früher als traditionelles Arbeiterviertel galt, hatten sich die Baumeister aus der Gründerzeit viel Mühe bei der Ausgestaltung der Fassaden gegeben und dem Auge des Betrachters liebevoll gestaltete Details gegönnt. Heute blätterte die Farbe vom Putz.
Auf den ersten Blick war es keine bevorzugte Adresse für Hotelgäste, auch wenn alles friedlich und sauber aussah.
Sie fanden einen Parkplatz in der Querstraße auf der Rückseite des Landesverwaltungsamtes. Frauke warf einen routinemäßigen Blick durch die Fenster des Friseurgeschäfts an der Straßenecke. Vor einem Spiegel saß eine Frau und beobachtete darin den Figaro, wie er sich an ihrer blonden Haarpracht zu schaffen machte. Offenbar waren Kundin und Meister in ein lebhaftes Gespräch verwickelt. Wenig später standen die beiden Beamten vor der zerschrammten Haustür.
In dem Haus befanden sich mehrere Mietwohnungen. Einer der Klingelknöpfe war mit einem billigen Prägeklebeband ausgeschildert: »Pension Favorit«. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Summer ertönte. Ein schmaler Gang, der halbhoch mit dunklen Fliesen gestaltet war, führte zur knarzenden Treppe. Im Treppenhaus roch es nach Essen, nicht verbrannt, aber die Küchendünste störten Fraukes Empfinden. Sie mussten die hölzerne Treppe bis zur zweiten Etage emporsteigen. Dort fanden sie auf einem an die Tür geschraubten Schild den Hinweis auf die Pension. Erst nachdem sie erneut geklingelt hatten, öffnete ein Mann die Tür und sah sie aus verschlafenen Augen an.
»Schmidtke?«, fragte Frauke. Es klang unfreundlich.
»Was ist?«, erwiderte der Mann mit einer Gegenfrage und wischte sich die langen Haare aus dem Gesicht. Er hatte einen blassen Teint. Die dicht an der schmalen Nase stehenden Augen musterten die beiden Beamten.
»Sind Sie Schmidtke?«
»Warum?«
»Wir möchten zum Hotel«, mischte sich Putensenf ein.
»Ausgebucht«, sagte der Mann und wollte die Tür wieder schließen.
Putensenf hatte seinen Fuß dazwischengestellt.
»Polizei«, sagte er. »Machen Sie keinen Zirkus. Wir wollen mit Ihnen reden.«
»Warum?«
»Das erzählen wir Ihnen drinnen«, antwortete Putensenf und drückte vorsichtig gegen die Tür. Schmidtke leistete keinen Widerstand.
Frauke sah sich im Flur um. Alles wirkte düster und schäbig.
»Wohin?«, fragte sie.
Schmidtke zeigte auf eine Tür mit Milchglaseinsatz. Dahinter lag sein Aufenthaltsraum. Ein Kleiderschrank, dem die Holzmaserung mittels einer Kunststofffolie verpasst worden war, ein zerschlissenes Sofa mit einer Wolldecke, ein Tisch, auf dem eine aufgerissene Chipstüte, ein halbes trockenes Brötchen sowie eine Thermoskanne und eine benutzte Tasse standen, zwei unterschiedliche Sessel und eine Anrichte, auf der ein moderner Fernseher lief, bildeten die trostlose Einrichtung.
»Komfortabel«, lästerte Frauke, suchte die Fernbedienung und schaltete die Sendung auf einem privaten Fernsehkanal ab, in der sich zwei junge Leute gegenseitig allerlei Boshaftigkeiten bezichtigten. »Und das Bildungsprogramm haben Sie auch im Hause.« Mit einem gewissen Widerwillen nahm sie unaufgefordert Platz. Putensenf ließ sich auf dem zweiten Sessel nieder.
»Das nennt man Missbrauch von Sozialleistungen«, sagte Frauke ohne Umschweife. »Wollen Sie wissen, gegen welche Paragrafen Sie verstoßen haben und welche möglichen Sanktionen das zur Folge hat?«
Die Lektion wirkte. Schmidtke winkte ab und setzte sich auf das Sofa, nachdem er die Decke ein Stück zur Seite geschoben hatte.
»Unter ›Doppelverdiener‹ versteht der Volksmund etwas anderes.«
»Ich wollte morgen zur Arge und mich abmelden. Hab ich verbummelt«, sagte Schmidtke schwach. »Zahl auch zurück, was ich gekriegt hab. Hatte zu viel zu tun. Ist neu für mich, so ‘n Laden.«
Frauke zeigte auf die zusammengeknüllte Decke. »Sie wollen nicht behaupten, dass Sie sich arbeitsmäßig übernommen haben?«
»Nee – doch. Muss mich erst umgewöhnen. Hab bisher gehartzt. Ist nun ein anderes Leben.«
»Sie sind der Geschäftsführer?«
»Ja«, versicherte Schmidtke.
»Und Ihre Mitarbeiter?«
»Was? Wie? Das mach ich allein.«
»Dann sind Sie voll im Stress?«
»Ach, geht so.«
»Läuft das Geschäft?«
»Ja – gut. Ich bin jede Nacht ausgebucht.«
»Gratuliere. Wer macht denn das Marketing für Sie?« Frauke versuchte bewusst, ironisch zu klingen.
»Was, Marketing?«
»Woher kommen Ihre Gäste?«
»Von überall her.«
»Und woher haben sie die Adresse? Geheimtipp in der Szene?«
Schmidtke stach mit seinem Finger in die Luft. »Genau«, strahlte er plötzlich.
Putensenf stand auf. »Ich möchte mir gern die Räume ansehen.«
»Ja – aber …«, stammelte Schmidtke, stand ebenfalls auf und ging voran.
Der dunkle Flur war mit abgenutztem Linoleum ausgelegt. Von ihm gingen insgesamt fünf sogenannte Gästezimmer aus, die sich als dunkle Löcher erwiesen, zum Teil mit einem Ausblick auf eine nur zwei Meter entfernte Hauswand. Die Räume waren notdürftig hergerichtet. Es wirkte, als wäre die Einrichtung vom Sperrmüll zusammengesammelt. In jedem Raum standen andere Möbel, die auch innerhalb eines Zimmers nicht miteinander harmonierten.
»Gibt es nicht einmal ein Waschbecken in den Zimmern?«
»Nein«, stotterte Schmidtke. »Dafür gibt es die Dusche.«
Putensenf öffnete eine weitere Tür und fand den Sanitärraum. Demonstrativ hielt er sich die Nase zu.
»Das stinkt aber gewaltig.«
»Das muss am Ausguss liegen.«
Putensenf öffnete den Toilettendeckel und schreckte zurück. Es war eine Zumutung, wie Frauke mit einem Seitenblick registrierte. Auch die Dusche und das Waschbecken machten einen ungepflegten Eindruck.
Der Kriminalhauptmeister baute sich vor Schmidtke auf. »Wollen Sie uns im Ernst weismachen, dass Sie in dieser Hütte ein Beherbergungsgewerbe unterhalten?«
»Eine Pension, kein Beherbergungsdings …«
Putensenf winkte ab. »Der hat sie doch nicht alle«, sagte er zu Frauke.
»Wo ist der Frühstücksraum?«, fragte Frauke.
»Ich bin ein Hotel garni«, entgegnete Schmidtke. Ihm war anzusehen, dass er sich über seinen Einfall freute.
»Ja? Und?«
»Das heißt ohne Frühstück.«
Putensenf beugte sich Schmidtke entgegen. »Garni heißt mit Frühstück.«
»Ach so«, erwiderte der Mann verlegen. Es war offensichtlich, dass er völlig aus dem Konzept geraten war.
Frauke wollte das ausnutzen. Sie suchte die Küche auf, in der ein wackeliger Tisch mit zwei Stühlen stand. »Das ist der Frühstücksraum?«, fragte sie.
Schmidtke nickte. Er protestierte auch nicht, als Frauke den Kühlschrank öffnete. Sie fand ein paar Dosen Bier, eine angebrochene Dose Ravioli, eine Packung Margarine und eine Packung Schnittkäse vom Discounter, die nicht ordentlich verschlossen war. Der Käse sah trocken aus und bog sich an den Rändern hoch.
»Das bieten Sie Ihren Gästen an?«, fragte sie.
Schmidtke sah sie wie ein Kind an, das beim Lügen ertappt wurde. In seinem Gesicht zuckten die Muskeln nervös. Sein Widerstand war gebrochen.
»Was haben Sie mit dem Geld gemacht, das Sie angeblich eingenommen haben?«
»Was heißt hier ›angeblich‹?«, versuchte er noch einmal zu protestieren.
Frauke schüttelte den Kopf. »Da kommt einiges zusammen, Schmidtke. Nicht nur der Sozialbetrug. Sie haben sich auch der Zusammenarbeit mit einer kriminellen Vereinigung schuldig gemacht. Das wiegt schwer.«
»Eh – wieso das denn?«
»Hier hat doch nie ein Gast übernachtet. Was haben Sie mit dem Geld gemacht, das Sie angeblich eingenommen haben?«, wiederholte sie stupide die gleiche Frage.
»Nicht ›angeblich‹. Die Leute haben dafür Knete abgedrückt. Hier – für das Hotel.«
»Halten Sie uns für dümmer, als die Polizei erlaubt?«, fragte Putensenf dazwischen. »Wo ist das Geld geblieben? Wissen Sie, was in Deutschland am härtesten bestraft wird?«
»Klar. Mord.« Schmidtke wagte ein Grinsen.
»Nein, mein Lieber«, erwiderte Putensenf. »Steuerhinterziehung. Und Sie haben eben selbst zugegeben, dass Sie den großen Reibach gemacht haben. Wo sind Ihre Steuererklärungen?«
Schmidtke riss die Augen auf. Die Drohung mit der Steuerfahndung schien zu fruchten. Schon Al Capone musste wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis, fiel Frauke ein, die sich über Putensenfs Argumentation amüsierte. Mord und andere Taten hatte man dem Chicagoer Gangsterboss nicht nachweisen können.
»Das habe ich doch alles an meinen Partner überwiesen.« Er tippte sich an die Stirn. »Mensch, das sieht doch ein Blinder, dass ich den ganzen Luxus hier nicht löhnen kann.«
»Und wer ist Ihr Partner?«
»Wir haben so eine Dingsda … eine bürgerliche Gesellschaft oder wie das heißt.«
»Eine GbR, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts«, half Frauke aus.
»Kann sein.«
»Und was ist mit den Einnahmen geschehen?«
»Sagte ich doch schon. Die habe ich an meinen Partner überwiesen. Nach Braunschweig.«
»Wie heißt Ihr Partner?«
Schmidtke stöhnte laut auf.
»Das hab ich alles schriftlich. Ordnung muss sein.« Er drehte sich um und kehrte in sein Zimmer zurück. Dort riss er eine Schublade des Sideboards auf und begann, darin herumzuwühlen.
»Scheißpapierkram«, fluchte er dabei. »Muss hier irgendwo sein.« Mit seiner Hand beförderte er wie ein Greifbagger einen Stapel Kontoauszüge hervor.
»Find ich nicht. So ‘n Mist. Hab ich doch hier reingetan.«
Frauke glaubte nicht, dass Schmidtke ihnen etwas vormachte. Der Mann war offenbar sehr chaotisch. Sie trat an ihn heran.
»Sind das die Kontoauszüge Ihrer Überweisungen an den Partner?«
»Ja. Warum?«
Frauke nahm einen Auszug zur Hand. »Darf ich?«, fragte sie pro forma und las, bevor Schmidtke antworten konnte. Tatsächlich waren auf dem Auszug zwei Einzahlungen sowie zwei Überweisungen ausgedruckt. Zwischen den beiden Transaktionen gab es lediglich eine kleine Differenz von fünfzig Euro.
»Sind die fünfzig Euro Ihr Anteil?«, fragte sie Schmidtke.
»Das sind nur die Spesen, die ich kriege. Das große Geld soll später rollen. Hat man gesagt.«
Sie ließ die Feststellung unkommentiert. Mit Sicherheit würde Schmidtke keine weiteren Zuwendungen erhalten. Er war ein kleines Rädchen im Getriebe, jemand, den man vor den Karren gespannt hatte und der im Zweifelsfall für die Hintermänner seinen Kopf hinhalten musste.
Frauke sah in die Schublade. »Haben Sie Einwände, wenn wir die Kontoauszüge mitnehmen?«, fragte sie.
»Ich kann mit den Dingern nichts anfangen«, sagte Schmidtke resigniert. »Mich interessiert nur, was für mich übrig bleibt. Das seh ich am Geldautomaten. Entweder spuckt der was aus oder nicht. So funktioniert das. Ist auch so ‘ne Art automatischer Buchhaltung.«
Frauke klaubte aus der Schublade alle Kontoauszüge zusammen, die sie fand.
»Wie war das mit den Gästen?«, fragte sie und sah auf die Uhr. »Ist das Haus heute wieder ausgebucht?«
»Jeden Tag«, beeilte sich Schmidtke zu versichern.
»Schön. Dann schicken wir einen Polizisten vorbei, er setzt sich zu Ihnen und zählt die Gäste, die bei Ihnen übernachten.«
»Das geht doch nicht. Dann kommen die nicht«, behauptete Schmidtke.
»Wir bringen an der Haustür kein Schild an: ›Achtung! Polizei‹«, mischte sich Putensenf ein. »Woher sollten die Gäste also wissen, dass ein Kollege hier sitzt?«
Schmidtke gab sich geschlagen. Er gehörte ohnehin nicht zu den argumentationsstarken Menschen.
»Na ja, wenn die Leute selbst nicht kommen, dann bezahlt einer für sie. Pauschal.«
»Bitte?«
»Das ist so ein Pauschalabkommen. Da hat eine Firma die Zimmer gemietet. Und manchmal kommen die Leute nicht. Bezahlen müssen die das Zimmer aber trotzdem.«
»Und wann ist das letzte Mal jemand hier gewesen?«
Schmidtke tat, als hätte er die Frage überhört.
Frauke wiederholte sie in eindringlichem Tonfall.
»Das ist schon ein bisschen her.«
»Wie lange?«
»Weiß nicht.«
Sie räusperte sich. »Kann es sein, dass hier noch nie ein Gast geschlafen hat?«
Schmidtkes Nicken war kaum wahrnehmbar. Plötzlich entsann er sich. »Einmal war jemand da. Der hat das Schild an der Klingel gesehen.«
»Und der hat hier übernachtet?«
»Nee«, gestand der Mann ein. »Der hat sich das Zimmer angeguckt und ist wieder gegangen.«
»Das war eine weise Entscheidung«, stellte Frauke fest.
»Wie heißt die Firma, mit der Sie das Pauschalabkommen geschlossen haben?«
Schmidtke bereitete die Hände zu einer hilflosen Geste aus. »Weiß nicht.«
Es würde wenig Sinn machen, den Mann weiter zu verhören. Er schien wirklich nicht eingeweiht zu sein. Frauke war enttäuscht. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Organisation, sofern sie dahintersteckte, sich so einfach überführen ließ und jetzt mit jemandem wie Schmidtke zusammenarbeitete. Das entsprach nicht dem Stil dieser Leute. Oder war es der Polizei schon gelungen, die Strukturen der Organisation so weit zu schwächen, dass man gezwungen war, auf drittklassiges Personal auszuweichen?
Putensenf ließ sich Schmidtkes Personalausweis zeigen und notierte sich die Daten. Dann kehrten sie ins Landeskriminalamt zurück.
Auf der Dienststelle informierte Frauke Hauptkommissar Madsack über den Einsatz, händigte ihm die Kontoauszüge aus und bat ihn, herauszufinden, wer der Zahlungsempfänger war. Dann überprüfte sie Kevin Schmidtke. Es überraschte sie nicht, dass der junge Mann ein unbeschriebenes Blatt war. Strafrechtlich war er bisher nicht in Erscheinung getreten.
Madsack benötigte nur eine halbe Stunde, bis er die gewünschten Informationen zusammengetragen hatte. Schnaufend ließ er sich an Fraukes Schreibtisch nieder.
»Vorab sei angemerkt«, begann er, »dass Jakob Putensenf die Gewerbeaufsicht informiert hat, das Ordnungsamt, das Gesundheitsamt und die Finanzverwaltung.«
»Er hat was?«, unterbrach ihn Frauke überrascht.
»Jakob hielt es für erforderlich, einem Mann wie Schmidtke das Handwerk zu legen und das große Geschütz aufzufahren. Im Wege der Amtshilfe hat er die anderen Behörden auf die obskure Pension gehetzt.«
»Wer hat ihn beauftragt, alle Pferde scheu zu machen?« Frauke war zornig.
Madsack versuchte sich in seinem Stuhl klein zu machen. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und starrte auf das Blatt Papier, das er in Händen hielt. Vorsichtig hob er es ein paar Zentimeter in die Höhe. »Soll ich fortfahren?«, fragte er schüchtern.
Frauke nickte.
»Die Überweisung erfolgte zugunsten der Reichenberger Immobilien Verwaltungs GmbH in Braunschweig.«
»Wer verbirgt sich dahinter?«
»Das habe ich noch nicht herausfinden können. Dafür war die Zeit zu knapp.«
»Ich möchte alles über diesen Laden wissen«, sagte Frauke und wedelte mit der Hand, als würde sie eine Fliege verscheuchen. Madsack deutete die Geste richtig und verließ ihr Büro ohne weitere Fragen. Er schien froh, sich entfernen zu können.
Frauke folgte ihm und traf Putensenf an dessen Arbeitsplatz an. Er begrüßte sie mit einem Grinsen.
»Putensenf!«, fauchte sie ihn an, sodass das Grinsen sich augenblicklich in einen überraschten Ausdruck verwandelte. »Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Wer hat Sie beauftragt, solch hirnrissige Aktionen zu starten? Haben Sie wenigstens die örtliche Presse zur Großkopfstraße bestellt, um möglichst viel Aufhebens zu veranstalten? Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem Brimborium?«
»Ich habe gedacht …«, versuchte sich Putensenf zu verteidigen.
»Sie haben gedacht?«, unterbrach ihn Frauke. »Das ist lächerlich. Als wenn Sie das jemals getan hätten.« Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Das ist kleingeistig, die ganze Staatsmacht gegen einen hilflosen Verlierer aufmarschieren zu lassen. Wollen Sie ihn erschrecken? Das haben Sie schon vorhin mit Ihrem Erscheinen in seinem Loch getan. Mensch, Putensenf. Was mache ich nur mit Ihnen? Unsere Dienststelle ist zu klein, sonst würde ich Ihnen die Verwaltung der Büroklammern überantworten.« Sie beugte sich über seinen Schreibtisch und schlug mit der flachen Hand auf die Arbeitsfläche, dass es laut knallte. Erschrocken fuhr der Kriminalhauptmeister ein Stück mit seinem Bürostuhl zurück. »Ihr unüberlegtes Verhalten wird Konsequenzen haben«, drohte sie, drehte sich um und verließ Putensenfs Büro.
Wütend kehrte sie über den Flur zu ihrem Dienstzimmer zurück. Sie musste dabei fürchterlich aussehen, fiel ihr auf, als ihr auf dem Flur ein anderer Beamter begegnete, der sich eng an die Wand drückte, als sie ihn passierte.
Noch war der Nachweis nicht erbracht, dass die Organisation hinter diesen Geschäften steckte, obwohl es eine weitere Methode war, um illegal erworbenes Geld zu waschen. Es war schwierig, den Sumpf von der Quelle her auszutrocknen, der Prostitution, dem Rauschgifthandel, der Schutzgelderpressung. Das waren immer noch Bereiche, wo sich die organisierte Kriminalität betätigte. Doch diesen Anfängen war sie lange entwachsen. Sie hatte sich in die erste Businessebene vorgearbeitet und betrieb lukrative Geschäfte mit einem seriösen Anstrich. Zum Glück für die Ermittlungsbehörden gab es immer wieder Verbindungen zu den Wurzeln im kriminellen Milieu. Hätte nicht Marcello Manfredi versucht, Geschäfte auf eigene Rechnung an der Organisation vorbei zu betreiben, wäre der Handel mit gefälschten Fleischwaren nicht aufgeflogen. Das war ein ungeplanter Betriebsunfall gewesen. Frauke griff zum Telefonhörer.
»Madsack«, sagte Frauke in scharfem Ton, als sich der Hauptkommissar meldete. »Ich möchte wissen, was aus der Sache mit den nach Saudi-Arabien exportierten Schinken geworden ist, in die Simone Bassetti bei Schröder-Fleisch kleine Heroinpäckchen geschmuggelt hat.«
»Jawohl«, antworte Madsack eilfertig. »Ich kümmere mich darum. Sofort.«
Anschließend fuhr sie zur Justizvollzugsanstalt Hannover und ließ Simone Bassetti vorführen.
Der Italiener sah bleich und übermüdet aus. Es war immer wieder die gleiche Erfahrung, die Frauke während ihrer Zeit bei der Polizei gemacht hatte, dass selbst viele der Hartgesottenen mürbe wurden, wenn sie in Untersuchungshaft saßen, die Tage mit Warten verbrachten und sie die Ungewissheit quälte, wie weit die Ermittlungen der Polizei gediehen waren. Nur wenige waren so naiv, zu glauben, man könne ihnen nichts nachweisen. Daher war es keine Seltenheit, dass Beschuldigte diesem Zustand durch ein Geständnis ein Ende bereiteten. Auf diesen Effekt hoffte Frauke. Sie wollte auf Provokation setzen. Deshalb hatte sie darauf verzichtet, ein weiteres Mitglied ihres Teams am Verhör teilnehmen zu lassen.
»Schmeckt Ihnen die Gefängniskost? Haben Sie schon herausgefunden, wie oft es Pizza und Pasta gibt? Ich würde mich an Ihrer Stelle rechtzeitig an Schweinebraten, Bratwurst und Rotkohl gewöhnen. Schließlich werden Sie sich davon Jahrzehnte ernähren müssen«, sagte sie zur Begrüßung.
»Schlampe«, fluchte Bassetti.
Frauke lehnte sich entspannt zurück.
»Ich gönne es Ihnen, zu schimpfen. Schließlich werden Sie in all den Jahren nicht oft eine Frau sehen. Mir macht das nichts aus.« Sie zeigte Richtung Fenster. »Ich bin nach unserem Gespräch wieder da draußen. Sie nicht. Haben Sie eine Vorstellung, wie Ihre Behausung von außen aussieht?«
»Ich werde dich kaltmachen«, schrie Bassetti wutentbrannt.
Frauke sah ihn belustigt an. »Von einem Italiener erwarte ich eigentlich andere Aussagen. Heißt es nicht gegenüber einer Dame: Ich werde dich heißmachen?«
»Deine Tage sind gezählt. Dich werden sie massakrieren.«
»Ach!« Frauke spitzte die Lippen. »Das klingt schon anders. Haben Sie keine Zuversicht mehr? Jetzt sollen es die anderen erledigen. Hoffentlich sind die besser als Sie. In der Organisation spricht man über Sie. Wissen Sie, wie man Sie nennt? Die Niete.«
Bassetti drohte mit dem Zeigefinger in Fraukes Richtung.
»Ich weiß, was du willst. Du willst mich reizen. Ja!« Seine dunklen Augen funkelten böse. »Aber das schaffst du nicht.«
»Geben Sie die Befehle? Oder ist es Ihr Boss Bernd Richter?«
»Ha! Du hast keine Ahnung.«
»Das sehe ich anders. Wir haben Ihrer Truppe erheblich zugesetzt. Abgesehen davon, dass Sie sich gegenseitig umbringen und ausrotten, sind Sie doch der beste Beweis dafür, dass wir sehr erfolgreich sind. Und ich erfreue mich immer noch bester Gesundheit trotz der ominösen Todesliste. Das ist nichts weiter als heiße Luft, Bassetti.«
»Sie haben das Schlimmste gemacht, was Sie einem Italiener zufügen können.«
Frauke wurde hellhörig. Es klang so, als würde Bassetti, den sie für einen Handlanger hielt, doch etwas wissen.
»Ich habe Sie von der Straße geholt.« Sie drehte mit ihrem Zeigefinger in ihrem Haar. »Mögen die anderen im Gefängnis, die auch lange keine Frau mehr gesehen haben, eigentlich schwarz gelockte Südländer?«
Bassetti sprang auf, wurde aber sofort vom aufmerksamen Beamten der JVA wieder auf den Stuhl zurückgedrängt. »Sie haben die Familienehre beleidigt. Das ist tödlich.«
»Ach ja?« Frauke versuchte, sich desinteressiert zu geben. Gelangweilt betrachtete sie ihre Fingernägel.
»Sie haben den Neffen des Paten den Arabern ausgeliefert.«
»Ich?« Sie tat, als wüsste sie, wovon er sprach. Fieberhaft überlegte sie, was Bassetti damit meinen könnte.
»Das waren Sie«, versuchte es Frauke. »Wären Sie nicht so blöd gewesen und hätten Ihren Job bei Schröder-Fleisch besser gemacht, wäre der Neffe in Saudi-Arabien nicht aufgeflogen.«
»Sie wissen genauso wie ich, dass die Araber bei Heroin kurzen Prozess machen.« Bassetti deutete die Geste des Halsabschneidens an.
»Andere Länder – andere Sitten. Dem durch Ihre Dummheit überführten Dealer droht die Todesstrafe. Da sind die Herren unerbittlich. Wie vollstreckt man die? Durch Erhängen? Köpfen? Oder ist man human und erschießt den Neffen?« Frauke schüttelte den Kopf. »Nein, Bassetti. Nicht nur das Gefängnis wartet auf Sie. Wenn die Organisation wirklich so mächtig ist, dann wird ihr langer Arm auch bis hinter Gefängnismauern reichen. Irgendwann wird man Ihnen einen scharf geschliffenen Löffelstiel ins Herz jagen, Sie mit einer Schlafanzughose erwürgen. Das ist kein rühmliches Ende. Haben Sie darüber nachgedacht, dass Sie auf der Todesliste viel weiter oben stehen als ich? So merkwürdig es klingen mag, aber ich bin Ihr einziger Freund. Ihr einziger, Bassetti«, schob sie noch einmal betont hinterher. »Und Dottore Carretta, Ihr Anwalt, wägt bei seiner Verteidigungsstrategie auch zwischen Ihren Interessen und denen der Organisation ab. Weshalb hat er Ihnen geraten, sich schuldig zu bekennen? Und Bernd Richter nicht? Sie sollen für die anderen geopfert werden. Und wenn Richter irgendwann wieder draußen ist, glauben Sie, er denkt dann an den kleinen italienischen Trottel, der hier verschmachtet?«
»Das ist alles gelogen!«, schrie Bassetti aufgebracht.
Frauke war zufrieden. Sie hatte mehr erreicht, als sie gehofft hatte. Insbesondere die Sorge des Paten um seinen Neffen war neu. Das konnte vielleicht die alleinige, aber zumindest mit ausschlaggebende Erklärung dafür sein, dass man sie so hartnäckig verfolgte. Wenn Bassettis Behauptung der Wahrheit entsprach, musste der Mann an der Spitze der Organisation ihren Tod fordern, allein um sein Gesicht zu wahren – ein Gesicht, dem Frauke zu gern gegenüberstehen würde.
Auf der Dienststelle rief sie die Mitglieder des Teams zu einer Besprechung zusammen.
»Woher haben Sie die Information mit dem arabischen Neffen?«, fragte Madsack. In seiner Stimme schwang Anerkennung mit.
»Ich habe Bassetti verhört.«
»Und dabei haben Sie den dritten Grad angewandt und Bassetti das Geheimnis entlockt?«, kommentierte Putensenf, während Schwarczer – wie immer – der Runde beiwohnte und sich jeden Kommentars enthielt.
»Mich wundert, dass Sie mir nicht unterstellen, die Waffen der Frau eingesetzt zu haben«, entgegnete Frauke. »Um Ihnen auch einmal einen Erfolg zukommen zu lassen, müssen wir Sie zum Verhör eines offensichtlich homosexuell veranlagten Verdächtigen schicken.«
Madsack lachte, und selbst Schwarczer verzog seine Mundwinkel zu einem Schmunzeln. Putensenf holte tief Luft, unterließ es aber, zu antworten. Frauke nickte Madsack zu, um ihn aufzufordern, von seinen Erkundigungen zu berichten.
»Die Reichenberger Immobilien GmbH in Braunschweig ist ein alteingesessenes Unternehmen. Laut Handelsregister wurde es vor fast vierzig Jahren von Peter Reichenberger gegründet. Vor drei Jahren hat der Betrieb einen neuen Eigentümer erhalten. Reichenberger hat sich aus Altersgründen zurückgezogen. Offenbar gab es keinen Angehörigen, der sein Lebenswerk unternehmerisch fortsetzen wollte.«
»So etwas steht aber nicht im Handelsregister«, bemerkte Putensenf.
»In Ihrem Stellenprofil steht nicht, dass Sie den Kollegen ständig unterbrechen sollen«, wies ihn Frauke zurecht.
»Jakob hat recht. Die ergänzende Information habe ich von einem Redaktionsmitglied der Braunschweiger Zeitung, mit dem ich bekannt bin. Der hat die Informationen aus dem Zeitungsarchiv recherchiert. So einfach ist das manchmal«, sagte Madsack und sah dabei Putensenf an.
»Bei diesen Kontakten hat dir dein Familienname nicht geholfen?«, stichelte Putensenf und spielte auf den Namen Madsack an, der identisch war mit Hannovers bekannter Verlegerdynastie.
»Du weißt doch, Jakob: nicht verwandt und nicht verschwägert. Reichenberger hat die Immobiliengesellschaft an die Vierte Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH in Wolfenbüttel verkauft, die alleiniger Gesellschafter ist.«
»Liegt die Betonung auf ›Vierte‹?«, fragte Frauke.
»Darauf habe ich mein Augenmerk gelegt. Im Handelsregister finden sich auch noch die Erste, die Zweite und die Sechste.«
»Und die dazwischen?«
»Keine Einträge.« Madsack zuckte mit den Schultern. »Die Erste wiederum hat denselben Gesellschafter wie die Vierte.«
»Und die Zweite und Sechste?«
»Andere«, erklärte Madsack.
»Mein Gott, wer denkt sich so etwas aus?«, stöhnte Putensenf.
»Leute, die etwas zu verbergen haben«, erwiderte Frauke. Dann wandte sie sich an den Hauptkommissar.
»Haben Sie diese Kette weiterverfolgen können?«
»Die Zeit hat nur gereicht, um noch die nächste Stufe zu eruieren. Die Spur führt zur Lucky Holding GmbH.«
»Heißt die wirklich so?«, fragte Frauke ungläubig. »Da muss jemand großen Humor besitzen.«
Madsack nickte ernst. »Jetzt wird es interessant. Die Lucky Holding gehört zu gleichen Teilen Igor Stupinowitsch und einer Proprietà S.p.A. aus Turin.« Madsack hüstelte. »Ich habe versucht, das zu übersetzen, und glaube, Proprietà heißt Vermögen. S.p.A. ist in Italien so etwas Ähnliches wie bei uns die Aktiengesellschaft.«
»Gut, Madsack«, lobte Frauke den Hauptkommissar, der das Lob mit einem strahlenden Gesicht entgegennahm. »Damit sind wir einem weiteren Standbein der Organisation auf der Spur. Für mich verdichten sich die Hinweise, dass Stupinowitsch mehr mit der Sache zu tun hat, als er uns weismachen wollte. Sein Engagement im Rotlichtmilieu ist kein Zufall. Und auch der Transfer der illegalen Arzneimittel über Weißrussland nach Deutschland scheint Teil einer groß angelegten Kooperation mit dem italienischen Teil der Organisation zu sein. Ich habe das Gefühl, wir dringen immer weiter ins Zentrum der Organisation vor. Aber«, Frauke sah nacheinander die drei Männer ihres Teams an, »mit jedem Schritt wird es auch gefährlicher. Für jeden von uns.«
Putensenf lehnte sich zurück.
»Mir geht eine Sache nicht aus dem Sinn«, sagte er gedehnt und fuhr fort, nachdem er die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen hatte. »Sie waren schon öfter Zielscheibe der Organisation. Zum Beispiel die Sache in Isernhagen. Die Nachbarn haben gesagt, dass in der letzten Zeit ein paarmal eine Frau in Isernhagen zu Besuch war. Sie«, dabei sah er Frauke an, »könnten offenbar gut Modell stehen. Zumindest ähnelt Ihnen die Beschreibung auffallend. Sie haben uns zudem noch nicht erklärt, was Sie nach Isernhagen geführt hat.«
Madsack nickte zustimmend. Er traute sich zwar nicht, Putensenf offen zu unterstützen, aber diesen Punkt hatte auch der Hauptkommissar noch nicht vergessen. Frauke wusste, dass sie ihren Mitarbeitern eine Erklärung schuldig war. Es musste eine unwiderlegbare Begründung sein. Würde man herausfinden, dass sie gelogen hatte, wäre das ihrer Karriere im Polizeidienst abträglich, zumal sie die Hypothek der falschen Anschuldigungen aus Flensburg noch mit sich herumtrug.
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort und suchte nach passenden Worten, als Schwarczer sich räusperte.
»Der Tipp kam von mir. Frau Dobermann hat den Hinweis durch mich erhalten.«
Frauke war genauso überrascht wie Madsack und Putensenf. Zum Glück sahen die beiden den jungen Kommissar an. So entging ihnen Fraukes Reaktion.
»Was sind das für Methoden?«, schimpfte Putensenf erregt. »Wir sind ein Team. Da geht es nicht, Herr Schwarczer, dass Sie geheime Missionen starten. Auch Sie«, dabei drehte er sich zu Frauke um, »sollten teamorientiert arbeiten.«
»Woher haben Sie den Hinweis?«, hakte Madsack nach.
Schwarczer wirkte völlig entspannt. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht.
»Ich habe ›Horchgeräte‹ in der Szene«, sagte er. »Die sind nicht so zuverlässig, dass man sie zu den Akten nehmen kann. Solche Hinweise sind zu vage, um daraus das große Rad zu drehen. Man muss vieles abwägen, wenn jemand leise twittert.«
»Wenn er was macht?« Putensenf sah Schwarczer verärgert an.
»Zwitschert«, erwiderte der junge Kommissar. »So habe ich ordnungsgemäß die Leiterin informiert.«
»Und warum haben Sie uns nicht in Kenntnis gesetzt?« Putensenf sah Frauke an und glaubte offensichtlich, eine Stelle gefunden zu haben, an der er schmerzhaft bohren konnte.
»Ich war genauso überrascht über die guten Kontakte des Kollegen Schwarczer«, erklärte Frauke gelassen. »Da sowohl er wie auch ich neu sind, wollte ich mich überzeugen, wie konkret der Hinweis ist.« Sie nickte Schwarczer vertraulich zu. »Kompliment. Ihre Verbindungen sind exzellent. Das hat der allerdings überraschende Ausgang der Aktion bewiesen.«
»Dann haben wir doch einen Anhaltspunkt«, ereiferte sich Putensenf. »Wir sprechen hier über Schwerstkriminalität. Da können wir solche Mauscheleien nicht dulden. Wenn der Tipp wirklich so gut war, gibt es jemanden, der offenbar gut informiert ist. Den müssen wir uns vornehmen. Also! Wie heißt der Zwitscherer?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Schwarczer. »Solche Hinweise laufen wie die stille Post durch die Szene. Deshalb ist es auch schwierig, die Kette zurückzuverfolgen. Ganz abgesehen davon, dass sich der Inhalt und Wahrheitsgehalt während des Weitersagens durchaus verändern kann.«
»Um was ging es?«, wollte Putensenf wissen.
»Um Informationen«, mischte sich Frauke ein. »Jemand wollte Hintergrundinformationen loswerden.«
Putensenf legte die Stirn in Falten. »Könnte es derjenige gewesen sein, der Sie dort empfangen hat, der auch am Anfang der Kette stand?«, überlegte er laut.
»Gut, Putensenf«, lobte ihn Frauke. »Ein kluger Gedanke.«
Der Kriminalhauptmeister schien zufrieden zu sein. Fraukes Anerkennung lenkte ihn von weiteren Fragen ab. Er fiel auf ihre Strategie herein.
Frauke atmete tief durch. Dank der unerwarteten Hilfe von Schwarczer war sie der Erklärungsnot entwichen. Aber warum hatte der junge Kommissar sie unterstützt und sich seinerseits in eine Situation begeben, die eine Rechtfertigung von ihm verlangte? Wusste Schwarczer etwas? Plötzlich war ihr Misstrauen geweckt.
»Wir haben es auch am Beispiel Günter Blechschmidts gesehen«, ergänzte Frauke. »Nachdem uns der harmlose Mitläufer eher unfreiwillig einen Hinweis gegeben hatte, wurde er brutal zusammengeschlagen. Es klingt fast makaber, dass er dabei noch Glück hatte und die Handlanger der Organisation ihn nicht ermordet haben. Mit solchen Aktionen wird ein Zeichen gesetzt. Jetzt schweigen alle aus Angst. Wen wundert es, wenn sich Informanten sehr konspirativ verhalten?« Dabei sah sie Putensenf direkt in die Augen. Der Kriminalhauptmeister senkte den Kopf und murmelte eine unverständliche Zustimmung.
»Was geschieht jetzt mit dem Polizisten aus Wittingen, der Bernd Richter im Untersuchungsgefängnis besucht hat und ihm die Nachricht hinterbrachte, dass Richter sich umgehend Dottore Carretta als Anwalt nehmen soll?«, wechselte Madsack das Thema.
»Gegen Eberhard Annenmeyer wird ein Verfahren eingeleitet. Der Mann ist nur ein kleines Licht und wusste gar nicht, auf was er sich eingelassen hat. Er glaubte, Richter und dem Anwalt eine Gefälligkeit schuldig zu sein. Trotzdem darf sich ein Polizist nicht in eine solche Abhängigkeit begeben. Man mag solche Menschen bedauern, aber das sind nun einmal unsere Regeln«, erklärte Frauke. Sie sah Madsack an. »Sie sollten sich weiter um die Aufklärung der Hintergründe bemühen. Wer steckt hinter der Proprietà S.p.A.? Wie heißt der Statthalter der Organisation in Saudi-Arabien, den man dort verhaftet hat und dem die Todesstrafe droht? Und wer sind die Strohmänner in den Vermögensverwaltungsgesellschaften und der Lucky Holding? Es ist ein mühsames Geschäft. Aber nur auf diesem Weg kommen wir weiter.«
»Sollten wir noch einmal Kevin Schmidtke in die Mangel nehmen?«, fragte Putensenf. Der Kriminalhauptmeister wirkte auffallend zurückhaltend.
Frauke schüttelte den Kopf. »Das führt uns nicht weiter. Das ist ein armer Wicht, den man benutzt hat. Schmidtke ist Opfer, nicht Täter. Mich macht aber stutzig, dass die Organisation sich jetzt schon solch schwacher Glieder bedienen muss. Den Leuten muss doch klar sein, dass Schmidtke sofort einknickt, wenn wir ihn verhören. Es ist kaum vorstellbar, dass man in der Organisation so naiv ist, zu glauben, wir würden Schmidtke nicht entdecken. Und die Verfolgung des weiteren Wegs hat uns auch vor keine unlösbaren Probleme gestellt. Haben wir die klugen Köpfe in der Organisation schon verunsichert? Oder vielleicht sogar schon gefasst?«
»Sie meinen Bernd Richter?«, warf Madsack ein.
Frauke nickte. »Für mich spielt unser ehemaliger Kollege eine wesentlich größere Rolle, als es den Umständen entsprechend den Anschein hat. Richter war ein kluger Kopf. Der scheint jetzt in der Organisation zu fehlen. Offensichtlich konnte er noch nicht ersetzt werden.«
Frauke sah auf die Uhr.
»Vielleicht ist es schon zu spät, aber ich würde der Reichenberger Immobilien GmbH gern noch einen Besuch abstatten.« Sie sah sich um. Madsack war mit Recherchearbeiten ausgelastet. Mit Schwarczer wollte sie nicht allein sein. Zu groß wäre die Versuchung gewesen, den Kommissar zu fragen, warum er für sie gelogen hatte. Doch diese Blöße wollte sie sich gegenüber Schwarczer nicht geben. »Putensenf«, entschied sie, »wir machen einen Ausflug nach Braunschweig.« Für einen Moment schien es, als wollte der Kriminalhauptmeister aufbegehren. Dann nickte er ergeben.
Wenig später saßen sie in einem VW Variant und fuhren Richtung Osten. Die durchgängig dreispurige Autobahn war voll und gestattete nur ein Fortkommen mit wechselnden Geschwindigkeiten zwischen achtzig und einhundert Stundenkilometern. In Höhe der Abfahrt »Hämelerwald« befand sich eine Baustelle, an der es nur im Schritttempo voranging. Auf den beiden rechten Fahrstreifen lieferten sich die vorwiegend osteuropäischen Lkws ein Elefantenrennen. So blieb den Pkws nur der Überholstreifen. Sie benötigten fast eineinhalb Stunden, bis sie die Braunschweiger City erreichten.
»Jetzt werden wir niemanden mehr erreichen«, schimpfte Frauke.
»Wollen Sie mich dafür verantwortlich machen?«, antwortete Putensenf. »Ich kann nichts dafür, wenn Schwarczers russische Kumpane die Autobahn verstopfen.«
»Ich möchte solche Äußerungen nicht hören, verstanden?«, ranzte ihn Frauke an. »Kollege Schwarczer ist in Hannover geboren und Deutscher wie Sie und ich.«
»Wer’s glaubt, wird selig«, murmelte Putensenf. »Allein die Schreibweise seines Namens. Und dann heißt er Yuri.«
Sie musterte Putensenf von der Seite. »Und Sie? Jakob! Sie sind höchstens ein billiger Jakob. Genug jetzt. Sie unterlassen Ihre krausen Gedanken, die in unserem Team nichts zu suchen haben. Sehen Sie sich lieber nach einem Parkplatz um.«
Putensenf fluchte leise vor sich hin, als sie die gesuchte Anschrift gefunden hatten. Es gab nirgendwo eine Parkmöglichkeit. Auf der Dankwardstraße rollte der Verkehr zur Kreuzung Bohlweg, der als Einbahnstraße am Braunschweiger Schloss vorbeiführte. Zuvor zwängte sich die Straße zwischen gesichtslosen Häusern auf der linken Straßenseite und der Straßenbahnhaltestelle »Rathaus« sowie dem »Zusatzbau Rathaus« hindurch. Dieser Straßenzug mit billigen Telefonläden, Dönerbuden und dem grauen und bedrückenden städtischen Betonbau gehörte nicht zu den städtebaulichen Glanzlichtern der zweitgrößten Stadt Niedersachsens.
»Wir sollten die Planer dieses Betonklotzes gleich mit verhaften«, sagte Putensenf, als könne er Fraukes Gedanken raten.
»Konzentrieren Sie sich auf den Verkehr und finden Sie endlich einen Parkplatz.«
»Wer solch hässliche städtische Bauten errichtet, ist auch unfähig, eine vernünftige Verkehrsplanung zu organisieren«, schimpfte der Kriminalhauptmeister und suchte nach der nächsten Möglichkeit, diesen Teil der Innenstadt zu umrunden. Sie quälten sich im Stau an den zahlreichen Gastronomiebetrieben mit dem Außenangebot vorbei, bis sie vor dem lang gestreckten Altbau des Polizeikommissariats Mitte eine Parkmöglichkeit fanden, obwohl der Platz »nur für Einsatzfahrzeuge« reserviert war.
Putensenf verschwand in das Gebäude. »Ich sage den Kollegen Bescheid«, erklärte er, um kurz darauf wieder zu erscheinen und zu verkünden: »Begeistert waren die nicht.«
Sie gingen zu Fuß am Rathaus vorbei, das mit seinem Turm und der hübschen Fassade ein repräsentatives Gebäude war. Als sie um die Ecke bogen und den schmucklosen Betonanbau erreichten, machte Putensenf Frauke auf ein Schild aufmerksam, das darauf hinwies, dass hier die Personalvertretung und das Stadtsteueramt zu finden seien.
»Das konnte nicht anders sein«, knurrte Putensenf. »Solche Institutionen versteckt man hinter den grässlichsten Betonwänden.«
Die Reichenberger Immobilien Verwaltungs GmbH befand sich in einem modern wirkenden Bürogebäude an der Ecke der belebten Kreuzung, in dem eine große Bank residierte.
Frauke hatte nicht damit gerechnet, noch jemanden im Büro anzutreffen. Sie war überrascht, als dort noch lebhafter Bürobetrieb herrschte. Die Erklärung lieferte die junge Frau am Empfang.
»Sie kommen wegen welchen Objektes?«, fragte sie. Natürlich. Immobilienunternehmen vereinbarten häufig Termine nach Feierabend. Das war ein glücklicher Umstand für die Beamten.
»Die Hotelpension in der Großkopfstraße in Hannover«, sagte Frauke.
»Haben Sie einen Termin?«
»Nein, das ist spontan.«
»Moment«, bat die junge Frau und gab etwas in ihren Computer ein. Dann sah sie mit einem ratlosen Gesichtsausdruck auf. »Das Objekt steht nicht zur Disposition.«
»Wir möchten gern mit Ihrem Geschäftsführer sprechen.«
»Mit Herrn L’Arronge?«
»Ja«, sagte Frauke schnell.
Die Mitarbeiterin am Empfang wählte eine Nummer an und gab den Gesprächswunsch weiter.
Kurz darauf erschien ein stämmiger Mann mit Halbglatze, dessen Bauch sich über den Hosengürtel wölbte. Er stellte sich mit Namen vor. »Was kann ich für Sie tun?«
»Landeskriminalamt Hannover«, sagte Frauke und präsentierte ihm ihren Dienstausweis, dem er nur einen flüchtigen Blick schenkte.
»Kommen Sie mit«, bat L’Arronge und führte sie in sein Büro.
»Uns sind Merkwürdigkeiten in der Pension Favorit in Hannover aufgefallen. Ihr sogenannter Partner Kevin Schmidtke konnte uns keine Erklärung dafür geben, dass er von einem unbekannten Auftraggeber die Kosten für ein stets ausgebuchtes Haus erstattet bekommt, ohne dass je ein Gast erschienen ist. Anschließend führt er fast die gesamten Einnahmen an Sie ab.«
»Was ist daran nicht in Ordnung?«
»Die Art des Geschäfts. Finden Sie es nicht auch merkwürdig, dass jemand viel Geld dafür zahlt, dass er die Leistungen nicht abnimmt?«
L’Arronge machte ein betroffenes Gesicht. »Sie überfallen mich mit Behauptungen, die ich nicht prüfen kann. Wir vermitteln und verwalten Immobilien. Fremde. Dafür erhalten wir eine Verwaltergebühr. Die administrative Unterstützung bei der Abrechnung der Pensionen ist für uns nur ein Durchgangsposten, denn –«
»Moment«, unterbrach ihn Frauke. »Sie sprachen eben von Hotelpensionen in der Mehrzahl.«
Der Mann sah sie überrascht an. »Ja. Wir haben derzeit elf Stück unter Vertrag. Nein«, er legte dabei die Stirn in Falten, »ich glaube, es sind sogar zwölf.« Er griff zum Telefon und drückte zwei Tasten. »Hannchen«, sagte er, als sich der Teilnehmer meldete. »Wie viele von diesen Pensionsdingern verwalten wir aktuell? – Danke.«
L’Arronge legte auf. »Dreizehn sogar. Sie sehen, dass es ein unproblematisches Geschäft ist. Wir nehmen es mit und freuen uns über den Ertrag.«
»Was machen Sie mit dem Geld, das Ihnen Schmidtke und Kollegen überweisen?«
»Schmidtke?«
»Das ist Ihr Partner in der Pension Favorit.«
»Ach.« L’Arronge wirkte einen Moment zerstreut. »Wenn man ehrlich ist, sind die Betreiber der Pensionen keine wirklichen Partner. Ich meine – wirtschaftlich.«
»Also Strohmänner.«
»So würde ich es nicht bezeichnen«, wehrte L’Arronge ab. »Rechtlich ist es eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, praktisch liegt die Mehrheit der Anteile aber nicht beim jeweiligen Partner.«
»Finden Sie das nicht seltsam?«, fragte Frauke.
»Puh!« L’Arronge kratzte sich den Kopf. »Ich gehe davon aus, dass alle Beteiligten davon profitieren. Wir sind nur Dienstleister.«
»Wohin überweisen Sie die Gelder – nach Abzug Ihres Anteils?«
»An unsere Muttergesellschaft.«
»Die Vierte Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH in Wolfenbüttel«, zeigte sich Frauke gut informiert.
L’Arronge nickte. Er hob seine Hände zu einer Unschuldsgeste in die Höhe. »Ich bin nur Geschäftsführer. Manche Verträge, die wir hier verwalten und bearbeiten, wurden auf Veranlassung unserer Mutter geschlossen.«
»Dazu gehören alle Verträge mit den Pensionen?«
»Ja«, gab L’Arronge zu.
»Können wir eine Liste der anderen Hotelpensionen bekommen?«, fragte Frauke. »Und Kopien der Buchungsunterlagen, aus denen ersichtlich ist, dass die Einnahmen aus diesem Geschäft nach Wolfenbüttel weitergereicht werden?«
L’Arronge überlegte eine Weile. Er schien mit sich zu ringen. »Nein«, entschied er. »Das geht zu weit.«
Putensenf wollte aufbegehren, aber Frauke kam ihm zuvor.
»Vielen Dank für Ihre Informationen«, sagte sie und verabschiedete sich.
»Ich wäre hartnäckiger gewesen«, sagte Putensenf, als sie wieder im Auto saßen und die Rückfahrt antraten.
»Mit welchem Erfolg? Auf welcher Rechtsgrundlage hätten Sie L’Arronge zwingen wollen?«
Putensenf enthielt sich einer Antwort. Er schwieg, bis sie das Landeskriminalamt erreichten.
Sofort nach der Ankunft im Büro prüfte Frauke, ob L’Arronge bisher straffällig in Erscheinung getreten war. Der Mann war genauso ein unbeschriebenes Blatt wie Kevin Schmidtke. Offenbar war es ein neues Vorgehensmodell der Organisation, auf unbescholtene Leute zurückzugreifen in der Hoffnung, damit weniger Ansatzpunkte für die polizeilichen Ermittlungen zu bieten.
Natürlich musste Frauke sich fragen, warum ein Mann wie L’Arronge solche zweifelhaft anmutenden Geschäfte mitmachte und nicht kritisch hinterfragte. Zur Beantwortung dieser Frage wäre es erforderlich gewesen, seinen persönlichen Hintergrund zu durchleuchten. Manchmal gab es Situationen im Werdegang eines Menschen, die nicht viele andere Optionen zuließen. Und das nutzte die Organisation schamlos aus. Sie griff nicht verzweifelt zu zweitklassigen Helfern, nein! Sie verfolgte eine fast perfide Strategie. Die Pensionen wären nicht aufgefallen, weil sich niemand beschwert hätte. Die Steuern wurden ordnungsgemäß entrichtet und andere Personen oder Einrichtungen ebenfalls nicht benachteiligt. Das war ein genialer Gedanke. Ob Bernd Richter dahintersteckte?
Sie beschloss, Feierabend zu machen, und schlenderte langsam zu ihrer Wohnung in der Lister Meile. Sie durchquerte den Welfenplatz, die ein wenig ungepflegt wirkende Grünanlage, in der häufig Ansammlungen von Menschen anzutreffen waren, deren einziger Lebensinhalt das Totschlagen der Zeit zu sein schien. Dabei halfen häufig alkoholische Getränke. Leere Flaschen rund um die belagerten Parkbänke gaben Zeugnis davon.
In der Fridastraße warf sie einen Blick auf das Haus, in dem sich Lars von Wedell und seine Freundin Gesa Kraft eine neue Wohnung eingerichtet hatten, kurz bevor der junge Kommissar brutal ermordet wurde.
Die Lister Meile bot die Frauke mittlerweile vertraute Geschäftigkeit. Menschen schoben sich durch die Straße mit den bunten Geschäften, Autos kurvten langsam über das Pflaster auf der Suche nach einem der raren Parkplätze. Vor der Tür ihres Hauses zögerte sie einen Moment. Immer wieder beschlich sie ein merkwürdiges Gefühl, als sie die Stelle passierte, an der Friedrich Rabenstein erschossen worden war – nur um ein Zeichen zu setzen. Die Organisation hatte mit der blutigen Spur, die ihrem Weg folgte, deutlich bekundet, wie sie mit Leuten umsprang, die ihre Geschäfte störten.
Nachdem die Haustür hinter ihr zugefallen war, verebbte der Lärm der Straße. Als Frauke die Treppe erklomm, spürte sie, wie müde sie war. Die enormen Belastungen der letzten Zeit forderten ihren Tribut.
Sie vermochte nicht zu sagen, warum, es war eher der Instinkt, der sie aufschreckte, als sie die beiden Sicherheitsschlösser zu ihrer Wohnung öffnete, aber sie hatte das Gefühl, dass jemand während ihrer Abwesenheit an der Schließanlage manipuliert hatte. Sie nahm die Schlösser in Augenschein, konnte aber nichts entdecken. Keine Kratzer, keine noch so kleinen Metallsplitter. Nichts.
Sie entnahm ihrer Handtasche die Dienstwaffe und lud sie durch. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Wenn man angespannt in die Stille lauschte, schienen das Klacken im Schließzylinder und das Drehen des Schlüssels bis ans Ende der Stadt hörbar zu sein. Es war totenstill in der Wohnung. Frauke wartete einen Moment, bevor sie die Tür weiter aufstieß und beim Knarren der Angeln zusammenzuckte. Nichts rührte sich. Sie tastete um die Ecke und betätigte den Lichtschalter. Die nur in einer Fassung steckende Glühbirne im Flur flammte auf. Es war nichts zu entdecken. Auf Zehenspitzen schlich Frauke den Flur entlang, öffnete die Tür zum Badezimmer und warf einen Blick in den Raum. Sie ließ auch die Dusche hinter der matten Kabinentür nicht aus. Leer. Das galt auch für die Küche, die sie als Nächstes untersuchte. In Zeitlupe schlich sie zum Wohnzimmer, dessen Tür offen stand. Ein schneller Blick zeigte ihr, dass sich auch hier niemand verbarg.
Plötzlich hörte sie Schritte im Treppenhaus. Eine Tür fiel zu, und jemand kam die Treppe herunter. Frauke verhielt sich still. Sie wagte kaum zu atmen. Die Schritte hielten inne. Dann knarrte die Haustür.
»Hallo?«, rief eine männliche Stimme. »Ist da jemand?«
Langsam kam sie aus dem Wohnzimmer heraus und hielt ihre Waffe hinter dem Rücken verborgen.
»Hallo«, sagte sie zu dem Mann, der in der Wohnungstür stand und sie misstrauisch beäugte.
»Die Tür stand auf.« Es klang wie eine Entschuldigung.
»Oh«, antwortete Frauke. »Die habe ich vergessen zu schließen, als ich mit meinen Einkäufen in die Wohnung kam. Vielen Dank.«
»Das ist ein friedliches Haus«, erwiderte der Mann, der ihr bisher noch nicht begegnet war, »aber trotzdem …«
»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend«, entgegnete Frauke und schloss die Wohnungstür. Sie hatte sie mit Absicht offen gelassen, um im Ernstfall eine Fluchtmöglichkeit zu haben. Das war ihr nun versagt. Durch die Tür hörte sie, wie sich der Mann treppab entfernte.
Mit einem unguten Gefühl im Nacken tastete sie sich förmlich an der Wand entlang zum dritten Zimmer, in dem sie bisher nur Umzugskartons und noch nicht eingeräumte Sachen untergebracht hatte. Auch hier befand sich niemand. Es blieb nur noch das Schlafzimmer übrig.
Als Erstes betätigte sie den Lichtschalter. Die Lampe tauchte alles in ein mildes Licht, obwohl noch genügend Helligkeit durchs Fenster hereinfiel. Der üppig mit Laub versehene Baum vor dem Haus nahm viel vom natürlichen Tageslicht. Das Einzelbett, das an der Wand stand, war leer. Im Türrahmen bückte sie sich und warf einen Blick unter die Liegestatt. Auch da verbarg sich niemand. Mit einem Ruck riss sie die Tür ein Stück zur Seite. Dahinter fanden sich nur der Staubsauger, Besen und Schrubber, für die sie noch keinen besseren Platz gefunden hatte.
Ein Lächeln zog über ihr Gesicht. Du siehst Gespenster, schalt sie sich. Du bist überarbeitet, deine Nerven sind überreizt … sie behielt das Lächeln bei, als sie die Schiebetüren des Kleiderschranks öffnete. Geräuschlos glitten sie zur Seite.
Sie ließ sich auf die Bettkante fallen.
»Frauke«, sagte sie zu sich selbst, »wie gut, dass dich keiner beobachtet hat. Nicht einmal ein heimlicher Liebhaber versteckt sich im Kleiderschrank.«
Unwillkürlich dachte sie an Georg, dessen Identität sie immer noch nicht hatte klären können. Zu viele Ereignisse stürmten auf sie ein. Da blieb kein Raum für diese wichtige Frage. Außerdem hatte sie dieses Thema auf den kommenden Freitag geschoben. Dann würden sich die Motorradfreunde wieder auf dem Georgsplatz treffen.
Sie schloss die Haustür von innen ab und stellte vorsichtig ein Glas auf die Türklinke. Um auch im Schlaf einen möglichen Eindringling nicht zu überhören, baute sie zwei Kochtöpfe unter dem Türgriff auf, die sie mit dem Boden nach oben abstellte. Das, so hoffte sie, würde laut genug sein. Anschließend durchsuchte sie ihre Wohnung akribisch. Sie konnte keinen Hinweis dafür finden, dass sich jemand unbemerkt während ihrer Abwesenheit in den Räumen aufgehalten hatte. Es fehlte nichts. Alles war am gewohnten Platz. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los.
Den Rest des Abends verbrachte sie mit der Zubereitung eines kargen Abendessens, das aus einem Fertigmenü aus der Tiefkühltruhe, das keine kulinarische Offenbarung war, und Rotwein bestand. Der Notwendigkeit, weitere Kartons auszuräumen, widerstand sie. Irgendwann, nachdem sie ferngesehen hatte, ohne aufzunehmen, was dort lief, zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück.