Es war einer jener Abende im Hochsommer, wie man sie nur in England erlebt. Sie scheinen nie enden zu wollen. Ich könnte diesen Abend besonders stimmungsvoll ausmalen, aber das entspräche nicht der Wahrheit. Wenn über dem ganzen eine besondere Atmosphäre lag, so spürte ich jedenfalls nichts davon. Und ich sehe auch nicht ein, warum das hätte der Fall sein sollen. An der Tankstelle war nichts Außergewöhnliches, ebensowenig wie an dem Mann, der sie bediente. Er füllte den Benzintank meines Wagens, seine Stimme war wohlklingend, was ich dem Dialekt der Gegend zuschrieb. Dann ging er ins Haus, um Wechselgeld zu holen, und ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Die Straße folgte dem Taleinschnitt, rechts und links erhoben sich weiße Felstürme, Kreideklippen nehme ich an. Nun schien es aber doch dunkel zu werden, über den Bergspitzen lag ein tiefrotes Glühen. Am Himmel funkelten ein paar Sterne, von denen einer in einem ganz besonderen Orange-Gold genau über der Station stand.
Ich blieb neben der Garagentür stehen und betrachtete die Ersatzteile und das Zubehör, wie man sie überall vor Tankstellen findet. Der Mann muß der Meinung gewesen sein, daß ich mich noch in meinem Wagen aufhielte. Er kam mit eiligen Schritten durch die Tür, ohne mich zu sehen, und ging direkt auf die Pumpen zu. In der Hand hielt er das Geld. Gerade, als ich etwas zu ihm sagen wollte, hielt er inne und stieß einen Seufzer aus. Ich traute meinen Ohren nicht. Als ich mich gefaßt hatte, ging ich auf ihn zu, denn ich glaubte, er sei krank. Er stand völlig regungslos und starrte in den Himmel, wo der orangegelbe Stern nun noch klarer und greller funkelte.
»Ist Ihnen nicht gut?« fragte ich. Ich faßte ihn nicht an. Ich war meiner Sache nicht ganz sicher. Dann sah ich sein Gesicht. Ich habe sein Aussehen deshalb nicht beschrieben, weil er nicht die Sorte Mensch war, an der es viel zu beschreiben gab – ein ganz gewöhnlicher Mann in einem Overall, ziemlich klein – ganz normal. Jetzt aber muß ich sein Gesicht näher erklären, obgleich es mir nicht leichtfällt. In seinem Blick lag Sehnsucht, Verlangen, eine Art tiefen Hungers, der Hoffnungslosigkeit war; er machte den Eindruck völliger Passivität. Der Laut, den er ausgestoßen hatte, war wohl ohne seinen Willen entstanden. Er blickte zu dem Stern.
»Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte ich noch einmal. Es war idiotisch, einem Mann mit diesem Gesichtsausdruck eine solche Frage zu stellen, aber man ist an diese Redewendung gewöhnt. Jetzt hatte er mich gehört. Er drehte sich um und hielt mir das Geld hin, aber es schien, als könnte er mich nicht richtig erkennen, denn sein Arm streckte sich zögernd und tastend vor. Ich machte einen Schritt auf ihn zu und nahm ihm das Geld ab. Das schien ihn zu sich zu bringen. Er sah mich an, und sein Gesicht war wieder wie vorher. »Ich dachte, Sie seien im Auto«, sagte er. Seine Stimme hatte wieder den weichen Unterton.
Mit einemmal schien es stockdunkel zu sein. Am Himmel glühte der orangefarbene Stern, aber der Mann blickte nicht hin. Er sah ein wenig benommen aus, aber ich achte nicht auf solche Dinge, und wenn ich es mir jetzt überlege, so glaube ich, daß er wohl ganz normal war.
»Der Stern –« begann ich, aber er unterbrach mich schnell. »Das ist kein Stern, mein Herr«, sagte er. »Sondern mehr das, was Sie einen Planeten nennen würden.« Er sprach genauso, wie ein Landbewohner zu einem Stadtmenschen, wenn er ihn über etwas aufklärt, ohne ihn verletzen zu wollen. Er war wieder ganz normal.
»Schon gut«, antwortete ich. »Dann ist es eben ein Planet. Aber hören Sie, mein Lieber. Ich will mich ja nicht einmischen, und es tut mir leid, wenn Sie nicht wußten, daß ich da war. Aber ich habe Sie gehört und Ihr Gesicht gesehen, und irgend etwas an der Sache ist faul. Wenn ich irgend etwas für Sie tun kann –«
Bei meinen Worten drehte er sich um und ging auf die Garage zu. »Ich weiß nur nicht, warum, zum Teufel, Sie uns die Erinnerung lassen«, sagte er.
Er betrat das Gebäude, und ich folgte ihm. Im letzten Schein der Dämmerung tasteten wir uns in die kleine Holzkabine, die das Büro war, und setzten uns auf die harten Stühle. Es roch nach Benzin und geöltem Metall. Ich erkannte die Umrisse einer Registrierkasse und darüber sein Profil. »Es ist nicht recht, daß ich mich erinnere«, sagte er. »Sie sagten –« Er hielt die Luft an, und wieder hatte ich das seltsame Gefühl in der Magengegend. »Sie sagten –« diesmal klangen seine Worte hart und herausfordernd –»Sie sagten, wir würden uns an nichts erinnern, was uns guttut – nur soviel, um unglücklich zu bleiben. Sie müssen die falsche Mischung benutzt haben.«
Er dachte nach. »Zu meiner Zeit müssen es ein paar Hundert gewesen sein. Vielleicht zuviel, um sie ordentlich zu behandeln. Gewöhnlich waren es immer vierzig oder fünfzig auf einmal, aber Sie hatten eine Menge Unannehmlichkeiten gehabt. Natürlich kommen nicht alle hin. Selbst Sie wissen nicht alles, und es gibt viele Verluste. Was mit denen geschieht, die ihr Ziel verfehlen, kann niemand sagen, aber darum kümmern Sie sich nicht, solange Sie uns loswerden. Aber es müssen noch eine ganz schöne Anzahl von uns existieren, die sich genug Erinnerung bewahrt haben, um unglücklich zu bleiben. Wirklich, es ist gut gemacht. Das muß man Ihnen lassen. Sie sind nicht dumm.«
Er kicherte vor sich hin. Und dann hielt er wieder den Atem an, so daß ich mein Herz plötzlich dumpf schlagen hörte.
Durch das Fenster fiel der Schein eines herannahenden Wagens. Ich stand auf und umklammerte mit beiden Händen die solide Wirklichkeit einer Türklinke. Eine Hupe ertönte, und er sagte: »Ich muß Sie bitten, Ihren Wagen wegzufahren, mein Herr. Sie blockieren die Benzinpumpen.«
»Natürlich«, antwortete ich. Ich setzte mich ans Steuer und ließ den Motor an. Und da ich keinen Grund sah, etwas anderes zu tun, fuhr ich los.
Fast ein ganzes Jahr verging, bevor ich wieder in die Gegend kam. Nichts veranlaßte mich dazu, diesmal anzuhalten, und ich hatte auch nicht die Absicht, es zu tun. Trotzdem, ich hatte gehofft, ihn draußen bei den Pumpen zu sehen; und als das nicht der Fall war, zögerte ich einen Moment und ging dann zu Fuß zurück.
Den Mann, der herauskam, kannte ich nicht. Er war sehr viel älter als der vom Vorjahr, wahrscheinlich der Inhaber. Ich fand mich in einer schwierigen Situation. »Oh – ich hatte gehofft, den Mann, der früher hier war, zu treffen«, sagte ich.
Er musterte mich mit scharfen Blicken. »Newman, meinen Sie?«
»Ich weiß nicht, wie er heißt. Ungefähr vor einem Jahr. Ziemlich klein und blond.«
»Ja, Newman. Was wollen Sie von dem? Stimmt was nicht?« Er schien begierig, mehr zu hören.
»Nein«, sagte ich. »Nichts dergleichen. Ist er nicht mehr hier?«
»Er ist weg«, erklärte er. »Hat mich einfach sitzenlassen. Muß jetzt schon fast ein Jahr her sein. Habe nie wieder was von ihm gehört. Ließ alles in bester Ordnung zurück, das muß ich zugeben. Aber als Sie sich nach ihm erkundigten, wurde ich doch neugierig.«
»Macht nichts«, sagte ich, drehte mich um und ging zurück zum Wagen. Ich fühlte seine Blicke im Rücken.
Ich war einem großen Geheimnis nahe – dessen bin ich sicher. Mein Leben wird weitergehen wie bisher, doch ich habe das Gefühl, etwas Einmaliges verpaßt zu haben.
Was – das werde ich wohl nie erfahren.