Ray
Bradbury
Icarus Montgolfier
Wright
Er lag auf seinem Bett, der Wind strich durch das Fenster und flüsterte zu ihm im Traum. Wie der Wind der Zeit, der sich in den Höhlen von Delphi fängt, so sagte er, was über gestern, heute und morgen gesagt werden muß. Manchmal stieß in weiter Entfernung eine einzelne Stimme einen Schrei aus, dann wieder waren es zwei Stimmen, ein Dutzend, eine ganze Menschenrasse stieß durch seinen Mund ihren Schrei aus, aber ihre Worte waren immer die gleichen:
»Wir haben es getan. Seht! Wir haben es getan!«
Ganz plötzlich tauchten er, sie, einer oder viele in seinem Traum auf – und flohen. Die Luft zog über einer sanften warmen See dahin, in der er verständnislos schwamm.
»Seht! Seht! Es ist geschehen! Wir haben es getan!«
Aber er verlangte nicht, daß die ganze Welt aufmerksam wurde, er zwang nur seine eigenen Sinne, die Luft, den Wind, den aufgehenden Mond zu sehen, zu schmecken, zu riechen und zu berühren. Er schwamm allein im Himmel. Die schwere Erde war verschwunden.
Aber warte nur, dachte er, warte nur ab!
Heute nacht – was für eine Nacht ist das?
Natürlich die Nacht vorher. Die Nacht vor dem ersten Flug einer Rakete zum Mond. Hinter diesem Raum wartet die Rakete auf dem ausgedörrten Wüstenboden, einhundert Jahre entfernt, auf mich. Tut sie das? Ist dort eine Rakete? Warte! dachte er. Er krümmte sich, wälzte sich herum, schwitzte, starrte auf die Wand – das wirre Flüstern zwischen den Zähnen. Sei ganz sicher! Du – du, wer bist du?
Ich? dachte er. Mein Name?
Jedediah Prentiss, geboren 1938, promoviert 1959, lizensierter Raketen-Pilot 1965. Jedediah Prentiss … Jedediah Prentiss …
Der Wind fegte seinen Namen fort! Er griff danach. Er schrie!
Dann, nachdem er sich beruhigt hatte, wartete er darauf, daß der Wind seinen Namen zurückbrachte.
Er wartete lange. Um ihn war nichts als die Stille, und nach vielen tausend Herzschlägen fühlte er Bewegung.
Der Himmel öffnete sich wie eine weiche blaue Blume. Das Ägäische Meer schwang weiße Flügel durch eine entfernte weinfarbene Brandung.
In dem Aufschlagen der Wellen am Strand hörte er seinen Namen.
Icarus.
Und wieder ein hauchendes Flüstern.
Icarus.
Jemand rüttelte seinen Arm. Es war sein Vater, der den Namen rief und die Nacht von ihm abschüttelte. Und er selbst lag sehr klein da, halb zum Fenster und dem Gestade tief unten und dem weiten Himmel hoch oben gewandt. Er fühlte den ersten Morgenwind die goldenen Federn, die neben seinem Lager in Bernsteinwachs gebettet waren, zerzausen. Goldene Flügel kamen in den Armen seines Vaters zum Leben, und zitternd spürte er auch den schwachen Zug an seinen eigenen Schultern, als sein Blick von diesen Flügeln hinunter zum Kliff wanderte.
»Vater, wie ist der Wind?«
»Für mich ausreichend, aber niemals für dich …«
»Vater, mach dir keine Sorgen. Die Flügel scheinen schwach, aber ich werde sie stark machen, mein Blut wird sie zum Leben wecken!«
»Auch mein Blut, denk daran; jeder Mann gibt sein eigenes Fleisch und Blut seinen Kindern. Versprich, nicht zu hoch zu fliegen, Icarus. Die Sonne, mein Sohn, die Hitze könnten diese Flügel zum Schmelzen bringen. Gib acht!« Und sie trugen die wunderbaren goldenen Flügel hinaus in den Morgen und hörten sie in ihren Armen flüstern, sie wisperten seinen Namen oder den Namen eines anderen, der aufstieg, herumwirbelte und wie eine Feder auf den leichten Lüften dahinschwebte.
Montgolfier.
Seine Hände berührten ein feuriges Seil, strahlendes Linnen, Fäden, die so heiß wie der Sommer waren. Seine Hände nährten eine züngelnde Flamme mit Wolle und Stroh.
Montgolfier.
Und sein Blick schweifte über die Wellen und Wogen, über das Schieben und Drängen des Ozeans, über die ungeheuren silbrigen Schaumhügel, die durch die lodernde Flamme auf geworfen und mit der schimmernden Luft der Gezeiten gefüllt waren. Schweigend wie ein Gott hing schlaffe Müdigkeit über der französischen Landschaft, dieses zarte Leintuch, diese schwellende Wolke kochendheißer Luft würde sich bald losreißen. Aufsteigend zu den blauen Welten des Schweigens, würden seine und seines Bruders Gedanken mit ihr ziehen, stumm und heiter zwischen Wolkeninseln, wo ungebändigte Blitze ruhten. In diesem auf keiner Karte verzeichneten Abgrund, wohin kein Vogelgezwitscher oder Menschenlaut folgen konnte, würde der Ballon zur Ruhe kommen. So aufs Geratewohl dahintreibend, könnten er, Montgolfier, und alle Menschen den unmeßbaren Atem Gottes hören, das gewaltige Band der Unendlichkeit.
»Ah …« Er bewegte sich, und auch die Menge wogte. »Alles ist bereit, alles ist richtig …«
Richtig. Seine Lippen verzogen sich im Traum. Richtig. Zischen, Flüstern, Flattern, Drängen. Richtig.
Den Händen seines Vaters entschlüpfte ein Spielzeug und sprang an die Decke, überschlug sich, blieb in der Luft hängen, während er und sein Bruder darauf starrten und es flimmern, flackern und pfeifen sahen und es ihre Namen murmeln hörten.
Wright.
Flüstern: Himmel, Wolke, Raum, Flügel, fliegen …
»Wilbur, Orville? Seht. Wie ist das?«
Ah. Sein Mund seufzte im Schlaf.
Der Spielzeug-Helicopter brummte, stieß gegen die Decke, murmelte:
Adler, Rabe, Sperling, Rotkehlchen, Falke; murmelte: Adler, Rabe, Sperling, Rotkehlchen, Falke.
Flüsterte: Adler; flüsterte: Rabe und flatterte zum Schluß auf ihre Hände, wie der Hauch eines Sommers, der noch in der Zukunft lag, und mit einem leichten Schwirren, einem letzten Atemzug, flüsterte es: Falke.
Er lächelte im Traum.
Er sah die Wolken am Ägäischen Himmel dahinjagen.
Er fühlte den Ballon unsicher schwanken, sein großer Körper war dem klaren, kräftigen Wind entgegengestemmt.
Er fühlte den Sand der weichen Dünen über die Klippen des Atlantik zischen, der Dünen, die ihn retten könnten, wenn er, ein junger Vogel, fallen sollte. Die Strebebalken des Gerüsts summten und tönten wie die Saiten einer Harfe.
Er fühlte, wie hinter diesem Raum die fertige Rakete in die Wüstenebene glitt, ihre Feuerflügel gefaltet, ihr Feueratem angehalten, bereit, um für zwei Milliarden Menschen zu sprechen. Gleich würde er aufwachen und langsam hinaus und zu dieser Rakete schreiten.
Und am Rande des Kliffs stehen.
Kühl im Schatten des warmen Ballons.
Durchgepeitscht von den Gezeitenstürmen, die über Kitty Hayk trommelten.
Und seine jungenhaften Gelenke, Arme, Hände und Finger mit goldenen Flügeln in goldenes Wachs einhüllen.
Und für ein letztes Mal den gefangenen Atem der Menschheit berühren, dieses warme Aufstöhnen von Scheu und Staunen, das ihre Träume säumt.
Und den Benzinmotor entzünden. Und die Hand seines Vaters ergreifen und ihm für seine eigenen, biegsamen und bereiten Flügel alles Gute wünschen.
Und dann aufwirbeln und springen.
Dann die Leinen durchschneiden, um den großen Ballon zu befreien. Dann den Motor anlassen, das Flugzeug in der Luft halten.
Und den Schalter durchdrücken, um die Rakete zu zünden.
Und in einem einzigen Satz, Zug, Sturm, Sprung, in einem Segeln und Gleiten, der Sonne, dem Mond, den Sternen zugekehrt, würden sie sich zusammen über den Atlantik, das Mittelmeer erheben; über das Land, die Wildnis, die Stadt, das Dorf; in luftleeres Schweigen, als schwerelose Feder, mit rasselndem Gefüge, in vulkanartigem Ausbruch, in angstvollem Brüllen; im Start, im Zögern, dann im ständigen Ansteigen, prachtvoll getragen, wunderbar geführt, und sie würden lachen und jauchzen und sich gegenseitig umarmen und verbrüdern. Oder die Namen anderer, noch nicht Geborener oder anderer lang Verstorbener ausrufen, die von dem Weinwind oder dem Salzwind oder dem stillen Säuseln der Heißluft im Ballon oder dem Wind des chemischen Feuers verweht waren. Und jeder würde die hellen Federn sich bewegen fühlen und die tiefvergrabenen Knospen der Flügel, die aus den Schulterblättern auszubrechen drohen. Jeder ließ das Echo seines Fluges zurück beim Umkreisen der Erde mit den Winden, um in späteren Jahren wieder den Söhnen von Söhnen ihrer eigenen Söhne davon zu erzählen, schlafend, aber den unruhigen Mitternachtshimmel sehend.
Hinaus, noch weiter hinauf, höher, höher! Eine Frühjahrsflut, ein Sommerstrom, ein nie endender Fluß aus Flügeln!
Eine Glocke schlug weich an.
Nein, flüsterte er, ich werde in einem Moment aufwachen. Warte … Das Ägäische Meer glitt unter dem Fenster weg, verschwand; die atlantischen Dünen, die französische Landschaft lösten sich in mexikanische Wüste auf. In seinem Zimmer nahe des Lagers rührten sich keine Federn in goldenem Wachs. Draußen waren keine vom Wind geformten Wasserblasen, keine rasselnden Maschinen. Draußen lag nur eine Rakete, ein leicht entzündbarer Traum, der darauf wartete, daß seine Hand ihn in Bewegung setzte.
In der letzten Sekunde seines Schlafs rief jemand seinen Namen. Ruhig gab er die Antwort, wie er sie während der Stunden nach Mitternacht immer wieder vernommen hatte. »Icarus Montgolfier Wright.« Langsam wiederholte er ihn, damit der Fragende ihn auch richtig verstand und sich die Reihenfolge der Buchstaben einprägen konnte. »Icarus Montgolfier Wright.
Geboren neunhundert Jahre vor Christus. Grundschule: Paris, 1783. Gymnasium: Kitty Hayk, 1903. Abschuß von der Erde zum Mond, heute, so Gott will, am 1. August 1965. Gestorben und begraben, wenn alles glückt, auf dem Mars, im Sommer 1999 im Jahre unseres Herrn.«
Dann ließ er sich allmählich dem Wachsein entgegentreiben.
Eine Stunde später, als er die Wüste durchschritt, hörte er jemanden wieder und wieder und wieder rufen: »Jedediah Prentiss …!«
Und er konnte nicht sagen, ob jemand hinter ihm war. Und auch nicht, ob es eine Stimme war oder viele, jung oder alt, nahe oder sehr weit entfernt, die ihn mit ihrem Ruf verfolgten – er konnte auch das nicht sagen. Er drehte sich nicht um, schaute nicht zurück.
Denn der Wind wurde allmählich stärker, und er gab sich ihm hin und ließ sich von ihm über die Wüste tragen – zu der Rakete, die dort auf ihn wartete.