Chad Oliver
und Charles Beaumont
Das letzte
Wort
Claude Adams stand zwischen den eingefallenen Ruinen der Stadt und ließ Sand durch seine Finger rinnen, wobei er mit Genugtuung feststellte, daß seine Hand nicht zitterte. Er spitzte die Ohren und lauschte.
Nichts rührte sich.
Träge trieb der Wind den Sand über die Berge von Unrat und Gerümpel, die Reste einer einst mächtigen Zivilisation.
Claude stieß einen lauten Ruf aus; er rief nicht aus Verzweiflung, sondern mit einer wissenschaftlichen, etwas unbeteiligten Kühle, die er unter diesen Umständen einfach bewundernswert fand. »Hallo! Kann mich jemand hören? Oder bin ich allein?«
Aber da waren nur der Wind und der Sand.
»Ich bin allein«, stellte Claude nicht unbefriedigt fest. »Schön.«
Er hatte es schon seit einiger Zeit gewußt. Er, Claude Adams, war der Letzte Mensch auf der Welt. Es schien ihm angemessen, dabei in Großbuchstaben zu denken, und die Symbolik gefiel ihm.
Er ging hinüber zu der Maschine, die er gebaut hatte, und betrachtete sie mit kritischen Augen. Die Ecken und Kanten waren ja nicht gerade sehr sorgfältig gearbeitet, das mußte er zugeben. Und die Skalenbeschriftung war vielleicht etwas ungenau. Trotzdem war sie keine schlechte Konstruktion.
Er würde sie benutzen müssen, das sagte ihm seine unbeirrbare Logik. Natürlich war das nicht etwa, weil er Menschenmengen oder Ähnliches besonders gern gehabt hätte.
Im Gegenteil, er war immer geneigt, sich ein einsames und ruhiges Leben aufzubauen. Aber er glaubte nicht an Übertreibungen. Es war gut, wenn man so weit wie möglich auf eigene Mittel zurückgreifen konnte, aber es gab auch Grenzen. Er runzelte die Stirn, während er immer noch auf die Maschine starrte.
Das Problem war einfach zu erklären: Er war der Letzte Mensch in der Welt, allein in einer Wüste aus Sand, Gerümpel und Ruinen. Er befand sich sozusagen am Ende einer Zeiteinheit. Um dieses Dilemma zu lösen, mußte er seine Maschine besteigen und so lange in die Zeit zurückreisen, bis er jemanden fand.
Natürlich nicht irgend jemanden.
Aber auf alle Fälle jemanden.
»Wer lange zögert, ist verloren«, dachte Claude.
Er straffte die Schultern und kletterte in seine rechtwinklige Maschine. Mit geschickten Fingern stellte er die Werte ein. Er ließ sich nieder und zog eine Ausgabe von Shooglys »Fortgeschrittene Theoretische Physik« aus der Tasche, mit der er sich während seiner Zeitreise unterhalten wollte. Zum Abschied hob er grüßend die Hand.
Dann drückte er den roten Knopf.
Die Maschine stoppte.
Claude legte das Buch beiseite, stand auf und gähnte. Er warf einen Blick auf den Zeitanzeiger.
»Zwei Millionen v. Chr.«, las er.
Er geriet nicht in Panik. Er setzte sich, stopfte seine Pfeife und zündete sie an. Er rauchte und dachte nach.
»Mieses Kraut. Nachkriegsplunder«, murmelte er. »Muß das Zeichen verpaßt haben.«
Er öffnete die Tür und stieg aus. Eine warme Sonne und eine angenehme Brise empfingen ihn. Er stand inmitten eines ungeheuer großen grünen Feldes, das mit Blumen übersät war. Er holte tief Luft und lächelte.
»Eine ganz schön lange Zeit«, dachte er. Er klopfte die Pfeife an seinen Schuhsohlen aus. »Ohne Zweifel bin ich jetzt der Erste Mensch auf der Welt.«
Er ließ sich in das duftende Gras nieder und streckte sich lang aus. Was fing man an, wenn man der Erste Mensch in der Welt war? Er war nicht ganz sicher. Die Symbolik des Augenblicks entging ihm nicht. Aber was gab es für ihn zu tun – außer im Sonnenschein herumzuhüpfen und sich wohlzufühlen?
Ein klirrendes Geräusch auf der anderen Seite seiner Maschine unterbrach seine Überlegungen. Mit unerwartetem Enthusiasmus sprang Claude auf die Füße.
»Großer Gott«, sagte er.
Vor ihm stand ein Wesen.
Ängstlich verschränkte es seine Hände zu einer flehenden Geste. Bei jeder Bewegung quietschte sein Getriebe mitleiderregend.
Voller Interesse musterte Claude den Gegenstand. Dem Aussehen nach war er menschlich.
»Trotzdem bin ich noch der Erste Mensch in der Welt«, sagte er.
Der klirrende Humanoid sollte sicher weiblich sein. Sein Zustand war mitleiderregend. Er war hoffnungslos verrostet, und einige Teile wiesen Risse auf. Schlaff hing die Haut von seinem metallenen Körpergestell herab. Seine Augen waren trüb und seine Haare matt. »Ein Roboter?« murmelte er. »Oder ein Android? Ganz offensichtlich ist es mechanisch aufgebaut, aber ganz schwach erinnert es an eine Frau.« Das Ding rasselte mit den Füßen. »Brrkl?« schnarrte es.
Claude wollte sich nicht von Gefühlen beeinflussen lassen.
Freundschaftlich beklopfte er die Stirn der Kreatur und lauschte dem leeren dumpfen Ton, der darauf folgte.
»Öl«, sagte er, mit den Fingern schnappend.
Er kletterte in seine Zeitmaschine und holte aus der Vorratskammer eine Tube mit Öl. Eigentlich hatte er es für seine Maschine vorgesehen, aber schließlich blieb Öl Öl, dachte er, und er konnte eine Dame nicht im Stich lassen.
Außerdem war seine Neugierde geweckt.
In einem Anfall ärztlicher Hilfsbereitschaft machte er an dem Rücken des Wesens ein kleines Loch ausfindig, das von dem zerzausten Haar verdeckt war. Während es dankbar winselte, drückte er eine großzügige Portion Öl in das Innere.
Es wirkte unmittelbar.
Das Ding richtete sich mit einer gewissen Grazie auf und wurde eine Frau. Sie lächelte und brachte einen Kamm zum Vorschein, mit dem sie durch ihr Haar fuhr. Ihre Haut straffte sich, und ihre Augen begannen zu glänzen.
»Brrkl«, schnarrte sie und versuchte sich an ihn zu schmiegen.
Er stieß sie zurück. »Die Umwandlung ist noch nicht vollständig«, sagte er und musterte sie mit einer gewissen Zurückhaltung. »Versuch dich zu beherrschen, meine Liebe.«
Sie schien enttäuscht, sprang auf ihren frischgeölten Gliedern auf und ab und deutete ihm an, ihr zu folgen.
»Was nun?« fragte Claude.
Er folgte ihrer fröhlich dahinhüpfenden Figur quer über die Grasebene und stellte fest, daß sie immer gefälliger wirkte, je weiter sich das Öl in ihrem Körper ausbreitete.
»Die Dämmerung der Menschheit«, dachte Claude.
Plötzlich hörte er Musik. Seine feinen Ohren nahmen die weichen Töne von Flöten wahr, unendlich traurig und melancholisch.
Auf einer kleinen Anhöhe blieben sie stehen, und da waren sie, die Musiker. Aber was für Musiker waren das? Vor ihnen, auf einer Lichtung neben einem See, war die seltsamste Ansammlung von Wesen, die er je gesehen hatte. Lässig zurückgelehnt, lagen sie im saftigen Gras.
»Was hat das zu bedeuten?« flüsterte Claude. »Wer sind diese Leute?«
»Brrkl.« Der Arm des Androiden fuhr in die Höhe (das Schultergelenk wirkte noch ein wenig steif), ein Finger streckte sich aus.
Claude folgte der Richtung mit scharfem Blick und verlor fast die Fassung. Dort unten lag ein Raumschiff; sein blankes Metall war mit zahlreichen Rostflecken besprenkelt und wies Anzeichen von Verfall auf. Das Glas war blind, seine einstige leuchtende Farbe von der Sonne ausgebleicht.
Die harmonische Musik schien leicht zu zittern: die Töne lösten sich schwer von den herzförmigen Flöten und hingen in der Luft.
Claude schritt auf die Musiker zu. Abgesehen von der Hautfarbe, die an Seetang erinnerte, unterschieden sich diese Leute nur wenig von menschlichen Wesen. Sie hatten die gleiche Anzahl Arme und Beine. Aber nie hatte Claude einen solchen Grad von Zerbrechlichkeit gesehen; sie wirkten wie Porzellanfiguren.
Er achtete darauf, wo er hintrat.
Eine ruhige Stimme sagte: »Willkommen!«
Claude nickte. Telepathen, was?
Die Gestalten bewegten sich nicht, nur ihre wohlgeformten Finger glitten über die silbernen Saiten.
Die Stimme in Claudes Kopf murmelte: »Wir kommen von dem Planeten, den ihr Mars nennt.«
Die Musik wurde noch trauriger.
Einer der grünen Männer setzte ein tragisches Lächeln auf. Er pflückte eine kleine Blume und brach in Tränen aus. Die andern reagierten ähnlich.
»Wir erforschten das Solarsystem, als unser Schiff auf die Erde fiel. Es war … furchtbar. Jetzt sind wir hier.«
Claudes Gesicht hellte sich auf.
»Technische Schwierigkeiten?« fragte er.
»Ja. Wir würden gern wieder wegfliegen.«
Claude rieb sich die Hände. »Vielleicht kann euch ein bißchen solide Fachkenntnis aus der Patsche helfen.«
»Das ist hoffnungslos. Aber du bist gut.«
»Wollen uns mal ein bißchen umsehen.«
Seufzend erhoben sich zwei der Marswesen aus dem Gras. Sie wirkten fast durchsichtig, als sie zum Raumschiff gingen.
»Laßt mich nur ein bißchen herumschnüffeln«, sagte Claude und kletterte hinein.
Drinnen herrschte ein Labyrinth von Drähten, Röhren, Knöpfen, Skalen und Antennen. Claude schüttelte den Kopf. Dann bemerkte er ganz unten plötzlich etwas.
Offensichtlich war es ein Heizkessel.
Daneben lag ein gewaltiger Stoß Holz.
»Aha«, murmelte er. Es war die verteufelt einfachste und klügste Vorrichtung, die er kannte. Das Schiff arbeitete auf Grund des absurd einfachen – und daher genialen – Prinzips der Außenverbrennung oder Selbstzündung!
Die Lösung lag auf der Hand.
Claude verließ strahlend das Schiff.
»Ich glaube, ich habe es in Ordnung gebracht«, sagte er.
Traurig stiegen die Marswesen die Leiter hinauf. Claude zog ein paar Zehndollarnoten aus der Brieftasche – die jetzt wertlos waren und schichtete etwas Kleinholz zusammen. Dann hielt er seinen Pfeifenanzünder an die Papiernoten. In wenigen Augenblicken loderte eine helle Flamme auf.
Das Schiff zitterte.
Claude lief eilig davon und hielt es für besser, die Luftschleuse hinter sich zu schließen. »Unpraktische Narren«, kicherte er.
Draußen wartete der immer weiblicher werdende Android auf ihn.
Er wandte sich um, aber das Schiff hatte sich schon vom Boden erhoben.
Die Stimme, die in Gedanken zu ihm sprach, war von würdevoller Gelassenheit. »Erdenmensch, du hast uns einen Dienst erwiesen. Marsianer vergessen nichts. Der Android gehört dir.«
Dann stieg das Schilf in einer Wolke von Blitzen und Feuer in den Himmel auf.
Die Hand des Androiden legte sich auf seinen Arm.
Er drehte sich um und berührte seine Schulter. Sie war erstaunlich weich.
»Ich werde dich Eva nennen«, sagte er.
Die Symbolik entging ihm nicht.
Nach angemessener Zeit kam ein Kind zur Welt.
Hingerissen zwischen Kain und Abel, nannte Claude Adams es Sohn. Dieser Kompromiß nagte an ihm, denn er liebte Klarheiten. Aber er konnte sich nicht helfen.
Das erste Anzeichen dafür, daß Sohn irgendwie andere Anlagen hatte, wurde deutlich, als der Junge drei Monate alt war. Er tötete ein Kaninchen, indem er es mit wäßrigen Augen unentwegt anstarrte. Diese Tatsache verwirrte Claude einigermaßen, aber seine unheilige Neugierde gewann die Oberhand.
Er begann den Jungen aufmerksam zu beobachten.
Als Sohn bereits mit Saugbewegungen begann, während Eva noch gute hundert Meter von ihm entfernt war, wußte Claude Bescheid. Sohn war tatsächlich anders als normale Kinder.
»Psi-Faktoren«, murmelte Claude und stapfte mit schweren Schritten im Gras hin und her. »Der mysteriöse Chemismus des Blutes. Die Reststrahlung der Atombomben. Dem Zeitstrom ausgesetzt sein. Veränderung des Aufbaus der Chromosome. Der Junge ist ein Mutant!«
Und das traf tatsächlich zu.
Aber sie hatten ihren Sohn, und im großen und ganzen verlebten sie eine glückliche Zeit. Das Sonnenlicht, die grünen Felder und die langen Sommertage gehörten ihnen allein.
Und die Nächte!
Eva konnte einen Mann verrückt machen, wenn sie ordentlich geölt war.
Aber das Paradies würde einen Preis fordern, überlegte Claude.
Um im Garten von Eden zu spielen, mußte man bezahlen. Die friedlichen Jahre vergingen, und keine Flitterwochen währen ewig.
Es begann mit Kleinigkeiten.
Eva war schlecht gelaunt und leicht reizbar. Sie schlief bis in den späten Morgen hinein und latschte in ungepflegten Blättern in den Feldern herum. Er beschäftigte sich damit, seine Zeitmaschine zu polieren, und zog sich oft in die Kabine zurück, wo er seine Pfeife rauchte und mit den Skalenscheiben spielte. Schließlich rief er Sohn heran.
»Willst du dich aus dem Staub machen, Paps«, sagte Sohn verstehend. Er räkelte sich wohlig: »Willst du Mutsch sitzenlassen?«
»Ja«, gab Claude zu. »Ich gehe in die Zukunft, Sohn. Vielleicht komme ich später wieder zurück. Würdest du gerne mitkommen?«
Anmutig drehte sich Sohn in der Luft einmal um sich selbst und zog die Knie unters Kinn. »Geh nur schon vor, Paps, ich hole dich später ein.«
»Aber du hast keine Maschine, Sohn.«
Sohn lächelte großzügig. »Ich werde schon hinkommen«, sagte er. »Laß mich nur machen.«
»Tapferer Bursche.«
Mit großer Sorgfalt traf Claude seine Vorbereitungen. Genau zwölf Jahre, nachdem er das erste Mal die Grasebenen betreten hatte, kletterte er wieder in seine Maschine.
Das Herz wollte ihm schwer werden.
Die seit langem leere Öltube nahm er mit, und seine Augen glänzten feucht.
Er bewegte die Zeiger über die Skalenscheiben.
Und dann drückte er den roten Knopf zum zweiten Male.
Zuerst zischte es, dann folgte ein mahlendes Geräusch. Die Maschine hielt an.
Claude bewegte sich auf den Ausgang zu. »Prima«, sagte er. »Das zwanzigste Jahrhundert, wenn ich mich nicht irre!« Er blickte auf den Zeitanzeiger.
Er hatte sich geirrt.
Der rote Pfeil schwankte leicht um 3042 n. Chr. Claude runzelte die Stirn. »Verdammt komisch«, murmelte er.
Natürlich konnte die Maschine nicht wieder in Gang gebracht werden, bevor sie richtig ausgekühlt war.
Claude öffnete die Tür. Die Automatik schwenkte sie nach innen, wo sie an einen ziemlich formlosen Gegenstand in der Ecke stieß, von dem Claude sofort wußte, daß er sich vorher nicht dort befunden hatte.
»Eva!«
Steif erhob sie sich aus ihrer zusammengekrümmten Lage.
»Ich habe mich versteckt«, sagte sie. »War das sehr schlimm von mir, Liebster?«
Claude seufzte. »Ob das falsch war? Was ist denn richtig? Jedenfalls sind wir nun hier.«
Sie traten durch die Tür ins Freie. Heller Sonnenschein und eine kräftige Brise empfingen sie. Claude rümpfte die Nase und musterte seine Umgebung.
Er befand sich in einer Stadt. Um ihn herum ragten hohe, schlanke Gebäude in die Luft. Große Schwärme winziger Flugzeuge kreisten darüber, und auf den beweglichen Gehsteigen standen unzählige Menschen. Claude beobachtete sie. Sie schienen sich alle zu ähneln, als wären sie nur eine einzige Person, die immer und immer wieder gespiegelt wurde, tausendfach. Ihre Gesichter waren ohne Ausnahme ausdruckslos. Sie starrten auf winzige Schachteln, aus denen Antennen ragten. Sie trugen sie an Riemen, die sie um den Hals geschlungen hatten.
»Liebst du mich?« fragte Eva.
»Ja und nein«, antwortete Claude ausweichend und beschleunigte seine Schritte.
Dann blieb er stehen. Zu seinen Füßen wuchs ein Büschel Löwenzahn. Er rupfte eine kräftige Blume heraus.
Augenblicklich senkte sich aus dem Himmel ein Flugzeug herab und landete neben ihm.
Die Tür öffnete sich. Niemand war darin zu sehen.
»Name?«
»Claude Adams. Und Ihrer?«
»Adresse?«
»Im Augenblick habe ich leider keinen festen Wohnsitz.«
»Sie sind verhaftet. Wir buchen Sie auf 703-A.«
»703-A?«
»Richtig. 703-A. Neugier.«
Claude hatte plötzlich seine Füße nicht mehr unter Kontrolle. Sie trugen ihn in die Kabine. Er setzte sich. Die Tür ging zu. Das Flugzeug erhob sich.
»Ich hole dich heraus!« rief Eva von unten. »Mach dir keine Sorgen. Ich werde mit irgend jemandem reden!«
Ihre Stimme wurde leiser und verstummte.
Claude drückte eine Portion starken Tabak – seinen letzten – fest in den Pfeifenkopf, streckte sich lang auf dem fasrigen Strohsack aus und versuchte nachzudenken.
Zweifellos befand er sich im Gefängnis, obgleich es gar nicht so aussah. Gitter gab es nicht, nur einen seichten Graben, über den man leicht hinwegspringen konnte, und eine gewisse Einfachheit der Möbel deutete auf Gefangenschaft hin.
Ein ersticktes Schluchzen ertönte.
Claude drehte sich um und stellte fest, daß er nicht allein war. In einer Ecke hockte trostlos ein junger Mann und drehte an den Knöpfen eines Fernsehgeräts.
»Wo fehlt’s?« fragte Claude demokratisch.
»Der Fernseher«, seufzte der Mann.
»Er geht nicht. Verstehen Sie? Er geht nicht!«
In diesem Augenblick ertönte ein hohles Gelächter.
Aus der anderen Ecke erschien ein älterer Mann mit einem Bart. »Und er wird auch nie funktionieren«, kicherte er.
Der junge Mann ging ärgerlich auf den Alten los, und Claude wandte sich ab.
»Erzählen Sie mir etwas über diese Zivilisation«, sagte er nach einer Weile zu dem Alten. »Ich scheine eine Art Amnesie zu haben.«
»Was ist da schon zu erzählen?«
Der Bärtige zuckte die Schultern.
»Als vor fünfzig Jahren die Herrscher vom Mars kamen, merzten sie den Krieg aus, die Verbrechen, Leiden, Krankheiten und die Arbeit. Es scheint, als täten sie das aus Dankbarkeit für einen Gefallen, den ihnen ein Erdenmensch einmal geleistet hat. Seitdem leben wir von den Erträgnissen des Landes. Die Große Maschine sorgt für alles –«
»Die Große Maschine?«
»Ein sehr komplizierter Mechanismus«, sagte der bärtige Mann mit warmer Stimme. »Kybernetik und so. Sie hat die Nervenstrukturen aller lebenden Menschen auf der Erde aufgezeichnet – sie kann dein Gehirn ausblasen, wenn du aus der Reihe tanzt. Und nicht nur das, sie dient als elektronischer Nährboden für jede Struktur auf dem Planeten. Ohne die Große Maschine, mein Freund, gäbe es hier kein einziges verarbeitetes Molekül, das auch nur groß genug wäre, um drauf zuspucken.«
»Hm«, machte Claude.
Er dachte nach.
Eva kam am nächsten Tag. Er sah, wie sie sich langsam über den weichen grünen Rasen näherte.
»Eva!«
Am Wasser blieb sie stehen und hielt den Blick gesenkt.
Claude eilte zum Rand des Grabens. »Eva«, rief er. »Was gibt es Neues?«
»Ich bin durchgekommen«, sagte Eva. »Ich habe mit ihr gesprochen. Mit der Großen Maschine.«
»Oh! Ist sie hier in der Stadt?«
»Ja.«
»Schön. Werde ich also sofort wieder entlassen?«
Evas Zehen spielten mit einem Gänseblümchen. Sie schien zu erröten. »Nein«, murmelte sie. »Sie hat deine Strafe auf neunzig Jahre erhöht.«
Claude taumelte. »Du bist böse«, sagte er. »Ich habe dich verlassen, und das ist nun deine Rache –«
»Nein.« Eva hob den Kopf. Ihr Gesicht zeigte einen ihrer beiden Ausdrücke, aber nicht den der Freude. »Du mußt versuchen, mich zu verstehen, Claude. Ich bin zu der Großen Maschine gegangen. Mit den allerbesten Absichten. Dann … geschah etwas. Chemische Verschwägerung, ineinandergreifende Stromkreise – oh, ich weiß nicht!«
»Ineinandergreifende Stromkreise?«
Eva lächelte vor sich hin. »Ich bin mechanisch«, sagte sie langsam.
»Die Große Maschine ist mechanisch. Wie es nun mal so geschieht, Claude. Sie war einsam.«
»Genug. Schweig.«
Claude setzte mit einem großen Sprung über den Graben und packte Eva bei den Schultern. »Wo ist sie?« tobte er. »Komm, ich weiß, daß sie hier irgendwo in der Gegend ist.«
»Dort. Das domartige Gebäude an der Ecke. Oh, Claude –«
Claude rannte, so schnell er konnte. Sein Blut kochte. Da die Große Maschine alle Nervenstrukturen jedes Menschen auf der Erde kannte, brauchte sie keine Wachen. Claude drang ohne Schwierigkeiten in den zentralen Rundbau ein.
Die Große Maschine, die wie ein ungeheurer Dynamo aussah, summte.
»Maschine«, murmelte Claude, »sprich dein Abschiedsgebet.«
Er besichtigte sie. Sie war aus schwerem Material. Nirgends zeigte sich eine empfindliche Stelle. Sie summte, und in ihren hohlen Tiefen flackerten Lichtpunkte.
Irgendwo mußte sie doch eine Achillesferse haben.
Claude ging mit all seinen wissenschaftlichen Kenntnissen an die Aufgabe, kam aber nicht weiter.
Fast verzweifelt trat er die Maschine mit Füßen.
Dann bemerkte er etwas Seltsames über seinem Kopf schweben.
Es war Sohn.
»Der Stecker, Paps«, sagte Sohn.
»Wie bitte?«
»Der Stecker. Zieh den Stecker raus!«
»Natürlich!«
Die Große Maschine sandte Schwingungen aus. Sie summte und zitterte, als sich Claude der Steckdose näherte. Sie kannte Angst.
»Verdammt schlau«, sagte Claude und riß mit einem Ruck den Stecker heraus.
»Hop!« schrie Sohn. »Halt dich fest, Paps!«
Die Welt schien aus den Fugen zu geraten. Gegenstände schäumten auf. Claude schwankte, Übelkeit befiel ihn.
Gebäude stürzten ein, ihre elektronische Matrize war zerstört.
Die Menschen fielen auf der Stelle um, ihre Nervenzellen konnten nicht mehr arbeiten.
Claude fühlte, wie er stürzte …
Es wurde dunkel.
Er erwachte in den Ruinen der Stadt. Ein träger Wind schob den Sand durch die Trümmerhaufen, die einst eine mächtige Zivilisation beherbergt hatten.
Ringsum herrschte Totenstille.
Sohn flog rücklings über einen großen Felsblock und landete dicht neben seinem Vater. »Mutsch ist hier«, sagte er. »Sie verlangt nach dir.«
Nebeneinander gingen sie zu einer Lichtung, die von versengtem Laubwerk umgeben war. Eva saß schweigend auf einem zerbrochenen Stück Mauerwerk. Ihr Gesicht war feucht von zahlreichen Tränen.
Claude ergriff ihre Hand.
»Eva«, sagte er. »Du und ich und Sohn sind jetzt die Zivilisation. Verstehst du, was das bedeutet?«
»Ja.«
»Und hast du Angst?«
»Ein bißchen. Es ist nicht leicht, die Mutter einer ganzen Rasse zu sein.«
»Nein«, gab Claude zu, »das ist nicht leicht. Die Aufgabe ist für uns beide allein zu groß. Wir brauchen eine Frau für Sohn. Wir müssen ein weibliches Kind bekommen.«
Sohn lächelte.
Claude straffte die Schultern.
Hand in Hand ging er mit Eva in die Büsche.