Richard Matheson
Modell zum Überleben

 

 

Und sie standen unter den Kristalltürmen, unter den glatt polierten Höhen, die, wie funkelnde Spiegel, goldene Strahlen der untergehenden Sonne auf ihre Gesichter zauberten, bis ihre Stadt zu einer pulsierenden, aufblitzenden Wolke wurde.

Ras legte einen Arm um die Taille seiner Geliebten.

»Glücklich?« fragte er mit zärtlicher Stimme.

»O ja«, hauchte sie. »In dieser, unserer Stadt, in der Frieden und Glück für alle herrschen – wie könnte ich hier nicht glücklich sein?«

Der Sonnenuntergang warf seinen rosigen Segen über ihre Umarmung – ENDE

 

Das Geklapper verstummte. Seine Hände falteten sich wie eine Blüte zusammen; er schloß die Augen. Die Erzählung war wie köstlicher Wein, der durch seinen Körper rieselte. Ich hab’s wieder geschafft, summte er, beim heiligen Georg im Himmel, ich hab’s wieder einmal geschafft.

Er versank in einem Meer von Zufriedenheit. Zum drittenmal tauchte er darin unter. Wieder an der Oberfläche, neugeboren, überschlug er die Wortanzahl, adressierte den Briefumschlag, steckte das Manuskript hinein, wog das Ganze, klebte die Briefmarken auf und versiegelte den Umschlag. Noch ein tiefes Tauchen in die Gewässer der Glückseligkeit, und dann auf zum Briefkasten.

Es war fast zwölf, als Richard Allen Shaggley in seinem schäbigen Mantel die stille Straße hinunterhumpelte. Er mußte sich beeilen, sonst würde er nicht mehr rechtzeitig vor dem Entleeren hinkommen – und das durfte nicht geschehen. Ras und die Stadt aus Kristall war zu überragend, um auch nur einen einzigen weiteren Tag zu warten. Der Verkauf war sicher.

Das riesige Loch mit den Rohren umgehend (wann, im Namen des Himmels, würden sie endlich diesen verdammten Abflußkanal reparieren?), hinkte er eilig weiter. Die starren Finger umklammerten den Umschlag. Sein Herz pochte heftig.

Mittag. Er erreichte den Briefkasten und hielt ängstlich nach dem Postboten Ausschau. Nichts zu sehen. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm. Mit gerötetem Gesicht lauschte Richard Allen Shaggley dem gedämpften Aufplumpsen des Umschlags auf dem Boden des Briefkastens.

Hustend schlurfte er davon.

 

Die Füße schmerzten wieder. Er watschelte mit zusammengebissenen Zähnen und der Ledertasche, die seine schmalen Schultern nach unten zog, die ruhige Straße entlang. Werde alt, dachte er, habe keinen Schwung mehr. Rheumatismus in den Beinen. Das macht es schwer, die Route abzugehen.

Um Viertel nach zwölf langte er bei dem dunkelgrünen Briefkasten an und zog den Schlüssel aus der Tasche. Mit einem Ächzen bückte er sich, öffnete den Kasten und zog den Inhalt heraus.

Ein Lächeln erhellte sein schmerzverzerrtes Gesicht; er nickte. Eine neue Geschichte von Shaggley. Wird wahrscheinlich auf der Stelle angenommen. Der Mann kann schreiben.

Al richtete sich stöhnend wieder auf, ließ den Umschlag in seinen Sack gleiten, verschloß den Briefkästen und schlurfte, noch immer lächelnd, davon. Macht einen Menschen stolz, dachte er, seine Geschichten zu tragen; wenn einem die Beine auch zu schaffen machten.

Al war ein Shaggley-Fan.

 

Als Rick kurz nach drei am selben Nachmittag in sein Büro zurückkam, lag auf seinem Schreibtisch eine Notiz von seiner Sekretärin. Neues Manuskript von Shaggley gerade eingetroffen. Wundervolle Arbeit. Vergessen Sie nicht, daß R. A. es sehen will, sobald Sie durch sind. S.

Freude erhellte das sonst so strenge Gesicht des Redakteurs. Beim heiligen Georg im Himmel, das war Manna für einen Mann, dem ein fruchtloser Nachmittag gedroht hatte. Mit zurückgezogenen Lippen, was bei ihm ein Lächeln bedeutete, ließ er sich in seinen Ledersessel fallen, bezwang seine unruhigen Finger, die nach dem blauen Bleistift greifen wollten (das war bei einem Shaggley-Abenteuer nicht nötig), und nahm den Umschlag von der zersplitterten Glasplatte des Tisches. Beim Georg, eine Shaggley-Story; welch ein Glück! R. A. wird strahlen.

Er sank in die Kissen zurück und war im Nu in die Geschichte vertieft. Fast atemlos versank er in den Tiefen der Erzählung. Welche Erzählerkraft! Wie der Mann schreiben kann! Abwesend wischte er etwas Mörtelstaub von seinem Ärmel.

Während er las, kam ein Wind auf und zerzauste sein strohblondes Haar. Unbewußt hob er die Hand und fuhr vorsichtig mit einem Finger an einer Narbe entlang, die sich über die Wange bis zur Schläfe zog.

Der Wind wurde stärker. Er heulte und verstreute vergilbte Blätter auf dem feuchten Teppich. Rick bewegte sich unruhig und heftete seinen Blick auf den klaffenden Spalt in der Wand (wann würden sie endlich diese Schäden beheben?) und wandte sich dann wieder Shaggleys Manuskript zu.

Als er am Ende angelangt war, wischte er sich eine bittersüße Träne von der Wange und preßte einen Knopf an der Sprechanlage. »Einen Scheck für Shaggley«, befahl er.

Um halb vier trug er das Manuskript in R. A.s Büro und ließ es dort liegen.

Um vier lachte und weinte der Verleger, und seine knochigen Finger rieben über die kahle Stelle auf seinem Kopf.

Glückstränen hinderten den alten, buckligen Dick Allen an diesem Nachmittag fast am Sehen, als er Shaggleys Story setzte, sein Schluchzen verschluckte das Klappern seiner Maschine.

Die Erzählung traf kurz nach sechs im Stand ein. Der Händler mit dem narbigen Gesicht trippelte von einem müden Bein aufs andere, als er sie sechsmal las, bevor er sie zögernd und widerwillig zum Kauf anbot.

Um halb sieben kam der kleine glatzköpfige Mann die Straße heraufgehumpelt. Ein Tag harter Arbeit, ein wohlverdienter Feierabend, dachte er, und blieb am Zeitungsstand an der Ecke stehen, um sich etwas zum Lesen zu kaufen.

Er japste. Beim heiligen Georg im Himmel, eine neue Shaggley-Story! Welch ein Glück!

Und auch noch das einzige Exemplar! Er ließ einen Vierteldollar für den Verkäufer liegen, der gerade nicht in der Nähe war.

Er trug die Geschichte nach Hause, an skelettartigen Ruinen vorbei (seltsam, daß sie nicht beseitigt wurden), und las sie schon unterwegs.

Er beendete sie, noch bevor er zu Hause ankam. Zum Abendessen las er sie noch einmal und schüttelte den Kopf über das Wunder der Spannung. Sie haucht mir neues Leben ein, dachte er, sie inspiriert mich.

Aber nicht heute abend. Jetzt war es Zeit, die Dinge wegzuräumen; die Hülle über die Schreibmaschine, den schäbigen Mantel, die fadenscheinigen schmalgestreiften Ärmelschoner, die Augenlider, die Postbotenkappe und den Ledersack – alles an seinen Platz.

Um zehn schlief er und träumte von Pilzen. Und am Morgen wunderte er sich wieder einmal, warum die ersten Beobachter die Wolke nicht als einen Giftpilz beschrieben hatten.

Gegen 6 Uhr morgens hatte er bereits gefrühstückt und saß hinter der Schreibmaschine.

Diese Geschichte erzählt davon, so schrieb er, wie Ras die wunderschöne Priesterin von Shahglee traf und sie in heißer Liebe zu ihm entbrannte.