Jay Williams
Das Gesetz der Asa

 

 

Sie hatten alles für den ersten Menschen auf dem Mars vorausberechnet, nur nicht die Widgits. Vorbereitungen für den Kontakt mit irgendwelchen Intelligenzwesen waren mit peinlichster Genauigkeit getroffen worden, und auch solche für das Vorfinden von Bakterien oder Viren; es war für Nahrung, Wasser, Luft und Transportmöglichkeiten gesorgt und für viele andere Dinge. Aber an so etwas wie die ouljit-li hatte niemand gedacht. Dieser Name bedeutete in der Sprache der eingeborenen Asa soviel wie Plage, und wenn die Menschen Widgits sagten, dachten sie genau das gleiche.

»Unser Fehler war«, sagte Kommissar Eisenstein und wälzte seine zweihundert Pfund im Sessel hin und her, »daß wir den Mars als einen Planeten betrachtet haben, und nicht als eine Welt.«

Der ernste junge Mann ihm gegenüber nickte verstehend.

Der Kommissar legte die Fingerkuppen aneinander. »Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte. Das Ergebnis zu großer Vereinfachung wahrscheinlich. Aber wir hielten den Mars immer für homogen: eine große sandige, von Kanälen durchzogene Wüste, ein einheitlicher Typ von homo sapiens. Es ist genauso, als würden wir uns unsere Welt nur als New-England vorstellen und die Bewohner nur als Yankees. Eine Vorstellung«, fügte er mit einem Seufzer hinzu, »der wir nur allzu oft begegnen.«

Er ergriff sein Glas, schüttelte es ein wenig und trank dann davon. Trotz des wachen Gesichtsausdrucks des andern bemerkte der Kommissar, daß dessen Gedanken ganz woanders waren. Komischer Mensch, dachte Eisenstein. Das Weltbüro für Marsangelegenheiten hatte sich in seinen Entscheidungen immer als recht geschickt erwiesen; seltsamerweise gingen die Dinge dort trotz der bürokratischen Hindernisse ganz gut voran. Als Beweis dafür nahm Eisenstein seine Berufung für diesen Posten an – er kam von einem relativ ruhigen Dienst als Professor für Anthropologie –, der sich für beide Teile als äußerst günstig ausgewirkt hatte.

Eisenstein schüttelte den Kopf und folgte dem Blick des jungen Mannes. »Ach ja, stimmt«, bemerkte er trocken. »Ich habe Ihnen meine Sekretärin noch nicht vorgestellt. Kommen Sie herein, Lucy. Das ist Leonard Jackson. Herr Jackson, Lucy Ironsmith.«

Leonard stand auf, was jemand von seiner Größe lieber unterlassen sollte. Es folgte eine etwas peinliche Pause, während die Säuberungseinheit den kleinen Tisch geraderückte, das gebrochene Glas aufsammelte und mit ihrem Luftschlauch den Fußboden vor Leonard trocknete. Als sie sich wieder zurückgezogen hatte, stammelte Leonard: »Es tut mir furchtbar leid. Ich bin schon immer – ich meine, ich sollte mich mehr in acht nehmen. Ich habe nicht richtig aufgepaßt, meine ich.«

»Machen Sie sich nichts daraus«, brummte der Kommissar gutmütig. »Es ist sicher nicht Ihre Schuld gewesen.«

Lucy Ironsmith war es wert, angesehen zu werden. Sie hatte nicht die Schönheit eines Modells, aber sie war schlank und sehnig. Sie besaß die reine, blasse grüne Haut und das silberne Haar, das für die Marsbewohner aus den äquatorialen Zonen so typisch war; ihre ovalen karmesinroten Augen leuchteten.

Freundschaftlich klopfte sie dem Kommissar auf die Schulter und sagte mit einem hübsch klingenden Akzent in englischer Sprache: »Schon gut, Sam. Herr Jackson wird glauben, wir haben kein Benehmen hier.« Sie berührte zum Gruß Leonards Arm und ließ sich in einen Sessel fallen. »Vom Weltbüro?« fragte sie.

»Herr Jackson soll die Ökologie der Tundra studieren«, erklärte der Kommissar. »Im besonderen Hinblick auf Parasiten der Widgits.«

»Widgit-Kontrolle? Das klingt für mich so wie eine der Aufgaben über Var-am.«

»Was? Oh – natürlich. Wir haben da eine Sage. Herkules. Richtig. Für mich ist das eine faszinierende Sache«, fuhr er fort und griff nach dem neuen Glas, »wie sehr sich die Sagen und Mythen auf unseren beiden Welten gleichen! Am auffälligsten ist es dort, wo auch die gleichen Sitten und Gebräuche herrschen, ein Ergebnis gewisser Übereinstimmungen des Verhaltens gegenüber der Außen…. Aber entschuldigen Sie, bitte, Herr Jackson, es ist mir noch nicht gelungen, die Vergangenheit ganz abzuschütteln.«

»Macht nichts«, sagte Leonard. »Es interessiert mich wirklich sehr, vor allem möchte ich so viel wie möglich über den Mars erfahren. Ich wollte Fräulein Ironsmith sowieso fragen – übrigens, eh – ist Fräulein richtig? Ich meine, sind Sie verheiratet?«

Lucy errötete, und einen Augenblick lang preßten sich ihre Lippen aufeinander. Dann aber lachte sie. Der Kommissar schien entsetzt; er war von dem Stuhl hochgeschnellt, holte tief Luft und sagte: »Verzeihen Sie – Un Uam deolg. Bitte, entschuldigen Sie seine Ungezogenheit.« Und zu Leonard gewandt: »Sie müssen sich entschuldigen. Ihre Frage war nach unseren Begriffen nicht beleidigend gemeint, aber gemäß den Sitten hier zeugte sie von sehr schlechtem Benehmen. Das ist genauso, als fragten Sie eine wohlerzogene junge Dame aus Akron, Ohio, etwa, ob sie eine Prostituierte sei.«

»Oh, mein Gott«, stöhnte Leonard. »Ich wollte nicht – es tut mir leid. Es tut mir wirklich sehr leid, Fräulein lronsmith.«

»Schon gut. Sie sind noch nicht lange hier, und man kann nicht erwarten, daß Sie schon alle Sitten der Erde kennen.« Sie schluckte. »Sehen Sie, jetzt muß ich mich entschuldigen. Denn wir nennen unsere Welt in unserer Sprache auch Erde, das vergesse ich meistens beim Übersetzen.«

»Dann sind wir ja quitt«, mischte sich der Kommissar wieder ein. »Und nun wieder zu Ihnen, Herr Jackson. Sie sagten, sie hätten vor, mehrere Monate hier zu bleiben, um Material zu sammeln. Ich muß Sie aber doch bitten, wenigstens die ersten paar Wochen darauf zu verwenden, die Gewohnheiten und auch ein wenig die Sprache der Asa kennenzulernen. Die Asa sind die Bewohner der Tundra. Sie scheinen sehr neugierig zu sein, und es könnte Ihnen passieren, daß Sie sie gelegentlich beleidigen, ohne es zu wollen. Und die Asa sind in gewisser Hinsicht ziemlich ungehobelte und wilde Leute, das wollte ich Ihnen noch sagen.«

Leonard seufzte. »Ich werde mein Bestes tun«, sagte er.

Lucy machte mit der Hand eine Bewegung, die ein Zeichen der Versöhnung bedeutete. »Und ich werde Sie dabei unterstützen«, sagte sie.

Leonard zog sich in die ihm zur Verfügung gestellten Zimmer zurück, ein großes Apartment mit zwei riesigen Fenstern auf die niedrigen buckligen Hügel hinaus. Die Sonne stand schon tief, und die schlanken, bräunlich glänzenden Blätter der verkümmerten Bäume, die die Ebenen über Hunderte von Meilen hin bedeckten, rollten sich zusammen und legten so Flecken ockerfarbener Erde frei. Er war von den verschiedensten Gefühlen befallen: Selbstvorwürfe, Verärgerung und Neugierde; er hätte gern gewußt, wie alt Fräulein Ironsmith war und ob sie ihm auch nicht mehr böse ist.

Sein übergroßer Wissensdurst war der Grund dafür, daß er auf den Mars gekommen war, um zu lernen. Am nächsten Nachmittag spazierte er mit Lucy den schmalen Fluß in der Nähe der Niederlassung entlang; es war eine flache Rinne, in der ein fast unsichtbarer Wasserstrom zwischen dem Moos dahinplätscherte. Fast unbewußt begann er ihr ein wenig über sich selbst zu erzählen.

»Ich war schon immer neugierig. Schon als Kind fragte ich immer: Warum ist das so? Wie funktioniert das? Und so weiter. Ich wuchs mit dem Gefühl auf, daß man die Leute nur gern haben und ihnen Fragen zu stellen brauchte, um alles zu erfahren, was man wissen wollte.«

»Eine ziemlich naive Einstellung.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht. Aber meistens klappte es. Eines Tages wurde ich bei einem Empfang in der Universität einem Mann vorgestellt, dessen Namen ich nicht verstand, aber ich erfuhr, daß er etwas mit extraterrestrischer Zoologie zu tun hatte. Er erzählte mir von dem Problem hier in der Tundra, daß die Teile der North Plaine, Imun-Asa, für die meisten Marsbewohner nutzlos seien, jedoch wertvoll für die Erde – Entschuldigung, ich meine unsere Erde – als Forschungsgebiet. Und nach einem Vertrag mit Ihren Vereinten Nationen – wie heißt das doch gleich?«

»Dat-elughar, die Zehnfingrige Hand.«

»Ach, ja. Nach einem Vertrag mit ihnen durften wir hier Forschungsstationen aussetzen. Aber wir mußten bald entdecken, daß die Widgits diese Forschungen außerordentlich erschwerten. Aber das wissen Sie ja alles. Entschuldigen Sie.«

»Sie müssen sich nicht andauernd entschuldigen«, entgegnete Lucy. »Sie belasten sich mit unnötigen Schuldgefühlen. Ich verstehe, es war eine Art Ansprache, ja?«

»Stimmt. Ich sagte zu ihm: ›Mir scheint, Sie packen die Sache von der falschen Seite an. Wenn Sie die Widgits ausrotten, so kann es passieren, daß Sie dabei noch etwas anderes ausrotten, was Sie gar nicht beabsichtigt haben, oder irgend etwas bringt das ganze System durcheinander.‹ Und er sagte: ›Sie scheinen nicht zu begreifen. Es wäre wie das Ausrotten von Hausfliegen. Oder Moskitos.‹ Ich sagte: ›Wenn es Ihnen gelingt, alle von ihnen auszurotten, so würden Sie gleichzeitig viele fliegenfressende Vögel austilgen, Fledermäuse und andere Insekten.‹ Er wurde wütend, glaube ich, und schrie etwas wie: ›Sie haben eben nicht die geringste Ahnung von dem ganzen Problem!‹ Und ich entgegnete: ›Ich wünschte, ich könnte mich einmal näher damit beschäftigen.‹ Und plötzlich wurde er ganz ruhig und sagte: ›So? Würden Sie?‹ und ich sagte: ›Der Mars hat mich schon immer sehr interessierte Und da sagte er: ›Sehr gut. Das kann arrangiert werden.‹«

»Sie brauchen mir seinen Namen nicht zu nennen«, unterbrach Lucy. »Ich glaube, ich weiß, wer er ist. Bekam er eine rote Gesichtsfarbe, und zogen sich seine Augenbrauen zusammen, als er wütend wurde? Dann muß es Andrew Bulsiter sein, stimmt’s?«

»Jawohl. Es war Bulsiter. Ausgerechnet ihn mußte ich mir für meinen Vortrag aussuchen. Immerhin«, fügte er lächelnd hinzu, »bin ich auf diese Weise doch noch zum Mars gekommen, und das wollte ich ja schließlich.«

Sie verließen den Flußlauf und kletterten eine kleine Anhöhe hinauf. Ungefähr eine halbe Meile vor ihnen erhoben sich der Asa runde Zelte aus Häuten, die über den Eingängen zu den unterirdischen Kammern errichtet waren. Ein Rauchfaden stieg in den klaren, blassen Himmel auf, und sie konnten das Blöken der kleinen ziegenähnlichen Tiere, die die Asa züchteten, hören.

»Aber ich schätze, nun müssen Sie etwas herausfinden«, sagte Lucy, »sonst hat er die Lacher auf seiner Seite. Oder wie man das sonst bei Ihnen sagt, manchmal bringe ich die Ausdrücke noch etwas durcheinander.«

»Ich verstehe Sie schon«, beruhigte sie Leonard. »Sie haben ganz recht.«

»Und Sie haben zu den Menschen noch immer die gleiche Einstellung? Sind Sie jetzt auch noch so neugierig, trotz der Unannehmlichkeiten, in die Sie sich schon gebracht haben?«

»Ich liebe alle«, sagte Leonard und klatschte in die Hände. »Und ich möchte alles wissen – alles, soweit ich es herauskriegen kann. In unserer Welt gab es so viel Haß und Mißtrauen, und das war nur die Schuld der Leute, die sich weigerten, den anderen offen ins Gesicht zu schauen, ganz ehrlich und offen, um einander kennenzulernen – wir lösen uns nun allmählich von dieser Zeit los. Bei Ihnen hier war das nicht so schlimm. Die Marsbewohner sind in vieler Hinsicht einfacher und unkomplizierter als wir. Nehmen Sie die Sache mit den Widgits. Ihre Leute im Süden, die Hvor, und die anderen Rassen, die Garamids, die Osjena und so weiter, hatten alles, was sie benötigten. Sie scheinen nie das Verlangen gehabt zu haben, andere Ländereien zu annektieren.«

»Oh, doch, in vergangenen Zeiten kämpften wir oft erbittert gegeneinander.«

»Ja. Ich habe die Geschichte Ihrer Welt gelesen. Wie lange existiert die Zehnfingrige Hand nun schon?«

»Ungefähr zweitausend Jahre.«

»Sehen Sie? Und unsere Vereinten Nationen gibt es erst seit weniger als hundert. Und trotzdem tauchen noch viele Probleme auf. Aber keiner Ihrer Stämme hat je versucht, etwas wegen der Widgits zu unternehmen, denn niemand hatte je den Wunsch, in der Tundra zu leben oder sie zu erobern.«

»Hier gibt es nichts für uns«, protestierte Lucy achselzuckend. »Die Asa leben hier, und sie sind zufrieden und glücklich. Die ouljit-li scheinen sie nicht zu stören. Sie haben sich wohl daran gewöhnt, mit ihnen zusammen zu leben. Vielleicht brauchen sie sie sogar.

Aber das Land gehört den Asa, weder uns noch den Osjenok, niemandem. Warum sollten wir unsere eigenen Felder und Wiesen verlassen?«

»Das meine ich ja. Und biologisch gesehen, besteht zwischen Ihnen und uns kaum ein Unterschied; ja, es hat sogar zu einem bestimmten Prozentsatz Inzucht gegeben … eh – ja. Was ich sagen wollte … eh … Worauf ich hinaus will, ist, daß die Bewohner unserer Erde das gleiche freundliche, zivilisierte Betragen annehmen sollten. Manche haben es schon: die Hopi, die Navaho, einige Polynesier, und auch ein paar der Afrikaner – so nach und nach kommen wir auch dahin.«

Lucy legte die Hände auf den Rücken. Ihre Haut hob sich gegen den dunkelroten Kragen ihres Overalls ab. »Ich verstehe Sie, Herr Jackson, und ich glaube, daß Sie recht haben. Sie sind mutig, so zu denken – nach dem, was ich über die Entwicklungsgeschichte Ihrer Erde gelesen habe, die nach unserer Meinung blutig, unvernünftig und unverständlich ist.« Impulsiv wandte sie ihm das Gesicht zu und fügte dann in sanftem Ton hinzu: »Ich habe auch kein Haus.«

»Was?« fragte Leonard erstaunt.

»Oh. Natürlich. Das wissen Sie ja nicht. Ich bin – was Sie mich gestern fragten – nicht verheiratet.«

Sie sah schnell weg, um ihm nicht zu zeigen, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Bevor er etwas sagen konnte, rief sie: »Ihr Gepäck!«

Verwirrt starrte er sie an.

Sie packte seinen Arm. »Schnell! Das Päckchen, das Sie am Morgen mitnahmen.«

Dann erinnerte er sich. Als sie die Verwaltungsgebäude verließen, hatte ihm Eisenstein einen kleinen Rucksack über die Schulter gehängt und gesagt: »Das ist Ihre Widgit-Ausrüstung. Lucy wird Ihnen zeigen, wie Sie damit umzugehen haben.«

Gelassen angelte er danach. Im selben Augenblick wurde er ein schwaches Summen in der Luft gewahr. Eine dünne, blaßviolette Wolke – es sah aus wie Staub von ungewöhnlicher Farbe – schwebte über den fußhohen Bäumen.

Lucy entriß ihm seinen Rucksack und legte auch ihren eigenen ab. Sie öffnete beide in größter Hast und zog zwei schwere Plastikanzüge heraus. Er stieg hinein. Die Handschuhe legten sich eng um seine Handgelenke, und die Kopfhülle hatte einen feinmaschigen Atemfilter. Lucy hielt den Kopf dicht an seinen und sagte mit dumpfer Stimme: »Wir gehen lieber weiter ins Asa-Dorf. Dort kommen die Widgits nicht hin.«

»Warum?« fragte Leonard.

»Ich weiß nicht.«

»Soll das heißen, daß Sie die Asa nie danach gefragt haben?«

»O ja, wir haben sie natürlich gefragt. Viele haben das getan. Sie lachen nur und antworten: ›Wir sind ihre Feinde.‹«

Da war die Wolke plötzlich über ihnen. Aber es waren jetzt unzählige winzige insektenartige Tiere, rosa, hellblau und violett mit hauchdünnen kleinen Flügeln und Gesichtern, in denen die Augen ganz dicht nebeneinander über einer spitzen Schnauze saßen. Ihre Körper waren dünn, weich und durchsichtig, und beim Kriechen hatten sie die Gewohnheit, sich ganz lang auszustrecken, so daß sie auch in sehr schmale Ritzen eindringen konnten. Sie surrten und summten unaufhörlich, glitten über die Oberfläche der Plastikanzüge, schlugen gegen die Kopfhüllen, klebten an den Gazescheiben. Sie waren so zahlreich, daß es fast unmöglich war, den Pfad zu erkennen. Trotz des Anzugs schlug Leonard um sich und versuchte sie fortzuscheuchen.

Er stolperte neben Lucy den engen Weg entlang, blieb mit seinem Anzug an Zweigen hängen, glitt im gelben Sand aus. Einmal rutschte Lucy aus und fiel zu Boden. Leonard zog sie wieder auf die Füße. Das hohe, gleichmäßig anhaltende Summen der Tiere machte eine Verständigung unmöglich; selbst das Denken irritierte es bis zu einem gewissen Grad. Die Insekten krochen über den Kopfschutz und starrten ihn durch die durchsichtige Gesichtsscheibe mit runden Augen an. Wie ein Schwarm Bienen hängten sie sich an seine Arme und Beine.

Er hatte nun den Punkt erreicht, wo er sie an allen Gliedern kribbeln und krabbeln fühlte – trotz des Anzugs. Sein Körper juckte. Und dann waren die Widgits plötzlich verschwunden, ohne ersichtlichen Grund. Am Horizont konnte er noch eine violette Wolke entdecken. Sie waren am Rande des Asa-Dorfes angelangt. Lucy hielt seinen Arm. Er wußte nicht, ob sie ihn oder sich selbst stützen wollte.

Die Asa waren groß, fast ohne Haarwuchs mit flachen Nasen und rauher Haut von grauer Farbe. Einer oder zwei hielten Waffen in den Händen, aber ihre Anführer, die beiden jungen Brüder, die alle sieben Jahre gewählt wurden, um das Dorf zu regieren, traten vor und klopften zum Zeichen des Willkommens auf ihre Bäuche.

Lucy nahm die Handschuhe und den Helm ab und dankte ihnen in ihrer eigenen Sprache.

»Warum dankst du uns, Sekretärin?« fragte einer der Brüder. »Wir haben nichts getan.«

»Aber wir sind hier vor den ouljitli sicher.«

»Wenn dich dein Mantel vor dem Schnee schützt, dankst du ihm dann auch?«

Und der andere Bruder fügte hinzu: »Du bist uns immer willkommen. Wer ist dieser Mann?«

Lucy stellte Leonard vor, der einen Schritt vortrat, um die Arme der Brüder zu berühren. Sie wichen sofort zurück.

»Sie dürfen sie nicht berühren«, sagte Lucy. »Sie sind – wie würden Sie sagen – uthvul … tabu.«

Leonard gab sich mit einer leichten Verbeugung zufrieden. Die Brüder folgten seinem Beispiel, nachdem sie einander angesehen hatten.

Einer von ihnen trat dicht an Leonard heran und blickte ihm fest in die Augen. Dann sagte er etwas zu seinem Bruder.

Lucy übersetzte: »Er sagt, Sie hätten gute Augen. Die beiden mögen Sie.«

»Sagen Sie ihnen«, antwortete Leonard, »daß ich dankbar bin. Ich würde sie gern einmal besuchen.«

Die Brüder entgegneten ernsthaft, daß er stets willkommen sei.

Sie führten sie in die Mitte des Dorfes, stießen den Vorhang zu einem Zelt zurück und führten Lucy und Leonard über Stufen aus harter Erde in eine kreisrunde unterirdische Kammer. Das Holzfeuer in der Mitte strahlte einen würzigen Geruch aus. Zwei ältere Männer brachten Schalen mit einer Flüssigkeit, die wie geronnene Milch aussah, und flache Fleischküchlein. Jeder der Brüder ergriff eine Schale. Einer füllte die Flüssigkeit in eine Tasse und bot sie Leonard an.

»Kurdush-ve, im ve tver sukh’ma«, sagte er.

Der zweite Bruder reichte ihm Fleisch und wiederholte den Satz. »Sie müssen die Nahrung annehmen und ›U tver uz‹ antworten«, flüsterte Lucy.

Nachdem Leonard das getan hatte, vollzogen sie den gleichen Akt mit Lucy. Dann setzten sie sich feierlich nieder. Sie aßen und tranken. Dann drehten ihnen die Brüder den Rücken zu.

»Jetzt müssen wir gehen«, sagte Lucy. »Sie werden gleich einschlafen, und bei den Asa ist es nicht erlaubt, jemanden im Schlaf zu beobachten. Er nähme seine Kraft weg, seine Lebenskräfte sozusagen.«

»Kann ich morgen wiederkommen?« fragte Leonard.

»Ja, wenn Sie wollen. Aber Sie sollten lieber erst ihre Sprache lernen.«

Sie stiegen die Stufen hinauf und verließen das Dorf, in dem sich nichts regte, außer dem Rauch, der aus den Löchern im Boden stieg.

»Was war das für ein Gebet, das sie sagten?« fragte Leonard, als sie zurück zum Fluß wanderten – sie trugen ihre Anzüge, hielten aber die Kopf hüllen in den Händen.

»Vor dem Essen? Es heißt ›Wie ich es für mich wünsche, so gebe ich es dir‹.«

Leonard nickte. Und als sie bei ihren Quartieren angelangt waren, sagte er plötzlich: »Natürlich! Das ist die Goldene Regel, nicht wahr? Gib den anderen, und so weiter. Ich dachte, der Kommissar sagte, sie seien finster und heftig.«

Am Abend fiel ihm dann die Vorliebe des Kommissars für ethnologische Parallelen ein, und er erzählte ihm die Geschichte. Eisenstein, der sich bequem in seinem Lieblingsstuhl räkelte und die Schatten des Mondes am Himmel beobachtete, nickte. »Ich weiß davon. Es gibt noch andere Übereinstimmungen. Wir brauchen nur vorauszusetzen, daß die Lebensstrukturen auf der Sauerstoff-Kohlenstoff-Basis stehen – übrigens ein ziemlich leistungsfähiger Typ, wenn man darüber nachdenkt –, dann ist es äußerst wahrscheinlich, daß es menschenähnliche Kreaturen hervorbringt. Und bei einer solchen Entwicklung bilden sich ganz von selbst analoge Gemeinschaftstendenzen heraus.

Die Asa sind hart und streng, aber das bedeutet nicht, daß sie grausam sind; im Gegenteil, sie leben nach einem Gesetz, nach dem sie einander lieben und helfen müssen, selbst ihren ärgsten Feinden. Sie haben ein Sprichwort: ›Adzil-le ur ghaurna tve‹ – ›Liebe auch die, die dich schlagen‹. Aber das Leben in der Tundra ist hart. Die Asa besitzen nichts, außer ihren nours, diesen kleinen Weidetieren, die Sie sicher gesehen haben, ein paar eßbaren Moossorten und den Baumstumpfen, die sie zum Feuermachen benutzen, als Baumaterial verwenden und deren Borke sie essen. Sie sind halbe Nomaden, und wie jede andere Gattung, deren Leben hart ist, haben sie ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Für bestimmte Verbrechen gibt es ganz bestimmte Strafen, und dabei gibt es keine Strafe.«

Er beugte sich vor und hielt eine synthetische Zigarre an ein Feuerzeug. »Wissen Sie, was mit Ihnen geschehen wäre, wenn Sie einen der Häuptlinge berührt hätten?«

Leonard schüttelte den Kopf.

»Mit Tränen in den Augen, mit Worten des Bedauerns hätten sie Sie mit ihren Dreschflegeln zu Tode geprügelt. ›Ein Schlag für einen Schlage hätten sie gesagt.«

Leonard nickte. »Ich verstehe, was Sie meinen«, murmelte er. Er nahm von der automatischen Bedienung ein Glas und eine Zigarette entgegen. Im selben Moment wurde angekündigt: »In zehn Minuten ist der Nachrichtendienst.«

»Nein, danke«, sagte Leonard.

»Ich glaube nicht, daß jemand zu einer Maschine jemals ›danke‹ gesagt hat«, sagte Lucy.

Leonard grinste.

»Ich finde das sehr nett«, fügte sie hinzu.

»Und was denken Sie über die Widgits?« fragte Eisenstein.

»Ich kann die Zusammenhänge noch nicht überblicken«, antwortete Leonard. »Mich überläuft es noch immer kalt. Natürlich habe ich alles, was es über sie gibt, genauestens studiert, habe mir die Filme angesehen, die Modelle, aber das ist nicht dasselbe. Ich wußte, das ist nicht dasselbe. Ich wußte, daß mich ihre Beharrlichkeit zum Wahnsinn treiben kann, und ich wußte auch, daß ihre Bisse am Ende den Tod bedeuten können. Aber das konnte ich nicht richtig einschätzen.«

»Und sie haben unseren Biologen die größten Schwierigkeiten gemacht«, sagte Eisenstein. »Selbstverständlich hat man sie gesammelt und klassifiziert, aber niemand konnte sie richtig untersuchen. In der Gefangenschaft sterben sie einfach; sie akzeptieren keine künstliche Umgebung wie andere Insekten. Und bis jetzt hat noch niemand den Mut gehabt, sie in ihrer natürlichen Umgebung zu studieren.«

»Hm. Der Gedanke, sich ohne Anzug unter ihnen zu bewegen, ist fürchterlich. Und in einem Anzug dürften Forschungsarbeiten ziemlich schwierig sein, schätze ich.«

»Ja«, gab Eisenstein zu. »Stellen Sie sich Fabre vor, der in einem solchen Aufzug seine entomologischen Studien durchführt! Wir haben es mit widgit-sicheren Maschinen versucht, fahrbaren Laboratorien, aber sie sind sehr kostspielig und auch ziemlich unhandlich. Das können Sie sich ja denken: So ein Apparat braucht eine Fernsehausrüstung, Schaufeln, Spaten, Wasser, Nahrung, Meßinstrumente, er ist fast ein kleines Raumschiff! Abgesehen von all dem hatten wir hier kürzlich einen tragischen Unfall. Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, vielleicht durch eine Luftklappe oder durch ein Auspuffrohr, jedenfalls drangen Widgits in einen der Labortanks. Die Dinger haben keine Chitinpanzer, wie unsere Insekten, und können sich durch die lächerlichsten Ritzen quetschen … auf jeden Fall sandte das Labor gegen Mittag Notsignale aus, und eine Stunde später brachte ein Düsenjäger die Mannschaft zurück. Zwei der Männer mußten einer Psychobehandlung unterzogen werden, ein dritter war bereits tot. Der Speichel dieser Biester reizt die weißen Blutkörperchen, wissen Sie. Eine Art Leukämie. Zum Glück passiert das nicht jedem in so kurzer Zeit.«

Er schüttelte den Kopf. Leonard lehnte sich vor und sagte: »Aber die Asa bleiben verschont. Was haben sie für ein Mittel dagegen?«

»Ich wünschte, ich wüßte das.«

»Warum stellen wir nicht einfach eine Gruppe von Asa –«

»Asa-li«, korrigierte Lucy automatisch.

»– Asa-li – meinetwegen. Warum engagieren wir nicht welche?«

»Um unsere Männer zu begleiten?« fragte Eisenstein. »Wir haben schon daran gedacht, glauben Sie mir. Aber die Asa sind nicht interessiert. Sie wollen einfach nicht.«

Er stieß ein kurzes Lachen aus. »Sie sagten uns, sie hätten genug eigene Arbeit. Und womit sollten wir sie bezahlen? Sie sagen, wir hätten ihnen nichts zu bieten, was sie haben möchten. Aber ich glaube, der Grund liegt tiefer. Die Widgits sind ihnen heilig. Deshalb haben sich die Asa gegen alles aufgelehnt, was wir unternahmen, um sie zu zerstören. Wegen unseres Vertrags mit ihnen können wir ihnen nichts befehlen und dürfen uns auch nicht in ihre Angelegenheiten mischen.«

»Geheiligte Insekten?«

»Das ist gar nicht so seltsam. Bei den australischen Buschmännern gilt die Larve eines Akazienkäfers als heilig. In einer bestimmten Jahreszeit ziehen sie in Banden aus, sammeln die Larven und essen sie dann mit großem Zeremoniell. Und die Ägypter heiligten den Mistkäfer, wie Sie sich vielleicht erinnern, während die Zuni die Libelle als eine Art Talisman betrachteten.«

»Ich kann mir schwer vorstellen, daß jemand ein Widgit ißt«, sagte Leonard.

»Das will ich auch nicht gerade behaupten. Aber jeden Monat findet ein Ritual statt, veranstaltet von der Widgit-Gesellschaft, den Frauen der Ouljit-li. In ungefähr einer Woche ist es wohl wieder soweit.«

»Das möchte ich gerne sehen.«

»Ich auch und noch eine ganze Menge anderer Anthropologen«, entgegnete Eisenstein. »Leider geht die Sache in größter Heimlichkeit vor sich.«

»Vielleicht –«, begann Leonard, aber Lucy unterbrach ihn.

»Daran dürfen Sie nicht einmal denken!«

»Woher wissen Sie, was ich denke?« fragte er.

»Ich weiß, wie weit Sie Ihre Neugier treiben kann.«

Sie brachen beide in Lachen aus, und Eisenstein rieb sich nachdenklich das Kinn.

 

Am Morgen des achten Tages nach diesem Gespräch war Leonard verschwunden.

Am Abend vorher hatte er sich ein wenig früher als sonst, unter dem Vorwand, einige Papiere ordnen zu müssen, in sein Apartment zurückgezogen. Erst spät am Vormittag stellte man seine Abwesenheit fest, als sich eine Gruppe von der Siedlung entfernen wollte, um im Freien Ausgrabungen zu machen. An einer Seitentür des Gebäudeblocks war das Signal »Offen« eingeschaltet.

Lucy und Eisenstein wußten sofort, wohin er gegangen war.

»Ich kann gar nicht sagen, wie ernst diese Angelegenheit ist« sagte der Kommissar. Sein rundes Gesicht war besorgt, unruhig wanderte er mit auf dem Rücken verschränkten Händen im Zimmer auf und ab. »Es besteht gar kein Zweifel, daß er sich bei den Widgit-Feierlichkeiten einzuschleichen versuchte. Und wissen Sie, was die Strafe für solch ein Vorgehen ist?«

»Ja«, flüsterte Lucy. »Wenn er die Widgits beleidigt, wird er ihnen geopfert. Die Asa werden ihn an einen geheimen Ort bringen und ihn dort ungeschützt zurücklassen. Wir müssen etwas unternehmen, Sam.«

»Ich kann aber gegen die Asa keine Gewalt anwenden. Das wäre ein Vertragsbruch. Und ich kann auch nicht gegen ihre Gesetze angehen.« Er blickte auf den Wandchronometer. »Und jetzt wäre es auch schon zu spät.«

Er blieb vor ihr stehen und ergriff ihre Arme. »Lucy, meine Liebe, ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Wenn sie ihn letzte Nacht erwischt haben, dann ist er jetzt –«

»Sie meinen, daß er dann jetzt schon wahnsinnig ist.« Sie konnte ihn nicht anblicken. »Ich kann es nicht glauben.«

Ihre Augen glänzten verdächtig, und ihre Unterlippe schob sich nach vorn.

»Sie wollen es nicht wahrhaben.«

»Unsinn.« Sie brach in Tränen aus, hielt aber plötzlich inne, putzte sich die Nase und trocknete sich die Augen. »Sie denken jetzt bestimmt, ich sei ein hysterisches Frauenzimmer. Nun gut, aber wenn Sie nichts anderes und Besseres zu tun haben, dann wandern Sie hier weiter auf und ab, bis sie den Boden durchgestampft haben. Bitte. Ich gehe ins Dorf.«

»Ich werde Sie begleiten«, antwortete Eisenstein brummig. »Ich weiß selbst nicht, warum, aber ich werde einen formellen Protest anbringen. Kommen Sie.«

Sie hängten sich die Widgit-Ausrüstung über die Schulter und nahmen das geschlossene Dreirad des Kommissars, das mit seinem winzigen Motor und den engen Rädern die Entfernung in wenigen Minuten zurücklegte.

Das Dorf schien wie immer fast ausgestorben, außer zwei bis drei Jungen, die die Herde beaufsichtigten. Als aber Eisenstein und Lucy vom Dreirad gestiegen waren, näherten sich die beiden Häuptlinge, und von allen Seiten strömte die Dorfbevölkerung herbei.

Der Kommissar machte das Begrüßungszeichen, das die beiden Führer erwiderten.

»Ihr kommt wegen Mann mit guten Augen«, sagte der eine.

»Ja«, entgegnete Eisenstein. »Wo ist er?«

»Wir haben ihn den Ouljit-li gegeben. Wo er jetzt ist, wissen wir nicht.«

»Ihr hattet kein Recht dazu, ihn zu bestrafen«, sagte Eisenstein. »Er ist ein Bürger unserer Erde. Ihr hättet ihn an uns ausliefern müssen.«

Die beiden Häuptlinge sahen einander an. Einer von ihnen sagte: »Er war ein Mann, nicht wahr?«

»Natürlich.«

»Dann gehörte er weder euch noch uns. Er gehörte nur sich allein. Wenn das stimmt, dann brach er das Gesetz aus eigenem, freiem Willen. Deshalb fiel die Strafe auf ihn.«

Eisenstein biß sich auf die Lippen und starrte die Männer an. Sie zeigten weder Zustimmung noch Ablehnung, nur aufmerksames Interesse. Für sie war die Angelegenheit erledigt. Er blickte zu Lucy. Sie schien außer sich vor Wut. Er wußte, daß sie daran war, etwas zu unternehmen, und er hätte gern gewußt, was das war. Obgleich die Asa keine sichtbaren Waffen trugen, so bestand doch kein Zweifel, daß sie nicht welche herbeizaubern konnten.

»Vielleicht stimmt das, was ihr sagt«, sagte er verzweifelt. »Aber Jackson hatte nichts Böses im Sinn. Er hatte nicht die Absicht, irgendeines eurer Geheimnisse zu verletzen.«

»Ihr sprecht, als sei er unser Feind«, antwortete einer der Häuptlinge, »als hätten wir ihn aus Haß bestraft. Das stimmt nicht. Wenn die Frauen der Ouljit-li bei ihren Zeremonien von einem Mann beobachtet werden, sterben die Bäume. Jeder weiß das. Daher besteht die Anordnung, daß die Ouljit-li entscheiden müssen, ob er vernichtet werden soll oder nicht.«

»Das ist reine Wortklauberei«, erwiderte Eisenstein ohne große Überzeugung. Er war einer jener ausgezeichneten Anthropologen, die sich mit den Leuten, die er studiert, identifizieren konnten, und in diesem Fall wußte er, daß das Recht auf der Seite der Asa lag. Aber Lucy beendete die Diskussion. Mit tonloser Stimme sagte sie: »Seht euch das hier an, ihr Brüder.« Aus der Tasche ihres Overalls hatte sie eine kleine, flache und sehr gefährlich aussehende Loeg Automatik gezogen, wie man sie in ihrem Land zum Töten von Schlangen und anderem Kleintier benutzte.

»Ihr wißt, was das ist«, fügte sie hinzu.

»Es ist eine leichte Waffe«, erklärte einer der beiden. »Wir haben sie schon gesehen.«

»Ihr wißt, daß ich einen von euch töten kann, ohne ihn dabei zu berühren. Folglich breche ich nicht das Gesetz.«

»Das stimmt.«

»Wenn ich einen von euch töte, muß der andere auch sterben. Und auch euer Volk, denn die Herden werden nicht länger existieren können, weil das Moos verdorren wird.«

Eisenstein hielt den Atem an. Er hatte nie erlebt, daß sich Marsbewohner gegenseitig bedrohten.

Trotz der ruhigen Stimmen war die Atmosphäre gespannt. Die Asa bewegten sich nicht, und das verlieh der ganzen Szene etwas Unheilvolles; hätten sie durcheinander geredet oder Verwünschungen ausgestoßen, dann hätte er sich wohler gefühlt. Aber niemand gab ein Wort von sich, nichts war zu hören als das Atmen von etwa fünfzig Menschen.

»Der Mann Jackson war mein … Freund«, sagte Lucy. »Und es heißt: ›Tue alles für deinen Freund.‹ Wo ist er?«

»Das wissen wir nicht. Aber wir nehmen an, daß er inzwischen tot ist –« Der Häuptling, der diese Worte gesprochen hatte, blickte zur Sonne auf. »Wenn sie ihn verschont hätten, wäre er schon zurück. Wer kann sagen, wohin ein Mann geht, wenn er tot ist?«

»Dann«, fuhr Lucy mit eisiger Stimme fort, »werde ich euch töten.«

Die Häuptlinge musterten sie, ohne eine Miene zu verziehen: »Das kann sein. Aber dann wirst auch du sterben. Denn das Gesetz sagt, daß derjenige, der die Herden oder das Moos verletzt, sterben muß. Und wenn du einen von uns tötest, machst du dich dieses Vergehens schuldig.«

»Ja«, erwiderte Lucy. »Aber es heißt auch: ›Gib selbst dein Leben für deinen Freund hin!‹«

Ihre Stimme schwankte leicht. Die Waffe in ihrer Hand zitterte. Eisenstein holte tief Luft und sprang. Wie viele dicke Männer war er schneller, als man erwartete, und er landete auf Lucy wie ein Meteorit. Er schlang einen Arm um sie und hielt sie wie in einem Schraubstock. »Loslassen!« schrie sie. Der Schuß ging los, aber in die Luft. Ein Geruch von Ozon verbreitete sich. Lucy kämpfte wie wild, aber Eisenstein ließ nicht locker, und schließlich fiel die Waffe zu Boden.

Im selben Augenblick hörten sie die Stimme. »He! Wartet! Hallo!« Eisenstein ließ sie los. Vorsichtshalber hob er die Automatik auf und steckte sie in die Tasche. Dann half er Lucy auf die Beine. »Tut mir leid«, murmelte er.

Lucy blickte ihn nicht an. Auf dem Hügel hinter dem Dorf erschien Leonard. Er war zerkratzt und schmutzig, aber anscheinend nicht verletzt. Die Leute machten ihm Platz. Ein gedämpftes Murmeln breitete sich aus; viele von ihnen lächelten, andere stießen zum Zeichen der Zustimmung die Fäuste aneinander. Auch die Häuptlinge lächelten. Leonard warf Eisenstein einen schnellen Blick zu und sah dann Lucy an.

»Es tut mir leid«, sagte er und grinste verlegen. »Ich wollte Ihnen keine Unannehmlichkeiten machen. Aber es hat sich gelohnt.«

Lucy weinte nicht, wie es vielleicht ein Mädchen von der Erde getan hätte, auch ließ sie sich keine Erleichterung anmerken. »Ich bin sehr froh darüber«, sagte sie nur.

»Die Widgits haben Ihnen nichts getan?« begann Eisenstein, »ich –«

»Ich werde es Ihnen später erklären. Entschuldigen Sie mich.« Leonard wandte sich zu den beiden Brüdern. In abscheulichem Asa-Dialekt sagte er: »Ardzil-le ur ghaurna tve. Stimmt doch, oder?« Die Häuptlinge legten die Fäuste aneinander.

»Kommen Sie«, forderte Leonard Eisenstein auf. »Ich muß einen Bericht schreiben.«

»Bei den Feierlichkeiten fand ich absolut keinen Hinweis«, sagte er später, als sie in Eisensteins Büro bei einer Tasse Kaffee saßen. »Ich werde Ihnen noch ausführlich darüber berichten – jedenfalls, soweit ich das kann.«

»Wie sind Sie hineingekommen?« fragte Eisenstein.

»Wissen Sie, wir haben doch letzte Woche jeden Tag das Dorf besucht. Ich merkte mir, wie die Frauen sich kleideten, mit Umhängen und Kapuzen, so daß fast nichts von ihnen zu sehen war. Ich machte mir eine ähnliche Ausstattung und zog sie an. Als ich erst einmal im Dorf war, fiel es mir nicht schwer, den Ort der Feierlichkeiten ausfindig zu machen. Der Gesang scholl durch die Rauchlöcher.

Aber es dauerte nicht lange. Sie entdeckten mich fast sofort und übergaben mich den Häuptlingen. Der eine sagte diesen Satz zu mir – Sie wissen schon, den Sie mir an jenem Abend sagten, als Lucy und ich zum erstenmal im Dorf waren. Er wiederholte ihn dreimal, und ich nahm an, daß sie nichts gegen mich hätten, sondern mich nur bestraften, weil ich gegen das Gesetz verstoßen hatte.

Bis zum Morgengrauen sperrten sie mich in eine Kammer. Dann brachten sie mich hinaus in die Tundra. Wir kamen zu einem großen dunklen Felsblock, in einem Tal, ungefähr zwei oder drei Meilen entfernt – aber das ist nur eine grobe Schätzung.«

»Ich kenne den Felsen«, unterbrach Eisenstein. »Sie nennen ihn das Haus des Tykh.«

»Sie banden mich mit einer Lederleine fest, die einhundertzwölfmal verknotet wurde. Ich weiß das genau. Ich habe sie aufgeknüpft. Dann ließen sie mich allein.

Ich hatte Angst, wissen Sie. Ich war mir ziemlich sicher, daß die Widgits in kürzester Zeit erscheinen würden. Die Temperatur muß bei Null Grad gewesen sein, aber ich schwitzte aus allen Poren. Trotzdem mußte ich an so viele Dinge denken. Ich dachte zum Beispiel darüber nach, wofür die Widgits eigentlich da waren. Verstehen Sie? Sie können nicht einfach nur so existieren, sie müssen einen Platz in der Ökologie dieses Gebiets einnehmen. Ich weiß nicht, was das ist, aber ich frage mich, ob es nicht vielleicht etwas mit der Übertragung von Pollen dieser buschartigen Bäume zu tun haben könnte. Denn es fiel mir ein, daß solche Zeremonien meist Dingen gelten, die für den Menschen auf irgendeine Weise nützlich sind.«

Eisenstein schnappte mit den Fingern. »Natürlich! ›Die Bäume werden sterben.‹ Einer der Häuptlinge sagte das.«

»Hm. Das sollte man einmal untersuchen.«

»Gut. Weiter!«

»Na ja, die Widgits kamen innerhalb von fünf Minuten. Zuerst war es schlimm – sehr schlimm sogar.« Er zog eine Grimasse und schüttelte den Kopf. »Ich kann verstehen, daß sie die Männer zum Wahnsinn trieben. Ich habe noch nie etwas Ähnliches erlebt, und dabei kenne ich die übelsten Dinge wie Moskitos, schwarze Fliegen, Stechmücken, Bremsen, alles, was man sich nur denken kann. Aber die Widgits sind schlimmer. Sie krabbelten über meinen ganzen Körper; ich atmete sie ein, schluckte sie, hatte sie in den Ohren, zwischen den Haaren, im Kragen. Und dieses Summen, schrecklicher als die Moskitos, schrecklicher als das Surren eines Hornissenschwarms. Es ist ein hoher, sich steigernder Ton: einfach unbeschreiblich.«

»Schon gut. Dann beschreiben Sie ihn nicht«, sagte Eisenstein ungeduldig. »Erzählen Sie weiter.«

»Ja, und sie beißen auch, wissen Sie, und die Bisse jucken unerträglich. Aber zugleich – es ist schwer zu erklären –, ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß ich ziemlich neugierig bin.«

»Das ist mir inzwischen klargeworden«, brummte Eisenstein.

»So? Also, ich fand mich mehr oder weniger damit ab, daß ich wahnsinnig werden und sterben müßte. Und so wollte ich mir die Tatsache, daß ich mich inmitten von Widgits befand, zunutze machen. Ich begann, sie aus der Nähe zu betrachten, um zu sehen, wie sie ihre Rüssel gebrauchten, wie sie sich bewegten, wie sie ihre Größe veränderten. Und wissen Sie – eh – wie soll ich es erklären –«

Er kratzte sich das Kinn und lachte verlegen. »Sie sind niedlich.«

»Wie bitte?« fuhr Eisenstein auf.

»Niedlich?« sagte Lucy erstaunt.

»Ja. Sie haben so eine Art, die Köpfe aneinanderzureihen, als verneigten sie sich. Und sie sehen einen aus diesen runden, traurigen Augen an wie betrunkene Eulen. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, aber ich mochte Eulen immer sehr gern. Ich finde sie komisch und weise und eingebildet und dumm – alles auf einmal. Und diese Wesen sahen wie winzige Eulen aus.

Es ist seltsam, aber sobald ich das fühlte, waren die Widgits verschwunden. Die ganze Wolke schwebte über dem Felsen davon.

Das machte mich stutzig. Dann begann ich nachzudenken. Angenommen, die Widgits reagieren auf ein bestimmtes Geräusch, auf einen Geruch oder vielleicht auf eine telepathische Ausstrahlung, einen Wechsel der Körpertemperatur – ich weiß nicht worauf. Angenommen, es zeigt ihnen ihre Opfer – oder ihre Feinde. Wenn man sie mag und ihnen wohlgesinnt ist, ist man ein Freund, und sie verschwinden. Haßt man sie und versucht sie zu meiden, sehen sie einen als ihre Beute an. Das wäre durch den Satz, den mir der eine Häuptling sagte, erklärt: ›Liebe auch die, die dich schlagen.‹ Das ergibt doch einen Sinn, oder? Und es erklärt auch, warum die Leute, die Widgits sammeln wollten, nie genügend fanden, und selbst die paar, die sie kriegten, in der Gefangenschaft starben – sie waren von unangenehmen Gerüchen oder Gedanken umgeben und konnten ihnen nicht entfliehen.«

Eisenstein rieb sich das Gesicht. »Dann meinen Sie also, die Immunität der Asa käme einfach daher, weil sie diese Tierchen mögen?«

»Ich bin dessen ganz sicher. Der Grund, weshalb ich so spät zurückkam, lag darin, daß ich einem Versuch nicht widerstehen konnte. Zuerst konzentrierte ich mich darauf, sie zu hassen, und innerhalb von zwei Minuten tauchten sie auf. Als sie aber mein Gesicht umsummten, dachte ich, wie sehr sie den Eulen ähnelten und was für nette kleine Haustiere sie abgäben. Und weg waren sie. Ich machte das mindestens ein halbes Dutzend Mal, und dann fiel mir plötzlich ein, daß Sie nach mir suchen würden. Und so knüpfte ich die hundertzwölf Knoten auf und rannte, so schnell ich konnte, ins Dorf zurück.«

Eisenstein ließ sich in den Sessel sinken. »Liebt eure Feinde«, sagte er. »Ein neues Insekten-Schutzmittel.«

Er stand auf. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich melde schnell mal eine Verbindung mit dem Hauptquartier an. Sie können dann gleich Ihren Bericht durchgeben.«

Allein gelassen, blickten Lucy und Leonard einander an. Schließlich begann er etwas unbehaglich:

»Ich will ganz bestimmt nicht noch mehr Sitten und Gebräuche verletzen. Eh – was sagt man eigentlich – eh – zu einem Mädchen, das kein Haus hat?«

»Das«, sagte Lucy, »ist eine jener interessanten Parallelen, die Sam so gern in unserer beider Zivilisation aufdeckt. Man sagt: ›Darf ich dich küssen?‹«