I
Louis Peyton sprach in der Öffentlichkeit nie über die Methoden, mit denen er die Polizei der Erde geblufft und übervorteilt hatte; trotz der drohenden Gefahr des Psychoschocks, die ständig über ihm schwebte, aber nie zur Anwendung kam. Natürlich wäre das auch dumm von ihm gewesen, aber manchmal, wenn ihn Gefühle der Selbstzufriedenheit überfielen, spielte er mit dem Gedanken, ein Testament zu hinterlassen, das erst nach seinem Tode geöffnet werden sollte und aus dem klar hervorging, daß er seinen Erfolg nicht allein glücklichen Zufällen, sondern vor allem seiner scharfen Intelligenz und seinen überragenden Fähigkeiten zu verdanken hatte.
In diesem Testament würde etwa folgendes stehen: »Jedes Modell, das zur Verschleierung eines Verbrechens geschaffen wird, trägt irgendeinen persönlichen Stempel seines Schöpfers. Deshalb ist es besser, dieses Modell mit Merkmalen vergangener Geschehnisse zu versehen und ihnen etwaige Handlungen genau anzupassen.«
Nach diesem Prinzip plante Peyton auch den Mord an Albert Cornwell.
Cornwell, der sich zeitweise als Hehler von Diebsgut betätigte, machte sich zum erstenmal an Peyton heran, als er an dem kleinen Tischchen in Grinnels Restaurant beim Essen saß. Cornwells blauer Anzug schien einen ganz besonderen Glanz zu haben, sein faltiges Gesicht ein ganz besonderes Grinsen, und sein spärlicher Bart war von einer besonderen Borstigkeit. »Herr Peyton! Wie nett, Sie hier zu treffen«, begrüßte er seinen zukünftigen Mörder ohne eine Spur von Hemmung, »fast hätte ich es schon aufgeben.«
Peyton, der es nicht liebte, wenn man ihn über seiner Zeitung und dem Nachtisch bei Grinnel störte, sagte: »Wenn Sie sich geschäftlich mit mir unterhalten wollen, Cornwell, dann wissen Sie ja, wo Sie mich erreichen können.« Peyton war über Vierzig und sein Haar nicht mehr ganz so dunkel wie früher, aber sein Rücken war noch gerade, seine Bewegungen jugendlich, seine Augen feurig und seine Stimme durch jahrelange Praxis scharf und schneidend.
»Nicht in diesem Fall, Herr Peyton«, erwiderte Cornwell, »nicht in dieser Sache. Ich kenne ein geheimes Lager – ein Depot von … verstehen Sie?« Sein rechter Zeigefinger bewegte sich wie ein Klöppel, während sich seine linke Hand für einen Moment über sein Ohr legte.
Peyton blätterte eine Seite seiner Zeitung um, die vom Tele-Verteiler noch etwas feucht war, er strich sie glatt und sagte: »Tönende Glocken?«
»Pst!« flüsterte Cornwell ängstlich. »Kommen Sie!« forderte ihn Peyton auf.
Sie schlenderten durch den Park. Ein weiterer Grundsatz Peytons war es, geheime Unterredungen im Freien zu führen. Jeder geschlossene Raum kann bespitzelt werden. »Ein unterirdisches Lager mit tönenden Glocken«, flüsterte Cornwell. »Eine große Sammlung von Glocken. Nicht poliert, aber wahre Prachtstücke, Herr Peyton.«
»Haben Sie sie gesehen?«
»Nein, aber ich habe mit jemandem gesprochen, der sie gesehen hat. Er hatte Beweise, die mich überzeugten. Es sind genug vorhanden für uns beide. Wir könnten uns für den Rest unseres Lebens zur Ruhe setzen. Als reiche Männer!«
»Wer war dieser andere?«
Schläue trat in Cornwells Gesicht. »Der Mann war ein Gräber auf dem Mond, er hatte eine Methode ausfindig gemacht, mit der er die Glocken in den Kratern entdeckte. Ich weiß nicht, wie er das anstellte, er hat sie mir nie verraten. Aber er hat Dutzende gefunden und sie auf dem Mond versteckt, dann kam er zur Erde, um ihren Absatz zu arrangieren.«
»Er ist gestorben, nehme ich an.«
»Ja. Ein höchst bedauerlicher Unfall, Herr Peyton. Er stürzte ab. Sehr traurig. Selbstverständlich waren seine Arbeiten auf dem Mond illegal. Die Regierung bestraft unerlaubtes Glockengraben. Vielleicht erlag er nur seiner gerechten Strafe. Ich habe aber seine Karten und Aufzeichnungen.«
Mit undurchdringlicher Miene sagte Peyton: »Die Einzelheiten der Übergabe interessieren mich nicht. Ich möchte nur wissen, warum Sie zu mir gekommen sind.«
»An dem Geschäft können wir beide genug verdienen«, antwortete Cornwell. »Und wir können beide unser Teil dazu beitragen, Herr Peyton. Was mich betrifft, so kenne ich die Lage des Depots und kann auch ein Raumschiff auftreiben. Sie –«
»Ja?«
»Sie können ein Raumschiff steuern und haben ausgezeichnete Beziehungen, um die Glocken loszuwerden. Das ist doch eine faire Arbeitsteilung, Herr Peyton, finden Sie nicht?«
Peyton dachte über sein Leben nach – über alles, was gewesen war – und wie er es sich eingerichtet hatte. Es schien zu passen.
»Am 10. August starten wir zum Mond«, sagte er.
Cornwell blieb mit einem Ruck stehen. »Aber, Herr Peyton, wir haben jetzt erst April!«
Peyton setzte seinen Spaziergang fort, und Cornwell mußte sich beeilen, ihn wieder einzuholen. »Hören Sie, Herr Peyton!«
»Am 10. August!« beharrte Peyton. »Ich werde mich zur gegebenen Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen und Ihnen mitteilen, wohin Sie das Raumschiff zu bringen haben. Versuchen Sie nicht, mich bis dahin persönlich zu treffen. Auf Wiedersehn, Cornwell.«
»Halbe – halbe?« fragte Cornwell.
»Genau. Und jetzt auf Wiedersehn!«
Peyton setzte seinen Spaziergang allein fort und dachte noch einmal über sein Leben nach. Mit siebenundzwanzig hatte er sich in den Rocky Mountains ein Stück Land gekauft. Sein früherer Besitzer hatte sich ein Haus darauf gebaut, das ihm im Falle eines Atomkrieges, der viele Jahrhunderte zuvor die Menschheit bedroht hatte, als Zuflucht dienen sollte. Der Krieg hatte nie stattgefunden. Aber das Haus war geblieben, ein Denkmal des Selbsterhaltungstriebes.
Es war aus Stahl und Beton gebaut und stand an einem sehr einsamen Fleckchen Erde – hoch über dem Meeresspiegel und auf allen Seiten von Felsen umgeben. Es hatte eine eigene Kraftanlage, einen von Gebirgsflüssen gesättigten Wasserspeicher und Gefrierkammern, in denen zehn geschlachtete Rinder bequem Platz hatten; der Keller barg ein ganzes Waffenarsenal, das einmal dazu dienen sollte, Horden von Hungrigen abzuwehren – die nie kamen. Eine Filtrieranlage für die Luft konnte alles abhalten, außer Radioaktivität, der einzige schwache Punkt, der in dieser Festung zu entdecken war.
In diesem Überlebenshaus verbrachte Peyton jeden August seines Junggesellendaseins. Er baute die Kommunikationsmittel aus, das Fernsehen, die Tele-Verteiler der Zeitungen. Um sein Eigentum herum errichtete er ein Kraftfeld, und an Stelle des Zaunes, da wo der Pfad sich durch die Felsen schlängelte, setzte er einen Signalmechanismus ein, der direkt mit dem Gebäude in Verbindung stand.
Einen Monat im Jahr konnte er völlig allein sein. Niemand sah ihn, niemand konnte in erreichen. In absoluter Einsamkeit genoß er die Ferien, die er nach elf Monaten mit einer Menschheit, die er verachtete, zu schätzen gelernt hatte.
Selbst die Polizei (Peyton lächelte) kannte diese Regel. Einmal war er aus dem Gefängnis entflohen und hatte den Psychoschock riskiert, nur um den August nach seiner Gewohnheit verleben zu können.
Peyton erwog einen weiteren Aphorismus für sein Testament: Nichts ist dem Anschein der Unschuld so dienlich wie das Fehlen eines Alibis.
Am 30. Juli, wie an jedem 30. Juli, bestieg Louis Peyton um 9 Uhr 13 das Non-Grav-Strato-Düsenflugzeug in New York und kam um 12 Uhr 30 in Denver an. Er aß zu Mittag und nahm um 13 Uhr 45 den Semi-Grav-Bus nach Humps-Punkt, von wo aus ihn Sam Leibman mit einem uralten Auto (Omni-Grav!) den Weg hinauf zu den Grenzen seines Grundstücks fuhr. Würdig nahm Sam Leibman die Zehndollarnote entgegen, die er stets erhielt, und tippte an seine Mütze, wie er es fünfzehn Jahre lang am 30. Juli getan hatte.
Am 31. Juli, wie am 31. Juli jeden Jahres, kehrte Louis Peyton in seiner Non-Grav-Flugmaschine nach Humps-Punkt zurück und bestellte dort im Kaufhaus jene Dinge, die er in einem Monat brauchte. An dieser Bestellung war nichts Ungewöhnliches. Sie enthielt genau die gleichen Dinge wie alle vorhergegangenen Bestellungen.
Macintyre ging die Liste sorgfältig durch, gab sie weiter zum Zentralgeschäft (Gebirgsdistrikt) in Denver, und innerhalb einer Stunde traf alles über die Materie-Übertragungsanlage wohlbehalten ein. Peyton verlud mit Hilfe Maclntyres die Vorräte auf sein Fahrzeug, hinterließ seine gewohnte Zehndollarnote und kehrte nach Hause zurück. Am 1. August um 12 Uhr 1 Minute setzte er das Kraftfeld um sein Grundstück auf volle Energie und war nun endlich ganz und gar von der Umwelt abgeschlossen.
Diesmal wich er von seinen langgehegten Gewohnheiten ab. Er hatte sich acht Tage dafür reserviert. Während dieser Zeit vernichtete er langsam und mit peinlicher Genauigkeit gerade so viel seiner Vorrate, wie er im August verbraucht hätte. Dazu benutzte er die Staubkammern, die dem Haus als Abfallentferner dienten. Das war ein hochentwickeltes Gerät, das jede Materie, einschließlich Metalle und Silikate, zu molekularem Staub verarbeitete. Die übermäßige Energie, die durch diesen Vorgang erzeugt wurde, nahm der Gebirgsfluß auf, der durch das Grundstück floß. Eine Woche lang war sein Wasser um fünf Prozent wärmer als gewöhnlich.
Am 9. August brachte das Flugzeug Peyton zu einer einsamen Stelle in Wyoming, wo Albert Cornwell und ein Raumschiff auf ihn warteten. Dieses Raumschiff war natürlich ein schwacher Punkt in dem Unternehmen, denn es existierten Männer, die es verkauft hatten, Männer, die es hierhergebracht und für den Raumflug vorbereitet hatten. Alle diese Männer führten jedoch nur bis zu Cornwell, und Cornwell, so überlegte Peyton (mit einem Anflug von Lächeln), war eine Sackgasse, eine sehr ausgeprägte Sackgasse sogar.
Am 10. August verließ das Raumschiff mit Peyton an der Steuerung und Cornwell (mit seiner Karte) als Passagier die Erdoberfläche. Sein Non-Grav-Feld war ausgezeichnet. Bei voller Kraft reduzierte sich das Gewicht des Schiffs auf weniger als eine Unze. Die Atombatterie arbeitete zuverlässig und geräuschlos, und ohne eine Flamme oder einen Ton stieg das Schiff auf, schrumpfte zu einem Punkt zusammen und verschwand.
Es war sehr unwahrscheinlich, daß es für diesen Flug Zeugen gab. Und es gab wirklich keine.
Zwei Tage im Raum, und jetzt zwei Wochen auf dem Mond. Von Anfang an hatte Peyton diese Zeitspanne in seinen Plan eingebaut. Er machte sich keine Illusionen über den Wert selbstangefertigter Karten von Laien. Für den Zeichner selbst, der sich mit Hilfe von Erinnerungen orientieren konnte, mochten sie vielleicht von Nutzen sein. Für den Fremden waren sie nichts weiter als ein Kryptogramm.
Cornwell zeigte Peyton die Karte erst nach dem Start. »Schließlich war sie mein einziger Trumpf«, meinte er.
»Haben Sie sie mit den Vermessungskarten vom Mond verglichen?«
»Davon verstehe ich nichts. Ich verlasse mich voll und ganz auf Sie, Herr Peyton.«
Peyton musterte ihn kühl, als er ihm die Karte zurückgab. Das einzige Merkmal darauf war der Krater Tycho, der Punkt der begrabenen Mondstadt.
Die Astronomie war wenigstens auf ihrer Seite. Tycho lag auf dem Teil des Mondes, auf dem zur Zeit Tageslicht herrschte. Das bedeutete, daß nicht so häufig Patrouillenschiffe unterwegs waren.
Peyton brachte das Schiff mit einem schnellen Non-Grav-Schwung in der sicheren, kühlen Dunkelheit des inneren Schattens eines Kraters zur Landung. Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten, und die Schatten würden nicht mehr kürzer werden.
Cornwell zog ein langes Gesicht. »O je, Herr Peyton. Wir können doch nicht gut bei Tageslicht auf die Suche gehen.«
»Der Mondtag dauert nicht ewig«, entgegnete Peyton kurz. »Uns bleiben noch ungefähr hundert Stunden Sonne. Wir können sie dazu verwenden, uns zu akklimatisieren, wir können die Karte ausarbeiten.« Peyton studierte nun die Mondkarten, nahm peinlich genau Messungen vor und versuchte die Krater, die auf der handgezeichneten Skizze angegeben waren, zu finden.
Endlich sagte er: »Der Krater, den wir suchen, könnte einer von den dreien sein: GC-3, GC-5 oder MT-10.«
»Was sollen wir machen, Herr Peyton?« fragte Cornwell.
»Wir untersuchen alle drei«, antwortete Peyton. »Mit dem nächstgelegenen fangen wir an.«
Die Schattengrenze lief über sie hinweg, und sie waren in der Nacht. Sie gewöhnten sich an die unendliche Stille und Schwärze, an die grellen Punkte der Sterne und die Lichtscheibe der Erde. Sie hinterließen konturenlose Fußstapfen in dem trockenen Staub, der sich weder regte noch änderte.
Die Kälte auf dem Mond setzte ihrem Aufenthalt außerhalb des Schiffes eine Grenze. Von Tag zu Tag hielten sie es jedoch länger aus. Am elften Tag stellten sie fest, daß sich die tönenden Glocken nicht in GC-5 befinden konnten.
Als der fünfzehnte Tag nahte, fühlte Peyton Verzweiflung in sich aufsteigen. Es mußte GC-3 sein. MT-10 war zu weit entfernt, und er mußte vor dem 31. August wieder auf der Erde sein.
An diesem selben fünfzehnten Tag jedoch entdeckten sie die Glocken.
Sorgsam wurde die erste Ladung zum Schiff gebracht und verpackt. Dann kehrten sie zurück, um neue zu holen. Dreimal insgesamt.
Cornwell reichte Peyton die letzte Glocke hinauf. Der legte sie vorsichtig auf die Laderampe.
»Legen Sie sie beiseite, Peyton«, rief Cornwell von unten. Seine Stimme klang grell in den Ohren des anderen. »Ich komme rauf.«
Er duckte sich zu dem langsamen hohen Sprung gegen die Mondgravitation, blieb aber dann entsetzt stehen. Sein Gesicht, das durch den gebogenen und durchsichtigen Stoff des Helms deutlich erkennbar war, verzog sich zu einer Grimasse des Grauens. »Nein, Herr Peyton. Nicht –«
Peytons Faust umklammerte den Blaster fester. Er feuerte. Ein unerträglich heller Schein zischte auf, und Cornwell war ein toter Mann. Peyton starrte auf den Toten. Dann aber legte er schnell die letzte Glocke in ihren Behälter, zog seinen Anzug aus, aktivierte zuerst das Non-Grav-Feld, dann die Atombatterie, und um ein oder zwei Millionen reicher als zwei Wochen zuvor startete er zurück zur Erde.
Am 20. August senkte sich Peytons Schiff, Heck nach unten, geräuschlos auf die Stelle in Wyoming, von der es sich am 10. August erhoben hatte. Sein kleines Flugzeug war noch so, wie er es verlassen hatte, unter einem schützenden Felsen verborgen.
Noch einmal wechselten die tönenden Glocken ihren Platz. Er trug sie in ihren Behältern in den tiefsten Winkel der Felsspalte und bedeckte sie mit loser Erde. Dann kehrte er zum Schiff zurück und traf die letzten Anordnungen. Zwei Minuten später übernahmen die automatischen Vorrichtungen die Steuerung des Schiffs.
Geräuschlos erhob sich das Fahrzeug und wich über der rotierenden Erde ein wenig nach Westen ab. Peyton beobachtete, wie an der Grenze des Erkennbaren ein winziger Lichtpunkt aufzuckte.
Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Seine Berechnungen hatten gestimmt. Durch die zurückgebogenen Sicherheitsleinen hatte die Atombatterie die einheitserhaltende Sicherheitsgrenze überschritten, und in der Hitze der nuklearen Explosion, die darauf folgte, war das Schiff verschwunden.
Zwanzig Minuten später war er zurück auf seinem Grundstück. Er war müde, und unter der Erdgravitation schmerzten seine Muskeln. Er hatte einen guten Schlaf.
Zwölf Stunden später, in der frühen Dämmerung, kam die Polizei.
II
Der Mann, der die Tür öffnete, hatte die Hände über dem Bauch gefaltet und senkte zur Begrüßung den Kopf. H. Senton Davenport, von der terrestrischen Untersuchungsbehörde, blickte sich um. Das Zimmer war groß und lag im Halbdunkel, nur neben einem kombinierten Sesseltisch brannte eine helle Lampe. Lange Reihen Bücherfilme bedeckten die Wände. In der einen Ecke hing eine galaktische Karte und in der anderen befand sich ein galaktisches Objektiv.
»Sind Sie Dr. Wendell Urth?« fragte Davenport zweifelnd. Davenport war ein untersetzter Mann mit schwarzem Haar, einer dünnen, geraden Nase und einer sternförmigen Narbe auf der einen Wange, die deutlich darauf hinwies, daß ihn an dieser Stelle einmal eine Neutronenpeitsche getroffen hatte.
»Der bin ich«, sagte Dr. Urth mit dünner Stimme. »Und Sie sind Inspektor Davenport.«
Der Inspektor zog seinen Ausweis hervor. »Die Universität empfahl Sie mir als Extraterrologen.«
»Das erwähnten Sie schon, als Sie mich vor einer Stunde anriefen«, meinte Dr. Urth. Sein Gesicht war aufgeschwemmt, seine Nase knollenförmig, und vor den etwas hervorstehenden Augen thronten dicke Brillengläser.
»Ich will zur Sache kommen, Dr. Urth. Ich nehme an, Sie waren schon einmal auf dem Mond –«
Dr. Urth, der hinter ein paar verstaubten Buchfilmen eine Flasche mit einer roten Flüssigkeit hervorgeholt hatte, fiel ihm brüsk ins Wort: »Ich bin niemals auf dem Mond gewesen, Inspektor. Und ich beabsichtige es auch nicht! Raumfahrt ist Unsinn. Ich halte nichts davon.« Dann meinte er verbindlich: »Setzen Sie sich doch. Trinken wir etwas!«
Inspektor Davenport folgte der Aufforderung, und sagte: »Aber Sie sind ein –«
»Extraterrologe. Jawohl. Ich interessiere mich für andere Welten, aber das bedeutet nicht, daß ich dort hinfahren muß. Du meine Güte! Ich brauche doch kein Zeitreisender zu sein, um mich als Historiker zu bewähren, öder?« Er ließ sich ächzend in den Stuhl fallen, und über seinem runden Gesicht machte sich ein Lächeln breit, als er hinzufügte: »Und jetzt erzählen Sie mir aber, was Sie auf dem Herzen haben.«
»Ich bin hier, um Sie in einem Mordfall um Rat zu fragen.«
»Mord? Was habe ich mit einem Mord zu tun?«
»Dieser Mord, Dr. Urth, fand auf dem Mond statt.«
»Erstaunlich.«
»Mehr als das, Dr. Urth. So etwas ist noch nie dagewesen. In den fünfzig Jahren, seit der Gründung des Lunar-Reichs, sind Schiffe explodiert und Raumanzüge zerrissen. Menschen sind auf der Sonnenseite zu Tode geschmort, auf der dunklen Seite erfroren und auf beiden erstickt. Es hat sogar Todesfalle gegeben, die durch Abstürzen verursacht wurden, obgleich das bei der lunaren Gravitation unglaublich erscheint. Aber in der ganzen langen Zeit ist nicht ein einziger Mann auf dem Mond durch einen vorsätzlich geplanten Gewaltakt umgekommen … bis jetzt.«
»Wie ist es geschehen?« fragte Dr. Urth.
»Mit einem Blaster. Durch eine glückliche Kette von Umständen war die Polizei schon eine Stunde später auf dem Schauplatz. Ein Patrouillenschiff hatte einen Lichtblitz beobachtet. Sie wissen ja, wie weit ein Licht auf der Nachtseite reicht. Der Diensthabende unterrichtete sofort Luna City und landete. Während er hinunterging, will er etwas, das wie ein Raumschiff aussah, starten sehen haben. Gleich nach der Landung entdeckte er einen Toten und Fußabdrücke.«
»Den Lichtblitz halten Sie für das Abfeuern des Blasters«, stellte Dr. Urth fest.
»Das glaube ich sicher. Die Leiche war noch frisch. Die inneren Teile waren noch nicht gefroren. Die Fußabdrücke gehörten zwei Personen. Sorgfältige Messungen haben ergeben, daß die Abdrücke verschieden groß waren. Sie führten hauptsächlich zu den Kratern GC-3 und GC-5, ein paar –«
»Die offiziellen Codeziffern für die Bezeichnung von lunaren Kratern sind mir bekannt«, unterbrach ihn Dr. Urth freundlich.
»Hm. Jedenfalls wies GC-3 Fußspuren auf, die zu einer Spalte in der Kraterwand führten. An dieser Wand waren Reste von verhärtetem Bimsstein. Die Untersuchungen mit Röntgenstrahlen zeigte –«
»Tönende Glocken«, rief der Extraterrologe aufgeregt. »Wollen Sie behaupten, daß dieser Mord etwas mit tönenden Glocken zu tun hat!«
»Warum nicht?« fragte Davenport erstaunt.
»Ich besitze eine. Eine Expedition der Universität grub sie aus und schenkte sie mir als Anerkennung für … Kommen Sie, Inspektor, ich muß sie Ihnen zeigen.«
Dr. Urth sprang auf und watschelte durch das Zimmer, und Davenport folgte ihm etwas ratlos.
Sie betraten den zweiten Raum, der größer, dunkler und erheblich unordentlicher war. Erstaunt starrte Davenport auf die fremdartigen Gegenstände, die hier herumlagen. Unter all den Dingen erkannte er ein »Blauglas« vom Mars, das manche Romantiker als ein Artefakt der längst ausgestorbenen Marsbewohner betrachteten, einen kleinen Meteoriten, ein Modell eines alten Raumschiffs, eine versiegelte Flasche, auf deren Aufkleber mit zittriger Hand »Venusianischer Ozean« geschrieben war.
»Ich habe mein ganzes Haus in ein Museum umgewandelt«, erklärte Dr. Urth zufrieden. »Das ist einer der Vorteile eines Junggesellen. Allerdings habe ich noch nicht alles geordnet. Einmal, wenn ich vielleicht eine oder zwei Wochen Zeit habe …
Dann blickte er sich für einen Augenblick verwirrt um, schob eine Karte beiseite, die das Schema der Entwicklung im Wasser lebender, wirbelloser Tiere, der höchstentwickelten Lebewesen auf Arcturus V, zeigte, und sagte: »Hier ist sie. Leider hat sie einen Sprung.«
Die Glocke hing an einem dünnen Draht. Die Beschädigung war leicht zu erkennen. Der Sprung verlief so, daß sie das Aussehen eines in zwei Hälften geteilten Globusses hatte. Sie war wunderbar poliert und glänzte in einem weichen, samtenen Grau. In diesem Grau waren kleine Punkte, die kein Laboratorium je zustande gebracht hatte.
»Ich habe viel experimentiert, bevor ich einen geeigneten Klöppel gefunden habe«, sagte Dr. Urth. »Eine gesprungene Glocke ist sehr temperamentvoll. Aber mit Knochen geht es. Ich habe einen hier.« Er hielt etwas, das wie ein kurzer, dicker Löffel aus grauweißem Material aussah. »Ich habe ihn aus dem Wirbelknochen eines Ochsen gemacht … Hören Sie!«
Mit erstaunlicher Vorsicht bewegten seine klobigen Finger die Glocke, tasteten sie nach einer geeigneten Stelle ab. Dann wartete er, bis sie wieder still und unbeweglich hing. Während er ihr dann einen kleinen Stoß versetzte, gab er ihr mit dem dicken Ende des Löffels einen sanften Schlag.
Es klang, als tönten aus weiter Entfernung Millionen von Harfen auf. Es schwoll an, ließ nach und wurde wieder stärker. Es kam aus keiner bestimmten Richtung. Der Klang breitete sich im Kopf aus, unglaublich süß, pathetisch.
Ganz allmählich erstarb er.
»Nicht schlecht, was?« fragte Dr. Urth und versetzte der Glocke wieder einen Stoß.
Davenport bewegte sich unruhig. »Vorsichtig! Brechen Sie sie nicht.« Die Zerbrechlichkeit einer tönenden Glocke war sprichwörtlich.
»Die Geologen behaupten, daß die Glocken durch Druck verhärteter Bimsstein seien, der ein Vakuum enthält, in dem winzige Gesteinskugeln frei herumkullern. Aber wenn das stimmte, müßten wir sie doch auch selbst herstellen können! Eine sprunglose Glocke ließe diese hier als Stümperwerk erscheinen.«
»Genau«, antwortete Davenport, »und auf der ganzen Erde gibt es nicht ein Dutzend Leute, die eine ganze Glocke besitzen. Dafür gibt es Hunderte von Institutionen und auch Privatleuten, die jeden Preis dafür zahlen würden. Ein Vorrat an Glocken wäre also einen Mord schon wert.«
Der Wissenschaftler wandte sich zu Davenport und rückte seine Brille zurecht. »Ich habe Ihren Mord nicht vergessen. Bitte, erzählen Sie weiter.«
»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ein Satz genügt: Ich kenne den Mörder.«
Sie waren zu den Sesseln in der Bibliothek zurückgekehrt. Dr. Urth faltete die Hand über seinem umfangreichen Bauch. »Wirklich? Dann brauchen Sie sich ja keine Sorgen zu machen, Inspektor.«
»Wissen und beweisen sind nicht dieselben Dinge, Dr. Urth. Unglücklicherweise hat er kein Alibi.«
»Sie wollen sagen, unglücklicherweise hat er eins, nicht wahr?«
»Ich meine, was ich gesagt habe. Wenn er ein Alibi hätte, dann könnte ich es zerstören, denn es wäre ein falsches. Wenn es Zeugen gäbe, könnte ich ihre Aussagen widerlegen. Wenn er Beweise hätte, so könnten sie als Fälschungen oder Tricks entlarvt werden. Leider hat er nichts von alledem.«
»Was hat er denn?«
Ausführlich beschrieb Davenport Peytons Grundstück in Colorado. »Jeden August verbringt er dort in absoluter Klausur, selbst die T.B.I. müßte ihm das zugestehen. Jedes Gericht müßte annehmen, daß er auch diesmal während des ganzen Monats dort war – außer wir könnten einen Beweis dafür bringen, daß er auf dem Mond war.«
»Wieso glauben Sie so fest, daß er auf dem Mond war? Vielleicht ist er unschuldig.«
»Nein!« sagte der Inspektor schnell. »Fünfzehn Jahre lang bemühe ich mich, Beweise zu sammeln, aber nie ist es mir gelungen. Inzwischen kann ich ein Peyton-Verbrechen schon riechen. Ich versichere Ihnen, daß niemand außer Peyton, niemand auf der ganzen Erde, die Unverschämtheit, oder, in diesem Fall, die praktischen Geschäftsverbindungen besitzt, um den Versuch zu unternehmen, tönende Glocken abzusetzen. Er ist als Raumpilot bekannt. Es ist ebenfalls bekannt, daß er mit dem Ermordeten Kontakt aufnahm. Leider sind das keine Beweise.«
»Könnte man hier nicht einfach mit dem Psychoschock arbeiten, jetzt, nachdem er legalisiert ist?«
Davenport runzelte die Brauen, die Narbe auf seiner Wange begann zu leben. »Haben Sie denn nicht das Konski-Hiakawa-Gesetz gelesen, Dr. Urth?«
»Nein.«
»Anscheinend hat das niemand getan. Das Recht auf geistige Unantastbarkeit ist unumstößlich, sagt die Regierung. Meinetwegen, aber was folgt daraus? Derjenige, der sich einem Psychoschock zu unterziehen hatte, ist zu einer hohen Entschädigung berechtigt. Kürzlich erhielt ein Bankier 25000 Dollar zugesprochen, weil er auf einen unvollständigen Verdacht wegen Diebstahls hin eine Psychoschockbehandlung durchzustehen hatte. Es schien, als deuteten die Umstände, die mit dem Diebstahl in Zusammenhang standen, auf einen Ehebruch hin. Sein Vorwurf, daß er seinen Job verloren hatte, wurde noch durch seine Ehepartnerin verstärkt, und schließlich zog ein Journalist, der von den Ergebnissen des Schocks gehört hatte, alles ins Lächerliche.«
»Ich verstehe die Gefühle des Mannes sehr gut.«
»Das tun wir alle. Aber das ist ja das Schlimme. Und noch etwas müssen wir uns vor Augen halten: Jemand, der sich einmal dem Psychoschock unterzogen hat, kann niemals ein zweites Mal dazu verurteilt werden. Kein Mensch, so sagt das Gesetz, soll in seinem Leben diese Qual zweimal durchzustehen haben.«
»Sehr unbequem.«
»Stimmt genau. Ich könnte nicht sagen, wie viele Betrüger und Gangster sich während der beiden Jahre, in denen der Psychoschock gesetzlich anerkannt ist, darum gerissen haben, ihn für ein kleines Vergehen wie für einen Taschendiebstahl aufgebrummt zu bekommen, um sich hinterher in aller Ruhe und Sicherheit an die größeren Verbrechen machen zu können. Deshalb, sehen Sie, wird unsere Abteilung es nicht gestatten, daß Peyton sich dem Schock unterzieht, bevor wir nicht genügend Beweismaterial gegen ihn in der Hand haben. Es brauchen gar keine legalen Beweismittel zu sein, aber solche, die stark genug sind, meinen Chef zu überzeugen. Und was das Schlimmste ist, Dr. Urth, wenn wir, ohne den Psychoschock angewandt zu haben, vor Gericht treten, können wir mit unserer Klage einfach nicht durchkommen. In einem solch extremen Fall wie Mord nicht den Schock gebraucht zu haben, ist schon Beweis genug dafür, daß wir unserer Sache nicht völlig sicher sind.«
»Was wollen Sie also von mir?«
»Den Beweis, daß er irgendwann im August auf dem Mond gewesen ist. Aber wir brauchen ihn schnell. Ich kann ihn nicht mehr lange auf bloßen Verdacht hin festhalten.
Und wenn die Nachricht von dem Mord erst mal bekannt wird, dann ist in der Presse der Teufel los. Ein tolles Verbrechen, verstehen Sie; der erste auf dem Mond verübte Mord in der Geschichte.«
»Wann fand der Mord statt?« fragte Urth wie bei einem Kreuzverhör.
»Am 27. August.«
»Und wann haben Sie ihn verhaftet?«
»Gestern. Am 30. August.«
»Wenn Peyton also tatsächlich der Mörder ist, so hatte er genügend Zeit, um auf die Erde zurückzukehren.«
»Knapp. Ganz knapp.« Davenports Lippen wurden schmal. »Wenn ich einen Tag früher dagewesen wäre, wenn ich sein Haus leer vorgefunden hätte –«
»Und wie lange, glauben Sie, waren die beiden, der Ermordete und sein Mörder, zusammen auf dem Mond?«
»Nach den Fußabdrücken bestimmt ein paar Tage. Mindestens eine Woche.«
»Wurde das Schiff, das sie benutzten, gefunden?«
»Nein, und das werden wir wahrscheinlich auch nie finden. Vor ungefähr zehn Stunden meldete die Universität von Denver einen Anstieg der Radioaktivität in der Stratosphäre. Es begann vorgestern gegen 18 Uhr und dauerte ein paar Stunden lang. Es ist doch nicht schwer, Dr. Urth, die Steuerung eines Schiffs so einzustellen, daß es sich von der Erde erhebt, und zwar ohne Besatzung, und dann in fünfzig Meilen Höhe durch einen Kurzschluß explodiert.«
»Ich an Peytons Stelle hätte den Mann an Bord des Schiffes getötet«, bemerkte Dr. Urth nachdenklich, »und beides, Mann und Schiff, zusammen in die Luft gejagt.«
»Sie kennen Peyton nicht«, erwiderte Davenport bitter.
»Er genießt seine Siege über die Justiz. Er schätzt sie. Das Hinterlassen der Leiche auf dem Mond ist eine Herausforderung an uns.«
»Verstehe.« Dr. Urth strich sich über den Bauch. »Es gibt eine Chance.«
»Sie können beweisen, daß er auf dem Mond war?«
»Daß ich Ihnen meine Meinung sagen könnte.«
»Jetzt?«
»Je eher, desto besser. Natürlich nur, wenn man mir Gelegenheit gibt, Herrn Peyton zu interviewen.«
»Das kann arrangiert werden. Draußen wartet ein Non-Grav-Düser auf mich. Wir können in zwanzig Minuten in Washington sein.«
Auf dem Gesicht des Extraterrologen breitete sich Entsetzen aus. Er erhob sich und watschelte in die staubigste Ecke seines vollgestopften Zimmers.
»Nein!«
»Was ist los, Dr. Urth?«
»Ich benutze keinen Non-Grav-Düser. Ich halte nichts von ihnen.«
Verwirrt starrte Davenport den Wissenschaftler an. »Würden Sie lieber die Einschienenbahn nehmen?« stammelte er.
»Ich mißtraue jeder Art von Transportmittel«, fuhr ihn Dr. Urth an. »Ich halte nichts davon. Ich gehe zu Fuß, das macht mir nichts.« Plötzlich schien ihm etwas einzufallen.
»Könnten Sie Herrn Peyton nicht irgendwohin in diese Stadt bringen? Was nicht so weit entfernt von meinem Haus ist? Ins Rathaus vielleicht? Bis zum Rathaus bin ich schon oft gegangen.«
Hilflos blickte sich Davenport im Zimmer um. Er sah zu den unzähligen Lehrbüchern durch die offene Tür in den Raum mit seinen Schätzen und Wahrzeichen von den Welten hinter dem Himmel. Und dann musterte er Dr. Urth, der bei dem Gedanken an einen Non-Grav-Düser blaß geworden war, und zuckte die Achseln.
»Ich werde Peyton direkt hierher bringen. In dieses Zimmer. Sind Sie nun zufrieden?«
Dr. Urth atmete erleichtert auf.
»Ja.«
»Ich hoffe, Sie können uns helfen, Dr. Urth.«
»Ich will mein Möglichstes tun, Inspektor.«
Voller Widerwillen musterte Louis Peyton seine Umgebung und warf dem dicken Mann, der seinen Kopf zur Begrüßung leicht neigte, einen verächtlichen Blick zu. Den Stuhl, den man ihm angeboten hatte, wischte er zuerst mit der Hand ab, bevor er sich setzte. Davenport ließ sich mit schußbereitem Blaster dicht neben ihm nieder.
Der Dicke lächelte und streichelte seinen runden Bauch, als hätte er gerade ein gutes Essen zu sich genommen.
»Guten Abend, Herr Peyton«, sagte er. »Ich bin Dr. Wendell Urth, Extraterrologe.«
Wieder blickte Peyton ihn an und fragte: »Was wollen Sie von mir?«
»Ich möchte von Ihnen gern wissen, ob Sie während des letzten Monats, also im August, irgendwann einmal auf dem Mond gewesen sind.«
»Nein. War ich nicht.«
»Trotzdem sah Sie niemand hier auf der Erde während dieser Zeit.«
»Ich verbrachte den August, wie ich es immer tue. Niemand sieht mich in dieser Zeit. Er wird es Ihnen bestätigen.« Er deutete mit dem Kopf auf Davenport.
Dr. Urth kicherte. »Wenn wir das nur nachprüfen könnten. Wenn es doch nur ein physisches Merkmal gäbe, durch das wir Mond und Erde voneinander unterscheiden könnten! Wenn wir zum Beispiel den Staub in Ihrem Haar analysieren und sagen könnten: Aha, Mondfelsen. Leider ist das nicht möglich. Die Mondfelsen sind nicht anders als die auf der Erde. Selbst wenn sie das nicht wären, so würde davon doch nichts mehr in Ihren Haaren zu finden sein, außer Sie wären ohne Raumanzug auf die Mondoberfläche getreten, was ziemlich unwahrscheinlich ist.«
Peyton blieb teilnahmslos.
Lächelnd fuhr Dr. Urth fort, wobei er eine Hand hob, um die Brille, die unsicher auf seiner dicken Nase thronte, festzuklemmen: »Ein Mensch, der durch den Raum fliegt oder auf dem Mond herumspaziert, atmet Luft von der Erde und nimmt Nahrung von der Erde zu sich. Seine nächste Umgebung ist jener der Erde angepaßt, ob er nun im Schiff oder im Raumanzug sitzt. Wir suchen einen Mann, der zwei Tage lang im Raum verbrachte, um zum Mond zu gelangen, sich dort wenigstens eine Woche aufhielt und dann innerhalb von zwei Tagen von dort zurückkam. Während all der Tage trug er die Erde sozusagen auf der Haut mit sich herum, das macht die Sache so schwierig.«
»Ich schlage vor«, sagte Peyton, »daß Sie es sich einfacher machen, indem Sie mich freilassen und sich nach dem wahren Mörder umsehen.«
»Dazu könnte es kommen«, antwortete Dr. Urth. »Haben Sie schon mal so etwas gesehen?« Seine fleischige Hand tastete nach einem Gegenstand neben seinem Sessel und brachte eine graue Kugel zum Vorschein.
Peyton lächelte. »Sieht aus wie eine tönende Glocke.«
»Es ist eine tönende Glocke. Der Mord wurde wegen tönender Glocken begangen … Was halten Sie von der hier?«
»Ich finde, daß sie einen ziemlich bösen Sprung hat.«
»Aha. Sehen Sie genau hin«, sagte Dr. Urth und warf ihm mit einer schnellen Bewegung die Glocke zu.
Davenport stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang auf. Blitzschnell riß Peyton die Arme hoch und konnte sie gerade noch auffangen.
»Sie verdammter Narr«, sagte er.
»Sie halten was von tönenden Glocken, was?«
»Zuviel, um eine zu zerbrechen.«
Peyton berührte die Glocke vorsichtig mit einem Finger, dann hielt er sie an sein Ohr und schüttelte sie leicht, während er dem sanften Klicken der Lunolithen lauschte, den kleinen Bimssteinteilchen, die in dem Vakuum aneinderrasselten.
Dann hielt er sie an dem dünnen Draht in die Höhe und fuhr mit dem Daumennagel über die Oberfläche, wie es nur Experten tun. Es klirrte! Der Ton war sehr weich, wie der einer Flöte.
Da sagte Dr. Urth: »Werfen Sie sie zurück, Peyton. Hierher, zu mir!« Mit gebieterischer Geste streckte er die Hände aus.
Automatisch warf Peyton die Glocke in die Richtung von Dr. Urths Sessel. Sie flog in einem niedrigen Bogen ein Drittel der Entfernung und zerschellte mit einem herzzerreißenden, seufzenden Ton auf dem Fußboden.
Davenport und Peyton starrten wortlos auf die grauen Splitter, und die ruhige Stimme Dr. Urths drang kaum in ihr Bewußtsein: »Wenn das Lager roher Glocken gefunden wird, werde ich um eine Glocke ohne Sprung bitten, eine, die ordentlich poliert ist. Sozusagen als Ersatz und Honorar.«
»Honorar? Wofür?« fragte Davenport verwirrt.
»Die Sache ist klar. Trotz meiner kleinen Rede, die ich vor einem Weilchen hielt, gibt es etwas, das der Raumfahrer nicht von der Erde mitnimmt … und das ist die Oberflächen-Gravitation der Erde. Die Tatsache, daß sich Herr Peyton beim Wurf eines so kostbaren Gegenstands so ungeheuer verschätzen konnte, kann nur bedeuten, daß sich seine Muskeln noch nicht wieder an den Druck der Gravitation hier bei uns gewöhnt haben. Es ist meine berufliche Meinung, Inspektor, daß Ihr Gefangener während der letzten Tage nicht auf der Erde geweilt hat. Entweder hat er sich im Weltraum aufgehalten oder aber auf einem Planeten, der beträchtlich kleiner als die Erde ist – wie etwa der Mond.«
Triumphierend sprang Davenport auf.
»Geben Sie mir das schriftlich«, sagte er, die Hand fest um den Blaster geklammert, »das reicht aus, um mir die Erlaubnis für einen Psychoschock zu beschaffen.«
Louis Peyton, benommen und widerstandslos, hatte nur das dumpfe Gefühl, daß jedes Testament das letztliche Versagen zeigen würde.