Daniel F. Galouye
Zuflucht

 

 

Hastig stolperte Lois vorwärts; in der Kurve verlor sie das Gleichgewicht, rappelte sich wieder hoch und tauchte im Schatten des nächsten Häuserblocks unter.

Geschützt vor dem gelben Licht, das wie ein Nebel über einer Ecke lag, verlangsamte sie ihre Schritte und warf einen verzweifelten Blick zurück.

Ihr Herz klopfte schnell. Ihr Atem flog. Ihre Hände waren zu kleinen Fäusten geballt. Sie zitterten an ihren Seiten. Sie lauschte, ihre Augen versuchten das Dunkel zu durchdringen.

(…Puppe wie die … allein … in dieser Gegend …)

Das war sein Gedankenstrom.

Denn es war sonst niemand in der Nähe.

Als sie sich umwandte, um weiterzufliehen, erhaschte sie das schwache Geräusch seiner schnellen, aber leisen Füße – wirkliche Laute, keine reflektierten Eindrücke.

Aber sie zwang sich, nicht zu lauf en … sie durfte ihn nicht zu einem verfrühten Angriff reizen. Sie schlich um die nächste Ecke; und raste erst weiter, als sie sich seinem Blickfeld entzogen hatte. Sie lief auf den Sohlen, damit ihre Holzabsätze sie nicht verrieten.

(…Klasse …) Sie spürte die Lüsternheit. (…tolle Figur …)

Die verhaßten Gedanken rieben gegen ihr Gehirn. Ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt, aber sie unterdrückte den Schrei, der ihr in der Kehle steckte.

Entsetzt starrte sie zurück. Er stand bewegungslos unter der Straßenlaterne – eine große, muskulöse Gestalt, die Sehnen und Muskeln seiner kräftigen Arme traten hervor, als er die Fäuste in die Hüften stemmte und lauschte. Plötzlich schien ihm bewußt zu werden, daß sie lief und er ihr folgte.

(…gut! … Gäßchen da vorn – nächster Häuserblock …) Dieser Gedankenstrom bohrte sich wie Nadelspitzen in ihr Gehirn. Sie stöhnte laut auf.

Eine Reihe undefinierbarer, obszöner Vorstellungen brach durch, untermalt von Ausdrücken und Worten, die sie noch nie gehört hatte.

Dann, (…mir wird übel … kann er seinen verdammten Wagen nicht ein bißchen schneller fahren? … LICHTER, EIN AUTO! …) Jetzt waren es viele Gedankenströme. (… noch eineinhalb Stunden … VERDAMMT, DIE KANN VIELLEICHT RENNEN! … so übel …)

Sie erreichte die Ecke gerade, als ein Taxi mit einem Fahrgast wendete und vorbeifuhr.

Sie blieb stehen und wollte den Fahrer rufen. Aber es war zu spät.

Die Scheinwerfer des Taxis fielen jetzt auf ihren Verfolger. Er kam auf sie zu.

(…muß vorsichtig sein …) Jetzt waren es wieder nur seine Gedanken. (… Gasse nur noch ein halber Block … kein Polizeiauto …)

Sie überquerte die Straße und lief, so schnell sie konnte, um die Ecke. Hinter sich hörte sie die schnellen Schritte ihres Verfolgers.

Lichter! Rotes und orangefarbenes Neonlicht. »Bier« und »Billard« buchstabierte sie.

Er war nun bedrohlich nahe. Eine Welle von neuen Gedanken schlug auf sie ein. (… nur ein kleines Gaunerpaar – versuchen zu bluffen … verdammtes Gesöff – nicht genug Whisky … WENN SIE REINGEHT, WARTE ICHkein guter Queue … SIE WIRD GLAUBEN, ICH SEI WEG; DANN KOMMT SIE RAUS UND …)

Wenn doch nur Klappen über ihrem Gehirn wären, daß sie sich abschirmen könnte, so wie sie die Augen mit den Lidern bedeckte! Aber es hatte keinen Zweck!

Der Mann kam langsam näher, er hielt sich in den Schatten der Häusermauern.

Warum war sie nur in diese verlassene Gegend gekommen? Warum war sie überhaupt in die Stadt gekommen? Man hatte sie gewarnt. Man hatte ihr gesagt, was geschehen würde, wenn sie sich unter Menschen mischte … Es waren nur Gedankenimpulse, aber diese Gefühle sausten wie Peitschenhiebe auf sie nieder. Diese Impulse würden sie immer quälen, wenn sie nicht lernte, sich vor ihnen zu schützen.

Sie befand sich in dieser verlassenen Gegend, weil sie geglaubt hatte, daß sie nur hier – in dieser düsteren, wenig belebten Umgebung – vor den Gedanken der anderen geschützt sei, bis der Morgen kam und sie zur Stiftung laufen konnte. Sie konzentrierte sich. Die Gedankenschläge schienen etwas von ihrer Schärfe zu verlieren.

Zögernd trat sie durch die offene Tür in die Bar.

Alle schwiegen.

Aber die Stille war nur der Ausdruck gemeiner Gedanken, die hier und da in einem Flüstern frei wurden.

(…was für eine Figur! Sie sieht aus wie …) Das kam vom Barmixer. Sie spürte es. Die Gedanken stimmten mit dem Ausdruck seiner Augen und seiner Bewegungen überein.

(…mit der in einem Hotel … SIE WIRD WIEDER RAUSKOMMENBaby! Zuckerpuppe! … SIE IST NUR REINGELAUFEN, UM SICH IN SICHERHEIT zu BRINGENerstaunlich, wie die …)

Verzweifelt stand sie in der Tür.

Die Impulse waren unbarmherzig!

Selbst jetzt, wo es ihr gelang, sie etwas zu mildern. Und was geschieht, wenn die Konzentration, die ihr einziger Widerstand war, sie verließ?

Sie mußte weg von hier! Sie mußte allein sein! Gehetzt blickte sie nach draußen. Undeutlich erkannte sie den Mann im Schatten auf der gegenüberliegenden Straßenseite … er wartete.

»Komm her, Baby.« Diesmal waren es gesprochene Worte.

Eine Hand packte sie und zog sie zur Bar. »Was willste trinken. Ich kauf dir alles, waste willst.«

Das Gesicht des Mannes war gerötet, seine Augen glasig, sein Atem roch nach Alkohol. Triumphierend stierte er die anderen an, und der Raum füllte sich wieder mit Gerauschen.

Der Hemdsärmelige lächelte. »Gib ihr ‘nen doppelten Bourbon, Mack.

Sag mal«, er ließ eine schwielige Hand auf ihre Schulter fallen, »du suchst wohl nicht ‘nen Platz zum Pennen, was?«

»N – nein«, stammelte sie.

Draußen überquerte der Verfolger die Straße. Erschreckt folgten ihm ihre Augen.

»Das heißt – doch«, verbesserte sie sich. … Vielleicht.«

Der Betrunkene legte einen Arm um sie und zog sie zu sich heran.

Sie unterdrückte einen Schrei, aber die Nähe dieses Rohlings war noch eher zu ertragen als die Gedankenströme, die ihr Gehirn zerhämmerten.

Er lachte, ließ sie los und kippte sich ein Glas Whisky in den Mund. Ungläubig starrte Lois auf ihr Spiegelbild über der Bar, auf ihr blondes Haar, das zerzaust über ihren dunklen Mantel hing; auf den erschreckten Ausdruck ihrer Augen; auf die Linien um ihre Mundwinkel, die vom Schmerz gezeichnet waren.

Der Mann schlürfte das Getränk, spuckte aus und wischte sich die Lippen an einem schmutzigen Hemdsärmel ab. »Streich den Drink, Mack.«

Er packte sie am Arm – vor allem, um sich zu stützen, glaubte sie – und zerrte sie aus der Bar.

(…Glück gehabt, der Säufer …) Die unbarmherzigen Gedanken bohrten sich wieder in sie hinein.

(…VIELLEICHT SOLLTE ICH IHNEN NACHGEHENsoll ich schärfer rangehen? oder warten? … ‘nen Kaffee zuerst – bißchen nüchtern werden …)

»Ich hab ein paar Straßen weiter ‘n Zimmer, Puppe«, sagte er und legte einen Arm um ihre Taille. »Unterwegs is ‘n Espresso … Sag mal, du bist schön jung, was?«

Die Gedanken von der Bar wurden zu einem unruhigen Schwirren, als sie die Straßenecke erreichten. Sie war erschöpft und konnte sich nicht mehr konzentrieren. Aber sie hatte nicht an den Mann im Schatten des Gebäudes und ihren betrunkenen Begleiter gedacht.

(… ein halbes Kind, aber was, zum Teufel …)

Der Gedankenfaden explodierte wie eine Bombe in ihrem Gehirn. Sie schluchzte.

»Stimmt was nicht, Baby?« Er drückte sie fester an sich.

(… FOLGE IHNENVIELLEICHT …)

Die Gedanken des Verfolgers einen halben Häuserblock hinter ihnen stachen sie wie eine Hornisse, und schnell stellte sie den Widerstand wieder her.

»Ein Mann folgt mir«, klagte sie.

Fluchend schnellte ihr Begleiter herum, zog ein Messer aus der Tasche und rannte hinter dem andern her. Der ergriff die Flucht.

Lois floh in der entgegengesetzten Richtung. Erleichterung überkam sie wie ein kühlender Wind, als sie dem Gedankenbereich ihres Verfolgers, des wütenden Betrunkenen und der Menge in der Bar entronnen war.

Sie weinte … Sie mußte zurückgehen – zurück in das Haus weit draußen auf dem Land, der einzigen Zuflucht, die es für sie gab.

Aber sie konnte jetzt doch nicht aufgeben! Ihre Flucht war wie das Überqueren einer versengten Wüste gewesen – man vergaß, wie weit man schon gelaufen war, und wußte nur, daß der Wald mit seinem kühlenden Fluß gleich hinter der nächsten Düne lag.

Sollte sie jetzt umkehren und die vielen qualvollen Meilen noch einmal durchstehen – zurück in die Zuflucht ihres isolierten Heims, wo sie zwar ohne Schmerzen, aber einsam leben würde? Oder sollte sie weitermachen, mit der kleinen Hoffnung, in der Stiftung Hilfe und Verständnis zu finden?

Wenn es nur erst morgens wäre! Vielleicht würden sie ihr eine Spritze geben.

 

Die Dämmerung brach mit einem frostigen Wind an, und sie zog den Mantel fester um sich. Zitternd hockte sie auf der Laderampe eines leeren Warenhauses.

Ein fahler Schimmer überzog den Himmel. Auf der Hauptstraße erklang ein düsterer Hupton. Irgendwo in der Ferne ratterte ein Lastwagen über holprigen Boden.

Lois schloß die Augen und zitterte. Das waren die Geräusche einer erwachenden Großstadt, und sie kündeten die. barbarischen Torturen des Tages.

Aber sie mußte hoffen, daß sie lange genug lebte, um die Stiftung zu erreichen – eine Insel im Meer! Dort hatten sie schon ähnliche Fälle wie den ihren bearbeitet und geprüft. Nur dort konnte man ihr vielleicht helfen.

Zögernd ging sie auf die Hauptstraße zu. Ein unheilvolles Flüstern von tausend Gedanken in der erwachenden Stadt kam auf sie zu – eindringliches, aber lautloses Gemurmel von Gedanken, die noch nicht verständlich waren.

Sie umklammerte mit der einen Hand die Mantelaufschläge, die andere steckte sie tief in die Tasche und fühlte dabei die kleine viereckige Karte. Sie zog sie heraus und las den Namen, Morton Nelson, und die Adresse, die darunter stand.

Würde sie ihn in der Stiftung finden? Er war sehr interessiert gewesen, als sie ihm im Zug erzählt hatte, wohin sie wollte. Er arbeite dort, und er hat ihr seine Hilfe angeboten.

Die Sonne ging gerade auf, als sie auf das Stadtzentrum zuging.

(…verdammt zeitiger Job …) Unerwartet traf sie der erste Gedankenstrom, und sie zuckte erschreckt zusammen, als ein Auto an ihr vorbeifuhr.

(…wenn ich einen Schnitt von 60 habe … gegen Mittag in Kington …) Ein anderes Auto raste in entgegengesetzter Richtung.

(…Ich geb’s auf, jawohl; das tue ich … schmeiße ihm den Kram vor die Füße … Ballspiel, wenn ich rechtzeitig loskomme … sollte ihm den Hals umdrehn …)

Mit verzerrtem Gesicht ballte sie die Hände zu Fäusten. Jedesmal, wenn ein Auto vorbeikam, zuckte sie zusammen.

Sollte sie aufgeben? Sie gab diesen Gedanken aber wieder auf: Da war der überfüllte Wartesaal und das Fahrkartenbüro – ein Tollhaus, das sie gleich nach ihrer Ankunft hinaus in die Straßen getrieben hatte. (…nicht schlecht! … was sie wohl …kann mir heute nicht freinehmen …)

Bremsen kreischten, und neben ihr hielt ein Wagen. »Steig ein, Kleine«, rief ein lächelnder Mann aus dem Fenster. »Ich nehm dich ein Stückchen mit.«

(… SIEHT GUT AUSJoe wird schon noch ein freies Zimmer haben …) Lois blickte weg und ging schneller. Sie empfing die Eindrücke von Enttäuschung, Unwillen, dann Resignation. (…Na jasowieso viel zu tun …)

Die Gedankenströme begannen jetzt erbarmungslos an ihrem Bewußtsein zu zerren. Sie wuchsen zu fast unerträglicher Intensität an.

Kam es daher, weil sie gestern ihre Kapazität, ihnen zu widerstehen, fast voll erschöpft hatte?

Ein Taxi fuhr langsam heran, und sie winkte ihm.

»Wissen Sie, wie spät es ist?« fragte sie, nachdem sie eingestiegen war.

»Zwei Minuten nach halb neun.«

Erleichtert seufzte sie. Die Stiftung mußte jetzt schon auf sein.

(…was mit der wohl los ist? … sieht unschuldig aus … kann man nie wissen … bei Sadie vielleicht …)

Jeder Gedanke des Taxifahrers war wie ein tiefer Stachel, Flüche, unzüchtige Ausrufe, neurotische Delirien.

Wie tausend Lanzen stachen verwirrende Bilder auf sie ein und setzten sich zu einem lautlosen Gemisch von Rachsucht, Abscheu, Ärger, Unzufriedenheit und Vorurteil zusammen.

Und wo es keinen Schmutz gab, da war die Angst. Sie war gezwungen, alle Regungen ringsum zu ertragen.

Es war, als müßte sie Hunderte von Problemen auf einmal lösen – und keines war ihr eigenes.

Würde sie sich je wieder davon befreien können? Sie ausschließen können? Konnte die Stiftung ihr helfen?

Das Taxi bog in einer scharfen Kurve in die Hauptstraße ein und zwängte sich zwischen die unzähligen Wagen des Innenstadtverkehrs.

 

Verzweifelt schloß Lois die Augen. Die Ströme fielen jetzt wie Raubtiere über sie her und steigerten sich ins Unerträgliche. Sie sank in sich zusammen und schlug die zitternden Hände vors Gesicht.

(… verdammter Narr … mach, daß du verschwindest … blöder Polyp … ich werde zu spät kommen … noch nicht ein einziges grünes Licht heute morgen … fährt wie eine Irre, dieses Weib …)

Hupen ertönten. Schrille Pfiffe. Sie schluchzte krampfhaft.

(…die Lady hat ‘nen Tick …) »Fehlt Ihnen was, Fräulein?« fragte der Taxifahrer unmutig. (… entweder übergeschnappt oder … vielleicht gefährlich …)

»Es wird schon wieder besser«, stammelte sie. »Nur – Kopfschmerzen.«

»Oh.« (…Kopfschmerzen – ha! … reif für die Klapsmühle …)

Sie bemerkte plötzlich, daß das Auto stillstand …

»Wo sind wir?« Ihre Hände verkrampften sich.

»Vierte, Ecke Allington.«

Nur noch fünf Straßenzüge! Sie kannte sich hier aus – sie hatte die Karte studiert, damit sie wüßte, wo sie sich befand, wenn sie nicht mehr klar denken konnte.

»Warum fahren wir nicht weiter?« Sie rückte auf dem Sitz vor.

»Verkehrsstockung. Sieht aus, als wär’n ein paar ineinandergefahren.«

(…IHR BENEHMEN GEFÄLLT MIR NICHTblöder Pinkel … HÜBSCH, ABER VERRÜCKTAh, zum Teufel … DIE KÖNNTE NICHT MAL FÜR SADIE ARBEITEN …)

Unerträgliche Qualen schwemmten über sie hinweg.

(…zu spät kommen … Zum Teufel mit ihm … VIELLEICHT IST SIE BETRUNKENman sollte ihm die Zähne einschlagen … ABER ICH RIECHE KEINEN ALKOHOL …)

Lois kreischte auf. Sie sprang aus dem Taxi und lief auf den Bürgersteig.

Aber jetzt war sie von Hunderten von Menschen umgeben – sie drängten, versperrten ihr den Weg, starrten sie an, bestürmten sie mit ihren Gedanken.

Ich muß mich beeilen, dachte sie – muß zur Bank gehen, um den Scheck einzulösen. Nein! Das war nicht ihr Gedanke! Es war der eines anderen! Sie stieß eine Frau beiseite.

(…dummes Geschöpf … hier entlang, Baby … sie müßte hinfallen, dann würde ich sie aufheben und in den Armen halten und … bums, bums – hübsch, hübsch …)

Ihr Knöchel knickte um, aber sie rannte weiter. Sie durfte nicht stehenbleiben! Sie mußte …den Stadtexpreß kriegen; das Geschäft wartete. »Nein!« Sie schrie auf. Sie wollte nicht mit dem Stadtexpreß fahren! Jemand anders – aber nicht sie. Sie war –

 … ›Roger Van Ness‹, werde ich sagen, ›das bin ich; und wenn ich Kastons Büro betrete, sage ich … Aber sie konnte nicht Roger Van Ness sein. Sie ging in kein Büro!

Wer war sie denn?

 … Arthur … Betty … Rose …

John … Lottie … Hunderte von Namen.

Aber sie war keine von jenen! Sie war … Lois! Das war’s! Lois Farley … Und sie ging in – … das Büro …

 … nach Hause nach einer anstrengenden Nacht

 … schnell eine Tasse Kaffee trinken vor dem Melden …

 … auf einen guten steifen Schluck.

Sie kreischte und taumelte vorwärts. Sie wußte nicht, wohin sie ging! Eine zwingende Notwendigkeit trieb sie voran. Sie mußte einen Ort finden, wo sie unbeeinflußt nachdenken konnte!

Breite Marmorstufen tauchten rechts von ihr auf. Oben waren drei Türbogen, und darüber ragten zwei Kuppeln und eine Turmspitze auf.

Sie stürmte die Stufen hinauf und raste hinein.

 

Als wäre sie durch einen schalldichten Vorhang getreten, so verließ sie plötzlich die phantastische Gedankenweit. Eine gelassene Feierlichkeit lag über diesem neuen Ort. Benommen blickte sie sich um und stolperte tiefer ins Innere.

Sie befand sich in einer fast leeren Kirche. Lange Reihen dunkel gebeizter, schwach erleuchteter Betstuhle zogen sich auf beiden Seiten bis zum Altar hin.

(… Maria voller Gnaden …)

Aber sie war nicht allein!

(…Lieber Gott, hilf mir und versprich … eine Kerze zum Gedenken an Fred, lieber Fred … Heiliges Herz Jesu …)

In den Stühlen, am Rande des Altars und vor den Kerzenständern knieten Leute.

Aber ihre Gedanken waren nicht Gewalt, Haß, und auch nicht Angst. Diese Eindrücke waren trauriger, zarter, sanfter.

Lois kauerte sich in einen Betstuhl in der Mitte des Kirchenschiffs und blieb in losgelöstem Schweigen sitzen.

(…Gott, vergib mir …) Das kam ganz aus der Nähe. Sie erkannte ein blondes Mädchen, das vor ihr niederkniete. Es trug ein schwarzes Kleid, ganz ähnlich dem ihren und nickte mit dem Kopf zu seinen Gedanken: (…wollte ihn nicht töten …aber das Baby war unterwegs und …)

Verlegen, als hätte sie absichtlich die Verzweiflung eines anderen erlauscht, versuchte Lois ihre Aufmerksamkeit abzulenken.

Da stellte sie fest, daß sie die Gedanken der Menschen in der Kirche nicht mehr empfing. Es schien, als wären sie nicht stark genug, um sich Eingang in ein anderes Bewußtsein zu schaffen.

Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte. Ein gefangenes Tier! Draußen war eine Hölle, die sie nicht überleben konnte – ginge sie nach draußen, so verlöre sie ihr eigenes Ich.

Während des Vormittags hielten sich etwa vierzig Personen in der Kirche auf, die meisten knieten in Stühlen in der Nähe des Altars. (… Kind … verzweifelt schaut sie!) Dieser Strom war stark und kam ganz aus der Nähe! (…fast den ganzen Morgen … wenn ich vielleicht mit ihr spreche …)

Sie blickte auf. Eine in eine schwärze Robe gekleidete Gestalt sah sie mitleidig an und kam den Gang entlang auf sie zu. Nervös erhob sie sich aus dem Stuhl (…wie schüchtern sie dreinschaut! …) und ging hinüber zur anderen Seite. (… erschreckt … wirklich! …)

Sie konnte jetzt mit niemandem reden! Mußte ihre Kraft speichern! Sie schlüpfte in einen anderen Stuhl und kauerte sich tief in seinen Schatten.

(…später, nicht jetzt … glaube, ich habe sie völlig erschreckt …)

Zögernd ging der Priester wieder.

(…Lieber Gott, mach ihn wieder lebendig … wollte nicht … töten …) Dann kam der Eindruck des blonden Mädchens, das in seinem Stuhl leise weinte, (…will nicht mehr leben …)

Gegen Mittag war die Kirche keine Zufluchtsstätte mehr. Tausende tummelten sich in den Straßen, und ihre Gedankenströme drangen selbst durch das dicke Mauerwerk. Lois’ Gesichtszüge verzerrten sich vor Schmerz. Sie verbarg das Gesicht in den Händen, damit ihre Qualen nicht beobachtet werden konnten. Wie lange würde das noch dauern? Sie versuchte zu beten. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren.

Verzweifelt kämpfte sie gegen eine Menschenmasse, die sie mit ihren Gedanken der Angst und Gier, des Betrugs, der Lust, des Egoismus, Neids und Hasses bewarfen.

Und als sie schon glaubte, sich dem Angriff ergeben zu müssen, begann er etwas abzuebben. Kurz nach halb zwei konnte sie sich entspannen.

Um halb vier, als die Intensität der Eindrücke am geringsten zu sein schien, ging sie zitternd zu der großen Tür … Jetzt mußte sie auf dem schnellsten Weg zur Stiftung jagen, die nicht weiter als vier Häuserblocks von hier entfernt lag. Sie starrte hinaus, und die Gedankenströme sprangen sie an.

(… blondes Gift wie die kommt aus der Kirche … warum, zum Teufel, muß die schon beten? …)

(… verdammter Schacher … eintausend Kröten mehr werden nicht mehr vermißt als die ersten achttausend … Herrgott … wieder so eine … ob sie wohl? … Maud wird glauben, ich sei heute außerhalb …)

Stiftung – Kirche – Stiftung – Kirche. Lois wiederholte diese beiden Worte immer wieder. Sie mußte kämpfen. Sie durfte sich nicht noch einmal in die erschreckende Tiefe einer verlorenen Identität ziehen lassen!

Sie mußte … ein angemessenes Geschenk zum Gedenktag für die kleine Frau finden.

»Nein!« schrie sie und begann zu rennen. Eine Reihe Leute drehten. sich erstaunt um.

»Stiftung – Kirche«, murmelte sie.

»Stiftung – Kirche –«

Sie taumelte, fiel beinahe und hielt sich an einem Pfosten fest.

»Stiftung – Kirche – Stiftung schöner Salon – Stiftung – Börse – Kirche – die Eckkneipe, um Bill zu treffen –«

Die Hände vors Gesicht schlagend, kreischte sie. »Kirche! Kirche!«

(…zum Zahnarzt … zum Buchmacher auf dem ersten Stock … zum Apartment der Rothaarigen …) Die Worte, die ein Ziel ausdrückten, schienen jetzt vorzuherrschen.

»KIRCHE!« schrie sie, drehte sich um und lief zurück.

Dann stürzte sie die Stufen hinauf und in das dämmrige, mit Kerzenrauch durchzogene Innere; sie stolperte auf einen Kirchenstuhl nahe dem Altar zu, wandte sich aber schnell nach rechts und lief in eine dämmrige Ecke.

Hier war ihre Zuflucht. Hier waren die Stimmen nicht lauter als ein Flüstern. Hier konnte sie sich ausruhen – bis …? Bis die Nacht kam und sie zu der wahnsinnserregenden Bahnstation zurückkehren würde, um sich eine Fahrkarte nach Hause zu kaufen.

Ein Erschöpfungsschlaf verdrängte endlich die quälenden Gedanken.

(…Hoffentlich ist sie nicht krank …) Lois wurde den schwachen Gedanken gewahr, als sie durch das sanfte Schütteln einer Hand erwachte.

Erschreckt, nicht fähig, im Augenblick festzustellen, wo sie sich befand, setzte sie sich auf.

»Hab keine Angst, Kind. Es ist alles in Ordnung.«

Sie drehte sich um und blickte in das lächelnde Gesicht eines Priesters. Aber sein Lächeln verwandelte sich in Erstaunen. (… dasselbe Mädchen, das fast den ganzen Tag hier war … ob? …)

»Es scheint, als hätten wir hier eine junge Dame, die sich in Schwierigkeiten befindet.« Er kratzte sich am Kinn und lächelte.

Die bunten Glasfenster, durch die jetzt kein Licht mehr fiel, glänzten stumpf. Durch die große Tür drang die Dunkelheit – und Stille, nur ab und zu von dem entfernten Klang einer Hupe unterbrochen. Bitter bemerkte sie, daß die Stiftung längst geschlossen war.

»Natürlich«, fuhr der Priester fort, »sehen wir mit Vergnügen auf jene, die das Sakrament besuchen. Aber leider müssen wir die Türen um zehn Uhr schließen.«

»Ich – ich werde gehen. Ich wußte nicht, daß es schon so spät ist.« Sie schob sich seitwärts aus dem Stuhl und ging auf den Ausgang zu.

Aber er faßte ihren Arm. »Du bist in Schwierigkeiten, mein Kind. Willst du mir nicht sagen, was dir fehlt?«

Zögernd biß sie sich auf die Lippen und schüttelte dann den Kopf.

»Willst du mir dann nicht wenigstens sagen, wie ich dir helfen kann?«

»Gar nicht – bestimmt nicht.« Sie ging weiter auf den Ausgang zu.

Er folgte ihr. An der Tür hielt er sie noch einmal an, als sie vorsichtig hinausschaute.

»Wenn du nicht weißt, wo du bleiben sollst«, bot er ihr an, »nicht weit von hier ist ein Kloster. Die Mutter Oberin ist sehr freundlich. Ich glaube nicht, daß sie etwas dagegen hat –«

Er wartete auf ihre Antwort.

Sie betrachtete die fast menschenleere Straße. An der Ecke stand ein Taxi, dessen Fahrer ein Telefon neben der Straße benutzte. An der nächsten Ecke spazierte ein junges Paar und schaute sich die Schaufenster an. Es wäre nicht schwer, zurück zum Bahnhof zu gelangen.

Aber plötzlich stutzte sie und wandte sich an den Priester. »Wie spät ist es?«

Er trat auf den Gehsteig hinaus und blickte auf die Uhr am Turm. »Drei Minuten vor zehn.«

Plötzliches Entsetzen preßte ihr die Brust zusammen. Der letzte Zug fuhr um zehn Uhr. Das schaffte sie nicht mehr!

Bei der Erinnerung an die vergangene Nacht schauderte sie.

»Ich glaube wirklich, daß es das beste ist, wenn Sie heute nacht ins Kloster gehen«, schlug der Priester vor. »Und morgen können wir uns unterhalten, wenn Sie wollen.«

Betäubt nickte sie.

Er legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund und drehte sich zu dem Taxifahrer um. »Murphy«, rief er.

»N’Abend, Vater.« Der ältliche Fahrer tippte mit den Fingern an die Kappe, als er näher kam.

(… was er wohl will? … weiß doch, daß ich morgen beim Treffen zu Ehren der Heiligen Namen dabei sein werde …) Lois hatte sich darauf konzentriert, die Gedanken des Priesters auszuschließen, daher schlichen sich jetzt die Gedanken des Fahrers ein.

»Willst du bitte diese junge Dame hier zum Kloster bringen?« (…sie wird dort gut aufgehoben sein … wenigstens bis morgen, das arme Kind …)

Als sie nun den Gedanken des Fahrers widerstand, konnte sie die des Priesters nicht mehr abhalten.

 

Seufzend gab sie jeden Widerstand auf. Jedenfalls waren sie, wie die Gedanken in der Kirche, harmlos. Und sie war zu benommen, um sich daran zu stören.

Murphy nahm sie am Arm und führte sie zum Taxi. »Bis morgen, Vater«, rief er dem Priester noch zu.

(…sieht nicht aus wie sonst die verkommenen …) Sie wußte, daß er sie heimlich musterte, als er ihr die Tür aufhielt, (…genau wie Elaine …) Sein Gefühl verriet ihr, daß Elaine seine Tochter war.

Sie ließ sich in den Sitz zurücksinken und steckte die Hände tief in die Taschen, als der Wagen sich in Bewegung setzte. Und wieder fühlte sie die Karte mit dem Namen »Morton Nelson« darin.

Ob er ihr wohl helfen konnte? Er arbeitete für die Stiftung als Forschungsassistent. Soviel hatte sie aus seinen Gedanken erfahren. Im Zug hatte sie ihm nicht die Wahrheit über den Grund ihres Besuches sagen wollen. Aus irgendeinem Grund hatte sie befürchtet, daß er sich über sie lustig machen würde – ja, sie vielleicht nicht einmal ernst nehmen würde. Aber jetzt war sie verzweifelt!

Lois beugte sich vor. »Ich möchte gern, daß Sie mich zu dieser Adresse bringen.« Sie reichte Murphy die Karte.

»Aber …« (…dem Vater wird es nicht gefallen, wenn er davon erfährt …)

»Es ist nicht, was Sie denken«, verteidigte sie sich gekränkt.

Er wendete an der nächsten Ecke, und seine Gedanken wurden verschluckt, als sie einen vollen Autobus überholten. Sie wimmerte in sich hinein, als der Massenangriff anderer Bewußtseinsvorstellungen in ihre Gedanken drang. Dann ließen sie den Bus hinter sich zurück, und sie war wieder frei.

Ein paar Minuten später stand sie zögernd vor Morton Nelsons Apartment, und ihre Hand hob sich, um anzuklopfen.

(… und in Washington … vor dem antiamerikanischen Haus … siehe Seite vier …)

Sie klopfte.

Leichte Verstimmung schlug ihr entgegen. (… zweite Unterbrechung …zu dieser Zeit?)

Die Tür ging auf.

»Ich – ich –«, begann sie verlegen. (… wer? …) »Lois!« Verwirrt stand er unter der Tür. Seine hochgewachsene Gestalt füllte die Öffnung fast ganz aus, in seiner Hand hingen ein paar Blätter Papier. Ungläubig musterte er sie von oben bis unten. (… irgendwelche Schwierigkeiten … was? …) »Was ist geschehen? Sie sehen so –«

Sein eckiges Gesicht drückte Erstaunen aus, als er an ihren zerknitterten Kleidern herabbückte und ihre zerzausten Haare sah.

»Darf ich hereinkommen?«

Er nahm sie am Arm. Sie bemühte sich nicht, ihr Zittern zu verbergen. Er führte sie zum Sofa.

»Ich habe mich erkundigt«, sagte er. »Sie sind nicht zur Stiftung gekommen heute.« (…will nichts fragen … sie wird schon von selbst erzählen … schätze, daß sie deshalb hier ist …wo sie wohl vom Bahnhof aus hingegangen ist? …)

»Ich – ich habe Hunger.«

Er runzelte die Stirn. (… Du lieber Gott, sie ist in Schwierigkeiten … sieht halb verhungert aus … Eier im Kühlschrank …)

»Ich konnte nicht zur Stiftung kommen. Ich mußte den Tag in einer Kirche, vier Häuserblocks davon entfernt, verbringen.«

Er starrte sie an.

»Ich wäre heute fast verrückt geworden, Mort. Ich – es ist mehr als ein außerordentlich empfindliches Wahrnehmungsvermögen. Ich empfange Gedanken von jedem, der in der Nähe ist. Alles auf einmal. Ich kann sie nicht ausschalten.

Ich konnte nicht zur Stiftung kommen, weil der Schmerz der Gedanken, die Gedanken selbst, mich vergessen ließen, wer ich war, wohin ich gehen wollte.«

Er stutzte, (…was soll das? … Psycho-Fall? …)

Sie stieß einen Seufzer der Resignation aus. »Was soll das; vielleicht ist sie ein Psycho-Fall«, wiederholte sie. »Ich empfange nicht den vollständigen Gedankenstrom, nur Fetzen.«

Er hielt den Atem an. (… Trick! … unmöglich … sie kann kein Telepath sein! …)

Lois blickte zur Seite. »Es ist ein Trick«, sagte sie mit monotoner Stimme. »Es ist unmöglich. Sie kann kein Telepath sein.«

Er zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück, (…ich hatte einen Hund … »Fuzzy« … Jahre alt … mal sehn, ob sie das wiederholen kann! …)

»Sie hatten einen Hund. Sein Name war Fuzzy. Sie dachten etwas über ein Alter. Ich weiß nicht, ob Ihr eigenes oder das des Hundes gemeint war. Da fehlt mir etwas.«

Verlegen blickte sie ihn an.

»Manchmal kann ich die Gedanken ausschließen – wenn nur eine Person in der Nähe ist. Aber in der Menge sind sie überwältigend. Ich kann ihnen nicht widerstehen.«

Lois machte eine Pause. »Hier im Gebäude ist jemand. Er scheint eine Diskussion über ein Auto zu haben, das an einen Baum gefahren ist.«

»Sam Patterson und seine Frau!«

»Mort«, sie blickte ihn flehend an. »Würden Sie mit mir im Auto aufs Land fahren? Weg von der Stadt – wo ich mich erholen kann? Vielleicht fällt uns etwas ein. Sie haben versprochen, mir zu helfen.«

Sie fing seine Vorstellungen auf. Sie zeigten ihn mit ihr in einem offenen Auto. Ruhige Landstraße. Mondschein. Sein Arm um ihre Schulter. – Aber er war bescheiden. Nichts in seinen Gedanken erschreckte sie. Sie wußte, daß er seinen Arm nicht um sie legen würde, wenn sie das nicht wollte.

Dann dachte er plötzlich an ihr schlechtes Aussehen und an die Eßsachen, die er ihr aus dem Kühlschrank holen könnte.

 

Es war eine beruhigende Fahrt, die Luft war rein und still. Der Mond schien hell, und ein paar verstreute Bauernhäuser waren von der Straße aus zu sehen. Es fiel ihr nicht schwer, Morts Reflexionen auszuschalten.

»Hören Sie jetzt in – in mich hinein?« fragte er plötzlich.

»Nein. Ich vermeide es, wenn möglich. Es – es erscheint nicht anständig.«

»Wie lange sind Sie schon so?«

»Solange ich mich erinnern kann.«

»Und trotzdem war es heute das erste Mal, daß Sie glaubten, es nicht ertragen zu können?«

»Gestern und heute. Aber das ist auch das erste Mal, daß ich unter Leuten gewesen bin … wirklich unter Leuten. Oh, natürlich – bei Besuchen im Dorf war ich schon mit mehreren Menschen auf einmal zusammen, oder mit meinem Privatlehrer. Aber die Gedanken in einem kleinen Ort sind anders. Und es gibt auch nicht so viele. Ich konnte sie ertragen.«

»Und Ihr Vater, sagten Sie, war auch telepathisch veranlagt?«

Sie nickte. »Deshalb lebten wir auch für uns allein – nachdem Mutter ihn verlassen hatte und er herausfand, daß ich wie er war.«

»Warum hat Ihre Mutter ihn verlassen?«

»In gewisser Hinsicht wollte Vater, daß sie ging, als er festgestellt hatte, wie hoffnungslos alles war.

Er sah das Mißtrauen in ihren Gedanken; wußte, daß er ihren Verdacht nie beruhigen konnte. Aber er wußte auch, daß sie nicht länger mit ihm zusammen leben könnte, wenn sie erführe, was mit ihm los war. Außerdem wollte er nicht, daß es sich herumspräche.«

»Warum hat er es ihr nicht vor der Heirat erzählt?«

»Er wollte versuchen, ein normales Leben zu führen.«

Er verlangsamte die Fahrt des Wagens, bis er sich kaum noch bewegte. »Liebte sie ihn denn nicht?«

»Ich glaube schon – anfangs jedenfalls. Aber sie wäre wohl nicht damit fertig geworden.«

»Aber wenn sie ihn wirklich geliebt hat …?«

Lois wandte sich ihm erschöpft zu.

»Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der liebt, und einem, der wirklich liebt? Woher soll man wissen, ob jemand genug hebt, um mit einem Menschen zu leben, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt? Deshalb sagte Vater auch, ich müßte alleine leben; mich niemals verheiraten, nie Kinder haben.«

Er brachte den Wagen zum Stehen und blickte sie an. In seinem Gesicht war zu lesen, was er fühlte – er weigerte sich, diesen Rat zu akzeptieren.

»Ich nehme an«, fuhr sie fort, »daß Vater sich hätte anpassen und mit ihr leben können – trotz seiner Fähigkeiten. Aber als ich ankam und er sah, daß ich die gleichen Talente hatte … Er wußte wohl, daß ich nicht imstande sein würde, es zu verbergen.«

»In Ihrer kindlichen Unbefangenheit hätten Sie das Geheimnis verraten – gewiß, das mußte er befürchten«, bestätigte Morton.

Lois nickte. »Da half er, den Riß zu vergrößern. Sie verließ uns, noch bevor ich drei Jahre alt war.«

Sie blickte auf ihre Hände und seufzte hilflos.

»Er war entschlossen, daß er und Sie ganz allein leben sollten?«

»Er sagte, wir dürften es niemals jemanden wissen lassen, dann wären wir – Monstren. Und es gäbe immer jemanden, der versuchte, sich unsrer zu bedienen, selbst gegen unseren Willen. Und er sagte, daß es keine Heilung gäbe.«

»Und dann starb er und ließ Sie allein zurück?«

»Er starb, und ich mußte weggehen. Ich konnte nicht allein dort draußen bleiben. Ich bin erst zwanzig.

Ich möchte ein normales Leben führen. Wenn ich das nicht kann, will ich überhaupt nicht mehr leben … Verstehen Sie das denn nicht, Mort? Ich muß herausfinden, ob Vater unrecht hatte; ob es einen Weg gibt, mich zu heilen!«

Voll Mitgefühl sah er sie an. »Und da haben Sie sich die Brinkwell-Stiftung ausgesucht, um die Antwort zu erhalten?«

Sie nickte. »Natürlich gibt es noch andere Institutionen, die sich mit ESP beschäftigen. Aber Brinkwell war die nächste.«

»Sie wissen sicher, daß sie von der Armee subventioniert wird? Ihr Interesse an ESP gilt einer möglichen militärischen Anwendung.«

»Aber sie müssen doch helfen!«

»Haben Sie sie gefragt?«

Sie seufzte. »Ja, in Briefen.«

»Und das Ergebnis?«

»Keine Antworten. Anscheinend dachten sie so wie Sie.« Sie lächelte schwach. »Daß ich ein Psycho-Fall bin. Sie ignorierten die Briefe. Aber ich bin trotzdem gekommen. Wenn ich erst einmal dort bin, dann kann ich meine Fähigkeit beweisen. Ich habe es Ihnen doch auch gezeigt, nicht wahr?«

»Wir werden Sie schon dorthin bringen.« Beruhigend streichelte er ihre Hand. »Ich werde Sie bis morgen von der Stadt fernhalten. Dann rufe ich an und sage ihnen, daß ich jemanden bei mir habe, der besondere telepathische Fähigkeiten zeigt. Dann werden wir uns durch die Stadt kämpfen.«

»Ich –« Sie sah ihn groß an und strich sich das Haar glatt. »Ich weiß nicht, was ich getan hätte –«

»Wenn Sie sich den Tests unterwerfen, sollten Sie ihnen nicht gleich alles erzählen. Das würde sie kritisch machen. Sie sollen es selbst herausfinden. Dann wird man Sie schon ausquetschen.«

Er ließ den Wagen an und fuhr langsam weiter.

»Lesen Sie mich jetzt?« fragte er nach einer Weile zögernd.

»Soll ich nicht?«

»Nein. Das heißt – ich meine –« Er seufzte. »Ich vergesse andauernd, daß ich vor Ihnen nichts verbergen kann … Schau’n Sie, Lois, Sie sind ein sehr hübsches Mädchen. Ich glaube, ich wäre nicht normal, wenn ich nicht eine zunehmende Sympathie für Sie empfinden würde.«

Er lockerte seine Krawatte. »Das ist eine peinliche Situation. Was ich sagen will, ist – nun, Sie sagten, die Gedanken der Menschen seien furchtbar. Aber manche von ihnen – diejenigen, die nicht nur sinnlich sind – sind mehr oder weniger instinktiv und –«

»Ich verstehe, Mort.« Beruhigend legte sie die Hand auf seine Schulter.

»Ich meine, ich möchte nicht, daß Sie denken … daß Sie mich nicht mißverstehen – das wollte ich sagen«, endete er schnell.

Sie lächelte. Wenn sie ihn nur beruhigen könnte, ohne gleich ihre eigenen Gedanken dabei zu verraten und ihn in Verlegenheit zu bringen! Es schien anmaßend, zu sagen, daß sie genügend Gedanken gelesen hatte, um die ernsthaften von den beleidigenden, eigennützigen unterscheiden zu können.

Die unterdrückte Müdigkeit brach jetzt über ihr zusammen. Sie legte den Kopf auf seine Schulter – denn sie wußte, daß sie geborgen war –, während er durch die ländliche Stille fuhr. Bald war sie fest eingeschlafen.

 

Die Beleuchtung im Büro war schwach und die Atmosphäre bedrückend. Lois schloß enttäuscht die Augen.

»Aber Doktor«, protestierte sie, »sehen Sie denn nicht –?«

»Jetzt hören Sie mal, Fräulein Farley.« Unwillig wandte sich der Mann ihr zu. »Wir haben vorgeschriebene Tests, die wir durchführen müssen, um ein sich anbahnendes Maß von telepathischen Kräften festzustellen. Sie müssen sich ihnen unterwerfen.«

Die Tests waren eintönig und ermüdend gewesen. Fast so quälend wie die rasante Fahrt durch die Stadt mit Mort. Sie wünschte sich, daß er bei ihr wäre. Aber sie hatten darauf bestanden, sie allein zu untersuchen.

»Wenn Sie mich doch nur erklären ließen!« begann sie von neuem.

Der Doktor, der ihr gegenüber am Tisch saß, blickte scharf auf. »Sie werden Gelegenheit zu einem Interview haben, in dem Sie Ihre persönlichen Erfahrungen darlegen können – aber später. Jetzt fahren wir mit den Tests fort.«

Sie hätte darauf bestehen sollen, vorher mit ihnen zu sprechen, dachte sie, als die beleidigenden Gedankenströme des Doktors und der drei Militärs im Raum an Intensität zunahmen.

Der Arzt räusperte sich. »Wir werden mit dem Kartentest weitermachen. Sie werden sich konzentrieren und die Karten benennen, so wie ich sie ansehe.«

(… unverschämtes Ding …) Das war der entrüstete Gedanke des Arztes, als er eine Karte abhob.

(… könnte meine Beförderung zum Oberstleutnant in einer Woche haben … würde Überseedienst begrüßen … verdammte Zahnschmerzen …) Das die Gedanken des Offiziers, die sich unter die Ströme des Zivilisten mischten.

(… so weit nichts Besonderes an diesem Fall …ob ich mir wohl den Zahn ziehen lassen muß? … VIELLEICHT ERRÄT SIE DIESE …) Der Arzt blickte auf die Karte.

Sie versuchte, die Art des gedruckten Symbols aus seinen Gedanken zu fischen. Aber (…jetzt tut er wieder mehr weh … Dienst auf den Hawaiischen Inseln würde … gleich zum Zahnarzt gehen …)

»Halbmond«, schätzte sie.

»Wieder falsch«, seufzte der Doktor.

»Wirklich –«, ungeduldig erhob sich der Major. »Wir haben hier nichts gesehen, was auf irgendeine besondere Fähigkeit deutet.«

Impulsiv sprang sie auf, auch sie war jetzt verstimmt. »Ich bin nicht hierher gekommen, um Zeichen zu lesen. Ich habe nie behauptet, daß ich etwas Derartiges tun könnte, ich lese Worte – Gedankenfetzen von dem, was anderen Leuten gerade durch den Kopf geht.«

Die Männer blickten einander ungläubig an.

»Aber, aber, Fräulein Farley«, sagte der Major nachsichtig, »wollen Sie uns etwa weismachen, daß Sie Gedanken lesen können? Und das sollen wir Ihnen glauben?«

Ärgerlich drehte sie sich zu ihm um. Aber sie schluckte die Worte, die sie ihnen eigentlich entgegenschleudern wollte, hinunter und widmete sich den Gedankenfetzen, die sie so schnell wie möglich zu wiederholen versuchte.

»…Mädchen ist geistig unzurechnungsfähig«, rief sie. … telepathischer Empfang! Unmöglich! … psychotische Neigungen … zweifellos versucht sie nun, den Eindruck zu erwecken, sie könne Gedanken lesen … ich werde eine Krankenschwester rufen …«

Sie entspannte sich und entzog den Gedankenströmen ihre Aufmerksamkeit. »Glauben Sie mir jetzt?« Kalt blickte der Doktor sie an. »Dieser Ausbruch, Fräulein Farley, sollte uns wohl überzeugen, daß Sie unsere Gedanken lesen können?«

»Tut er das nicht?« fragte sie fassungslos.

Der Colonel lachte. »Sie haben nur eine Reihe logischer Phrasen ausgespuckt – Worte, die wir unter diesen Umständen natürlich denken würden.«

Der Major und der Captain nickten zustimmend.

Sie stutzte. Sie hatten recht! Wenn sie sie überzeugen wollte, mußte sie das in einem Augenblick tun, wenn sie sich gehenließen; wenn ihre Umgebung sie nicht veranlassen würde, stereotyp zu denken, was sie als »logisch und unter den Umständen zu erwarten« abtun konnten.

Benommen setzte sie sich nieder.

»Wir wollen uns auf einen anderen Test vorbereiten«, sagte der Doktor.

Lois ergriff unauffällig einen Bleistift und einen Block und begann etwas aufzuschreiben. Die Gedanken der Männer kehrten nun wieder zu normalen Dingen zurück. Der Major dachte daran, daß er Oberstleutnant werden würde, der Leutnant träumte vom Dienst in Übersee. Sie kritzelte die Gedanken, so schnell sie konnte, nieder.

(… Harry war … schmerzlose Sache mit dem letzten Zahn … vorige Versetzung, Kuba, war …) Sie hatte fast die ganze Seite vollgeschrieben. (… Miss FARLEY – NAME IST IRGENDWIE BEKANNTnoch eine Woche, bis Ann … FARLEY – FARLEY – FARLEYneue Schlittschuhe für das Kind … NATÜRLICH! …)

Sie hielt inne und blickte den Doktor an. »Ich bin das Mädchen, das die Briefe über sich und seinen Vater geschrieben hat«, sagte sie erleichtert.

(…ACH, DIE! … die Verrückte … Idiot, sich darauf einzulassen …)

Aufgeregt stand sie mitten im Zimmer. »Die Briefe waren wahr! Alles! Alles, was ich geschrieben habe, stimmt! Die Gedanken in meinem Kopf! Ich kann sie nicht verdrängen!«

(…ha! Sie kann die Stimmen in ihrem Kopf nicht verdrängen … Fall für den Psychiater … sollte sie rauswerfen …) In den Gedanken lag nur Entrüstung, nicht einmal Mitleid.

»Aber Sie müssen mir glauben!«

Wild blickte sie sich um. Ihre Augen sahen den Block. Sie nahm ihn auf und gab ihn dem Doktor.

Er entriß ihn ihr und warf ihn wütend in den Papierkorb; dann griff er zum Telefon.

(… sie schnell loswerden … Polizeiarzt … völlig übergeschnappt …)

Plötzlich empfing sie von jemandem das Bild einer staatlichen Heilanstalt. Sie zitterte vor Entsetzen. Wenn es für sie schon schrecklich war, die Gedanken gesunder Menschen zu absorbieren, wie konnte sie dann die Gedankenströme von Geistesgestörten ertragen?

Die Gedanken der vier Männer bedrohten sie mit Wellen der Empörung und der Anschuldigung. Entsetzt und unfähig, ihre eigenen Gedanken zu ordnen, drehte sie sich um und stürzte aus dem Zimmer, noch ehe die Männer sie daran hindern konnten. Sie rannte den Korridor entlang und hinaus in die von Menschen dicht gedrängte Straße.

 

Die Gedanken schlossen sich wie ein dichter Nebel um sie. Sie taumelte unter dem starken Druck und öffnete den Mund, um laut zu schreien.

»He, Harry«, sagte sie, »hast du Zeit auf ein schnelles Bier?«

Sie stieß mit jemandem zusammen und erhielt durch den harten Schlag ihr Bewußtsein wieder.

»Kirche«, stammelte sie. »Muß zur …« Ihre Stimme wurde plötzlich tief, heiser. »Warum, zum Teufel, siehst du denn nicht, wo … halt schön Mammies Hand fest, Liebling … ja, das jedenfalls sagt der Zähler …«

Sie hatte wieder einen Zusammenstoß und fiel hin; als ihr jemand helfen wollte, trat sie ihren Mantelsaum ab.

Verwirrt und gequält von dem unaufhörlichen Gedankenstrom Hunderter von Menschen, der sie wie in einem wahnsinnigen Strudel hin- und herriß, blickte sie sich um. Einen Häuserblock hinter ihr lag die Stiftung.

Nur noch drei Häuserblocks!

Der hohe Turm der Kirche beherrschte den Himmel wie ein drohender Finger. Aber das Bild verschwamm, obgleich sie bemerkte, daß sie darauf zugestolpert war. Augen, die nicht ihr gehörten, aber ihre Eindrücke ihrem Gehirn übertrugen, blieben plötzlich auf einem Paar Lederpumps in einem Schaufenster haften.

(…bei Molloy sind sie billiger …) »Kirche! Kirche!« Eine winzige Sekunde lang brach ihr eigenes Bewußtsein durch.

Dann war vor ihr eine Windschutzscheibe. Und zwei gekrümmte Hände, die ein Steuerrad umklammerten. Heftig riß sie das Rad herum.

(…verdammtes altes Weib sollte auf dem Bürgersteig bleiben, wo …) Die Windschutzscheibe war verschwunden. Ein Pfeifenkopf nahm ihren Blick gefangen. Wieder erschienen Hände, die nicht ihr gehörten, aber von ihr kontrolliert zu werden schienen; sie zündeten ein Streichholz an, das sie an den Tabak im Pfeifenkopf hielten. Rauch kratzte ihr in der Kehle und stieg aus Mund und Nase. Sie hustete krampfhaft.

(…besten Dank fürs Streichholz, Meister …)

Bremsen quietschten. Hartes Metall schlug gegen ihre Hüfte. Noch einmal hatte sie das Gefühl, hinzufallen. Jemand half ihr direkt vor einem Auto auf die Beine.

Ströme von Verwünschungen drangen in ihre Gedankenwelt. Benommen warf sie einen Blick auf den irritierten, erschrockenen Fahrer. Eine Menschenmenge sammelte sich an. Aber sie drängte sich hindurch und rannte auf den Gehsteig. »KIRCHE!« schrie sie.

Kirk Douglas legte den Arm um Lana Turners Taille und zog sie dicht an sich; er küßte sie. Das Wort ENDE streifte Lois’ Gehirn, und auf ihrer Zunge hatte sie den Geschmack salzigen Popcorns.

Jetzt steckte sie einen kalten Metallgegenstand in den Mund und blies kräftig darauf; sie hob einen Arm hoch und schwenkte den anderen in der Luft. Sie beobachtete eine Autoschlange, die zum Stehen kam, und eine weitere, die in entgegengesetzter Richtung an ihr vorbeifuhr.

»Na, los!« schrie sie. »Schneller! Hop, hop!«

Endlich empfing sie den vagen physischen Eindruck müder, steifer Beine, die sie in einem wilden Spurt Marmorstufen hinauftrugen. Der schwindelerregende Bogengang der Kirche tauchte auf. Die Gedankenströme verblaßten; die gefangenen Bilder begannen zurückzuweichen – sie wurden fortgeschwemmt wie Sandburgen auf einem wellenüberspülten Strand.

Erschöpft und verwirrt umklammerte sie ein Taufbecken, um nicht hinzufallen.

Dann ging sie zitternd den Gang entlang, kniete in einem Betstuhl nieder und ließ die Stirn auf das kühle Holz sinken. Die Müdigkeit war so überwältigend, daß sie nichts mehr fühlte.

(… Bitte, Gott, vergib … mußte ihn töten … erzählte ihm von dem Baby und …)

Lois richtete sich in einem Ruck auf. Die junge Blondine in dem schwarzen Kleid, das dem ihren so ähnlich war, befand sich drei Reihen vor ihr. Lois bemühte sich, die Gedanken der anderen auszuschalten, und nach harter Anstrengung gelang ihr das auch. Dann ging sie leise an den Stühlen entlang bis an den Seitengang. Dort kauerte sie sich nieder.

Eine Stunde verging. Sie versuchte die noch verbleibenden Stunden zu zählen, bis die Straßen leer genug waren, um zurück zum Bahnhof zu gehen. Sie schluchzte. Sie wollte nicht zurück nach Hause! Sie wollte nicht allein leben – eine Ausgestoßene, bis zu ihrem einsamen Tod! Mit plötzlicher Gelassenheit war sie sich darüber klar, daß sie sich niemals mit einer solchen Isolation zufriedengeben würde. Sie würde nicht den gleichen Fehler wie ihr Vater begehen. Und sie würde auch nicht heiraten und ein Kind haben, nur um erfahren zu müssen, daß es wie sie war und mit ihr leiden mußte.

Und jetzt dachte sie an Mort – seine Zärtlichkeit und sein Verständnis, die Liebe, die er nicht verbergen konnte. Vielleicht sollte sie ihn vorher noch einmal aufsuchen und ihm danken – ihm wenigstens sagen, warum sie davongelaufen war und ihn warten ließ … Aber nein. So war es besser. Sie würden ihm auf jeden Fall sagen, daß sie von ihrer Verrücktheit überzeugt waren und daß sie geflohen war. Und dann weiß er, daß sie das, was sie nun vorhatte, durchführen muß. Es wird ihm weh tun. Aber er wird sie verstehen.

Es mußte um die Mittagszeit sein.

Denn ein paar Leute betraten die Kirche – zur Mittagsandacht, nahm sie an.

(…blonde Haare … dunkles Kleid … muß sie sein …)

Ein Mann ging schnell den Mittelgang entlang und blieb bei der Reihe stehen, in der das betende blonde Mädchen kniete.

Es war Mort.

Ihre Lippen bewegten sich in schnellem Flüstern, als er in die Reihe trat. Das Mädchen blickte ihn erschrocken an.

Lois war zu weit entfernt, um das Flüstern zu hören, aber das Wort erreichte sie auf telepathischem Weg. (Lois!)

Dann bemerkte er, daß sie es nicht war, und mit enttäuschter Miene wandte er sich ab. Aber als er sich nach rechts umdrehte, erkannte er sie, obgleich sie sich noch tiefer in den Schatten gekauert hatte.

(…wußte, daß ich sie hier finden würde …) Sein Gedankenstrom wurde stärker, während er sich ihr näherte, (… muß halb von Sinnen sein …)

Er zwängte sich an einer dicken Frau vorbei, die ihn wütend ansah. Dann kniete er neben Lois und ergriff verzweifelt ihren Arm.

»Sie suchen dich!« keuchte er. (…fanden den Block im Papierkorb …) Seine Gedanken jagten den Worten voraus.

»Oh, Mort!« rief sie entzückt. »Dann glauben sie mir also? Sie werden mir helfen?«

Ein älterer Mann, ein paar Reihen vor ihnen, wandte den Kopf.

»Werden sie mir helfen?« Lois senkte die Stimme zu einem Flüstern.

(…helfen? – ha! – sie werden …) In seinen Augen lag Verzweiflung. »Lois, mein Liebling. Sie jagen überall nach dir! Sie haben gemerkt, was du wirklich darstellst!« Ein protestierendes »Sch – scht« erklang hinter ihnen.

Lois erhaschte ein Bild von einem großen hohen Raum mit Männern, die um runde Tische saßen, vor jedem stand ein Mikrophon.

»Mort!« flüsterte sie erschreckt. »Was ist das?«

»Kannst du dir denn nicht vorstellen«, erklärte er mit mühsam unterdrückter Erregung, »was für eine diplomatische Waffe du für die Delegation bei den Vereinten Nationen sein würdest? Wir würden sofort wissen, was ihr wirkliches militärisches Potential ist!«

Sie rang nach Luft: Es wird nichts anderes mehr geben als Konferenzen, Gespräche und Treffen! Und sie wird gezwungen sein, den internationalen Haß und den Betrug, der wie ein zorniger Schwarm über dem Tagungsraum lastet, in sich aufzunehmen!

»Aber ich – ich könnte das nicht ertragen!« rief sie laut aus. »Ich – es würde mich umbringen!«

Der Mann vor ihnen drehte sich um und sah sie ernst an. »Also, bitte!« zischte er.

»Du mußt fliehen, bevor sie dich finden!« drängte Mort, seine Lippen dicht an ihrem Ohr. (… regelmäßige Injektionen … Drogen zum Entspannen zwischen den Sitzungen …) »Hast du ihnen auch von deinem Vater erzählt?«

Sie nickte und mußte an die Briefe, die sie geschrieben hatte, denken. (… werden annehmen, daß es eine neu entstandene, vererbbare Eigenschaft ist …) »Sie werden mehr von deiner Art wollen! Sie werden dich zwingen, Kinder zu gebären – zur militärischen und diplomatischen Verwendung!«

In der stillen Kirche hallten seine Worte von allen Wänden wider. Köpfe drehten sich nach ihnen um. Aus der Sakristei kam ein Priester und blickte erstaunt. Die Frau am andern Ende ihrer Reihe begab sich in den vorderen Teil der Kirche.

(…züchten sie … wie ein Preisbulle auf dem Viehmarkt …) Lois lauschte nur auf Mortons schreckliche Gedanken.

Sie brach in Schluchzen aus. Und sie wußte, daß sie nicht weiterleben wollte.

»Es ist genauso, wie Vater es vorausgesagt hat«, stammelte sie. »Sie suchen nur nach einer Möglichkeit, uns für ihre Zwecke zu verwenden!«

Er legte einen Arm um ihre Schulter und streichelte sie. (… muß mir etwas einfallen lassen … einen Platz, wo ich sie verstecken kann …)

(…töte mich … ja, das werde ich tun … keinen anderen Ausweg …) War das ihr eigener Gedanke, der wie der einer Fremden in ihr aufkam – um sie zu überzeugen, daß die einzige Zuflucht der Tod war?

»Es hat keinen Sinn, Mort.« Sie schüttelte den Kopf, ihre Stimme war kaum hörbar. »Sie werden es nie aufgeben, mich zu jagen. Sie müssen immer suchen – und wenn nur aus Angst davor, daß die feindliche Macht mich finden könnte.«

(… muß einen Weg geben … Insel? …Wald? …) Seine Gedanken wirbelten verzweifelt durcheinander.

(… darf sie nicht verlieren … Ranch! … nein … sie würden mich mit ihr in Verbindung bringen … sie durch mich finden …)

»Es hat keinen Sinn, Liebling«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Es gibt nur einen Weg.«

Besorgt blickte er sie an.

»Ich werde mich töten.«

Voller Verzweiflung schlug er mit der geballten Faust in seine offene Handfläche.

Bei dem klatschenden Geräusch drehten sich wieder die Köpfe nach ihnen um.

(…liebe sie … aber das ist ein zu egoistischer Grund, ihr verständlich zu machen … muß etwas finden …)

Seine Augen bohrten sich plötzlich in die ihren. »Du hast –«, begann er mit normaler Lautstärke, zuckte zusammen und schaute sich verlegen um. Dann fuhr er flüsternd fort: »Du hast kein Recht dazu, dir das Leben zu nehmen. Es geht um mehr Menschen als nur um dich und mich!«

Sie sah ihn von der Seite an.

»Du bist eine ganze Rasse!« Er packte ihren Arm. »Der Zufall, der dich ins Leben rief – die Mutation, die dein Vater erlebte, wenn es das war –, kommt vielleicht in den nächsten tausend Jahren nicht noch einmal vor. Du mußt das erhalten! Du mußt der neuen Rasse eine Chance geben!«

Sie lachte bitter. »Wenn es eine Mutation war, dann taugt es nichts, Mort. Siehst du denn nicht ein, daß es eine tödliche Mutation ist! Eine, die die Existenz in einer normalen Welt unmöglich macht – eine, die das Überleben ausschließt?«

Sie erhob sich von den Knien und setzte sich in den Stuhl. Er ließ sich neben ihr nieder und umfaßte ihre Schultern, um sie zu sich zu drehen. »So mag es jetzt vielleicht aussehen, Liebling. Aber wir werden es nie wissen, wenn wir nicht wenigstens versuchen, ob wir damit leben können. Dein Vater hat es getan – bis er eines natürlichen Todes gestorben ist.«

»Aber er lebte in größter Einsamkeit.«

»Vielleicht ist das die Antwort! Isolierung, bis genügend Mitglieder da sind …«

Lois blickte zur Seite. »Durch teilweise Isolation mag vielleicht in drei- oder vierhundert Jahren eine bescheidene Kolonie gegründet werden. Aber siehst du denn nicht, was passierte, sobald unsere Talente bekannt würden? Siehst du denn nicht, wie die Elemente der Gier und des Profits uns verfolgten – uns entweder töteten oder uns in ihre Dienste zwängen?«

»Oh, Liebling«, stöhnte er verzweifelt. »Wie soll ich dir nur verständlich machen, daß die alte Rasse an einem toten Punkt angelangt ist? Sie verzehrt sich an ihrem eigenen Betrug – an ihrer eigenen Gier!«

»Aber, Mort –«

Ihre Stimmen waren wieder lauter geworden, bis sich ihnen von allen Seiten unwillige Köpfe zuwandten. Der Mann vor ihnen stand auf, verließ seinen Betstuhl, blieb einen Moment stehen, um ihnen einen wütenden Blick zuzuwerfen, und ging dann schweren Schrittes in den Hintergrund der Kirche.

Verwirrt bezwang Morton seine Stimme. »Die Motive, die die Menschheit heute antreiben, sind tödlicher Art! Nicht die, die du verkörperst! In zweitausend Jahren – falls du überlebst – werden die Dinge anders liegen. Dann wird es eine weniger egoistische Rasse geben – ohne Betrug und ohne Feindschaft gegenüber dem Nächsten. Wenn die Gedanken eines jeden offen daliegen, wird das Gute siegen! Dann wird es keinen Platz mehr geben für böse Absichten!

Und die Qualen, die du jetzt durchzustehen hast – sie sind nicht der notwendige Preis, der für diese Fähigkeit gezahlt werden muß. Du leidest während des Gedankenempfanges, weil du keine Gelegenheit hattest, dich daran zu gewöhnen. Du hast seit deiner Geburt isoliert gelebt. Dein Besuch in der Stadt war das gleiche wie Konzertbesuch für eine Person, die bis zu diesem Zeitpunkt taub gewesen war. Wenn du hier geboren wärest, hättest du dich schon lange an diese zusammengeballten Gedankenströme gewöhnt!«

»Aber –«

»Du bist der zweite Vertreter einer neuen Rasse! Du mußt die Millionen Nachkommen, die nach dir geboren werden, schützen. Du bist die einzige, die den kommenden Generationen das geben kann, was sie brauchen werden, um mit der nicht-telepathischen Rasse leben zu können!«

Lois blickte erschreckt auf. Ein großer, ernster Priester stand im Gang neben ihrem Betstuhl.

(… rücksichtslose Verletzung … Haus Gottes …) »Ich bin sicher«, sagte der Priester barsch, »daß nichts so wichtig ist, als daß es nicht später draußen besprochen werden könnte!«

Er drehte sich um und ging zurück zum Altar, (…wenn sie es nicht lassen … muß sie auffordern, zu gehen …)

Ohne sich der Unterbrechung recht bewußt zu werden, wandte sie sich an Mort. »Es hat keinen Sinn. Ich kann das Risiko nicht auf mich nehmen! Du kannst die Qualen nicht ermessen, wenn man die Gewalt über seinen Körper verliert, während die Gedanken von vielen hundert Fremden Besitz von den eigenen Lippen, Händen und Gedanken ergreifen!«

Er gab sich geschlagen, und dieses Gefühl übertrug sich wie ein großes schwarzes Tuch auf Lois.

(… mich jetzt töten …) Dieser Satz überwältigte sie plötzlich. Sie stand auf.

Setz dich hin! Sein Gedanke war ein Befehl.

Unfähig, der Autorität zu widerstehen, ließ sie sich erstaunt nieder.

(…muß mir das Leben nehmen … vergib, lieber Gott … mußte schießen …)

Ich werde nicht länger mit dir diskutieren, Lois. Du bist zu erschöpft, um noch klar genug für dich selbst denken zu können; oder für mich; oder für die Millionen zukünftiger Menschen wie du.

»Mort!« fuhr sie auf. »Ich empfange deinen vollständigen Gedankenstrom! Nicht nur Fetzen! Es ist genauso, wie ich mich immer mit Vater unterhalten habe! Bist du ein ein …?«

Nein, Lois. Ich bin kein Telepath.

Mir wurde gerade klar, daß niemals eine normale Person ihre Gedanken direkt an dich gerichtet hat.

Und Gott weiß, daß ich einen Weg finden mußte, dich laut genug anzuschreien, um dich zu überzeugen!

Sein Gedankenstrom läutete wie ein Glockenspiel in ihrem Kopf.

Und er war mit keinem Schmerz verbunden. Seine ungesprochenen Worte waren stärker als alle anderen Eindrücke, die sie je empfangen hatte.

Im Kircheneingang herrschte plötzlich Aufruhr. Aber sie bemerkte es kaum.

Er warf einen Blick zur Tür.

»Lois!« flüsterte er alarmiert. »Hast du ihnen von der Kirche etwas gesagt? Hast du denen in der Stiftung gesagt, daß du dich gestern hier versteckt gehalten hast?«

Sie nickte und drehte sich nun auch der Tür zu. Im Eingang standen zwei Polizisten. Vor ihnen schüttelte ein Priester in heftigem Protest den Kopf.

Der unterdrückte Aufschrei, der tief aus den Schatten in ihrer Nähe erscholl, war hörbar. (… keine Zeit mehr für Gebete …! haben mich gefunden … Gott, vergib mir für das, was ich tun muß …)

Die Blondine in dem schwarzen Kleid starrte entsetzt auf die Polizisten, verließ ihren Betstuhl und ging dicht an Morton und Lois vorbei auf die breite Treppe, die zu den oberen Teilen des Gebäudes führte.

Aber einer der Polizisten sah sie, als sie gerade durch einen vielfarbigen, von der Sonne erleuchteten Fleck trat. Er deutete auf sie. Aber der Priester schüttelte wieder den Kopf.

(… könnte gefährlich sein …) Lois empfing einen Teil des Gedankens, der hinter den Worten steckte, die sie hier nicht hören konnte. (… ist aus der Stiftung ausgerückt … heute morgen … wenn Sie darauf bestehen, eine Festnahme in der Kirche zu vermeiden …)

Dann glaubten sie also, die verzweifelte Blondine sei die flüchtige Telepathin! Lois sah jetzt erst, wie ähnlich ihr das Mädchen war – außer, daß sie keinen Mantel trug. Mort ergriff ihre Hand und zog sie aus dem Stuhl in den Gang neben der Wand. Sich immer im Schatten der Stuhlreihen haltend, flüchteten sie durch den Seitenausgang.

»Wir werden aus der Stadt verschwinden«, sagte er. »Meine Ranch. Sie liegt sehr einsam –«

»Sie werden daraufkommen, Mort! Wenn sie feststellen, daß du nicht da bist, werden sie dort zuerst nachforschen!«

Aber er ignorierte ihren Einwand. »Wir müssen das Risiko auf uns nehmen.« Dann waren sie in dem engen, kluftartigen Gäßchen zwischen der Kirche und einem etwa 15 Meter hohen Gebäude.

Die Gedankenströme von der Menge auf der Straße begannen quälend auf sie einzudringen, und sie schlug die Hände vors Gesicht.

Aber sie hörten unvermittelt auf.

(… Tor. verschlossen …!)

Sie blickte auf. Ein festes Eisentor versperrte den einzigen Ausgang zur Straße. Hinter ihnen endete der Gang vor der Mauer eines dritten Gebäudes.

Da hallte ein schrecklicher Schrei von den Mauern wider.

Lois empfing die Eindrücke furchtbarer Angst. Sie blickte hoch und sah eine Gestalt aus einem Fenster der Kirche stürzen.

Sie schlug die Hände vor die Augen, als Mort sie packte und an sich drückte.

Das Gefühl von Verzweiflung endete mit dem harten Aufklatschen eines Körpers auf dem mit Beton gepflasterten Boden.

(… Mädchen in der Kirche …) Das war Mortons entsetzter Gedankenstrom.

»Oh, Mort!« Sie klammerte sich wild an ihn. »Sie war mir so ähnlich! So bedrängt, daß sie es auch nicht mehr ertragen konnte!«

»Dir ähnlich!« wiederholte er, auf einen Gedanken gebracht. »Ich hab’s, Lois! Zieh deinen Mantel aus – schnell!«

Erstaunt blickte sie ihn an.

»Deinen Mantel!« drängte er, als sie zögerte. (…Gesicht verunstaltet … bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt, als sie gegen die Steinmauern schlug …)

Noch immer ganz benommen, zog sie den Mantel aus und reichte ihn ihm. Er warf ihn dicht neben dem Körper des Mädchens auf den Boden.

»Hast du irgendwo eine Kennkarte?« fragte er.

»Meine Tasche … Da ist eine Brieftasche drin; etwas Geld; Papiere. Ja, auch eine Kennkarte.«

Er entriß ihr die Handtasche und tauschte sie gegen die des Mädchens aus, die dicht neben dem leblosen Körper lag. Dann nahm er Lois bei der Hand und lief mit ihr hinter eine der Steinfiguren.

Er gab ihr die Handtasche. »Wenn wir zur Ranch kommen, werde ich sie sofort vernichten.«

»Die Ranch?«

»Natürlich.« Er lächelte. »Du bist jetzt tot. Verstehst du nicht, Liebling? Sie haben keinen Grund, hinter einem toten Telepathen herzujagen. Ich lasse dich auf der Ranch und komme hierher zurück; arbeite noch ein paar Monate, damit sie keinen Verdacht schöpfen. Dann komme ich zu dir zurück und –«

Ein Schlüssel knarrte im Schloß des Eisentors. Sie kauerten sich noch tiefer hinter den Stein, als die Polizei, gefolgt von einer neugierigen Menschenmenge, in das schmale Gäßchen eindrang und sich den Körper des toten Mädchens betrachtete.

Ihre Gedankenströme begannen Lois anzugreifen.

(…Selbstmord … noch dazu aus dem Kirchenfenster … hübsche Beine … das Fenster da oben … Gesicht völlig zermatscht …)

Denke nichts, Lois! Wenn ihre Gedanken dich erreichen, weigere dich, sie zu hören. Hör mir zu. Konzentriere dich darauf, was ich denke, Liebling. Draußen auf der Ranch ist es sehr friedvoll. Kein Mensch weit und breit. Jetzt ist sie etwas öde. Aber wir bringen sie schon wieder hoch, streichen die Scheune, richten das Haus neu her und …

Seine mächtigen, aber tröstenden Gedanken standen wie ein Schild zwischen ihr und den neurotischen Strömen der anderen. Sie lächelte zu ihm auf, und ihr Gesicht drückte Zuversicht aus.

Er nahm sie bei der Hand, und sie mischten sich unter die Menge, die den Seitengang zur Straße hin verließ.