4 Eheleben

Coretta, die als sehr junge Frau ziemlich scheu und zurückhaltend war, hatte viele Bekannte und Freunde in Ohio, während sie in Boston eher wenig Kontakt fand. Mary Powell, eine Gesangsstudentin aus Atlanta/Georgia, erzählte Coretta von einem jungen Mann aus Atlanta, der die Boston University besuchte. Mary hatte mit ihm bereits über Coretta gesprochen, und er war sehr daran interessiert, sie kennenzulernen. Dr. Benjamin Mays, der Rektor des Morehouse College, halte große Stücke auf diesen jungen Mann, argumentierte Mary weiter. Mary nannte den Namen dieses Mannes – Martin Luther King jr. –, aber als sie auch erwähnte, er sei Pastor, schwand Corettas Interesse. Sie hatte zu Hause genügend Pastoren kennengelernt, um zu wissen, wie sie waren – konservativ, fromm, alt und engstirnig. Sie war sicher, dass Martin Luther King in die gleiche Kategorie fiel. Mary widersprach heftig. Schließlich erlaubte Coretta ihrer Bekannten, Martin ihre Telefonnummer zu geben.

Martin rief an einem Donnerstagabend im Februar 1952 an. Er unterhielt sich ungefähr 20 Minuten mit Coretta und nahm sich Zeit, Themen wie Napoleon und Waterloo anzusprechen. Coretta wurde neugierig und willigte ein, Martin am nächsten Tag in ihrer Mittagspause zu treffen.

Martin kreuzte mit einem grünen Chevrolet auf, den seine Eltern ihm geschenkt hatten. Coretta fand Martin zu klein. Die Begegnung verlief alles andere als gut. Martin, der darauf aus war zu heiraten, sprach das Thema schon bei der ersten Verabredung an. Coretta blieb still und wunderte sich über diesen ungewöhnlich jungen Pastor. Er unterschied sich total von allen anderen Geistlichen, denen sie je begegnet war.

Coretta sagte später, sie habe ein „unheimliches Gefühl“ gehabt, als sie Martin kennenlernte. Sie meinte oft: „Mein Mann wurde auf die Aufgabe vorbereitet, die er erfüllen sollte, und ich glaube, ich wurde darauf vorbereitet, seine Gehilfin zu sein. Wenn ich an die Erfahrungen in meinem Leben zurückdenke, glaube ich, dass es genau so kommen musste.“

Martin ging mit Coretta in Konzerte, ins Kino, unternahm Ausflüge mit ihr und lud sie zum Essen ein. Je besser sie ihn kannte, desto mehr mochte sie ihn. „Er hatte etwas an sich, das einem irgendwie ans Herz wuchs“, sagte sie.

Coretta war beeindruckt, wie stark Martin von seinem Sendungsbewusstsein getrieben war. Er hatte eine sehr starke Hoffnung, für seine Rasse und für die Menschheit etwas zu bewirken. Seine Empfindungen waren ähnlich wie ihre eigenen. Martin sprach davon, wie sehr ihm die Benachteiligten am Herzen lagen. Er war entschlossen, für eine Verbesserung der Verhältnisse zu kämpfen. Coretta wusste nicht, was sie von Martins Gefühlen halten sollte. Er stammte aus der Mittelschicht und mit Verhältnissen, wie sie sie kannte, war er nicht vertraut.

Martin wollte möglichst bald heiraten, aber gleichzeitig drängte er Coretta, sich zu prüfen, ob sie die Frau eines Pastors in den Südstaaten der USA werden konnte. Er fragte sie, ob sie dort hineinpassen würde. Er wollte sich mit seiner Bildung einsetzen, um Afroamerikanern im Süden zu helfen, obwohl es einfacher gewesen wäre, ein Leben im Norden zu führen.

Coretta befand sich in einer Zwickmühle. Liebte sie Martin genug, um ihn zu heiraten? Martin wünschte sich eine Frau, die zu Hause für ihn da war. Konnte sie ihren Traum aufgeben, eine Konzertkünstlerin zu werden? Sie hatte sich ausgemalt, wie sie auf Tournee gehen würde. Sie hatte von schicken Kleidern geträumt, von Verbeugungen vor dem jubelnden Publikum, von hochgewachsenen Verehrern, die mit Rosen vor ihrer Tür warteten. Von Bekannten bekam sie zu hören, dass Martin es nie weit bringen würde und dass es eine Schande war, die Kunst zugunsten der Liebe zu opfern.

Martin gewann. Am 18. Juni 1953 heirateten Martin und Coretta auf der Wiese vor Corettas Zuhause in Alabama. 16 Monate lang hatte Martin um Coretta geworben. Nun leitete sein Vater die Trauung.

Als Ehepaar kehrten Coretta und Martin nach Boston zurück, wo sie ihre Studien zu Ende führten. Nun, da sie an einem gemeinsamen Strang zogen, erledigte Martin einige Dinge im Haushalt, während Coretta Vorlesungen besuchte. Das Zusammenwachsen zweier Menschen hatte begonnen.

In mancher Hinsicht war Corettas Leben ähnlich verlaufen wie Martins. Genau wie Martin hatte sie früh angefangen zu lesen. Wie Martin war ihr das Lernen immer leicht gefallen. Martin lernte mit solcher Leichtigkeit, dass er schon im Alter von 15 Jahren am Morehouse College in Alabama angefangen hatte. Mit 18 wurde er zum Pastor geweiht und zum Zweitpastor der Ebenezer Baptist Church gewählt, in der sein Vater Pastor war. Sein Großvater mütterlicherseits war dort vor Martins Vater Pastor gewesen.

Coretta hätte ohne Stipendien nicht studieren können. Als Martin im Juni 1948 sein Studium am Morehouse College abschloss, bot man ihm ein Stipendium für das Crozer Theological Seminary in Chester/Pennsylvania an. Martins Vater lehnte es ab und kam selbst für Martins Kosten auf. Er war der Ansicht, dass Stipendien den Mittellosen zugute kommen sollten.

Während seines Studiums in Morehouse hatte Martin einen Teil der Zeit zu Hause und einen anderen Teil auf dem Campus verbracht. Durch die anschließende Zeit am theologischen Seminar wuchs er zu großer Reife heran und lernte, persönliche Verantwortung wahrzunehmen. Er war fast 1.000 Kilometer von zu Hause entfernt. Hier traf er zum ersten Mal mit weißen Studenten zusammen, lernte sie kennen und maß sich auf intellektueller Ebene mit ihnen. Es war die gleiche Erfahrung, wie Coretta sie in Antioch gemacht hatte.

Martin war einer von sechs Angehörigen seiner Rasse auf dem Campus von Crozer. Mit seinem persönlichen Wachstum erging es ihm wie Coretta. Sie sagte: „Ich weiß jetzt, dass ich meinen eigenen Wert nach und nach anders einschätzen konnte und nicht mehr von diesem Gefühl der Unzulänglichkeit verfolgt wurde, nur weil ich eine Negerin bin. Ich hatte eine neue Selbstsicherheit und konnte mich mutig der Konkurrenz der anderen stellen, egal ob auf ihrem Boden oder auf meinem.“

Wie Coretta, die ihre erste große Enttäuschung erlebte, als sie ihr Referendariat nicht in den öffentlichen Schulen in Yellow Springs / Ohio machen durfte, wurde auch Martin bei einem Vorfall auf dem Campus von Crozer mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Es war ihm immer leicht gefallen, Bekanntschaften zu machen, aber es gab einen Studenten aus North Carolina, der Afroamerikaner offenbar nicht akzeptierte. Er nannte sie oft „die Farbigen“.

Wie groß der Hass des Mannes wirklich war, erlebte Martin erst, als einige Kommilitonen das Zimmer dieses Studenten aus Spaß ein bisschen durcheinanderbrachten. Der Student hatte sich schon mehrmals selbst an Scherzen dieser Art beteiligt, aber als sich sein eigenes Zimmer in ein Chaos verwandelt hatte und sein Schreibtisch und seine Stühle umgeworfen waren, packte ihn die Wut. Auf der Stelle ging er zu Martin, hielt ihm ein Gewehr vor die Brust und beschuldigte ihn, sein Zimmer verwüstet zu haben. Mit ruhiger Stimme erklärte Martin, dass er bei der Gruppe, die den Unfug gemacht hatte, nicht dabei gewesen war. Andere Studenten konnten den Mann schließlich überreden, seine Waffe wegzunehmen.

Der Vorfall wurde sowohl vor den Ausschuss der Studentenmitverwaltung als auch vor die Fakultätsleitung gebracht. Martin verzichtete darauf, rechtliche Schritte einzuleiten. Später entschuldigte sich der Student öffentlich. Und schließlich freundeten Martin und er sich sogar an.

Mit 22 Jahren schloss Martin sein Studium in Crozer ab. Er war der Beste seines Jahrgangs und wurde mit einem Stipendium über 1.200 Dollar ausgezeichnet, um in zwei weiteren Studienjahren promovieren zu können. Martin entschied sich für die Boston University.

Coretta und Martin stammten beide aus Familien mit jeweils drei Kindern, wobei sie beide das mittlere Kind waren. Beide hatten eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Beide hatten einen Vater, der es wagte, sich gegen die Weißen in den Südstaaten zur Wehr zu setzen: Obadiah Scott mit seinem Geschäft und Pastor Martin Luther King sen. als Anführer vieler Kreuzzüge für afroamerikanische Gerechtigkeit in Atlanta. Er kämpfte für eine gleiche Bezahlung der Lehrer und gewann. Er trug wesentlich zur Abschaffung der Rassentrennung in Fahrstühlen bei. Zur Verwunderung seiner heranwachsenden Kinder wurde Martins Vater in all seinen Kämpfen gegen die Segregation niemals körperlich angegriffen.

Martins Großvater mütterlicherseits, A. D. Williams, leistete als Leiter der NAACP-Ortsgruppe von Atlanta Pionierarbeit. Unter seiner Führung zwang eine aufgebrachte Gruppe von Afroamerikanern die Stadt Atlanta, eine afroamerikanische Highschool zu bauen, indem sie erfolgreich gegen eine Anleihenausgabe vorging, die keine afroamerikanischen Ausbildungseinrichtungen berücksichtigt hätte. Als der Atlanta Georgian, eine Zeitung des Großverlegers Hearst, die Protestgruppe „schmutzig und dumm“ nannte, rief Williams zum Boykott der Zeitung auf. Man schätzt, dass die Zeitung an einem einzigen Tag 6.000 Leser verlor. Dieser Boykott führte zum Ende des Atlanta Georgian.

Während Coretta aus ländlichen Verhältnissen stammte – wobei es ihr im Vergleich zu anderen Familien aus der afroamerikanischen Gemeinde dort ziemlich gut gegangen war – wuchs Martin ohne finanzielle Nöte in der Stadt auf. Obwohl er im Jahr 1929 geboren worden war, hatte Martin die Wirtschaftskrise nie zu spüren bekommen. Sein Vater sagte einmal: „Wir haben immer in einem eigenen Haus gewohnt, und wir sind nie lang mit einem Auto gefahren, das noch nicht abbezahlt war.“ Martins Mutter Alberta Williams King war immer tadellos gekleidet.

Für Coretta und Martin wurde es langsam Zeit, sich zu überlegen, was sie nach Abschluss des Studiums anfangen wollten. Es gab zwei Kirchen im Norden, zwei Kirchen im Süden und drei Schulen, die Martin gern angestellt hätten. Die beiden entschieden sich, das Angebot der Pastorenstelle in der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery/Alabama anzunehmen. Für Martin passte das genau ins Konzept.

Im September 1954 zogen Coretta und Martin nach Montgomery. Vom 1. September 1954 bis zum 5. Dezember 1955, an dem der Busboykott und damit die große Zeit der Bürgerrechtsbewegung begann, lebten Coretta und Martin als äußerst glückliches Paar in der South Jackson Street 309 in einem großen weißen Pfarrhaus, das im Holzrahmenbau errichtet worden war.

In dieser Zeit schrieb Martin weiter an seiner Doktorarbeit. Alles Weitere, was für seine Promotion nötig war, hatte er vor der Abreise nach Montgomery abgeschlossen. Er nutzte die frühen Morgen- und die späten Abendstunden, um an seinem Manuskript zu arbeiten. Im Frühjahr stellte er seine Dissertation fertig und erhielt am 5. Juni 1955 seinen Doktortitel (Ph.D.) in Systematischer Theologie.

Obwohl er sehr viel Arbeit zu bewältigen hatte, gab Martin seiner Frau immer das Gefühl, dass sie gebraucht wurde und in allen Dingen eine wichtige Partnerin für ihn war. Sie tippte den ersten Entwurf seiner Dissertation, und er widmete ihr sein erstes Buch.

Nach dem 5. Dezember war Martin viel unterwegs, aber da das Haus der Kings als Büro und Versammlungsort genutzt wurde, nahm Coretta aktiv am Geschehen teil. Sie nahm die Post entgegen, sortierte sie und sammelte wichtige Unterlagen. Sie kümmerte sich ums Telefon und leitete Informationen weiter, die für einen reibungslosen Ablauf der Aktionen nötig waren.

Martin erhielt immer häufiger Anfragen, außerhalb der Stadt als Redner aufzutreten, und er nahm diese Termine gern wahr, weil er sich auf Coretta verlassen konnte. Es beruhigte die Menschen, wenn sie an seiner Stelle an den Massenversammlungen im Rahmen des Bus-Boykotts teilnahm.

Die Geschichte der Auseinandersetzung in Montgomery erzählte Martin in seinem ersten Buch Freiheit. Es bekam hervorragende Kritiken, und Martin brach zu einer Lesereise zu einigen Städten im Norden der USA auf. Auf diese Weise erfüllte er die Vertragsbedingungen seines Verlags und konnte den Spannungen des Freiheitskampfes in den Südstaaten für eine Weile entkommen. Für jemanden, dessen Haus bombardiert worden war und der täglich mit Drohungen konfrontiert wurde, weil er sich für Brüderschaft und gleiches Recht für alle einsetzte, versprach die Reise in die Nordstaaten eine zeitweilige Erleichterung.

Am 20. September 1958 saß King in der Schuhabteilung von Blumsteins Kaufhaus in Harlem in New York City und signierte Bücher. Er schrieb gerade seinen Namen, als die 42-jährige Izola Ware Curry ihn ansprach: „Sind Sie Martin Luther King?“

Ohne richtig aufzublicken bejahte Martin die Frage.

„Seit fünf Jahren bin ich auf der Suche nach Ihnen“, sagte Mrs Curry und stieß ihm einen Brieföffner in die Brust.

Ganz Amerika war überrascht, dass Martin, der so mutig für die afroamerikanischen Rechte kämpfte, von jemandem aus seiner eigenen Rasse angegriffen worden war. Später stellte sich heraus, dass Izola Curry psychisch krank war. Sie wurde in das Justizvollzugskrankenhaus Mattewan State Hospital eingewiesen.

Die Afroamerikaner, die zu Martin aufsahen, waren fassungslos und unterbrachen ihre Arbeit, um für seine Genesung zu beten. Das Schicksal ihres Anführers und ihres neuen Selbstverständnisses hing in der Schwebe. Betend und weinend saßen Afroamerikaner vor dem Fernseher und sahen, wie Coretta mit einer dunklen Kopfbedeckung und einem besorgten Gesicht nach New York aufbrach, um ans Krankenbett ihres Mannes zu eilen.

Der Brieföffner hatte beim Eindringen Martins Hauptschlagader berührt und an der Außenseite verletzt. Ein Niesen oder Husten konnte Martins Ende bedeuten. Coretta hatte Angst, Martin könnte sterben, bevor sie bei ihm war.

Die Operation, mit der der Brieföffner entfernt wurde, dauerte drei Stunden. Mehrere Tage lang blieb Martins Zustand kritisch. Corettas Fähigkeit, in dieser Situation Ruhe zu bewahren, gab Martins Anhängern neue Hoffnung. Coretta verkörperte die Stärke der afroamerikanischen Frauen und stand für alles, was edel und gut ist.

Coretta verbrachte ihre Zeit abwechselnd bei Martin im zehnten Stock und in einem Büro, das die Krankenhausleitung im ersten Stock für sie eingerichtet hatte. In diesem Büro nahm Coretta Anrufe entgegen und wickelte die Angelegenheiten der Bürgerrechtsbewegung ab.

Auch als Martin wieder so weit hergestellt war, dass er nach Hause nach Montgomery reisen konnte, kümmerte sich Coretta weiterhin um die Belange der Bürgerrechtsbewegung. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass er sich überarbeitete. Sie flog nach Washington, D.C., um einen Jugendmarsch für ihn zu übernehmen. Harry Belafonte und Jackie Robinson führten den Marsch zusammen mit Coretta an. Coretta las Martins Rede vor, die er für diesen Anlass geschrieben hatte. Menschen, die der Bewegung nahe standen, betrachteten Coretta als diejenige, die alles zusammenhielt.

Coretta selbst sah sich als Stütze für Martin. Sie betonte immer wieder: „Ich habe meine Verantwortung als Ehefrau und Mutter ernst genommen, genau wie meine Rolle als Frau der maßgeblichen Symbolfigur im Kampf um die Bürgerrechte. Ich habe versucht, diese Rollen zu begreifen und sie auszufüllen. Ich bin mir meiner persönlichen Grenzen bewusst. Zu jeder Zeit hatte die Sache der Bewegung die höchste Priorität für mich, und ich war bereit, die notwendigen Opfer dafür zu bringen.“

Coretta gab zu, dass sie ab und zu versucht war, mehr Zeit und Zuwendung von ihrem Mann zu fordern, aber ihr war klar, dass er der afroamerikanischen Welt gehörte. Er hatte nicht die Freiheit, ein solcher Ehemann und Vater zu sein wie andere Männer, die kein so öffentliches Leben führten.

Selbst wenn Martin voll eingespannt war, sagte Coretta: „Es gefällt mir sehr, dass Martin so bewundert wird. Deshalb macht es mir nichts aus, ihn mit anderen zu teilen, wenn er den Leuten die Hände schüttelt und seinen vielen Bewunderern Autogramme gibt.“ Es war bemerkenswert, wie viel Verständnis sie aufbrachte, denn Martin hatte für jeden Menschen ein paar Minuten Zeit, egal, wie bedeutend oder unbedeutend derjenige war. Man hörte nie über ihn, er sei kurz angebunden oder unhöflich zu jemandem gewesen.

Coretta wollte am liebsten die ganze Welt davon überzeugen, was für ein großartiger Mann Martin war. Wenn Außenstehende etwas an Martin auszusetzen hatten, nahm sie sich sehr viel Zeit am Telefon, um ihnen sein Vorgehen begreiflich zu machen.

In vielerlei Hinsicht war sie eine sehr traditionelle Hausfrau. In den kostbaren Momenten, wenn sie Martin für sich allein zu Hause hatte, bereitete es Coretta großes Vergnügen, ihn mit seinen Lieblingsgerichten, vor allem mit selbst gemachter Gemüsesuppe, zu verwöhnen. Sie setzte alles daran, dass ihre kurze gemeinsame Zeit nicht durch vergessene Kleinigkeiten getrübt wurde. Sie machte es sich zur Aufgabe, darauf zu achten, dass keine Knöpfe an seinen Hemden fehlten, dass er die besonderen Schuhe hatte, die er mochte, und dass seine Kleidung in Ordnung war.

Coretta war eine hervorragende Gastgeberin, und auch wenn sie sehr viel zu tun hatte, schaffte sie es jederzeit, in die Küche zu gehen und etwas zuzubereiten, wenn Martin ihr kurzfristig Bescheid gab, dass er Gäste zum Essen mitbringen würde, oder wenn er sie einfach mitbrachte, ohne Coretta vorher zu informieren.

Als Harry Belafonte erkannte, was für Unmengen von Arbeit Coretta zu bewältigen hatte, besorgte er der Familie King eine Haushaltshilfe, für deren Kosten er auch aufkam. Als Zweitpastor neben seinem Vater in der Ebenezer Baptist Church hatte Martin ein Jahreseinkommen von 10.000 Dollar. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass Coretta als Ehefrau dieses Geld verwaltete und dafür sorgte, dass die Familie damit auskam. Das Geld für Martins Friedensnobelpreis wurde zwischen der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) und fünf anderen Bürgerrechtsorganisationen aufgeteilt, und was er als Redner und Autor verdiente, ging an die SCLC, damit die Arbeit für die Bürgerrechte fortgesetzt werden konnte.

Abgesehen von Polizeibeamten, Feuerwehrmännern und den Familien der Bürgerrechtsbewegung gibt es nur wenige Menschen in den Vereinigten Staaten, die mit dem Bewusstsein leben, dass es ein Abschied für immer sein kann, wenn sie am Morgen nach einem Kuss aus dem Haus gehen. Unter diesem Vorzeichen zu leben bewirkt, dass eine Familie eng zusammenwächst und sich besser aufeinander einstellt. Es ist kaum Zeit vorhanden für die üblichen alltäglichen Auseinandersetzungen.

Im November 1960, nur drei Monate vor der Geburt ihres dritten Kindes Dexter, hatte Martin eine siebentägige Haftstrafe zu verbüßen, zu der er verurteilt worden war, weil er Studenten in Atlanta bei einem Sitzstreik unterstützt hatte. Martin und Coretta hatten über die Gefängnisstrafe gesprochen und waren sich einig gewesen, dass es keinen Grund gab, sich deshalb Sorgen zu machen. Die Sache war mehr oder weniger Routine.

Im Gefängnis von Atlanta wurde Martin jedoch plötzlich um vier Uhr morgens von rauen Stimmen geweckt. Jemand blendete ihn mit einer Taschenlampe. Es waren Polizeibeamte, und sie wendeten unnötige Gewalt an. Martins Beine wurden mit Ketten gefesselt, während ein Beamter eine Pistole auf ihn gerichtet hielt. Als Martin fragte, wohin man ihn brachte, wurde ihm befohlen, den Mund zu halten. Man setzte ihn in ein Auto, und nach einer beängstigenden Fahrt, deren Ziel und Zweck er nicht kannte, war er erleichtert, als der Wagen vor dem Staatsgefängnis Reidsville State Penitary hielt. Hier sollte er sechs Monate Zwangsarbeit ableisten.

Einige Monate vorher war Martin wegen eines kleinen Verkehrsdelikts verhaftet worden. Er hatte keinen Führerschein für den Staat Georgia und war dort mit seinem Führerschein aus Alabama gefahren. Aufgrund der Rolle, die Martin in den Auseinandersetzungen um die Bürgerrechte spielte, war es offensichtlich, dass die Behörden ihm das Leben so schwer wie möglich machen wollten. Martin hatte einen Anwalt engagiert, eine kleine Geldbuße bezahlt und die Sache als erledigt betrachtet.

Coretta und Martin wussten allerdings nicht, dass der Anwalt eine Schuldanerkenntnis in Martins Akte eingetragen hatte. In Georgia bedeutete dies, dass für jedes kleine Vergehen innerhalb der nächsten sechs Monate eine Strafe von sechs Monaten Zwangsarbeit auferlegt werden konnte.

Martins Verhaftung im Zusammenhang mit den Studentenprotesten gab dem benachbarten Landkreis formal das Recht, Martin von Atlanta in den eigenen Landkreis verlegen zu lassen. Die Behörden des Nachbarkreises waren aufmerksam geworden, als die Zeitungen berichteten, dass Martin lieber seine Haftstrafe in Atlanta absitzen als eine Geldbuße zahlen wollte.

Coretta, die Martin am Tag vorher noch besucht hatte, war verzweifelt. Ihr Baby würde auf die Welt kommen, während Martin im Gefängnis saß. Das Staatsgefängnis war vier Stunden entfernt; ein Besuch dort bedeutete also hin und zurück eine Reisezeit von acht Stunden. Sie war nicht sicher, ob und wann man ihr überhaupt einen Besuch erlauben würde, und sie machte sich Sorgen, dass Martin körperlich misshandelt werden könnte.

Wenn Martin im Gefängnis war, vertrieb er sich die Zeit am liebsten mit Lesen und Schreiben. Den größten Teil seines Buches mit Predigten Kraft zum Lieben (Strength to Love) hatte er im Gefängnis geschrieben. Sein berühmter Brief Letter from a Birmingham Jail wurde in der Haft verfasst. Coretta befürchtete, man würde ihm das Material vorenthalten, das er zum Lesen und Schreiben brauchte.

Als sich die Nachricht von Martins Verlegung ausbreitete, wurde das Büro von William Hartsfield, dem damaligen Bürgermeister von Atlanta, mit Telegrammen überschwemmt. Corettas Unruhe war gerade auf dem Höhepunk, als das Telefon läutete. „Einen Augenblick bitte, Mrs King“, sagte die Stimme einer Telefonistin, „Senator John F. Kennedy möchte mit Ihnen sprechen.“

Coretta war verblüfft.

„Wie geht es Ihnen, Mrs King?“, erkundigte sich eine freundliche Stimme.

„Mir geht es gut, danke, Senator“, antwortete eine sehr überraschte Coretta. Es kommt nicht oft vor, dass ein normaler Bürger von einem Senator der Vereinigten Staaten angerufen wird, und schon gar nicht, wenn der Bürger Afroamerikaner ist.

„Ich habe gerade an Sie gedacht“, fuhr Senator Kennedy fort. „Wie ich gehört habe, erwarten Sie ein Kind. Diese Situation mit Ihrem Mann muss sehr schwer für Sie sein.“

Coretta stimmte ihm zu.

„Nun gut“, sagte Kennedy, „ich wollte Sie nur informieren, dass ich mich mit der Sache beschäftige und dass wir nach besten Kräften helfen werden.“

Am nächsten Tag wurde Martin freigelassen.

Als man Senator Kennedy nach seinem Anruf bei Mrs King zur Rede stellte, antwortete er: „Sie ist eine Freundin von mir, und ich habe mir Sorgen um die Situation gemacht.“

Einige Menschen behaupteten, dieser Anruf habe einen politischen Hintergrund gehabt und Kennedy sei es um die Stimmen der afroamerikanischen Wähler gegangen. Tatsächlich spielten diese Stimmen zwei Wochen später bei Kennedys Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten eine wesentliche Rolle.

Coretta meinte dagegen, Kennedy habe ein großes Risiko auf sich genommen, als er sie anrief. Er habe durch diesen Anruf viel zu verlieren gehabt. Sie beharrte darauf, dass Kennedy einfach nur einem Mitmenschen helfen wollte. Bei ihrem Gespräch hatte Kennedy ihr das Gefühl gegeben, dass ihm das Wohlergehen ihrer Familie wirklich ein Anliegen war.

1963, 17 Tage nach der Geburt von Bernice Albertine, hatte Coretta ihr zweites Gespräch mit John F. Kennedy. Nun war er Präsident.

Martin hatte eine Demonstration in Birmingham geleitet. Er war nach Atlanta geflogen und hatte ihr viertes und letztes Kind aus dem Krankenhaus abgeholt. Wie üblich sprachen Martin und Coretta über die Festnahme, die Martin wahrscheinlich bevorstand. Sie machten sich keine großen Sorgen darüber. Normalerweise durfte Martin ein Telefongespräch aus dem Gefängnis führen, und er versprach Coretta, sich bei ihr zu melden.

Martin wurde am Karfreitag verhaftet. Am Ostersonntag war immer noch kein Anruf von ihm gekommen. Der Polizeichef Bull Connor erlaubte Martin nicht zu telefonieren.

Coretta war sehr bedrückt und ratlos. Weil sie nicht aufstehen sollte, konnte sie nicht in den Gottesdienst gehen und dort Trost finden. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie den Ostergottesdienst verpasste, und das verstärkte ihre Unruhe zusätzlich. Coretta glaubte allmählich, dass keine Hoffnung mehr auf eine Nachricht von Martin bestand. Verzweifelt rief sie Martins Chefassistenten Wyatt T. Walker an, der sich in Birmingham aufhielt.

Coretta fragte Wyatt, ob sie die Presse informieren sollte. Wenn die Nation erfuhr, dass Martin in Isolationshaft war, würde vielleicht jemand seine Hilfe anbieten, meinte sie.

Wyatt hörte ihr verständnisvoll zu und antwortete ganz selbstverständlich: „Ich denke, du solltest den Präsidenten anrufen.“

Zweifelnd fragte Coretta: „Meinst du denn, er würde mit mir reden?“

„Da bin ich ganz sicher“, erwiderte Wyatt.

Coretta war immer noch nicht überzeugt und beauftragte Wyatt mit dem Versuch, eine Nachricht zu Martin zu schmuggeln, um herauszufinden, ob dieser einen Anruf im Weißen Haus gutheißen würde.

Am Abend meldete sich Wyatt wieder bei Coretta. Es war ihm nicht gelungen, einen Kontakt zu Martin herzustellen. Er klang sehr sicher und überzeugt, als er sagte: „Coretta, du hast keine andere Wahl, du musst Präsident Kennedy anrufen.“

Unter den Afroamerikanern verbreitete sich die Neuigkeit schnell, dass King in Isolationshaft gehalten wurde. Aus Birmingham rief jemand in Chattanooga/Tennessee an und behauptete, Dr. King sei erhängt worden. Als diese Nachricht überprüft wurde, stellte sich heraus, dass King irgendwo in Birmingham in Form einer Puppe symbolisch aufgehängt worden war. Die Verunsicherung wuchs.

Der Vater des Präsidenten war sehr krank. Coretta wusste, dass John F. Kennedy in Palm Beach/Florida war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn erreichen sollte. Sie versuchte, eine direkte Verbindung ins Weiße Haus zu bekommen, aber es gelang ihr nicht.

Die örtliche Telefonistin in Atlanta war ungewöhnlich hilfsbereit und sagte Coretta, sie würde versuchen, an eine Nummer von Kennedys Hauptquartier in Palm Beach zu kommen. Glücklicherweise ging Pierre Salinger, der Pressesprecher des Präsidenten, ans Telefon. Coretta schilderte ihm Martins Situation. Mr Salinger versprach, den Präsidenten sofort zu informieren und dafür zu sorgen, dass er sich bei Coretta meldete.

Ungefähr 45 Minuten später rief der Bruder des Präsidenten, der Justizminister Robert F. Kennedy, bei Coretta an. Er erklärte, dass der Präsident bei seinem Vater war. Robert Kennedy wirkte genau so warmherzig auf Coretta wie sein Bruder, als sie vor zwei Jahren mit ihm gesprochen hatte. Der Justizminister versprach, sofort in Birmingham anzurufen und sich zu erkundigen, wie es Martin ging. Er versicherte Coretta, sie würde bald wieder von ihm hören.

Coretta war erleichtert. Ein paar Stunden später meldete sich Robert Kennedy wieder. Er hatte leider nicht erreichen können, dass Martin telefonieren durfte, aber es ging ihm auf alle Fälle gut.

Am frühen Abend des nächsten Tages befand sich Coretta oben im Haus, als jemand rief, da sei ein Ferngespräch für sie. Coretta ging ans Telefon und hörte eine etwas verärgerte Telefonistin. „Können Sie bitte dafür sorgen, dass Ihr Kind aus der Leitung geht? Der Präsident der Vereinigten Staaten möchte mit Ihnen sprechen.“

Nach einigem guten Zureden konnte Dexter, der damals zwei Jahre alt war, davon überzeugt werden, sein Recht auf die Nebenstelle im Erdgeschoss aufzugeben.

Der Präsident sprach auf gewohnt freundliche, lebhafte Art. „Hallo, Mrs. King. Wie geht es Ihnen? Wie ich hörte, haben Sie gestern mit meinem Bruder telefoniert. Es tut mir leid, dass ich Sie nicht selbst anrufen konnte, aber Sie wissen ja, dass ich bei meinem Vater war.“ Der Präsident erzählte weiter, er habe sich telefonisch mit Birmingham in Verbindung gesetzt und veranlasst, dass Martin bald einen Anruf machen könne.

Er informierte Coretta darüber, dass das FBI nach Birmingham geschickt worden sei und mit ihrem Mann gesprochen habe. Es gehe ihm gut.

Präsident Kennedy hatte offenbar keine Eile, das Gespräch mit Coretta zu beenden. Er sagte Coretta, wenn sie weitere Probleme hätte, könne sie ihn, seinen Bruder oder Mr Salinger jederzeit anrufen. Er erkundigte sich nach ihrer Gesundheit und freute sich, von der Geburt des vierten Kindes zu hören.

Martin sagte später, dass man ihn plötzlich viel besser behandelt habe. Dass dies auf das Eingreifen des Präsidenten zurückzuführen war, erfuhr er erst, als Coretta ihm davon erzählte.

Martin und Coretta hatten den Eindruck, dass sie im Weißen Haus einen echten Freund der Afroamerikaner hatten. Es war ein großer Schock für Coretta, als Martin ihr im November des gleichen Jahres aus dem ersten Stock ihres Hauses zurief, dass der Präsident erschossen worden war.

Coretta hatte den Präsidenten nur vom Telefon gekannt. Anders als Martin war sie ihm nie persönlich begegnet, aber sein Tod bestürzte sie sehr. Die Mitarbeiter des SCLC hatten Martin noch nie so mitgenommen erlebt wie beim Tod des Präsidenten. Er zog sich zwei Tage lang zurück. Als er im Fernsehen Berichte über Kennedys Tod sah, kommentierte Martin: „Auf diese Weise werde ich auch umkommen.“

Solange sie verheiratet waren, lebten Martin und Coretta ständig mit den Spannungen und dem Druck durch die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung. Doch all diese Anfechtungen und Belastungen wurden durch die seltenen Momente des Hochgefühls wettgemacht. Ein solcher Moment war das Festessen, das sie in Martins Heimatstadt Atlanta besuchten, nachdem Martin 1964 der Friedensnobelpreis verliehen worden war.

Als Martin damals so geehrt wurde, sagte Coretta: „Ich wünschte, wir könnten für immer auf diesem Gipfel bleiben. Die letzten zehn Jahre haben wir ständig mit dem drohenden Tod gelebt.“

Im Rückblick sagte Coretta: „Es war so ein großer Moment und ich war so stolz auf Martin. Trotzdem fühlte ich nicht nur Freude, sondern auch panische Angst, denn mir wurde bewusst, dass diese Ehre mit einer sehr großen Verantwortung verbunden war. Ich sagte mir immer wieder: ,Ich weiß nicht, was die Zukunft uns bringen wird’, und es machte mir Angst, darüber nachzudenken.“