3 Die Kämpferin
Coretta Scott King war eine Frau mit vielseitigen Begabungen. Einer ihrer Bewunderer sagte einmal über sie: „Coretta King konnte nicht einfach irgendjemand sein.“
Sie war eine großartige Musikerin und studierte Gesang bei Madame Marie Sundelius, einem gefeierten Star der Metropolitan Opera. Bei ihren ausgedehnten Reisen durch die Vereinigten Staaten, Kanada, Mexiko, Europa, Indien und Afrika trat Coretta oft als Sängerin auf und besuchte als Künstlerin zahlreiche Länder.
Auf ihrer Reise durch Indien im Jahr 1959 wurde Coretta überall eingeladen, für verschiedene Gruppen in Städten, Ortschaften und Dörfern zu singen. Der Musikkritiker der führenden indischen Zeitung Times beschrieb Corettas warme, ausdrucksvolle Sopranstimme und schrieb weiter:
„Mrs King trug zwei Spirituals vor, die sich durch ihre Anmut und die Schönheit ihres Ausdrucks auszeichneten. Ihr zweites Stück, „Nobody knows the trouble I’ve seen“, hatte liebliche und klagende Anklänge (…) Mrs King (…) legte ein außergewöhnliches Feuer und eine eindringliche Gefühlsstärke in ihre Stücke.“
Coretta entwickelte das Freiheitskonzert für die Bürgerrechtsbewegung und führte es auf. Das Konzert bestand aus Lesungen, Musik und Gedichten, mit denen die Geschichte der Bewegung dargestellt wurde. Der Erlös aus den Konzerten ging an die Southern Christian Leadership Conference (SCLC). Als Martin eines Tages fürchtete, die Gehälter für die SCLC nicht bezahlen zu können, kam ein rettender Scheck mit der Post. Dieser Scheck belief sich auf die Summe, die Coretta mit einer Aufführung ihres Konzertes erwirtschaftet hatte.
Die vielen Aktivitäten, die Familie, der Haushalt und die Bürgerrechtsbewegung, all das nahm so viel Raum in Corettas Leben ein, dass sie ihre musikalische Karriere aufgab. Im Chor der Ebenezer Baptist Church fand sie eine Möglichkeit, ihre Liebe zur Musik einzubringen, und dort sang sie oft am Sonntagmorgen. Es kam häufig vor, dass Coretta und Martins Schwester Christine im Gottesdienst als Solistinnen auftraten. Und wer in der Gegend von Atlanta lebte, erhielt auch manchmal per Post eine Einladung von Coretta zu einem Liederabend mit Christine.
Coretta King war außerdem eine begabte Rednerin. Über die Bürgerrechtsbewegung sprach sie mit einer stillen Leidenschaft. Alles, was sie sagte, zeugte von der Redlichkeit ihrer Absichten. Sie sprang manchmal für ihren Mann ein, trat aber auch selbst als Rednerin vor kirchlichen, bürgerlichen oder schulischen Gruppen in ganz Amerika auf.
Coretta wurde meistens für ihren eisernen Willen und ihre Selbstbeherrschung bewundert, aber es gab auch kritische Stimmen, die behaupteten, sie sei fast zu gelassen oder zu ruhig. Wenn man sich ansieht, welche Rolle sie im Leben ihres Mannes und in der Bürgerrechtsbewegung spielte, muss man sich fragen, ob ein anderer Typ Mensch all diesen Aufgaben so gut gerecht geworden wäre. Sie besaß die nötige Liebe, Stärke und Entschlossenheit. Wie war sie zu dieser Frau geworden?
Coretta war eine Kämpferin. Alles, was sie hatte, war hart erarbeitet. Ganzen Einsatz zu zeigen fiel Coretta nicht schwer, denn ihre Eltern waren ein wunderbares Beispiel für Tatkraft und harte Arbeit.
Corettas Vater, Obadiah Scott, kam am 24. August 1899 zur Welt. Es gelang ihm, die Schule bis zur Oberstufe zu besuchen, was für die damalige Zeit, in der die Ausbildung von Afroamerikanern weitgehend vernachlässigt wurde, sehr ungewöhnlich war.
Wenn Coretta sich dazu äußerte, zu welchem Erfolg ihr Vater es im Laufe seines Lebens gebracht hatte, sagte sie oft: „Ich frage mich, was wohl noch alles aus ihm geworden wäre, wenn er die Chance gehabt hätte, eine weiterführende Schule zu besuchen.“
Die Wurzeln von Obadiah Scotts Familie liegen tief im Boden von Perry County/Alabama. Dort besaß die Familie seit dem Bürgerkrieg Land. Drei Generationen von Scotts haben auf der Farm der Familie gelebt, die sich in einer ländlichen Gemeinschaft rund 15 Kilometer entfernt von Marion in Alabama befindet, nur ein Stück außerhalb des Schwarzenviertels von Alabama.
Die Freilassung der Sklaven war für die Afroamerikaner nicht mit Freiheit gleichzusetzen. Sie hatten nur die Mühsal in Ketten mit der Mühsal ohne Ketten vertauscht. Sie waren die Dienstboten Amerikas geworden. Wenn weiße Männer Baumwolle ernten oder ein Haus bauen lassen wollten, holten sie sich Afroamerikaner. Wenn eine weiße Frau jemanden für die Kinderbetreuung brauchte, ging sie zu einer Afroamerikanerin.
Einige Afroamerikaner sahen in der Bildung eine Möglichkeit, vom Dienstbotendasein wegzukommen und in die breite Masse der Amerikaner aufgenommen zu werden. Andere setzten in dieser Hinsicht mehr auf den Landbesitz. Zu ihnen gehörte Obadiah Scott.
Obadiah heiratete eine freundliche, attraktive Frau namens Bernice McMurray. Ihr Geburtstag war der 11. Februar 1905. Sie hatte nur einen mittleren Schulabschluss, aber sie war musikalisch sehr interessiert und begabt.
Obadiah Scott war intelligent, überaus fleißig und fest entschlossen, seine Familie gut zu versorgen. Mit der Geburt des Sohnes Obie Leonard am 22. April 1930 wuchs die Familie auf fünf Mitglieder an. Die anderen beiden Kinder der Scotts waren Mädchen: Edythe, die am 13. Dezember 1924 geboren wurde, und Coretta, die am 27. April 1929 zur Welt kam.
Die Scotts betrachteten den Landbesitz als Grundlage für ihre Zukunft. Dennoch kamen sie zu der Überzeugung, dass eine gute Schulbildung unerlässlich war, um ihren Kindern eine erfolgreiche Zukunft zu gewährleisten und sie auf den Leistungswettbewerb in der amerikanischen Gesellschaft vorzubereiten. Mrs Scott kündigte ihren Töchtern an, dass sie das College besuchen würden, selbst wenn sie deshalb nichts als die Kleider auf ihrem Leib besitzen sollten. Dank der Unterstützung durch einige Stipendien waren alle drei Kinder der Scotts in den Jahren 1948 und 1949 zur gleichen Zeit am College.
Obie Leonard, der später Pastor wurde, besuchte zwei Jahre lang das Central State College in Wilberforce, Ohio. 1966 gehörte er zu den ersten Afroamerikanern, die seit der Zeit des Wiederaufbaus für ein Staatsamt im Staat Alabama kandidierten. Er bewarb sich um das Amt des Steuereinnehmers. Er verlor die Wahl, lag aber in der Vorwahl an führender Stelle.
Mr Scott gehörten sowohl ein Fuhrunternehmen als auch eine Hühnerzucht. Er war der erste Afroamerikaner in seiner Gegend, der einen Lastwagen besaß. Eine Zeit lang arbeitete er mit weißen Männern zusammen im Holztransport. Er machte seine Arbeit ausgezeichnet, und sein Arbeitgeber belohnte ihn dafür, wenn ein Auftrag gut ausgeführt war. Die anderen Weißen ärgerten sich sehr über Obadiah.
So sehr Obadiah sich auch bemühte, er konnte nicht verhindern, dass es seiner Familie in der Zeit der Weltwirtschaftskrise sehr schlecht ging. Sie kämpften ums Überleben. Obadiahs Sinn fürs Geschäft, sein Engagement und sein Lastwagen machten ihn zum direkten Konkurrenten für die Weißen, und je weniger Geld und Arbeit zur Verfügung standen, desto größer wurde ihre Abneigung gegen ihn. Obadiah wurde unterwegs angehalten und mit Gewehren bedroht.
Obadiah Scott bemühte sich weiterhin intensiv um Aufträge, damit seine Familie versorgt war. Gleichzeitig versuchte er seine Frau und seine Kinder zu beruhigen. Immer wieder sagte er ihnen: „Wenn ihr einem weißen Mann in die Augen seht, wird er euch nichts tun.“ Seine Theorie leuchtete seinen Kindern nicht unbedingt ein, und sie machten sich große Sorgen um ihn. Sie hatten Angst, er würde eines Abends das Haus verlassen und nie mehr zurückkehren.
Coretta musste sich also schon früh mit drohenden Gefahren auseinandersetzen, und möglicherweise war dies eine gute Vorbereitung für die ständige Anspannung und die dauernde Bedrohung, die ihr späteres Leben prägten.
Nur ein einziges Mal wurde Obadiah Scott tatsächlich körperlich angegriffen. Das war im Jahr 1948. Zu dieser Zeit hatte er sein Fuhrunternehmen und einen Lebensmittelladen und arbeitete an den Samstagen als Taxifahrer. Dieser Taxiservice war die Ursache für den Angriff.
Obadiah hatte eine Lizenz für sein Taxi beantragt, aber sie war nicht eingetroffen. Ein Hilfssheriff hatte ihm erlaubt, sein Taxi an diesem Tag zu betreiben, und Obadiah war zu einem Friseur nach Greensboro/Alabama gefahren.
Ein Polizist, der außer Dienst war, rief Mr Scott aus dem Laden und stellte ihn wegen des Taxis zur Rede. Als Obadiah Scott ihm die näheren Umstände erklären wollte, wurde der Polizist wütend, verlor die Beherrschung und versetzte Mr Scott einen Schlag, der ihn bewusstlos machte.
Obadiah Scott war ein gottesfürchtiger, ehrlicher Mann, der sich gewissenhaft an Regeln und Gesetze hielt. Dieser Vorfall war für ihn eine demütigende Erfahrung, die tiefe Spuren in seinem Leben hinterließ. Aber dank seiner Willensstärke konnte er damit abschließen, so wie er es auch mit einer Begebenheit gemacht hatte, die sieben Jahre vorher passiert war.
Damals hatte er begonnen, ein Sägewerk zu betreiben. Obwohl er immer wieder bedroht worden war, hatte er seine Ersparnisse in eine Sägemühle investiert. Zwei Wochen nach der Inbetriebnahme war sie auf geheimnisvolle Weise bis auf die Grundmauern abgebrannt. Dieser Brand bedeutete für Mr Scott einen großen finanziellen Rückschlag. Dass ein Afroamerikaner an seinem Versuch, sich etwas aufzubauen, gehindert wurde, nur weil seine Hautfarbe anderen Menschen nicht gefiel, verstörte ihn sehr. Doch er bewies seine Willensstärke und seine Entschlossenheit, indem er einen Lastwagen kaufte und mit seinen geschäftlichen Bemühungen immer erfolgreicher wurde.
Coretta erzählte über ihren Vater: „1951 hat er ein bescheidenes Haus gebaut. Auf der Familienfarm baute er Mais, Erbsen, Kartoffeln, Baumwolle und anderes Gartengemüse an. Er hielt Schweine und Kühe und hatte eine Geflügelzucht, in der über 4.000 Hühner gleichzeitig aufwuchsen. Nach jedem amerikanischen Maßstab ist mein Vater ein erfolgreicher Mann. Er ist ein Mann, der sich seinen Erfolg erarbeitet hat, in seiner eigenen afroamerikanischen Gemeinde, obwohl sie so verarmt ist.“
Von Coretta erzählt man sich, dass sie als Kind sehr intelligent und sehr aufbrausend war. Ihr Bruder sagte: „Sie wollte immer die Beste sein, bei allem, was sie tat. Und sie hatte immer gute Noten.“ Ein Lehrer der weiterführenden Schule sagte über Coretta, sie sei sehr intelligent und zeige Achtung vor den Lehrern.
Coretta gab selbst zu, dass sie ein Wildfang war und ein hitziges Temperament besaß. „Meine Mutter meinte, ich wäre das fieseste Mädchen weit und breit. Die ganze Zeit stritt ich mich mit jemandem herum.“
1967 wurde Mrs Scott bei einer Autofahrt während der SCLC-Jahrestagung in Atlanta gefragt, wie Coretta als Kind gewesen war. Zuerst gab sie allen anderen Recht und sagte, sie sei ein intelligentes Kind gewesen. Als man sich nach Corettas angeblich hitzigem Temperament erkundigte, lächelte Mrs Scott und dachte einen Moment nach. Vielleicht verglich sie ihre Tochter von heute, eine entschiedene Fürsprecherin von Gewaltfreiheit und Frieden, mit dem kleinen Mädchen von damals, das mit Vorliebe seinen Bruder und seine Spielkameraden mit Stöcken, Steinen und anderen greifbaren Objekten beworfen hatte. Als Mrs Scott mit Nachdenken fertig war, lachte sie und nickte. „O ja, sie war ziemlich gemein.“
In diesem Moment stieg Dr. King in das Auto, in dem seine Schwiegermutter saß. Er sagte: „Mutter!“ und küsste Mrs Scott auf die Wange. Die Zuneigung, die so deutlich zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter herrschte, war ein schönes Zeugnis für die Wärme, die von Mrs Scott ausging.
Als es für Coretta Zeit wurde, zur Schule zu gehen, kam sie das erste Mal mit rassistischen Vorurteilen in Berührung, aber sie war zu jung, um diese richtig wahrzunehmen. Zusammen mit den anderen Kindern marschierte Coretta sieben oder acht Kilometer zur Crossroads School. Als sie älter wurde, dämmerte es ihr, dass es irgendwie ungerecht war, dass die weißen Kinder in Bussen zu den Schulen in Marion fuhren, während die afroamerikanischen Kinder zur Crossroads School laufen mussten.
Crossroads war ein grob gezimmertes Gebäude, das aus einem einzigen Raum bestand und mit einem Holzofen beheizt wurde. Zwei Lehrer unterrichteten alle sechs Klassenstufen. Die ersten sechs Jahre ihrer Schulbildung absolvierte Coretta in Crossroads, einer Schule, „die mich nicht sonderlich gut vorbereitet hat“, wie Coretta sagte. Auf jeden Fall nahm Coretta alles mit, was die Schule zu bieten hatte. In sämtlichen Jahrgangsstufen war sie die Klassenbeste.
Die nächsten Jahre verbrachte Coretta an der Lincoln High School in Marion, einer zum Teil privaten Einrichtung, die von der American Missionary Association of New York unterhalten wurde. Lincoln wurde in der Wiederaufbauzeit gegründet. Es gab weiße und afroamerikanische Lehrkräfte dort.
In Lincoln musste Coretta Schulgeld und Unterkunft bezahlen. Wie viele andere afroamerikanische Teenager musste Coretta früh am Montagmorgen von zu Hause aufbrechen und sich auf den Weg zur Schule machen, und sie kam erst am Wochenende wieder zurück. Das lag daran, dass die Schulen zu Fuß nicht erreichbar waren und dass für die Fahrt zu den weiterführenden afroamerikanischen Schulen, die viele Kilometer entfernt waren, keine Busse zur Verfügung gestellt wurden.
An diesem Punkt zeigte sich nun die ruhige Entschlossenheit von Mrs Scott. Ihr gefiel es nicht, dass ihre Kinder so selten zu Hause sein konnten, und sie beschaffte sich zum allgemeinen Erstaunen einen Bus. Und obwohl das damals für eine Frau ein ungewöhnliches Unterfangen war, fuhr sie mit diesem Bus jeden Tag zur Schule und zurück. Eine einfache Strecke betrug 16 Kilometer, das machte 64 Kilometer pro Tag.
Für Coretta war die Sache mit der Schule eine grobe Ungerechtigkeit. Sie verfolgte das Ziel, möglichst viel zu lernen, um dadurch eines Tages etwas an den Bedingungen verändern zu können, unter denen sie aufgewachsen war. Sie hatte den festen Entschluss, den anderen zu helfen, die nach ihr kamen.
Die Lincoln High School eröffnete der heranwachsenden, interessierten Coretta neue geistige Welten. Ein dringendes Bedürfnis, „jemand zu sein“ und Gott zu dienen, erwachte in ihr. Sie spürte, dass ihr Dienst irgendwie mit Musik zusammenhängen würde.
Wie ihre Mutter und ihre Geschwister hatte Coretta eine gute Stimme. In Lincoln wurde es ihr nun ein Anliegen, ihre musikalische Begabung zu entfalten. Sie spielte Trompete und sang im Chor mit und wurde als Solistin bei Liederabenden und musikalischen Produktionen eingesetzt. Genau genommen war es sogar Corettas Highschool-Lehrerin, die sie dazu anregte, eine musikalische Karriere zu verfolgen. Coretta fing an, Gesangs- und Klavierunterricht bei Miss Olive J. Williams zu nehmen.
In der Zeit, als Corettas ältere Schwester Edythe dazu gehörte, trat der Chor von Lincoln in mehreren Städten im Norden der USA auf. Ein Konzert gab er im Antioch College in Yellow Springs/Ohio. Dieses College wurde ausschließlich von Weißen besucht. Das Konzert fand einen solchen Anklang, dass die Verwaltung von Antioch einige Stipendien für Lincoln Schüler gewährte.
1943 zog Edythe als erste vollzeitliche afroamerikanische Studentin auf dem Campus von Antioch ein. Sie erhielt ein volles Stipendium für ein ganzes Jahr. Antioch hatte die ersten konkreten Schritte unternommen, um Integrationsmöglichkeiten für afroamerikanische Studenten zu schaffen. Doch Edythe fühlte sich in ihrer Vorreiterrolle nicht wohl und wechselte später an die Ohio State University, an der Afroamerikaner nichts Ungewöhnliches mehr waren. Sie schloss ihr Studium an der Columbia University in New York mit dem Magister in Englisch ab, und an der Boston University erwarb sie ein Diplom der schönen Künste im Bereich Schauspielkunst.
1945 verließ Coretta die Highschool als beste Absolventin ihres Jahrgangs und machte sich auf den Weg zum Antioch College, für das sie ein Teilstipendium erhalten hatte. Für Coretta war dieser Aufbruch in den Norden der USA und zum Antioch College eine Gebetserhörung. Als Coretta in Antioch studierte, waren Afroamerikaner dort keine Sensation mehr, aber sie wurden auch nicht vollkommen akzeptiert.
„Ich fuhr in den Norden mit einer Menge Zweifel, ob es eine kluge Entscheidung gewesen war, und einer Menge Angst, dass es mir nicht gelingen würde, in dieser ganz anderen Umgebung Fuß zu fassen“, schrieb Coretta in einer Collegezeitung von Antioch. Sie wusste jedoch, dass das Studium an einer Universität in den Nordstaaten ihr für ihre Unterstützung der Benachteiligten einen Vorteil bringen würde, und dass es ihr außerdem die Chance gab, „meine Verhältnisse zu verbessern und mir Ansehen zu verschaffen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen“. Verglichen mit den Südstaaten galten viele Universitäten in den Nordstaaten als die besseren Einrichtungen.
Die meisten Studenten in Antioch hatten bessere Schulen besucht als Coretta, und ihre Eltern hatten gehobene Positionen. Coretta merkte, dass sie sich mit jungen Menschen messen musste, die ihr in Bezug auf Bildung und Kultur weit voraus waren. Sie wusste, dass sie ihnen gegenüber im Nachteil war, und betrachtete diese Erfahrung als Prüfstein für ihre Fähigkeit, sich in den Herausforderungen des Lebens zu behaupten.
Coretta entschied sich für ein Studium zur Grundschullehrerin, denn sie hatte die Absicht, Kindern ihrer Rasse als Lehrerin zu dienen. Darüber hinaus nahm sie viele musikalische Kurse in ihren Studienplan auf.
Durch ein Praxisprogramm für Studenten sammelte Coretta Erfahrungen in den verschiedensten beruflichen Bereichen. Das Programm sah einen wöchentlichen Wechsel zwischen dem Praktikum und dem Studium vor. Als größte Herausforderung erlebte Coretta ihr Praktikum im Friendly Inn Settlement House in Cleveland/Ohio, einer sozialen Einrichtung zur Unterstützung von Familien. Sie wurde dort als Zweitkraft in der Gruppenbetreuung eingesetzt. Sie war in diesem Jahr die jüngste Mitarbeiterin und betreute die ganze Bandbreite von Gruppen – von Kindergartenkindern bis zu Rentnern. „In diesem Jahr bin ich ein gutes Stück weiter erwachsen geworden“, sagte sie später.
In ihrer Zeit in Antioch sang Coretta als Solistin im Chor der Second Baptist Church in Springfield/Ohio. Der Chorleiter wollte gern ein Konzert mit Coretta veranstalten, und ihre Dozentin vom College ermutigte sie dazu.
1948 gab Coretta ihr erstes Konzert. Dieses Debüt war ein entscheidender Anstoß für Corettas Entscheidung, sich nach ihrem Studienabschluss in Antioch an einer Musikakademie einzuschreiben. Später folgten weitere Konzerte in Pennsylvania und Alabama.
Als es Zeit wurde für Corettas Referendariat, machte sie ihre erste unangenehme Erfahrung in Antioch. Es war nicht vorgesehen, dass sie in einer Schule in Yellow Springs unterrichtete, wo es damals noch keine afroamerikanischen Lehrer gab. Der Verantwortliche für die Vergabe der Referendariatsplätze wollte, dass Coretta an eine Schule in Xenia/Ohio ging, die 15 Kilometer entfernt war und nur von schwarzen Kindern besucht wurde. Alternativ konnte sie ihre zwei Referendariatsjahre an der Versuchsschule von Antioch verbringen.
Coretta war in einer Gegend im Süden der USA aufgewachsen, wo 7.000 Weiße über die dreifache Anzahl von Afroamerikanern bestimmten. Die Bücher, die sie in Lincoln gelesen hatte, und ihre Erinnerungen an die Zeit dort hatten die Sehnsucht in ihr geweckt, als Gleiche unter Gleichen behandelt zu werden. Sie fühlte sich gedemütigt und gekränkt. Aber sie besaß die Stärke ihrer Mutter und die Beharrlichkeit ihres Vaters und wollte die Sache nicht einfach so hinnehmen. Sie beschloss, dafür zu kämpfen, dass sie unabhängig von ihrer Rasse die Erlaubnis bekam, an einer öffentlichen Schule ihr Referendariat zu machen. Den Vorschlag ihres Betreuers lehnte sie ab.
Coretta nutzte verschiedene Kanäle, um ihren Kampf um Gerechtigkeit bis in die höchsten Ebenen der Universitätsleitung zu tragen. „Ich tat alles, was ich konnte, keine Unterstützung“, erklärte sie. Sie argumentierten: „Wenn wir protestieren, verlieren wir womöglich alle unsere Referendariatsplätze, und keiner von uns kann seinen Abschluss machen.“ Von einer Freundin wurde Coretta moralisch unterstützt, aber in der Öffentlichkeit bezog sie keine Stellung. Etliche Studenten weigerten sich sogar, über das Thema mit Coretta zu diskutieren.
Schließlich wandte sich Coretta an den Rektor, der zu ihr sagte: „Coretta, da können wir nichts machen.“
Enttäuscht und niedergeschlagen kämpfte Coretta mit den Tränen. Jeder verhielt sich so, als sei nichts geschehen, und nichts veränderte sich. Das war für Coretta die erste große Krise, in die sie aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit geriet. Sie fühlte sich von Antioch verraten und verkauft.
„Ich bin eine Negerin und werde mein ganzes Leben lang eine Negerin sein“, dachte Coretta. „Ich darf mich auf keinen Fall durch diese Sache unterkriegen lassen.“
Coretta akzeptierte, dass sie nicht an den öffentlichen Schulen unterrichten konnte, aber sie schwor sich, niemals nach Xenia zu gehen und an einer abgesonderten Schule für Afroamerikaner zu lehren. Sie vertrat die Meinung, wenn sie das hätte machen wollen, hätte sie auch gleich zu Hause bleiben können. Sie zeigte sich damit einverstanden, an der Vorführschule von Antioch zu unterrichten, weil dies für sie das „kleinere Übel“ war, wie sie sich ausdrückte. Auf der gleichen Basis sollte ihr zukünftiger Ehemann später versuchen, einige komplizierte Rassismusprobleme zu lösen.
Singen war die größte Erfüllung für Coretta. Der Vorsitzende des Fachbereichs Musik in Antioch riet ihr, sich beim New England Conservatory of Music in Boston um einen Studienplatz und bei der Smith Noyes Stiftung um ein Stipendium zu bewerben. Coretta schickte ihre Bewerbungen los, bevor sie im Juni 1951 ihren Abschluss am Antioch College machte. Sie wurde an der Musikhochschule angenommen und plante, sich bei ihrem Musikstudium vor allem auf den Gesang zu konzentrieren. Sie hoffte auf eine Karriere auf der Konzertbühne, wollte aber auch darauf vorbereitet sein, eine andere Richtung einzuschlagen, falls es nötig sein sollte.
Nach ihrer Abschlussprüfung verbrachte Coretta einige Wochen bei ihren Eltern und wartete auf eine Nachricht der Smith Noyes Stiftung. Sie wollte das Studium am Konservatorium ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern schaffen, obwohl die Scotts zu diesem Zeitpunkt durchaus in der Lage gewesen wären, ihr zu helfen. Coretta fand, sie sei lang genug abhängig von ihnen gewesen.
Als sie nichts von der Stiftung hörte, machte sich Coretta zielstrebig auf den Weg nach Boston. Sie war fest entschlossen, jede Art von Arbeit anzunehmen, um sich das Geld für die Studien-gebühren selbst zu verdienen. Bevor sie von zu Hause aufbrach, sagte ihr Vater zu ihr: „So ohne jedes Geld würde ich dort nicht hingehen. Was machst du, wenn du das Stipendium nicht bekommst?“ Er gab ihr Geld für den Zug und für ihre Verpflegung, und sie versicherte ihm, dass sie auf jeden Fall einen Job finden würde.
Im Haus einer wohlhabenden Witwe im Beacon Hill-Viertel hatte Coretta eine Unterkunft gefunden. Die Witwe stammte von der vornehmen Familie Cabot ab und vermietete Zimmer an talentierte Studenten. Sie hatte zu einem Fonds für interrassische Stipendien in Antioch beigetragen. Coretta sollte sieben Dollar wöchentlich für ein Zimmer mit Frühstück bezahlen.
Auf ihrem Weg nach Boston rief Coretta bei der Stiftung an und erhielt die Information, dass ein Brief an sie zu ihrer Heimatadresse in Alabama unterwegs war. Ihr war ein Stipendium von 650 Dollar gewährt worden. Coretta kam in glücklicher Stimmung in Boston an.
Das Stipendium deckte nur die Studiengebühren ab, deshalb musste Coretta sich das Geld für ihr Zimmer und ihre Verpflegung selbst verdienen. Halb war es ihr Stolz, halb ihr Wunsch nach Unabhängigkeit, die sie davon abhielten, ihre Eltern um Geld zu bitten.
Sie zahlte ihre Studiengebühren und vereinbarte mit ihrer Vermieterin, dass sie sich das Zimmer und das Frühstück verdienen würde, indem sie den fünften Stock putzte, in dem sie mit zwei weiteren Studentinnen wohnte. Darüber hinaus hatte sie zwei Treppen zu putzen. Das Problem waren die Hauptmahlzeiten. Tagelang bestand Corettas Abendessen aus nichts anderem als Vollkornkeksen, Erdnussbutter und Obst.
Coretta hatte auch vorher schon schwere Zeiten erlebt. Während der Wirtschaftskrise hatte sie sich in Alabama als Baumwoll-pflückerin verdingt. Aber sie hatte nie zuvor gehungert. Nun befand sie sich in der unglaublichen Lage, an einer der wohlhabendsten Adressen von ganz Amerika zu wohnen und gleichzeitig Hunger zu leiden.
An zwei Tagen hintereinander ließ Coretta das Abendessen ausfallen. Bis auf 15 Cent hatte sie nichts mehr in der Tasche. Eine Freundin, die über Corettas Notlage Bescheid wusste, lud sie zu sich nach Hause ein. Sie glaubte fest an Corettas Zukunft und sagte ihr das auch. Dann gab sie Coretta einen Umschlag. Als Coretta ihn in der U-Bahn öffnete, fand sie 15 Dollar darin. Zu Tränen gerührt erkannte Coretta: „Die Menschen und das Leben sind gut.“
Die Urban League, eine Organisation zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der schwarzen Bevölkerung, vermittelte Coretta später eine Arbeit als Bürogehilfin in einer Versandfirma. Nach dem ersten Jahr besserte sich ihre finanzielle Lage allmählich.
Sie beantragte erfolgreich out-of-state-aid beim Staat Alabama, eine Unterstützung für afroamerikanische Studenten, die bei weißen Einrichtungen in Alabama nicht zugelassen wurden. Dieses System der staatlichen Hilfe hatte sehr oft zur Folge, dass afroamerikanische Lehrer wesentlich besser ausgebildet waren als ihre einheimischen weißen Kollegen. Denn die Afroamerikaner waren gezwungen, den Staat zu verlassen, wenn sie studieren wollten, und sie besuchten dadurch einige der besten Universitäten von ganz Amerika.
Corettas Jugendjahre waren eine gute Vorbereitung für die Schwierigkeiten, die sie jetzt und in Zukunft zu bewältigen hatte. Sie besaß die Festigkeit und die Charakterstärke ihres Vaters, den selbst enorme Hindernisse nicht davon abgehalten hatten, sein Glück zu machen. Und von ihrer Mutter hatte sie neben einer ruhigen Entschlossenheit ein tiefes Gespür für Hingabe und Loyalität geerbt.
Eine ebenso große Rolle in ihrem Leben spielte Corettas Schönheit. Sie war ein lebender Beweis für das Motto: „Black is beautiful!“ – „Schwarz ist schön!“ Diesen Ruf hatte Malcolm X, ein Führer der Bürgerrechtsbewegung, schön formuliert, aber noch besser kam er durch Dr. Kings Bewegung zum Ausdruck. Früher hatten die meisten Afroamerikaner ein negatives Bild von sich selbst gehabt. Aber die Bürgerrechtsbewegung zeigte ihnen Afroamerikaner, die im Namen der Gerechtigkeit unbewaffnet durch die Straßen marschierten und fest daran glaubten, dass es eine Lösung für ihre Probleme gäbe, wenn das weiße Amerika diese Probleme nur endlich erkennen würde. Diese Afroamerikaner wurden mit Bomben, Geschossen, Feuerwehrschläuchen und Hunden bekämpft – und zumindest dieser Gegensatz zeigte den Afroamerikanern deutlich, dass schwarz schön war.
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Bild Seite 49: Pastor Dr. Martin Luther King jr. und seine Frau Coretta vor dem Gerichtsgebäude in Montgomery/Alabama am 22. März 1956. Martin wurde für schuldig erklärt, den Bus-Boykott von Montgomery, der am 5. Dezember 1955 begonnen hatte, initiiert zu haben. (AP Photo/Gene Herrick) |
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Martin wird von Coretta mit einem Kuss empfangen, als er das Gericht in Montgomery/Alabama am 22. März 1956 verlässt. Obwohl King schuldig gesprochen worden war, den Boykott der städtischen Busse angezettelt zu haben, um die Rassentrennung in den Bussen zu beenden, setzte ein Richter seine 500 Dollar-Strafe bis zum Berufungsverfahren aus. |
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Dr. Martin Luther King wird bei seiner Rückkehr nach Atlanta von seiner Frau Coretta mit einem Willkommenskuss begrüßt, nachdem er am 27. Oktober 1960 auf Kaution aus dem Staatsgefängnis in Reidsville entlassen worden war. Ihre Kinder Yolanda, damals fünf, und Martin Luther III., damals drei, beteiligen sich an der Willkommensfeier. (AP Photo) |
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Martin und Coretta sitzen mit drei ihrer vier Kinder in ihrem Haus in Atlanta, am 17. März 1963. Von links nach rechts: Martin Luther King III., 5, Dexter Scott, 2, und Yolanda Denise, 7. (AP Photo) |
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Ein Augenblick des persönlichen Triumphs: Martin und Coretta, zusammen mit Martins Sekretärin Dora McDonald, werden bei ihrer Ankunft in Oslo begrüßt, wo Martin bei einer Feierlichkeit am 10. Dezember der Friedensnobelpreis des Jahres 1964 überreicht wurde. (AP Photo) |
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Martin und Coretta führen beim Marsch am 25. März 1965 die letzte Etappe zum Parlamentsgebäude in Montgomery/Alabama an. Tausende von Bürgerrechtlern beteiligten sich an diesem Marsch, der am 21. März in Selma begann. Bei der Demonstration wurde das Recht für die Afroamerikaner gefordert, in die Wählerlisten aufgenommen zu werden. Auf der rechten Seite ist Pastor D. F. Reese von Selma zu sehen. (AP Photo) |
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Bei seiner Ankunft am Flughafen von Atlanta am 30. Oktober 1967 wird Martin von Coretta begleitet. Er ist auf dem Weg nach Birmingham/ Alabama, um eine fünftägige Haftstrafe abzusitzen, zu der er wegen einer Protestaktion der Bürgerrechtsbewegung im Jahr 1963 verurteilt worden war. (AP Photo) |
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Pastor Martin Luther King jr. bei einer Rede in Selma/Alabama im Februar 1968. (AP Photo/Charles E. Kelly) |







