Ein Apfelbaum und drei gebrochene Rippen
Hasan Ali Abdullah brüllte wie ein Geisteskranker durch die Leitung. Er meinte, ich sei längst überfällig. Ich fragte zurück, warum er so brülle, darauf antwortete er, dass sich einige seiner Landsleute wieder mal mit der Polente prügelten und er den daraus resultierenden Radau übertönen müsse. Bis auf einige brennende Fahrzeuge sei alles friedlich verlaufen und sonst alles in »brauner Butter«, so Hasan. Seine Landsleute, die Istanbuler, hörten angeblich gern Deutsche Märsche per Schellackplatte. Natürlich war diesbezüglich eine Kostprobe gemeint und nicht die Marschmusik quer durch den Gemüsegarten. Hasan bat, ich möge doch in die Kreuzberger Gneisenaustraße kommen und wieder mal einen Packen solcher Marschplatten anliefern. Den Torgauer Marsch z. B. hätte er sehr wohl ins Herz geschlossen, den sollte ich bitte nicht vergessen. Hasan wollte mir nur Honig ums Maul schmieren, indem er dieses Musikstück besonders nach vorn spielte. Warum sollte gerade er als Vorderasiate solch einen Marsch mögen? Ich erinnerte mich an das Konvolut Schellackplatten, welches ich vor einigen Wochen nach Berlin transportierte. Es bestand insbesondere aus deutschen Militärmärschen. Der Torgauer Marsch war auch dabei. Er existierte doppelt und dreifach in meiner Plattensammlung. Dann fragte ich scherzhaft an, ob ich 400 km Wegstrecke wegen einiger Märsche zurücklegen solle, obwohl jede dieser Platten gerade mal mit sechs schlappen DM angekauft würde, ganz abgesehen von der Zeit, die ich zu investieren hätte. Hasan verneinte. Ich hätte doch wie immer noch so vieles an interessantem ,Kleinzeug’ in petto, was immer gut ging. Natürlich meinte Hasan wertvolle Abrissgläser von der Jahrhundertwende bis zur Barockzeit.
Eigentlich war ich wenig motiviert, das kommende Wochenende wieder in Berlin zu verbringen, um in Decken gehüllt auf dem Boden eines Kleintransporters dahin zu vegetieren. Plötzlich ist mir bewusst geworden, dass ich ab sofort auf mich allein gestellt war. Wie gesagt, Mackenrodt hatte sich für unbestimmte Zeit nach Berlin abgesetzt. Aus diesem Grund gab es für mich kein Wenn und Aber.
Hasan informierte mich, dass es eine türkische Spezialität gäbe, die seine Ehefrau mit Bravour zubereiten könne. Hasans Stimme schlug in diesem Moment wirklich um eine Oktave höher. Es schien, als sei es ein ganz besonderes Gericht. Es handelte sich jedenfalls um ein nationale Speise mit dem Namen ,Izgara Köfte’ – Kartoffeln in Tomatensauce mit geschmorten Hackfleischbällchen. Da sollte es eine Familienschlämmerei geben, zu der ich eingeladen war. Falls ich so per Knips und Druck nach Berlin kutschierte, wäre dieses komische Kartoffelzeugs in Tomatensauce bestimmt nicht der Auslöser. Allerdings sagte mir die türkische Küche in mancherlei Hinsicht zu. Mir gefiel besonders die Gastfreundschaft Hasans, die mir als Ossi zuteil wurde. Die gleiche Gastfreundschaft erfuhr ich, als ich das erste Mal Ware zum Flohmarkt am Brandenburger Tor transportierte. Hasan legte wohl großen Wert auf meine Anwesenheit – so jedenfalls hörte ich es aus unserem Telefonat heraus. Ich bildete mir gar nichts darauf ein, denn ich kam mit jeder der 50 Nationalitäten auf dem Flohmarkt klar und das wusste Hasan.
Jedenfalls versprach das kommende Wochenende turbulent zu werden. Ich gewöhnte mich langsam an den Gedanken, das kommende Wochenende wieder irgendwo und irgendwie zu verbringen. Zum Schluss freute ich mich sogar darauf, aber es kam ganz anders. Inzwischen hatte ich mir einen Sportwagen von VW zugelegt. Bei der Finanzierung half mir meine Großmutter mit sehr kleinen Raten, aber sie half! Dabei vertrat sie die Meinung, dass, wenn man eine größere Investition tätigen würde, man noch einen kleinen Spargroschen in petto haben müsste. Ich setzte natürlich mein Erspartes. Letzten Endes hatte ich Glück: da existierte eine Familie reiferen Alters, die nach ihrer Meinung eine Fehlinvestition getätigt hatte. Der Wagen sei eine Garnitur zu schnell, weil er einige PS zu hoch getrimmt sei. Und wenn ich also schnell zahlte, bekäme ich das Fahrzeug als erster. Auf dem Tacho standen um die 20.000 gefahrene km. Ich bekam das Auto trotzdem günstig und fuhr ein Stück Probe. Endlich hatte ich einen anständigen Schlitten unterm Hintern. Das Fahrzeug besaß einen Bordcomputer und hatte 160 PS unter der Haube. Diese Karre war genau das Richtige für mich. Dann kam ich auf die Idee, der Irma Kaminski meine Aufwartung zu machen. Schließlich hatte sie mich darum gebeten. Ich fuhr donnerstags Abend zu ihr und fragte, ob sie mich übers kommende Wochenende nach Berlin begleiten wolle. Als sie zusagte, lief mir ein warmer Schauer über den Rücken. Auch aus Irmas Augen spross pure Begeisterung, wohl mehr wegen des ,Abenteuers Berlin’ und wegen meines neuen Sportwagens Marke Corrado von VW. Im Moment war mir das egal. Irma jauchzte sogar vor Begeisterung. Ich hatte, so bildete ich mir jedenfalls ein, nicht nur ein Maskottchen neben mir, sondern auch eine Gefährtin, mit der ich während der zweieinhalb Stunden Fahrt vielleicht warm würde. Dass ich während meines Aufenthaltes in Berlin mehr Arbeit als alles andere am Hals hatte, verschwieg ich natürlich. Dieses Mal war eine Art Nachtflohmarkt á la Hasan Abdullah angesagt. Wenn das Irma so akzeptierte, nur um in meiner Nähe zu sein, wäre das schon eine Art Feuertaufe für sie. Außerdem nahm ich mir vor, ordentlich mit ihr auszugehen. Ich ramschte alles zusammen, was für einen Flohmarktverkauf infrage kommen würde, verpackte etwas an Proviant für zwei, das heißt für mich und Irma, verstaute es im Kofferraum und tankte den Wagen auf. Donnerstagabend fuhr ich noch nach Wiederitzsch, um etwas an älterer Literatur anzukaufen. Sie sollte auf dem Nachtflohmarkt in Berlin feilgeboten werden. Mein Ankauf lief wie geschmiert. Außerdem war ich schon früher mit meinem Geschäft fertig, als ich dachte. Aus diesem Grund machte ich einen Abstecher nach Lindenthal, um noch einige Ankaufszettel in die Briefkästen älterer Grundstücke zu werfen. Ich begab mich einfach so zum Spaß erst einmal auf die B 184 in Richtung Delitzsch. Als ich den zähfließenden Verkehr Wiederitzschs hinter mir hatte, trat ich aufs Gas und ließ meine Seele baumeln. Ich mochte diesen Motorsound. Vor mir lag jetzt eine schnurgerade Strecke. Auf meinem Tachometer standen bereits 130 km/h. Plötzlich tauchte in dreihundert Metern Entfernung ein Kleintransporter auf, der sich rasend schnell näherte. Vermutlich fuhr er genauso schnell wie ich. Etwa zweihundert Meter vor mir befand sich eine Rechtskurve. Der Kleintransporter schnitt sie und schusselte auf meine Fahrbahnseite. Ich hatte längst den Fuß vom Gaspedal genommen. Trotzdem musste ich ganz nach rechts ausweichen, um mit diesem Fahrzeug nicht frontal zu kollidieren. Ich fuhr über die Grasnarbe neben dem Straßengraben und geriet auf längst überfälliges Winterstreugut, was da noch dicht gesät auf meiner Fahrbahnseite lag und kam ins Schleudern. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich in meinem Rückspiegel den Kleintransporter entschwinden. Jetzt galt es, meine Karre zur Räson zu bringen. Wenn ich es versuchte, wurde ich jedes Mal nach links gegen meine Fahrertür gedrückt oder nach rechts in die Sicherheitsgurte gequetscht. Mit einem Ruck stand ich quer auf der Fahrbahn und schoss wie eine Rakete in Richtung Straßengraben. Ich hatte das Gefühl, als hätte mich eine unsichtbare Kraft von hinten in die Richtung geschoben, in die ich gar nicht wollte. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Ich verspürte einen brennenden Schmerz im Bereich der linken Schläfe. Ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand eine Ladung Schrot verpasst. Fast gleichzeitig verspürte ich einen dumpfen Schlag gegen die linke Körperseite, sodass mir für einen Moment die Luft weg blieb. Plötzlich war alles um mich still. Ich hörte nur das feine Knistern des Blechs der deformierten Fahrzeugkarosse. Kleine Lacksplitter sprangen mir durch das offene Fenster ins Gesicht. Für einige Sekunden machte sich tiefe Trauer in mir breit, weil mein doch so sauer verdientes Auto zum Totalschaden wurde. Links neben mich hatte sich übrigens ein Baum platziert. Durch die Wucht des seitlichen Aufpralls auf den Stamm wurde meine Fahrerseite um die Hälfte dezimiert. Im Sicherheitsgurt hängend wurde ich beinahe erdrückt. Im Moment stand die These vom rettenden Sicherheitsgurt für mich auf wackligen Füßen. Zu guter Letzt war ich der Meinung, dass solche seltenen Unfälle auch selten vonstatten gehen würden. Der Rettende für mich war kein Engel, sondern eben ein dahergewachsener Apfelbaum. Ich habe später darüber nachgedacht, was wohl hätte passieren können, falls ich im Straßengraben mit einer Tankfüllung von siebzig Litern Benzin Super-Plus über dem Kopf im Graben liegengeblieben wäre. Auf Grund meines Schocks war ich erst einmal schmerzfrei. Dann fing es an meiner rechten Wange an zu kribbeln. Ich strich mit meiner linken Hand über diese Stelle – meine Hand war blutig, so auch mein Hemdkragen. Die linke Seite von der Schläfe bis zum Hals war mit Glassplittern gespickt. Der Baum hatte die Fensterscheibe zerstückelt und in den Innenraum geschlagen. Ich war erst einmal in meinem Blechknäuel gefangen. Nach einer Weile versuchte ich, die rechte Fahrertür von innen zu öffnen, doch ohne Erfolg, denn auf der linken Seite befand sich der rettende Apfelbaum. Ich betätigte den elektrischen Fensterheber. Er funktionierte sogar noch. Ich löste mich vom Sicherheitsgurt, griff durch das Fenster der Beifahrertür nach draußen und konnte die Tür so öffnen. Ich kraxelte am Grabenhang nach oben und befand mich nun wieder auf der B 184. Ich hatte das Gefühl, als sei ich schwerelos. Keine Menschenseele war in Sicht. Darüber war ich froh. Mein PKW hatte nach dem seitlichen Aufprall auf den Baum die Form eines V ‘s bekommen. Er war eigentlich nur noch für Kurvenfahrten geeignet. Plötzlich kam eine Straßenkehrmaschine angerattert. Der Fahrer stieg aus. »Ä schönes Geschoss, Ihr Fahrzeuch! Isch meene es war schön! Sachen Se, wie geht’s Ihn’ eischentlisch?” »Ob Sie mich aus dem Graben ziehen könnten?”, fragte ich im Affekt. Letzten Endes war mir bewusst, dass ich die Polizei rufen musste. Ich schlauchte von diesem Straßenkehrmaschinenfahrer erst einmal zwei Zigaretten, weil ich nach diesem Crash einfach rauchen musste. Obwohl ich das selten tat, verspürte ich das Verlangen nach Nikotin. Beide Zigaretten rauchte ich hintereinander. Anschließend war mir hundeelend. Dass ich nach diesem Unfall irgendwie an Atemnot litt, verschwieg ich, dazu war ich eitel genug. Während einer nach Jahren durchgeführten Röntgenuntersuchung entdeckte man bei mir linksseitig drei gebrochene Rippen. Das war also die Ursache meiner für Wochen anhaltenden Beschwerden. Ich stiefelte also einen Kilometer über den schlammigen Acker, weil sich am anderen Ende dessen ein Bauernhof befand. Hier vermutete ich ein Telefon. Und weil es da kein Telefon gab, lief ich wieder zurück. Inzwischen war ein Streifenwagen der Polente aufgekreuzt, rein zufällig. Die Insassen warteten bereits auf mich. Sie betrachteten mich, als sei ich aus dem Jenseits entsprungen. Nach dem Schaden an meinem PKW zu urteilen, war es wohl eine Sensation, dass ich äußerlich noch einigermaßen heil war. Dann hatten die Beamten das Protokoll fertig. Der Fahrer des Kleintransporters konnte natürlich nie ermittelt werden, weil ich mir das polizeiliche Kennzeichen auf Grund der rasenden Geschwindigkeit nicht einprägen konnte. Als ich darum bat, mich einer Alkoholkontrolle zu unterziehen, glaubten die Beamten wirklich, ich sei besoffen. Bevor ich in den Beutel pustete, wurde ich besonders darauf hingewiesen, dies mit aller Kraft zu tun.
Anfangs saß ich zu Hause sinnlos herum, weil ich meinen Unfall, den Verlust meines schönen Autos und die spöttischen Bemerkungen der Neider aus der Nachbarschaft seelisch verkraften musste. Dann setzte ich mich in den Vorgarten und las. Das Frühjahr war heran und die Sonne schien schon ganz ordentlich. Das Thermometer zeigte im geschützten Innenhof fast zwanzig Grad an. Ich kam auf die Idee, Hemd und Unterhemd auszuziehen. Diesen Vorgarten konnte man nicht einsehen. Das lag daran, dass meine Großmutter einst Efeu vor unseren uralten schmiedeeisernen Zaun pflanzte. Jedes Mal wenn ich am Nachmittag im Verborgenen vor mich hin träumte, pinkelte jemand durch die Efeuhecke ins Vorgarteninnere. Dann hatte ich die Nase voll und bewaffnete mich mit einem Eimer, den ich bis zur Hälfte mit Wasser füllte. Somit war meine Treffsicherheit höher. Womöglich hatte ich es mit einem Kneipengänger aus unserer Eckkneipe zu tun, der nach dreihundert Metern Fußmarsch das Bedürfnis hatte, sich seiner vollen Blase zu entledigen. Als es wieder raschelte, wartete ich einige Sekunden, um den Täter auf frischer Tat zu erwischen. Als dieser loslegte, entleerte ich meinen Wassereimer gegen die Efeuwand. Der Unsichtbare fing an zu toben und versuchte, die Efeuzweige auseinander zu biegen, um in das Innere des Grundstückes schauen zu können. Bevor ich entdeckt wurde, war ich verschwunden.
Obwohl ich eigentlich ein versierter Kraftfahrer war, warf ich mir vor, ich sei zu doof ein Fahrzeug zu lenken. Nach einigen Tagen legten sich meine Depressionen, aber mein dumpfer Schmerz in der linken Seite blieb. Mein PKW war natürlich Schrott. Für das demolierte Fahrzeug fand ich einen einigermaßen seriösen Käufer, der außer der Fahrzeugkarosse beinahe alle Teile verwenden konnte. Meine Versicherung entschädigte mich halbwegs günstig. Natürlich musste ich im Rahmen des Kaskoschadens meine Selbstbeteiligung aus der eigenen Tasche finanzieren. Nach anderthalb Wochen war ich wieder motorisiert. Für diese Zeit hatte ich mich bei Hasan abgemeldet. Dann habe ich den Versuch unternommen, Irma vom Tatbestand höherer Gewalt zu überzeugen, die mich zum Fußgänger degradiert hatte. Eine meiner ersten Amtshandlungen war der Gang zu ihr. Weil sie eine Frau war, bildete ich mir ein, in ihrer Schuld zu stehen – gleichgültig aus welchem Grund! Als ich an ihrer Wohnungstür läutete, öffnete Irma die Tür einen winzigen Spalt oder nur soviel, was die Sicherungskette hergab. Irma dachte gar nicht daran, die Kette zu lösen. Sie glotzte mir einige Minuten ins Gesicht, als sei ich vom Mond gefallen. Dabei verzog sie keine Mine. Diese Zeit kam mir wie eine Ewigkeit vor. So kannte ich Irma nicht. Ich war der Meinung, dass sie in den letzten 24 Stunden eine günstigere Partie gemacht haben muss, als es mit mir der Fall gewesen wäre. Nur so konnte ich mir ihren Sinneswandel erklären. Im Übrigen verschob sich meine Berlinfahrt höchstens um acht bis neun Tage und darin sah ich für Irma keinen Grund, vor mir zu kapitulieren. Am liebsten hätte ich gegen ihre Tür getreten. Ich tröstete mich jedoch damit, dass sie als Frau nicht unbedingt der Renner war. Aus ihrer Wohnung quoll Zigarettenrauch. Möglicherweise hatte sie Besuch, der rauchte. Ursprünglich wollte Irma mit diesem Laster brechen. Ich tröstete mich damit, dass sie es nicht geschafft hat. Und weil mich wieder der dumpfe Schmerz in der linken Seite plagte, ließ ich gedanklich von ihr ab.
Molotow-Cocktails sind ungenießbar
Ich bin während des Neuerwerbs eines PKW auf einen Opel-Kadett Karavan umgestiegen. Erstens war dieses Fahrzeug sehr preiswert und zweitens konnte ich damit sogar einen Schreibsekretär transportieren. Nachteilig waren natürlich die sechzig Pferdestärken unter der Motorhaube, die mein Gefährt ziemlich lahm machten. Erst nach ca. fünf Minuten Fahrt erreichte man damit um die einhundertsechzig Stundenkilometer. Immerhin – im Notfall konnte ich darin in ausgestreckter Lage übernachten! Das war so aber nicht vorgesehen, denn Hasan bot mir Logis in seinem Kreuzberger Wohndomizil an. Allerdings war dieses Mal ein ganz brutaler Nachtflohmarkt angesagt. Für mich waren Nachtschichten schon früher der blanke Wahnsinn. Vielleicht sollte ich einen Nachtflohmarkt auch nicht mit einer Nachtschicht vergleichen, in der man produktive Arbeit zu leisten hatte. Wie geplant – ich startete also Sonnabend früh gegen Acht, um meine Reise nach Berlin anzutreten – ohne Irma! Alles was an Kleinkram während meines Unfalls unbeschädigt blieb, nahm ich natürlich mit. Als ich in Kreuzberg eintraf, wurde mir ein jubelnder Empfang bereitet. Dabei ging es nicht etwa nur um meine Person, sondern mehr um die noch fehlende Arbeitskraft für das Verladen und Abtransportieren notwendigen Flohmarktinventars. Wir luden eine Unmenge Tapeziertafeln und Tische auf einen LKW. Dann folgten Mikrowellen und Kaffeemaschinen, sowie Besteck und Geschirr. Anschließend donnerten wir rüber nach Neukölln und entluden den LKW. Für solche nächtlichen Unternehmen diente eine Großmarkthalle, die sonst ungenutzt war. Gegen Mittag waren alle Vorbereitungen für den Verkauf abgeschlossen. Hasan lud mich danach zum Mittagessen ein. Es gab tatsächlich auch das so genannte Izgara-Köfte, also die Hackfleischbällchen mit Kartoffeln und Tomatensoße. In diese Tomatensoße schmiss Hasans Frau mindestens einen Pfefferoni und ließ das Ganze ziehen. Anschließend gab es eine Art Pflaumenwein, den ich wegen eventueller Verkehrskontrollen sicherheitshalber ablehnte. Hasan meinte, man müsse nur zügig durch den Straßenverkehr rollen, um wegen zu vorsichtiger Fahrweise nicht aufzufallen. Darin lag irgendwie Logik, denn unser übernächster Nachbar Leichsenring wurde wegen übertriebener Fahrakkuratesse aus dem Leipziger Stadtverkehr gegriffen. Es stellte sich heraus, dass er nicht mehr in der Lage war, einen Schritt vor den anderen zu setzten. Komisch, mit seinem PKW fand er sich im Stadtverkehr noch einigermaßen zurecht. Jedenfalls blieb ich dabei, keinen Schluck dieses Gesöffes zu mir zu nehmen, vor allem deshalb, weil mir mein letztes PKW-Desaster immer noch im Kopf rumorte.
Der Flohmarktbetrieb lief schon gegen Abend auf Hochtouren. Einer meiner Tapeziertische war schon abgeräumt. Besonderes Augenmerk legten die Kunden auf meine Bierkruggalerie aus Steinzeug und Glas. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich die Nacht hindurch über Wasser halten sollte, nicht wegen der Kondition die man ja durchweg benötigte, sondern wegen der Ware, die zusehends knapper und knapper wurde. Das Geschäft lief eben gut. Gott sei Dank hatte ich einige hochwertigere Artikel »am Mann« von denen man sagen könnte, es seien Kunstgegenstände. Mit schnellem Geld war da nichts. Ab 19 Uhr fühlte ich mich auf dem Markt wie in einem Ameisenhaufen – eine Kundenlawine hatte sich breitgemacht. Sie bestand mehr aus neugierigen Gaffern und weniger aus Käufern. Aus diesem Grund florierte das Geschäft in zunehmendem Maße schlechter. Man hätte aus dem Nachtflohmarkt durchaus einen »Spät am Abend-Flohmarkt« zaubern können, aber vorprogrammiert war eben die Zeit bis fünf Uhr morgens. Für diese Zeit war auch die Standgebühr entrichtet. Als stille Reserve kramte ich einige Einzelteile Meissner Porzellans aus der Verpackung und stellte einige schöne Böhmische Gläser dazwischen. Schon war meine kleine, mobile Galerie ein guter Blickfang. Peu á peu machten sich Interessenten breit, aber nur weil ich in preislicher Hinsicht für jedes einzelne Stück Konzession machte. Ich hatte dabei natürlich Nervenstärke zu beweisen. Trotz meines Verbotsplakates -BITTE NICHTS BERÜHREN!-, grapschten die Kunden jedes Stück an und drehten es um die eigen Achse. Dabei hatte ich große Ängste davor, dass dem einen oder anderen Kunden ein Teil aus den Fingern gleiten könnte. Alteingesessene Händler etablierten sich eben professionell mit Ladeneinrichtungen, wie z.B. Vitrinen und ähnlichem Inventar auf den Flohmärkten und beugten somit auch der Gefahr des Diebstahls vor. Bis gegen 23.00 Uhr abends waren die meisten Artikel verkauft. Danach begann eine dreieinhalbstündige Ruhepause. Während dieser Zeit schlichen gähnende Gestalten zwischen den Flohmarkttischen herum. Auch ich schlief, auf meinem Stuhl sitzend, immer wieder ein. Während dieser Kurzschlafphasen vermutete ich ständig, dass mir jemand in die Tasche grapschen wollte. Einmal bin ich aufgeschreckt worden und beinahe vom Stuhl gefallen. Um wach zu bleiben, füllte ich mir einen Pott starken Kaffees ein. Gegen 2.30 Uhr morgens aßen wir Abendbrot – so jedenfalls nannte es Hasans Frau, die wieder ihre Fritteuse kontrollierte und dann Pommes in das siedende Fett schüttete. Dazu gab es die geschmorten Hackfleischbällchen als Rest vom Mittag, einschließlich der Tomatensoße. Alles war noch reichlich vorhanden. Plötzlich war in nächster Umgebung ein Rumsen und Rattern zu vernehmen, als hätten wir Silvester. Dieses Geräusch wurde von lauter und lauter werdendem Gegröle begleitet. Neben mir stand ein Händler aus Wittenberg, der beunruhigt dreinschaute. »Es hat vor vier Wochen eine Straßenschlacht mit der Polente gegeben!«, informierte er mich. »Aber wir sind doch unpolitisch!«, habe ich geantwortet. »Zum Schluss wurde alles niedergewalzt, was noch nicht lag – unabhängig von der Gesinnung!«, entgegnete der Wittenberger. Von weitem hörte man jetzt ein Martinshorn. Das Flimmern des Blaulichtes war am Abendhimmel deutlich zu erkennen. Das Schreien und Grölen kam näher und näher, ebenso das Gerumse und Geratter. Hasan und seine Leute horchten auf. Sie begannen plötzlich mit dem Abräumen der Waren von den Tischen und forderten auch mich auf, das Gleiche zu tun, denn es sei doch schade, wenn alles demoliert würde. Auch der Wittenberger ramschte all sein Utensil zusammen und stopfte es in eine Reisetasche. »Die Luft brennt wieder mal!«, rief Hasan. Eine Minute später platzierte sich von außen eine vermummte Gestalt mit einer Kette bewaffnet in der etwa dreißig Meter von uns entfernten Schlupftür des Stahltores. »Der ist noch so gut wie ungefährlich, wartet auf Verstärkung!«, rief mir Hasan zu und zeigte auf den Herrn mit Vermummung und Kette. Ich war der Meinung, dass Hasan ihn kannte. Von insgesamt einhundertfünfzig Flohmarktständen waren dreißig von Hasans Leuten besetzt und der Einunddreißigste gehörte mir. Ich begann also meine bessere Ware akkurat in Zeitung zu verpacken. Für den Rest war alles zu spät. Inzwischen drängten sich fünf Vermummte durch die Schlupftür und versuchten jetzt, das Haupttor zu entriegeln. Somit verbesserten sie natürlich ihre Angriffsstrategie bei weitem. Die Hälfte dieser Leute war mit Baseballschlägern bewaffnet. In meiner Naivität glaubte ich, sie hätten sich verirrt. Dann war es heraus: Unsere Markstände waren von Hasans Feinden, bzw. einer Gang von etwa zwanzig Leuten umgeben. Sie standen einer personell doppelten, aber unbewaffneten Übermacht gegenüber. Fünf Meter von mir entfernt glotzte mich einer dieser Leute an. In der rechten Hand hielt er eine Kette, die nach meinem dafürhalten zu kurz war, um mich oder meinen Tapeziertisch zu erreichen. Ich sah die Augen desjenigen deutlich hinter den stoffenen Gucklöchern leuchten. Ich erhob die rechte Hand zum Gruß – ich grüßte also, weil ich der Meinung war, es gehörte sich eben. Natürlich wurde meine Geste nicht erwidert. Ich verstand die Welt nicht mehr, war ich doch ein unbescholtener und armseliger Flohmarkter, der von gestern zu heute ein wenig mehr als das Salz in die Suppe verdient hatte. Außerdem rechnete ich die Nachtstunden nicht mit, in denen ich mir die Beine in den Hintern stand und nicht die Stunden Fahrt über glitschnasse Bundesstraßen und Autobahnen ins schöne Kreuzberg. Der Typ mit der Kette rückte auf. Ich war der Meinung, es geschah in Kettenlänge zu mir und meinem Tisch. Ich versuchte schnell den letzten Rest Porzellan und Glas vom Tisch zu räumen, als der Kettenakrobat sein Werkzeug mit äußerster Kraft in meine Richtung schwang. Dabei verfehlte er meine Tischkante nur knapp. Er startete seine Attacke von neuem. Durch seine anfängliche Kraftanstrengung hatte sich der Randalierer wohl verausgabt. Er war ein Hänfling und fühlte sich wohl nur in der Masse stark. Er schleuderte die Kette nun mit verminderter Kraft erneut zu mir rüber. Ich sah das Kettenende auf mich zu fliegen und bekam es zu fassen. Da sich mein Widersacher an der Kette festhielt, gelang es mir, ihn in meine Richtung zu ziehen. Wenn es mir gelänge, ihn bis in Armlänge an mich heran zu bekommen, würde ich ihm ins Gesicht schlagen. Es gelang mir allerdings nicht, denn der Typ lies die Kette los und wich mehrere Schritte zurück. Dabei sah er sich hilfesuchend nach seinen Mitstreitern um, die natürlich sofort präsent waren. Nun stand ich fünf Leuten gegenüber, in den Händen das andere Ende der Kette. Für Außenstehende erweckte ich den Eindruck, als sei ich ein Mitglied dieser Gang. Hasan kam mir mit einigen seiner Leute zu Hilfe. Sie waren mit Besen und Stöcken bewaffnet und stellten mit dieser Ausrüstung natürlich keine Streitmacht dar, allerdings waren sie mit mir in personeller Hinsicht überlegen. Schon krachte mein Tapeziertisch in sich zusammen, weil sich einer der Randalierer auf ihn warf. Meine restlichen Habseligkeiten, bestehend aus verschiedenen Markenporzellanen und altem Glas, lagen zerschmettert auf dem Hallenfußboden. Das Motiv des zerstörerischen Überfalls war mir völlig unklar. Zunächst war es eine Schlacht gegen das Flohmarktinventar. Dann entwickelte sich daraus ein Krieg, den Hasans Landsleute gegen ihn selbst vom Zaun brachen und ich war mitten drin! Welche Zwistigkeiten da ausgestritten werden sollten, habe ich nie erfahren. Inzwischen eskalierte die Gewalt. Die Vermummten schlugen mit Baseballschlägern auf die Stände der türkischen Flohmarkter ein und erwischten aus Versehen auch Tische völlig unbeteiligter Händler aus Sachsen und Thüringen. Jetzt verteidigten alle Händler ihre Warenstände – die Türken hatten mit den Sachsen und Thüringern einen Komplott geschmiedet. Im Ergebnis dessen standen fünfundzwanzig Randalierer etwa fünfzig Flohmarkthändlern gegenüber. Dabei ging fast das gesamte Marktinventar zu Bruch. Die Flohmarkter schlugen mit allem, was sie in die Hand bekamen auf die Randalierer ein. Inzwischen hatte ich meinen Kettenakrobaten an die Kandare bekommen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Hallenwand. Danach ging er zu Boden, aber kurz darauf war er schon wieder auf den Beinen. Ich riss ihm die Vermummung vom Gesicht – schwarzgelocktes Haar rollte zur Erde – er war eine Sie. »Gaffst’n so?!«, berlinerte die junge Türkin und mühte sich redlich, mir eine rein zu hauen. Dabei hatte sie beinahe das Gleichgewicht verloren. Als ich ihr unter die Arme greifen wollte, wehrte sie ab. Ich versuchte, hinter den Grund dieser Gewaltoffensive zu kommen. Die Türkin steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Ich glaubte erst, sie wollte mir Rede und Antwort stehen. Was durch ihre Zähne zischte klang türkisch, dann aber sprach sie deutsch und gab mir zu verstehen, dass ganz Kreuzberg Rochus auf Abdullah hätte. Dann meinte sie, ich sei als Unbeteiligter einfach nur vom Pech verfolgt worden und ich sollte doch verduften, bevor es zu spät sei. Inzwischen war das Stahltor der Fabrikhalle entriegelt, doch die Händler kreisten die Randalierer ein, drängten sie vom Ausgang weg und schlugen sie windelweich. Von außen ins Halleninnere bewegte sich plötzlich ein Jeep, der mit vier Leuten besetzt war. Drei von ihnen sprangen vom Fahrzeug und warfen Brandflaschen gegen die innere Hallenwand, an der noch über fünfzig Stände gruppiert waren. Diese Wurfgeschosse waren so genannte Molotow-Cocktails, wohl nicht wie üblich präpariert mit Phosphor und Benzin, sondern mit einer langsam brennenden Flüssigkeit, die nach Terpentin stank und mittels Zünder in Brand gesetzt wurde. Sie rann von den Wänden, dann brannte sie plötzlich und ergoss sich unter die Marktstände. Alles was brennbar war, brannte. Die Händler ließen jetzt von den Angreifern ab und versuchten die Feuer zu löschen. Das misslang, denn die brennende Flüssigkeit hatte sich auf dem Hallenboden ausgebreitet. Feuerlöscher wurden von den Wänden gerissen, aber sie konnten gegen das Flammeninferno nur wenig ausrichten. Hassans Bretterverschlag mit Dönerspieß und Tresen brannte lichterloh, doch wichtiges Inventar hatte er in letzter Minute gerettet. Ich selbst hatte mein Bargeld am Mann. Glücklicherweise hatte ich mehr als zwei Drittel meiner Ware noch vor dem Überfall verkauft. Die Fabrikhalle war von dichtem Rauch durchdrungen. Meine Reisetasche mit dem restlichen Kleinkram habe ich nicht wiedergefunden. Mich schmerzte der Verlust der so mühevoll zusammengetragenen Einzelteile Thüringer und Meissner Porzellans. Mit großer Mühe tastete ich mich zum Hallenausgang. Dabei orientierte ich mich nach dem kühlen Luftzug, der nach innen strömte. Die Rangeleien gingen auf dem Hallenvorplatz weiter. Inzwischen war eine Hundertschaft Polizei angerückt, fast zeitgleich war die Feuerwehr präsent. Als die Feuerwehrleute die Schlauchhaspeln an den Tanklöschfahrzeugen klarmachten, um zum Löschangriff zu stürmen, versuchten die Randalierer, auch sie zu attackieren. Die Feuerwehrleute ließen Brand Brand sein und richteten ihre Strahlrohre mit großer Wirkung gegen die Angreifer.
Die Alarmierung von Polizei und Feuerwehr erfolgte viel zu spät. Ich hatte die Nase gestrichen voll. Rauch biss im Hals und Husten quälte mich. Ich hatte nichts Eiligeres zu tun, als mich in meinen PKW zu setzen und abzudampfen, als zwei Baseballschläger von außen durch die Windschutzscheibe krachten. Glassplitter schossen in mein Gesicht. Ich kannte diesen stechenden Schmerz von meinem Autounfall her, aber dieses Mal war es nicht ganz so schlimm.
Die beiden Übeltäter liefen der Polente förmlich in die Arme. Die im Abseits stehende grüne Minna, die für deren Abtransport bestimmt war, ging in Flammen auf – die brennende Flüssigkeit einer Brandflasche deckte das Fahrzeug vollkommen zu. Kurz danach brannten auch die Reifen des Polizeifahrzeuges. Es zischte und krachte. Die Polizisten ließen von ihren Gefangenen trotzdem nicht ab. Sie drückten sie zu Boden und rissen ihnen die Vertarnungen vom Haupt. Die Feuerwehr brachte inzwischen den Hallenbrand unter Kontrolle. Einige Rettungswagen waren vor Ort und Sanitäter brachten Verletzte in ihre Obhut. Dann war die Reihe an mir. Letzten Endes wehrte ich ab, obwohl ich an einer Rauchvergiftung litt. Dann versuchte ich, Hasan aufzuspüren – vergebens! Wenigstens gelang es mir vor Ort, eine Schadensmeldung betreffs meiner demolierten Windschutzscheibe bei der Polente los zu werden, dann begab ich mich gegen den Widerstand von Polizei und Feuerwehr in die von Rauch und Wasserdampf durchsetzte Markthalle. Da fand ich Hasan beim Aufräumen zwischen seinem verkohlten Flohmarktgerümpel. »Unkraut vergeht nicht!«, meinte er. Sein Gesicht war schwarz wie das eines Negers. Seine weißen Zähne blitzten und die Augen leuchteten. »Denen haben wir es gegeben!«, meinte er. Sein Gesicht hatte einige Schrammen abbekommen. Auf Grund einer Augenbrauenverletzung und der dadurch hervorgerufenen Blutung war Hasan auf einer Seite ziemlich verunstaltet. Ich fragte mich, wer mehr abbekam als er selbst und wem er es gegeben haben will. Hasan hatte sich übrigens mit einem seiner Landsleute, einem Immobilienhai, angelegt. Das Vorkommnis von heute war also die Quittung dafür. Unbeteiligte mussten den Zoff ausbaden. Die meisten Auftragsrandalierer waren verschwunden wie sie kamen – der Effekt des Polizeieinsatzes war gleich Null. Vier oder fünf Verhaftungen sind es wohl geworden und diejenigen, die man der Justiz zuführte, waren halbe Kinder. Hasan sah auf seine Armbanduhr. Das Zifferblatt war vom Rauch geschwärzt, sodass man nicht einmal die Uhrzeiger erkennen konnte. Hasan wischte den Ruß mit dem linken Jackenärmel herunter und erinnerte mich ganz beiläufig daran, dass es heute Morgen gegen Acht Frühstück geben würde. Langsam ebbten die Unruhen ab und inzwischen war es sieben Uhr. Ich stieg ins Auto und fuhr im Radfahrertempo ohne Frontscheibe in die Kreuzberger Gneisenaustraße. Trotzdem trieb mir der Fahrtwind Tränen aus den Augen. Hasan hatte die Scheibenerneuerung meines Opels längst in die Wege geleitet. Mein Ansturm von Begeisterung hielt sich jedoch in Grenzen, weil ich nicht herausbekam, wen er sich da zum Kontrahenten oder besser gesagt, zum Feind machte. Am liebsten hätte ich meinen Kontakt zu Hasan Abdullah abgebrochen, aber der Bandenkrieg zwischen ihm und seinen Widersachern war rein persönlicher Art – soviel habe ich jedenfalls herausbekommen. Letzten Endes war ich froh darüber, dass mein Scheibenproblem ohne Polizei und Versicherung geklärt war. Am späten Nachmittag war meine neue Frontscheibe montiert. Im Anschluss an diesen handwerklichen Eingriff goss der Handwerksmeister zwei Eimer Wasser dagegen – die Scheibe war dicht! Alles geschah auf Kosten Hasans, weil er meinte, er stünde in meiner Schuld.
Ich düste wieder nach Neukölln zurück, um meiner Reisetasche habhaft zu werden. Als ich die Markthalle betrat, war man gerade dabei, den Hallenfußboden zu reinigen. Draußen auf dem Vorplatz lag meine zerschlissene, halb verkohlte Reisetasche. Darin polterten die Bruchstücke meiner zertrampelten, einst so wertvollen Porzellan- und Glasteile. Um die Werkhalle herum sah es wie nach einem Bombenangriff aus. Das Gebäude innen ähnelte einer Räucherkammer. Da tauchte Hasan wieder auf. Ein breites Pflaster überdeckte seine linke Augenbraue. »In vierzehn Tagen sind wir wieder in Tiergarten – bist mit von der Partie, nicht?«, sagte er und gab mir zu verstehen, dass er sich mit seinem Widersacher und Attentäter gütlich geeinigt habe und sich ein derartiges Vorkommnisse, d.h., einen stinknormalen Flohmarkt zu sabotieren, keinesfalls wiederholen würde. »Wer‘s glaubt, wird selig!«, murmelte ich vor mich hin, doch Hasan hat mein Veto nicht mitbekommen.