Vom Regen ins Ungewisse

Ich hatte noch einen Trumpf in der Tasche. Es bestand die Möglichkeit, in einem neu eröffneten Restaurant des Leipziger Hauptbahnhofes die Tätigkeit eines Aushilfskellners zu übernehmen. Dieses Lokal befand sich im Mittelgang von der Ost- zur Westhalle und nannte sich ursprünglich »Flotte Achse«. Weil die Inhaberin, Ella Pallhuber, diesen Namen albern fand, taufte sie diese Gaststätte in »Bahnhofsstübchen« um. Das klang zwar nicht so salopp, dennoch war diese gastronomische Einrichtung mehr ein Nullachtfünfzehndomizil für gestresste Bahn-Kunden. Dort stellte ich mich gleich am nächsten Tag vor. Die Inhaberin war eine schmalhüftige, damenbärtige Frau mit breitem Oberkörper, großem Busen und knallig geschminkten Lippen. Im Nacken trug sie zwar einen Pferdeschwanz, doch männliche Merkmale dominierten trotzdem. Sie hatte die Arme verschränkt und wirkte wie ein Rausschmeißer. Ich versuchte, freundlich zu lächeln, doch daraus wurde ein verlegenes Grinsen – ich gefiel mir selbst nicht! Dabei hatte ich das Gefühl, ich sei vom Regen in die Traufe gekommen. Vorsichtshalber hatte ich mich mit zwei blankgewienerten Paar Schuhen ausgerüstet, eins für den Innendienst und eins für die Straße. Der Pallhuber war es absolut wurst, mit welchen Klamotten meine Füße dekoriert waren – wenigstens war ich diese Sorge los. »Für die Eintachsfliegen in meiner Kaschemme sind Ihre Bodden gut genug!«, sagte sie sehr leise. Mit ,Eintagsfliegen‘ betitelte sie die Reisenden, die eben keine Stammgäste waren und nur ihre »Gastrolle« spielten, quasie auf Nimmerwiedersehen und mit »Bodden« waren meine Schuhe gemeint. Allerdings monierte sie meine Oberbekleidung, die vor Arbeitsantritt durch ein dunkel-neutrales Jackett ersetzt werden müsste. Da Frau Pallhuber ihre eigene gastronomische Einrichtung Kaschemme nannte, verlor ich alle Hemmungen. Außerdem schien der Feldwebelin Pallhuber meine Visage in den Kram zu passen, im Gegensatz zu Wackernagels Angriff auf meine Anatomie. Das stimmte mich einigermaßen zufrieden. Wiederum erkannte Frau Pallhuber meine bisherige Tätigkeit als Beikoch nicht an und meinte, beikochen und kochen seien überhaupt zweierlei Dinge und das Kundenbedienen hätte schon gar nichts damit zu tun. Außerdem war sie der Meinung, dass es mir jetzt dreckiger ginge, als vorher, weil ich nun den elenden Tabakqualm der Gäste inhalieren müsste. Es sei überhaupt eine Schweinerei, wenn die Gäste während der Mittagszeit rauchten wie die Stadtsoldaten, doch ein Rauchverbot würde einem guten Umsatz abtrünnig. Aus diesem Grund ließ Frau Pallhuber das erst kürzlich entworfene Pappschild mit der Aufschrift: Rauchen zwischen 11 und 13 Uhr verboten! wieder verschwinden. Trotzdem schimpfte sie wie ein Rohrspatz auf die Raucher. Darauf brannte sie sich ein pechschwarzes, überlanges Zigarillo an und blies die erste Rauchwolke dicht an meinem Kopf vorbei. Dann führte sie mich durch die Gaststube. Währenddessen trat sie wahlweise gegen die Stuhlbeine, sodass die Stühle einigermaßen in Reihe und Glied standen. Es sah aus, als befände sich die Pallhuber auf einem Kickboxring. Nebenbei wirbelte sie mit einer Serviette Aschenkrümel von den Tischdecken. Sie riet mir, ich solle die Tische nummerieren und die Speisen den Tischnummern zuordnen. Das sei für mich als Anfänger notwendig, um die Speisen ohne unnötige Umwege an die richtigen Tische befördern zu können. Und das blöde Gefrage vom Kellner, ob das jeweilige Schnitzel z.B. an die Sieben kommen soll, obwohl es zur Fünf gehört, sei für Kunden, die keine Zeit haben lästig, doch für manche ein gefundenes Fressen, im wahrsten Sinn des Wortes! Der »falsche« Gast, der eigentlich fünfundvierzig Minuten auf Gebratenes warten müsse und einen ,schnellen Griesbrei’ bestellt habe, grapschte sofort zu, weil ihm eingefallen ist, dass so etwas nichts für Männer ist. Sie war mit ihrer Standpauke noch nicht fertig: »Dann erzählt er Ihn’ ooch noch, dass sein Zuch jeden Moment aus ‘m Bahnhof rollt un dor Kampf der Tischnummer 5 um‘s bestellte Gericht entbrennt!« Ich verbiss mir das Lachen. Frau Pallhuber hatte natürlich Recht! Jetzt angelte sie mit dem rechten Fuß zwei Stühle unterm Stammtisch vor und bat mich, Platz zu nehmen. Dann jagte sie mich schon wieder vom Stuhl und befahl mir meine erste Amtshandlung, nämlich in der Küche zwei Tassen Kaffee und zwei doppelte Braune in Auftrag zu geben, wozu sie mich einlud. Ich servierte den Kaffee und die Schnäpse so geschickt ich konnte. Frau Pallhuber sagte nichts und goss den Braunen in ihren Kaffee. Ich lehnte dieses Gemisch ab und trank den Schnaps pur. Dann kam für mich die Hiobsbotschaft: Geplant war eine Rekonstruktion im Inneren des Bahnhofes seitens der Bundesbahn. Der genaue Termin stand noch in den Sternen. Frau Pallhuber war also nur die Pächterin des Ganzen.

Es war inzwischen 21.30 Uhr, als zwei angesäuselte Gestalten das Lokal betraten. Die schmiss die Chefin schneller hinaus, als sie hereingekommen waren. »Also, dafor sin Se ooch noch zuständich, hättsch bald vergessen!«, sagte sie. Der Gaststättenbetrieb war trotz der fortgeschrittenen Zeit gerade angelaufen. Anfangs hielt ich mich mehr im Hintergrund auf. Eigentlich müsste die Arbeit zu schaffen sein, sagte ich mir, weil sich im Gastraum nur neun Tische befanden. Dann wiederum war ich skeptisch, weil an den Tischen jeweils sechs Stühle standen und so exklusiv sind nun mal Bahnhofskneipen nicht, als dass sich nicht auch sieben Gäste ungeniert einen siebenten Stuhl besorgten, um sich um einen Sechsertisch zu pflanzen. Im Extremfall müsste ich mit 54 Gästen rechnen, meinte sie. Ich wagte nicht daran zu denken, was passieren würde, falls 54 Gäste 54 Gerichte bestellten. Außergewöhnlich für eine Lokalität mit Imbisscharakter war die vorhandene Speisekarte mit mehr als vierzig Gerichten.

Ich ging laut Anweisung der Chefin erst einmal mit Bockwurst-Salat oder Brot und Getränken ins Rennen. Beim Balancieren des Getränketabletts stellte ich mich so doof an, dass mir erst einmal zwei gefüllte 0,33 er Biergläser umkippten. »Alles was Se heite noch verkippen, müssen Se nach Feierabend nachsaufen!«, war die Pallhuber’sche Reaktion. Ich glaubte, ich hatte mich verhört. Wackernagel hätte mir sofort eine Abmahnung an den Hals geknallt und den Schaden glatt vom Lohn abgezogen. Künftig marschierte ich mit weniger gefüllten Gläsern durch die Tischreihen und versuchte aber, mein Serviertempo zu beschleunigen. Dabei musste ich die Getränkegläser allerdings von oben mit einer Hand stabilisieren, was natürlich einen noch ungeschickteren Eindruck erweckte, als vorher. Ich war mit mir unzufrieden und übte klammheimlich und im Verborgenen erst einmal das Tragen des leeren Tabletts im Einklang zum Schritt. Dann setzte ich die Übung mit leeren Gläsern fort, bis ich die Statik heraus hatte.

Inzwischen waren einige Wochen vergangen. Ich fühlte mich manchmal wie ein Sklave unter einer Schar von Sklavenhaltern, die nur mit den Fingern schnipste, um mich in Bewegung zu versetzen. In Wahrheit war diese Ausbeuterschar doch eigentlich nur eine Menschenmasse, die von der Schnelllebigkeit der Zeit getrieben wurde. Einen Trost gab es für mich: Man konnte, wenn man nicht allzu stark gestresst wurde, seine Studien treiben und die Leute beobachten, die unruhig auf ihren vier Buchstaben herumrutschten. Manchmal glaubte ich, die Reisenden wollten die Bahnhofsuhr in Hypnose versetzen, um diese zum Stehen zu bringen. Dieses Menschtum reiste eben nur von dort nach da, aus unterschiedlichsten Gründen.

»Warum bin ich Kellner geworden?«, fragte ich mich oft. Natürlich gab es geregelte Öffnungszeiten für dieses Lokal, also von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends, doch mein Handikap war der bescheuerte Stammtisch-linksaußen, dort, wo die eigentlichen Initiatoren meiner Unzufriedenheit meist bis nach 23 Uhr auf ihren Stühlen klebten, vor sich hin brüteten und von ollen DDR-Kamellen klönten und dreckige Witze rissen. Obwohl es nur eine halbe Hand voll Stammtischkunden von der Straße waren, raubten sie mir den letzten Nerv. Und die Pallhuber duldete all das und nahm mich für diese kleinen Stammtischrunden stets in Anspruch, manchmal bis morgens gegen halb Drei. Um diese Zeit hatte ich einen unerbittlichen Kampf mit dem Schlaf zu führen. Der Haupteingang war um diese Zeit für die Öffentlichkeit geschlossen. Da ging es hintenherum durch den Seiteneingang.

Natürlich gab es auch lustige Momente. Z. B. bestellte ein Gast das Gericht Nr. 20. Das waren Spaghetti mit Tomatensauce. Dazu servierte ich ihm ein Bier. Er schien ein gebildeter Herr über die Fünfzig zu sein, der sich in Schale geworfen, an einen Tisch pflanzte. Dem hätte ich nie solch ein Gericht zugetraut. Mir selbst war es schon immer unsympathisch, obwohl ich das Spaghettiessen in Perfektion beherrschte. Vorsichtshalber empfahl ich mehrere Speisen, doch der Herr versteifte sich fest eben auf die No 20 und maßregelte mich auch noch, dass ich ihn unnötig aufhielte, zumal er an den Zug gebunden sei. Dann brachte ich ihm dieses Gericht. Der Gast versuchte, die langen, fadendünnen Nudeln einzeln auf die Gabel zu spießen. Dabei schaute er aller fünf Sekunden auf die Uhr und blickte schamvoll in die Runde, um zu prüfen, ob man ihn beobachten würde. Jetzt legte er die Gabel zur Seite und begann, mit einem Löffel zu arbeiten. Die Spaghetti rutschten immer wieder zurück auf den Teller. Dann versuchte der Gast, die Teigware mit dem Löffel zu zerhacken. Anschließend nahm er wieder die Gabel zur Hand und erwischte tatsächlich ein Spaghettibündel. Nun versuchte er, es zu überlisten um es in den Mund zu bekommen. Nach einer Weile war der Herr im ganzen Gesicht verfärbt wie ein zweijähriges Kind, das gerade essen lernt. Nun kam der Herr auf die Idee, sich eine Serviette viel zu spät in den bekleckerten Hemdkragen zu stopfen. Ich dachte beiläufig an eine wichtige Konferenz, zu der dieser, wie ich vermutete, akademisch gebildete Mensch vielleicht geladen sein könnte und daran, dass so aus seiner Teilnahme nichts würde. Dann wurde die Einfahrt des Zuges Leipzig-Köln gemeldet, in den der Gast gestiegen wäre, hätte ihm das Gericht Nr. 20 nicht die Abfahrtzeit vermasselt. Der Herr schmiss sein Besteck zur Seite, erhob sich vom Stuhl und startete auf mich einen lautstarken, mündlichen Angriff. Er machte mich dafür verantwortlich, dass er seinen Zug verpasst habe. Er warf mir vor, dass ich mich viel zu lange bei der Vorrede aufgehalten hätte, wo er doch eindeutig Spaghetti mit Tomatensauce verlangt habe und nichts weiter. Unter anderem beschuldigte er mich, dass die Speise kalt serviert worden sei. Da ich ungläubig dreinschaute, forderte mich der Gast sogar auf, die Temperatur zu prüfen, indem ich das Übriggebliebene kostete. Zwar war ich nicht mehr der blutige Anfänger, aber ich schaute verlegen in die Runde. Die Pallhuber kam mit ihren eisenbeschlagenen Pumps anmarschiert und gab mir Schützenhilfe. Dabei stemmte sie ihre Arme in die Seite und baute sich vor dem Herrn mit dem saucenbekleckertem Hemdkragen auf. »Noch‘n Wunsch?«, fragte sie, als sei nichts gewesen, »mir ham frischen Appelschtrutel am Larer!« Sie führte eine Art diplomatischen Gegenangriff auf hochsächsisch. Der Gast schaute auf die Gaststättenuhr, die synchron mit der Bahnhofsuhr lief. Frau Pallhuber tippte mit ihrem Zeigefinger auf das Zifferblatt ihrer Armbanduhr: »Meine Uhr steht ooch off sieben Minuten nach Einse, wie de Bahnhofsuhr! Dor nächste Zuch nach Göln fährt in zwee Stund‘n – hamm Se noch’n büsch’n Zeit!« Der Gast war perplex. »Odder möcht’n Se schonn zahl‘n?«, fragte Frau Pallhuber. Der Gast durchsuchte seine Taschen, um nach der Geldbörse zu suchen ohne Erfolg! »Hat‘s Ihnen nich geschmeckt?« fragte die Chefin nun, obwohl diese Frage in diesem Moment höchst unpassend war. Der Gast verdrosch sich förmlich, indem er sich von oben bis unten abklopfte, um nach seiner Börse zu suchen. Natürlich hatte ich keinen Zechpreller vor mir, darüber war ich mir im Klaren! »Ham Se‘n Ausweis dabei?«, fragte ich den Gast. Dieser bejahte. Jetzt lobte er sein bestelltes Gericht über den Klee, obwohl er kaum etwas in den Mund bekommen hatte und verwies besonders auf die angenehme Gastlichkeit im Bahnhofsstübchen. Und es gab außerdem das Prädikat »sehr gut« betreffs meiner Zuvorkommenheit. »‘S war’n besschen viel da oof dem Teller, war jut jemeint, natörlisch! Bei der Rückreise schaue ich wieder mal rein un bejleiche meine Schold, nech?«

Was Trinkgelder betraf, war ich immer ehrlich, denn ich legte das, was mancher Gast großzügigerweise fallen ließ, abends während der Abrechnung auf den Tresen. Ich erweckte Eindruck bei der Chefin, weil ich nie fragte, was damit würde. Sie schob mir immer drei bis vier DM zurück, so dass ich auf einen Zusatzverdienst von mindestens 120 DM pro Monat kam.

Am nächsten Morgen meldete sich Frau Pallhuber für fünf Tage ab. Sie versprach mir, eine Aushilfskraft beizustellen. Zum Schluss war es nur ein Barkeeper, der mir bei Hochkonjunktur unter die Arme greifen sollte. Wenigstens fielen die nervenzerrüttenden nächtlichen Saufrunden der Stammkunden flach, dafür hatte die Pallhuber für die Zeit während ihrer Abwesenheit gesorgt. Das fand ich sehr anständig.

Nun begann wieder mal eine Art Feuertaufe, weil ich eben für die Zeit der Abwesenheit der Chefin auf mich allein gestellt war. Das Leben in einer Bahnhofskneipe war schon immer schnelllebiger, als das in einem gewöhnlichen Restaurant. Und weil sich dieser blecherne Uhrzeiger stets in Bewegung befand, hielt er auch die Gäste stets im Trab und vermieste somit ihr Dasein. Das waren eben die Leute, die meine Chefin Eintagsfliegen nannte. Der Gaststätte war übrigens ein großes Warenlager angegliedert. Es beherrbergte allerlei Inventar, vom Koffer bis zum Regenschirm und vom Hund bis zur Angorakatze. Gott sei Dank war erstgenanntes Inventar tot, aber grauenvoll war es, wenn ein Tier vorsätzlich zurückgelassen wurde. Und weil gestern so etwas vorkam, baute ich einen heißen Draht zum Tierheim auf. Eigentlich hätte ich schon allein darüber ein Buch schreiben können, denn den Stoff dazu durfte ich life erleben.

Für das Gaststättengewerbe war ich viel zu sensibel. Die Pallhuber war in gewissem Sinn gerecht und verschonte mich mit Kündigungsdrohungen, wenn ich mal einem ungehörigen Gast die Meinung geigte. So war es vor kurzem, als sich ein krawattierter Gast ohne zu grüßen an unseren Stammtisch pflanzte. Ich machte diesbezüglich den Anfang und wünschte lautstark einen guten Tag – keine Reaktion! Der Gast schnipste mit den Fingern und verlangte die Speisekarte. Als ich sie brachte, fragte er nach einem Gericht ohne Wartezeiten. Ich schlug ihm ein Bauernfrühstück mit Salatgarnitur vor und dokumentierte, dass es da trotzdem eine Wartezeit gäbe, aber höchstens zehn Minuten. »Was geht ‘n schneller?«, wurde ich gefragt. »Diverse Suppen!«, antwortete ich. »Ach so«, ergänzte ich, »da hätten wir noch Zigeunergulasch mit Klößen, das könnte ich Ihnen sofort servieren!« »Bevor ich das aufgegessen habe, ist mein Zug abgefahren!«, antwortete der Gast. Ich fragte höflich, wann der betreffende Zug eintreffen würde. »Wenn das so weitergeht, verpasse ich wirklich meinen Zug, außerdem ist es völlig wurst, wann der Zug eintrifft – die Abfahrt ist wichtig!«, war die Antwort. Dann nahm mein Gast die Speisekarte in die Hand und schmiss sie zurück auf den Tisch. Ich hatte den Kanal wieder mal voll. »Bringen Sie mir ein Bier!«, so der Gast. »Sehr wohl!«, sagte ich. »Halt!«, befahl er mir wieder, »ich nehme doch ein Zigeunergulasch!« »Sehr wohl!«, sagte ich und bestellte dieses Gericht in der Küche. Dabei hoffte ich, meinen Gast endlich zufrieden gestellt zu haben. Dummerweise vergaß ich, das Besteck mitzubringen, während ich den Zigeunergulasch servierte. Der Gast fuhr vor Wut fast aus dem Anzug. »Soll ich mit den Fingern essen?«, keifte er. Alle anwesenden Gäste fixierten mich mit Blicken, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Im Hintergrund stand die Pallhuber und beobachtete jetzt das Treiben zwischen meinem Gast und mir. »Ich bringe Ihnen am besten einen großen Suppenlöffel!«, schlug ich vor, »dann sind Sie schneller fertig und bekommen vielleicht noch Ihren Zug!« Der Gast schaute mich wütend an. Ich spürte, dass er krampfhaft nach einer schlagkräftigen Retourkutsche suchte. Er klappte seinen Mund auf und schloss ihn wieder. Durch die Streitsucht dieses Gastes war viel Zeit vergangen. In der Zwischenzeit hätte ich locker drei ausgewachsene Gäste bedienen können. Ich stand nun neben dem Tisch, an welchem mein Gast saß. »Ich nehme den Zigeunergulasch wieder mit, denn inzwischen ist er kalt geworden – ich stell ihn kurz in die Mikrowelle, nicht?«, sagte ich, schnappte den Teller und tat es. Die Mikrowelle stand auf null, da blieb sie auch. Ich begab mich wieder an den Tisch dieses unangenehmen Gastes. Das Bier war bereits gezapft. Ich erinnerte den Gast daran, dass er es gerade bestellt hatte. »Sie müssen zum Zug?!«, fragte ich. In meinem Unterton ließ ich die Aufforderung mitschwingen, dass es an der Zeit sei, das Revier zu räumen. »Sie können, wenn Sie möchten, gleich bezahlen, da haben wir einen Aufwasch – macht einsfuffzich!«, sagte ich. Der Gast scharrte eine Menge Kleingeld in seinem Portemonnaie zusammen. Dann kippte er es um und die Münzen rollten kreuz und quer über den Tisch. Der Gast grinste und war mit seinem Racheakt zufrieden. »Recht vielen Dank, mein Herr!«, heuchelte ich. Es waren Zehner, Fünfer und Pfennige. Die Einsfünfzig für das 0,33er Bier kam tatsächlich zusammen – mit einem Pfennig Überschuss. Ich ging zum Tresen. Den überschüssigen Pfennig warf ich ins Bier. Ich wartete, bis er durch den Schaum hindurch zu Boden gesunken war. Ich brachte das Bier und stellte es so kräftig auf den Tisch, dass eine Bierfontäne nach oben schoss. »Verdammt noch mal! Hier liegt ein Pfennig im Bierglas!« – der Gast tobte. »Wissen Sie«, sagte ich, »Trinkgelder in dieser Höhe dürfen wir leider nicht übernehmen! Ich wollte den Pfennig erst auf den Bierdeckelrand legen, aber der ist so glitschig ... ich meine, wenn Sie den Pfennig herausnehmen wollen ... Soll ich etwas abtrinken?« Ich hatte die Einsfünfzig längst in der Faust, um sie meinem Gast zurückzuzahlen, aber dieser verschwand in Windeseile aus dem Lokal.

Wie gesagt, während der Mittagszeit, also zwischen 11.30 und 13.30 war das Rauchen unerwünscht. Ein korpulenter Gast mit einer dicken Zigarre im Mund betrat das Lokal. Rechts und links trug er je einen Koffer. Ich platzierte ihn gleich seitlich neben der Eingangstür. Der Herr stellte die Koffer ab und nahm Platz. Die Zigarre blieb im Mund. Der Gast qualmte und stank vor sich hin. Auf den Tischen standen um diese Zeit auch keine Aschenbecher, doch der Herr schien diese Tatsache zu ignorieren. Weil sich im Moment nur zwei Gäste im Restaurant befanden, die schon im Begriff waren, ihre Tische zu verlassen, ließ ich Gnade vor Recht ergehen und stellte dem Herrn einen Aschenbecher auf den Tisch. Dann brachte ich ihm die Speisekarte und legte sie ihm aufgeschlagen vor die Nase. Unwirsch schlug der Gast gleich ein ganzes Bündel Seiten um, weil ihm die Getränke vermutlich interessanter erschienen. Er sprach kein Wort und tippte mit seinem Wurstfinger auf Reudnitzer Bier und Korn. Ich begab mich zum Zapfhahn und gab beides in Auftrag. Mit Schrecken stellte ich fest, dass ich plötzlich Erdinger Weißbier im Glas hatte – der Mann am Bierhahn hatte sich also vertan. Dieses Getränk war natürlich nicht jedermanns Sache. Ohne mit der Wimper zu zucken stellte ich dieses Getränk nebst doppeltem Korn auf den Tisch. Diesen Weg hätte ich mir sparen können. Der Gast monierte und verlangte ein Reudnitzer. Ich brachte es, dann bemängelt er, dass unter dem Eichstrich einige Millimeter Bier fehlten. Ich nahm das Glas wieder zurück und ließ am Ausschank den Flüssigkeitsstand korrigieren und zwar so, dass das Bier beim Abstellen auf den Bierdeckel über den Glasrand schwappte. Was da der Gast schon wieder in seinen Bart murmelte, hatte ich gar nicht erst registriert. Zwischen seinen Lippen klebte immer noch der kalte Rest seiner Zigarre. Ungehalten fuhr er mit dem Zeigefinger über die Tagesgerichte. Ich empfahl das Schweizer Sahneschnitzel und die Rindsrouladen und dann Gerichte für Zuggäste, die es besonders eilig hatten. Der Gast blieb mit seinem Finger auf der Rindsroulade stehen, um sich für dieses Gericht zu entscheiden. Wenig später nahm er diese Bestellung zurück und legte sich für das Schweizer Sahneschnitzel fest. Es dauerte nicht lange und der Herr mit seiner kalten Zigarre sprang auf Seehechtfilet über. Langsam hatte ich den Kanal voll und verwies auf eine Panne mit dem Fischlieferanten um zu begründen, dass dieses Gericht im Moment nicht vorrätig sei. Der Gast knallte die Speisekarte lautstark zu, sagte nichts und schlug die Karte wieder auf. Dann bestellte er, nun mit der Zeit in Konflikt geraten, eine Bockwurst mit Salat. Als ich dieses Gericht servieren wollte, zögerte der Gast wieder und war der Meinung, dass er eine Fehlentscheidung getroffen habe. Daraufhin nahm ich letzteres Gericht anstandslos zurück wie das vorletzte und hatte unendlich viel Zeit, um das zu guter Letzt geforderte Zwiebelfleisch an den Tisch dieser männlichen Nervensäge zu transportieren. Zwischenzeitlich brachte ich die Eiskarte, eigentlich ganz unbegründet und fragte meinen Gast, ob er sich nun für einen bestimmten Zug entschieden habe. Der Herr streifte den Jackenärmel nach oben und schaute auf seine Armbanduhr. »Die geht genau«, sagte ich und zeigte auf das Chronometer im Lokal. Jetzt meinte der Gast, dass es besser sei, wegen eventuell auftretenden Mundgeruchs im Zugabteil, doch kein Zwiebelfleisch zu verzehren. Dieses Gericht gab ich vorsichtshalber gar nicht erst in Auftrag und bot dem Herrn an, dass ich die Bestellung gern stornieren würde, falls er es wünsche. Frau Pallhuber war mal wieder dienstlich unterwegs und ich war mir sehr sicher, dass sie zu meinen Gunsten eingeschritten wäre. Das Küchenpersonal wurde inzwischen auf den Gast aufmerksam, der sich jetzt zur Toilette bemühte. Als er hinter dem 00 verschwunden war, hörte ich lautes Gelächter. Ich sollte doch Mut beweisen und diese Schmeißfliege von Gast an die frische Luft befördern. »Wir halten dicht, wenn die Pallhuber wieder im Amt ist!«, rief der Koch, grinste und steckte dabei seine riesige Kopfmontur aus der Küchendurchreiche. Jetzt erschien er im Gastraum, bewaffnet mit einem Schrubber, öffnete damit geschickt den Glasdeckel des Chronometers und drehte mit dem Schrubberstiel den Zeiger der Uhr um eine dreiviertel Stunde nach vorn und verschwand. Inzwischen war der Gast wieder am Tisch. Scheinheilig empfahl ich Gerichte, die gar nicht auf der Karte standen, doch plötzlich blickte der Gast auf die Wanduhr im Lokal und dann wieder auf seine Armbanduhr. Ich nahm all meinen Mut zusammen und bestätigte mit Nachdruck, dass es auf dem Chronometer beinahe 12.45 Uhr sei. Natürlich war das keine Lüge – diese Zeit wurde, wenn auch manipuliert, dort tatsächlich angezeigt. Der lästige Gast war jetzt sichtlich unsicher, allerdings glaubte er nicht fest daran, dass die Zeit während seiner Toilette so immens fortschritten war. Seinen Mantel in Eile unter den Arm geklemmt, vergaß er Bier und Korn. Ich erinnerte ihn mit Nachdruck an die Zeche von 4,20 DM. In der Eile schmiss er einen Hunderter auf den Tisch, den er mit einem blauen Zehner verwechselt hatte. »Mein Herr«, sagte ich, »mit dem Kleingeld sieht es trübe aus!« Ich hatte wirklich keine 5,80 DM in der Kasse. In diesem Moment griff der Gast nach dem Geldschein und sagte, dass er den Zehner wechseln wolle. »Nein, nein!«, erwiderte ich geistesgegenwärtig, »ist gut gemeint – jetzt haben Sie meinetwegen ein Problem mit der Uhrzeit, weil kein Wechselgeld in der Kasse ist. Ich griff in mein eigenes Portemonnaie und gab freundlich lächelnd sechs DM in Zweimarkstücken heraus. »Stimmt so«, sagte ich, »heute bekommen Sie das Trinkgeld!« Der Gast ließ die Münzen in die Manteltasche gleiten und verschwand mit einem Koffer aus dem Lokal. Unter allen Umständen wollte ich vermeiden, diesem »Gönner« noch einmal unter die Augen zu treten und raste mit dem zweiten Koffer hinterher. »Ach übrigens, Ihre Uhr geht falsch!«, meinte der Herr. »Ach was!«, erwiderte ich, »für Reklamationen ist es jetzt zu spät – hier ist Ihr Koffer!« Ich ließ die Gaststättentür offen und lief im Laufschritt zurück. Der vor Sekunden geräumte Tisch war trotz der Unordnung schon wieder in Beschlag genommen. Der neue Gast war eigenartigerweise das Ebenbild seines Vorgängers, rein äußerlich. Es bestand der Unterschied, dass im Mundwinkel dieses Herrn eine Zigarette steckte. Dieses Mal bat ich höflich darauf zu achten, dass das Rauchen um die Mittagszeit untersagt ist. In Windeseile entledigte sich der Gast dieser Zigarette. Er zerrebelte sie über einem Ascher und nahm gleich im Trenchcoat Platz. Im Nacken des Gastes saß eine braune Baskenmütze. »Oh«, sagte ich, »Sie haben ‘s wohl sehr eilig?« »Ja, natürlich, aber für ‘n steifen Grog reicht die Zeit noch!«, gab der Herr zur Antwort. Nach einer Weile erhob er sich wieder vom Platz, knöpfte seinen Mantel auf und hängte ihn an den Haken. Seine Baskenmütze stopfte er in eine Manteltasche und nahm wieder Platz. Dann kramte er seine Zigaretten heraus, ließ sie aber gleich wieder verschwinden. Ich brachte den Grog und machte darauf aufmerksam, dass die Gaststättenuhr mit den Uhren auf den Bahnsteigen synchron geschaltet sei. Der Herr bedankte sich und bestellte noch einmal das Gleiche und das im Sommer bei dreißig Grad im Schatten. »Festlich gekleidet!«, bemerkte ich eher abwesend, um nicht den Eindruck notorischer Neugier zu erwecken. »Ach ja, ich heirate zum dritten Mal, junger Mann. Nicht dass Sie denken, ich sei ein Hallodri – nun muss etwas daraus werden!« Da saß kein Hallodri am Tisch No. 7, sondern eher ein Lebemann fortgeschrittenen Alters, für den alle Züge nicht nur abgefahren, sondern entgleist waren. Nun setzte er sein Gespräch mit mir fort. Ich ahnte, dass er sich festtrinken würde, sozusagen: »Bisher wurde ich regelrecht vom Pech verfolgt. Meine neue Flamme setzt große Erwartungen in mich. Dieser Tatsache werde ich während meines restlichen Daseins Rechnung tragen!« Ich brachte den zweiten Grog. Weil der Mann einen sympathischen Eindruck machte, mixte ich dieses Gesöff eigenhändig, mindestens fifty-fifty, ohne mir etwas dabei zu denken. Als mein Gast den zweiten Grog herunter hatte fing er an, im Gesicht wie eine Rotlichtlampe zu glühen. Inzwischen halb zwei Uhr geworden, machte ich darauf aufmerksam, dass die Rauchpause zu Ende sei. Nun kramte mein Gast mit zitternden Händen seine Glimmstengel aus der Brusttasche und rauchte gierig. Er blätterte in der Getränkekarte und bestellte für sich einen doppelstöckigen Jacobi 1880. »Natürlich trinken Sie einen mit!«, sagte er, doch ich zögerte. Der Gast lehnte sich mit seinem Oberkörper zurück und zog die Stirn kraus und sah mich an. »Na gut«, erwiderte ich, »dann nehme ich einen Kaffee! Wissen Sie, ich bin noch neu im Geschäft!« Ich stiefelte los und brachte die bestellte Lage. Inzwischen hatte der Gast den oberen Knopf des Hemdkragens geöffnet und den Knoten seiner Krawatte einige Zentimeter nach unten geschoben. Jetzt machte er den Eindruck eines Champions nach beendeter Freistilringerrunde. »Es wird für mich heute einen entscheidenden Tag geben. Ach so, dass ich heirate, sagte ich Ihnen schon, nicht? Meinen Zug darf ich übrigens nicht verpassen, denn es ist heute meine vierte Ehe, deren Bund ich eingehen werde. Ich hoffe sehr, es ist der Letzte! Wissen Sie, ich war immer derjenige, auf den man nie bauen konnte. Außerdem bin nicht mehr der Jüngste, wie Sie ja sehen, und da ... ach was! Einen muss ich noch verputzen!«, befahl sich mein Gast und tippte sich auf die Brust. Der Alkohol hatte seine Zunge gelockert und es kam eben heraus, dass er schon drei Mal verheiratet war. »Wenn dieser eigentlich passable Mensch so weitersäuft, wird aus der vierten Heirat auch nichts!«, sagte ich mir und verwickelte meinen Gast in ein Gespräch, um ihn vor einem alkoholischen Exzess zu schützen. Dann begann er, mir seine ganze Biografie zu erzählen – natürlich war es die Ehe Nr. 5, in die der Herr stolpern wollte. »Übrigens Gummersbach mein Name – Rechtsanwalt a. D.!«, sagte er jetzt, schaute an mir vorbei und schnippte mit den Fingern nach dem Ober, der eigentlich schon neben ihm stand. Inzwischen war der Uhrzeiger auf fünfzehn Uhr gerückt. »Will nach Gera!« sagte Gummersbach, »es ist eine außergewöhnliche Eheschließung sie findet in einem Warmluftballon statt!« »Ja«, sagte ich, »davon habe ich schon gehört!« Um witzig zu erscheinen, zog ich ins Kalkül, dass eine Ehe sicherlich nie in einem Warmluftballon geschieden würde, auf Grund des Aufwandes, der mit einer Ballonfahrt im Zusammenhang stünde. Gummersbach grinste. Er hatte jetzt einen leichten Sprachfehler und meinte, dass, wenn man eine Ehe während einer Ballonfahrt schied, diese sich durchaus wieder von selbst kittete, da ja die Vorbereitungen zur Landung einen immens hohen Zeitaufwand bedeuten würde. Außerdem könne keiner der Insassen während der Fahrt abspringen. Da war natürlich etwas Wahres dran. Ich machte Gummersbach zum wiederholten Mal darauf aufmerksam, dass er sofort das Revier räumen müsse, um seine heutigen Pläne noch in die Tat umsetzen zu können. Außerdem gab es im Bereich der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofes noch eine Möglichkeit, mit dem Bus nach Gera zu gelangen. Gummersbach winkte ab und jagte mich erneut zur Theke, um sich noch zwei doppelte Braune einzuhelfen. Dagegen konnte ich nichts tun, weil sich mein Gast anständig benahm. »Gera-Saalfeld – das ist der Zug, in den ich steigen muss!«, lallte mein Gast. Wie er überhaupt auf dem Leipziger Hauptbahnhof landen konnte, war mir schleierhaft, erforderte doch der Zug Cottbus-Saalfeld über Gera kein Umsteigen. »Und, wann startet ihr Warmluftballon?«, fragte ich. »17.30 Uhr, also heute A-abend!«, bekam ich zur Antwort. Gummersbach nahm seinen Cognacschwenker zur Hand und beförderte den letzten Tropfen in die Kehle, dann bestellte er noch ein großes Bier. Außerdem wurde ich um Eile gebeten, stünde doch der Uhrzeiger schon auf viertel nach Vier nachmittags. »Jetzt schaffen Sie‘s nur noch mit einer Taxe!«, sagte ich, denn der wichtige Zug Cottbus-Saalfeld war bereits schon vor einer Stunde aus dem Bahnhof gerollt. »Die sollen warten!«, lallte Gummersbach und bestellte einen doppelten Whisky. Dann fing er an zu weinen, schimpfte auf seine Braut, auf Gott und alle Welt und darauf, dass ihn seine Frauen im Leben nie verstanden hätten. Ich verstand ihn auch nicht, so radebrechte der angesäuselte Gummersbach gegen 17.45 Uhr. Da waren für ihn schon alle Eulen verflogen. Er setzte sich 18.00 Uhr in Bewegung und zwar in Richtung Westhalle. Ich trug seine Koffer. Gemeinsam bewegten wir uns zum Bahnsteig zehn, weil Gummersbach das so wollte. Kurz vor Mitternacht fuhr noch ein Zug in Richtung Saalfeld. Gummersbach nahm auf einer X-beliebigen Bank Platz und fing an, erbärmlich zu schnarchen.

Unter der Fuchtel der Pallhuber ist es mir einigermaßen gut gegangen, finanziell jedenfalls, aber ich stellte fest, dass das Gaststättengewerbe auf die Dauer nichts für mich war. Die Übernahme dieser kellnerischen Tätigkeit war ohnehin aus der Not geboren. Ich grübelte darüber nach, wie ich der Pallhuber schonend beibringen könnte, dass ich bei passender Gelegenheit die »Segel streichen« würde. Dazu bekam ich nie die Gelegenheit – es kam alles ganz anders: Frau Pallhuber rief mich wider Erwarten ins Büro. Schatten lagen auf ihrem Gesicht. »Der Pachtverdrach läuft aus«, sagte sie, »ich werde Ihn` de Kündchung aussprechen müssen, dann kriechen Se Arbeitslosenjeld ohne zeitliche Kürzung!« Am nächsten Tag schrieb sie mir eine tolle Empfehlung, die übertrieben jeder Anfrage des Pariser Hotels Maxim’s DE PARIS standgehalten hätte, aber dafür konnte ich mir nichts kaufen. Der Besitzer der Räumlichkeiten der Bahnhofsgaststätte meldete Eigenbedarf an und Frau Pallhuber flog samt Personal aus dem »Bahnhofsstübchen«. Geplant hatte sie die Übernahme eines bescheidenen Gartenlokals, welches zum Ende des 20. Jahrhunderts noch mit bescheidener Toilette, d.h. zu gut Deutsch, mit einem Plumpsklo und einer desolaten Ofenheizung ausgestattet war. Das und vieles andere musste erst einmal »weginvestiert« werden. An einen Personaleinsatz jetziger Stärke war gar nicht zu denken, noch dazu im Jwd Leipzigs. Zu diesem Gartenlokal gehörte noch eine abgewrackte Kegelbahn mit Tresen. Unsere Chefin wollte allerdings ihren Koch übernehmen unter der Maßgabe, dass wenigstens die Zubereitung eines Imbiss’ gesichert sei. Mir wurde eröffnet, wieder als Aushilfskellner zu wirken, falls geplanter Gaststättenbetrieb zum Tragen käme. Ich verstand die genannten Kündigungsgründe bis aufs Haar, da ich innerlich Freude empfand, vor allem deshalb, weil ich aus meinem Alptraum als Bahnhofskeller endlich aufwachen durfte. Am nächsten Tag reihte ich mich in das Arbeitslosenheer ein und zwar im Arbeitsamt Leipzig. Da ich mir fest einbildete so früh am Morgen mit von der ersten Partie zu sein, mischte mich unter die Menschenmassen. Ich erinnerte mich daran, dass wir in der ehemaligen DDR nach Tonträgern der »Rolling Stones« anstanden und nun nach einem Job. Ich war ganz und gar abwesend, bis mich eine gellende Stimme wachrief: »Hallö Sie, immer dor Reihe nach! Guggen Se ma, da is’n Hebel un da müssen Se enne Garte ziehen!« »Wozu?«, fragte ich. »Nu, weil da enne Nummer droff ‘n steht, un die sacht Ihn’, wenn Se dran sin!«, war die Antwort. Der Herr war Bürohengst der zichsten Garnitur beim Arbeitsamt und überwachte den ordnungsgemäßen Ablauf während der Arbeitslosenmeldungen. Er führte mich zu einer Apparatur, mit der papierne Nummern ausgestanzt wurden und zog an einem Hebel. Das Gerät spuckte einen Art Eintrittskarte aus, auf der eine dreistellige Zahl stand. »So, das war ‘s!«, sagte der Mann vom Arbeitsamt. »Jetzt ist wohl alles erledigt?«, fragte ich. »Nüscht is erledicht«, antwortete der Herr vom Amt, »Se hamm bloß de Nummer 187 – Se sin also dor 187 te im Bunde! Na dann gutte Nacht, das gann bei Ihn‘n ‘ne Leipziger Messe dauern – Se hätt ‘n ähm eher gomm müssen!« Dabei war ich schon vor Öffnung des Arbeitsamtes vor Ort. Ich setzte mich zwischen die Wartenden und lauschte dem Lautsprecher an der Zimmerdecke, über den die Arbeitslosen nach und nach aufgerufen wurden. Als ich nach ca. zwei Stunden immer noch ca. 150 »Kunden« vor mir hatte, dampfte ich wütend ab.