Der Stadtanzeiger – die Sekundärrohstoffflut über Leipzig

 

»Ach, dor Herr Drehwolke! Was machen Se denn jetzt so? Befassen Se sisch immer noch mit Andequidäten?«, fragte mich neulich Frau Wachsmuth, eine ältere Dame aus unserem Bekanntenkreis. »Ach wissen Sie, ich habe aus den Medien erfahren, dass man Mitarbeiter für den Leipziger Stadtanzeiger sucht, möglichst mit sofortigem Antritt! Diese ganze Geschichte scheint sehr interessant zu sein. Möglicherweise lasse ich dort eine Bewerbung fallen!«, gab ich zur Antwort. »Was sind ‘n Medijen?«, fragte die Dame wieder. Um nicht ganz blöd dazustehen, gab ich das von mir, was ich irgendwann einem Lexikon entnahm. Es war die Definition, mit der die so genannten Medien liebend gern umgingen, z. B., dass sie die »Trägersysteme zur Informationsvermittlung« seien. »Klatschblätter sind’s, weiter nüscht!«, entgegnete Frau Wachsmuth barsch. »Un üwerhaupt, woll’n Se misch veräppeln? Ich war lange genuch Köschin in dor Garl-Marx-Uneversedät Leipsch. Da wees isch, was’n »Medjum« is!« Tatsächlich existierte noch vor kurzem in unserer Nähe eine Lokalität, oder besser gesagt ein nobler »Fresstempel«, mit original Französischer Küche, geführt durch die Inhaberin Catherine Deneuve aus Dijon, der Stadt des Burgunders. Da gab es u.a. Ente »medium« als halbgegartes Federvieh. Und »was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht!«, heißt es da so schön. Catherine blieb, nach meinem dafürhalten schuldlos, auf ihrer Ente sitzen und trank ihren Burgunder allein. Mackenrodt war dort wohl Stammgast und wäre es gern geblieben, zumal die wunderschöne Catherine Deneuve ihm einmal zugezwinkert haben soll. Ich war der Meinung, dass Mackenrodt spann und ich dachte, dass der Deneuve in Wirklichkeit eine Gärfliege ins Auge flog. »Wenn die Catherine nur nicht dichtgemacht hätte, dann ...« Mackenrodt sagte nichts mehr, denn er hatte das Problem »Zangenberg« am Hals.

Für den nächsten Tag war in einem der Konferenzräume des Hotels »Merkur« ein Informationsgespräch betreffs eines Einsatzes beim »Leipziger Stadtanzeiger«, anberaumt. Ich saß inmitten elegant gekleideter, duftender Damen und Dämchen, Herren und Herrchen, die bislang nur ,blaue Briefe‘ seit der Vereinigung Deutschlands in ihren Briefkästen fanden. Alle wollten »jobben« was das Zeug hielt, natürlich in den Zeitungsredaktionen und nirgendwo anders! Es gab davon mindestens einhundert Bewerberinnen, die davon träumten, in einem klimatisierten Büro die Tätigkeit einer Redakteurin oder zumindest die einer Redaktionsassistentin auszuüben.

Da gab es für den Kopf der Zeitungen entsprechende Aufmachungen, die sich in bestimmten Farben für die einzelnen Städte niederschlugen. Leipzig hatte z. B. die Farbe Grün und Halle Rot. Die Art der Farben, z. B. die des Grüns, fand ich unmöglich, wenn nicht sogar scheußlich. Das Gleiche traf für die Farbe Rot zu. Das Text-Gros bestand aus Groß- und Kleinanzeigen in allen Schattierungen, sowie aus Werbungen und allgemeinem Tagesgeplänkel. »Wör brauchen natörlisch ‘ne Menge jungor Leute nöch?! Ja, wor wollen expandieren!«, rief ein schmalztolliger, wohl leitender Mitarbeiter des »Kölner Stadtanzeigers« ins »Publikum«. Er saß im Präsidium und präsidierte, umgeben von seinen Mitarbeitern. Um das Ganze gruppierte sich hufeisenförmig die »Bewerbermeute«. Der Redner erhob sich vom Stuhl und stellte sich mit dem Namen Kretzschmar vor. Es war das Einzige, was ich für bare Münze nahm. Kretzschmar trug ein grünes Hemd, so furchtbar grün, wie der Leipziger Stadtanzeiger. Obenauf baumelte eine viel zu kurz gebundene, alberne Krawatte, schräg gestreift und mit gelben Punkten versehen, in meinem Jargon ein so genannter »Kälberstrick«. Das Raumklima war unerträglich. Kretzschmar drehte sich tänzelnd um neunzig Grad nach links und neunzig Grad nach rechts, sodass ihn die Bewerber wahrnehmen konnten. Im Saal war es plötzlich still. »Bässer wär’s, Se wären alle in festlecher Kleidong erschenen, denn för viele wörd’s ‘n Tritt in’n interessantes Berufsleben sein, wenner sech för onseren Stadtanzeijer entscheidet!« Der Redner hatte sich versprochen und mit Tritt Start gemeint. »Se können sojar bes en die Redaktionsleitong aufröcken un janz Deutschland mit seinen Provenzen beherrschen – isch erzähl kein Schaiß!!«, plärrte Kretzschmar. Mit Provinzen meinte er natürlich die ehemaligen Kreise im Osten, wie z.B. Torgau, Bitterfeld, Eilenburg, Delitzsch etc. Dabei perlte ihm Schweiß von der Stirn, demjenigen, der die Massen wissentlich anlog wie ein Wahrsager. »Wenn Se Fraren haben, dann können Se se jetz jerne stelln!«, fuhr er fort. Pro forma waren alle Anwesende mit Kugelschreibern und Notizblöcken bewaffnet. Einige Bewerber schrieben sogar mit. Eine Dame neben mir schmunzelte überlegen, weil ich nichts dergleichen tat. Ich schaute auf ihren Zettel. Sie notierte alles in Kurzschrift, weil sie aus der ,alten DDR-Schule’ kam. »Und«, fragte ich, »auch auf Jobsuche?« Sie bejahte und grinste. Plötzlich war die Ruhe vorbei und alle Bewerber schnatterten durcheinander. »Wör sen doch nisch in dor Klippschole!«, rief Kretzschmar böse. Nun trat wieder Ruhe ein. »Also, wenn Se Fraren haben ...«, wiederholte er. Zum Einsatz als Anzeigenverkäufer gab es nur spärliche Informationen, doch viel mehr über berufliche »Salto mortale« nach vorn. Der Traum von Traumjob und Trampschifffahrt nach Honolulu hatte sich nun in den meisten Köpfen der Bewerber festgesetzt und war noch lange nicht ausgeträumt. Es wurde irgendwie langweilig im Saal. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man 150 Redakteurinnen und Redakteure und entsprechend weibliche und männliche Assistenten brauchen würde. Ich hoffte wenigstens auf einen Job für mich als Austräger, abends, ganz nebenbei, denn für tausend Stadtanzeiger zahlte man immerhin 25 DM. Es war eine Knochenarbeit. Voraussetzung war nämlich das Einstecken der kostenlosen Zeitungen in jeden Briefkasten einzeln. Jetzt ging man daran, sehr feierlich so genannte Kontrakte auszugeben. Viele der müdegewordenen Bewerber wurden wieder mobil und stürzten sich förmlich auf die Mitarbeiter des Stadtanzeigers. Kretzschmar trat erneut in Aktion. »Bötte!«, rief er, »Sie wöllen nochmal Platz nehmen!« Da waren wohl Erklärungen zum Kontrakt erforderlich, wie er meinte. In Wirklichkeit handelte es sich um ein Formular oder besser gesagt um einen thermokopierten Wisch, der unter die Leute gebracht werden sollte. Auf ihm war zu lesen: Stückzahl/Entlohnung, Territorium/Ort bzw. jeweiliger Stadtbezirk von Leipzig. Am Schluss folgte die Unterschrift des Zeitungsausträgers – punktum! Die Erklärung Kretzschmars zu diesem lapidaren Formularinhalt hätte sicherlich Stunden in Anspruch genommen, wenn der Saal nicht in Sekunden wie leer gefegt gewesen wäre. Im Moment benötigte man tatsächlich nur Zeitungsausträger, diese aber in Hülle und Fülle. Da gab es z.B. den Stadtanzeiger für den Kreis Delitzsch und Eilenburg mit einer Auflage von über 40.000 Exemplaren und 100.000 Stück für den Raum Leipzig. Mit mir waren etwa noch zehn Leute vor Ort geblieben. Dann erfuhr ich, dass ebenso Anzeigenberater bzw. Verkäufer gesucht würden. Dazu setzte ich mich mit einer Mitarbeiterin vom Hallenser Stadtanzeiger zusammen, die mir den Anzeigenverkauf und die gestalterischen Belange einschließlich der Abrechnung erläuterte. Ein Bekannter aus meiner Straße, René Kamprad, ließ sich betreffs des Austragens der Zeitungen vergattern. Er würde das mit links über die Bühne ziehen, meinte er. Das ganze Gebiet um die Schönefelder Gorkistraße, einschließlich der Lindenallee, nahm er auf die Raufe und zwar ohne Hilfskraft. Er packte sich am nächsten Morgen gleich zehntausend Exemplare in seinen Trabi und fummelte jede Zeitung einzeln in die Briefkästen der Gorkistraße. Zur Zeit gab es eben noch die »Tage der offenen Türen«, d.h., an den Haustüren befanden sich selten Sprechanlagen, nur gewöhnliche Klinken und die Briefkästen befanden sich im Hausflur. In einem Fall war die Haustür verschlossen. Kamprad klingelte. Von oben schaute eine Frau auf die Straße. »Is’n?«, fragte sie. Kamprad wollte einen Stadtanzeiger feilbieten. »Mir ham so vill Babier, Mann!« Bums – zu war das Fenster! Kamprad schnürte ein kleines Bündel und klemmte es zwischen Türklinke und Tür. In diesem Moment kam ein Hausbewohner von der Straße und war im Begriff, die Haustür aufschließen. Er schleuderte das Zeitungsbündel einfach in den gewöhnlichen Hausmüll. Dann kam Kamprad auf die Idee, die Zeitungsstapel in kleine Pöstchen aufzuteilen, zu je zehn Exemplaren. Dann wurde er immer dreister und stellte ganze Stapel in öffentliche Gebäude. Auf diese Weise hatte Kamprad bisher 20.000 Zeitungen verteilt. Zustellen nannte er das. Außerdem bat er den Leipziger Stadtanzeiger um ein zusätzliches Territorium. Die Geschäftsleitung spielte plötzlich nicht mit, weil sie erstens den Braten roch und weil es zweitens einen so genannten Gebietsschutz für andere Zusteller gab. Die hatten natürlich ebenfalls den Dreh raus und nahmen die Zustellung der Zeitungen bündelweise vor. Somit sicherten sie sich im Durchschnitt bis zu 80 DM pro Tag. Die Zeitungsbündel trieben sich halbe Jahre lang in den Hausfluren herum und wurden von einer Ecke in die andere geschmissen. Abscheulich dreckig geworden, beförderte man sie dann, natürlich ungelesen, in die Papiercontainer. Manchmal standen sie auch auf Trottoiren und falls die Bindfäden drumherum rissen, wurde die Entsorgung vom Wind erledigt.

Inzwischen als Anzeigenberater und Verkäufer eingestiegen, plagte ich mich als Erstes mit einem doofen Autohändler aus Mannheim namens Röhl herum, der sich später als gewöhnlicher Wald- und Wiesenschieber entpuppte. Unerfahren wie ich war, fiel ich mit der Tür ins Haus und klappte meinen Aktenkoffer auf, um Röhl zu einer Anzeigenschaltung zu animieren. »Klauen Se mir nicht die Zeit!«, sagte er und war mit mir fix und fertig. Jetzt kam ich auf den Dreh, ein Auto zu kaufen. Dazu inszenierte ich eine Art Anbahnung, um den Autohändler nicht zu verwirren. Ich fragte ihn, ob er ein Verwandter des Berliner Großhändlers und Inhabers der Volkswagen-AG Röhl sei oder diese Firma wenigstens kennen würde. Röhl verneinte und behauptete sogar, dass er das seriöseste Unternehmen Deutschlands sei. Damit meinte er natürlich den Osten. Er handelte nach dem gleichen Prinzip, wie viele andere windige Händler auch, die sich nach dem Mauerfall in der ehemaligen DDR etablieren wollten: »Fang’ se an zu rosten, ab in den Osten!« Schauerliche Karossen standen da auf dem Hof einer Ruine herum. Röhl ging mit mir durch die Fahrzeugreihen. Ich schaute unauffällig unter die Kotflügel einiger PKW’s. Da lachte mir doch glatt der wolkenlose Himmel von oben entgegen. Dann blieben wir an einem VW-Käfer der älteren Baureihe stehen, eine Gelegenheit und als so genannter Oldtimer ein Schnäppchen, wie Röhl meinte. Die gespachtelten und mit Farbe überpusteten Flächen besonders im Bereich der Zierleisten, waren selbst für mich als Laie gut zu erkennen. Sie verdeckten selbstverständlich die Rostlöcher im Blech. Ich sagte nichts. Röhl meinte, dass mit der Karre kaum jemand gefahren sei und daraus resultiere eben der verhältnismäßig hohe Preis. »Trotzdem – is geschenkt!«, sagte er. Auf dem Tachometer befand sich ein fünfstelliges Zählwerk, welches mit Sicherheit einige Male um die eigene Achse gelaufen war. Natürlich hatte man es zurückgedreht, denn es standen gerade mal zwanzigtausend Kilometer auf dem Tacho und Reifenprofile waren kaum noch erkennbar. Also war man mit diesem völlig heruntergeschlachteten Fahrzeug pro Jahr etwas über 4000 km gefahren. »Sehr schön!«, log ich, staunte wie ein Bauklotz und drückte mir die Nase an der Seitenscheibe platt, um einen Blick in das Innere des VW Käfers werfen zu können. Besonders auffällig war eben der Wahnsinnspreis auf dem Pappschild. Röhl schloss den Wagen auf und ich setzte mich auf den Fahrersitz. Gleich ging die Karre tief nach unten, weil vermutlich auch die Stoßdämpfer im Eimer waren. Ich bat um den Zündschlüssel, doch Röhl kniff erst einmal aus gutem Grund. Nach langem Hin und Her durfte ich den Motor anlassen. Ich kurbelte fast die Batterie leer, bis das Vehikel ansprang. Ich trat die Kupplung, legte den Gang ein und wollte anfahren – der Wagen fuhr einfach los, obwohl die Handbremse fest angezogen und der Gang eingelegt war. Vermutlich war die Kupplung ohne Wirkung. Für Röhl war das so in Ordnung. Er meinte, dass West-Fahrzeuge nie entzwei gingen. Röhl hatte von der Fahrzeugtechnik Ahnung, wie ein Nilpferd vom Hochsprung. Erschrocken trat ich auf die Fußbremse – der Wagen rollte trotzdem noch ein Stück weiter. Dann schaltete ich die Zündung aus, blieb noch eine Weile vor diesem Fahrzeug stehen und heuchelte Entzückung höchsten Grades und reges Interesse am Kauf. Röhl bot mir zwei Prozent Rabatt. »Auch das noch!«, dachte ich und beäugte jetzt einen Kombi, Opel Kadett-Caravan, Baujahr angeblich 1989. Die Motorhaube war über und über mit Steinschlägen übersät. Es hatte den Anschein, als hätte man mit einer Schrotflinte draufgehalten. »Is’n Jungfahrzeug!«, sagte Röhl und schloss die Fahrzeugtür auf. Ich setzte mich auf den Fahrersitz. Besonders auffällig war wieder mal der Kilometerstand auf dem fünfstelligen Zählwerk des Tachos – dieses Mal standen da nur 15.000 Km. »War’n Dienstfahrzeug!«, erklärte mir Röhl, »ist deshalb so wenig gelaufen!« Nach dem ich diesen Unsinn hörte, war ich mir sicher, dass vorn eine Eins oder vielleicht auch eine Zwei fehlte. Als ich unter die Motorhaube sehen wollte, war Röhl plötzlich in Eile. »Da haut’s doch dem Fass den Boden aus!«, dachte ich, vor allem wegen des wieder mal »schweinischen« Preises. Ich stieg aus dem PKW und lief begeistert um ihn herum, einmal nach links und dann wieder nach rechts. »Und?«, fragte Röhl. »Der Isses«, schwindelte ich. Dann sah ich vor, den VW-Käfer an meine Schwester, die in Wirklichkeit nicht existierte, zu vermitteln. »Gebe fünf Prozent Rabatt«, sagte Röhl jetzt. Damit war ich einverstanden. Nun lenkte ich das Gespräch wieder auf die Möglichkeiten der Werbung in unserem Stadtanzeiger. Röhl dirigierte mich über »hundert Ecken« in sein Büro, welches sich inmitten verworfener, abbruchreifer Gebäudekomplexe befand. Er schien nun anzubeißen und fragte, was ein Inserat kosten würde. »Und bitte sichtbar platzieren, oben im Deckblatt, wenn’s geht!« Damit meinte er ein Stück von der Titelseite. Ich glaubte nicht im Entferntesten daran, dass ich bei Röhl eine derartig Anzeige »abdrücken« könnte. Als ich den Preis von 190 DM für eine gestaltete Anzeige in der Größe 10 x 8 Zentimetern fertig hatte, verlangte er, dass ich ihm die Zeit für die Anzeigenberatung als Rabatt gewähren würde. Das war natürlich ironisch und zugleich ernst gemeint, weil der Stadtanzeiger, wie ich zugeben muss, saftige Preise »auf Lager« hatte. Ich benötigte für die Kalkulation dieser Anzeige einschließlich der Gestaltung bzw. Umrandung über eine Stunde, weil ich während der Beratung alles an Variationen vorposamentieren musste. »Macht summa summarum 50 DM!«, sagte Röhl. Da die zweite Stunde der Verhandlung angebrochen war, legte er noch 25 DM drauf. Es war einfach nicht zu fassen, wollte er doch mit seinem Fahrzeughandel in positive Schlagzeilen geraten und zog dann von ihm veranschlagte 70 DM Selbstkosten vom Anzeigenpreis wieder ab! Es gab Fünf-DM-Kleinanzeigen im Fließsatz, die für mich wenig lukrativ waren. »Kleinvieh macht auch Mist!«, sagte ich mir und überlegte, ob ich den Autohändler nicht doch besser zu solch einem Kleinstauftrag animieren sollte. »Besser den Sperling in der Hand, als die Taube auf dem Dach!«, sagte ich mir. Meine Provision betrug nur fünf Prozent und das fand ich lächerlich. Ich zog alle Register. Da ich die technischen Daten eines Opel Kadett-Caravan kannte, spielte ich sie als besondere Vorzüge in den Vordergrund. Das gefiel Röhl, denn er fragte mich, was solch eine Anzeige nun in Wirklichkeit kosten würde. Um nicht noch einmal mit dem ganzen Schlamassel von vorn beginnen zu müssen, feilte ich an den Millimetern herum, weil sich der Preis danach richtete. Die Anzeige wurde etwas kleiner. Aus diesem Grund verzichtete Röhl darauf, eigene Selbstkosten in Ansatz zu bringen. Ich brachte den ganzen Verhandlungsablauf durcheinander, weil ich mich nach dem Fahrzeugbrief des betreffenden Opel-Kadett erkundigte. Das Inserat wurde auf Grund des gestalterischen Aufwandes zwar teurer, aber Röhl hat das gar nicht mehr interessiert. Die Anzeige wurde auf Seite 2 innen unter einer protzigen Überschrift platziert, die da lautete: LOKAL-PANORAMA. Das Werbeinserat enthielt einige Vorzugspreise sowie abgebildete Fahrzeugtypen, die derzeitig im Angebot waren. Nun ging es ans Bezahlen. Röhl machte eine enorme Brühe. Er kramte all seine Utensilien aus den Jackentaschen und schmiss sie auf den Tisch, als wollte er seine Kledage der Schnellreinigung übergeben. Dann ließ er sich auf seinen Schemel fallen, steckte den Finger in die Wählerscheibe seines Telefons und wählte. Dann gab er es auf und verschwand auf der Toilette. Da lag vor meiner Nase Röhls Ausweis. Ich sah hinein und las: Röhl, Werner, geboren am 26.7. 1943 in Wiesloch, wohnhaft ebenda, Dorfplatz 8, PLZ 069168 ...

Ich fand noch den Wisch einer Berufsinnung, vermutlich die, in der er integriert war. »Beruf: Bäckergeselle«, las ich.

Röhl war wieder anwesend und wischte seine Hände vorn am Hemd trocken, dann steckte er den Zeigefinger nochmals in die Wählerscheibe und bekam natürlich keinen Anschluss. »Der Fahrzeugbrief wird nachgesandt«, sagte er. Mir war klar, dass für den Opel-Kadett-Caravan, so abgewrackt wie er war, möglicherweise keine Papiere existierten.

Der halbe Vormittag war draufgegangen. Immerhin gelang es mir, Röhl eine Dreifachschaltung mit einem Gesamtpreis von 650 DM unterzujubeln. Das von den Ossis so streng verurteilte Kleingedruckte half mir dabei. Dann verabredeten wir uns verhältnismäßig langfristig zu einer Probefahrt, die nie stattfand.

Mittlerweile arbeitete ich vier Wochen, sozusagen nebenbei, für den Leipziger Stadtanzeiger, ohne bemerkenswerte Verkaufserfolge. Auf Grund der geringen Provisionen hatte ich gerade mal um die 150 DM dazuverdient. Im Vergleich zu anderen Anzeigenberatern war ich trotzdem gut, weil sie so gut wie keine Vertragsabschlüsse erzielten. Manchmal akquirierte ich sogar Kunden per Telefon. Dabei sparte ich eine Menge Kilometer und Benzin.

Zwischenzeitlich führte die Kölner Geschäftsleitung mit den Außendienstlern eine Schulung im Hotel Merkur durch. Da war wieder der schmalztollige Abteilungsleiter Kretzschmar vor Ort. Weil seiner Meinung nach »die Säge tüchtig klemmte«, hielt er es für richtig und notwendig, die Ossis auch tüchtig in den Hintern zu treten. Dabei sprach er von einer Kürzung der Provision um 2,5 %. Da hob ich den Finger und meinte, dass die derzeitige Provision von 5 % schon sehr gering sei. »Waas?«, rief Kretzschmar. »Se können wohl nich rechnen?!« »Oh doch«, erwiderte ich. »Bei einem Auftrag von 100 DM bekam ich bisher fünf DM. Das wäre dann künftig nur noch die Hälfte. Ich schlug vor, die Provision zu erhöhen. Die Firmenleitung forderte übrigens, dass der Anzeigenverkauf von uns Mitarbeitern noch forciert würde, natürlich, ohne höhere Kosten zu verursachen. Ich verglich mich nun mit einem Perpetuum mobile. Kretzschmar war außer sich, weil ich ins Kalkül zog, künftig mehr Klein- und Kleinstanzeigen zu schalten. Ich begründete meinen Plan damit, dass die Bevölkerung sich eben mehr für billige Kleinanzeigen interessierte. Er meinte, dass da natürlich keine Zeitung satt würde. »Und wie hoch ist eigentlich ihre Provision?«, fragte ich. »Das verbitte ich mir!«, war die Antwort. Kretzschmar fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Dann bot ich ihm an, von mir Adressen besonders »harter Nüsse«, also schwieriger Kunden, zu übernehmen, um diese mit mir arbeitsteilig abzuarbeiten. Mein frecher Vorschlag war, dann aus den 5 % Provision halbe-halbe zu machen. Kretzschmar sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Zudem setzte ich noch eins drauf und meinte, dass nie ein Schuh aus seiner Theorie würde. Außerdem krittelte ich an den Farben in den Deckblättern der Stadtanzeiger herum und schlug vor, das Cover zu ändern. Kretzschmar holte tief Luft. »Das sind die Farben der Firma!«, sagte er, »die sind so zu akzeptieren!« Dann drohte er mir mit dem »blauen Brief«. Ich fragte, an welche Adresse er ihn wohl senden wolle. Ich konnte eine große Lippe riskieren, weil kein Arbeitsrechtsverhältnis bestand und der Anzeigenverkauf mehr auf Vertrauensbasis geschah. Meine unmittelbare Auftraggeberin war Frau Schindler, eine Dame im fortgeschrittenen Alter, früher Mitarbeiterin bei der Mitteldeutschen Zeitung. Sie etablierte sich zeitweilig beim Stadtanzeiger. Als ich mich mit Kretzschmar anlegte, klatschte sie mit ihren Daumennägeln unter ihrem Schreibtisch leisen Beifall, weil sie Kretzschmar in seinen Ausführungen ebenfalls nicht ernst nahm. Kretzschmar wetterte noch eine Weile, dann war er still. Von allen Seiten prasselten Vetos mutig gewordener Außendienstler auf ihn ein.

Dass der Wind den Kölner Stadtanzeiger zerfetzt durch Leipziger und Hallenser Straßen jagte, machte natürlich keinen guten Eindruck auf diejenigen, die sich zur Zeit noch mit meiner Verkaufpsychologie einlullen ließen. Dann gab es Invasionen gegen die Altpapierschwemme. Ganze Schulklassen sammelten die Zeitungsstapel, die überall herumstanden, ein und lieferten sie in Aufkaufbetrieben ab.

Am nächsten Morgen erwartete mich ein leitender Mitarbeiter der Firma Dinglinger & Co, eine Firma, die Transportbehälter und Container baute. Als ich den Eingang des Bürogebäudes betrat, stolperte ich beinahe über zwei Stöße von je fünfzig Leipziger Stadtanzeigern. Ich dachte dabei an René Kamprad, der Leipzig-Schönefeld auf seine Weise mit Altpapier zudeckte. »Schlagkräftiges Blatt«, meinte ein grau melierter Herr, der sich mit Lamprecht vorstellte und mir die Hand gab. Es war natürlich ironisch gemeint. Es war der Mitarbeiter der Containerfirma, der schon sehnsüchtig auf mich wartete. »Wollmer mal!«, sagte er und wies mit der rechten Hand die Richtung. Für Lamprecht hatte der Stadtanzeiger eine Dreifachfunktion. Erstens war es als Packpapier gut zu gebrauchen, zweitens gab es dafür Geld, falls man es als Sekundärrohstoff behandelte und drittens bestand die Möglichkeit, darin eine Anzeige zu platzieren, die möglicherweise nie entdeckt würde. Das alles gab Lamprecht im Treppenhaus von sich, also auf dem Weg zu seinem Büro. Ich ahnte Schreckliches. Die Firma Dinglinger und Co sah vor, nichts in Richtung Werbung zu investieren, weil es mit der Konjunktur im Werk zu Ende ging. Lamprecht hatte es dennoch vor. »Werbung ist heute alles!«, hat er gesagt und dabei hämisch gegrinst. Ich nahm an seinem Schreibtisch seitlich Platz, dann stellte eine freundliche Sekretärin eine Tasse auf Lamprechts Platz und dann auf meinen, goss Kaffee ein und stellte Zucker und Milch dazu. Ich öffnete meinen »Attachékoffer« und entnahm meine Beratungsunterlagen. »Was kostet solch eine Anzeige?«, fragte Lamprecht und zeigte auf die Titelseite meines Musterblattes. Dabei fuhr er mit dem Zeigefinger um die Hälfte der Fläche herum. Mir blieb die Spucke weg. Das, was der Herr da mit dem Zeigefinger eingrenzte, würde ungestaltet 2.500 DM kosten, doch ich schwieg. »Sie beraten sich vielleicht erst mal in Ihrer Firma!«, schlug ich vor. Natürlich waren die Kosten für eine solch eindeutige Platzierung in einer Größe von also 29 x 21 cm leicht zu ermitteln. Ich nannte die Summe, die ich grob im Kopf hatte. »Ist ja eigentlich preiswert«, meinte Lamprecht. Ich war perplex. Es ging also die halbe Titelseite des Stadtanzeigers drauf. Dann gab er mir die Vorlage, die im Wesentlichen aus Texten bestand. Die Hauptanzeige war kleiner, aber um den Text gruppierten sich Kleinanzeigen verschiedener Subunternehmen. Lamprecht ließ nur die kleinen Anzeigen um den mittleren Hauptteil der Anzeige gestalten oder besser gesagt, umranden. »Wir müssen schließlich sparen!«, sagte er, grinste wieder und ging in die Vollen: »Wir nehmen ‘ne Mehrfachschaltung! Da gibt’s doch Rabatt nicht?«, fragte Lamprecht jetzt. Ich bejahte, da die zweite Anzeige im Zuge einer Rabattierung ein wenig billiger war und die Dritte gleich um 30 % im Preis gesenkt würde. Bei Vertragsabschluss wäre für Dinglinger & Co eine Rechnungssumme von fast 6.800 DM herausgekommen, aber ich glaubte nicht an den Weihnachtsmann. »Und zum Schluss kriegen wir als Firma noch was ‘raus!«, sagte Lamprecht und lachte schallend. Jetzt ging die Vorzimmertür ganz langsam auf und die von Neugier geplagte Sekretärin lugte vorsichtig durch den Türspalt. »Du, Moni, bring mal noch Kaffee!«, befahl er, und Moni bewegte sich mit Kaffeekanne und wackelndem Hintern artig und leise übers Linoleum. Lamprecht unterschrieb den Vertrag fast blanko, weil ich mit der Ausfertigung noch nicht am Ende war. »Meine Zeit ist knapp geworden, Herr Drehwolke, leider!«, sagte er, »und den abrechnungstechnischen Kram machen Se mit meinem Sekretariat!« Dabei zeigte er auf die Vorzimmertür. Generell rechnete ich alle Aufträge für die Inserate immer 14-tägig in bar ab und zwar in einer Zentrale des Hallenser Stadtanzeigers. Bisher handelte es sich immer nur um kleinere Summen im Vergleich zur Abrechnung des heutigen Auftrages. »Se müssen noch mal wiederkommen, sagen wor mal in zwei Stunden!« und Lamprecht schob mir einen von Dinglinger & Co unterschriebenen und von ihm abgezeichneten Auftrag über den Tisch. Alles war paletti. Ich durfte also 6.800 DM in bar kassieren. Natürlich machte ich mir nie Gedanken über derartige Bargeldkonten und auch nicht darüber, wo sie herkamen. Ich war überpünktlich und quittierte den Erhalt des Zasters. Dann fragte ich nach Lamprecht, den wahnsinnig kulanten Auftraggeber für mein bemerkenswertes Inserat im Leipziger Stadtanzeiger. »Der is fort«, antwortete die Sekretärin. »Wieso?«, fragte ich. »Na gefeuert, sozusachen, hat sich gerade vor ‘ner Stunde empfohlen«. Ich bedauerte das, aber ich freute mich über diesen Auftrag. Dann zählte mir die Sekretärin 6.800 DM in Hundertern vor. Sie hatte nie in ihrem Leben solch eine Summe in der Hand gehalten, geschweige besessen. »Wir haben eigentlich kein Geld. Diese Werbung da ist doch für den »alten Fritzen «, sagte sie plötzlich. »Wieso?«, fragte ich wieder. »Naja, der Auftrag für das Inserat, also für diese komische Mehrfachschaltung, war ein Abschiedsgruß für den blöden Dinglinger persönlich, weil er den Lamprecht als Hauptabteilungsleiter nicht mehr gebraucht hat. Das Inserat ist ein Schuss in den Ofen, weil die Firma ab morgen nach Polen verlagert wird!« So war das also mit der Lamprechtschen Kulanz. Eigentlich war die Annonce nur ein innerbetrieblicher Racheakt. Meine Verkaufstaktik hat mir in diesem Falle nicht geholfen ich hatte eben Schwein, um ehrlich zu sein!

Zwischenzeitlich war Mackenrodt wieder in Leipzig gelandet. Ich schlug vor, unsere Anzeigen in den Stadtanzeigern Leipzig und Halle zu platzieren. »Quatsch mit Soße, det Wurschtblatt liest doch keena!«, war die Antwort. »Wat kostet’n so ’ne Anzeije?«, fragte er dann und gab mir letzten Endes doch den Auftrag für eine Kleinanzeige als Fließtext. »Besser als nichts!«, habe ich mir gesagt. Im Nachhinein ärgerte ich mich über Mackenrodt und dessen Meinung über das Anzeigenblatt, welches ich eigentlich aus Überzeugung vertrat. Mackenrodt verpackte nämlich gerade in ihm ein Kaffeeservice. Dabei bewies er außerordentliches Ungeschick. »Macht sich jut, wejen det Papier. Es is nich so hart wie det von die Süddeutsche ßeitung!«, sagte er. Dabei knallte er ganz tollpatschig Obertasse gegen Untertasse, wickelte den Stadtanzeiger drumherum und warf das jeweilige Gedeck in einen Bananenkarton. Dann stellte er immer drei bis vier Kuchenteller lose nebeneinander und stopfte Knüllpapier dazwischen. Ich nahm alles noch einmal aus einander und verpackte jedes Porzellanstück einzeln. Dass Zeitungspapier ein vorzügliches Verpackungsmaterial ist, wusste ich von meinem Vater. Er lobte besonders das »Neue Deutschland« der ehemaligen DDR wegen seines Formates. Als das Service verpackt war, hatte ich von Druckerschwärze gefärbte Hände.

Am nächsten Tag rief mich meine Auftraggeberin, Frau Schindler, Stadtanzeiger Halle, an und informierte mich, dass die Hauptgeschäftsstelle in Köln gedachte, einen neuen Wind in das Anzeigenblatt zu bringen. Auf der Seite 6 des Stadtanzeigers sollte die Losung »meine Poesie« platziert werden. Geplant waren Texte von Hobbyautoren. Besondere dichterische Leistungen sollten sogar prämiert werden. »Schön!«, sagte ich. Aber so einfach wie es klang, war es eben nicht. Der Verlag, bzw. die Redaktion wollte jeweils eine Vokabel der Woche vorgeben, aus der dann ein kurzes Gedicht gezaubert werden sollte. Darüber informierte mich Frau Schindler bereits am Telefon. »Also Sie und ich wollen uns doch mit dem Anzengruber aus Köln treffen!«, sagte sie. Von wollen konnte keine Rede sein. Im ersten Moment dachte ich an Anzengruber, der der Verfasser des altbekannten Romans »Der Sternsteinhof« war. »Nöö, der hat mit dem Sternsteinhof nüscht zu tun! Dieser Anzengruber ist ja tot, aber der, den wir heute erwarten, ist ausgesprochen lebendig, Se werden schon sehen!«, entgegnete Frau Schindler. Dann fuhr sie fort: »Anzengruber kommt jedenfalls nach Halle und will sich morgen Nachmittag mit Ihnen und mit mir zusammensetzen. Er hat ein Attentat auf Sie vor! Was noch wichtiger zu sein scheint, ist die Rhetorik, mit der die Oss..., Tschuldigung, die ostdeutschen Anzeigenberater ins Rennen gehen. Da will Anzengruber mit Ihnen sozusagen ein Seminar durchführen. Also Zeit mitbringen!« »Wieso gerade ich?«, war meine Frage. »Naja, Sie sind leicht verfügbar und tragen eine vernünftige Frisur!«, war die Antwort. »Ich bin aber kein Dichter und war es nie!«, entgegnete ich. »Macht nichts!«, gab die Schindler zurück, »heute wird soviel Mist fabriziert, da fällt es gar nicht auf, wenn Sie nichts Gescheites zuwege bringen!« »Toll!«, dachte ich, »eine vernünftige Frisur macht’s schon!« »Also Herr Drehwolke, es geht natürlich auch darum, wie Sie die Kunden dazu bewegen, bei uns zu inserieren und das sollen Sie demonstrieren!« Ich glänzte zwar nie mit meinen Umsätzen, war aber für Sachsen und Anhalt beinahe der »Matador« in Punkto vertraglicher Abschlüsse. Andere Mitarbeiter hingegen kamen zu einem Abschluss pro Monat. Ich ließ mich also auf ein gemeinsames Treffen mit diesem Anzen-gruber ein, obwohl mich Mackenrodt für die nächsten Tage schon »verheizt« hatte. Da war z.B. ein Büchernachlass nach Braunschweig zu transportieren, der dem Antiquariat, Firma Jasper, angeboten werden sollte. Dazu hatte ich keine Lust, weil der knickrige Jasper nichts zahlte und ich während dieser Aktion womöglich leer ausgehen würde.

Der Tag war heran. Wenigstens war ich sicher, dass die Schmalztolle Kretzschmar vom Kölner Stadtanzeiger nicht zugegen sein würde. Trotzdem – ich war neugierig auf Anzengruber, die so vielgepriesene Koryphäe aus dem Westen.

Als ich nachmittags um Drei das Hallenser Büro betrat, war er schon anwesend. Er saß in einem Sessel, die Beine übereinander geschlagen. Er trug auffällig spitze, hellbraune Salatstecher an den Füßen. »Nun ja«, dachte ich, »vielleicht sind solche Schuhe wieder Mode!« Auf seiner Brust baumelte eine getönte Brille, die an albernen Kordeln befestigt war. Ich schätzte Anzengruber auf Ende fünfzig. Ich wollte ihm die Hand geben, er aber überlegte erst, ob er sie nehmen sollte. In der Zwischenzeit hatte ich meine Hand schon wieder zurückgezogen und vergnatzt in der Hosentasche vergraben. Aus diesem Grund nahm Frau Schindler das Zepter in die Hand und schwatzte belangloses Zeug über den Stadtanzeiger. Jetzt hatte Anzengruber seine Beine auf den Boden gestellt, als wollte er aufspringen. Frau Schindler setzte die Kaffeemaschine in Gang. Anzengruber lehnte sich in den Sessel zurück und legte die Beine wieder übereinander. »Hm!«, mehr war dem Herrn aus Köln nicht zu entlocken. »Das ist der Herr Wanzen ... Tschuldigung, Anzengruber! Früher leitete er eine Wiener Poesie-Werkstatt«, informierte mich Frau Schindler, um diesem Herrn zu gefallen. Anzengruber reagierte nicht. Inzwischen war der Kaffee fertig, extra stark, der Kaffeelöffel stand fast darin. »Früher befand sich auf Seite 6 unseres Stadtanzeigers ,Die Kulturecke‘«, fuhr Frau Schindler fort. Anzengruber fragte plötzlich, was er da für eine Kaffeesorte vor sich hätte. Er rührte und rührte in der Tasse und panschte Milch dazu, sodass der Kaffee auf die Untertasse schwappte. Frau Schindler sauste in die Küche, holte eine neue Tasse und servierte den Kaffee neu. Es war eine halbe Stunde vergangen, doch vom Poeten Anzengruber war außer Nasenschniefen nichts zu vernehmen. Dann fuhr Frau Schindler mit ihrer Rede fort. »Also auf Seite 6 des Stadtanzeigers befand sich bisher die ...« Anzengruber brabbelte einfach dazwischen. Er gedachte, der Dichtkunst im Osten auf den Zahn zu fühlen. Dazu würde es eben die ‚Vokabel der Woche’ geben. Daraus müsste dann der Leser ein Gedicht zaubern, falls er sich an den wöchentlichen Preisausschreiben beteiligen wollte. »Vielleicht sagen Sie uns ein Beispiel, Herr Wanzen... Tschuldigung, Anzengruber!« Als sich Frau Schindler das zweite Mal versprach, schaute Anzengruber ganz mürrisch drein. Dann fragte er mich: »Na Herr Drehwolke, was schlagen Sie vor? Nennen Sie doch mal ein gängiges Wort!« »Gockel«, sagte ich und dachte an Anzengruber. »Aber Herr Drehwolke, das ist doch nichts – etwas Schöneres, bitte!«, sagte Frau Schindler, »vielleicht finden Sie ein gängigeres Wort, auf das sich viele andere Begriffe reimen!« »Wanze«, entfuhr es meinen Lippen und dachte wieder an Anzengruber, der wiederum nicht so dämlich war, meine Boshaftigkeit nicht mitzubekommen. Es setzte eine bedrückende Pause ein. »Der Herr Drehwolke meint die Wanzen von Sicherheitsdiensten zum Abhören von ...« Der Giftpilz Anzengruber ließ Frau Schindler wieder nicht ausreden. »Also, das kulturelle Defizit des Ostens ...«, begann er, »merzen Sie mit unserer Hilfe aus ganz klar!«, platzte ich dazwischen. Das hat Anzengruber so gar nicht hören wollen. Auf der Titelseite eines vor uns liegenden, druckfrischen Anzeigers befand sich ein Angebot für private Geldanleger, denen man, ohne mit der Wimper zu zucken, bis 20 % Rendite pro Jahr versprach. Erst wollte ich mich darüber künstlich aufregen, doch dann ging ich in mich und ließ es bleiben. Um den Rahmen der Besprechung nicht total zu sprengen, ließ ich das Wort Löwe fallen. Ganz unten befand sich nämlich die Vignette eines Löwen, unter dessen rechter Tatze eine schmutzige Bratpfanne begraben lag. Der Löwenkopf war nach links gedreht. Dieses Tier flirtete sogar mit einer Antilope. Das Ganze sollte Überlegenheit und Kraft symbolisieren. Eigentlich war es die kitschige Werbung für einen Super-Fettlöser. »Na also!«, sagte Frau Schindler. Ich musste mich nun in einen Nebenraum zurückziehen und versuchen, mit geringstem Zeitaufwand einen Reim aus dem Wort Löwe zu zaubern. Nach einer viertel Stunde hatte ich folgenden Text parat:

Dass Löwen Antilopen mögen und es wagen,

Pfannen zu erschlagen,

ist doch maßlos übertrieben,

doch so steht es da geschrieben!

Ein Schmierfink hat dort ungeniert

aufs Titelblatt gekliert

mit Verlaub,

was nicht mal ein Säugling glaubt!

Frau Schindler nahm meinen Entwurf zuerst in die Hand und las und lachte. Dabei hüpfte ihr Busen rauf und runter. Anzengruber blieb ernst, weil ich versucht hatte, die Redakteure als Lügenbolde hinzustellen.

Dann nahm er den Stadtanzeiger zur Hand und schlug die Seite 6 auf. Dort befanden sich, auf engem Raum zusammengerafft, einige anspruchsvollere Texte, die einen kulturellen Aufschwung in der Region deklarieren sollten. Anzengruber las folgenden Text zweimal, wohl zu begründen mit der spätbarocken Ausdrucksweise von 1778. Da stand:

 

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,

Ein Fischer saß daran.

Sah nach dem Angel ruhevoll,

Kühl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt, und wie er lauscht,

Teilt sich die Flut empor;

Aus dem bewegten Wasser rauscht

Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:

»Was lockst du meine Brut

Mit Menschenwitz und Menschenlist

Hinauf in Todesglut?

Ach wüsstest du, wie’s Fischlein ist

So wohlig auf dem Grund ...

Das war z.B. ein Auszug aus Goethes naturmagischer Ballade «Der Fischer«. Anzengruber war entzückt. Offenbar hatte er für Lyrik etwas übrig. Seiner Meinung nach war dieser Text richtig platziert. Plötzlich zog er die Stirn kraus, machte ein Essiggesicht und blickte zu mir herüber. Es hatte den Anschein, als wollte er mich für die Seite 6 redaktionell verantwortlich machen.

Alles, was sonst noch an halbwegs erbaulichem Text auf der Kulturseite stand, wurde durch eine blödsinnige, knallrote Großanzeige übertüncht:

Frischfisch auf jeden Tisch!

Rollmops 6,80 DM/kg

Salzhering 5,50 DM/kg

Räuchermakrele 4,80 DM/kg

Bückling 5,10 DM/kg

Hering in Aspik 3,80 DM/kg

Kieler Sprotten ...

»Wir kennen die Gewässer und wissen, woher unsere Tiere kommen – damit sichern wir Qualität!«

Das war das Ende des Zitats! »Armer Goethe!«, dachte ich. Anzengruber tat so, als sei er entsetzt. Das machte ihn ein wenig sympathischer. Er schlug das Blatt zu und schmiss es achtlos beiseite. Natürlich musste der Stadtanzeiger Inserate an Land ziehen, um existieren zu können. Von Lyrik allein ging das natürlich nicht. Zwar gehörte Anzengruber zur obersten Heeresführung des Stadtanzeigers, aber die Administrative saß zwei Türen weiter. Anzengruber war die dritte Garnitur und dazwischen existierte nichts. »Also Herr Drehwolke, mir zu Liebe – ich nenne ihnen jetzt ein Wort und Sie schneidern etwas daraus zusammen! Z. B. passt ‚Herbstlaub’ zur Jahreszeit und hinsichtlich der derzeitigen Querelen in der Redaktion das Wort ‚Mensch’!«, sagte Frau Schindler. »Ach bittschön, Herr Drehwolke, das Wort ‚Mensch’ ist doch soo einfach – auch da könnten Sie etwas daraus schreiben!«, fügte sie hinzu. »Ich versuch’s!«, sagte ich. Und gerade weil das Wort ‚Mensch’ so einfach war, brauchte ich ewig und drei Tage, um mir einen Reim auf den Menschen zu machen. Ich dichtete also aus dem Wort Herbstlaub sofort einen 11-Zeiler, eigentlich nur um zu dokumentieren, dass ich Worte finden konnte, die sich miteinander reimten:

Mein Herbstlaubbuch

Gebunden hat man’s ohne Text,

war’s doch wie verhext -

starr mein Sinn und nichts geschrieben,

erst wollt’ ich’s und dann ist’s geblieben!

Dann sagt’ ich mir: »Legst Herbstlaub rein,

von Ahornbäumen und Kastanien,

von Magnolien, Buchen und Geranien,

von Birken, Linden, Ulmen, Eichen

und von blätterreichen

Essigbäumen vor dem Zaun

und Laub vom Williams Birnenbaum!«

 

Ebenso fiel mir etwas zum Wort »Mensch« ein, allerdings nicht sofort – ich nahm meinen Papierkram mit heim und grübelte bis gegen Morgen an diesem eigentlich so einfachen Wort herum, bis folgendes auf dem Papier stand:

Das Menschsein oder: Ein Mensch

Ein Mensch wiegt Atome, ein andrer Salbeitee,

einer sticht ins Wespennest, ein andrer in See,

mancher empfiehlt sich, mancher nicht,

einer ist düster, ein andrer ein Licht,

einer komponiert ein »Stück«,

ein andrer Farben mit Geschick,

ein Mensch löst Probleme, ein andrer Zucker im Kaffee,

einer spricht weise, ein andrer Schnee,

ein Mensch setzt Prämissen,

ein andrer Narzissen

oder pikiert halt nur

Rüben auf weiter Flur -

mancher eben

edle Gewächse im Garten Eden.

Einer fischt im Trüben, der andre im Rhein,

einer »steht im Regen«, der Invalid auf einem Bein,

ein Mensch ist Erfinderprototyp,

ein andrer dessen Patente Dieb,

einer trägt des andren Last

und wandert dafür in den Knast,

einer überfällt ‘ne Bank mit Donnerschlag,

ein andrer die Mutter mit Blumen am Muttertag,

ein Mensch dreht ‘nen Film, ein andrer ein »Ding«,

einer trägt ‘nen Titel wie mancher ‘nen Ring,

einer malt Kaffee, ein andrer das Leben –

so sind die Unterschiede eben!

Einer führt Regie der andre ‘nen Hund -

ach, ist das Menschsein bunt!

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»Wie schön!«, sagte Frau Schindler und lachte, dass ihr Busen wieder hoch und runter hüpfte. »Man könnte doch solche witzigen Texte auf der Kulturseite, also auf Seite zehn unseres Stadtanzeigers platzieren!« Und weil Anzengruber nicht reagierte, geriet sie in Rage: »De Bevölkerung ist doch dor Werbelawine längst üwerdrüssich! Herr Drehwolke, bitte nehmen Sie doch an unserm nächsten Seniorentreff deil. Vielleicht hamm Se bis dahin witzige Dexte parat, die Se uns dann vortrachen – Se bekommen ooch’n Honnerar! Ach so, was sachen Sie’n, Herr Anzengruwer?« Frau Schindler sprach sonst immer ein gepflegtes Deutsch. Sie war sich sicher, dass sie den Wessis in solcherlei Dingen in nichts nachstand. Jetzt ließ sie sich einfach gehen. Anzengruber verstand Bahnhof, denn diese Version der »Kulturseite« ging ihm entschieden gegen den Strich. »Der Leipziger Stadtanzeiger ist nun mal ein Anzeigenblatt. Für solchen Schnick…, Entschuldigung! Also für solche Dinge haben wir keine finanziellen Mittel!«, meinte er. Man hatte über seinen Kopf erörtert, erstens die Kulturecke auf ein Minimum zu schrumpfen oder ganz zu liquidieren und zweitens, für den Stadtanzeiger einen Stückpreis zu fixieren. »Nun zu Ihnen!«, sagte er. Ich begriff gar nicht, was er noch von mir wollte. »Angriff ist die beste Verteidigung!«, sagte ich mir und gab prompt einen mündlichen Bericht über das letzte Leipziger Seminar ab, das von der ersten Garnitur, also vom Geschäftsführer persönlich, geführt wurde: »Sehen Sie, Herr Anzengruber, Ihre Kölner Geschäftsleitung pfeift auf diese von Ihnen so viel gepriesene Kulturecke. Anzengruber sah mich ungläubig an. »Ich glaube, es war sogar Ihr Landsmann Kretzschmar!«, ergänzte ich und sah die Kölner Schmalztolle, bzw. den Lehrgangsleiter von neulich vor mir. Vergessen war die Kulturecke und das kulturelle Defizit im Osten. Anzengruber schob seine Oberlippe an die Nasenflügel, als wollte er sich einer Art Clownerie hingeben: »Also Herr Drehwolke, wenn Sie einen Kunden akquirieren wollen, dann avisieren Sie sich?« Diese Frage war natürlich nur ein Ablenkungsmanöver. »Nicht immer!«, antwortete ich, »manchmal falle ich einfach mit der Tür ins Haus!« »Soo?«, fragte Anzengruber und schaute in die leere Kaffeetasse. Frau Schindler goss nach. »Ich konzentriere mich auf den besonderen Vorzug des Kölner Anzeigers generell. Vor allem ist es ja so: Falls ein Kunde einen Auftrag für eine Anzeigenschaltung bestätigt, erscheint die Anzeige auch!« Ich redete Anzengruber vom Pferd rauf und runter und verwies besonders darauf, dass sich der Stadtanzeiger, obwohl er kostenlos sei, sich in jedem Ostdeutschen Briefkasten wiederfinden würde. »Ajahh!«, sagte Anzengruber nur und staunte Bauklötzer über mein allgemeines Gelabere. »Soll ich etwa nochmal Kaffee ansetzen?«, fragte Frau Schindler. »Hach«, rief sie plötzlich, »ich muss ja heute noch zur Fußpflege!« Anzengruber gaffte in die Runde. Die ehemalige Berufsschullehrerin, Frau Schindler, war zwar für das Rentnerdasein halbwegs abgesichert, aber aus Altersgründen für einen vorzeitigen Abgang aus dem Berufsleben prädestiniert. »Ich stehe auf der Abschussliste!«, sagte sie immer, wenn wir unter uns waren. Ihr war’s absolut wurscht, ob der Stadtanzeiger in den Briefkasten geknautscht oder vom Wind in der Luft zerfetzt wurde. Zwei Minuten später kam sie mit Mantel und Hut wieder, blieb vor Anzengruber stehen, um sich eigentlich zu verabschieden. Das vergaß sie natürlich total und bewusst und riskierte eine »Lippe«, eben weil sie in Kürze aus dem Berufsleben schied. »Aber Herr Anzengruber – Sie mit Ihren langen Stelzen! Soll ich mir kurz vor meinem Abgang noch die Hachsen brechen?« Dann war sie zur Tür hinaus, für mich leider auf Nimmerwiedersehen.

Frau Schindler drückte mir vor dem Treffen mit Anzengruber einen Kontrakt in die Hand. Darin war meine Festanstellung beim Leipziger bzw. Hallenser Stadtanzeiger festgeschrieben. Außerdem sollte ich in der Perspektive als Redakteur für die Kulturecke agieren. Das machte mich stolz. Zum Schluss entdeckte ich unter § 12 mein Festgehalt. Es betrug vom Ersten bis zum Letzten des Monats 1200 DM Brutto. Alle elf Paragraphen umfassten Pflichten innerhalb der Absätze 1 bis 4 inklusive der mehr als 2000 km, die für das Betreuen meiner Kundschaft pro Monat und im Durchschnitt zurückzulegen waren. Ich rechnete mir aus, dass das unter § 12 festgeschriebene Bruttogehalt schon für die Finanzierung meines Fahrzeuges draufgehen würde. Sämtliche Arbeitsaufgaben waren in elf Pragraphen verankert. Bekanntlich ist 4 x 11 = 44 und 44 Aufgaben waren zu bewältigen. Aufgaben des Arbeitgebers waren so gut wie nicht fixiert. Ebenso fehlten die Aussagen zu meiner Krankenversicherung. Frau Schindler hatte natürlich keine Aktie am Entwurf dieses merkwürdigen Pamphlets – es war für solche Leute geschneidert, die den Hut mit dem Dampfhammer aufsetzten. Ich ließ es einfach liegen und verschwand für immer aus der Filiale des Stadtanzeigers.