Mackenrodt kreuzte eigenartigerweise schon 8.00 Uhr morgens bei mir auf. Über geschäftliche und organisatorische Belange sprach er heute nicht. Ich fragte nach dem Grund, doch ich bekam keine Antwort. Schließlich hatte er seinen Schützling Zangenberg gefeuert und ihm dennoch eine Abfindung von mehr als zwanzig Riesen überlassen, trotz des Unsinns, den er verzapfte. Das saß Mackenrodt nun doch tief im Nacken. Zangenberg hatte sich verriegelt und verrammelt und das schon mehrere Tage, also konkret seit Mittwoch. Mackenrodt sah vor, Kalle im häuslichen Gefilde aufzusuchen. Dabei sollte ich ihn begleiten. Ich tat es ungern. Wiederum machte ich mir darüber Gedanken, was aus Kalle geworden ist. Sein Schlüsselversteck hinter der Flurgarderobe war ja bekannt. Wir fuhren also gemeinsam in die Georg-Schumann-Straße. Unsere Hoffnung hatte sich erfüllt – der Zweitschlüssel befand sich nach wie vor in seinem Versteck. Alles sprach dafür, dass Zangenberg anwesend war. Um ehrlich zu sein, mein Herz schlug bis zum Hals, weil ich Schreckliches ahnte. Ich fingerte den Wohnungsschlüssel hinter der Flurgarderobe vor. Mackenrodt riss ihn mir aus der Hand und schloss die Tür auf. Ein furchtbarer Gestank schlug uns entgegen. Kalle lag auf der Couch und war scheinbar an jenem Mittwoch gestorben. Er starrte an die Decke. Ich sah in Kalles Gesicht – es sprach Bände. Der Ausdruck war der eines Enthusiasten, eines Denkers und Grüblers zugleich. Ich hatte das Gefühl, als wäre Kalle »im Nirgendwo«. Dabei übersah ich alles, was der Zahn der Zeit in Kalles Gesicht, also von Mittwoch bis zum Montag und in der Schwüle des Sommers angerichtet hatte. »Det is bloß ’n chemischer Vorjang!”, bemerkte Mackenrodt. Das war alles, was er zum Tod Kalles von sich gab. Die Ursache dessen an sich war leicht zu lokalisieren. Kalle hatte eine Mixtur aus Schlaftabletten und hochprozentigem Alkohol fabriziert, mit der er sich gewollt oder ungewollt umbrachte. Mackenrodt hatte in den wenigen Sekunden das halbe Wohnzimmer auf den Kopf gestellt, um nach restlichem Zaster zu suchen. Das Chaos in Kalles Wohnung war nun größer als vorher. Weil Mackenrodt die Eigenheiten Kalles kannte, durchsuchte er die unmöglichsten Stellen und fand tatsächlich um die dreitausend DM. Dann machte er sich über Kalle her. Er versuchte, ihn auf die Seite zu drehen, um so unter das Polster zu gelangen, auf dem er lag. An Kalles Körper befanden sich ohnehin nur Turnhose und Unterhemd. Jetzt versuchte Mackenrodt, mit dem rechten Unterarm unter das Polster zu gelangen, um in das Innere des Möbels greifen zu können. Dann fuhr er mit seiner dreckigen Hand zwischen Polster und Sofalehne hin und her, um festzustellen, ob dazwischen nicht etwa der Rest des Geldes versteckt sei – nichts! Dann wollte er Kalle einfach von der Couch werfen, um diese nach oben kippen zu können. Das ging mir natürlich über die Hutschnur. Ich schickte mich an, die Polizei zu holen, doch Mackenrodt drohte, mich zu feuern. In seiner ersten Euphorie wollte er mich sogar aus Kalles Wohnung werfen. Da machte sich plötzlich ein Geräusch breit, das wie leises Stöhnen klang. Es war Kalle, oder besser gesagt, der chemische Vorgang in ihm. Mackenrodt wurde blass wie der Körper Kalles. Er fasste sich mit der rechten Hand an den Hals, als wäre er dem Erstickungstod nahe. Erst wollte er die Leiche Kalles fleddern, dann kam die Mimose in ihm durch und nun glaubte er auch noch an einen Fluch aus dem Jenseits. Vom Entsetzen gepackt stürzte Mackenrodt ins Treppenhaus. Ich war der Meinung, dass ihm sein momentaner Zustand recht geschah. Gestraft hatten ihn die »guten Geister«, die ihn verlassen hatten. Ich lief zur nächsten Telefonzelle und rief das Polizeirevier Ritterstraße an.
Kalle starb also an einer Überdosis Schlaftabletten, eben in Verbindung mit konzentriertem Alkohol. Da kein Abschiedsbrief existierte, ging man davon aus, dass sich Kalle aus Versehen umbrachte. Man nagelte uns etwa zwei Stunden auf dem Polizeirevier fest. Der wichtigere Zeuge von uns beiden war natürlich Mackenrodt, da er bislang in enger Beziehung zu Rosa Zangenberg, also Kalles Mutter, stand. Mackenrodt versuchte, sie noch am gleichen Abend vom Ableben ihres Sohnes telefonisch zu informieren, doch ohne Erfolg. Dies gelang erst am Donnerstag früh gegen fünf Uhr. Frau Zangenberg war unbeeindruckt vom Tod ihres Sohnes Konrad. Sie reagierte sogar brüsk wegen des frühmorgendlichen Anrufes und gab lediglich an, eine stressige Nacht hinter sich gebracht zu haben. Um wenigstens noch etwas an Schlaf nachholen zu können, gedachte Frau Zangenberg nun, in irgendeinen Mittagszug Berlin-Leipzig zu steigen.