»Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land!« – ein alter, aber toller Spruch, welcher oft durch meine liebe Großmutter geprägt wurde. »Anstand ist das halbe Leben!« Auch diese Redewendung sollte für mich Richtschnur sein! »Trotzdem – Holzauge sei wachsam!«, sagte ich mir seit dem Desaster mit der Detektei Bubach.
Ich ging die Stellenangebote in der Süddeutschen, Mitteldeutschen und der Leipziger Volkszeitung und des Leipziger Stadtanzeigers durch. Da suchte z.B. ein expandierendes Unternehmen Textilverkäufer mit unbegrenzten Verdienstmöglichkeiten. »Das wärs! Vielleicht habe ich die erste Million bald im Kasten!« sagte ich mir. Dann blätterte ich zur nächsten Seite, weil ich an die Pleite hinsichtlich des versuchten Teppichverkaufes von neulich nicht erinnert werden wollte. Auf Grund meiner Deprimiertheit war ich bereit, nahezu jeden Job anzunehmen und biss bei einer Fensterbaufirma aus Sindelfingen an. Diese Firma benötigte dringend einen Außendienstmitarbeiter zu besten Konditionen. In Aussicht stand ein »Bombengehalt«, vertraglich gebunden und fest, mit betriebseigenem PKW. Ich hatte, nach dem ich die Anzeige intus hatte, fast an einen Jumbojet mit eigenem Piloten geglaubt. Nach dem Anzeigentext zu urteilen, wurde sogar ein fünfstelliges Gehalt in Aussicht gestellt. Allerdings blieb offen, für welchen Zeitraum. Ich sagte mir, Angriff ist die beste Verteidigung und begab mich in die Höhle des Löwen, ohne Netz und doppelten Boden, ohne Voranmeldung, nur mit dem Vorsatz, den Gebietsleiter von mir selbst zu suggerieren. Da prasselten plötzlich Vorurteile über Vorurteile auf mich ein, denn die Firma befand sich in einem Hinterhof nahe der Gießerstraße 17 in Leipzig-Plagwitz. Das Gebäude, in welchem sich die Firma Robert Felgentreu-GmbH eingenistet hatte, ragte wie ein hohler Zahn in den Himmel – der Rest eines Abbruchobjektes. Ich lief über eine knarrende Holztreppe an einem stinkenden Halbtreppenklo vorbei und stand zwischen zwei tollen Balustraden, die sich wie architektonische Wunder in dieser Halbruine platzierten. Als ich näher hinsah, stellte ich fest, dass es Imitate aus Presspappe waren. Dann passierte ich einen langen Flur, welcher an einer grauen Stahltür endete. Dahinter befand sich ein zu einem Vorzimmer umfunktioniertes Großraumbüro, das von einer langbeinigen Blondine überwacht wurde. Jetzt verbaute sie mir erst einmal den Weg ins Büroinnere. Ich redete wie eine Dreckschleuder auf sie ein um darzulegen, dass ich ein ungeahntes Leistungsvermögen in petto hätte. Ich hoffte natürlich, dass sie mich richtig verstanden hatte. Dann nahm ich das Stellenangebot der Firma Felgentreu zur Hand und hielt es dem weiblichen Bodyguard dicht unter die gepuderte Nase. Die Dame schaute durch mich hindurch und plapperte in ein riesiges Handy hinein, um den drei Meter entfernten Boss über meine Anwesenheit zu informieren. Am Ende des Vorzimmers befand sich eine provisorisch gepolsterte Tür, die sich öffnete. Vor mir stand der Boss der Leipziger Filiale, Herbert Felgentreu. Er trug eine Stirnglatze und schaute mürrisch drein. In seinen Mundwinkeln befand sich heller Schaum. Vermutlich hatte er sich während eines Telefonates in Rage geredet. Plötzlich begann er zu lächeln. Daraus war zu schlussfolgern, dass Felgentreu jetzt für ein Informationsgespräch programmiert war. Hinsichtlich meiner zur Schau gestellten Extravertiertheit war ich dem Geschäftsführer sympathisch und durfte Platz nehmen. Die Vorzimmerdame bekam grünes Licht zur ,Höflichkeit in Person‘. Sie steppte zur Kaffeemaschine, um diese in Gang zu setzen. Als dies nicht funktionierte, verfiel die Blondine in Hysterie. Laut Anweisung des Firmenchefs wurde nun der Kaffee mit meinem Einverständnis türkisch gebraut. Der Chef fragte mich nach meinem Alter und anschließend nach der Entlohnung, die ich mir in naher Zukunft vorstellte. Also war nichts mit einem vertraglich fixierten Gehalt, denn die nahe Zukunft begann vielleicht am Sankt-Nimmerleins-Tag. Auf beide Fragen antwortete ich so unkonkret, als möglich. Der Firmenchef vermied das Händegeben, vielleicht aus hygienischen Gründen. Darüber war ich verärgert. »Gott sei Dank!«, dachte ich letzten Endes, denn Felgentreu umwickelte seinen rechten Zeigefinger mit seinem Taschentuch, um in der Nase zu bohren. Wir saßen uns gegenüber, voneinander getrennt durch einen schmalen Beistelltisch und sagten nichts. Ich fragte nach den territorialen Bedingungen, die die Firma womöglich im Kontrakt festschrieb. »Wir spinnen unsere Fäden deutschlandweit!«, antwortete Felgentreu. »Also schiebe ich eine ruhige Kugel, weil Sie sagen spinnen!«, entgegnete ich. Bevor Felgentreu zu Wort kam, versuchte ich zu klären, welchen Fahrzeugtyp die Firma für den jeweiligen Außendienstmitarbeiter auserkoren hatte. Felgentreu wollte mit dieser Frage partout nichts anfangen, weil die Bereitstellung eines Firmenwagens in Wirklichkeit nicht zur Debatte stand. Ich bot ihm scheinheilig meinen eigenen PKW an. Felgentreu grinste. Ich schlug sogar vor, mein Gehalt selbstverständlich aus der eigenen Tasche zu berappen, jedenfalls am Anfang meiner Karriere. Mir war klargeworden, dass ich der Firma Felgentreu auf Provisionsbasis zur Verfügung stehen müsste. Dazu brauchte ich allerdings noch etwa 2 bis 3000 DM Startkapital. Felgentreu grinste wieder, nur etwas breiter. Jetzt wollte er mich in diesem nahezu kochenden Blümchenkaffee beinahe ertränken. Die Blondine goss und goss. Dabei kippte sie den Kaffee auf die Tischplatte. Felgentreu knirschte vor Wut mit den Zähnen. Er unternahm den Versuch, mit seinem Stuhl nach hinten rücken, um der Kaffeelawine zu entrinnen. Ich hatte jetzt meine Beine so nach vorn gestellt, dass sie Felgentreu’s Stuhlbeine unbarmherzig umklammerten. Der kochend heiße Kaffee schwappte genau dorthin, wo er landen sollte, nämlich auf Felgentreu’s Hosenstall. Felgentreu jammerte, bis der Kaffee an dieser empfindlichen Stelle erkaltet war – es gab kein Entrinnen! Um sich der Hose zu entledigen, war Felgentreu zu eitel, aber davor, mich über den Tisch zu ziehen, hatte er natürlich keinerlei Scheu. Es gab ein Gezeter ohne Ende. Felgentreu redete von tätlichem Angriff, den ich auf ihn gestartet hätte. Zeugen gab es nicht und wenn?! Die Bürovorsteherin trat sogleich mit einem versifften Abwaschlappen in Aktion, um den Kaffee auf Hose und Tisch breitzuwischen. In der Zwischenzeit entschwand ich klammheimlich aus dem Büro, denn auf Grund meines für kapitalistische Verhältnisse schon zu weit fortgeschrittenen Alters war ich für die Firma Felgentreu allemal entbehrlich.