Hanse Nachtschatten
Nachtschatten
Andrew Offutt
Sein
Wuschelhaar war schwärzer denn schwarz, und die Augen wirkten kaum
heller unter den buschigen Brauen, die über der Hakennase fast
zusammenwuchsen. Sein Gang erinnerte manche an diese rot-schwarzen
Kampfhähne, die von Mrsevada eingeführt werden. Nachtschatten
nannten sie ihn. Das war keineswegs als Kompliment gemeint, und er
verbat es sich, bis Klauer Eidschwörer ihm versicherte, daß es gut
sei, einen Spitznamen zu haben obgleich er selbst sich wünschte,
seiner wäre nicht Klauer Eidschwörer. Außerdem hatte Nachtschatten
einen romantischen, finsteren Klang, und das gefiel seinem
selbstbezogenen Ego, das das größte an ihm war. Von Gestalt war er
eher mittelmäßig, hager, drahtig — von flinker Drahtigkeit—und mit
diesen großen Muskelknoten an Oberarmen und Waden, wie viele Männer
sie sich wünschen.
Nachtschatten! Das genügte als Beschreibung. Seine Herkunft war schattenhaft, und er arbeitete des Nachts. Vielleicht war er im Schatten von Abwind geboren oder drüben in Syr. Es spielte keine Rolle. Er gehörte nach Freistatt und wünschte sich, es gehörte ihm. Er benahm sich auch so, als wäre das der Fall. Wüßte oder vermutete er nur, daß er von Abwind gekommen war, wäre er nun jedenfalls überzeugt, daß er längst darüber hinausgewachsen war. Er hatte ganz einfach keine Zeit für diese Straßenbanden, deren Anführer er ansonsten zweifellos geworden wäre.
Er wußte genausowenig wie andere, wie alt er war. Vielleicht zählte er bereits zwanzig Sommer, möglicherweise aber auch weniger.
Er hatte schon einen beachtlichen Schnurrbart gehabt, noch ehe er fünfzehn gewesen war.
Das an den Seiten wie Rabenflügel geschnittene, leicht gelockte Haar bedeckte zwar seine Ohren, reichte jedoch nicht bis zu den Schultern. Er trug einen Ring unter dem Haar, am linken Ohr. Das wußten nur wenige. Mit vierzehn hatte er ihn sich anbringen lassen, um sie zu beeindrucken, die ihm in jenem Jahr die Unschuld genommen hatte. (Sie war damals zweimal zwanzig und zwei Jahre gewesen und hatte einen Mann wie ein Quaderstein mit Bauch. Jetzt ist sie ein altes Weib mit einem noch größeren Bauch als ihr Ehegespons zu jener Zeit.) »Seine Wimpern unter diesen buschigen, glänzenden Brauen sind so schwarz und dicht, daß sie getuscht aussehen wie die einer Frau oder der Priester in Yenized«, sagte ein Mann mit dem Spitznamen Wiesel zu Cusharlain im Einhorn. »Irgend so ein Dummkopf sagte das mal in seiner Gegenwart. Die Narben wird er nie loswerden, und er ist froh, daß er noch einmal mit der Zunge und dem Leben davongekommen ist. Er hätte wissen sollen, daß ein Bravo mit zwei Wurfmessern am rechten Arm gefährlich und linkshändig ist. Und mit einem Namen wie Nachtschatten ...!«
Er hieß natürlich nicht wirklich Nachtschatten. Gewiß, viele kannten seinen wirklichen Namen nicht oder erinnerten sich nicht mehr daran. Er hieß Hanse, ganz einfach Hanse. Nicht Hanse Nachtschatten. Die Leute nannten ihn entweder bei dem einen oder dem anderen oder bei gar keinem Namen.
Er schien die ganze Zeit in einen Umhang gehüllt zu sein; das jedenfalls hatte eine sehr nachdenkliche S ’ danzo einmal zu Cusharlain gesagt. Nicht in einen richtigen, stofflichen Umhang, sondern in einen unsichtbaren, der seine Miene, sein inneres Ich verbarg. Manche sagten, seine Augen seien verhüllt wie die einer Kobra. Das stimmte aber nicht. Sie schienen lediglich nicht nach außen gerichtet zu sein, diese glitzernden schwarzen Onyxe, die seine Augen waren. Vielleicht war ihr Blick auf den unsichtbaren Kamm gerichtet, den er als Kampfhahn ja wohl haben und der riesig sein mußte.
Des Nachts stolzierte er nicht, außer er betrat eine Schenke. Die Nacht war natürlich Hanses Zeit, so, wie sie Klauers gewesen war. Des Nachts »schleicht Hanse wie eine hungrige Katze«, behaupteten so manche und schauderten vielleicht dabei. Auch das stimmte nicht ganz. Er schlich nicht, er glitt dahin. Die weichen Sohlen seiner Stiefel hoben sich bei jedem Schritt höchstens einen Fingerbreit, und sie senkten sich auf die Ballen, nicht die Fersen. Manche machten sich darüber lustig, doch nicht Hanse ins Gesicht, denn sein Gang wirkte dadurch recht ungewöhnlich. Die Höhergeborenen beobachteten ihn mit ästhetischer Faszination und nicht ganz ohne Grauen. Bei den Frauen, ob nun höhergeboren oder nicht, war die Faszination mit Interesse durchzogen, obgleich manchmal unwilligem. Die Bemerkung der meisten war vorhersehbar: ein ekliges, ziemlich sinnliches Tier, dieser Hanse, dieser Nachtschatten.
Man hatte ihm gesagt, daß gezieltes Üben ihn zu einem Meisterfechter machen könnte: er schien dazu geboren zu sein. Eine Anstellung, eine Uniform — doch daran war Hanse nicht interessiert. Tatsächlich verachtete er Soldaten und Uniformen. Und nun haßte er sie sogar, mit einer Art kalter, unvernünftiger Vernunft. All das erfuhr Cusharlain, und er begann ihn, den sie Nachtschatten nannten, gut kennenzulernen—und immer weniger zu mögen. Hanse erschien ihm zu jener Art übertüchtiger, selbstgefälliger Hüpfer zu gehören, denen man auf dem Bürgersteig Platz machte—und sich dann selbst deshalb verachtete.
»Hanse ist ein Bastard!« fluchte Shive, der Tauscher und hieb die Faust auf den breiten Tisch, auf dem er mit Leuten wie Hanse Geschäfte tätigte, nämlich Diebesgut prüfen und dafür blanke Münze bezahlen.
»Ah!« Cusharlain blickte ihn unbefangen an. »Ihr meint dem Wesen nach?« »Vermutlich auch durch Geburt. Ein Bastard sowohl durch Geburt als auch dem Wesen nach. Es wäre besser, all diese geckenhaften, unverschämten, eingebildeten, schleicherischen Bravos wären totgeboren worden!«
»Er hat Euch also verärgert, Shive?«
»Ein Bravo ist er, ein kleiner Gauner, das ist alles!«
»Ein kleiner Gauner?«
»Nun, vielleicht ein bißchen mehr.« Shive zupfte an seinem Schnurrbart, den er wie die Hörner einer Bergziege gezwirbelt hatte. »Klauer war ein verdammt guter Dieb. Von der Art, die das Gewerbe ehrbar machte. Ein Künstler, auf seine Weise. Mit ihm Geschäfte zu machen, war ein Vergnügen. Und Hanse war sein Gehilfe, oder fast, sozusagen ... und er hat es in sich, ein noch besserer Dieb zu werden. Nicht Mann - Dieb.« Er hob einen Finger, der von Wachs glänzte. »Ja, er hat es in sich, aber er wird es nie aus sich herausholen!« Auf seinem Rückweg strich der Finger über eine Schnurrbartspitze.
»Ihr meint also, er schafft es nicht«, sagte Cusharlain und entlockte so Worte von einem Mann, der gelernt hatte, seinen Mund zu halten, und dadurch noch lebte und reich war.
»Stimmt, das meine ich. Nicht lange und er wird einen Fuß oder so blanken Stahls abbekommen oder in der Luft tanzen.«
» So wie es Klauer ergangen ist, wie ich Euch erinnern möchte«, sagte Cusharlain, dem aufgefallen war, daß in diesem Gewerbe niemand »henken« sagte.
Shive ärgerte sich über diese Bemerkung. »Nach einer langen erfolgreichen Berufsausübung. Und Klauer war geachtet! Ist es jetzt noch!«
»Hmmm. Schade, daß Ihr nur den Meister und nicht den Gesellen bewundern könnt. Ihr könntet Hanse von Nutzen sein, und er Euch. Wenn er ein erfolgreicher Dieb ist, kann er dem Hehler, den er sich aussucht, viel einbringen ...« »Hehler? Hehler?«
»Verzeiht, Shive. Der Wechsler, den er auswählt, damit er ihm seine Ware gegen rankanische Münzen austauscht. Der Gewinn ist ...«
»Er hat mich betrogen!«
Ah! Shive gab es also endlich zu! So also hatte Hanse ihn verärgert. Shive war fett und fünfzig und der erfahrenste Wechsler in Freistatt — und er war von einem eingebildeten Springinsfeld hereingelegt worden! »Oh!« murmelte Cusharlain. Er erhob sich und lächelte fast ein wenig spöttisch. »Wißt Ihr, Shive, Ihr solltet das lieber nicht eingestehen! Schließlich seid Ihr ein Mann mit mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung — und er zählt erst so viele Sommer, wenn er nicht noch jünger ist.«
Shive blickte dem Zollinspektor nach. Der war ein in Freistatt aufgewachsener Aurveshaner und jetzt im Dienst Rankes, ihres Eroberers. Aber auch in dem einer Gruppe von Wechslern und Freistatts obersten Dieben — jene, die so erfolgreich waren, daß sie ihrerseits andere Diebe beschäftigten. Mit einem betonten Kräuseln seiner Lippe das er bis zur Perfektion geübt hatte - und nachdem er über die doppeltgedrehte linke Schnurrbartspitze gestrichen hatte, wandte Shive seine Aufmerksamkeit ganz wieder der Bemühung zu, einen kostbaren Rubin aus seiner viel zu leicht erkennbaren Fassung zu lösen.
Cusharlain streifte gegenwärtig im Dienst eines weiteren Arbeitgebers durch das Labyrinth, denn er war ein ehrgeiziger Mann, der nie genug kriegen konnte, und stets zugängig, wenn etwas Profit versprach oder neue Auftraggeber ihm etwas einbringen konnten. Heute zog er lediglich Erkundigungen ein über den ehemaligen Gehilfen Klauer Eidschwörers, dieses Meisterdiebs, der gehenkt worden war, nachdem der neue Prinz-Statthalter von Ranke hierhergekommen war, »um in diese Diebeswelt einer Stadt Gesetz und Ordnung zu bringen, im Notfall mit Gewalt!« Dieser (sehr) junge Esel, der über Bestechungen stand und Drohungen nicht hörte, wollte doch tatsächlich über Freistatt herrschen! Die Stadt säubern! Dieser junge Kadakithis, der bereits den Spitznamen Kittycat, also Miezekätzchen, hatte.
Bis jetzt hatte er die Priesterschaft verärgert, jeden einzelnen Dieb und Hehler in Freistatt, und gut drei Fünftel der Wirte. Auch einen Teil der Standortsoldaten, und zwar durch seine babyreinen, ekelhaft tüchtigen Höllenhunde. Einige der alten Herrenhausbewohner hielten ihn für einfach wunderbar!
Macht vermutlich noch ins Bett, dachte Cusharlain mit einem Kopfzucken, während er gleichzeitig geschickt den Gewandsaum zur Seite zog, damit ein beinloser Bettler, der daran zupfen wollte, ihn nicht erreichte. Cusharlain wußte nämlich durchaus, daß dieser Bursche seine Beine nur hochgebunden und unter seinem langen, zerlumpten Mantel verborgen hatte. Warum nicht? Also haßte ein Junge von neunzehn oder zwanzig, ein Dieb, einen Gleichaltrigen, den Halbbruder des Kaisers, der hierhergeschickt worden war, weil dies der hinterste Winkel des Reichs war und dadurch weit entfernt vom Thron! Das hatte der Zollinspektor heute bei seiner Informationssuche für seinen geheimnisvollen Arbeitgeber erfahren. Hanse, Hanse! In seinem ganzen Leben hatte dieser Hanse Achtung vor nur einer anderen Person außer sich selbst empfunden, vor Klauer Eidschwörer, seinem verehrten Meister. Und Klauer war verhaftet worden, wozu es in der guten alten Zeit nicht gekommen wäre. In der Zeit V. V.P., dachte Cusharlain, der Zeit »Vor dem Verdammten Prinzen. Und was noch unglaublicher war — wenn es für Unglaublichkeit Ab stufungen gäbe —, Klauer war gehenkt worden! Prinz Dummkopf!
»Ah, der Junge weiß, daß es ihm einfach nicht gelingen kann, dem Prinzen was anzutun«, hatte jemand dem Nachtschenken der Goldenen Echse gesagt, und dieser wiederum Cusharlains alter Freundin Gelicia, die das vielbesuchte Haus der Nixen leitete. »So denkt er sich, etwas vom Prinz-Statthalter zu stehlen und viel schnelles Geld damit zu machen.«
Cusharlain starrte sie an. »Dieser junge Kampfhahn will in den Palast einbrechen?« rief er und kam sich sogleich schrecklich dumm vor. Woraufhin sie mit ja geantwortet hatte.
»Spotte nicht, Kuscher.« Gelicia hob eine teigige Hand, deren Finger unter den vielen Ringen fast verschwanden. An diesem Mittag trug sie Apfelgrün-Purpur, PurpurLavendel und Lavendel-Lila-Orange, und das Ganze auf eine Weise, daß ein großer Teil ihres konkurrenzlosen Busens unbedeckt blieb — ein Busen, der zwei weißen Sofakissen ähnelte und den zu beäugen Cusharlain absolut kein Interesse hatte.
»Wenn es zu machen ist, wird Nachtschatten es schaffen«, sagte sie überzeugt. »Komm, schenk dir Wein nach. Hast du von dem Ring gehört, den er sich unter Corlas Kopfkissen holte - und das, während Corla darauf schlief? Corla ist der Kamelhändler, aber das weißt du ja. Und hast du davon erzählen gehört, daß Hanse nur so zum Spaß auf das Kasernendach der dritten Kompanie kletterte und den Reichsadler herunterholte?«
»Nein, aber ich habe mich gefragt, was aus dem Adler geworden ist.«
Sie nickte, daß ihr Dreifachkinn hefig schwabbelte und ihre Ohrringe blitzten. Diese Ohrringe hatten gut den gleichen Durchmesser wie sein Weinkelch, der aus Silber war. Oder vielmehr ihr Weinkelch, aus dem er trank. »Nachtschatten«, sagte sie, »und das schwöre ich bei Eshi, hatte ein verlockendes Angebot von so einem reichen Knacker irgendwo oben in Twand, aber Hanse schlug es ab. Er sagte, er wolle das Ding selbst behalten, um jeden Sonnenaufgang darauf zu pissen.«
Cusharlain lachte. »Und — wenn es nicht möglich ist? Den Palast ausrauben, meine ich.«
Gelicia zuckte die Schultern, daß ihr Busen hüpfte wie Gummibälle bei starkem Erdbeben. »Nun, dann hat Freistatt eben einen Gauner weniger, und niemand wird ihn vermissen. Oh, meine Lycansha wird zwar eine Zeitlang um ihn weinen, aber sicher nicht lange.«
»Lycansha? Wer ist Lycansha?«
Die Ringe an Gelicias Hände blitzten, als sie eine Figur in die Luft zeichnete, genau wie ein Mann es getan hätte. »Ah, sie ist die süßeste kleine zungenfertige Caditerin, die du je gesehen hast, und sie schätzt seine Drahtigkeit und seine Mitternachtsaugen. Kuscher ... möchtest du sie ... ah ... kennenlernen. Sie ist gerade frei.«
»Ich bin dienstlich unterwegs, Gelicia.« Sein Seufzer war genau berechnet. »Um dich nach unserem kleinen Nachtschatten zu erkundigen?« Gelicias fleischiges Gesicht nahm eine Miene an, die manche listig-verschlagen genannt hätten.
»Ja.«
»Nun, wem immer du auch Bericht erstattest, Kuscher—mit mir hast du nicht gesprochen!«
»Natürlich nicht, Gelicia! Wofür hältst du mich? Ich habe mit niemandem gesprochen, dessen Namen oder Adresse ich kenne oder an dessen Gesicht ich mich erinnern könnte. Mir geht meine gute Beziehung zu euch interessanteren Bürgern vor ...« er hielt inne, als sie erheitert lachte, «... und ich habe nicht die Absicht, sie mir zu verderben oder die körperlichen Attribute zu verlieren, die erforderlich sind, mich hin und wieder deiner liebreizenden Mädchen anzunehmen.«
Sie lachte noch lauter, das hörte er, als er bereits die Straße erreichte, und das verriet ihm, daß die erfolgreiche Gelicia seinen kleinen Spaß schließlich verstanden hatte. Das Viertel der Roten Laternen war zu dieser Tageszeit eine recht ruhige Gegend, nachdem der Staub und die Spuren der nächtlichen Kunden beseitigt worden waren. Nun wurden Bettücher gewaschen; Besorgungen gemacht; das Schloß eines Hauses hier repariert. Cusharlain blinzelte hoch. Der Feind, eine entsetzliche, weißglühende Kugel an einem entsetzlichen Himmel, der die Farbe von Gilbwurzpulver, von Safran durchzogen, annahm, stand hoch und hatte den Mittag fast überschritten. Eindaumen dürfte inzwischen auf sein. Cusharlain beschloß, auch ihn gleich aufzusuchen und sich mit ihm zu unterhalten, dann könnte er seinen Bericht vielleicht noch bis Sonnenuntergang fertigstellen. Sein Auftraggeber schien weit weniger Geduld als Geld zu haben. Der Zollinspektor einer verkommenden Stadt, dessen Hauptunternehmen Diebstahl und die Beseitigung seiner F olgen war, hatte ersteres erfahren und war nun dabei, seinen Anteil zu letzterem beizutragen.
»Hat was?« fragte die bildschöne Frau. »Wanzen? Was heißt wanzen?«
Ihr Begleiter, der kaum älter als die Siebzehn- oder Achtzehnjährige war, mußte sich zusammennehmen, um sich nicht besorgt umzusehen. »Psst! Doch nicht so laut! Wann kommen Wanzen aus ihrem Bau?«
Sie blinzelte den schwarzhaarigen, so angespannten jungen Mann an. »Wie-wieso? Des Nachts?«
»Genau wie Diebe.«
»Oh!« Sie klatschte lachend in die Hände, daß ihre Armreifen - ohne Zweifel aus Gold - klimperten, und legte eine Hand auf seinen Arm. »Oh, Hanse, ich weiß so wenig und du so viel.« Ihre Miene veränderte sich. »Diese Härchen sind wie Flaum!« Sie nahm die Hand nicht fort von dem Arm mit den dunklen, dunklen Härchen.
»Die Straße ist mein Zuhause. Sie hat mich geboren und genährt. Ja, ich weiß eine Menge.«
Er konnte noch immer nicht so recht an sein Glück glauben: daß er hier, außerhalb des Labyrinths, in einem anständigen Weinhaus saß, mit dieser wahrhaftig schönen Lirain, die - bei den Tausend Augen und auch bei Eshi, konnte es wirklich wahr sein? — eine der Konkubinen war, die der Prinz-Statthalter von Ranke mitgebracht hatte. Und sie ist offenbar fasziniert von mir, dachte Hanse. Er benahm sich, als säße er jeden Nachmittag hier in der Goldenen Oase mit einer wie sie. Welch ein Zufall, welch ungeheures Glück, im Basar so auf sie gestoßen zu sein. Und im wahrsten Sinne des Wortes gestoßen. Sie war gelaufen und er hatte über die Schulter nach einem von Jubais Kinderschrecks geschaut, da waren sie zusammengeprallt und mußten sich aneinander festhalten, um nicht zu fallen. Sie war so verlegen gewesen, hatte sich immer wieder entschuldigt und offenbar ihre Unachtsamkeit wiedergutmachen wollen - und so saßen sie nun hier, er, Hanse, und diese Schöne aus dem Palast, unbewacht und unbeobachtet. Und allein von dem, was sie an sich trug, hätte er ein ganzes Jahr in Freuden leben können. Er bemühte sich sehr, überlegen zu wirken.
»Dir scheint mein Vorbau zu gefallen, nicht wahr?«
»Wa-as?«
»Oh, tu nicht so. Ich bin ja nicht dumm. Wenn ich nicht wollte, daß man ihn ansieht, würde ich ein hochgeschlossenes, unförmiges Gewand tragen.«
»Uh - Lirain, ich habe außer deinem bisher nur ein einziges anderes perlenbesticktes Seidenmieder gesehen—und das war nicht so fein mit Goldfaden bestickt und hatte nicht so viele Perlen, auch konnte ich da nicht so nah herankommen.« Verdammt, dachte er, ich hätte ihr Komplimente machen und nicht sie wissen lassen sollen, daß mein Interesse meiner Unersättlichkeit entsprang und ich mich für die Verpackung und nicht den Inhalt interessierte!
»Oh! Diese Enttäuschung! Hier bin ich, eine von sieben Frauen für nur einen Mann, und gelangweilt, und ich dachte, du wolltest in mein Mieder, dabei willst du lediglich das Mieder ohne Inhalt. Was soll da ein armes Mädchen tun, das an die Schmeicheleien von Höflingen und Dienern gewöhnt ist, wenn ein echter Mann unverblümt die Wahrheit spricht?«
Hanse versuchte, nicht zu zeigen, wie geschmeichelt er sich fühlte, aber er wußte auch nicht, wie er sich entschuldigen sollte, und Phrasen dreschen — außer solche, wie sie im Labyrinth üblich waren — konnte er auch nicht. Außerdem hatte er das Gefühl, daß diese schmollippige Schönheit mit dem herzförmigen Gesicht und dem hübschen fraulichen Bäuchlein sich ihren Spaß mit ihm machte. Sie wußte, daß ihr Schmollen unwiderstehlich war.
»Trag ein hochgeschlossenes, unförmiges Gewand«, sagte er, und während sie lachte: »und schau nicht so verführerisch drein. Dieser echte Mann weiß, was du gewöhnt bist, und daß du dich nicht für Hanse, die Wanze, interessieren kannst.« Ihre Miene wurde ernst. »Du hast wohl keinen Spiegel, Hanse? Möchtest du nicht wissen, ob ich es ehrlich meine?«
Hanse kämpfte gegen seine Verblüffung an und erholte sich schnell. Mit innerem Kribbeln und äußerem Selbstvertrauen sagte er: »Hättest du Lust zu einem Spaziergang, Lirain?«
»Ist an seinem Ende vielleicht ein Gemach, wo wir ungestört sind?«
Er blickte sie so fest an wie sie ihn und nickte.
»Ja!« sagte sie schnell, sie, die Konkubine des Prinzen Kadakithis. »Könnte etwas so Hübsches wie dieses Mieder im Basar zu bekommen sein?«
Er stand auf. »Wer würde es kaufen? Nein, sicher nicht«, antwortete er verwirrt über ihre Frage.
»Dann mußt du mir eben das Beste kaufen, was wir nach kurzem Umsehen finden können.« Sie lachte über sein entsetztes Gesicht. Dieser eingebildete Bursche dachte jetzt, sie sei eine Hure, die ihren Preis hatte, wie andere Mädchen auch. »Damit ich etwas zum Anziehen habe, wenn ich zum Palast zurücckehre«, erklärte sie und beobachtete, wie dieses erschreckende und doch sinnliche Onyxpaar, das seine Augen waren - ganz hart und kalt und wachsam verriet, daß er nun verstand. Sie legte ihre Hände in seine, und sie verließen die Goldene Oase.
»Natürlich bin ich sicher, Bourne!« Lirain schlüpfte aus dem mit blauen Arabesken bestickten, grünen Seidenmieder, das Hanse ihr gekauft hatte, und warf es dem Mann auf dem Diwan zu. Er grinste so breit, daß sich sein dichter brauner Bart verzog. »Er hat solchen Hunger! Nie ist er entspannt, und er ist so voller Wünsche und Begehren, will so sehr etwas sein und tun. Er ist so beeindruckt von mir, oder vielmehr von dem, was ich bin, und doch würde er selbst unter Folterqualen leugnen, daß ich mehr als nur ein kleiner Zeitvertreib war. Du und ich wissen beide nur zu gut, wie Niedriggeborene nach mehr als nur leiblicher Nahrung hungern! Er ist völlig von mir eingenommen, und er wird das perfekte Werkzeug sein, Bourne. Mein Informant versicherte mir, daß er ein sehr geschickter Einbrecher und Dieb ist, und daß er Prinz Kittycat berauben und ihm so sehr eins auswischen will, daß er keine Ruhe finden wird, ehe es ihm nicht gelingt. Das habe ich gleich erkannt. Hör zu, er ist ein Volltreffer für uns!«
»Ein Dieb, und geschickt, sagst du.« Bourne kratzte den Schenkel unter dem Rock seiner Höllenhunduniform. Er schaute sich in den Gemächern um, in denen sie sich in den Nächten aufhielt, in denen der Prinz sie möglicherweise besuchte - in einigen Stunden erst. »Und er hat jetzt ein kostbares Mieder von dir, das er verkaufen kann. Vielleicht prahlt er und bringt dich so in Schwierigkeiten. Und diese Art von Schwierigkeiten enden durch den Tod, Lirain.« »Es fällt dir wohl schwer zuzugeben, daß ich—eine Frau—das fertiggebracht habe, Liebster? Hör zu, dieses Mieder wurde mir heute am Markt gestohlen — hinten aufgeschnitten und mir entrissen, ehe ich auch nur um Hilfe schreien konnte. Ein Kind von etwa dreizehn, ein schmutziges Straßenmädchen, rannte damit davon wie ein Renndromedar. Ich habe es niemandem gesagt, weil mir der Verlust so nahegeht und ich mich so gedemütigt fühle.«
»Na schön. Vielleicht. Das ist nicht schlecht—abgesehen von der Behauptung, daß es hinten aufgeschnitten wurde.
Es könnte ja wieder, und zwar ganz, auftauchen. Hmmm - nein, das glaube ich nicht. Vermutlich wird die teure Seide einfach weggeschmissen, während die Perlen und der Goldfaden verkauft werden. Und wie geschickt war er im Bett, Lirain?«
Lirain blickte ergeben zum Himmel hoch. »O Sabellia, und wir nennen dich die Scharfzüngige! Diese Männer! Seuche und Dürre, Bourne! Kannst du nicht mehr als ein Mann sein? Er war—erträglich. Das ist alles. Ich erfüllte meine Pflicht. Wir erfüllen unsere Pflicht, Liebster. Unser Auftrag dieser >gewissen besorgten Edlen< in Ranke - ich könnte Gift darauf nehmen, daß der Kaiser selbst dahintersteckt, weil er sich Sorgen wegen der Anziehungskraft seines hübschen, goldhaarigen Halbbruders macht -, nun, dieser Auftrag ist, Seine hübsche, goldhaarige Hoheit Kadakithis unbeliebt zu machen. Dabei schafft er das völlig ohne unser Zutun. Er will in diesem Rattenloch von einer Stadt Gesetze der Zivilisation einführen! Besteht weiterhin darauf, daß die Tempel für Savankala und Sabellia größer und prächtiger sein müssen als der von Ils, den die Leute hier verehren, und daß Vashankas Ils’ gleich sein muß. Die Priester hassen ihn, die Kaufleute hassen ihn, die Diebe hassen ihn - und die Diebe sind es, die diese Stadt am Leben erhalten.«
Bourne nickte — und zeigte seine Kraft, indem er einen fünfzehn Zoll langen Dolch zog, um sich damit die Fingernägel zu putzen.
Lirain warf ihren Hüftgürtel aus Silbergliedern auf einen Kissenhaufen und spielte abwesend mit ihrem Nabel. »Und wir geben der Sache jetzt den letzten Schliff. Die Anhänger des Schönlings werden keine Bedrohung für den Kaiser mehr sein! Wir helfen Hanse, der Wanze — wie er sich nennt -, in den Palast zu gelangen.«
»Woraufhin er auf sich selbst gestellt ist«, bemerkte Bourne und fuchtelte mit dem Dolch. »Wir dürfen nicht in Verdacht geraten.«
»Oh«, entgegnete sie und stellte betont ihre Reize zur Schau. »Ich werde mit Seiner Hoheit liegen, während Hanse ihm seinen Statthalterstab stiehlt: das Savankh von Ranke, das der Kaiser ihm höchstpersönlich als Symbol seiner unbeschränkten Amtsgewalt überreicht hat! Hanse wird ohne Zeugen mit Kittycat verhandeln wollen: den Stab für ein fettes Lösegeld und seine Sicherheit. Und wir werden dafür sorgen, daß es allgemein bekannt wird. Ein Einbrecher stahl das Savankh aus dem Palast! Und der Prinz-Statthalter wird zur Zielscheibe des allgemeinen Gespötts in der Reichshauptstadt. Er wird hier verkümmern—oder, was schlimmer für ihn wäre, in Ungnaden in die Hauptstadt zurückberufen werden.«
Der Riese, der so selbstverständlich auf ihrem Diwan lag, nickte bedächtigt. »Ich sollte dich vielleicht daran erinnern, daß du durchaus mit ihm hier verkümmern kannst.«
»Oh, nein! Man hat dir und mir versprochen, uns aus diesem Loch zu holen. Und ... Bourne ... wir werden eine hohe Belohnung bekommen, wenn es uns auf heldenhafte Weise gelingt, das Savankh zu Ehren des Reiches zurückzubekommen. Natürlich erst, nachdem sein Diebstahl allgemein bekannt ist.«
»Ah, das ist gut!« Bourne hob die Brauen und schürzte die Lippen, was durch den braunen Schnurrbart und Vollbart abstoßend wirkte. »Und wie wollen wir es bewerkstelligen? Willst du Hanse auch dafür ein Mieder geben?«
Lirain blickte ihn lange an. Kühl wölbten ihre Brauen sich über den blaubeschatteten Lidern. »Und was ist das in deiner Hand, Wächter — Seiner Hoheit so ergebener Höllenhund?«
Bourne schaute blinzelnd auf den Dolch in seiner haarigen Pranke, dann blickte er Lirain an und fing zu grinsen an.
Obgleich kaum beliebt und wohl auch nicht sonderlich liebenswert, gehörte Hanse doch zur hiesigen Gemeinschaft obwohl ein bezahlter Verbündeter, der Zollinspektor jedoch nicht. So erfuhr Hanse von drei Seiten, daß Cusharlain sich im Aufrag eines anderen nach ihm erkundigt hatte. Nach einigem Überlegen schloß Hanse einen Handel mit einem ungewaschenen kleinen Dieb. Als erstes machte er ihn darauf aufmerksam, daß er ihm ohne weiteres die fünf wirklich schönen Melonen einfach wegnehmen könnte, die der Junge sich im Lauf des Nachmittags so geschickt angeeignet hatte. Der Dieb erklärte sich daraufhin einverstanden, vier der Melonen gegen einen längeres Stück steifer, geflochtener Goldborte einzutauschen. Mit Messergriff und Daumen drückte Hanse am Stielansatz jeder Melone ein kleines Loch ein und gab in jedes eine hübsche Perle, also vier seiner vierunddreißig. Die derart behandelten Früchte setzte er vor die fette und ihren Namen wahrhaftig zu Unrecht tragende Mondblume, eine S ’ danzo, die Essen, Melonen, Perlen und Hanse gern hatte und häufig bewies, daß sie kein Scharlatan war—wie so viele andere. Wenige nur hatten die Gabe. Daß sie sie besaß, davon war sogar der ansonsten recht skeptische Hanse überzeugt.
Sie saß auf einem gepolsterten Hocker von besonderer Breite und mit extra festen Beinen. Ihre gehäuften Schichten roter, gelber und grüner Röcke verhüllten ihn und verbargen so die Tatsache, daß dies ihr mehr als üppiges Gesäß allein schon geschafft hätte. Mit dem Rücken lehnte sie an der Ostwand der windschiefen Hütte, in der sie mit ihrem Mann und sieben ihrer neun Kinder hauste und in der ihr Mann, nun, Dinge verkaufte. Hanse setzte sich mit überkreuzten Beinen vor sie hin. Ohne seine messerbestückten Armbänder und in einem staubigen Kittel von der Farbe eines alten Kamels sah er sehr jungenhaft aus. Er schaute zu, wie eine Perle unter Mondblumes Schultertuch in - wie sie es nannte - ihrer Schatztruhe und eine Melone zwischen ihren lavendelbemalten Lippen verschwand, und wie schnell!
»Du bist so ein guter Junge, Hanse.« Wenn sie sprach, klang Mondblume sanft wie ein Kätzchen.
»Nur wenn ich etwas will, Feuerblume.« Er wußte, daß sie es mochte, wenn er so redete.
Sie lachte, strahlte über das ganze Vollmondgesicht und strich ihm durchs Haar. Dann erzählte er seine Geschichte und reichte ihr schließlich, in einem einfachen Tuch verborgen, einen Streifen Seide, zwei Miederträger und zwei Brustschalen mit vielen F adenlöchern.
»Ah, du hast eine Dame in der Goldallee besucht! Wie lieb von dir, Mondblume vier der Perlen zu überlassen, die du so sorgfältig von diesem hübschen kleinen Mieder abgeschnitten hast.«
»Sie schenkte es mir für geleistete Dienste«, sagte er mit lässiger Geste.
»O ja, natürlich. Hmmmm.« Sie faltete den Seidenstreifen, legte ihn wieder auseinander, strich fast zärtlich darüber, zog ihn durch ihre Hände mit den vielen Grübchen am Rücken, und leckte ganz vorsichtig daran — ein übergroßes, dickes Kätzchen, wie sie so mit ihrer Gabe zu lesen begann. Sie schloß die Augen und war ganz still — genau wie Hanse, der wartete.
»Sie ist tatsächlich eine Ku ..., ich meine, was du gesagt hast.« Obgleich sie schon fast in Trance war, blieb Mondblume doch diskret. »O Nachtschatten! Du bist in eine Verschwörung verwickelt, wie du sie dir nicht einmal in deinen Träumen vorgestellt hättest. Seltsam — das muß der Kaiser sein, dieser ferne Beobachter! Und der riesenhafte Mann mit deiner ... ah ... Bekannten ... Ja, wahrhaftig ein Gigant mit einem buschigen Bart. In Uniform? Ich glaube ja. Beide unserem Herrscher nah. Doch ... ahhh ... sie sind seine Feinde. Ja. Sie haben sich gegen ihn verschworen. Sie ist eine Schlange und er ein gerissener Löwe. Sie wollen ah, jetzt sehe ich es! Der Prinz-Statthalter ist gesichtslos. Ja. Sie wollen, daß er sein Gesicht verliert!« Sie öffnete die Augen und starrte ihn groß an. »Und du, Hanse, mein Süßer, bist ihr Werkzeug!«
Sie blickten einander einen langen Moment an. »Am besten, du verschwindest eine Weile, Nachtschatten. Du weißt ja, was man mit Werkzeug macht, wenn es nicht mehr gebraucht wird.«
»Man wirft es weg!« knurrte er finster und bedauerte nicht einmal den Verlust von Lirains zierentblößtem Mieder, das Mondblume in einem schultertuchbedeckten weit größeren verschwinden ließ.
»Oder«, sagte sie sehr eindringlichen Blickes, »hängt es auf!«
Dann waren also Lirain und ihr (uniformierter?) Kumpan selbst Werkzeuge, schloß Hanse, während er durch die Straßen wanderte. Prinz Kadakithis war hübsch anzusehen und charismatisch. Also hatte sein kaiserlicher Halbbruder ihn nach Freistatt, in die hinterste Ecke des Reiches, geschickt. Und jetzt wollte er ihn unmöglich machen. Hanse verstand den Sinn dahinter durchaus und wußte, daß der Kaiser—was man auch Gegenteiliges über ihn sagen mochte - alles andere als ein Dummkopf war. So sah es demnach aus. Lirain hatte soviel über ihn, Hanse, gehört, daß sie Cusharlain beauftragt hatte, weitere Erkundigungen über ihn einzuziehen. Es war ihr gelungen, eine Begegnung mit ihm zu arrangieren. Obgleich es seinen Stolz kränkte, mußte er doch, zumindest sich selbst gegenüber, zugeben, daß sie es sehr geschickt geplant und angestellt hatte. Jetzt war also er ihr Werkzeug. Ein Werkzeug von Werkzeugen.
Doch zumindest war Kadakithis zu berauben schon seine Idee gewesen, ehe er diese berechnende Konkubine kennengelernt hatte. Solange er durch sie sein Ziel erreichen konnte, war er durchaus bereit, sie glauben zu lassen, er wisse nicht, daß sie ihn lediglich benutzte. O ja, er war bereit, ihr Werkzeug zu spielen, um in den Palast zu gelangen. Es gab beachtliche Möglichkeiten für einen klugen Mann, und Hanse hielt sich für doppelt so klug, wie er war, und das war beachtlich. Und schließlich, zum Werkzeug von komplottschmiedenden Werkzeugen gemacht zu werden, war viel zu erniedrigend, als daß Hanses Ego es hätte hinnehmen können.
Ja, er würde den Statthalterstab an sich bringen und sich vom Prinzen dafür Gold—nein, lieber Silber, das war weniger auffällig—geben und seine Freiheit sichern lassen. Aus Suma oder Mrsevada oder von sonstwo würde er eine Botschaft schicken und Kadakithis mitteilen, anonym, natürlich, daß Lirain eine Verräterin war. Vielleicht würde er sich auch direkt nach Ranke begeben und den Kaiser darauf aufmerksam machen, was für ein Paar unfähiger Leute er in Freistatt hatte. Hanse sah sich bereits reich belohnt und als Vertrauten des Kaisers ...
Und so trafen er und Lirain sich wieder, einigten sich und machten ihren Plan. Tatsächlich war ein Tor unverschlossen geblieben. Tatsächlich verließ ein Wächter seinen Posten an einer Palasttür. Tatsächlich erwies auch sie sich als nicht verschlossen. Hanse verriegelte sie hinter sich. Und so gelangte ein Hanse, der ungewöhnlich breit um die Mitte war, Einlaß in das prunkvolle Zuhause des Statthalters von Freistatt. Dunkle Korridore brachten ihn zu dem beschriebenen Gemach. Da der Prinz sich gegenwärtig nicht darin aufhielt, wurde es auch nicht zusätzlich bewacht. Der Elfenbeinstab, so geschnitzt, daß er wie grobborkiges Holz aussah, war tatsächlich da. Aber unerwartet hatte eine von Lirains Mitkonkubinen die Abwesenheit des Prinzen genutzt, um es sich, offenbar voll Erwartung, in seinem Bett gemütlich zu machen, und ihr Schlaf erwies sich als alles andere denn tief. Jedenfalls öffnete sie nicht nur die Augen, sondern auch den Mund, um laut zu schreien. Aus dem Schrei wurde durch Hanses Geistesgegenwart jedoch nur ein Quieken, denn er versetzte ihr einen Hieb auf den Bauch, der erschreckend gewölbt und weich für ihr Alter war. Hastig preßte er ihr ein Kissen aufs Gesicht, was ihm ein paar Kratzer und ein blaugeschlagenes Schienbein einbrachte. Doch dann erschlaffte sie. Er vergewisserte sich, daß sie nur bewußtlos, nicht tot war, und fesselte sie mit einem Riemen ihrer eigenen hochgeschnürten Sandale. Den Ring, den sie an einem Ohr trug, nahm er ihr ab. Und all das im Dunkeln. Dann beeilte er sich, den Statthalterstab in die Decke eines niedrigen Tischchens einzuschlagen. Nun zog er seinen Kittel hoch und begann, das dreißig Fuß lange, mit Knoten versehene Seil von seiner Taille abzuwickeln. Er hatte es für angebracht gehalten, es mitzunehmen. Lirain hatte ihm versichert, daß in den Abendtrunk der Höllenhunde ein Schlafmittel gemischt würde. Hanse wußte nicht, daß das tatsächlich stimmte, daß einer der fünf kräfigen Riesen es nicht nur persönlich getan hatte, sondern selbst nicht weniger getrunken hatte als die anderen. Und so schliefen Bourne und seine Kameraden tief und fest. Der Plan sah vor, daß Hanse den Palast auf dem gleichen Weg verließ, den er gekommen war. Da er jedoch wußte, daß man ihn als Werkzeug betrachtete, und er ohnedies von Natur mißtrauisch und vorsichtig war, hatte er beschlossen, einen anderen Rückweg zu nehmen.
Er befestigte ein Ende des Seils an dem Tisch, dessen Decke er an sich genommen hatte. Das andere warf er aus dem Fenster. Da der Tisch größer als die Fensteröffnung war, würde er ihm auch nicht hindurch folgen können.
So kletterte Hanse hinaus und hinunter und schlug Richtung Westen ein, zwischen den Freudenhäusern hindurch. Sein Rücken kribbelte, als rannten Skorpione mit erhobenem Stachel ihn auf und ab. Aber offenbar war die gefesselte Benutzerin des Bettes Seiner Hoheit noch nicht gefunden worden.
Noch vor dem Morgengrauen erreichte Hanse seine Kammer im ersten Stock eines Hauses im Labyrinth. Aber er legte sich noch nicht sofort zur Ruhe, sondern bewunderte das Symbol rankanischer Amtsgewalt, das nach einem Gott genannt war, von dem es angeblich stammte. Die Bewunderung galt jedoch nicht seinem Aussehen, denn er sah wirklich nicht nach viel aus, dieser gertenähnliche Stab von kaum zwei Fuß aus vergilbendem Elfenbein. Er hatte es geschafft!
Kurz nach dem Mittag des nächsten Tages redete Hanse auf den geschwätzigen alten Hakiem ein, der in letzter Zeit viel davon sprach, was für ein großartiger Mann Seine hübsche Hoheit war, und daß Seine Hoheit ihn nicht nur einiger Worte gewürdigt, sondern ihm auch zwei gute Silberstücke geschenkt hatte. Doch heute redete Hakiem nicht, sondern hörte zu — und er schluckte immer wieder. Aber was konnte er tun, als sich einverstanden zu erklären?
Mit dem hübschen Anhänger vom Ohrring einer Frau ging Hakiem zum Palast und wurde auch zu Seiner Hoheit vorgelassen, nachdem er dem Prinzen ein Wort mit dem Anhänger hatte zukommen lassen. Er versicherte ihm, daß er nichts mit dem Diebstahl zu tun hatte. Nur unter vier Augen gab er wieder, was er ausrichten sollte. Es ging um Lösegeld.
Der Prinz-Statthalter mußte bezahlen, und er wußte es. Wenn er das verfluchte Savankh zurückbekam, brauchte niemand weiter zu erfahren, daß es überhaupt gestohlen worden war. Taya, die die Nacht in seinem Bett zugebracht hatte, und zwar auf weit weniger angenehme Weise, als sie gehofft hatte, wußte nicht, woran der Einbrecher interessiert gewesen war. Außerdem schien sie seine Drohung ernstzunehmen, daß er verschiedene Teile ihrer Anatomie strecken oder sonst unfreundlich behandeln lassen würde, sollte sie zu irgend jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über den nächtlichen Vorfall äußern.
Inzwischen jubelten die Konkubine Lirain und der Höllenhund Bourne, planten die Enthüllung, die ihrem Arbeitgeber so sehr schaden würde. Tatsächlich verloren sie keine Zeit, ihren Auftraggebern in Ranke eine entsprechende Botschaft zu schicken. Das war verfrüht, unklug, ja regelrecht dumm.
Als nächstes kam der Zufall, der im Grunde genommen gar keiner war. Zalbar und Quag waren Hitzköpfe, die allzu gern zum Schwert griffen. Razkuli klagte über Brennen in den Gedärmen und mußte außerdem ständig laufen. Blieben demnach nur zwei Höllenhunde, denn wen sonst würde der Prinz beauftragen? Nach kurzem Überlegen entschied er sich für Bourne. Bourne sollte sich mit dem Dieb in Verbindung setzen. Er erhielt genaue Anweisungen. Alles sollte so geschehen, wie der Dieb es durch Hakiem verlangt hatte. Natürlich würde Bourne keineswegs leer ausgehen. Man machte ihm klar, daß es als Jux anzusehen war. Bourne bestätigte, versprach’s, schlug die Hacken zusammen und brach auf. Früher einmal hatte man vom Herrenhaus einen herrlichen Ausblick auf das Meer gehabt und auf die natürliche Terrassenlandschaft, die etwa eine Meile entlang der Küste bis Freistatt verlief. Ein Kaufmann hatte hier mit seiner Familie gelebt, zwei Konkubinen, die sich glücklich schätzten, Gesinde und einer kleinen Armee zum Schutz. Der Kaufmann war reich. Er war nicht beliebt und es störte ihn nicht, daß manchen nicht gefiel, wie er zu seinem Reichtum gekommen war und wie er ihn vermehrte. Eines Tages griffen ihn Piraten an. Zwei Tage später spuckte die Schlucht, dort, wo die Wildnis begann, Barbaren aus. Auch sie griffen ihn an. Die kleine Armee des Kaufmanns erwies sich als zu klein. Er, seine Armee, sein Gesinde, seine unglücklichen Konkubinen und seine F amilie wurden ausgelöscht. Das Haus, das er Adlerhorst genannt hatte, wurde gebrandschatzt. Die Piraten waren keine Piraten, und die Barbaren keine Barbaren gewesen - im wörtlichen Sinn jedenfalls nicht: es hatte sich um Söldner gehandelt. So war es vor vierzig Jahren durch jenes heimliche Bündnis der Edlen und Kaufleute von Freistatt zu einer Neuverteilung des Reichtums gekommen. Andere hatten aus dem Namen »Adlerhorst« aus irgendeinem Grund »Adlerschnabel« gemacht, und so wurde es jetzt noch genannt, obgleich das ehemalige Herrenhaus nicht viel mehr als ein Trümmerhaufen war und nur Spinnen, Schlangen, Echsen, Skorpione und Schnecken dort hausten. Und da gemunkelt wurde, daß es in Adlerschnabel spukte, wurde die Ruine gemieden.
Es war ein guter Ort für ein nächtliches Treffen und die Übergabe von Ware. So kam Bourne nach Adlerschnabel, allein, auf einem tänzelnden Pferd, das aus reiner Freude daran und Stolz darüber mit dem Schweif peitschte. Dieses Pferd trug außer Bourne weiche Sattelbeutel: schwer und klingelnd.
Neben der angegebenen verkümmerten Akazie zügelte Bourne sein Tier und schaute sich nach dem Trümmerhaufen um, der einst ein prächtiges Herrenhaus gewesen war. Er legte seinen langen Umhang ab, ehe er absaß, und dann, nachdem er neben dem Pferd stand, auch noch den schweren Waffengürtel, den er an den Sattelknauf hängte. Nunmehr löste er die prallen Beutel, ließ ihren Inhalt klimpern und stellte sie auf den Boden. Dann trat er davon und von dem Pferd weg und hielt die Arme weit von seinem Körper ab, während er sich langsam umdrehte.
Er hatte so die Tauschware gezeigt und auch, daß er nicht bewaffnet war. Nun flog ein Steinchen von irgendwoher gegen einen Granitbrocken und prallte hüpfend davon ab. Bei diesem Signal duckte Bourne sich und leerte beide Sattelbeutel zu einem klingenden, klimpernden, klirrenden, schimmernden und glänzenden Haufen, unter dem auch einige Goldstücke glimmten. Seufzend und mißmutig gab er schließlich das Ganze wieder in die Beutel aus weichem Leder zurück - jeder so groß wie ein großes Diwankissen. Beide schleppte er zu einem riesigen Steinblock, gegen den ein anderer Stein lehnte, und hob sie auf ihn hinauf. Alles genau wie gefordert.
»Sehr gut.« Diese Stimme, männlich und jugendlich, kam von irgendwo aus der Dunkelheit. Kein Talboden konnte so mit Steinen besät sein, wie dieser einstige Innenhof von Adlerschnabel. » Steigt jetzt auf Euer Pferd und reitet zurück nach Freistatt.«
»Nicht, ehe ich nicht habe, was ich von Euch bekommen soll.«
»So geht hinüber zu der Akazie und blickt in Richtung Freistatt.«
»Ich werde zu dem Baum gehen und die Sattelbeutel im Auge behalten, Dieb. Wenn du dich ihnen ohne den Stab näherst ...«
Bourne ging auf die Akazie zu, ohne den Blick von den Beuteln zu nehmen. Da trat ein junger, überschlanker und dunkelgekleideter Mann aus den Schatten. Die Mondsichel stand hinter ihm, so daß Bourne sein Gesicht nicht zu sehen vermochte. Der Bursche sprang leichtfüßig auf einen Stein und hielt das gestohlene Savankh hoch.
»Ich sehe es!«
»Gut, dann kehrt zu Eurem Pferd zurück. Ich werde das hier auf den Boden legen, wenn ich mir die Beutel hole.«
Bourne zögerte, zuckte die Schultern und machte sich daran, auf sein Pferd zuzugehen. Hanse, der sich für sehr klug hielt und das viele Geld in den Händen halten wollte, sprang von seinem Granitpiedestal und eilte zu den Beuteln. Er schob den rechten Arm durch den Verbindungsriemen und legte den Stab in seiner Linken nieder. In diesem Augenblick drehte sich Bourne um und stürmte los, um sich auf den Dieb zu stürzen. Während er bewies, wie schnell ein riesenhafter, stämmiger Mann in Kettenrüstung laufen konnte, bewies er auch, was für ein ehrloser Halunke er war. In seinem Kettenhemd am Rücken trug er, von einem Kamelhaarhalsband gehalten, eine Scheide. Im Laufen zog er einen Dolch heraus, so lang wie sein Unterarm.
Sein Opfer erkannte, daß es nicht nur dumm, sondern Selbstmord wäre, versuchte er mit dem schweren Silber davonzulaufen - bei dieser Heftigkeit des andern. Aber er war jung und ein Dieb: geschmeidig, klug und flink. Bourne fletschte erfreut die Zähne, denn er dachte, der Junge sei vor Schrecken und Furcht erstarrt - bis Hanse sich bewegte, so schnell wie die Eidechsen, die zwischen diesen Steintrümmern herumhuschten. Die Sattelbeutel klatschten gegen Bournes rechten Arm. Der Dolch flog durch die Luft, während der Höllenhund halb herumgewirbelt wurde. Hanse gelang es, das Gleichgewicht zu behalten, und er schmetterte Bourne das Lösegeld auf den Rücken. Der Mann fiel der Länge nach aufs Gesicht. Hanse rannte—zu Bournes Pferd. Er wußte, daß Bourne ihn einholen könnte, solange er mit den Beuteln beladen war, und er hatte nicht vor, sich von ihnen zu trennen. Mit ein paar Sätzen gelangte er zu einem Steinblock und von dort sprang er auf den Pferderücken, so, wie er es von anderen gesehen hatte. Das war Hanses erster Versuch, ein Pferd zu besteigen. Mangel an Erfahrung und das Gewicht des Lösegelds ließen ihn auf der anderen Seite wieder hinunterfallen.
Stumm stand er auf. Nein, er fluchte nicht, wie man vielleicht erwartet hätte. Da kam auch schon Bourne und aus seiner Faust ragten fünfzehn Zoll scharfen Eisens. Hanse zog Bournes anderen Dolch aus der Schneide am Sattel und warf das kleine, flache Messer aus seinem Armband. Bourne duckte sich und sprang nach links, und das Wurfmesser klapperte auf die Trümmer von Adlerschnabel. Bourne kam heran und griff unter dem Pferd an. Hanse schlug mit seinem eigenen Dolch nach ihm. Um zu verhindern, daß er sein Gesicht verlor, mußte Bourne sich fallenlassen — unter das Pferd. Hanse konnte den Schwung des Hiebes nicht mehr aufhalten, und der Dolch ritzte die Innenseite des linken hinteren Pferdebeins.
Das Tier wieherte, bäumte sich auf, schlug um sich und versuchte zu galoppieren. Die Ruine war ihm jedoch im Weg, also drehte es um—gerade als Bourne auf die Füße kam. Hanse rannte schnell von ihm weg, einen Sattelbeutel drückte er an sich, den anderen zerrte er halb hinter sich her. Bourne und sein Pferd stießen zusammen. Er fiel auf den Rücken, es bäumte sich auf, wieherte, tänzelte —und verhielt sich plötzlich völlig still, als fühlte er sich schuldbewußt. Bourne, der zum zweitenmal innerhalb von zwei Minuten schmerzhaft mit dem Boden Bekanntschaft gemacht hatte, verfluchte Pferd, Hanse, sein Pech, die Götter und sich selbst ebenfalls. Und machte sich daran aufzustehen.
So schlecht es auch behandelt worden war, Bourne hatte das Pferd, sein Schwert und ein paar Schritte entfernt das Symbol rankanischer Amtsgewalt. Hanse hatte mehr Silber, als Bourne Pension bekommen würde, doch bei diesem Gewicht konnte er nicht hoffen, mit ihm zu entkommen. Er könnte es fallenlassen und fliehen, oder er würde von dem Höllenhund eingeholt werden. Bourne hoffte, während er den Dolch schwang, der andere würde weiterlaufen. Welch ein Spaß es wäre, sein Spielchen mit ihm zu treiben!
Hanse versuchte, zu einem Entschluß zu kommen, aber das war nicht leicht. Vielleicht hätte er einen oder auch zwei Götter bestechen, vielleicht am Nachmittag auch besser auf den Brunnen aufpassen und jetzt nicht diesen Weg nehmen sollen. Zu spät wurde er auf ihn aufmerksam—und fiel hinein.
Des Sturzes selbst wurde er sich viel weniger bewußt als einer völligen Desorientierung - und der Tatsache, daß er immer und immer wieder, abwechselnd mit allen Körperteilen, gegen die Wände des Brunnens schlug, die aus Ziegelstein waren, und gegen die Sattelbeutel, oder vielmehr sie gegen ihn. Als sein Ellbogen gegen die Ziegel schmetterte, entglitten ihm die Beutel. Er hörte sie nicht auf platschen, denn er selbst krachte gegen etwas, das nicht Wasser war. Und es schmerzte.
Das alte hölzerne Windengerüst mit dem Dach war in den Brunnen gefallen oder hineingeworfen worden. Diese Trümmer sehr alten nassen Holzes schwammen jedoch nicht auf dem Wasser, sondern hatten sich schräg verkeilt. Hanse schlug auf ihnen auf, rutschte und klammerte sich daran. Seine Füße und Waden waren im Wasser. Das Holz knarrte. Das ehemalige Brunnendach fing den kopfgroßen Stein ab, den Bourne ihm nachgeworfen hatte. Der faustgroße Stein traf die Brunnenwand, prallte davon ab, rollte Hanses Rücken hinunter und verfing sich kurz an seinem Gürtel, ehe er ins Wasser plumpste.
Da es so lange dauerte, bis Bourne das Platschen hörte, schätzte er den Brunnen viel tiefer als er war. Hanse klammerte sich weiter fest, seine Füße baumelten im Wasser. Das Wasser war kalt.
Im Kreis des etwas helleren Lichtes bemerkte Hanse Bournes behelmten Kopf. Der Höllenhund spähte in den Brunnen und sah nichts.
»Falls du noch am Leben bist, Dieb, dann behalt die Sattelbeutel! Niemand wird dich je finden oder sie - noch das Savankh, das du gestohlen hast. Du hast uns auf gemeinste Weise hereingelegt und bist sowohl mit dem Geld als auch dem Stab entkommen. Zweifellos werde ich von Seiner hübschen Hoheit deshalb streng bestraft werden — bin ich jedoch erst in Ranke zurück, bekomme ich eine hohe Belohnung. Du warst sowohl ein Dummkopf als auch ein Werkzeug, Junge, denn wisse, ich habe gute Freunde in Ranke, die zuhöchst erfreut sein werden über die Weise, auf die ich Prinz Kittycat zum Gespött gemacht habe!«
Hanse, dem jeder Knochen weh tat und der befürchtete, die morschen Planken könnten nachgeben, stellte sich tot. Wie kalt Wasser doch in einem vierzig Fuß tiefen Ziegelschacht war!
Grinsend stapfte Bourne zu dem Savankh, den Seine dumme Hoheit nie mehr sehen würde, und schob es in den Gürtel. Dann stieß er das Schwert in den Boden und plagte sich mit einem gewaltigen Stein, den er vorsichtshalber noch in den Brunnen werfen wollte.
Sein Pferd wieherte. Bourne, der sein Schwert in einiger Entfernung stecken hatte lassen, erstarrte und sah aus den Augenwinkeln zwei Männer herbeikommen. Beide hielten blanke Klingen in der Hand. Einer war ein Soldat. Der andere war — der Prinz-Statthalter?!
»Danke, daß du uns dein Geständnis hast mithören lassen, Verräter Bourne.« Bourne handelte ohne Zögern. Er erreichte sein Schwert, und da er nicht dumm war, hieb er auf den gefährlicheren Gegner ein. Kurz hielt des Soldaten Kettenrüstung die Klinge auf, doch dann sackte der Mann zusammen. Bourne riß das Schwert zurück und wirbelte herum, gerade als des Prinzen Hieb seine Seite traf. Da er nie übermäßig kräftig gewesen war, hatte Kadakithis früh gelernt, bei seinen Übungen mit schwereren Klingen alle Kraft einzusetzen, damit seine Gegner seine Schläge auch spürten. Das tat er auch jetzt im Ernstfall und so wild und heftig, daß seine Klinge mehrere Glieder von Bournes Kettenrüstung durchtrennte, die dadurch in Bournes Fleisch stachen. Der Höllenhund gab schreckliche Laute von sich. Regelrecht geschockt und im Bewußtsein, daß er verwundet war, entschied er, daß es das beste war zu fliehen. Er schwankte im Laufen, und der Prinz ließ ihn gehen.
Kadakithis hob den Stab seiner Amtsgewalt auf und schlug ihn gegen ein lederbekleidetes Bein. Sein Herz klopfte ungewollt hefig, als er sich niederkniete, um dem Soldaten zu helfen, dem er vertraut und deshalb mitgenommen hatte. Doch der arme Kerl hatte sich im Fallen den Schädel an einem Stück einer Marmorstatue gebrochen. Von einem Gott getötet, dachte Kadakithis und blickte Bourne an, der in der Dunkelheit zwischen den Steinblöcken der Ruine verschwand. Der Prinz-Statthalter überlegte. Schließlich trat er an den Brunnen, kniete sich daneben und rief in die Schwärze hinunter.
»Ich bin Prinz Kadakithis. Ich habe den Stab. Vielleicht spreche ich zu einem bereits Toten, vielleicht nicht. In diesem Fall wirst du dort unten bleiben und langsam sterben, oder hochgezogen werden und unter Folterqualen sterben -außer du erklärst dich einverstanden, mir bei der Ausführung eines kleinen Plans zu helfen, den ich mir gerade ausgedacht habe. Also — sprich schon!«
Hanse brauchte keine lange Überredung oder auch nur Überlegung. Er würde alles tun, wenn er dadurch nur aus dem Brunnen kam und seinen nächsten Geburtstag erleben würde. Wer hätte gedacht, daß der hübsche Prinz Kittycat höchstpersönlich hierherkommen würde, und behelmt noch dazu! Er fragte sich, was das für Geräusche gewesen waren, die er gehört hatte. Hastig antwortete er. Das Holz knarrte.
»Du mußt nur eines versprechen«, rief Kadakithis hinunter. »Daß du bis zur Folterung schweigst. Du brauchst bloß ein bißchen Schmerzen erdulden und dann sollst du alles gestehen.«
» Schmerzen—F olterung?«
»Komm, komm, du hast wahrhaftig beides verdient! Doch es soll dir nur ein Bruchteil von dem, was dir eigentlich zustünde, widerfahren. Tust du nicht, was ich sage oder verrätst unsere Abmachung, wirst du sofort sterben. Nein, nicht sofort, sondern ganz langsam und qualvoll. Außerdem würde dir ohnehin niemand glauben.«
Hanse war klar, daß er bis zum Hals drin steckte, sowohl im wahrsten Sinne des Wortes, als auch im übertragenen. Das mosche alte Holz, an dem er hing, würde ihn nicht mehr lange tragen, also erklärte er sich einverstanden.
»Ich brauche Unterstützung«, rief der Prinz. »Halt dich fest.«
Hanse rollte die Augen und verzog das Gesicht. Er hielt sich fest. Er wartete. Er wagte nicht, sich auf das Holz hochzuziehen. Seine Schultern brannten. Das Wasser schien immer kälter zu werden und die Kälte fraß sich seine Beine hoch. Er hielt sich fest. Freistatt war nur eine Meile entfernt. Er hoffte, Kitty, der Prinz, galoppierte. Er hielt sich fest. Obgleich die Sonne nie aufging und der Mond nur ein wenig wanderte, war Hanse sicher, daß eine ganze Woche verging oder auch mehr. Kälte, Dunkelheit, Schmerzen — diese endlosen Wochen. Gold! Reichtum! Klauer hatte ihm mehr als einmal gesagt, daß Rache ein dummer Luxus war, den die Armen sich nicht leisten konnten!
Dann war Seine kluge Hoheit zurück mit mehreren Männern der Nachtwache und langen Seilen. Während sie den arg mitgenommenen Nachtschatten hochzogen, murmelte der Prinz, daß er ein Bedürfnis verspüre, und wanderte durch die verstreuten Steinbrocken. Er hob seinen Rock nicht, wohl aber hielt er hinter einem Trümmerhaufen an. Er blickte hinunter auf den toten Verräter, und schließlich zog ein zufriedenes Lächeln über seine Lippen. Der erste, der durch seine Klinge gestorben war! Und dann übergab der Prinz sich.
Pechfackeln flackerten und warfen gespenstische, tanzende Schatten an finstere Quaderwände. Diese Mauern umgaben einen großen Raum mit Tischen, Ketten, Nadeln, Zangen, Fußschellen, Stricken, Nägeln, Hämmern, Holzkeilen und -klotzen, faszinierenden Knebeln, Mund-und-Zungen-Streckern, Eisen und Becken mit glühender Kohle, Rädern, einer Streckbank. Viele dieser Gerätschaften wiesen da und dort dunkle Flecken auf. Auf der F olterbank lag Hanse. Er hatte Abschürfungen, Blutergüsse und leichte Schnitt- und Kratzwunden. Und er wurde gestreckt - nur mit einem Lendentuch bekleidet. Anwesend waren außer ihm Prinz Kadakithis, seine Gemahlin mit leuchtenden Augen, zwei finstere Höllenhunde, sein merkwürdig gewandeter greiser Berater, und drei Edle aus dem Stadtrat von Freistatt - und der Palastschmied. Mit seinem mächtigen Körperbau und den schwarzen Fingernägeln war er ein beeindruckender Ersatz für den F oltermei ster, der krank war.
Der Schmied nahm einen schweren Hammer in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich. Die Augen der Prinzgemahlin leuchteten noch erregter, genau wie die Zalbars, des Höllenhunds. Hanse stellte fest, daß sich in dieser Lage sein Adamsapfel zu einer Klinge wandelte, die drohte, seine Kehle von innen aufzuschlitzen.
Der Schmied legte den Hammer wieder weg und griff nach einer langen Kneifzange.
»Muß der Lappen auf seinen edlen Teilen bleiben, Eure Hoheit?« erkundigte er sich.
»Nicht nötig, ihn dort zu foltern«, antwortete der Prinz gleichmütig. Er blickte sein Gespons an, die nun vor Aufregung am ganzen Leib zitterte. »Noch nicht. Versucht erst etwas weniger Drastisches. Zunächst!« »Er ist nicht sehr groß«, meinte Zalbar hoffnungsvoll und stellte sich neben die Kurbel der Bank, auf der Hanse schon ziemlich ausgestreckt lag.
»Macht endlich was mit ihm!« rief Mylady ungeduldig.
Der Schmied überraschte alle. Ein lauter Knall war zu hören und schon zog er seine Peitsche von einer weißen Strieme auf Hanses Bauch zurück. Sie wurde zusehends rosig, dann tiefrot und begann anzuschwellen. Der Schmied hob die Brauen, als staune er über sich selbst. Dann schlug er erneut zu, diesmal auf des Gestreckten Brust. Erneut knallte die Peitsche wie ein straffes Segel im Wind. Ketten rasselten, und Hanses Augen und Mund öffneten sich weit. Eine neue Strieme schwoll an. Der Schmied fügte eine weitere quer über seine Oberschenkel hinzu. Nur einen Zoll von den edlen Teilen. Mylady hauchte durch einen aufgesperrten Mund.
»Ich peitsche nicht gern jemanden«, erklärte der Schmied, »nicht einmal ihn. Ich glaube, ich werde ihm den Arm aus dem Gelenk drehen.«
»Du brauchst nicht extra auf diese Stelle zu kommen«, brummte Zalbar. »Ich drehe die Kurbel.«
Zur sichtlichen Enttäuschung Zalbars und Freistatts First Lady fing Hanse zu gestehen an. Er berichtete von Bourne und Lirain. Von Bournes Tod konnte er nichts erzählen, weil er nichts davon wußte.
»Der Prinz-Statthalter von Freistatt«, sagte Kadakithis, »und Vertreter des rankanischen Reichs läßt Gnade walten für ihn, der ein Komplott aufdeckt. Befreit ihn von der Streckbank und behaltet ihn hier—aber foltert ihn nicht mehr! Gebt ihm Wein und zu essen.«
»Verdammt!« fluchte Zalbar.
»Darfichjetzt zu meiner Frau zurück, Hoheit? Das hier ist keine Arbeit für mich, und ich muß auch noch die Ankerkette bis morgen wieder zusammengestückelt haben.«
Hanse, dem es egal war, wer ihn freiließ oder bewachte oder ihm zu essen gab, blickte dem hohen Paar nach, das die Folterkammer verließ.
Mit Zalbar und Quag begab der Prinz sich zu Lirains Gemächern. »Ihr bleibt hier!« befahl der Statthalter und griff nach Quags Schwert. Das gefiel keinem der beiden Höllenhunde, und das sagte Zalbar auch.
»Zalbar, ich weiß nicht, ob du einen großen Bruder hattest, den du gehaßt hast oder was, aufjeden Fall aber bist du ein schlimmer Hitzkopf, der als kaiserlicher Wespentöter eingesetzt werden sollte. Halt jetzt also das Maul und wart hier auf mich!«
Zalbar nahm Haltung an. Er und Quag standen steif, rollten höchstens mit den Augen, während ihr Schutzbefohlener das Gemach seiner verräterischen Konkubine betrat und die Tür hinter sich schloß. Zalbar glaubte, eine Ewigkeit verginge, ehe die Tür sich wieder öfnete und Kadakithis sie hereinrief. Blut trof von Quags Schwert.
Die Höllenhunde eilten in das Gemach und blieben wie angewurzelt stehen — starrten. Lirain lag nicht tot, sondern schlafend, nackt und schamlos auf den zerknüllten Seidenrüchern ihres Bettes, wo sie ganz offenbar kurz zuvor Eshi gehuldigt hatte. Ebenfalls nackt lag neben ihr, aber nicht schlafend, sondern tot und mit noch frischem Blut besudelt, Bourne.
»Ich habe sie wohl etwas unsanft schlafen geschickt«, erklärte der Prinz. »Schafft sie hinunter auf das etwas weniger bequeme Bett, das dieser Bursche Hanse gerade geräumt hat — und er soll zu mir kommen, in meine Gemächer. Da, Quag - oh!« Der Prinz wischte erst sorgfältig Quags Klinge an Lirains Bauch und Oberschenkel ab, ehe er sie dem Höllenhund zurückgab. Beide Wachen, ungemein beeindruckt und erfreut, salutierten. Sie sahen aus, als wären sie sehr zufrieden mit ihrem Prinzen. Und Kadakithis sah aus, als wäre er sehr zufrieden mit sich.
In weicher, prunkvoller Gewandung, die bewies, daß ein Dieb durchaus die Größe eines Prinzen haben konnte, nippte Hanse am Wein in einem Kelch, den er gern heimlich eingesteckt und mitgenommen hätte. Er schaute sich in dem fürstlichen Gemach um, das dem Prinzen zu sehr privaten Zusammenkünften diente. Die Tür stand offen und vor ihr saß eine taube Frau, die auf einer Laute klimperte.
»Wir beide sollten längst schon schlafen, Hanse. Der Morgen ist bereits weit fortgeschritten.«
»Ich bin mehr an Nachtarbeit gewöhnt als ... als Eure Hoheit.«
Der Prinz lachte. »Ja, das bist du wohl—Nachtschatten. Erstaunlich, wie viele gescheite Männer sich dem Verbrechen zuwenden. Bist in den schwerbewachten Palast eingedrungen! In mein Schlafgemach! Hast dich mit einer meiner Konkubinen vergnügt, eh?« Er betrachtete den Dieb nachdenklich und war sich sehr bewußt, daß sie fast gleich alt waren. Bauer und Prinz. Dieb und Statthalter. »Bald wird Lirain das Herz aus der Zunge haben und alle werden erfahren, daß es ein Komplott gegeben hatte—und von zu Hause ausgehend noch dazu! Und auch, daß sie das Bett ihres erlauchten Herrn mit ihrem Mitverschwörer beschmutzte!« »Und auch, daß Seine heldenhafte Hoheit nicht nur den Sohn einer Kröte tötete, sondern auch den Edelmut eines wahrhaft großen Herrschers bewies, indem er einen Dieb begnadigte«, sagte Hanse hoffnungsvoll.
»Ja, Hanse. Das wird soeben schwarz auf weiß niedergelegt. Ah, und es gab für alles Zeugen! Für alles!«
In seinem Glück wagte Hanse einzuwerfen: »Außer für — für Bournes Tod, mein Lord Prinz.«
»Ho ho! Möchtest du auch das genau wissen, Hanse? Du weißt ja ohnehin schon so viel. Wir haben einander in der Hand, du und ich. Ich habe Bourne oben im Adlerhorst getötet. Mit einem Streich!« fügte Kadakithis hinzu. Immerhin war Bourne der erste gewesen, den er getötet hatte.
Hanse starrte ihn an.
»Du scheinst Vorsicht zu lernen, Nachtschatten. Ich hoffe, du wirst die Anstellung annehmen, die ich dir bald anbieten werde. Du hast vermieden zu erwähnen, daß du keine Leiche gesehen hast, als du aus dem Brunnen kamst. Nein, er versuchte zu fliehen und starb einige Fuß entfernt. Gleich nachdem ich hier ankam, gab ich ein Schlafmittel in Lirains Trank. Sie trank es willig, dachte, es sei tödliches Gift! Sie hat heute nacht mit niemandem gelegen. Ich sorgte jedoch dafür, daß es so aussah. Ein mir wahrlich treu ergebener Soldat und ich kehrten zum Adlerhorst zurück und holten Bourne. Meine Gemahlin und ich legten die Leiche neben Lirain, und dazu eine Blase voll Blut von einem Schwein—wie passend, nicht wahr? Ich stieß mein Schwert hinein, ehe ich Quag und Zalbar rief.«
Hanse starrte ihn weiter sprachlos an. Dieser safranhaarige Jüngling war klug genug, ein Dieb zu sein! Hanse war sicher, daß er ihm noch etwas verschwieg: zweifellos hatte ein zuverlässiger Teppichhändler ihm geholfen, die Leiche in den Palast zu schaffen!
Der Prinz las gut in seiner Miene. »Vielleicht bin ich gar nicht so sehr ein Prinz Kittycat? Ich werde in Freistatt bald hoch geachtet sein, und meine eingehenden Kenntnisse von dem Komplott sind eine Waffe gegen meine Feinde zu Hause. Du bist ein Held — ah!« Der Prinz nickte, als er zur Tür schaute, und winkte. Ein älterer Mann kam herein und reichte ihm ein Pergament, das Kadakithis unterzeichnete und mit seinem Siegel versah. Der Schreiber verließ das Gemach wieder. Der Prinz händigte Hanse das Schriftstück mit einem knappen Nicken und einem Lächeln aus, das Hanse wahrhaft hoheitlich fand. Er betrachtete das beeindruckende Pergament - und blickte den Prinzen fragend an.
»Oh«, murmelte Kadakithis, nichts weiter. Ein Prinz entschuldigte sich nicht bei einem Dieb, weil er nicht an dessen mangelnde Ausbildung gedacht hatte. »Darauf steht, daß dir durch meine Hand und im Namen des Kaisers in Ranke volles Pardon für alles gewährt ist, was du dir bisher zuschulden hast kommen lassen. Du bist doch hoffentlich kein mehrfacher Mörder, oder?«
»Ich habe noch nie jemanden getötet, Hoheit.«
»Ich schon! Heute nacht—vielmehr gestern nacht!«
»Verzeiht, Hoheit, aber Töten ist die Sache jener, die herrschen, nicht die von Dieben.«
Kadakithis blickte ihn daraufhin lange und nachdenklich an und würde Nachtschatten bestimmt noch oftmals zitieren. Hanse mußte zweimal das Lösegeld am Grund des Brunnens erwähnen.
»Ah! Das habe ich vergessen, so was! Es war etwas aufregend heute—gestern nacht. Ich habe soviel zu tun, Hanse! Einen ausgefüllten Tag vor mir und habe die ganze Nacht kein Augen zugetan. Ich fürchte, ich kann keine Zeit damit vergeuden, über Münzen nachzudenken, die jemand in einem alten Brunnen verloren haben mag. Wenn du sie herauskriegen kannst, dann tu es. Und vergiß nicht, hierher zurückzukommen, damit wir uns über deine Anstellung unterhalten können.«
Hanse erhob sich. Er spürte ihre geistige Verwandtschaft und das machte ihn verlegen. »Da-darüber muß ich erst noch — nachdenken, Prinz-Statthalter, Hoheit. Die Arbeit, meine ich. Und was Euch betrifft—Eure Hoheit, wollte ich sagen. Ich muß erst versuchen, mich daran zu gewöhnen, daß ich Euch nicht mehr hassen kann.«
»Nun, Hanse, vielleicht kannst du helfen, daß auch andere mich, nicht mehr hassen. Diese Hilfe könnte ich brauchen. Ich hoffe, du wirst sie mir nicht versagen und es mir krummnehmen, wenn ich dich erinnere, daß die Hälfte jeglichen Bergungsguts der Regierung zu überantworten ist.«
Hanse begann sich Gedanken über die Möglichkeit zu machen, die Goldmünzen alle in einem Sattelbeutel zu verstauen. Falls es ihm gelang sie überhaupt aus dem Brunnen zu kriegen. Dazu würde er Zeit brauchen—und Hilfe. Und diese Hilfe würde er nicht umsonst bekommen. Und dann müßte er jemanden einweihen ...
Hanse verließ den Palast in seiner weichen neuen Gewandung — mit zusammengeknifenen Augen, grübelnd, brütend, Pläne schmiedend.