Dubro & Illyra
Das Antlitz des Chaos
Lynn Abbey
Die
Karten lagen verdeckt in einem weiten Halbkreis auf dem mit
schwarzem Samt überzogenen Tisch, den Illyra zum Kartenlesen
benutzte. Die Augen geschlossen, berührte sie auf gut Glück eine
Karte mit dem Zeigefinger und drehte sie um. Es war das Antlitz des
Chaos: ein Mann und eine Frau durch einen zersprungenen Spiegel
gesehen. Illyra hatte sich selbst die Karten gelesen, um Licht in
die unheildrohende Atmosphäre zu bringen, die über der armseligen
Behausung aus Zeltplanen und Holz hing, die ihr und Dubro, dem
Basaraschmied, Heim war. Doch statt Erleichterung hatte es ihr nur
größere Besorgnis gebracht.
Illyra trat an einen anderen kleinen Tisch und trug eine dicke Schicht Lidschatten auf. Niemand würde eine junge, hübsche S’danzo aufsuchen, um sich die Zukunft deuten zu lassen, und kein Fremder durfte ihr Haus aus einem anderen Grund betreten. Der Lidschatten und die unförmige S’danzo-Gewandung erschwerten es in dem schwachbeleuchteten Raum, ihr wahres Alter zu erkennen. Und wenn wirklich ein liebestoller Soldat oder Kaufmann ihr zu nahe rückte, war da immer noch Dubro unter demselben Stoffdach, nur wenige Schritte entfernt. Schon ein Blick auf den muskelstrotzenden, schweißglänzenden Riesen mit seinem Schmiedehammer sorgte in der Regel dafür, daß sie sich hastig zurückzogen. »Naschwerk! Leckereien! Die besten im Basar! Naschwerk! Leckereien! Die besten in ganz F rei statt!«
Die Stimme Haakons, des Straßenhändlers, drang laut durch die tuchverhangene Türöffnung. Illyra machte sich schnell fertig. Wahre Massen dunkler Locken wurden mit einer Haarnadel unter einem purpurnen Seidentuch gebändigt, dessen Ton so schreiend war wie die der Röcke, des Schultertuchs und der Bluse, die sie trug. Sie langte tief in die vielen Röcke nach ihrem Geldbeutel und holte eine Kupfermünze heraus.
Es war noch früh genug am Tag, daß sie sich aus ihrem Zuhause wagen durfte. Alle im Basar wußten, daß sie ein noch sehr junges Mädchen war, und Käufer aus der Stadt waren zu dieser Stunde wohl kaum schon unterwegs.
»Haakon! Hier!« rief sie von unter dem Stoffdach, wo Dubro sein Werkzeug aufbewahrte. »Zwei—nein, drei, bitte.«
Er gab drei der klebrigen Köstlichkeiten auf eine Schale, die sie dafür ausstreckte, und nahm dafür lächelnd das Kupferstück entgegen. In einer Stunde würde er fünf dieser Münzen für dieselbe Menge verlangen, aber die Basarleute verkauften einander das Beste von ihrer Ware für einen Vorzugspreis.
Sie aß eine der Leckereien und bot die beiden anderen Dubro an. Sie hätte ihn gern geküßt, aber der Schmied mochte Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit nicht. Der einzig richtige Ort für alles, was zwischen einem Mann und einer Frau vorging, war für ihn eine stille Kammer. Er lächelte und nahm die zwei Stück Zuckerwerk wortlos entgegen. Der riesenhafte Mann sprach selten, Worte brauchten bei ihm ihre Zeit. Er besserte alles aus, was die Basarleute ihm an metallenen Sachen zum Richten brachten, und vieles davon war dann besser, als es je gewesen war. Er hatte Illyra in seine Obhut genommen, als sie als kleines Kind verwaist durch den Basar geirrt war - ausgestoßen von ihrer eigenen F amilie, weil sie unverzeihlicherweise ein Halbblut war. Klug und flinkzüngig, wie sie war, wurde Illyra zu seinem Sprachrohr, und er behielt sie weiterhin unter seinen Fittichen.
Nachdem er die Süßigkeiten verspeist hatte, kehrte Dubro ans Feuer zurück und hob einen Faßreifen hoch, den er dort in die Glut gelegt hatte. Illyra beobachtete mit nie schwindendem Interesse, wie er ihn auf den Amboß legte, um ihn für Jofan, den Weinhändler, wieder zu einem echten Kreis zu schmieden. Der Hammer fiel, doch statt des klaren Klanges von Metall auf Metall war ein stumpfer Ton zu vernehmen. Das Horn des Ambosses fiel in den Staub.
Selbst Haakon riß erschrocken die Augen auf. Dubros Amboß war im Basar seit ... Nun, bestimmt seit Dubros Großvater, und länger konnte sich hier ohnehin niemand zurückerinnern. Das Gesicht des Schmiedes nahm die Farbe abkühlenden Eisens an. Illyra legte ihre Hände über die seinen.
»Wir lassen ihn richten. Wir bringen ihn gleich heute nachmittag noch zur Waffenschmiede. Ich borge uns Mondblumes Esel und Karren aus, und ...« »Nein!« entrang sich wie Gewittergrollen dieses einzige Wort Dubros Kehle. Er schüttelte ihre Hände ab und starrte auf das zerbrochene Stück, mit dem er sich ihren Lebensunterhalt verdient hatte.
»Einen Amboß, der so gebrochen ist, kann man nicht mehr richten«, erklärte Haakon dem Mädchen leise. Er würde nur noch so gut sein wie seine Schweißnaht.«
»Dann besorgen wir uns einen neuen«, entgegnete sie, sich sehr wohl Dubros düsteren Gesichts bewußt und der Tatsache, daß niemand im Basar einen Amboß zu verkaufen hatte.
»Es hat keinen neuen Amboß in Freistatt mehr gegeben, seit Ranke den Seehandel mit Ilsig unterband. Du brauchtest vier Kamele und ein Jahr Zeit, um einen in den Bergen geschmiedeten Amboß wie diesen in den Basar zu bekommen —vom Geld, das er kosten würde, ganz zu schweigen.«
Eine einsame Träne bahnte sich einen Weg durch die dick aufgetragene Schicht Rouge. Sie und Dubro waren für Basarleute verhältnismäßig wohlbetucht, womit gesagt war, daß sie sich Haakons Näschereien und dreimal in der Woche frischen Fisch leisten konnten. Ihre geringen Ersparnisse genügten jedoch keineswegs, daß sie Karawanenkaufleute damit hätten überreden können, ihnen einen Amboß aus dem fernen Ranke zu bringen.
»Wir brauchen einen Amboß!« erklärte sie den achtlosen Göttern, nachdem Dubro und Haakon es ja bereits wußten.
Dubro stieß mit den Füßen Schmutz ins F euer und verließ die kleine Schmiede. »Paß auf ihn auf, Haakon, für mich. So habe ich ihn noch nie erlebt.«
»Na gut, ich kümmere mich um ihn - aber wenn er heute abend zurücckommt, mußt du dich schon um ihn sorgen.«
Die ersten Bürger sahen sich bereits im Basar um, also war es höchste Zeit für sie, sich ins Innere zurückzuziehen. Noch nie in den fünf Jahren, seit sie sich dem S’danzoGewerbe verschrieben hatte, war Dubro nicht dagewesen. Immer war seine schweigende Anwesenheit ihr Hilfe bei dem Kundenstrom gewesen. Ohne ihn wußte sie nicht, wer wartete oder wie einen Kunden abzuwehren, der nur Fragen, aber kein Geld hatte. So saß sie nun gedankenverloren in der von Räucherwerk schweren Düsternis.
Mondblume! Sie würde zu ihr gehen, nicht des alten Karrens wegen, sondern um sich ihren Rat zu holen. Die ältere Frau war nie abweisend zu ihr gewesen wie die anderen S’danzo. Aber Mondblume verstand nichts vom Amboßrichten, und was konnte sie schon zu der Botschaft hinzufügen, die das Antlitz des Chaos deutlich genug verkündet hatte? Außerdem kamen Mondblumes reichste Kunden schon früh am Tag zu ihr, um sich ihre besten »Vibrationen« zu sichern. Bestimmt wäre die alte Frau nicht erfreut, wenn eine arme Verwandte ihr die kostbare Kundenzeit stahl.
Und zu ihr kamen immer noch keine Kunden. Vielleicht war das Wetter inzwischen schlecht geworden? Oder weil die Schmiede leerstand, nahmen sie an, daß auch sie nicht da war. Aber Illyra wagte nicht hinauszuschauen.
Sie mischte die Packung Wahrsagekarten und gewann ein wenig Selbstvertrauen durch die abgegriffenen Bilder. Sie deckte die unterste Karte auf und legte sie offen auf den schwarzen Samt.
Die Schiffsfünf.
Auf der Karte waren fünf winzige Fischerkähne abgebildet, alle mit ausgeworfenen Netzen. Die Antwort zu ihrer Frage müßte in der Karte liegen. Ihre Gabe würde ihr helfen, sie zu finden — falls sie die vielen Fragen in eine vernünftige Reihenfolge bringen konnte, die ihr durch den Kopf gingen.
»Illyra, die Wahrsagerin?«
Illyras Gedanken wurden durch die erste Kundin des Tages unterbrochen, noch ehe sie sich näher mit der Karte hätte befassen können. Diese erste Frau hatte Schwierigkeiten mit ihren vielen Liebhabern, aber die genaue Deutung ihrer Karten verhinderte die nächste Kundin, die zur unrechten Zeit eintrat. Und das Lesen ihrer Zukunft wurde wiederum durch den Fischräucherer unterbrochen, der Dubro suchte. Dieser Tag war genau, wie das Antlitz des Chaos es versprochen hatte. Die paarmal, die sie nicht unterbrochen wurde, las sie aus den Karten jedoch mehr ihre eigene Verzweiflung, als etwas, das mit ihren Kunden zu tun hatte. Dubro war noch nicht wiedergekehrt und jedes, selbst das kleinste Geräusch außerhalb der dünnen Wand erschreckte sie. Ihre Kunden bemerkten ihre Zerfahrenheit und waren unzufrieden mit ihr. Einige weigerten sich sogar zu bezahlen. Eine ältere, erfahrene S’danzo hätte sich zu helfen gewußt, doch Illyra wurde nur noch verzweifelter. Sie band eine zerfranste Kordel vor den Eingang zu ihrer S’danzo-Abtrennung, um zu verhindern, daß weitere Kunden zu ihr kamen.
»Madame Illyra?«
Jemanden schreckte die Kordel offenbar nicht ab. Illyra war die Stimme nicht bekannt.
»Ich kann heute nachmittag niemanden mehr empfangen. Kommt morgen wieder«, rief sie.
»Ich kann nicht bis morgen warten.«
Das sagen sie alle, dachte Illyra. Jeder ist so davon überzeugt, daß er mein wichtigster Kunde ist und seine Fragen die bedeutendsten sind. In Wirklichkeit aber ähneln sie einander so sehr. Bei dieser Frau war es bestimmt nicht anders. Offenbar zauderte die Fremde noch. Illyra hörte das Rascheln von Stoff - es hörte sich wie Seide an, als die Frau sich schließlich abwandte. Dieses Rascheln und Knistern aber ließ die S’danzo wieder zu sich finden. Seide bedeutete Reichtum, sie konnte sich nicht leisten, die Kundin anderswo ihr Glück suchen zu lassen.
»Wenn Ihr nicht warten könnt, bin ich ausnahmsweise bereit, Euch jetzt die Zukunft zu lesen«, rief sie laut.
»Oh, wirklich?«
Illyra öffnete die Kordel und hob den Vorhang, um die Kundin einzulassen und heimlich zu mustern. Sie hatte sich in einen großen Schal gehüllt, der auch das Gesicht zum größten Teil verbarg, und benahm sich so, als käme sie zum erstenmal zu einer S’danzo im Basar. Illyra legte die Kordel wieder vor, nachdem sie ihrer Kundin einen Platz am samtbedeckten Tisch angeboten hatte.
Eine zweifellos reiche Frau, die nicht erkannt werden möchte. Ihr Schal ist zwar schmucklos, aber von viel zu guter Qualität für jemanden, der wirklich so arm ist, wie sie vorzutäuschen versucht, dachte Illyra. Sie trägt Seide darunter und riecht nach Rosen, obgleich sie bestimmt absichtlich kein stärkeres Parfüm benutzt hat. Sicher hat sie Gold, nicht Silber oder Kupfer.
»Wollt Ihr nicht Euren schweren Schal ablegen?« fragte Illyra. »Es ist sehr warm hier.«
»Das möchte ich lieber nicht.«
Eine schwierige Kundin! Das sah Illyra bereits voraus.
Die Fremde streckte die Hand unter dem Schal hervor und ließ drei alte Ilsiger Goldmünzen auf den Samt fallen. Die Hand war weiß, glatt und jugendlich. Ilsiger Goldmünzen waren in Freistatt selten geworden, seit die Stadt zum rankanischen Reich gehörte. Illyra war nun froh, die Frau eingelassen zu haben, denn sie lenkte sie durch ihre Anwesenheit von ihren eigenen düsteren Gedanken ab.
»Nun denn, wie ist Euer Name?«
»Das möchte ich lieber nicht sagen.«
»Ich brauche einige Auskunft, um Euch helfen zu können«, erklärte Illyra, während sie die Münzen mit einem Stückchen abgegriffener Seide hochhob und darauf bedacht war, ihre Finger nicht mit dem Gold in Berührung kommen zu lassen.
»Mein Die ... Man sagte mir, du allein von allen S’danzo kannst in die nahe Zukunft blicken. Ich muß unbedingt wissen, was ich morgen nacht erleben werde.«
Die Frage stillte weder Illyras Neugier, noch versprach sie weitere Geheimnisse, aber sie griff nach ihrem Päckchen Karten.«
»Seid Ihr damit vertraut?« fragte sie die Frau.
»Ein wenig.«
»Dann teilt sie in drei Häufchen und nehmt Euch von jedem eine Karte — sie werden mir Eure Zukunft zeigen.«
»Was morgen nacht geschieht?«
»Gewiß. Die Antwort ist im Augenblick der Frage enthalten. Nehmt die Karten.«
Die Vermummte griff sichtlich voll Furcht nach den Karten. Ihre Hände zitterten so sehr, daß die Karten der drei Häufchen kreuz und quer zu liegen kamen. Offenbar wollte sie die Karten nicht noch einmal berühren müssen, so deckte sie nur hastig jeweils die oberste Karte ab.
Flammenlanze.
Tor.
Schiffsfünfumgedreht.
Erschrocken zog Illyra die Hände vom Samt zurück. Die Schiffsfünf — vor wenigen Augenblicken hatte sie diese Karte noch selbst in den Fingern gehalten. Sie konnte sich gar nicht erinnern, sie in das Päckchen zurückgesteckt zu haben. Sie wußte, und zitterte innerlich dabei, daß sie ihr eigenes Geschick in diesen Karten sehen würde. Sie öffnete den Geist, um die Antwort zu empfangen - und schloß ihn fast unmittelbar wieder.
Fallende Steine, Flüche, Mord, eine Reise ohne Wiederkehr. Wies schon keine der Karten für sich allein auf etwas Erfreuliches hin, so waren sie in dieser Zusammensetzung besonders unheilverheißend, deuteten auf Argli st und Tod, wie es den Lebenden normalerweise verborgen bleiben sollte. Die S’danzo sagten nie den Tod voraus, wenn sie ihn lasen, und obgleich Illyra nur durch ein Elternteil S’danzo war und von ihnen nicht anerkannt, ja sogar verstoßen war, richtete sie sich doch nach ihren Gebräuchen und ihrem Aberglauben.
»Ich rate Euch sehr, bleibt zu Hause, vor allem morgen nacht. Haltet Euch von Wänden und Mauern fern, in denen möglicherweise Steine locker sind. Sicherheit ruht in Euch selbst. Sucht keinen anderen Rat, ganz besonders nicht den von Tempelpriestern.«
Die Besucherin verlor die Fassung. Sie seufzte, schluchzte, und Furcht schüttelte sie am ganzen Leib. Doch ehe Illyra dazu kam sie zu beruhigen, rannte die Frau kopflos davon und riß die Kordel los.
»Kommt zurück!« schrie Illyra ihr nach.
Die Frau drehte sich um, während sie sich noch unter dem Vordach befand. Ihr Schal glitt auf den Rücken und entblößte seidiges Goldhaar und ein feingeschnittenes, jugendliches Gesicht von großer Schönheit. War sie das Opfer eines abgewiesenen Verehrers? Oder einer eifersüchtigen Gattin?
»Wenn Ihr Euer Schicksal schon vorausgesehen habt, hättet Ihr eine andere Frage stellen müssen, beispielsweise, ob eine Möglichkeit besteht es zu ändern«, tadelte sie sanft und führte die völlig Verstörte zurück ins rauchige Innere. »Ich — ich dachte, wenn du es anders siehst ... Aber Molin Fackelhalter wird seinen Willen durchsetzen. Selbst du hast es gelesen.«
Molin Fackelhalter. Illyra kannte den Namen. Der Mann war der priesterliche Tempelbauer, der zum Gefolge des rankanischen Prinzen gehörte. Sie hatte einen guten Bekannten, einen Kunden in Fackelhalters Haus, von dem sie allerlei erfuhr. War dies die Frau, die Cappen Varra verehrte? War der Spielmann zu weit gegangen?
»Warum sollte der Rankaner Euch etwas antun wollen?« fragte sie mitfühlenden Tones.
»Die Rankaner wollen einen Tempel für ihre Götter errichten.«
»Aber Ihr seid doch keine Göttin, ja nicht einmal Rankanerin. Da sollte Euch das doch nicht bekümmern.«
Illyra bemühte sich, ihre Stimme unbeschwert klingen zu lassen, obgleich sie aus den Karten wußte, daß die Priester sie für ein Ritual haben wollten—nicht aus persönlichen Gründen.
»Mein Vater ist reich - er ist stolz und mächtig unter jenen in Freistatt, die den Fall des Königreichs Ilsig nie anerkannt haben und das Reich nie anerkennen werden. Molin hat sich meinen Vater ausgesucht und unser Land für seinen Tempel gefordert. Als wir uns weigerten, zwang er Schwächere, nicht mehr mit uns Handel zu treiben. Aber mein Vater gab nicht klein bei. Er glaubt fest daran, daß die Götter von Ilsig stärker sind. Jedenfalls hat Molin Rache geschworen, statt sein Vorhaben aufzugeben.«
»Vielleicht wird Eure Familie Freistatt verlassen müssen, um diesem ausländischen Priester zu entgehen, und Euer Zuhause seinem Tempel weichen müssen. Die Stadt mag Euch zwar jetzt alles sein, aber die Welt ist groß und Freistatt nur ein kleiner, armseliger Teil davon.«
Illyra sprach mit weit mehr Sicherheit, als sie empfand. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie selbst den Basar nur wenige Male verlassen und die Stadt noch nie. Diese Worte gehörten zu den S’danzo-Redewendungen, die Mondblume sie gelehrt hatte.
»Mein Vater und die anderen können die Stadt verlassen, nicht aber ich. Ich bin als Teil von Molin Fackelhalters Rache geplant. Seine Männer kamen einmal ins Haus meines Vaters. Der Rankaner bot uns meinen vollen Brautpreis, und das, obgleich er bereits vermählt ist. Vater lehnte diese >Ehre< ab. Daraufhin schlugen Molins Leute ihn bewußtlos und schleppten mich aus dem Haus.
Ich wehrte mich gegen ihn, als er in jener Nacht zu mir kam. Er wird bestimmt eine längere Zeit nichts mehr mit einer Frau zu tun haben wollen. Aber mein Vater konnte nicht glauben, daß ich nicht entehrt wurde. Und Molin schwor, wenn ich mich ihm nicht hingebe, soll mich auch kein anderer Sterblicher haben.«
»Das sagen abgewiesene Freier immer«, versuchte Illyra sie sanft zu beruhigen. »Nein, es war ein Fluch, das weiß ich sicher. Ihre Götter sind mächtig genug zu antworten, wenn sie angerufen werden.
Gestern abend kamen zwei ihrer Höllenhunde zu unserem Herrenhaus, um meinem Vater ein neues Angebot zu machen. Er soll einen guten Preis für unser Land erhalten und unbehelligt nach Ilsig reisen können - aber ich muß zurückbleiben. Morgen abend werden sie den Grundstein für ihren Tempel legen und ihn durch den Tod einer Jungfrau weihen. Ich soll unter diesen Stein zu liegen kommen.«
Illyra war nicht unmittelbar eine Wahrseherin, aber diese Geschichte verband all die schrecklichen Bilder, die die Karten ihr gezeigt hatten, zu einem Ganzen. Es würden Götter nötig sein, diese Frau vor dem Geschick zu bewahren, das Molin Fackelhalter ihr zugedacht hatte. Für niemanden war es ein Geheimnis, daß das Reich die Ilsiger Götter genauso niederwerfen wollte, wie es das mit den Ilsiger Armeen gemacht hatte. Wenn der rankanische Priester eine Frau mit dem Fluch unverletzbarer Jungfräulichkeit behaften konnte, gab es wohl kaum etwas, das Illyra tun konnte, um zu helfen.
Die Frau schluchzte immer noch. Als Kundin würde sie ihr nicht erhalten bleiben, trotzdem empfand Illyra tiefes Mitleid mit ihr. Sie öffnete ein kleines Schränkchen und gab eine gute Pri se weißen Pulvers in ein winziges, mit klarer Flüssigkeit gefülltes Fläschchen.
»Gebt dies in ein Glas Wein und trinkt es, ehe Ihr Euch heute nacht zur Ruhe legt«, sagte sie.
Die junge Frau drückte das Fläschchen an sich und die Furcht schwand aus ihren Augen.
»Bekommst du dafür noch etwas?« fragte sie.
»Nein, das ist das mindeste, was ich für Euch tun kann.«
Das Cylanthapulver genügte, die Frau drei Tage nicht aufwachen zu lassen. Vielleicht wollte Molin Fackelhalter keine schlafende Jungfrau für sein Ritual. Und wenn es ihm nichts ausmachte, würde die Frau zumindest nicht aufwachen, es zu erfahren.
»Ich kann Euch viel Gold geben. Ich könnte Euch auch nach Ilsig bringen.« Illyra schüttelte den Kopf.
»Es gibt nur eines, was ich mir wünsche—und das habt Ihr nicht«, flüsterte sie, selbst überrascht über ihre Worte. »Nicht für alles Gold in Freistatt könnte ich hier einen Amboß für Dubro finden.«
»Ich kenne diesen Dubro nicht, aber in den Stallungen meines Vaters ist ein Amboß, den er nicht nach Ilsig mitnehmen wird. Du kannst ihn haben, wenn ich am Leben bleibe und meinen Vater zu bitten vermag, ihn dir zu geben.«
Nun wußte Illyra, das alles so hatte kommen müssen, und nun hatte sie echten Grund, die junge Frau zu beruhigen, ihr die Furcht zu nehmen.
»Es ist ein sehr großzügiges Angebot«, sagte sie. »Ich werde Euch also in drei Tagen bei Eurem Vater aufsuchen - wenn Ihr die Güte hättet, mir zu sagen, wohin ich mich begeben muß.«
Und wenn du es mir sagst, fügte sie in Gedanken hinzu, spielt es für mich keine wirkliche Rolle mehr, ob du überlebst oder nicht.
»Es ist das Gut Landende, hinter dem Tempel Ils’.«
»Und nach wem soll ich fragen?« »Marilla.«
Sie blickten einander einen langen Augenblick an, dann drehte die blonde Frau sich um und schritt durch das nachmittägliche Gedränge im Basar. Illyra band abwesend die Kordel wieder vor den Eingang.
So viele Jahre - fünf mindestens - hatte sie die fast immer gleichen Fragen der Bürger beantwortet, die unbedingt wissen wollten, was die Zukunft ihnen brachte. Nie während all dieser Zeit hatte sie ihren Kunden Fragen gestellt, oder einen solchen Tod vorausgesehen, oder eine ihrer eigenen Karten bei einer Weissagung gesehen. Und solange die S’danzo im Basar sich überhaupt zurückerinnerten, hatte es keinen einzigen gegeben, dessen Geschick sich mit den Göttern gekreuzt hatte.
Nein, ich habe nichts mit den Göttern zu tun! sagte sie sich. Ich sehe sie nicht, und sie sehen mich nicht. Meine Gabe ist die der S’danzo. Ich bin eine S’danzo. Wir leben, wie das Schicksal es will. Wir kommen nicht mit den Angelegenheiten der Götter in Berührung.
Aber sie vermochte nicht, sich selbst davon zu überzeugen. Der Gedanke wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen, daß sie über die Grenzen ihres Volkes und seine Gaben hinausgewandert war. Sie zündete das Räucherwerk des sanften Vergessens an und atmete den würzigen Rauch tief ein. Trotzdem hörte sie nach wie vor das dumpfe Krachen von Dubros zerbrechendem Amboß und sah die Bilder, die die drei von Marilla aufgedeckten Karten herbeibeschworen hatten. Während der Nachmittag dahinschwand, redete sie sich wieder zu, doch Mondblume um Rat zu bitten.
Die drei Kinder der fetten S ’ danzo balgten sich im Schmutz, während ihr dunkeläugiger Mann im Schatten saß und sich Augen und Ohren zuhielt. Nein, das wäre jetzt kein sehr glücklicher Moment, den Rat der Älteren einzuholen. Da die Menge jedoch bereits dabei war, den Basar zu verlassen, wagte Illyra es, sich zwischen den Verkaufsständen nach Dubro umzusehen.
»Illyra!«
Sie hatte auf Dubros Stimme gehofft, doch auch diese war ihr vertraut. Sie blickte in das Gedränge um den Weinhändler.
»Cappen Varra?«
»Wie er leibt und lebt!« antwortete er lächelnd. »Vor deinem Eingang war eine Kordel gespannt, und Dubro arbeitete nicht an seiner Esse - sonst wäre ich eingetreten, um dich zu besuchen.«
»Hast du eine Frage?« »Nein, es könnte mir nicht besser gehen. Ich habe ein Lied für dich.
»Heute ist mir nicht nach Gesang zumute. Hast du Dubro gesehen?«
»Nein. Ich bin nur hier, um Wein für ein ganz besonderes Festmahl morgen abend zu kaufen. Dank dir weiß ich, wo es immer noch den besten Wein in ganz Freistatt gibt.«
»Eine neue Liebste?«
»Nach wie vor dieselbe. Sie wird von Tag zu Tag bezaubernder. Morgen wird der Herr des Hauses mit seinen priesterlichen Pflichten beschäftigt sein, da ist es dann ruhig.«
»Es scheint dir offenbar in Molin Fackelhalters Haushalt zu gefallen. Es muß angenehm sein, in der Gunst der Eroberer von Ilsig zu stehen.«
»Ich bin verschwiegen. Molin ist es ebenfalls. Das ist eine Tugend, die es unter den Bürgern von Freistatt kaum noch zu geben scheint - S’danzo ausgenommen, natürlich. Ich muß gestehen, ich fühle mich sehr wohl in seinem Haus.« Der Händler reichte ihm zwei frischgefüllte Flaschen Wein, und Cappen Varra verabschiedete sich von Illyra. Der Weinhändler hatte Dubro heute schon gesehen, aber bereits am Vormittag. Seine Vermutung war, daß der Schmied wohl so jeden Weinverkäufer im Basar besuchte und vermutlich noch ein paar Schenken außerhalb. Ähnliches vermuteten auch die anderen Weinhändler, die sie befragte. In der Dämmerung und im zunehmenden Nebel kehrte sie schließlich in ihr Schmiedezuhause zurück.
Nicht einmal zehn Kerzen und der Ölherd vermochten die dunkle Leere im inneren Raum zu vertreiben. Illyra hüllte sich in ihre Schultertücher und versuchte ein wenig zu schlafen, bis Dubro zurücckehrte. Nein, sie durfte nicht einmal daran denken, daß er es nicht tun würde!
»Du hast auf mich gewartet!«
Illyra sprang erschrocken hoch. Nur noch zwei der Kerzen brannten. Sie wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte, nur daß ihr Gemach fast im Dunkeln lag und ein Mann, so groß wie Dubro, doch von fast skeletthafter Hagerkeit, innerhalb der Kordelabtrennung stand.
»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« Sie drückte sich an die Rückenlehne des Stuhles.
»Da du mich nicht erkennst, sagen wir wohl lieber, daß ich dich gesucht habe.« Der Mann deutete. Mit den Kerzen und dem Herz neu angezündet, starrte Illyra auf das mit einem blauen Stern gezeichnete Gesicht des Magiers Lythande. »Ich habe nichts getan, womit ich Euch in die Quere gekommen wäre«, sagte sie.
»Und ich habe nicht behauptet, daß du es hast. Ich hatte gedacht, du suchtest mich. Viele von uns haben dich heute rufen gehört.«
Er hob die drei Karten, die Marilla aufgedeckt hatte, und das Antlitz des Chaos. »Ich—ich hatte nicht geahnt, daß meine Probleme Euch bei der Arbeit stören würden.«
»Ich dachte über die Geschichte von den Fünf Schiffen nach - darum war es verhältnismäßig leicht für dich, mich zu erreichen. Daraufhin machte ich mich daran, etwas für dich in Erfahrung zu bringen.
Das Mädchen Manila wandte sich zunächst an ihre eigenen Götter. Diese schickten sie zu dir, denn selbst in ihr Schicksal einzugreifen, hätte den Zorn Sabellias und Savankalas erregt. Sie haben eure Schicksale miteinander verknüpft. Du wirst mit deinen eigenen Schwierigkeiten nur fertig werden, wenn du ihr zu helfen vermagst.«
» Sie ist so gut wie tot, Lythande. Wenn die Götter von Ilsig ihr zu helfen wünschen, werden sie all ihre Kraft brauchen—und wenn das nicht genügt, gibt es nichts, was ich für sie tun könnte.«
»Das ist keine sehr kluge Einstellung, Illyra«, sagte der Magier lächelnd.
»Das ist, was ich sah. S’danzo versuchen nicht, sich den Göttern zu widersetzen.«
»Aber du, Illyra, bist keine S’danzo.«
Ihre Finger verkrampften sich um die Rückenlehne des Stuhles, so sehr trafen diese Worte sie, aber sie konnte sie nicht widerlegen.
»Sie haben dir die Pflicht auferlegt«, sagte Lythande.
»Ich wüßte nicht, wie ich Marillas Schicksal abwenden könnte«, sagte Illyra. »Ich sehe; ihnen obliegt es, zu ändern.«
Lythande lachte. »Vielleicht gibt es überhaupt keine Möglichkeit, Kind. Vielleicht sind zwei Opfer erforderlich, um Molin Fackelhalters Tempel einzuweihen. Du kannst nur hoffen, daß dir noch etwas einfällt, das Marilla hilft.«
Eine eisige Brise begleitete sein Lachen. Die Kerzen flackerten kurz und der Magier war verschwunden. Illyra starrte auf die unberührte Kordel.
Sollen doch Lythande und die anderen ihr helfen, wenn es so wichtig ist, dachte Illyra. Ich will nur den Amboß, und den kann ich bekommen, egal, was mit ihr geschieht.
Die kalte Luft blieb im Raum. Bereits jetzt malte ihre blühende Phantasie sich die Folgen aus, falls irgendwelche der mächtigen Gottheiten von Freistatt beleidigt würden. In düsterer Stimmung machte sie sich daran, Dubro im nebelverhangenen Basar zu suchen.
Nebelschwaden wanden sich um die vertrauten Verkaufsstände und -buden. Ein paar Lichter waren noch durch Ritzen in Türen oder nicht ganz zugezogene Eingangsbehänge zu sehen, aber das ganze Viertel hatte sich früh zur Ruhe begeben, so daß Illyra allein durch die klamme Nacht wanderte.
Als sie sich dem Haupteingang näherte, sah sie die bewegte Fackel eines schnell laufenden Menschen, bis Fackel und Läufer mit einem abgewürgten Schrei stürzten. Leichtere Schritte entfernten sich von ihm in den dichten Nebel. Vorsichtig, voll Furcht ging sie auf den Liegenden zu.
Erleichtert erkannte sie, daß es nicht Dubro war, sondern ein kleinerer Mann mit einer blauen Falkenmaske. Ein Dolch ragte aus seinem Hals. Illyra bedauerte den Tod dieses Mannes nicht, der einer von Jubals Schurken war. Jubal selbst war schlimmer als die Rankaner. Der Mann in der Maske hatte bestimmt nicht mehr als seine verdiente Strafe gefunden, auch wenn sein Tod vielleicht nur als Racheakt gegenüber dem früheren Gladiator gedacht war, den man selten zu Gesicht bekam. Ein jeder, der zu Jubal gehörte oder Geschäfte mit ihm tätigte, hatte mehr Feinde als Freunde.
Wie in stummer Antwort auf ihre Gedanken kam eine Gruppe Männer aus dem Nebel. Hastig versteckte Illyra sich zwischen aufgestapelten Kisten und mußte mit ansehen, wie diese unmaskierten Männer, fünf an der Zahl, den Toten betrachteten. Dann, völlig übergangslos, warf einer seine Fackel von sich und stach wieder und immer wieder auf die noch warme Leiche ein. Als er endlich genug zu haben schien, stürzten sich nacheinander die anderen auf den Toten.
Die blutige F alkenmaske schlitterte bis kaum eine Handbreit vor Illyras Fuß. Sie hielt den Atem an und rührte sich nicht, während ihre Augen, vor Grauen geweitet, auf die nun verlassene blutige Masse starrten, ehe sie schließlich die Kraft fand, blindlings davonzustolpern. Diese Greueltat schien ihr die letzte, sinnlose Geste des Antlitzes des Chaos an diesem Tag zu sein, der sie bis ins Innerste erschüttert hatte.
Sie stützte sich an einen Vordachpfosten und kämpfte gegen die Übelkeit an, die sie zu überwältigen drohte. Haakons Zuckerwerk war das einzige, das sie den ganzen Tag gegessen hatte, und so brachte es ihr auch keine Erleichterung, als ihr Magen revoltierte.
»’Lyra!«
Eine vertraute Stimme erscholl hinter ihr, und ein schützend um ihre Schulter gelegter Arm brach den entsetzlichen Bann. Sie klammerte sich mit verkrampften Fingern an Dubro, vergrub den Kopf in seinem Lederwams und schluchzte, daß es sie am ganzen Körper schüttelte. Er roch nach Wein und salzigem Nebel, aberjeder seiner Atemzüge war süß für sie.
»’Lyra, was machst du hier?« Er blickte sie fragend an, doch sie antwortete nicht. »Hast du vielleicht gedacht, ich würde nicht zurücckommen?«
Er drückte sie fest an sich, wobei er leicht hin und her schwankte. Sie erzählte ihm vom Tod des Maskierten; dabei mußte sie immer wieder gequält Atem holen. Dubro erkannte schnell, daß seine geliebte Illyra während seiner Abwesenheit viel zu viel erlitten hatte, und er bereute nicht nur, so viel getrunken, sondern auch, außerhalb des Basars Arbeit gesucht zu haben. Sanft hob er sie auf die Arme und trug sie, sanft vor sich hinmurmelnd, nach Hause.
Nicht einmal Dubros schützende Arme verhinderten die Alpträume, die Illyra zu quälen begannen, kaum daß sie nach ihrer Rücckehr eingeschlafen war. Er schüttelte seine Trunkenheit ab und paßte auf sie auf, als sie sich ruhelos auf dem Bett wälzte und sich immer wieder herumwarf. Jedesmal, wenn er hoffte, sie hätte nun endlich einen ruhigen Schlaf gefunden, begannen ihre Alpträume aufs neue. Immer wieder erwachte sie schweißüberströmt und stammelnd vor Furcht. Sie erzählte ihm ihre Träume nicht, als er sie danach fragte. So begann er zu vermuten, daß während seiner Abwesenheit Schlimmeres als dieser Mord sie so erschüttert hatte, obgleich ihr Zuhause keine Spuren eines Einbruchs oder Kampfes aufwies.
Illyra versuchte sehr wohl, ihm in den kurzen Intervallen, wenn sie wach war, ihre Ängste mitzuteilen, aber die Mischung von Bildern und Gefühlen ließen sich nicht in Worten ausdrücken. Mit jeder Wiederholung ihres Alptraums kam sie dem einen Bild näher, das ihre Probleme sowohl zusammenbrachte als auch auflöste. Die ersten noch schwachen Sonnenstrahlen des jungen Morgens brachen durch den Nebel, als sie den Traum endlich klar erkannte.
Sie sah sich an einem Ort, den der Traumgeist Landende nannte. Das Gut war lange schon verlassen, nur noch ein Amboß, der an ein Podest in der Mitte eines sternenerhellten Hofes gekettet war, deutete darauf hin, daß es einst bewirtschaftet gewesen war. Mühelos brach Illyra die Kette und hob den Amboß hoch, als wäre er aus Papier. Wolken drängten herbei, als sie damit davonschritt, und der Wind trieb entwurzeltes Buschwerk auf sie zu. Sie eilte zu dem Eingang, wo Dubro auf sein Geschenk wartete.
Risse durchzogen den Stahl, noch ehe sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, und der Amboß zerbröckelte völlig, als sie ihn Dubro überreichen wollte. Es fing zu regnen an, und die dicken Tropfen wuschen Dubros Gesicht fort und ofenbarten Lythandes grausames, spöttisches Lächeln. Der Magier schlug ihr mit einer Karte — es war das Antlitz des Chaos — ins Gesicht. Da starb sie, fand sich jedoch gefangen in ihrem Körper wieder, der von unsichtbaren Händen zu einer großen Grube getragen wurde. Die mißtönende Musik priesterlichen Gesangs und klirrender Tschinellen umgab sie. Im Traum öffnete sie die toten Augen und sah, wie ein gewaltiger Steinblock in die Grube herabsank. »Ich bin doch schon tot!« schrie sie und versuchte verzweifelt, Arme und Beine von den unsichtbaren Banden zu befreien. »Ich kann nicht geopfert werden — ich bin ja schon tot!«
Da kamen ihre Arme frei und sie schlug wild um sich. Die Wände der Grube waren glasglatt, ohne jeglichen Halt für Hände und Füße. Der heruntergelassene Steinblock berührte ihren Kopf. Sie schrie entsetzlich, ehe das Leben ihren Körper zum zweitenmal verließ. Dann gab ihre sterbliche Hülle ihren Geist frei und er drang aufwärts durch den Stein. Dabei erwachte sie.
»Es war ein Traum«, sagte Illyra, ehe Dubro eine Frage stellen konnte.
Sie hatte nun die Lösung. Der Traum würde nicht wiederkehren. Doch war es wie beim Kartenlesen. Um zu verstehen, was der Traumgeist ihr mitgeteilt hatte, mußte sie darüber meditieren.
»Du hast etwas von Tod und Opfer gesprochen!« sagte Dubro, keineswegs beruhigt durch ihr plötzlich völlig entspanntes Gesicht.
»Es war ein Traum.«
»Was für ein Traum? Hast du Angst, daß ich dich oder den Basar jetzt verlasse, nun, da ich keine Arbeit mehr habe?«
»Nein«, erwiderte sie schnell und verbarg die neue Sorge, die seine Worte geweckt hatten. »Außerdem habe ich einen Amboß für uns gefunden.«
»In deinem Traum von Tod und Opfer?«
»Tod und Opfer sind die Schlüssel, die der Traumgeist mir gab. Nun muß ich mir nur noch die Zeit nehmen, sie zu verstehen.«
Dubro wich unwillkürlich ein wenig von ihr zurück. Er war kein S ’ danzo und obgleich er zu den Basarleuten gehörte, fühlte er sich unbehaglich, wenn es um die Überlieferung und übersinnlichen Gaben der S’danzo ging. Sprach Illyra von »Sehen« oder »Wissen«, zog er sich von ihr zurück und setzte sich still und bedrückt in eine Ecke, so weit wie nur möglich von all ihrem S ’ danzo-Zubehör entfernt.
Illyra blickte auf die schwarze Samtdecke ihres Tisches. Der Morgen war inzwischen fortgeschritten, und ein sanfter Regen hatte die Sonne verdrängt. Dubro stellte eine Schale mit Zuckerwerk vor das Mädchen. Sie nickte dankend und aß stumm. Der Schmied hatte bereits zwei Kundinnen abgewiesen, als Illyra ihre Meditation beendete.
»Bist du fertig, ‘Lyra?« fragte er. Seine Sorge um sie war größer als sein Mißtrauen vor ihrer S’danzo-Beschäftigung.
»Ich denke ja.«
»Kein Tod mehr? Kein Opfer?«
Sie nickte und erzählte ihm, was sie am gestrigen Tag erlebt hatte. Dubro hörte ihr schweigend zu, bis sie zu Lythande kam.
»In meinem Haus? In diesen Wänden?« fragte er scharf.
»Ich sah ihn, aber ich weiß nicht, wie er hereingelangte. Die Kordel war unberührt.«
»Nein!« Dubro stapfte hin und her wie ein Tier im Käfig. »Nein, ich bin dagegen ! Magier und Zauberer haben nichts in meinem Haus zu suchen!«
»Du warst ja nicht hier, und ich hatte Lythande auch nicht eingeladen!« entgegnete Illyra mit blitzenden Augen. »Und er wird wiederkommen, wenn ich nicht tue, was getan werden muß. Also hör mir in Ruhe zu.«
»Nein, ich will nur wissen, was wir machen müssen, damit er uns fernbleibt!« Illyra krallte die Nägel in die Hand, die sie in den Rockfalten verborgenhielt. »Wir müssen — die Weihung des Grundsteins für den neuen Tempel der rankanischen Götter verhindern.«
»’Lyra!« rief er erschrocken. »Du wirst dich doch nicht einmischen, wenn die Götter selbst die Hand im Spiel haben?«
»Nur deshalb war ja Lythande gestern hier!«
»Aber ‘Lyra ...«
Sie schüttelte den Kopf, und er verstummte.
Er weiß, daß er mich besser nicht fragt, was ich beabsichtige, dachte sie, während er die Kordel vor den Eingang spannte und ihr zur Stadt folgte. Solange ich alles im Kopf habe, bin ich sicher, daß es mir gelingen wird. Doch wenn ich zu irgend jemandem darüber spreche - selbst wenn er es wäre —, würde ich hören, wie gering meine Chancen sind, Molin Fackelhalter aufzuhalten oder Marillas Geschick zum Guten zu wenden.
In ihrem Traum war ihr bereits entseelter Körper Sabellia und Savankala geopfert worden. Ihre morgendliche Meditation hatte sie überzeugt, daß sie eine Leiche für Molin Fackelhalters Zeremonie besorgen mußte. Sie kamen zu der Stelle, wo der nächtliche Mord geschehen war, doch Jubais Männer hatten ihren toten Kameraden bereits geholt. Der einzige andere Ort, den sie kannte, wo Tote zu finden waren, war der Statthalterpalast. Unter der zunehmend strengeren Hand der Höllenhunde wurden Hinrichtungen nun schon fast zur Alltäglichkeit.
Sie kamen an dem riesigen Schlachthof, unmittelbar außerhalb des Basartores, vorbei. Der Regen sorgte dafür, daß der Gestank der blutigen Abfälle sich nicht allzu weit von dem halb aus Holz errichteten Bauwerk ausbreitete. Ließen sich Sabellia und Savankala vielleicht mit den Knochen und dem F ett einer geschlachteten Kuh besänftigen? Zögernd stieg sie auf die erhöhten Holzplanken über dem rotbraunen Naß, das aus dem Bau kam.
»Was wollen die rankanischen Götter von hier?« fragte Dubro sie, ehe er den Fuß auf den Plankensteg setzte.
»Ersatz für die bereits Erkorene.«
Ein Mann trat aus einer Seitentür. Er schob eine überschwappende Schubkarre vor sich her, die er in den trägen Fluß leerte. Formlose rote Brocken trieben unter dem Plankensteg vorbei, auf dem die beiden aus dem Basar standen. Illyra schwankte auf den Beinen.
»Selbst die rankanischen Götter ließen sich davon nicht täuschen.« Dubro deutete auf das abfließende Rinnsal. »Opfere ihnen zumindest einen toten Bürger!« Er streckte die Hand aus, um sie zu stützen, als sie zurück auf die Straße trat, dann führte er sie vorbei am Schlangenweg zum Statthalterpalast. Drei Männer hingen im Regen schlaff von den Galgen. Ihre Verbrechen und Namen standen auf Schildern, die sie um den Hals hängen hatten. Aber weder Illyra noch Dubro beherrschten die rätselhafte Wissenschaft des Lesens und Schreibens. »Welcher ist der Geeignetste für deine Zwecke?« erkundigte sich Dubro.
»Er sollte meine Größe haben, aber blond sein«, antwortete Illyra, während sie die beiden stämmigen Burschen und den Greis betrachtete, die an ihren Schlingen baumelten.
Dubro zuckte die Schulter und näherte sich dem Höllenhund, der grimmigen Gesichts am Fuß der Galgen Wache hielt.
»Vater«, brummte er und deutete auf den toten Greis.
»Es ist Gesetz - daß sie bis Sonnenuntergang hängenbleiben müssen. Komm dann zurück.«
»Langer Weg heim. Er ist schon tot—warum warten?« »In Freistatt herrschen nun Gesetz und Ordnung, Bauer, wie es in Ranke üblich ist. Und die rankanischen Gesetze müssen geachtet werden, ohne Ausnahme!« Dubro starrte auf den Boden, ließ die Schultern hängen und spielte sichtlich verlegen mit den Händen.
»Im Regen kann ich die Sonne nicht sehen. Wie soll ich da wissen, wann ich zurücckehren muß?«
Wache und Schmied starrten beide zum stahlgrauen Himmel und jeder wußte, daß er bis zum Abend nicht aufklären würde. Da stapfte der Höllenhund mit lautem Seufzer zu den Seilen, suchte kurz und band schließlich den Strick los, an dem Dubros »Vater« hing, so daß der Gehenkte in den Morast fiel.
»Nimm ihn und verschwinde!«
Dubro hob den Toten auf den Rücken und stapfte zu Illyra, die am Rand der Hinrichtungsstätte wartete.
»Er — er—er ist ...«, keuchte sie.
»Seit Sonnenaufgang tot«, unterbrach er sie.
»... besudelt und stinkt. Sein Gesicht ...«
Wieder ließ er sie ihren Satz nicht beenden. »Du wolltest einen Toten als Opfer.« »Aber keinen solchen!«
»Gehenkte sehen eben nicht besser aus!«
Sie gingen zur Leichenhalle, dem Reich von Freistatts Totengräbern und Bestattern. Für fünf Kupferstücke fand sich schließlich einer der letzteren bereit, die Leiche herzurichten. Für eine weitere Münze hätte er ihnen auch seinen Karren und seinen Sohn zur Verfügung gestellt, um den bedauernswerten ehemaligen Dieb zum Friedhof außerhalb des Siegestores zu bringen, damit er dort auf ehrliche Weise bestattet würde. Illyra und Dubro täuschten große Trauer vor und bestanden darauf, ihren Vater, wie sie es ihm angeblich gelobt hatten, eigenhändig zu begraben. In ein fast sauberes Leichentuch gehüllt, banden sie den Toten auf ein breites Brett. Illyra nahm das Fußende, Dubro das andere. So kehrten sie zum Basar zurück.
»Bringen wir die Leiche zum Austausch in den Tempel?« fragte Dubro, während sie ihre Stühle zur Seite rückten, um Platz für die behelfsmäßige Bahre zu machen.
Illyra starrte ihn an, ehe ihr klar wurde, daß er die Frage ernst gemeint hatte. »In der Nacht werden rankanischen Priester sich vom Statthalterpalast zu dem Gut begeben, das Landende genannt wird, und dort Marilla abholen. Wir müssen sie aufhalten und Marilla gegen unsere Leiche austauschen, ohne daß sie es gewahr werden.«
Des Schmieds Augen weiteten sich ernüchtert. »’Lyra, das ist anders, als dem blinden Jakob Obst zu stehlen! Das Mädchen lebt, der hier ist tot! Das muß den Priestern auffallen.«
Sie schüttelte den Kopf und klammerte sich verzweifelt an das Bild, das sich während ihres Meditierens ergeben hatte. »Es regnet, dazu ist Neumond und ihre Fackeln werden mehr Rauch als Licht geben. Ich habe dem Mädchen Cylantha überlassen. Sie werden sie tragen müssen, als wäre sie tot.«
»Wird sie das Zeug denn auch wirklich nehmen?«
»Ja!«
Aber so sicher, wie sie zu sein vortäuschte, war Illyra nicht, konnte es gar nicht sein, ehe sie nicht den Zug sahen. So viel stand offen: Hatte Manila das Mittel genommen? War der Zug klein genug, ohne Wächter, und der Last wegen auch langsam? Und würde das Ritual sein, wie sie es im Traum gesehen hatte? Die schreckliche Panik kehrte zurück, die sie empfunden hatte, als der Steinblock sich im Traum auf sie herabsenkte. Das Antlitz des Chaos schob sich höhnisch lachend, riesengroß vor ihr inneres Auge.
»Ja! Sie hat das Cylantha gestern abend genommen«, sagte sie und verdrängte das Antlitz des Chaos mit aller Willenskraft.
»Woher willst du das wissen?« Dubros Stimme klang ungläubig.
»Ich weiß es!«
Beide verstummten, als Illyra die Vorbereitungen zu einem makaberen Mahl traf, das sie auf einem Tisch zu sich nahmen, den sie über ihren toten Gast gestellt hatten.
Die Stunde des nicht erkennbaren Sonnenuntergangs kam, und schließlich hüllte die dunkle, regnerische Nacht Freistatt ein, wie Illyra es vorhergesehen hatte. Der stete Regen erhöhte ihr Selbstvertrauen, während sie ihre Last langsam durch den Basar und das Tor trugen.
Sie hatten einen langen, aber nicht schwierigen Weg außerhalb der Stadtmauer vor sich. Wie Dubro bemerkte, mußten die Dämchen aus der Straße der Roten Laternen diesen Weg jeden Abend nehmen, wenn sie zum Himmlisehen Versprechen wollten. Die Dämchen kicherten hinter ihren Schultertüchern beim Anblick der zwei, die etwas trugen, das ganz offensichtlich eine Leiche war. Aber sie behinderten sie nicht, und es war noch viel zu früh, daß lärmende Heimkehrer sich vom Versprechen auf den Weg machten.
Gewaltige Steinblöcke in einem Morastmeer zeigten an, wo der neue Tempel entstehen würde. Ein durch das aufgefangene Regenwasser durchhängender Baldachin schützte schwelende Kohlebecken und Fackeln. Ansonsten war hier alles still und verlassen.
Es ist die Nacht des Zehntodes. Cappen Varra versicherte mir, daß die Priester beschäftigt sein würden. Regen verhindert die Weihung nicht. Götter spüren keinen Regen, dachte fllyra, aber sicher wußte sie es nicht. Sie saß mit dem Rücken zu Dubro und zitterte mehr aus Zweifel und Furcht als von dem kalten Wasser, das ihr den Rücken hinabtropfte.
Während sie so saß, wurde aus dem strömenden Regen ein dunstiges Nieseln, das aussah, als würde es bald nachlassen. Sie verließ den zweifelhaften Schutz eines Steinhaufens und wagte sich näher an den Baldachin heran. Ein Podest war am Rand einer Grube errichtet worden, damit die Zeremonie nicht im Schlamm stattfinden mußte. Seile hingen an einer Seite in die Grube; gewiß sollten sie dazu dienen, das Opfer hinunterzulassen. Rundhölzer gegenüber hielten einen bereits leicht gekippten Steinblock, der sich durch einen leichten Stoß in Bewegung setzen und alles in der Grube zermalmen würde.
Zumindest waren sie also nicht zu spät gekommen. Die Opferung hatte noch nicht stattgefunden. Ehe Illyra Dubro wieder erreicht hatte, sah sie in der dunstverhangenen Ferne sechs Fackeln näherkommen.
»Das sind sie!« flüsterte sie Dubro zu.
»Ich sehe sie. Uns bleiben nur noch wenige Augenblicke.«
Sie wickelte die zwei Seile aus der Schmiede ab, die sie sich um die Taille geschlungen hatte. Sie hatte ihren eigenen Plan für den Austausch ausgearbeitet, da weder der Traumgeist noch ihre Meditationen ihr ausreichenden Einblick und Eingebung geboten hatten.
» Sie werden höchstwahrscheinlich demselben Pfad folgen wie wir, da ja auch sie jemanden tragen«, erklärte sie, während sie die Seile über den Schlamm spannte und sie leicht damit verdeckte. »Wir werden dafür sorgen, daß sie hier darüber fallen.«
»Und ich tausche unsere Leiche gegen das Mädchen aus?«
»Ja.«
Sie schwiegen, während sie beide in einem Schlammloch warteten und hofften, der Zug würde zwischen ihnen hindurchkommen.
Das Glück, das ihr Traum versprochen hatte, erfüllte sich. Molin Fackelhalter führte die kleine Prozession mit einer großen Fackel aus Bronze und Holz aus dem Sabelliatempel in Ranke höchstpersönlich an. Ihm dichtauf folgten drei Akolythen mit duftendem Räucherwerk und Fackeln. Die letzten beiden Fackeln waren an einer Bahre befestigt, welche die hinteren zwei Priester zwischen sich auf den Schultern trugen.
Molin Fackelhalter und die anderen drei stapften über die Seile, ohne sie zu bemerken. Als der erste Bahrenträger zwischen den Seilen war, spannte Illyra sie straff.
Die Bahrenträger hörten das leichte Platschen, als die Seile aus dem Schlamm schnellten, stolperten jedoch darüber, ehe sie etwas dagegen tun konnten. Marilla und die F ackeln fielen in Dubros Richtung, die Priester in Illyras. In dem Durcheinander im Dunkeln gelang es Illyra ungehindert, Schutz hinter einem Haufen Steinblöcken zu finden, doch ohne daß sie hätte sehen können, ob Dubro der Austausch geglückt war.
»Was ist denn los?« erkundigte sich Molin ungehalten und eilte mit seiner schweren Fackel den Weg, den sie gekommen waren, zurück.
»Die verdammten Arbeiter haben ihre Seile herumliegenlassen!« antwortete ein schlammgebadeter Priester und kletterte aus einem knietiefen Schlammloch. »Und das Mädchen?« fragte Molin.
»Liegt offenbar dort drüben.«
Molin F ackelhalter hob mit einer Hand den Gewandsaum und führte die Akoluthen und Priester zu der Schlammgrube, auf die der eine Bahrenträger gedeutet hatte. Illyra hörte Geräusche und betete, daß es Dubro sei, der sich in der Dunkelheit in Sicherheit brachte.
»Helft mit!«
»Verdammter Ilsiger Schlamm. Sie wiegt jetzt zehnmal soviel.«
»Ein bißchen mehr Schlamm, ein wenig früher, tut dem Tempel keinen Abbruch, aber es ist besser, nicht darüber zu sprechen.« F ackelhalters gleichmütige Stimme beruhigte die anderen.
Die Fackeln von der Bahre wurden neu angezündet. Von ihrem Versteck konnte Illyra eine dick mit Schlamm bedeckte, offenbar in Tücher gewickelte Gestalt auf der Bahre sehen. Irgendwie mußte Dubro der Austausch gelungen sein. Etwas anderes zu denken, gestattete sie sich nicht.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und näherte sich dem Podest. Es hatte inzwischen ganz zu regnen aufgehört und der Mond spitzte durch sich auflösende Wolken. Molin Fackelhalter begrüßte das als Omen der verzeihenden, wohlwollenden Vashanka und begann das Ritual. Nach einer Weile leerten die Akolythen Öl aus Bronzekrügen auf die schlammverhüllte Gestalt und zündeten es an. Die brennende Gestalt mitsamt der Bahre senkten sie mit den Seilen hinab in die Grube. Dann warfen die Akolythen symbolisch Arme voller Steine hinterher. Schließlich durchschnitten sie die Seile, die den gekippten Steinblock am Rand hielten, legten Hand an ihn, und er stürzte in die Tiefe.
Sofort verließen F ackelhalter und die beiden anderen Priester das Podest, um zum Palast zurückzukehren. Nur die Akoluthen blieben zurück, um Nachtwache an dem neuen Grab zu halten.
Als die Priester außer Sicht waren, schlich Illyra zu den Schlammlöchern zurück und flüsterte Dubros Namen.
»Hier!« meldete er sich leise.
Ein Blick in sein mondbeschattetes Gesicht genügte ihr zu erkennen, daß etwas schiefgelaufen war.
»Was ist passiert?« fragte sie erschrocken, ohne darauf zu achten, ihre Stimme leise zu halten. »Manila? Haben sie Manila begraben?«
Tränen glänzten in Dubros Augen, als er den Kopf schüttelte. »Sieh sie dir an!« forderte er sie mit einer Stimme auf, die er kaum unter Kontrolle hatte.
Eine verhüllte, schlammbedeckte Gestalt lag nur wenige Schritte entfernt. Dubro weigerte sich, auch nur in ihre Richtung zu schauen. Wachsam näherte Illyra sich ihr.
Dubro hatte ihr Gesicht wieder bedeckt. Den Atem anhaltend zog Illyra das feuchte, schmutzige Leinen zurück.
Einen Herzschlag sah sie Marillas schlafendes Gesicht, doch dann wurde es zu ihrem eigenen. Eine Sekunde später, nachdem sie sich selbst erkannt hatte, fand eine Reihe verwirrender Veränderungen statt. Illyra sah nacheinander Gesichter von Leuten vor sich, die sie in ihrer Kindheit gekannt, aber auch von Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Einen Augenblick erstarrte es zum Antlitz des Chaos, dann überzog perlenweiße Haut es völlig, und es hatte nun weder Augen, Nase, noch Mund.
Illyras Knie waren weich. Sie öffnete die Lippen, um zu schreien, aber Lunge und Kehle waren vor Furcht gelähmt.
Das Leintuch entglitt ihren schlaffen Händen, doch es bedeckte nicht gnädig das gräßliche Ding vor ihr.
Sieh zu, daß du wegkommst, fort von hier!
Dieser, aus der Urfurcht geborene Befehl in ihrem Kopf gestattete nichts als blinde Flucht. Sie schob Dubro zur Seite und rannte. Die Akolythen hörten sie, als sie durch den Schlamm lief, aber sie achtete nicht auf sie. Vor ihr waren Bauten, feste Steingebäude, die sich im Mondschein deutlich abhoben.
Es war ein Landgut, das lange schon verlassen war. Illyra erkannte es aus ihrem Traum, aber ihre Angst und das Grauen nach ihrer kopflosen Flucht von der gesichtlosen Leiche hatten sich erschöpft. Ein Tor hing offen an rostigen Angeln, die knarrten, als sie sie ganz aufschob. Sie wunderte sich nicht, als sie einen Amboß auf einem einfachen Podest mitten auf einem Hof stehen sah, der, wie ihre Instinkte ihr verrieten, nicht völlig verlassen war.
Sinnlos zu zaudern, sagte sie sich. Der Amboß und der Rest sind für mich hier. Sie trat auf den Hof. Nichts geschah. Der Amboß war viel zu schwer, als daß sie ihn auch nur hätte rücken können.
»Bist du gekommen, dir deine Belohnung zu holen?« rief eine Stimme. »Lythande?« wisperte sie und wartete darauf, daß der ausgemergelte Magier sich zeige.
»Lythande ist anderswo.«
Ein Vermummter trat in den Mondschein.
»Was ist passiert? Wo ist Marilla? Und ihre Familie?«
Der Vermummte deutete nach rechts, Illyras Blick folgte seiner deutenden Hand und sie sah die windschiefen Grabsteine eines alten Friedhofs.
»Aber ...?«
»Die Priester von Ils wollen die neuen Götter herausfordern. Sie erschufen den Homunkulus, und es gelang ihnen, ihn so erscheinen zu lassen, daß nicht entsprechend ausgebildete Augen ihn als junge Frau sehen mußten.
Wäre er unter dem Grundstein des Tempels begraben worden, wäre die Festigkeit des Tempelbaus gefährdet worden. Der Grimm Savalkalas und Sabellias hätte dann über die Wüste gegriffen. Das ist natürlich genau das, was die Priester von Ils wollten.
Wir Magier — und selbst ihr S’danzo mit der Gabe — sind gegen Fehden von Göttern und ihren Priestern; denn sie erschüttern das allzu leicht ins Schwanken zu bringende Gleichgewicht des Schicksals. Unsere Arbeit ist wichtiger als die Besänftigung von Gottheiten, deshalb haben wir uns, wie schon manches Mal zuvor, eingeschaltet.«
»Aber der Tempel? Es hätte doch eine Jungfrau begraben werden müssen?« »Auf einen Homunkulus wären die rankanischen Götter aufmerksam geworden, nicht jedoch auf eine falsche Jungfrau. Als der Ilstempel errichtet wurde, wollten die alten Priester eine königliche Seele unter dem Altar einmauern und bestanden auf dem jüngsten und beliebtesten der Königssöhne. Nun war jedoch die Königin selbst eine Zauberin mit beachtlichen Kräften. Sie verlieh einem alten Sklaven das Aussehen ihres jüngsten Sohnes—und seine Gebeine ruhen noch immer unter dem Altar.«
»Dann sind die Götter von Ilsig und Ranke demnach gleichermaßen getäuscht worden und einander offenbar ebenbürtig.«
Der Vermummte lachte. »Wir haben dafür gesorgt, daß alle Götter in Freistatt gleichermaßen behindert sind, mein Kind.«
»Und was ist mit mir? Lythande warnte mich, ja nicht zu versagen!«
»Erklärte ich nicht gerade, daß unser Zweck erreicht ist und damit auch deiner? Du hast nicht versagt, und wir geben dir, was Marilla dir versprach: einen schwarzen Stahlamboß. Er gehört dir!«
Er legte eine Hand auf den Amboß und verschwand in einer Rauchschwade. »Lyra, ist alles in Ordnung? Ich habe dich mit jemandem reden gehört. Ich habe dieses Mädchen begraben, ehe ich dir nachkam.«
»Hier ist der Amboß!«
»Ich will nichts, das auf solche Weise mein wird!«
Er faßte sie am Arm und versuchte, sie aus dem Hof zu zerren.
Ich habe bereits zuviel bezahlt!« brüllte sie ihn an und entrang sich seinem Griff. »Bring ihn in den Basar—dann wollen wir vergessen, wie wir zu ihm gekommen sind. Sprich nie ein Sterbenswörtchen zu irgend jemandem darüber. Aber laß den Amboß nicht hier, sonst ist alles umsonst!«
»Nie werde ich das Gesicht auf diesem toten Mädchen ... Wesen vergessen.« Illyra schwieg nun und starrte auf den auch hier schlammigen Boden. Dubro trat zu dem Amboß und wischte Wasser und Schmutz von seiner Oberfläche. »Jemand hat etwas eingraviert, das mich an eine deiner Karten erinnert. Sag mir zuerst, was es bedeutet, ehe ich ihn in den Basar bringe.«
Illyra stellte sich neben ihn und betrachtete den Amboß. In seine Oberfläche war sichtlich vor gar nicht langer Zeit ein lächelndes Antlitz des Chaos eingraviert worden.
»Es ist ein altes S’danzo-Zeichen für Glück.«
Dubro schien den falschen, bitteren Ton in ihrer Stimme nicht zu bemerken. Sein Vertrauen zu Illyra war auf die Probe gestellt, aber nicht erschüttert worden. Der Amboß war eine schwere Last auf seinen Armen.
»Von allein wird er wohl nicht zu uns nach Hause kommen«, meinte er und blickte Illyra an, als er sich auf den Weg machte.
Sie berührte das Podest und viele Fragen gingen ihr durch den Kopf. Am Tor rief Dubro ihr erneut zu. Der lange Rückweg lag vor ihnen, und es war schon fast Mitternacht. Ohne einen Blick zurück folgte sie Dubro aus dem Hof.