Jamie der Rote

Das Tor der fliegenden Messer

Poul Anderson

Obwohl wieder einmal mittellos, obdachlos und frauenlos, bahnte Cappen Varra sich stolzer Haltung einen Weg durch die drängelnde Menschenmenge im Basar. Immerhin war er vor einigen Wochen in den Haushalt Molin F ackelhalters aufgenommen worden und hatte bis heute, obgleich er nicht wirklich dazugehörte, seinen Teil beigetragen, so gut er es vermochte. Nicht nur, daß die geliebte, zauberhafte Danlis dort als Gesellschafterin Dienst leistete, auch war er vom Hausherrn, dem Priester und Baumeister, großzügig belohnt worden, wann immer er ein Lied sang oder ein eigenes Gedicht zum besten gab. Leider hatte diese erfreuliche Situation sich allzu plötzlich und auf erschreckende Weise geändert, aber er trug immer noch das leuchtend grüne Wams, den scharlachroten Umhang, das kanariengelbe, enge Beinkleid, die weichen, mit Silber verzierten Halbstiefel und das Barett mit der wippenden Feder. Obwohl sein Herz natürlich nach diesem Vorfall schwer war und voll Angst um seine Lieb ste, sah er bi sher keinen Grund, sich von dieser schmucken Gewandung zu trennen. Bestimmt konnte er auch auf andere Weise zu genügend Geld kommen, um sich während seiner Suche nach Danlis über Wasser zu halten. Wenn es unbedingt sein mußte, ließe sich auch— und wahrlich nicht zum erstenmal — seine Laute verpfänden, die ein Goldschmied gerade neu verzierte.

Und wenn er bereits in Lumpen herumlief und seine Suche immer noch nicht von Erfolg gekrönt war, würde er wohl annehmen müssen, das Danlis und Lady Rosanda für immer verloren waren. Doch gehörte er nicht zu jenen, die sich nutzlose Sorgen über die Zukunft machten.

Im Basar unter der sich dem Westen zuneigenden Sonne herrschte lärmender Betrieb. Kaufleute, Handwerker, Träger, Diener, Sklaven, Ehefrauen, Nomaden, Kurtisanen, Gaukler, Bettler, Diebe, Spieler, Magier, Akolythen, Soldaten und wer weiß, wer noch, liefen durcheinander, feilschten, klatschten, zankten, intrigierten, grölten, würfelten, tranken, aßen und wer weiß, was noch. Reiter, Kameltreiber, Fuhrmänner drängten sich durch die Menge und störten sich nicht an den Verwünschungen, mit denen man sie bedachte. Musik klimperte und dudelte aus den Weinstuben. Händler priesen lautstark ihre einmalige, unübertreffliche Ware an; Nachbarn beschimpften einander; Gottgläubige beteten eintönig auf flachen Dächern. Dick hing in der Luft die Geruchsmischung von Schweiß, Braten, gebrannten Mandeln, würzigen Getränken, Leder, Wolle, Dung, Rauch, Ölen und billigen Duftstoffen.

Gewöhnlich genoß Cappen Varra dieses bunte Durcheinander, doch jetzt kämpfte er sich mit nur einem Gedanken hindurch. Natürlich war er trotzdem wachsam, wie jeder in Freistatt es sein mußte. Als kaum spürbare Finger ihn berührten, wußte er Bescheid. Zu jeder anderen Zeit hätte er gegrinst und zu dem Taschendieb gesagt: »Bedaure Freund, ich habe es mir andersherum vorgestellt.« Jetzt aber legte er die Hand auf so grimmige Weise um den Rapiergriff, daß der Taschendieb entsetzt zurückwich und gegen eine fette Frau prallte, daß sie ihr hoch mit Blumen beladenes Messingtablett fallenließ. Sie kreischte und keifte und schlug ihm das schnell wieder ergriffene, doch nun leere Tablett über den Schädel.

Cappen achtete nicht darauf.

Am Ostrand des Marktes fand er, was er suchte. Wieder einmal stand Illyra in Ungnade bei ihresgleichen und betrieb ihr Gewerbe nun in einer Verkaufsbude, die sie mit schwarzem Stoff verhangen hatte. Der Gestank aus einer nahen Gerberei überlagerte fast den starken Duft des Räucherwerks, das sie in einer ungewöhnlichen Schale verbrannte, und würde sicher den ihrer feinen Krauter ganz ersticken. Ihr selbst fehlte die respekt-, ja furchterregende Aura, um die sich die meisten Wahrsagerinnen, Kartenleserinnen, Magier, Zauberer und ihresgleichen bemühten. Sie war zu jung und hätte in ihrer wallenden, farbenfrohen S’danzo-Gewandung fast verloren gewirkt, wäre nicht ihre liebliche Schönheit gewesen. Cappen begrüßte sie mit einem Kratzfuß. »Guten Tag, liebreizende Illyra.«

Sie saß auf einem Kissen und blickte lächelnd hoch. »Einen guten Tag, Cappen Varra.« Sie hatten sich schon oft unterhalten und miteinander gealbert, und er hatte für sie gesungen. Er hätte gern mehr für sie getan und sie hofiert, aber sie schien alle Männer in sicherer Distanz zu halten, und ein Riese von Schmied, der 78

sie ganz offensichtlich anbetete, sorgte dafür, daß sie nicht belästigt wurde. »Man hat dich hier schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen«, bemerkte sie. »War dein Glück so groß, daß es dich alte Freunde vergessen ließ?«

»Es war gemischt, insoweit als es mir nicht die Zeit gönnte hierherzukommen, um dich zu sehen, meine Süße«, antwortete er gewohnheitsmäßig.

Illyra wurde ernst. Die großen Augen in dem von haselnußfarbenem Haar eingerahmten olivbraunen Gesicht musterten den Besucher eindringlich. »Wenn man Hilfe braucht, findet man auch die Zeit«, sagte sie.

Um Hilfe zu suchen, war er noch nie bei ihr gewesen, und überhaupt noch bei keiner Kartenleserin oder irgend jemandem mit übersinnlichen Kräften in Freistatt. In Caronne, wo er aufgewachsen war, hielten die Leute nicht viel von dergleichen. Doch während er später in der Welt herumgekommen war, hatte er so manches Seltsame erlebt, das ihm zu denken gab und ihm den anerzogenen Zweifel nahm. In seiner gegenwärtigen Verfassung spürte er sogar einen Schauder über den Rücken rinnen. »Kannst du meine Zukunft auch ohne deine Karten lesen?«

Sie lächelte wieder, aber düster. »O nein, ich ziehe nur Schlüsse. Man wußte hier schließlich, daß du im Goldschmiedeviertel wohntest und so gut wie zu Molin Fackelhalters Haushalt gehörtest. Und wenn du nun hierherkommst, unmittelbar nachdem bekannt wurde, daß ihm die Gemahlin geraubt wurde, und man dich ansieht, ist deutlich zu erkennen, daß du davon betroffen bist.«

Er nickte. »Ja, und zutiefst besorgt. Ich verlor ...« Er zögerte, weil er nicht wußte, ob es klug wäre, »... meine Liebste« zu sagen, nachdem er diesem Mädchen hier immer wieder versichert hatte, wie sehr er sie verehrte.

»... deine Stellung und dein Einkommen«, sagte Illyra hart. »Der Hohepriester ist zweifellos nicht in der Stimmung, deinem Gesang zu lauschen. Außerdem glaube ich, daß es ohnehin mehr seine Gattin war, die Wert auf deine Dienste legte. Ich nehme an, du hast immer sofort wieder ausgegeben, was du eingenommen hast - oder vielleicht sogar noch zuvor. Außerdem hast du vermutlich die Miete für deine fürstliche Wohnung nicht bezahlt, und der Hauswirt warf dich hinaus, sobald das Gerücht an sein Ohr kam. Du bist ins Labyrinth zurückgekommen, weil du nicht weißt, wo du sonst Unterschlupf finden könntest. Und du hoffst, mich zu überreden, dir einen Hinweis zu geben; denn wenn du dazu beitragen kannst, die Lady zu finden, wirst du dafür reich belohnt werden.«

»Nein, nein, nein!« wehrte er ab. »Du siehst mich in einem falschen Licht!« »Der Hohepriester wird nur seine rankanischen Götter anflehen.« Illyras Stimme klang nun nicht mehr verärgert, sondern nachdenklich. Sie strich über das Kinn. »Er, aus der Sippe des Kaisers, und hier, um einen Tempel zu errichten, der den von Ils übertrifft, kann kaum die alten Götter Freistatts um Hilfe bitten und noch weniger unsere Zauberer, Hexen und Seher. Doch du, der du aus keinem Teil des Reiches stammst, sondern von einem fernen Land im Westen kamst, kannst zu unseresgleichen gehen. Und es muß deine eigene Idee gewesen sein; denn wäre es seine, hätte er dir heimlich Gold zugesteckt, und du hättest dich an einen Seher von größerem Ruf als meinem wenden können.«

Cappen spreizte die Hände. »Es ist fast unheimlich, wie nahe du der Wahrheit kommst, mein liebes Mädchen. Nur in den Beweggründen täuschst du dich. O ja, natürlich würde ich gern in Molins Achtung hoch dastehen und mich reich belohnen lassen und so fort. Aber er tut mir auch wirklich leid, denn unter seiner äußerlichen Strenge steckt ein weicher Kern, und er leidet. Noch mehr schmerzt mich jedoch das Geschick seiner Gattin, die wahrhaft gütig zu mir war und die irgendwohin verschleppt wurde. Doch mehr als all das ...« Sein Gesicht wurde ernst wie selten zuvor. »Du mußt wissen, daß Lady Rosanda nicht allein entfuhrt wurde. Mit ihr verschwand auch ihre Leibmagd Danlis. Und ich — ich liebe Danlis, Illyra, und möchte sie zur Frau nehmen.«

Das Mädchen betrachtete ihn noch eingehender. Sie sah einen jungen Mann von mittlerer Größe vor sich, schlank aber kräftig und geschmeidig (das verdankte er der ihm aufgezwungenen Lebensweise, von Natur aus war er träge — außer in der Zweisamkeit). Er hatte feingeschnittene, regelmäßige Züge, ein schmales, glattes Gesicht, leuchtend blaue Augen, und sein ansonsten schulterlanges schwarzes Haar hing zu Fransen geschnitten über die Stirn bis fast zu den Brauen. Seine Stimme verlieh der Sprache einen melodischen Klang, als erzähle er von weißen Städten, grünen Wiesen und Wäldern, silberblauen Seen, kurz gesagt: von seiner Heimat, die er verlassen hatte, um anderswo das große Glück zu finden. »Du verstehst zu betören, Cappen Varra«, murmelte Illyra, »und wie gut du das weißt.« Und strengeren Tons: »Aber klingende Münze fehlt dir. Wie beabsichtigst du, mich zu bezahlen?«

»Ich fürchte, du mußt auf gut Glück arbeiten, so wie ich es tue«, entgegnete er. »Wenn unsere gemeinsamen Bemühungen zur Rettung der beiden Frauen beitragen, werden wir die Belohnung teilen. Für deinen Anteil könntest du dir dann vielleicht sogar ein Haus an der Goldallee kaufen.« Als Illyra die Stirn runzelte, fuhr er fort: »Gewiß, ich werde mehr durch die Befreiung gewinnen als du, denn ich bekomme meine Liebste zurück und steige in der Gunst des Priesters, was sich auch in Zukunft bezahlt machen wird. Aber bedenke: du brauchst dich lediglich deiner Gabe zu bedienen. Alle weitere Mühe und Gefahr übernehme ich.«

»Wieso glaubst du, eine einfache Wahrsagerin wie ich kann mehr erfahren als des Statthalters Sondergarde?« fragte sie.

»Offenbar ist sie dafür nicht zuständig«, entgegnete er.

Sie beugte sich vor, angespannt unter den vielfachen Lagen Stoffihrer Kleidung, und Cappen beugte sich seinerseits ihr zu. Es war, als dämpfe dichter Nebel den Lärm des Marktplatzes, um den beiden die Möglichkeit zu geben, sich zu verständigen.

»Ich war nicht dort«, sagte Cappen leise, »ich kam erst am frühen Morgen dazu, nachdem es bereits geschehen war. Was man bisher in der Stadt weiß, sind Gerüchte, die sich durch das Gerede des Gesindes gegenüber Freunden und Bekannten außerhalb des Haushalts von selbst ergaben. So etwas läßt sich leider nicht verhindern. Die Tatsachen jedoch hält Molin noch geheim, bis er zu ergründen vermag, welche Bewandtnis es damit hat - wenn ihm das je gelingt. Ich jedoch kam dazu, noch ehe etwas von seiner Seite unternommen worden war. Niemand hielt mich davon ab, mich mit den Anwesenden zu unterhalten, ehe er es bemerkte und mich so gut wie davonjagte. Deshalb weiß ich mehr als alle anderen, so wenig das auch ist.«

»Und ...?«

»Es scheint mir keine irdische Art der Entführung des Lösegeldes wegen zu sein. Du mußt wissen, daß das Haus gut bewacht ist und weder Molin noch seine Gemahlin es je ohne bewaffnete Begleitung verlassen haben. Seiner Mission wegen ist Molin hier alles andere als beliebt. Seine Wachen stammen von Ranke und sind unbestechlich. Das Haus steht in einem Garten mit hohen Mauern ringsum, deren Wehrgang ständig patrouiliert wird. Nach Einbruch der Dunkelheit laufen zusätzlich drei Leoparden frei im Garten herum.

Molin hatte eine geschäfliche Unterredung mit seinem Vetter, dem Prinzen, und verbrachte die Nacht im Statthalterpalast. Seine Gemahlin, Lady Rosanda, blieb zu Hause und zog sich früh zurück, beklagte sich jedoch später, daß sie nicht schlafen könne. Deshalb ließ sie Danlis wecken. Danlis ist keine einfache Leibmagd, von denen es im Haus mehrere gibt, sondern ihre Zofe, Beraterin, Vertraute, Sammlerin von Neuigkeiten und oftmals Führerin und Übersetzerin — oh, sie verdient sich sehr wohl ihren Lohn, meine Danlis. Obgleich sie und ich eine frühmorgendliche Verabredung hatten - deshalb kam ich zu diesem Zeitpunkt ins Haus —, mußte sie Rosandas Laune wegen aus dem Bett, vielleicht um Myladys Hand zu halten oder um für Mylady einen Brief zu schreiben oder um Mylady aus einem beruhigenden Buch vorzulesen —, aber ich rede zuviel. Es genügt zu sagen, daß die beiden sich in ein Gemach im Obergeschoß begaben, das sowohl als Sonnengemach wie auch als Schreibgemach ausgestattet ist. Es ist nur durch eine schmale Treppe zu erreichen und ist der einzige Raum dieses höchsten Stockwerks. Es hat einen Balkon, und da es eine warme Nacht war, standen sowohl Fenster als auch Balkontür offen. Ich sah mir die Hauswand darunter genau an. Sie ist aus Marmor, völlig ohne Zierwerk, wenn man die verschiedenen Farben nicht als solches betrachtet, ganz glatt, und es wachsen auch keine Schling- und Kletterpflanzen an ihr hoch. Es ist deshalb unmöglich, sie zu erklimmen, wenn man keine Fliege ist.

Trotzdem - kurz ehe der Morgen graute, schrillten laute Schreie dort. Die Wächter stürmten die Treppe hoch. Sie mußten die innere Tür aufbrechen. Ich nehme an, die beiden Frauen hatten sie verriegelt, um nicht gestört zu werden, nicht jedoch, weil sie sich bedroht fühlten. Im Gemach lagen Scherben von Vasen und anderem Zeug herum, auch Fetzen eines Gewands, auf denen einige Blutstropfen erkennbar waren. Ja, Danlis zumindest hatte sich offenbar gewehrt. Trotzdem waren beide Frauen verschwunden.

Zwei Posten auf der Gartenmauer meldeten, daß sie ein lautes Geräusch wie das Schlagen von schweren Flügeln gehört hatten. Da die Nacht wolkenverhangen und dunkel war, sahen sie jedoch nichts. Vielleicht hatten sie sich dieses vermeintliche Flügelschlagen auch nur eingebildet. Zu denken gibt, daß die Leoparden verängstigt in einer Ecke kauerten und sich nur zu gern von ihrem Wärter in den Käfig sperren ließen.

Und mehr weiß bestimmt sonst auch niemand, Illyra«, endete Cappan. »Hilf mir! Ich flehe dich an, hilf mir, meine Liebste wiederzufinden!«

Die S’danzo schwieg eine lange Weile. Schließlich sagte sie fast flüsternd: »Ich weiß nicht, das ist vielleicht eine Sache, von der ich besser nichts wissen, geschweige denn mich mit ihr befassen sollte.«

»Oder auch nicht«, beschwor Cappen sie.

Fast trotzig blickte sie ihn an. »Das Volk meiner Mutter glaubt, daß es Unglück bringt, einem Shavakh - das ist jemand, der nicht zu ihm gehört - ohne Gegenleistung einen Gefallen zu erweisen. Versprechen zählen nicht.«

Cappen runzelte finster die Stirn. »Nun, ich könnte zu einem Pfandleiher gehen und ... Aber nein, Zeit ist vielleicht mehr wert als Rubine.« Aus tiefer Verzweiflung löste sich plötzlich ein Grinsen. »Gedichte haben auch ihren Wert, nicht wahr? Ihr S’danzo habt eure Balladen und Lieder. Laß mich dir ein Gedicht widmen, Illyra, das ganz allein dir gehören soll.«

Mit leuchtenden Augen blickte sie ihn an. »Wirklich?« »Wirklich. Laß mich überlegen ... Ah, fangen wir so an ...« Er nahm ihre Hände in seine und murmelte: Mein Lieb’ kommt zu mir wie der helle Morgen Nach einer dunklen, traumerfüllten Nacht, Mit goldnem Banner zieht sie in die Schlacht, Und wirbelnd fliehn des Schattenlandes Horden ...

Sie riß sich los und rief: »Nein, du Gauner! Das ist gewiß etwas, das du für Danlis gedichtet hast - oder für eine frühere Herzensdame, die du in dein Bett locken wolltest ...«

»Aber es ist noch nicht fertig«, gab er zu bedenken. »Ich vollende es für dich, Illyra.«

Ihr Ärger legte sich. Sie schüttelte den Kopf, schnalzte mit der Zunge und seufzte. »Egal. Du bist unverbesserlich. Und ich — bin nur zur Hälfte eine S’danzo. Ich werde versuchen, ob ich etwas für dich sehen kann.«

»Bei allen Göttinnen der Liebe, von denen ich je hörte«, schwor er ihr unsicher, »du sollst dein eigenes Gedicht bekommen, sobald diese Sache überstanden ist.«

»Sei still«, befahl sie, »und schick alle fort, die in die Nähe kommen.«

Er drehte sich um und zog sein Schwert. Die schlanke gerade Klinge würde in diesem F all jedoch kaum nötig sein, denn es befanden sich keine anderen Buden und Verkaufsstände in unmittelbarer Nähe, und ein breiter gepflasterter Streifen lag zwischen ihrem Verschlag und dem Rand des Gedränges. Aber immerhin gab ihm der Schwertgriff in der Hand das Gefühl, endlich Fortschritte zu machen. Er hatte sich in den ersten Stunden so hilflos und hoffnungslos gefühlt, als wäre seine Liebste tatsächlich gestorben und nicht ... und nicht ... was? Hinter sich hörte er, wie Karten gemischt, dann Würfel geworfen und schließlich unverständliche Worte geleiert wurden.

Plötzlich war, als würge Illyra an einem Schrei. Er wirbelte herum und sah, wie fahl das Olivbraun ihres Gesichts plötzlich geworden war. Sie drückte die überkreuzten Arme mit gebeugten Schultern an die Brust und schauderte.

»Was ist los?« platzte er mit neuer Furcht heraus.

Sie blickte ihn nicht an. »Geh weg!« flüsterte sie dünn. »Vergiß, daß du diese Frau je gekannt hast.«

»Aber ... aber was ...« »Ich sagte doch, geh weg! Laß mich in Ruhe!«

Irgendwie ließ sie sich dann doch erweichen, wenigstens etwas zu sagen: »Ich weiß nichts. Ich wage nicht, etwas zu wissen. Ich bin nur ein unbedeutendes Halbblut, das ein paar Zaubersprüche kennt und hin und wieder das Zweite Gesicht hat—und so habe ich gesehen, daß diese Sache über Raum und Zeit hinausgeht und eine gewaltige Macht dahintersteckt. Enas Yorl könnte dir mehr darüber sagen, aber er ist selbst ...« Ihr Mut verließ sie.

»Geh weg!« schrie sie, »ehe ich Dubro mit dem Hammer rufe!«

»Verzeih!« murmelte Cappen Varra und zog sich hastig zurück.

Er schlurfte durch die krummen Straßen des Labyrinths. Sie waren eng und die meisten der einfachen Häuser hier hoch. Schon jetzt herrschte Dämmerung hier. Es war, als wäre er in die gleiche Nacht gestolpert, die Danlis verschlungen hatte ... Danlis, Geschöpf der Sonne und weiter Horizonte ... Wenn sie am Leben war, ob sie sich da wohl an ihr letztes Zusammensein erinnerte, so wie er es tat, ein Traum, vor Jahrhunderten geträumt?

Es war ihr freier Tag gewesen, und sie wollte einen Ausflug in die Gegend nördlich der Stadt machen. Cappen hatte aus dreierlei Gründen davon abgeraten. Der erste, den er nicht erwähnte, war, daß es sehr anstrengend sein und er staubig und verschwitzt werden und sich den Hintern wundreiben würde. Sie verachtete Männer, die nicht wenigstens so tatkräftig und unternehmungslustig waren wie sie, außer natürlich, sie machten diesen Mangel durch Ehrwürdigkeit und Weisheit wett.

Den zweiten Grund deutete er an. So verrucht Freistatt auch war, kannte er doch einige Räumlichkeiten, wo ein liebendes Paar sich ungestört in angenehmem Luxus vergnügen könnte - seine Wohnung, beispielsweise. Sie lächelte abwehrend. Ihre Familie gehörte zur alten Aristokratie Rankes, nicht zu den Neureichen, und sie war nach alter, strenger Sitte erzogen. Obwohl ihr Vater schlimmen Umständen zum Opfer gefallen war und sie sich deshalb gezwungen gesehen hatte, eine Stellung anzunehmen, behielt sie doch ihren Stolz, und nur unbefleckt würde sie sich ihrem Bräutigam in der Brautnacht hingeben. Bisher hatte sie Cappens leidenschaftlichen Liebesschwüren nur entgegengesetzt, daß sie ihn mochte, sich in seiner Gesellschaft wohlfühlte und sich wünschte, er würde das Thema wechseln. (Die üppigere, lebensfrohe Lady Rosanda schien weniger abweisend zu sein, aber er achtete darauf, sich ihr gegenüber stets auf heitere Weise korrekt zu benehmen.) Er hatte jedoch das Gefühl, daß Danlis sich in seiner Gegenwart bereits mehr als nur wohlfühlte; denn ihre angeborene Zurückhaltung wurde mit jedem Mal, da sie sich sahen, geringer. Trotzdem konnte sie unmöglich vergessen haben, daß er lediglich das außereheliche Kind eines unbedeutenden Edelmanns aus einem fernen Land war, ohne weltliche Güter und nichts weiter als ein leichtsinniger Spielmann.

Den dritten Grund nannte er offen. Zwar war das Hinterland verhältnismäßig sicher, aber Molin Fackelhalter würde sich trotzdem ergrimmen, wenn er erfuhr, daß eine Frau seines Haushalts sich nur in Begleitung eines einzigen Mannes dorthin begeben hatte, vor allem, wenn dieser Mann nicht einmal ein ausgebildeter Kämpfer war. Und Molins Besorgnis wäre vermutlich gerechtfertigt. Danlis lächelte erneut und sagte: »Ich könnte einen Wachmann, der dienstfrei hat, bitten mitzukommen. Aber du hast doch interessante Freunde, Cappen. Ist unter ihnen nicht vielleicht ein Krieger?«

Natürlich kannte er nicht nur einige, sondern eine ganze Menge, doch er bezweifelte, daß sie Freude daran haben würde, sie kennenzulernen. Glücklicherweise aber hatte Jamie der Rote für diesen Tag nichts vor und erklärte sich einverstanden, sie zu begleiten. Also bat Cappen die Köchin, ihnen einen Picknicckorb für vier herzurichten.

Jamies Mädchen hatten jedoch keine Lust zu dieser Art von Ausflug; sie befürchteten, die Sonne könne ihrem Teint schaden. Cappen fand es eigentlich nicht sehr nett von dem Mann aus dem Norden, daß er ihm nie anbot, sie mit ihm zu teilen. Dadurch hatte er, Cappen, ziemliche Auslagen in der Straße der Roten Laternen, da er sich ja schließlich selbst keine Geliebte halten konnte, solange er Danlis den Hof machte. Doch ansonsten mochte er Jamie. Sie hatten sich kennengelernt, nachdem Rosanda, die den Spielmann zufällig singen gehört hatte, ihn zur erbaulichen Unterhaltung in Fackelhalters Haus einlud, und danach, um regelmäßig für sie zu singen und zu spielen, woraufhin Cappen sich eine teure Wohnung im Goldschmiedeviertel leisten konnte, wo Jamie wohnte. Drei Pferde und ein Packtier verließen Freistatt am frühen Morgen hufklappernd und mit klingelnden Geschirrglöckchen. Cappens Schädel beschwerte sich jedoch brummend über diese frohgemuten Laute. Der Spielmann war erst lange nach Mitternacht ins Bett gekommen, nachdem er arg über den Durst getrunken hatte, und außerdem stand er üblicherweise selten vor Mittag auf. Mundfaul lauschte er Jamie.

»... ja, meine Dame, ich komme aus dem Gebirge im Norden. Wir sind kein mit Gütern gesegnetes, aber ein freies Volk. Manche würden uns Barbaren nennen, doch es uns ins Gesicht zu sagen, wäre sehr unklug. Wir haben unsere Geschichte, unsere Überlieferungen, Lieder, Gesetze, Sitten, Götter, so gut wie andere und zwar schon seit langer Zeit. Wir kennen nicht viele eurer südlichen Gebräuche und Geschichte, aber wieviel wißt ihr denn von unseren? Nicht, daß ich angeben möchte, bitte versteht das, aber ich habe auf meinen Wanderungen viel Erstaunliches gesehen, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir zu Hause ebenfalls so manches Wundersame haben.«

»Ich würde gern davon hören«, bat Danlis. »Hier im Reich wissen wir so gut wie nichts über Euer Land, jedenfalls kaum mehr, als in Venafers und Mattathans Chroniken zu lesen ist oder in der Naturgeschichte von Kahayavesh. Wie hat es Euch hierher verschlagen?«

»Oh-ah, ich bin ein jüngerer Sohn unseres Königs und wollte mich ein wenig in der Welt umsehen, ehe ich seßhaft werde. Nicht, daß ich mich mit Reichtum beladen hätte, aber indem ich da und dort aushelfe, komme ich schon zurecht.« Jamie hielt inne. »Ihr, meine Dame, habt sicher viel mehr Interessanteres als ich zu erzählen. Ihr seid doch von der Reichshauptstadt, offenbar mit Büchern aufgewachsen, und wollt Euch auch persönlich im Land umschauen, mit eigenen Augen sehen, welche Gesteine, Pflanzen und Tiere es hier gibt.«

Cappen hielt es für angebracht, an der Unterhaltung teilzunehmen, nicht daß er befürchtete, Jamie würde einem Freund die Liebste ausspannen, oder Danlis würde sich von einem wilden Hochländler sonderlich angezogen fühlen. Trotzdem ...

Jamie sah auf seine Weise nicht schlecht aus. Er war riesenhaft, um einen Kopf größer als Cappen und hatte übermäßig breite Schultern. Er mochte vielleicht etwas tapsig wirken, doch der Schein trügte, wie der Spielmann festgestellt hatte, als sie sich einmal in einer Sporthalle austobten — er hatte feste Knochen und schier eiserne Muskeln. Eine auffallend rote Mähne rahmte ein jungenhaftes Gesicht mit sanften blauen Augen ein, die zu seinem fast schüchternen Wesen paßten. Heute war er einfach gekleidet: er trug ein schmuckloses Hemd und ein Beinkleid mit überkreuzten Trägern. Auffällig war nur der Dolch an seinem Gürtel und die Streitaxt am Sattelknauf.

Und Danlis — wie konnte selbst ein Dichter die richtigen Worte finden, ihre Schönheit zu beschreiben? Sie war groß und schlank, und ihre Züge hätten in ihrer Regelmäßigkeit und durch den alabasterfarbenen Teint fast kalt gewirkt, wären nicht die großen, grauen Augen gewesen, das hochgesteckte, goldene Haar und die feingeschwungenen Lippen, aus denen die für eine Frau aufregend tiefe Stimme kam. (Wie oft hatte er wachgelegen und sich nach diesen Lippen gesehnt und sich schließlich damit getröstet, daß sie ihn immerhin die feste, feingeäderte Hand küssen ließ.) Trotz der zunehmenden Wärme und dem Staub, den die Hufe aufwirbelten, blieb ihr Kapuzenreitgewand makellos, und nicht ein Schweißtropfen glitzerte auf ihrer Haut.

Bis Cappen endlich völlig wach war, hatte ihr Gespräch sich den Göttern zugewandt. Danlis interessiert sich dafür, welche in Jamies Heimat verehrt wurden —wie sie sich überhaupt für fast alles interessierte. (Einige Themen, die sie für unfein hielt, mied sie allerdings.) Jamie seinerseits wollte gern von ihr hören, was so in Freistatt vorging. »Ich kenne nur eine Seite der Dinge, und Cappen interessiert das alles nicht«, sagte er. »Man brummelt über Euren Herrn—Molin heißt er, nicht wahr?«

»Er ist nicht mein Herr«, berichtigte Danlis. »Ich bin eine freie Gesellschafterin seiner Gemahlin. Er ist ein Hohepriester in Ranke und auch ein Baumeister.« »Warum verärgert der Kaiser Freistatt? Fast überall, wo ich war, waren die Statthalter vernünftiger und ließen die einheimischen Götter in Frieden.«

Danlis überlegte. »Wo soll ich anfangen? Zweifellos wißt Ihr, daß Freistatt ursprünglich zum Königreich Ilsig gehörte. Infolgedessen erbaute man Tempel für die Götter von Ilsig — vor allem natürlich für Ils, den Göttervater, und seine Gemahlin Shipri, die Allmutter, aber für andere, wie den Erntegott Anen, ebenfalls, und für Thufir, den Beschützer der Pilger ...«

»Aber keinen für Shalpa, den Gott der Diebe«, warf Cappen ein, »obgleich er gerade jetzt mehr Anhänger als jeder andere hat.«

Danlis ignorierte seine spöttische Bemerkung. »Ranke war ein völlig anderes Land, mit ganz anderen Göttern«, fuhr sie fort. »Gottvater ist Savankala, der Donnerer, seine Gemahlin ist Sabellia, die Herrin der Sterne, ihren Sohn Vashanka nennt man den Zehntöter, und seine Schwester und Gemahlin ist Azyna. Sie sind die Gottheiten des Sturmes und Krieges. Venafer schreibt, es sei ihnen zu verdanken, daß Ranke schließlich so mächtig wurde. Mattathan ist prosaischer und meint, der kriegerische Geist, den sie vermittelten, hätte letztendlich zur Eroberung Ilsigs durch das rankanische Reich geführt.«

»Ja, meine Dame, ja, das habe ich ebenfalls gehört«, sagte Jamie, während Cappen sich dachte, wenn seine Liebste einen Fehler hatte, dann den, daß sie gern Leute belehrte.

»Freistatt hat sich seither verändert«, sprach sie weiter. »Es wurde vielsprachig, turbulent, korrupt, ein Krebsgeschwür, unter dem die Bürger leiden. Die schädlichsten Elemente sind die zunehmend eingeführten Kulte, nicht zu vergessen die Hexer, Zauberer, Scharlatane und dergleichen, die die Dummheit der Menschen reich macht. Recht und Ordnung waren hier schon lange überfällig, und niemand anderer als das Reich ist imstande, beides durchzusetzen. Eine wichtige Maßnahme für den Übergang ist die Einführung der rankanischen Gottheiten, deren Tempel als Symbol und Treffpunkt dienen sollen.«

»Aber sie haben doch bereits ihre Tempel«, gab Jamie zu bedenken.

»Kleine, armselige, gerade groß genug für die paar Rankaner hier, von denen ohnehin wenige lange in der Stadt bleiben«, entgegnete Danlis. »Sie erwecken lediglich einen falschen Eindruck von den Gottheiten und dem Reich. Nein, der Kaiser hat entschieden, daß Savankala und Sabellia den größten und prächtigsten Tempel im gesamten Landesteil bekommen müssen. Molin Fackelhalter wird ihn erbauen und einweihen. Dann können die Entarteten und Volksbetrüger aus Freistatt verjagt werden. Danach kann der Statthalter sich müheloser der kleinen Verbrecher und Gesetzesübertreter annehmen.«

Cappen glaubte nicht, daß es so einfach sein würde, wie sie es sich vorstellte, doch ehe er dazu kam, das zu sagen, fragte Jamie bereits: »Haltet Ihr das wirklich für so klug, meine Dame? Gewiß, viele hier verehren fremde Götter oder erkennen überhaupt keine an, doch gibt es durchaus eine sehr große Zahl, die zu den alten Göttern von Ilsig beten, und sie betrachten euren—uh — Savankala als Eindringling. Ich will Euch damit nicht beleidigen, aber so ist es. Sie sind empört, daß er ein größeres und prunkvolleres Gotteshaus bekommen soll, als das von Ils mit den Tausend Augen ist. Einige befürchten, daß Ils das nicht ungestraft hinnehmen wird.«

»Ich weiß«, gestand Danlis, »und ich bedauere das Leid, zu dem es führt. Ich bin überzeugt, Lord Molin fühlt wie ich. Trotzdem müssen wir die Vertreter der Finsternis bezwingen, ehe das Geschwür, das sie sind, sich im ganzen Reich ausbreitet.«

Endlich gelang es Cappen etwas einzuwerfen: »O nein. Ich bin schon eine ganze Weile in der Stadt und lebte den größten Teil davon im Labyrinth. Dadurch lernte ich so manche, die sich Magier oder Zauberinnen nennen, persönlich kennen. Sie sind wirklich nicht so, wie ihr Rankaner glaubt, also weder verrucht noch böse, und die meisten sind eher zu bedauern. Sie bedienen sich ihrer Täuschungen und kleiner Tricks, um sich hier in dieser verkommenen Stadt, in die es sie verschlug, gerade am Leben zu erhalten.«

Danlis warf ihm einen scharfen Blick zu. »Hast du nicht selbst gesagt, daß die Menschen in Caronne gegen Zauberei sind?« »Das stimmt auch. Doch das kommt daher, daß wir hauptsächlich Verstandesmenschen sind, für die alle Magie nicht mehr als Bühnenzauberei ist, mit der man andere täuscht. Ich selbst habe ein paar verblüffende Tricks gelernt.«

»O wirklich?« fragte Jamie erstaunt.

»Nur zur Ergötzung natürlich«, erklärte Cappen hastig, ehe Danlis ihr Mißfallen äußern konnte. »Einige sind sehr gefällig und nichts weiter als eine Übertragung dreidimensionaler Geometrie.« Als er bemerkte, wie interessiert sie aufblickte, fügte er hinzu: »Ich studierte in meiner frühen Jugend Mathematik. Ehe mein Vater starb, bestand er darauf, daß ich als Edelmann erzogen und ausgebildet würde. Ich muß gestehen, ich habe viel vergessen, doch an einige nützliche oder amüsante Einzelheiten erinnere ich mich noch.«

»Dann führ sie uns doch vor, wenn wir Rast machen«, bat ihn Jamie.

Das tat Cappen auch, als sie es sich auf einem Hügel am Schimmelfohlenfluß bequem machten. Dieser Wasserlauf schlängelte sich schimmernd durch Felder und Wiesen, deren üppiges Grün zu leugnen schien, daß die Wüste am Horizont lauerte. Die Mittagssonne buk den Boden, und es roch nach Humus, Harz und Wildkräutern. Ein einsamer Baum schenkte ihnen Schatten, und Bienen summten an seine Blüten.

Nach dem Essen und nachdem Danlis aufgestanden war, um sich eine Eidechsenart genauer anzusehen, die ihr bisher fremd gewesen war, führte Cappen seine Künste vor. Danlis war ganz besonders eingenommen - ja bezaubert von seinen geometrischen Schöpfungen. Wie jede rankanische Dame trug sie Nähzeug bei sich, und da sie war, wer sie war, auch Schreibutensilien. So konnte er mit Schere und Faden aus Papier allerhand machen. Er zeigte, wie man einen Ring so zu schneiden vermag, daß daraus zwei ineinander verschlungene entstehen, und wie sich ein Papierstreifen drehen läßt, daß er nur noch eine Oberfläche und eine Kante hat, und woran er sich sonst noch erinnerte. Jamie schien seine Vorführung ebenfalls Spaß zu machen, allerdings war seine Begeisterung nicht so groß wie Danlis’.

Als er sah, wie sie vor Freude von innen heraus leuchtete, machte Cappen sich daran, das Gedicht fortzuführen, das er ihr widmen wollte. Er war damit bisher viel langsamer vorangekommen als mit anderen zuvor. Er hatte das Thema: er sah sie als die Morgenröte, aber nur ein paar Zeilen waren ihm soweit gelungen, und noch fehlte das richtige Versmaß. Und nun fiel ihm etwas ein:

Mit goldnem Banner zieht sie in die Schlacht, Und wirbelnd fliehn des Schattenlandes Horden Ein neuer Tag ist aus der Finsternis geworden Von meiner Liebsten Feuerglanz entfacht.

Ja, es würde ganz offensichtlich ein Rondeau werden. Deshalb waren die nächsten beiden Zeilen:

Mein Lieb’ kommt zu mir wie der helle Morgen Nach einer dunklen, traumerfüllten Nacht.

So weit war er gekommen, als sie plötzlich sagte: »Cappen, das ist ein so schöner Ausflug, eine solch herrliche Landschaft. Ich möchte morgen gern den Sonnenaufgang am Fluß beobachten. Würdest du mich begleiten?« Sonnenaufgang? Da sagte sie bereits zu Jamie. »Wir brauchen Euch da nicht zu bemühen. Ich denke nur an einen Spaziergang zur Brücke, außerhalb der Stadt. Der Weg ist überall gut bewacht und völlig sicher.«

Und zu dieser frühen Stunde herrschte kaum Verkehr.

Außerdem standen die kolossalen Statuen entlang der Brücke vor Nischen, die vor dem Blick Vorübergehender geschützt waren.

»O ja, Danlis, mit allergrößtem Vergnügen!« versicherte ihr Cappen. Für eine solche Gelegenheit war er bereit, sogar vor dem ersten Hahnenschrei aufzustehen.

Und als er es getan und Molin Fackelhalters Haus erreicht hatte, war sie nicht mehr da gewesen.

Noch ziemlich erschrocken darüber, daß Illyra ihn so davongejagt hatte, suchte Cappen Trost in Wilden Einhorn und klagte Eindaumen sein Leid. Der stämmige Mann hatte eine frühere Schicht in der Schenke übernommen, denn ein anderer Ausschank hatte sich noch nicht von den Folgen einer Auseinandersetzung mit einem Gast erholt. (Bald danach war dieser Gast mit dem Gesicht nach unten im Wasser treibend unter einem Landesteg gefunden worden. Niemand zog bei Eindaumen darüber Erkundigungen ein; seine Stammgäste wußten, daß er zwar nicht unbedingt auf Ruhe und Ordnung in seinem Lokal bestand, wohl aber auf Sicherheit.) Er versicherte Cappen wortkarg sein Mitgefühl und stellte ihm ein Bett im oberen Stockwerk zur Verfügung. Der Spielmann bemerkte die stechenden und beißenden Mitbenutzer kaum.

Als er gegen Sonnenuntergang erwachte, fand er Wasser und ein Waschtuch vor, und bald fühlte er sich frisch, aber auch hungrig und durstig. Er ging hinunter in die Schankstube. Blau tat die Dämmerung sich durch die Fenster und offene Tür kund, und Schwärze hing unter den Deckenbalken. Die Kerzen auf der Theke und an einigen kleineren Tischen an der Wand verbreiteten nur schwaches Licht. Die Luft war kühl geworden und dämpfte so die üblen Gerüche im Labyrinth, dadurch roch Cappen auch ganz stark das Bier — das schon seit längerem vergossene auf den Binsen am Boden, und das frisch angezapfte, das drei Männer in der Nähe eben erst bestellt hatten — und den in der Küche schmorenden Braten.

Eindaumen kam auf ihn zu, eine schattenhafte Gestalt, außer wo Kerzenlicht sich auf seinem kahlen Kopf spiegelte. »Setz dich«, forderte er Cappen auf. »Iß, trink.« Er brachte ihm einen überschäumenden großen Krug und ein Brett, auf dem ein dickes Stück Rostbraten auf einer Scheibe Brot lag, und stellte alles auf einen Ecktisch, dann setzte er sich neben den Spielmann.

Cappen machte sich über das Fleisch her. »Du bist sehr großzügig«, murmelte er mit vollem Mund und griff nach dem Krug.

»Du wirst dafür schon bezahlen, wenn du zu Geld kommst, und wenn nicht, dann durch Lieder und Zauberkunststücke. Beides ist gut fürs Geschäft.« Danach schwieg Eindaumen und blickte seinen Gast nur an.

Erst als Cappen aufgegessen hatten, sagte der Wirt: »Während du geschlafen hast, habe ich zwei Burschen ausgeschickt, um sich umzuhören. Ich dachte, vielleicht hat irgend jemand etwas gesehen, das dir weiterhelfen würde. Keine Angst, ich habe dich nicht erwähnt, und es ist auch ganz natürlich, daß es mich interessiert zu erfahren, was tatsächlich geschehen ist.«

Der Spielmann starrte ihn an. »Du hast dir meinetwegen sehr viel Mühe gemacht.«

»Ich sagte doch, ich will es selbst auch wissen. Wenn irgendeine Teufelei im Gang ist, wen trifft es als nächsten?« Eindaumen rieb mit einer Fingerspitze über den zahnlosen Teil seines Zahnfleischs. »Natürlich, wenn du einen Glückstreffer landen solltest—ich erwarte es nicht, aber für den F all des F alles — dann denk daran, wer gut zu dir war.« Ein neuer Gast trat ein, und Eindaumen machte sich daran, ihn zu bedienen.

Nachdem er sich kurz im Flüsterton mit ihm unterhalten hatte, führte er den Neuankömmling an Cappens Tisch. Cappens Puls schlug heftiger, als er den jungen Mann erkannte. Ihm war natürlich klar, daß Eindaumen ihn nicht mit Hanse zusammengebracht hätte, verfolgte er damit nicht einen Zweck, denn Spielmann und Dieb waren einander nicht gerade gewogen. Sie grüßten kühl mit einem Kopfnicken, sprachen jedoch nicht, bis der Wirt mit einer Runde Bier zurücckehrte.

Als alle drei saßen, forderte Eindaumen den Neuankömmling auf: »Na, spuck schon aus, Junge. Du sagtest, du hättest Neuigkeiten.« »Für ihn?« brauste Hanse auf und deutete auf Cappen.

»Egal für wen, sprich schon!«

Hanse blickte ihn finster an. »Ich rede nicht für einen einzigen, lausigen Krug.« »Du wirst es aber, wenn du auch weiterhin hierherkommen willst.«

Hanse biß sich auf die Lippe, das Wilde Einhorn war für einen seines Gewerbes als Treffpunkt so gut wie unentbehrlich.

Cappen hielt es für angebracht, die bittere Pille zu versüßen. »Ich kenne Molin Fackelhalter. Wenn ich ihm in dieser Sache dienlich sein kann, wird er nicht kleinlich sein. Genausowenig wie ich. Sagen wir, du bekommst — hm — zehn Goldkronen, einverstanden?«

Der Betrag war nicht fürstlich, aber durchaus angemessen. »Na gut, na gut«, brummte Hanse. »Ich hatte mich im Goldschmiedeviertel umgesehen, weil ich was Größeres vorhabe. Da kam gegen Morgen ein Wachtrupp vorbei und ich hielt es für besser, nicht auf demselben Weg heimzukehren, den ich gekommen war. Also nahm ich die Tempelallee, als hätte ich vor, zu dem einen oder anderen Gott zu beten. Es war eine dunkle, wolkenverhangene Nacht, darum war ich auch unterwegs gewesen. Aber ihr wißt ja, daß mehrere Tempel Licht brennen haben und so konnte ich etwas abseits davon noch einigermaßen sehen, auch in größerer Höhe. Die Allee selbst war menschenleer, als ich über mir ein pfeifendes und schlagendes Geräusch hörte. Ich blickte hoch und ...«

Er unterbrach sich.

»Und was?« fragte Cappen ungeduldig, während Eindaumen ihn gleichmütig anblickte.

Hanse schluckte. »Ich möchte es nicht schwören, schließlich war es alles andere denn taghell, inzwischen habe ich mich auch schon mehrmals gefragt, ob ich mich nicht getäuscht habe.«

»Was war es?« Cappen umklammerte den Tischrand, daß die Fingernägel weiß wurden.

Hanse nahm hastig einen Schluck und sagte mit sich überschlagender Stimme: »Es war ein riesiges schwarzes—Ding, fast wie eine Schlange, aber mit Flügeln wie eine Fledermaus. Es kam aus der ungefähren Richtung von Molins Haus, wenn ich es jetzt so recht überlege. Und es flog in etwa in die von Ils’ Tempel. Etwas baumelte von ihm herunter, das ein oder zwei Menschen gewesen sein könnten. Ich blieb jedoch nicht, um es mir genauer anzuschauen, sondern tauchte in die nächste Gasse und wartete eine Weile. Als ich mich wieder herauswagte, war es nicht mehr zu sehen.«

Er goß den Rest des Bieres in seine Kehle und stand auf. »Das ist alles. Ich will mich an den Anblick nicht mehr erinnern, und sollte je jemand danach fragen: ich war heute abend nicht hier.«

»Deine Geschichte ist wenigstens zwei weitere Bier wert«, lud Eindaumen ihn ein.

»An einem anderen Abend gern«, lehnte Hanse ab. »Im Augenblick brauche ich dringend eine Hure. Vergiß die zehn Goldkronen nicht, Sänger.« Mit steifen Beinen zog er sich zurück.

»Und?« fragte der Wirt nach längerem Schweigen. »Was hältst du davon?« Cappen unterdrückte einen Schauder. Auf seinen Handflächen glitzerte kalter Schweiß. »Ich weiß nur, daß wir es mit nichts Menschlichem zu tun haben.« »Du hast doch einmal erwähnt, daß du einen Talisman hast, der dich gegen Zauber schützt.«

Cappen betastete das kleine silberne Amulett in Form einer zusammengeringelten Schlange, das er am Hals trug. »Da bin ich mir nicht so sicher. Ein Hexer, dem ich einen Gefallen erwies, schenkte es mir vor vielen Jahren. Er behauptete, es würde mich gegen Zauber und übernatürliche Wesen schützen, aber nur vor solchen von niedrigerem Stand als Götter. Doch damit es wirkt, muß ich drei Tatsachen über den, der den Zauber über mich verhängt hat, oder über das Wesen, das mich bedroht, aufsagen. In zwei oder drei Notfällen habe ich das auch bereits getan und habe die Sache mit heiler Haut überstanden, aber ich kann nicht beweisen, daß ich das dem Talisman verdanke.«

Weitere Gäste betraten die Schenke, und Eindaumen mußte sie bedienen. Cappen hatte große Lust, sich vollaufen zu lassen, und zweifellos würde der Wirt ihm auch vorstrecken, was er brauchte, aber er wagte es nicht. Er wußte bereits mehr, als der Gegenseite gefallen würde—wer oder was immer sie war. Und sie mochte Möglichkeiten haben, das herauszufinden.

Die Kerze auf seinem Tisch flackerte. Er blickte hoch und sah einen bartlosen, fetten Mann in prunkvollem Festgewand - wahrhaftig nicht die übliche Kleidung für einen Besuch im Einhorn. »Guten Abend«, grüßte der Feiste. Seine Stimme klang hell wie die eines Kindes.

Cappen blinzelte durch das Halbdunkel. »Ich glaube nicht, daß ich Euch kenne.«

»Nein, aber Ihr werdet es bald glauben, o ja, das werdet Ihr.« Der Fette setzte sich. Eindaumen kam an den Tisch und nahm die Bestellung entgegen. »Rotwein, aber ein anständiger Jahrgang, mein teurer Wirt, und zwar entweder einen Zhanuvend oder Baladach.« Eine Münze glitzerte.

Cappens Herz schlug heftig. »Enas Yorl?« hauchte er.

Der andere nickte. »In Person, in leider allzu veränderlicher. Ich kann nur hoffen, der Fluch schlägt schnell wieder zu. F ast jede Gestalt wäre besser als diese. Ich hasse Übergewicht. Außerdem bin ich im Augenblick ein Eunuch. Die Male, da ich eine Frau war, waren zweifellos besser.«

»Es tut mir so leid, mein Herr.« Cappen war sehr vorsichtig. Obgleich er sich nicht von dem schrecklichen Fluch befreien konnte, der ihm auferlegt war, war Enas Yorl doch ein mächtiger Zauberer, kein einfacher Taschenspieler. »Zumindest wurde ich nicht so ohne weiteres versetzt. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie ärgerlich es ist, sich plötzlich anderswo zu befinden, meilenweit entfernt manchmal. Ich konnte aufübliche Weise hierherkommen, in meiner Sänfte. Puh, wie kann jemand sich nur aus freiem Willen in diese Gossen begeben, die man im Labyrinth Straßen nennt?« Der Wein kam. »Am besten wir kommen zur Sache und bringen sie hinter uns, junger Mann, damit ich zu Hause bin, wenn die nächste Verwandlung mich überrascht.«

Enas Yorl nippte und verzog das Gesicht. »Betrug«, keifte er. »Das kann ja kein Mensch trinken!«

»Vielleicht liegt es an Eurem gegenwärtigen Gaumen, mein Herr?« meinte Cappen. Er fügte jedoch nicht hinzu, daß Enas’ Zunge unter argem Redefluß litt. Er empfand es fast als körperliche Qual, jetzt hier festzusitzen, aber er durfte den Zauberer nicht gegen sich aufbringen.

»Oh, durchaus möglich. Nichts hat mir wirklich geschmeckt, seit ... Nun, jetzt aber zum Geschäft. Als ich erfuhr, daß Eindaumen Erkundigungen über den Vorfall in der vergangenen Nacht einzog, schickte ich selbst einige Leute aus. Ihr werdet verstehen, daß ich soviel wie möglich zu erfahren trachtete.« Enas Yorl schrieb ein Zeichen in die Luft. »Reine Vorsichtsmaßnahme. Ich möchte wahrhaftig den Mächten, die dahinterstecken, nicht in die Quere kommen.«

Ein eisiger Schauder rann über Cappens Rücken. »So wißt Ihr, wer sie sind? Und worum es geht?« Seine Stimme zitterte.

Enas Yorl schüttelte den Kopf. »Nicht so hastig, mein Junge, nicht so hastig. Das letzte, was ich erfuhr, war, daß Ihr eine etwas unbefriedigende Aussprache - wenn wir es so nennen wollen -, mit Illyra, der Seherin, hattet. Man teilte mir auch mit, daß Ihr Euch nun in dieser Schenke befindet, mit deren Wirt Ihr auf gutem Fuß steht. Offenbar seid Ihr in diese Sache verwickelt. Ich muß wissen, warum, wie, wie sehr - eben alles.«

»Dann werdet Ihr mir helfen, mein Herr?«

Ein zweites Kopfschütteln ließ das Mehrfachkinn und die feisten Wangen schwabbeln. »Keinesfalls. Ich sagte doch bereits, ich will diesen Mächten nicht in die Quere kommen. Aber für das, was Ihr mir sagen könnt, bin ich bereit, Euch die Sache zu erklären, soweit ich kann, und Euch zu beraten. Aber seid gewarnt, zweifellos werde ich Euch raten, die Angelegenheit zu vergessen, und vielleicht auch noch, die Stadt zu verlassen.«

Und zweifellos wäre das ein guter Rat, dachte Cappen, nur eben einer, den ein Liebender nicht befolgen kann, außer — o ihr gütigen Götter von Caronne, nein, nein! außer Danlis war tot.

Die ganze Geschichte quoll nur so aus ihm heraus und wurde klarer durch die einsichtigen Fragen des Zauberes. Schließlich endete er und atmete schwer, während Enas Yorl nickte.

»Ja, das scheint zu bestätigen, was ich vermutete«, sagte der Zauberer fast sanft. Er starrte an dem Spielmann vorbei in die tänzelnden Schatten. Gesprächsfetzen, das Klicken von Trinkgefäßen und das vereinzelte Gelächter in der Schankstube klangen mondweit entfernt.

»Was war es denn?« platzte Cappen heraus.

»Ein Sickintair, ein Fliegendes Messer. Es kann nichts anderes gewesen sein.« »Ein—wa-as?«

Enas blickte Cappen an. »Das Ungeheuer, das die Frauen verschleppte«, erklärte er. »Sickintairs sind eine Verkörperung Ils’. Zwei Skulpturen auf der Freitreppe seines Tempels stellen welche dar.«

»O ja, ich habe sie gesehen, doch nie gedacht ...«

»Ihr seid ja auch kein Anhänger irgendeines hiesigen Gottes. Als ich von der Entführung hörte, schickte ich meine Vertrauten aus, damit sie Erkundigungszauber legten. Ich erhielt Hinweise - ich kann sie Euch, dem alles magische Wissen fehlt, nicht erklären. Ich stellte jedenfalls fest, daß selbst der Stoff des Alls erschüttert worden war. Die Vibrationen hatten sich noch nicht völlig gelegt und gingen vom Ilstempel aus. In einem groben Vergleich könnt Ihr es Euch vielleicht wie eine Wasserfläche vorstellen, die sich kräuselt, wenn ein Taucher hindurchgesprungen ist, und deren Wellen sich allmählich legen.«

Enas Yorl nahm einen tieferen Schluck, als er gewöhnt war. »In Ilsig war die Zivilisation schon alt, als Ranke noch ein barbarisches Dorf war«, sagte er wie zu sich selbst. Er starrte blicklos in die Dunkelheit. »Die Hallen der Götter befanden sich nach den Ilsiger Mythen außerhalb der Welt - nicht darüber, nicht darunter, sondern eben außerhalb. Philosophen neuerer, rationalistischer Zeit nahmen das als Grundlage ihrer Theorie von parallelen Universen. Meine eigenen Forschungen — Ihr versteht sicher, daß ich mich durch meinen Zustand besonders für die Dimensionstheorien interessierte, die subtileren Aspekte der Geometrie -, also meine Forschungen demonstrierten die Möglichkeit der Versetzung zwischen diesen verschiedenen Räumen.

Stellt euch, als andere Analogie, eine Packung Spielkarten vor. Eine Karte ist ein König, eine andere ein Bube, eine weitere ein As und so weiter. Normalerweise kann keines dieser Bilder die Ebene, auf der es existiert, verlassen. Schiebt man jedoch ein sehr dünnes, saugfähiges Blatt, das man in eine bestimmte Lösung getaucht hat, zwischen zwei Karten, können die Farben durchdringen und übertragen so das Bild, nehme ich an. Das ist natürlich kein sehr guter Vergleich, denn die Versetzung wird durch eine gewisse Verzerrung des Kontinuums vorgenommen ... «

Cappen hatte genug dieser Spitzfindigkeiten. Heftig stellte er den Krug auf den Tisch und fluchte: »Bei allen Höllen aller Kulte, wollt Ihr nicht endlich zur Sache kommen?«

Gäste an den benachbarten Tischen starrten zu ihnen herüber, stellten fest, daß keine Tätlichkeiten zu erwarten waren, und wandten sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten zu, zu denen unter anderem nun auch die Begutachtung von Straßenmädchen gehörte, die mit Laternen in der Hand in die Schenke gekommen waren, um nach Kunden Ausschau zu halten.

Enas Yorl lächelte. »Ich verzeihe Euch Eure Heftigkeit unter diesen Umständen. Auch ich bin hin und wieder jung. Also gut. Mit allem, was mir bisher bekannt ist, einschließlich dessen, was ich von Euch erfahren habe, erscheint mir die innere Struktur der Geschehnisse verhältnismäßig offensichtlich. Ihr wißt von den Meinungsverschiedenheiten, die sich durch den Bau des neuen Tempels ergeben, der den von Ils und Shipri in jeder Hinsicht überragen soll. Ich möchte nicht behaupten, daß der Gott persönlich eingegriffen hat. Ich hoffe sehr, daß er das für unter seiner Würde erachtet—ein Kampf unter den Göttern wäre nicht gut für uns, gelinde gesagt. Er hat jedoch möglicherweise ein paar seiner fanatischeren Priester zum Handeln angeregt. Es könnte sein, daß er ihnen in Träumen oder Visionen die Methoden offenbart hat, von einer Welt in die andere zu gelangen, um dort die Sickintairs ihrem Willen zu unterwerfen. Ich nehme an, Lady Rosanda—und nicht zu vergessen, ihre Gesellschafterin, Eure Angebetete sind in jener anderen Welt gefangen. Im Tempel selbst halten sich zu viele Priester, Unterpriester, Akolythen und Gläubige auf, als daß sich dort die Gemahlin einer so hochgestellten Persönlichkeit verstecken ließe. Das Tor jedoch muß nicht unbedingt als solches erkennbar sein.«

Cappen beherrschte sich, innerlich schaudernd, und bemühte sich um eine gleichmütige Stimme: »Wie könnte es denn aussehen, mein Herr?«

»Oh, es könnte eine Schriftrolle aus einer Truhe sein, in der sie lange Zeit unbeachtet gelegen hat, die nun geöffnet wurde ... Ja, ich würde sagen, im Allerheiligsten, um Kraft aus den heiligen Dingen für sich zu ziehen, und um von so wenigen wie nur möglich gesehen zu werden, die an dieser Verschwörung beteiligt sind ...« Enas Yorl blickte Cappen scharf an. »Vorsichtig! Ich glaube, ich weiß, was Ihr denkt. Verschluckt diesen Gedanken, ehe Ihr daran erstickt!«

Cappen fuhr mit sandiger Zunge über die ledrigen Lippen. »Womit ... müssen wir ... rechnen, mein Herr?«

»Das ist eine gute Frage«, entgegnete Enas Yorl. »Ich kann nur raten. Doch bin ich mit der Tempelhierarchie vertraut, und ich glaube nicht, daß der Erzpriester in diese Sache eingeweiht ist. Er ist zu alt und gebrechlich. Dagegen riecht sie mir nach Hazroah, Ils’ Hohemflamen, der vor kurzem übrigens die Leitung des Tempels von seinem nominellen Vorgesetzten übernommen hat. Er ist sowohl verwegen als auch skrupellos - er hätte besser Soldat werden sollen ... Wenn ich mich in ihn versetze, würde ich sagen, er läßt Molin eine Weile schmoren, ehe er vorsichtig mit ihm zu unterhandeln beginnt—angefangen mit einem verschleierten Hinweis —, und natürlich immer mit der Behauptung, es sei Ils’ Wille.

Niemand, außer dem Kaiser selbst, kann einen Befehl wie den Bau eines Tempels zurückziehen. Ihn zu überreden, wird viel Zeit und Druck kosten. Molin ist ein rankanischer Edler der alten Schule. Er wird hin und her gerissen sein zwischen seinen Pflichten gegenüber den Göttern und dem Staat und der Liebe zu seiner Gattin. Aber ich glaube doch, daß er schließlich dazu gebracht werden kann, beizupflichten, daß es nicht sehr klug sei, Savankala und Sabellia in einer Stadt zu erheben, deren Schutzgötter sie nie waren. Und er wiederum kann den Kaiser wie gewünscht beeinflussen.«

»Wie lange, glaubt Ihr, würde es dauern?« flüsterte Cappen. »Ich meine, bis die Frauen wieder frei sind?«

Enas Yorl zuckte die Schulter. »Jahre, möglicherweise. Aber wahrscheinlich wird Hazroah versuchen, die Sache zu beschleunigen, indem er vorgibt, daß Lady Rosanda sich in Gefahr befindet. Ich könnte mir gut vorstellen, daß die sterblichen Überreste einer gefolterten Gesellschafterin vor Molins Hauseingang ihn zu schnellerem Handeln bewegen.«

Er blickte auf das fahle Gesicht neben sich. »Ich weiß«, sagte er, »Ihr hegt Fieberträume von einer heldenhaften Befreiung. Sie ist unmöglich. Selbst wenn es Euch gelingen sollte, durch das Tor und zurück zu kommen, würde das Tor selbst doch bleiben. Ich bezweifle, daß Ils persönlich Rache suchen würde. Abgesehen davon, daß das seiner unwürdig wäre, könnte es zur offenen Auseinandersetzung mit Savankala und seinen Jüngern führen, die allein schon ernstzunehmende Gegner wären. Dagegen würde Ils bestimmt den Flamen Hazroah nicht zurückhalten, der ungemein rachsüchtig ist. Gelänge es Euch, seinen Knechten zu entgehen, würde er einen Sickintair hinter Euch herschicken und Euch finden, wo immer auf der Welt Ihr Euch auch mit Euren Liebsten zu verbergen versuchtet. Euer Talisman würde Euch in diesem Fall nichts nutzen. Die Sickintair sind nicht übernatürlich, höchstens vielleicht die Macht hinter ihnen, die es ermöglicht, daß eine so gewaltige Masse überhaupt fliegen kann—und sie kommt von keinem Zauberer, sondern von einem Gott.

Also vergeßt das Mädchen. Die Stadt ist voll von schönen Maiden.« Er fischte in seinem Beutel und warf eine Handvoll Münzen auf den Tisch. »Geht in ein gutes Freudenhaus, vergnügt Euch und hebt einen auf den armen alten Enas Yorl.«

Er stand auf und watschelte aus der Schenke. Cappen starrte auf die Münzen. Verschwommen wurde ihm bewußt, daß es ein beachtlicher Betrag war—alles Silberlunar, dreißig insgesamt.

Eindaumen kam zu ihm. »Was hat er gesagt?« erkundigte er sich.

»Daß ich alle Hoffnung fahren lassen soll«, murmelte Cappen. Seine Augen brannten, sein Blick war verschleiert. Hastig wischte er sich übers Gesicht.

»Ich habe das Gefühl, daß es besser ist, wenn ich mir nicht mehr anhöre.« Eindaumen legte die verstümmelte Hand sanft auf Cappens Schulter. »Möchtest du dich volllaufen lassen? Als mein Gast? Ich muß zwar dein Geld nehmen, sonst wollen auch die anderen umsonst saufen, aber ich gebe es dir morgen zurück.« »Nein, ich ... aber ich danke dir. Du bist zu beschäftigt, und ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann. Wenn du mir eine Laterne leihen könntest ...« »Damit würdest du vermutlich nur einen Straßenräuber anlocken, so fein, wie du heute gekleidet bist.«

Cappen umklammerte den Schwertgriff. »Er wäre mir äußerst willkommen, die kurze Weile, die er es überleben würde«, sagte er verbittert.

Er stand auf. Seine Finger dachten wie von selbst daran, die Münzen einzustecken.

Jamie ließ ihn ein. Der Nordmann hatte sich hastig einen Umhang über die breiten Schultern geworfen. Er hielt eine Steinlampe, die eigentlich ein Nachtlicht war. »Pssst!« mahnte er. »Die Mädchen schlafen.« Mit dem Kopf deutete er auf eine geschlossene Tür am hinteren Ende des Eingangsgemachs. Er hob die Lampe, um Cappen ins Gesicht zu blicken, woraufhin sein eigenes seinen Schrecken verriet. »Oje, Junge! Was hast du denn? Ich habe vom Blitz getroffene Männer gesehen, die glücklicher aussahen!«

Cappen stolperte über die Schwelle und ließ sich in einen Sessel fallen. Jamie verriegelte die Außentür, hielt einen Kienspan an die Lampenflamme und zündete damit Kerzen an. Dann schenkte er Wein in Kelche, zog sich einen Sessel gegenüber Cappens, setzte sich hinein und legte die rotbehaarte rechte Wade über das linke Knie. »Erzähl!« sagte er.

Nachdem Cappen ihm sein Herz ausgeschüttet hatte, verharrte er noch eine Weile stumm. An den Wänden schimmerten seine Waffen zwischen hübschen Gemälden, die seine Hausgefährtinnen ausgesucht hatten. Schließlich fragte er sanft: »Willst du aufgeben?«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« stöhnte Cappen.

»Ich denke, du kannst ruhig noch ein wenig weitermachen, ob die Dinge nun sind, wie der Zauberer glaubt, oder nicht. Bei uns zu Hause sagt man, daß kein Mensch seinem Schicksal entgehen kann, warum soll er sich ihm dann nicht auf eine Weise stellen, die zumindest eine hehre Geschichte ergibt? Außerdem ist das vielleicht noch gar nicht unser Todestag; und ich bezweifle, daß diese Drachen wirklich unbesiegbar sind—wer weiß, vielleicht macht es Spaß, es herauszufinden? Und hauptsächlich, das muß ich zugeben, bin ich sehr von deinem Mädchen eingenommen. Es gibt nicht viele wie sie, mein Freund! Und wie sagt man bei uns zu Hause: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«

Cappen hob erstaunt den Kopf. »Du meinst, ich sollte versuchen sie zu befreien?« rief er.

»Nein, ich meine, wir sollten es!« Jamie lachte. »Es ist mir in letzter Zeit ohnehin ein wenig langweilig geworden — woran Schmetterling und Perlschimmer natürlich nicht schuld sind. Abgesehen davon könnte ich einen Teil der Belohnung gut brauchen.«

»Ich ... ich möchte gern!« stammelte Cappen. »O wie gern! Aber wir hätten keine Chance ...«

»Sie ist dein Mädchen, infolgedessen liegt die Entscheidung bei dir! Ich werde dich nicht geringer achten, wenn du nichts unternimmst. Ich weiß ja, daß in deinem Land, im Gegensatz zu unserem, nicht Weib und Kinder vor allem anderen kommen. Außerdem war es für dich ja nichts weiter als eine Hoffnung.« Erregung schüttelte den Spielmann. Er sprang auf und rannte hin und her, hin und her. »Aber was können wir denn tun?«

»Nun, wir könnten uns im Tempel umschauen«, schlug Jamie vor. »Ich war schon ein paarmal dort, weil ich der Meinung bin, daß es nie schaden kann, auch den Göttern anderer Ehrfurcht zu erweisen. Vielleicht stellen wir fest, daß wir tatsächlich nichts für Danlis tun können. Oder aber wir finden doch eine Möglichkeit und unternehmen was.«

Danlis!

Feuer durchzog Cappen Varras Adern. Er war jung! Er zog sein Rapier und schwang es pfeifend hoch. »Ja! Ja! Ja!«

Das einzige, was sich auf der Tempelallee regte, war der kalte, säuselnde Nachtwind. In eisiger Unnahbarkeit blickten die Sterne aufihre breite Leere herab, die raschelnden Bäume, die beeindruckenden Bauwerke und verwitterten Statuen. Da und dort flackerten Flammen an Eingängen, Giebeln oder auf Simsen, aus Glaslaternen, eisernen Lampen und durchbrochenen Steingefäßen. Am Fuß der prächtigen Freitreppe zum Tempel von Ils und Shipri bildeten Feuer im Hintergrund Heiligenscheine für die zwei gewaltigen Idole—die Statuen eines Mannes und einer Frau in den wallenden Gewändern längst vergangener Zeit - links und rechts am Fuß der Treppe, die zur vorderen Säulenhalle und zum Bronzeportal emporführte. Die graniten Tempelwände hoben sich senkrecht der vergoldeten Kuppel entgegen, die hell schimmerte. Dieser Tempel war das höchste Bauwerk von Freistatt.

Cappen trat auf die unterste Stufe. »Halt!« Jamie zupfte an des Spielmanns Umhang. »Wir können nicht einfach hineinmarschieren! Sie haben Wachen in der Vorhalle.«

»Ich möchte mir nur diese Sickintairs näher ansehen«, erklärte Cappen.

»Hm, das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee! Aber es muß schnell gehen. Wir könnten in größte Schwierigkeiten geraten, käme ein Trupp Wachen vorbei.« Sie konnten nicht behaupten, sie wollten den Tempel lediglich zur Andacht betreten, denn in diesem Viertel durften Zivilisten im Höchstfall als Bewaffnung ein Messer bei sich haben. Cappen und Jamie hatten jeder eines, aber keine Kerzen, wie echte Gottesanbeter. Zusätzlich trug Cappen noch sein Rapier und Jamie sein Breitschwert, letzterer außerdem einen Spitzhelm mit Visier und ein knielanges Kettenhemd. Beide hatten auch noch je eine Lanze bei sich, die Jamie zur Verfügung gestellt hatte.

Cappen nickte und rannte die Stufen hoch. Auf halber Höhe blieb er stehen und betrachtete die geradezu furchteinflößende Stahle. Sie war aus poliertem Obsidian und hätte gut dreißig Fuß gemessen, wäre der Schwanz nicht unter dem schmalen Körper eingeringelt gewesen. Die beiden Beine, die den vorderen Körperteil stützten, hatten die Länge von Jamies Dolch. Ein aufgerichteter Schlangenhals trug einen lanzettförmigen Schädel mit aufgerissenem Rachen, aus dem spitze F änge ragten, die der Bildhauer aus Diamanten geschnitten hatte. Aus dem Rücken wuchsen Schwingen, Fledermausflügeln ähnlich, wären nicht die spitzen Zacken gewesen; ausgebreitet mochten sie gut einen Umfang von dreißig Fuß haben.

»Ja«, murmelte Jamie. »Ein solches Ungeheuer könnte ohne Schwierigkeiten zwei Frauen davonschleppen wie ein Adler zwei Hasen. Es braucht wohl allerhand zu fressen, ehe es satt ist. Ich frage mich, welche Beute diese Ungetüme bei sich zu Hause jagen.«

»Das finden wir vielleicht heraus«, murmelte Cappen und wünschte sich, er hätte es nicht gesagt.

»Komm!« Jamie zog ihn die Treppe wieder hinunter und um die linke Seite des Tempels herum. Er nahm fast das ganze Grundstück ein, so daß nur ein schmaler Plattenweg hier entlangführte. Unmittelbar daran anschließend erhob sich die Mauer um den blumenduftenden Tempel Eshis, der Göttin der Liebe. Dadurch war dieser Weg beruhigend dunkel und die Eindringlinge konnten von der Allee aus nicht erblickt werden, während sie doch gerade soviel Licht hatten, zu sehen, was sie taten. Cappen fragte sich, ob das vielleicht bedeutete, daß die Liebesgöttin ihnen für ihr Wagnis ihre Gunst schenkte. Schließlich unternahmen sie es ja, zumindest hauptsächlich, der Liebe wegen. Und ganz abgesehen davon war er immer ihr begei sterter Verehrer gewesen, oder zumindest der ihrer Schwestern in den Pantheons anderer Länder. Bestimmt viel öfter als die meisten Männer hatte er ihr auf ihre liebste Weise Opfer dargebracht.

Jamie hatte gemeint, daß das Gebäude weitere, kleinere Türen haben müßte; denn schließlich mußten ja auch von hier Besorgungen gemacht werden und so weiter. Und bald fanden sie auch eine. Sie war für die Nacht verschlossen und gesäumt von zwei Fenstern, nicht größer als Schlitze, durch die man sich unmöglich hindurchwinden konnte. Natürlich ließe das Holz der Tür sich spalten, aber der Krach wäre zu laut. Cappen hatte eine bessere Idee. Er bat Jamie, sich auf Hände und Knie zu stützen, dann stellte er sich auf seinen breiten Rücken, stieß die Lanze durch ein F enster und fummelte damit an der Tür. Nach einigen geflüsterten Verwünschungen gelang es ihm endlich, den Riegel aufzuschieben. »Ich glaube, du hast deinen Beruf verfehlt«, sagte der Nordmann, als er aufstand und die Tür öffnete.

»Nein, Einbrechen ist zu gefährlich für meinen Geschmack«, antwortete Cappen in einem schwachem Versuch zu spaßen. Tatsache war, daß er noch nie jemanden bestohlen oder betrogen hatte, außer er hatte es wirklich verdient.

»Selbst ein Einbruch in einem Götterhaus?« Jamies Grinsen war breiter als nötig.

Cappen schauderte. »Erinnere mich nicht daran!«

Die Tür führte in einen Lagerraum. Sie schlössen sie hinter sich, tasteten sich durch die Dunkelheit zur Tür ins Tempelinnere und gelangten auf einen Korridor. Die weit auseinanderhängenden Lampen verliehen ihm eher Düsternis als Helligkeit. Er war leer und still. Die Vorhalle und das Schiff des Tempels waren nie verschlossen. Wachen beschützten einen Priester, der stets bereit war, Opfergaben entgegenzunehmen. Doch ansonsten schliefen die Priester und Akolythen. Das zumindest hofften die beiden.

Jamie hatte gewußt, daß das Allerheiligste sich in der Kuppel befand, da Ils ja ein Himmelsgott war. Nun jedoch überließ er Cappen die Führung, da er sich im Innern doch besser auskannte und eher den richtigen Weg finden würde. Der Spielmann war jedoch nur halb bei der Sache und bemerkte kaum all die Pracht, an der sie vorbeikamen; denn er rief sich die Sagen von Helden ins Gedächtnis, die sich den Zorn eines Gottes zugezogen hatten, vor allem den eines Hauptgottes, für die ihr Wagnis jedoch trotzdem gut ausgegangen war, weil sie den Segen eines anderen Gottes gehabt hatten. Er entschied sich auch gegen spätere Versuche, Ils zu besänftigen, denn das würde diesen hohen Gott erst recht auf ihn aufmerksam machen. Savankala dagegen würde über ihn erfreut sein. Und was die anderen Gottheiten betraf, nun, er würde selbstverständlich Eshi voll Inbrunst ehren.

Ein paarmal bog er verkehrt ab und sie mußten, nachdem er es bemerkt hatte, den Weg wieder zurück—das erschien ihm jedesmal entsetzlich lange. Schließlich kam er jedoch zu einer Treppe, die im Zickzack an der Innenseite einer Außenwand hochzuführen schien. Absatz um Absatz blieb hinter ihnen zurück ...

Der letzte war von Wänden umgeben und wurde so zu einer winzigen Kammer, die geradezu prunkvoll zu nennen war ...

Er öffnete die Tür und trat hindurch ...

Wind blies durch die kuppeltragenden Säulen, durch seine Gewandung und tief in seine Knochen. Er sah Sterne. Sie waren die hellsten am Himmel, denn die Kammer war das Piedestal einer riesigen Laterne. Auf den Steinplatten des Bodens sah er ihm unbekannte Zeichen und in jeder Himmelsrichtung etwas anderes: einen Altar, eine Statue und noch eine Statue und, wie er annahm, den berühmten Donnerstein; alles war in goldfarbene Tücher gehüllt. Vor dem Gegenstand im Osten baumelte ein Band, dessen Rückseite zu leuchten schien. Cappen nahm seinen ganzen Mut zusammen und näherte sich ihm. Das vermeintliche Band war ein Pergament, etwa acht Fuß lang und vier breit, und hing an Schnüren in den oberen Ecken an einem Träger der Kuppel. Die Schnüre schienen festgeklebt zu sein, als habe man vermeiden wollen, Löcher in die Oberfläche zu machen. Die unteren Ecken des Pergaments — sie befanden sich zwei Fuß über dem Boden — wurden ebenfalls gehalten, aber von zwei Ambossen, die bestimmt nur zu diesem Zweck hierhergebracht worden waren. Trotzdem flatterte und rasselte es leicht im Wind. Es war mit kabbalistischen Zeichen bedeckt.

Cappen trat zur Rückseite herum und pfiff durch die Zähne. Hier war ein Bild innerhalb eines schmalen, gezeichneten Rahmens. Hinter dem Rand von etwas, das eine Pergola sein mochte, befand sich ein Wiesenland mit stattlichen Eichen in unregelmäßigen Abständen. Etwa eine Meile entfernt—die Perspektive war großartig ausgeführt — stand ein Bauwerk von Herrenhausgröße in einem Baustil, wie er ihn noch nirgendwo gesehen hatte; es hatte seltsam verschlungene Kolonnaden, ein ungewöhnlich geschwungenes Dach mit merkwürdigen Giebeln, und es war blutrot. Ein Garten umgab es, dessen Pfade und kunstvoll beschnittene Bäume genauso fremdartig wirkten, und auch das Wasser der Springbrunnen sprudelte auf eigenartige Weise. Hinter dem Haus stieg das Terrain in Wellen an, und schneebedeckte Gipfel schimmerten am Horizont. Der Himmel war von tiefem Blau.

»Bei den Göttern!« entführ es Jamie. »Aus dem Gemälde kommt Sonnenschein. Ich spüre ihn!«

Cappen faßte sich und achtete nun ebenfalls darauf. Ja, er fühlte Wärme, sah Licht, und allerlei Gerüche stiegen ihm in die Nase. Und diese Berge wirkten so echt.

Erregung erfaßte ihn. »Ich ... glaube ... wir haben ... das Tor gefunden!« flüsterte er.

Vorsichtig stupste er mit der Lanze auf das Pergament. Die Spitze traf auf keinen Widerstand, sondern ließ sich weiterschieben. Jamie trat hinter das Pergament. »Du hast es nicht durchbohrt!« rief er. »Nichts ragt auf dieser Seite heraus, die übrigens durchaus fest ist.«

»Die Lanzenspitze ist in der nächsten Welt«, erklärte Cappen mit belegter Stimme.

Er zog die Waffe zurück. Er und Jamie starrten einander an.

»Nun?« meinte der Nordmann.

»Eine bessere Chance bekommen wir nie.« Cappens Stimme schien ohne sein Zutun zu antworten. »Es wäre töricht, jetzt einen Rückzug zu machen, außer wir wollen das ganze Unternehmen aufgeben.«

»Wir könnten Molin, nein, lieber dem Prinzen berichten, was wir entdeckt haben.«

»Damit man uns ins Irrenhaus sperrt? Selbst wenn der Statthalter trotzdem jemanden beauftragen sollte, der Sache nachzugehen, brauchen die Verschwörer das Ding nur hier wegzunehmen und zu verstecken, bis die Luft wieder rein ist. Nein.« Cappen straffte die Schultern. »Tu, was du willst, Jamie, ich gehe jedenfalls hindurch!«

Insgeheim wünschte er sich, er hätte weniger Selbstachtung, oder zumindest, er würde Danlis nicht so sehr lieben.

Jamie runzelte die Stirn und seufzte. »Du hast wohl recht. Ich hatte bloß nicht erwartet, daß es so schnell gehen würde. Ich dachte, wir würden uns erst einmal nur umsehen. Hätte ich das vorhergesehen, hätte ich die Mädchen aufgeweckt und ihnen zumindest ... ah ... gute Nacht gesagt.« Er nahm die Lanze in die eine und das Schwert in die andere Hand. Plötzlich lachte er. »Was immer auch kommt, langweilig wird es bestimmt nicht.«

Cappen stieg hoch über die Schwelle und trat vor.

Es war nicht anders, als trete er durch eine übliche Tür, nur daß er in einen linden Sommertag kam. Nachdem Jamie ihm gefolgt war, sah er, daß das Bild auf dem Pergament das war, dem er gerade den Rücken zugewandt hatte: eine verhangene Masse, eine Säule, Sterne über einer nächtlichen Stadt. Er blickte auf die Rückseite des Pergaments und fand die gleichen Zeichen wie auf seinem Gegenstück.

Nein, nicht Gegenstück, dachte er. Wenn er Enas Yorl nicht falsch verstanden hatte und sich richtig an das erinnerte, was sein Mathematiklehrer ihm über esoterische Geometrie gesagt hatte, gab es nur ein einziges Pergament. Eine Seite öffnete sich zu diesem Universum, die andere zu seinem, und ein Zauber hatte die Dimensionen gekrümmt, daß Materie geradewegs hindurchdringen konnte. Auch hier hing das Pergament an Schnüren, allerdings von einer Pergola aus gelbem Marmor, deren runde Treppe zur Wiese hinabführte. Er stellte sich vor, daß dieser Durchgang für einen Sickintair gar nicht so einfach war und erst recht nicht mit zwei Frauen in seinen Klauen. Das Ungeheuer hatte die beiden vermutlich fest an sich gedrückt, war mit großer Geschwindigkeit herangekommen, hatte die Schwingen angezogen und war zwischen den Kuppelsäulen hindurchgesegelt, bis zum Rand des Tores. Auf dem Hinweg mußte es durch das Tor nach Freistatt gekrochen sein.

All das tat und dachte Cappen im Zeitraum von sechs Herzschlägen. Ein Ruf riß ihn aus seinen Gedanken. Drei Männer, die lässig auf den unteren Stufen gestanden hatten, hatten sie bemerkt und kamen ihnen nun entgegen. Groß und kräfig waren sie, mit harten, glattgeschabten Gesichtern, Kammhelmen, vergoldeten Harnischen, schwarzen Hemden und Stiefeln, Kurzschwertern und den Hellebarden von Tempelwachen. »Wer, in des Unheiligen Namen, seid ihr?« rief der vorderste. »Was macht ihr hier?«

Jamies Gewissensbisse schwanden unter einer Flut jungenhaften Übermuts. »Ich bezweifle, daß sie uns auch nur ein Wort glauben«, flüsterte er Cappen zu. »Wir müssen sie auf andere Weise überzeugen. Wenn du mit dem links von uns fertig wirst, übernehme ich die beiden anderen.«

Cappen empfand weniger Selbstvertrauen, aber ihm fehlte die Zeit, Angst zu bekommen, schaudern konnte er immer noch zu einer passenderen Zeit. Außerdem war er ja wirklich ein guter F echter. Er rannte die Treppe hinunter.

Das Dumme war, daß er keine Erfahrung mit Lanzen hatte. Er stach. Der Tempelwächter hielt seine Hellebarde mit beiden Händen dicht beisammen, etwa in Schaftmitte, wehrte Cappens Stich ab und schlug ihm die Lanze fast aus der Hand. Sein Gegenangriff hätte den Spielmann aufgespießt, hätte der sich nicht auf den Marmorboden fallen lassen.

Der Wächter stierte ihn offenen Mundes an, spreizte die Beine und schwang die Hellebarde zum schädelspaltenden Hieb. Als sie herabsauste, lagen seine Hände um das Schaftende.

Mamorsplitter flogen. Cappen war die Stufen hinuntergerollt bis zum Erdboden, wo er hastig aufsprang. Die Lanze hielt er immer noch fest, obgleich sie ihm mehr als einen blauen Flecken aufgedrückt hatte, während sie mehrmals unter ihm zu liegen gekommen war. Der Wächter brüllte und rannte ihm die Stufen hinunter nach. Cappen nahm die Beine in die Hand.

Hinter ihnen lag der zweite Wächter verkrümmt und in den letzten Zuckungen in einer Lache seines eigenen Blutes. Jamie hatte seine Lanze geworfen und den Mann am Hals getroffen. Der dritte war Jamie ein hartnäckiger Gegner und kämpfte mit seiner Hellebarde gegen des Nordmanns Breitschwert. Seine Reichweite war dadurch größer, doch Jamie hatte mehr Kraft. Klirren und Krachen erschallte über den Gänseblümchen.

Cappens Gegner war größer und kräftiger als der Spielmann und deshalb weniger flink und geschmeidig und konnte infolgedessen nicht so schnell die Richtung wechseln. Als der Wächter, so geschwind er konnte, dahinrannte und etwa ein Abstand von zwölf Fuß zwischen den beiden erreicht war, hielt Cappen abrupt an, wirbelte herum und warf seine Lanze. Er tat es nicht wie sein Kamerad, sondern schleuderte sie dem Wächter zwischen die Beine. Der Mann stürzte ins Gras. Cappen raste herbei. Er wagte jeodch keinen Stich, denn das würde dem Wächter die Möglichkeit geben, ihn zu fassen und zu Fall zu bringen. So entriß er ihm lediglich die Hellebarde und raste davon.

Der Wächter stand auf. Cappen erreichte eine Eiche und warf die Hellebarde von sich. Sie blieb zwischen den Ästen stecken. Nun zog er seine Klinge, und sein Gegner tat das gleiche.

Kurzschwert gegen Rapier. Das ist schon viel besser, dachte Cappen, obwohl ich mich natürlich in acht nehmen muß, schließlich trägt der Kerl einen Harnisch. Aber es muß ja nicht unbedingt der Oberkörper sein, es gibt noch verwundbarere Körperteile. »Wollen wir tanzen?« forderte er den Wächter auf.

Als er und Jamie sich dem Haus näherten, glitt ein Schatten über sie hinweg. Sie blickten hoch und sahen die hagere schwarze Form eines Sickintair. Einen Herzschlag lang machten sie sich auf das Schlimmste gefaßt. Doch das Fliegende Messer nutzte einen Aufwind, ließ sich davon hochtragen und kreiste in finsterer Größe über ihnen. »Vielleicht jagen sie gar keine Menschen, außer sie erhalten den Befehl dazu«, meinte der Nordmann. »An Bären und Büffeln ist viel mehr Fleisch.«

Cappen betrachtete stirnrunzelnd die scharlachrote Mauer vor ihnen. »Ich frage mich, warum niemand sonst gegen uns vorgegangen ist.«

»Hm. Vermutlich waren diese Kerle, die wir überwältigt haben, die einzigen Kämpfer hier, und möglicherweise hatten sie keine andere Aufgabe, als dafür zu sorgen, daß die Damen nicht entfliehen - falls es ihnen überhaupt erlaubt ist, sich tagsüber ins Freie zu begeben. Was das Haus betrifft, es ist ziemlich groß, und ich nehme an, bloß gemietet. Wahrscheinlich gibt es nur wenige Dienstboten— und die Damen, hoffentlich! Ich glaube nicht, daß jemand auf unseren kurzen Kampf aufmerksam wurde.«

Der Gedanke, daß ihnen tatsächlich die Befreiung gelänge — rasch, mühelos und gefahrlos —, machte Cappens Kopf geradezu schwindelerregend leicht. Und danach ... darüber hatten er und Jamie sich bereits unterhalten. Wenn die Tempelpriester, von Hazroah angefangen bis zu den Akolythen, sofort verhaftet wurden, brauchten sie auch keine Rache zu befürchten.

Kies knirschte unter ihren Füßen. Rosen, Jasmin und Geißblatt dufteten süß. Springbrunnen sprudelten melodisch. Die beide Freunde erreichten die Haustür. Sie war aus Eiche mit vielen kleinen Glaseinsätzen. Der Klopfer hatte die Form eines Sickintairs.

Jamie stützte sich auf seine Lanze, nahm das Schwert aus der Scheide und drehte den Türknauf mit der Linken. Die Tür schwang auf. Vor ihnen lag ein weicher, weinroter Teppich, in dem ihre Füße fast versanken, die Wände waren kostbar behangen, und etwas entfernt standen Sessel. Es herrschten ein Geruch und eine Ruhe wie kurz vor einem Sturm.

Ein Mann im schwarzen Gewand eines Unterpriesters kam durch einen Türbogen. Seine Tonsur schimmerte im Dämmerlicht. »Ist das je ... Oh!« keuchte er und wich zurück.

Jamie streckte einen Arm aus und packte ihn am Genick. »Nicht so schnell, Freund«, sagte er sanft. »Wir haben eine Bitte, und wenn du sie uns erfüllst, kommen auch keine Flecken auf diesen hübschen Teppich. Wo sind deine Gäste?«

»Was ... was ... was ...«, stammelte der Unterpriester.

Jamie schüttelte ihn vorsichtig, um ihm nicht gleich die Schulter auszurenken. »Lady Rosanda, die Gemahlin Molin Fackelhalters, und ihre Gesellschafterin Danlis — führe uns zu ihnen. Oh, und wir hätten es nicht gern, wenn wir unterwegs jemandem begegneten - das könnte zuviel Schmutz machen.«

Der Unterpriester fiel in Ohnmacht.

»Auch gut«, brummte Jamie. »Ich gehe nicht gern gegen Unbewaffnete vor, aber es könnte ja sein, daß sie klüger sind, als für sie gut ist.« Er holte tief Luft. »Rosanda!« brüllte er. »Danlis! Jamie und Cappen Varra sind hier! Kommt heim!« Die Lautstärke warf seinen Begleiter schier um. »Bist du verrückt?« rief der Spielmann. »Du machst ja alle im Haus auf uns aufmerksam!« Doch da kam es ihm selbst: wenn sie bisher noch keine weiteren Wächter gesehen hatten, gab es auch sicher keine, und sie hatten nichts—außer vielleicht Übersinnliches—zu fürchten. Doch jede Minute, die sie vergeudeten, erhöhte die Gefahr, daß etwas schiefging. Jemand im Ilstempel mochte auf Spuren ihres Eindringens stoßen; und die Götter allein wußten, was hier Bedrohliches lauerte ... Ja, Jamies Entscheidung die er hatte trefen können.

Diener kamen herbeigerannt und wichen vor dem blanken Stahl zurück. Und dann ...

... kam Danlis stolzer Haltung durch einen Türbogen. Sie führte - oder zerrte wohl eher - an der Hand eine halb hysterische Rosanda. Beide Damen waren fein gekleidet und keine sah aus, als wäre sie mißhandelt worden, doch ihre bleichen Wangen und die schwarzen Ringe unter den Augen deuteten darauf hin, daß sie zumindest seelisch gelitten hatten.

Cappen ließ fast die Lanze fallen. »Geliebte!« rief er. »Wie fühlst du dich?« »Wir wurden nicht schlecht behandelt, wenn man von der Entführung selbst absieht«, antwortete sie völlig gefaßt.

»Nur die Drohungen, sollte Hazroah seinen Willen nicht durchsetzen, waren schändlich. Können wir jetzt aufbrechen?«:

»Ja, je schneller, desto besser«, antwortete Jamie. »Führe sie voraus, Cappen.« Seine blanke Klinge sorgte dafür, daß ihnen niemand zu nahe kam. Auf dem Weg nach draußen nahm er seine Lanze wieder an sich, die er an der Tür hatte stehenlassen.

Sie gingen über den Gartenweg zurück. Danlis und Cappen stützten Rosanda zwischen sich. Ihr molliger Reiz wurde durch ihr Weinen, Stöhnen, Wimmern und hin und wieder einen schrillen Schrei beeinträchtigt. Cappen achtete überhaupt nicht auf sie. Er sah nur das feine Profil seiner Liebsten. Als Danlis ihm die grauen Augen zuwandte, wurde sein Herz zur Laute.

Sie öffnete die Lippen, und er wartete darauf, daß sie benommen sagte: »Wie habt ihr das nur geschafft, ihr unglaublichen, wundervollen Männer?«

Doch was sie fragte, war: »Wie geht es jetzt weiter?«

Nun, das war eine Frage, die ihre Klugheit verriet, aber Cappens Enttäuschung war groß. Mit kurzen Worten erklärte er ihr, was sie bisher getan hatten, und daß sie nun durch das Weltentor zur Kuppel zurücckehren würden, um sich dann durch den Tempel zu schleichen und schließlich zu Molins Haus zu eilen, wo die Freude groß sein würde. Und dann hieß es, schnell zu handeln. Der Prinz mußte geweckt werden, um seine Vollmacht zu geben, damit der Tempel eingenommen und alle dort verhaftet werden konnten, ehe sie Hilfe aus dieser Welt herbeiholten.

Rosanda gewann, während sie ihm zuhörte, ein wenig ihrer Fassung zurück. »Oh, oh«, keuchte sie, »ihr unglaublichen, wundervollen Männer!«

Ein in die Ohren schneidendes Trillern übertönte ihre Stimme. Die Fliehenden blickten über die Schulter. Am Eingang des Herrenhauses stand ein untersetzter Mann mittleren Alters im scharlachroten Gewand eines hohen Ilspriesters. Er blies in eine Pfeife.

»Hazroah!« schrillte Rosanda. »Der Anführer!«

»Der Hoheflamen ...«, begann Danlis.

Flügelschlag unterbrach sie. Cappen warf den Kopf zurück und schaute himmelwärts. Der Alptraum wurde wahr. Der Sickintair tauchte herab. Hazroah hatte ihn gerufen.

»Du verdammter Hundesohn!« brüllte Jamie. Immer noch ziemlich weit hinter den anderen hob er seine Lanze, schwang sie zurück und warf sie mit aller Kraft. Ihre Spitze drang zielsicher in Hazroahs Brust, die Rippen hielten sie nicht auf. Blut spritzte, und der Hoheflamen brach zusammen.

Doch die gewaltigen Schwingen des Sickintairs verdunkelten die Sonne. Jamie beeilte sich die anderen einzuholen und nahm Cappen die Lanze aus der Hand. »Lauf, Junge! Bring sie in Sicherheit!«

»Dich alleinlassen? Nie!« weigerte sich sein Freund.

Jamie fluchte. »Willst du, daß alles umsonst ist? Lauf, habe ich gesagt!«

Danlis zupfte Cappen am Ärmel. »Er hat recht! Die Obrigkeit braucht unsere Aussagen!«

Cappen rannte mit den Damen. Hin und wieder warf er einen Blick zurück.

Im Schatten der Schwingen leuchtete Jamies Haar. Breitbeinig stand er da, mit der Lanze in der Hand wie ein Jäger. Das Fiegende Messer stürzte sich mit weit aufgerissenen Rachen auf ihn hinab. Jamie stieß die Lanze geradewegs zwischen die klaffenden Kiefer und drehte sie.

Das Ungeheuer brüllte entsetzlich. Mit Donnerknall schlugen seine Schwingen. Es tauchte vorbei und hieb mit einem Krallenbein nach Jamie, doch der hatte sein Breitschwert in der Hand und parierte den Hieb.

Der Sickintair stieg wieder auf. Der Lanzenschaft ragte wackelnd aus seinem Hals. Er breitete die gewaltigen schwarzen Schwingen aus, drehte eine Schleife und schoß wieder hinab - die Krallen hatte er nach vorn gestreckt, und die verdrängte Luft pfiff hinter ihm.

Jamie stand unbewegt, das Schwert in der Rechten, das Messer in der Linken.

Als die Klauen zuschlugen, wehrte er sie mit dem Dolch ab. Blut troff aus seinem Schenkel, aber sein Kettenhemd hatte das Schlimmste verhütet. Und nun sauste sein Schwert durch die Luft.

Der Sickintair brüllte erneut. Er versuchte wieder hochzufliegen, konnte es jedoch nicht—Jamie hatte seinen linken Flügel gespalten. Er plumpste auf den Boden — trotz der Entfernung spürte Cappen den Aufprall durch Sohlen und Knochen - und versuchte, sich auf Jamie zu stürzen. Um den Lanzenschaft spritzte zischend ein Geysir seines Blutes.

Jamie rührte sich nicht von der Stelle. Als die Fänge nach ihm schlugen, hüpfte er zur Seite, sprang zurück und warf die Schulter gegen den Schaft. Die Hebelwirkung schwang die Kiefer herum. Er glitt am Hals vorbei zum Vorderteil und hieb mit beiden Klingen auf das Rückgrat ein.

Cappen und die Damen hasteten weiter.

Sie hatten die Pergola fast erreicht, als hinter ihnen Schritte sie herumfahren ließen. Jamie war dabei sie einzuholen. Der Sickintair war nur noch ein lebloser Haufen.

Der Rothaarige schloß sich ihnen nun an. »Hei! Welch ein Kampf!« keuchte er. »Ich freue mich, daß du mich mitgenommen hast, Freund. Ein Besäufnis als Dank!«

Sie stiegen die blutbesudelte Treppe hoch. Cappen spähte über die Weite. In Bergrichtung schlugen Schwingen am Himmel. Sein Bauch verkrampfte sich. »Seht!« krächzte er kaum verständlich.

Jamie blinzelte. »Weitere«, murelte er. »Zwanzig Stück, etwa. Mit so vielen werden wir nicht fertig. Das schaffte nicht einmal eine Armee.«

»Das Pfeifen wurde in noch größerer Entfernung vernommen, als ein Sterblicher es hören kann«, stellte Danlis fest.

»Worauf warten wir?« wimmerte Rosanda. »Kommt, bringt uns schnell heim!« »Damit die Sickintair uns in unsere Welt folgen?« gab Jamie zu bedenken. »Nein, ich habe meine Mädchen und meine Sippe und .. .«Er stelte sich vor das Pergament. Rot tropfte von der scharfen Schneide seiner Klinge, und Spritzer desselben Lebenssafts befleckten Helm, Kettenhemd und Gesicht. Er grinste und sagte trocken: »Eine Wahrsagerin prophezeite mir einst, daß ich jenseits von Nirgendwo sterben würde. Sie hat selbst nicht gewußt, wie gut sie war.«

»Ihr nehmt demnach an, diese Untiere haben den Auftrag uns zu vernichten, und werden, wenn sie ihn ausgeführt haben, in ihren Bau zurücckehren.« Danlis Ton klang nicht anders, als mache sie eine Bemerkung über das Wetter.

»Was sonst? Sie sind, meines Erachtens, nur auf uns angesetzt. Aber wenn wir sie verärgern, könnte es durchaus dazu kommen, daß sie in ihrer Wut unsere ganze Welt unsicher machen. Das ist umso wahrscheinlicher, da Hazroah aufgespießt ist. Wer sonst wäre imstande, sie unter Kontrolle zu bringen?«

»Ich kenne niemanden, und er hat darüber sehr ofen zu uns gesprochen.« Danlis nickte. »Ja, um unsere Welt zu retten, müssen wir uns hier opfern.« Rosanda brach wimmernd zusammen. Danlis blickte sie gereizt an. »Hoch!« befahl sie ihrer Herrin. » Steht auf und schaut Eurem Los in die Augen, wie es sich für eine Rankanerin schickt!«

Cappen starrte sie verzweifelt an. Sie lächelte. »Bedauere nichts, Liebster. Du hast deine Sache gut gemacht. Die Verschwörung gegen den Staat hat hier ihr Ende gefunden.«:

Jenseits von Nirgendwo — wie ein Schachbrett — jene Art des Schachs, wo man sich vorstellt, daß die linke und rechte Seite des Bretts—identisch sind auf einem Zylinder ... Diese Gedanken wirbelten durch Cappens Kopf. Die Fliegenden Messer kamen schnell näher. Seltsame Aspekte der Geometrie ... Plötzlich wußte er Bescheid - oder glaubte es zumindest ... »Nein, Jamie, wir gehen!« brüllte er.

»Daß Unschuldige sterben müssen?« Der riesenhafte Nordmann straffte die Schultern. »Auf keinen Fall!«

»Jamie, laß uns vorbei! Ich kann das Tor schließen! Ich schwöre, daß ich es kann! Ich schwöre es bei - bei Eshi ...«

Einen langen Moment schienen Jamies Augen sich in Cappens zu bohren, erst dann sagte er: »Du bist mein Waffenbruder.« Er machte Platz. »Also, lauft!« Die Sickintair waren bereits so nah, daß Cappen das Klatschen ihrer Schwingen hörte. Er drängte Danlis zum Pergament. Sie hob den Rocksaum ein wenig, offenbarte ach so schlanke F esseln und trat hindurch. Dann zog er Rosanda am Handgelenk. Die Lady taumelte auf die Füße, vermochte jedoch offenbar die Richtung nicht zu finden. Also faßte Cappen ihren Arm und streckte ihn in die andere Welt, daß Danlis sie daran ziehen konnte, während er selbst die Dame hefig am wohlgerundeten Gesäß hinüberschob.

Dann folgte er ihr, und Jamie ihm.

Unter der Tempelkuppel hob Cappen das Rapier. Lauter war der Flügelschlag zu hören, als es die Stricke durchtrennte. Knisternd und zerknitternd fiel das Pergament herab. Cappen ließ die Waffe fallen, duckte sich und breitete die Arme weit aus, um die oberen Pergamentenden zu fassen. Er zog sie zu den noch befestigten unteren, um aus dem Pergamentstreifen einen geschlossenen Reifen zu machen.

Aus ihm erschallte Plumpsen und Scharren. Die Sickintair krochen in die Pergola. Für sie mußte das Tor noch unverändert scheinen, offen für ihre Verfolgung. Cappen drehte, das Ende, das er hielt, halb herum und legte die Enden wieder aneinander.

Auf diese Weise hatte er eine Oberfläche geschaffen, die nur eine Seite und eine Kante hatte, und dadurch konnte sie nicht mehr als Tor dienen.

Er war nicht sicher gewesen, was folgen würde. Flüchtig hatte er daran gedacht, das Pergament in seiner paradoxen Form hinauszuschmuggeln und schließlich so zusammenzukleben - außer, er konnte es verbrennen. Doch kaum hatte er es gedreht und derart zusammengefügt, war es einfach verschwunden. Enas Yorl erklärte ihm später, daß er die Existenz des Dings unmöglich gemacht hatte. Luft brauste herein, wo das Tor gewesen war, es knallte und pfiff und klang wie ein ihm unbekanntes Wort einer Zauberformel: Möbius-s-s-s-!

Nachdem sie sich aus dem Tempel gestohlen und ein Stück des Weges zurückgelegt hatten, machten die vier eine kleine Verschnaufpause, ehe sie sich zu Molins Haus begaben.

Das war in einer Sackgasse, die von der Allee abzweigte—einer ziemlich breiten, mit Ziegelpflaster und Blumenschalen, wo sich die Tempel von zwei kleineren, sanften Göttern befanden. Der Wind hatte sich gelegt, die Sterne funkelten hell, der Halbmond stand über den Dächern der Häuser im östlichen Stadtteil und warf seinen matten Silberschein darüber. In einiger Entfernung erhoffte sich ein Kater durch ein mißtönendes Ständchen Liebesglück.

Rosanda hatte ihr seelisches Gleichgewicht fast wiedergewonnen. Sie warf sich an Jamies Brust. »Mein Held«, rief sie mit schmelzender Stimme, »Ihr sollt reich belohnt werden! Schätze! Adelsstand! Alles!« Sie schmiegte sich an ihn. »Vor allem aber gehört Euch mein grenzenloser Dank ...«

Der Nordmann warf Cappen mit gehobener Braue einen schnellen Blick zu. Fast unmerklich schüttelte der Spielmann den Kopf. Jamie nickte bestätigend und befreite sich sanft. »Vorsicht, Mylady, es schadet Euch und Eurem feinen Gewand, wenn Ihr meinem blutigen und verschwitzten Kettenhemd zu nahe kommt.«

Selbst wenn man sie rettet, ist es nicht gut, mit den Gattinnen hoher Herren zu schäkern.

Cappen war im siebenten Himmel. Er durfte Danlis zum erstenmal auf die sanften Lippen küssen, dann ein zweites und drittes Mal. Sie ließ es sittsam über sich ergehen.

Danach löste auch sie sich von ihm. Der Mondschein verwandelte ihre klassische Schönheit in etwas Geheimnisvolles. »Cappen«, sagte sie, »ehe wir weitergehen, müssen wir etwas miteinander besprechen.«

Es fehlte nicht viel und er hätte sie mit offenem Mund angestarrt. »Was?«

Sie legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander. »Das Dringendste zuerst. Sobald wir zurück in Molins Haus sind und ihn geweckt haben, wird es zur kopflosen Aufregung kommen, und etwas später wird eine Versammlung einberaumt werden und mich, als Frau, wird man davon ausschließen. Deshalb rate ich dir jetzt, was du sagen sollst. Nicht, daß ich Molin und den Prinzen für Dummköpfe halte, immerhin ist offensichtlich, was unternommen werden muß, zum größten Teil jedenfalls. Es muß jedoch schnell gehandelt werden, und das übersehen sie vielleicht in ihrer ersten Aufregung.«

Sie zählte die Punkte auf. »Als erstes sollten, wie du selbst sagtest, die Höllenhunde« — sie rümpfte die Nase bei der Nennung dieses Spitznamens -, »die kaiserliche Elitegarde«, verbesserte sie sich, »sich sofort zum Ilstempel begeben und alle dort Anwesenden zur Befragung mitnehmen, außer dem Erzpriester. Er weiß vermutlich überhaupt nichts von der Verschwörung; abgesehen davon wäre es unklug. Durch Hazroahs Tod ist die Gefahr möglicherweise gebannt, aber es darf nicht als sicher angenommen werden. Trotzdem müssen natürlich alle, die ihn unterstützten, identifiziert und an ihnen Exempel statuiert werden.

Trotzdem sollte, als zweites, aus Klugheit die Bestrafung nicht zu hoch ausfallen. Kein bleibender Schaden wurde angerichtet, außer wir denken an die Personen, die nun in der anderen Welt festsitzen, aber zweifellos verdienen sie das auch.«

Es hatte sich offenbar ausschließlich um Männer gehandelt, erinnerte sich Cappen. Er verzog mitfühlend das Gesicht. Möglicherweise aber fraßen die Sickintairs sie.

Danlis redete weiter: «... eine menschenwürdige Herrschaft und die Bereitschaft zu Kompromissen. Ein prächtiger Tempel für die rankanischen Götter ist selbstverständlich nötig, aber er muß nicht größer sein als der von Ils. Dein Rat wird Gewicht haben, Liebster. Gib ihn weise. Ich werde dich beraten.«

»Huh?« Cappen blinzelte.

Danlis lächelte und legte ihre Hände auf seine. »Nach dem, was du getan hast, wirst du überall gefragt sein«, versicherte sie ihm. »Ich werde dir sagen, wie du es machen mußt.«

»Aber ... aber ich bin alles andere als ein Staatsmann!« protestierte Cappen. Sie machte einen Schritt zurück und musterte ihn eingehend. »Stimmt«, bestätigte sie. »Du bist mutig, ja, doch auch leichtsinnig und bequem und ... aber verzweifle nicht, ich werde dich schon entsprechend formen.«

Cappen schluckte und schlurfte zur Seite. »Jamie«, sagte er, »uh, Jamie, ich fühle mich völlig ausgelaugt und kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich bin im Augenblick schlimmer als nutzlos—ich wäre nur ein Bremsklotz, ausgerechnet dann, wenn alles schnell gehen muß. Es ist besser, wenn ich mich aufs Ohr lege und du die Damen heimbringst. Komm rüber, dann sage ich dir, wie du die Geschichte mit knappen Worten übermitteln kannst. Entschuldigt uns, Ladies, aber einige dieser Worte sind nichts für zarte Ohren.«

Eine Woche später saß Cappen Varra bei einem Krug Bier im Wilden Einhorn. Es war früher Nachmittag, und außer ihm war niemand in der Schenke als Eindaumens Partner, der wieder auf den Beinen war.

Ein Mann füllte fast die ganze Türöffnung aus und trat ein, nachdem er Cappen entdeckt hatte. Er setzte sich zu ihm an den Tisch. »Ich habe dich überall gesucht«, brummte der Nordmann. »Wo warst du denn die ganze Zeit?«

»Ich habe mich zurückgezogen«, antwortete Cappen. »Hierher in das Labyrinth. Die Unterkunft hier genügt mir, bis ich wieder in Vergessenheit gerate oder mich entschließe, ganz von Freistatt fortzugehen.« Er nippte an seinem Becher. Sonnenstrahlen fielen durch die F enster und Staubkörnchen tanzten golden in ihrer Wärme. Eine Katze lag auf einem Sims und schnurrte zufrieden. »Dummerweise ist mein Beutel leer.«

»Darüber brauchst du dich längere Zeit nicht mehr zu beklagen«, versicherte ihm Jamie und winkte den Schankwirt herbei. »Bier!« donnerte er.

»Dann hast du also eine Belohnung bekommen?« erkundigte sich der Spielmann eifrig.

Jamie nickte. »Ja. Auf die Weise, wie du es mir zugeflüstert hast, ehe du uns verlassen hast. Ich verstehe immer noch nicht warum, und ich habe es auch gar nicht gern getan. Jedenfalls gewann Molin dadurch, wie von dir beabsichtigt, den Eindruck, daß die Befreiung meine Idee war und du nur mitgekommen bist, weil ich dir ein paar Kronen versprach. Er füllte eine Schatulle mit Gold- und Silbermünzen und sagte, er wünschte, er könnte es sich leisten, mir zehnmal soviel zu geben. Er bot mir rankanische Staatsbürgerschaft, einen hohen Titel und ein ebenso hohes Amt an, aber ich sagte, nein, danke. Die Schatulle teilen wir uns natürlich, eine gleiche Hälfte für jeden, aber was du jetzt trinkst, bezahle ich.«

»Was ist mit den Verschwörern?« wollte Cappen wissen.

»Oh, die! Die ganze Sache wird geheimgehalten, so wie du es erwartet hast. Zwar kann der Ilstempel nicht geschlossen werden, aber es scheint dort jetzt recht zahm zuzugehen.« Jamie schaute über den Tisch und sein Blick wurde schärfer, als er Cappens Miene bemerkte. »Nachdem du verschwunden warst, erklärte Danlis sich einverstanden, daß ich die ganze Ehre einstreiche. Sie kannte natürlich die Wahrheit—Rosanda hat überhaupt nichts mitgekriegt —, aber sie brauchte einen Mann der Stunde, der dem Prinzen ihren Rat unterbreiten konnte, und nachdem du fort warst, gab es außer mir keinen anderen. Sie nahm an, daß du ganz einfach völlig erschöpft warst. Als ich sie das letztemal sah, verlieh sie allerdings ihrer Enttäuschung Ausdruck - wie sie es nannte.« Er legte den rothaarigen Kopf schief. »Sie ist wirklich ein beachtliches Mädchen. Ich dachte, du liebst sie.«

Cappen Varra nahm einen weiteren Schluck Wein und ließ ihn auf der Zunge zerfließen. »Das tat ich auch«, gestand er. »Ich tue es jetzt noch. Mein Herz ist gebrochen, und ich trinke wohl auch, um die Schmerzen zu betäuben.«

Jamie hob die Brauen. »Was? Das ergibt doch keinen Sinn!«

»O doch, einen sehr wesentlichen«, entgegnete Cappen. »Gebrochene Herzen heilen gewöhnlich sehr schnell. Wenn ich vielleicht inzwischen aus einem Rondeau rezitieren darf, das ich fertigstellte, ehe du mich gefunden hast ...

Und wirbelnd fliehn des Schattenlandes Horden

Zu ihren Arsenalen dunkler Sorgen

Vor meiner Liebsten Übermacht.

Doch nicht für mich hat sie den Sieg erbracht,

Denn meine Liebe endet an des Tages Pforten.

Ein neuer Tag ist aus der Finsternis geworden,

Von meiner Liebsten Feuerglanz entfacht.