Öffentlichkeit gehört zu den Begriffen, die sich durch das Netz und seine Nutzer wohl am stärksten wandeln. War noch vor wenigen Jahren klar, wenn ein Politiker »öffentlich« auftrat, tat er dies entweder bei eine Veranstaltung, im Fernsehen oder im Radio, dann kann dies heute genauso auf seiner Webseite, bei Twitter, Facebook, in den Kommentaren eines Blogs oder an sonstigen Orten der Fall sein. Teile des Netzes sind in ihrer Grundeinstellung öffentlich, insbesondere das World Wide Web, die grafische Benutzeroberfläche, die für viele den Hauptteil des Netzes ausmacht. Was wir darin tun, ist durchsuchbar und auffindbar, solange es nicht abgeschottet wird. In dieser Öffentlichkeit ist die Aufmerksamkeit potenziell unendlich: Es ist nicht wahrscheinlich, aber denkbar, dass eine einzelne Information von allen Menschen, die einen Internetzugang haben, aufgenommen wird.
Reichweiten wie etwa die von Endspielen bei der Fußballweltmeisterschaft sind zwar nach wie vor unübertroffen. Aber wenn eine 56 Sekunden kurze Aufnahme eines Fünf- und eines Dreijährigen unter dem Namen ›Charlie bit my finger‹ (Charlie hat mich in den Finger gebissen) auf YouTube weltweit bald 400 Millionen Mal betrachtet wurde, wenn ein Video des bis dahin vollkommen unbekannten Komödianten und Tänzers Judson Laipply zur Evolution der Tanzstile (›Dance Evolution‹) fast 200 Millionen Betrachter fand und wenn Songs von Shakira, Justin Bieber und Lady Gaga mehr als 400 Millionen Abrufe erzielen – allerdings alle außerhalb Deutschlands, da die GEMA hierfür die Rechte verweigert –, dann ändert sich etwas. Öffentlichkeit bezeichnet auch immer das gemeinschaftliche Erleben von etwas, die gemeinsame Erfahrung, das, was Medienwissenschaftler und Soziologen ein »Lagerfeuer« nennen. Früher versammelte sich die Bundesrepublik vor dem Fernseher, um die Tagesschau oder ›Wetten, dass …?‹ zu sehen. Diese Sendungen haben immer noch eine hohe Reichweite. Aber sie bekommen eine andere Form der Konkurrenz im Netz.
Noch vor 500 Jahren war die Öffentlichkeit weitgehend auf den lokalen Markt, auf die Kirche und die örtliche Schenke beschränkt. Heute kann, was in irgendeiner Kneipe passiert und besprochen wird, per Livestream vom Mobiltelefon aus von jedermann weltweit betrachtet werden. Die sogenannte Öffentlichkeit hat eine lange Entwicklung hinter sich. Dabei hat auch die Verfügbarkeit von Technik immer eine wesentliche Rolle gespielt. Die Läuferstafette und die öffentliche Debatte in der Volksversammlung des antiken Athen wurden vom Brief, vom Pony-Express, von Buchdruck, Zeitung, Telegraf, Radio, Fernsehen und Telefon abgelöst. Unsere Reisen können uns heute in fast jeden Winkel des Planeten führen und manche haben auch die Grenze zum Weltall bereits überschritten. Was heute an einem Fleck passiert, kann im nächsten Moment überall wahrgenommen werden. Wer in eine andere Stadt zieht, muss sein Informationsverhalten nicht groß verändern: Er kann weiterhin ganz leicht die lokalen Zeitungen seines Herkunftsortes lesen, mit seinen Freunden vor Ort kommunizieren.
Zwei Grundprinzipien haben sich verändert. Erstens ist es nicht mehr das Monopol einiger weniger, Informationen massenhaft zu verbreiten. Zweitens konkurrieren alle Informationen potenziell miteinander. Beides führt dazu, dass alte Regeln aufgeweicht werden. Früher war es von den Entscheidungen einer Redaktionskonferenz, eines Blattmachers, eines Chefs vom Dienst oder Chefredakteurs abhängig, was an die Öffentlichkeit kam. Die Deutsche Presseagentur, die DPA, hat mit ihren Berichten oder auch Nichtberichten maßgeblich die Frage beeinflusst, was Deutschland bewegte oder nicht. Genau betrachtet hat die Auswahl der Frühinterview-Gäste des Deutschlandfunks das Thema des Tages schon weitgehend gesetzt. Es wurde von den Zeitungs- und Fernsehkollegen beim Zähneputzen gehört und fand dann den Weg in deren Planungskonferenzen. Ein politischer Kommentar in der ›FAZ‹ oder der Leitartikel in der ›Zeit‹ hatten eine Meinungsmacht, die kaum zu überbieten war. Ganz zu schweigen vom ›Spiegel‹, wenn er ein Thema zur Titelgeschichte erhob.
Tatsächlich sind die organisierten Massenmedien in der alten Bonner Republik und in Teilen bis heute wesentlicher Faktor der Agenda. Was Zeitungen, Magazine, Funk und Fernsehen links liegen lassen, findet oftmals einfach nicht statt. Die Presse, vierte Gewalt, wie sie neben Parlament, Regierung und Justiz oft genannt wird, agierte über viele Jahre in einem in sich geschlossenen Zirkel. Basis der Öffentlichkeitsbildung in der alten Bundesrepublik war der Pluralismus zwischen den verschiedenen Zeitungen, ihren unterschiedlichen politischen Ausrichtungen. Sie und ergänzend die anderen Medien sollten die Bundesbürger umfassend über die verschiedenen Angebote im »Markt der Meinungen« informieren.
Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) machte sich im Jahr 2005 die Mühe, zu untersuchen, wie die Kommentatoren der größten deutschen »Qualitätszeitungen« agieren. Das Ergebnis war ernüchternd: »Das Kommentariat besteht aus Leuten, die sich bei Podiumsdiskussionen und Talkshows zwar regelmäßig treffen und auch aufmerksam lesen, was sie schreiben – aber sie erwähnen und zitieren sich nicht. Vielleicht will man vermeiden, dass der Leser die Konkurrenz überhaupt wahrnimmt.« Ein Diskurs über die Grenzen des einzelnen Blattes hinaus fand selbst in den als qualitativ hochwertig eingeschätzten alten Medien nicht statt. Und wer, außer Menschen, die dafür bezahlt wurden, las denn früher schon mehrere Zeitungen am Tag?
Heute ist es einfach, mehrere Meinungen zu einem Thema wahrzunehmen. Mit wenigen Klicks kann man die Meinung bei FAZ.net, bei Sueddeutsche.de, bei der Badischen Zeitung, in Weblogs und bei Twitter erforschen. Und dazu auch die Meinung der eigentlichen Akteure, ob es Vertreter von Politik oder Wirtschaft sind.
Was klickt? Diese Frage stellen sich die Chefredakteure der Nachrichtenwebsites jeden Tag. Sie entscheiden darüber, was wo auf den Webseiten platziert wird, was für wichtig erachtet wird und was nur eine Marginalie ist. So wie die Programmmacher bei der ›Tagesschau‹, so wie die Blattmacher der Zeitungen. Sie sind es, die darüber entscheiden, was ein großer Teil der Netznutzer als relevant wahrnimmt.
Und das sind oft die gleichen Dinge: Titten, Tiere und Terroristen. Diese Themen-Trias garantiert die Aufmerksamkeit der Leser. Al-Qaida droht mit Anschlag? Knut? Brust-OP eines Celebrity-Sternchens schiefgelaufen? Oder doch lieber die 58. Story über die schwierige Situation im Gazastreifen? Die Aufmerksamkeit der Nutzer ist überaus berechenbar. Was früher für die Journalisten nur grob zu erahnen war, darüber bekommt man online sofortige Gewissheit: Klicken die Nutzer eine Meldung, einen Bericht, eine Reportage an? Online ist jeder Klick durch einen Nutzer bares Geld wert. Wer viel angeklickt wird, kann mehr Geld für Werbung verlangen. So will es die Werbebranche, so funktioniert das Geschäftsmodell.
Belohnt wird zunächst nicht die Qualität, belohnt wird die einfache Aufmerksamkeit. Der Werbung ist es egal, ob der Artikel sorgfältig recherchiert wurde. Der Werbung ist es egal, ob der Artikel aktuell ist oder ein halbes Jahrhundert alt. Der Werbung ist es egal, ob es sich überhaupt um einen Artikel handelt. Der Werbung ist es einfach egal, neben welchen Inhalten sie steht.
Das hat zu vielen fragwürdigen Kreativitätsauswüchsen seitens bekannter Medienmarken geführt. So ist der sogenannte »Teaser«, der Anfüttertext für einen Artikel auf der Startseite, oft absichtlich rätselhaft gehalten. »Beamte und Menschen im öffentlichen Dienst genießen großes Ansehen in Deutschland. Eine Berufsgruppe steht noch schlechter da als Telekom-Mitarbeiter und Werber«, hieß es bei welt.de, und natürlich soll der Nutzer darauf klicken, um dann am Ende einer 30-seitigen Bilderstrecke zu erfahren, dass es die Versicherungsvertreter sind. Bei Spiegel Online heißt es: »Big Brother unter verschärften Bedingungen: Wie übersteht man 520 Tage in einem fensterlosen Container?« Im Interview erzählen zwei Teilnehmer der »Mars 500«-Mission, wie sie in einem Sandkasten die Marslandung probten – und warum ihnen in der Raumschiffattrappe die Frauen am meisten fehlten.
Jeder Klick gilt als Nutzerinteraktion und schlägt sich damit in der Bilanz des Anbieters positiv nieder. Unvergessen ist auch die Bildergalerie von Sueddeutsche.de »Die 100 besten Biere der Welt«, die ein sehr gutes Beispiel dafür ist, welchen Schrott uns die Redaktionen kredenzen, damit sie möglichst viele Klicks vorweisen können.
Zusammengewürfelte Bildergalerien, sensationshaschende Antexter, Rätselspiele: Mit Journalismus jedenfalls hat dies alles nichts zu tun. Es geht um Klicks, Klicks und nochmal Klicks. Denn irgendwo sitzt ein Finanzvorstand, der anhand derartiger Zahlen sicher davon überzeugt werden kann, dass der Chefredakteur alles richtig macht.
Der journalistische Online-Kosmos ist eine Kunstwelt, in der alles gleichzeitig durcheinandergeht. Da stehen große und tief recherchierte Storys neben kleinen Meldungen, klickträchtigen Bildergalerien und Spielen. Die Medienkonzerne jammern: Mit Journalismus lässt sich im Internet kein Geld verdienen. Das stimmt irgendwie. Für gute aktuelle Texte will kaum ein Mensch bezahlen, was sie wert sind. Journalismus ist, sofern es sich dabei um eine privatwirtschaftliche Unternehmung handelt, ein Huckepack-Geschäft: Eine Zeitung kostet das Geld für den Inhalt, den Druck, den Vertrieb und die Verwaltung dieser Tätigkeiten. Sie finanziert sich durch das, was die Käufer am Kiosk dafür bezahlen, was die Abonnenten in die Kasse spülen und was Werbekunden investieren, um im Umfeld der Inhalte dieser Zeitung zu werben.
Früher konnten Zeitungen eine zusätzliche Sonderstellung dadurch haben, dass sie oft das einzige Medium waren, das in bestimmten Regionen oder von bestimmten Gruppen von Menschen regelmäßig gelesen wurde. Das machte sie attraktiv auch für Kleinanzeigen. Wer in Köln eine Kommode verkaufen oder eine Wohnung vermieten wollte, der inserierte in ›Kölnische Rundschau‹ oder ›Kölner Stadt-Anzeiger‹. Heute landet die Kommode mit Bildern bei eBay, die Wohnung mit Grundriss, Details und genauer Beschreibung bei Immonet. Wer früher einen neuen Partner suchte, inserierte das in einem Stadtmagazin. Heute kann er oder sie bei Parship, Elitepartner oder einer anderen der Dutzenden Partnervermittlungsplattformen Gleiches tun, und das mit einer größeren Reichweite, besserem Komfort und geringerem Aufwand. Das gilt für alle Rubrikenmärkte: Online sind sie einfach besser als im klassischen Printformat, ob es nun um Autos, Männer, Möbel, Dienstleistungen oder Jobs geht.
Zunächst möchte man denken: Wie schlimm für die Verlage! Ein wesentliches Standbein ihrer wirtschaftlichen Existenz ist weggebrochen. Ganz so schlimm stellt es sich nicht dar, wenn man genauer hinsieht, wer eigentlich diese neuen Anzeigenmärkte beherrscht. Hat nicht der Zeit-Verlag aus seinem Heiratsmarkt heraus die Partnervermittlung Parship mitgegründet? Ist es nicht der frühere Axel Springer Verlag, der heute nicht mehr Verlag heißt, dem die Jobbörse Stepstone, das Immobilienportal Immonet und viele weitere derartige Angebote gehören? Der ein Drittel seiner Umsätze inzwischen im und anhand des Internets macht? Für die Verlage hat sich vor allem eines geändert: Sie brauchen den Journalismus nicht mehr, um Geld verdienen zu können. Bislang war er der unverzichtbare Kahn, um Werbeplätze zum Bürger verschiffen zu können. Dieses Transportmittel ist nicht mehr notwendig. Weshalb die ersten Unternehmen auch schon das Wort Verlag aus ihrem Namen gestrichen haben. Ist das gut oder schlecht? Beides.
Schlecht ist es, weil es dazu führt, dass echter, zeitintensiver und damit auch teurer Journalismus durch Formate abgelöst wird, die diesen Namen kaum verdienen. In den vergangenen Jahren ist zum Beispiel eine wahre Flut »Corporate Publishing«-Titel auf den Markt gespült worden. Diese Magazine, meist Kundenmagazine, bei denen Artikel oftmals auch namhafter und guter Journalisten zwischen die in Aufmachung und Stil kaum davon zu unterscheidenden Werbeblöcke geworfen werden, kommen zum Beispiel als ›Mobil‹ in den Zügen der deutschen Bahn daher oder sind als Magazin der jeweiligen Fluglinie an jedem Sitzplatz zu finden. Darin finden sich dann die tollsten Reiseziele – wie zufällig auch meist mit direkter Fluganbindung durch die Fluggesellschaft, bei der wir uns gerade an Bord befinden – oder die Wunder der Technik, die die Deutsche Bahn am Laufen hält. Unterbrochen von Star-Interviews, die zufällig auch eine Frage zum Bahnfahren enthalten, oder vergleichbaren Inhalten. Ob ›Apotheken-Umschau‹, ›Bäckerblume‹ oder ›Mobil‹: Die Magazine sind oft gut gemacht, schön designt und von echten journalistischen Produkten kaum zu unterscheiden. Nur: Sie sind kein Journalismus. Zwar wurden in ›Mobil‹ die Vorzüge der modernen Durchgangsbahnhöfe erklärt. Aber für die Kritik am Großprojekt Stuttgart 21 war im Hausmagazin der Bahn genauso wenig Platz, wie es für die Flugroutenkritiker des neuen Berliner Flughafens im Kundenmagazin bei Air Berlin jemals sein wird.
Auch der klassische Journalismus ist nicht frei von solchen Interessen. Pläne für neue Zeitschriften orientieren sich oft weniger an potenziellem Leserinteresse als an der Frage, wie der Werbemarkt in diesem Umfeld aussieht. Zum Beispiel sind bestimmte Formate in den vergangenen Jahren entstanden, um die werbetechnisch lange Zeit brachliegende Zielgruppe der berufstätigen Akademikerinnen zu erschließen. Wer glaubt, dass die Trennung von Redaktion und Verlag – also den Anzeigenverkäufern – überall strikt eingehalten würde, der glaubt vermutlich auch an den Weihnachtsmann und die Unfehlbarkeit des Papstes. Aber wo fängt Journalismus an, wo hört er auf? Sind die Schnittchen-Termine der Pressekonferenzen schon Korruption? Kann ein Reisejournalist, der auf Kosten eines Tourismusbüros nach Frankreich fährt, wirklich unabhängig sein? Ist die Drohung eines Plattenlabels oder Buchverlages, das Zusenden von Rezensionsexemplaren zu beenden, wenn der Autor ihre Produkte weiterhin verreißt, nicht enorm wirksam, wenn es keinen Etat dafür gibt, die Produkte einfach im Laden zu kaufen? Unter vielen Artikeln auch seriöser Zeitungen müsste eine lange Erklärung abgedruckt sein: Der Autor arbeitet auch für das Kundenmagazin des genannten Unternehmens, besitzt Aktien des Konkurrenten, hat Freunde in der Lobbyagentur der Firma und ist mit der Frau des Bruders der Mutter des persönlichen Referenten des Ministers liiert gewesen. Journalismus ist ein Geschäft, in dem das (wirtschaftliche) Überleben des Einzelnen oft vor der Sauberkeit der Recherche, der Transparenz eigener Verquickungen und dem Verzicht auf Themen kommt, weil eigentlich eine unabhängige Berichterstattung nicht garantiert ist.
Das führt dazu, dass Leser und Zuschauer sich abwenden. Sie konsumieren zwar alles, was wie Journalismus aussieht, auch wenn es sich dabei um Werbung handelt, wollen dafür aber möglichst nichts bezahlen. Die Verlage bestärken sie in dieser Haltung, indem sie die Grenzen zwischen Journalismus und PR weiter aufweichen. Kann man es den Mediennutzern wirklich übel nehmen, dass sie kein Vertrauen in diesen »Journalismus« haben? Dass sie sich genauso gut oder schlecht informiert fühlen, wenn sie die Startseite ihres E-Mail-Providers aufrufen und dort die News durchklicken? Parallel zu diesen, vorwiegend negativen, Entwicklungen entstehen aber im Netz viele neue, manche guten, manche weniger guten Konzepte und Plattformen, die zeigen, dass das Bedürfnis der Menschen nach solider und seriöser Information keineswegs erlischt.
Der eine interessiert sich für Formationstanzen, der andere befasst sich mit seiner Arbeitslosigkeit, wieder andere interessieren sich für EU-Politik oder auch für Hundesport. Es gibt kaum ein Interesse, für das sich online nicht spezifische Fachforen und Newsseiten etabliert hätten. Was früher fast unmöglich war, nämlich für all diese Einzelinteressen aktuelle News aufzubereiten und unter das Volk zu bringen, ist heute Alltag. Die wenigsten dieser Seiten sind im klassischen Sinne »journalistisch«, viele werden als Hobby von Enthusiasten betrieben, die mehr oder minder professionell über ihre Themengebiete berichten und diskutieren. Aber durch die gesunkenen Produktions- und vor allem Vertriebskosten ist das, was die Verlagswelt »Special Interest« nennt, zu einem schier endlosen Markt geworden. Sobald sich zehn Leute für ein Thema begeistern, kann eine Internetseite, die diese kleine Community informiert, ihr einen wirklichen Mehrwert bieten.
Stellen wir uns vor, wir würden angeln. Aber nicht irgendwelche Fische. Wir wären Karpfenangler. Ein Magazin für Karpfenangler? Wäre ein Journalist früher mit dieser Idee zu einem Verlag oder einer Fernsehstation gegangen, um daraus ein Magazin zu machen, hätte man ihn entweder ausgelacht oder nur verständnislos den Kopf geschüttelt. Im Internet gibt es dafür eine Möglichkeit: Gut 20 000 Menschen schauen sich laut Betreiber Björn Rosenthal, der seit Jahren hauptberuflich beim Auslandsrundfunk Deutsche Welle Videos produziert, jede Folge des Videopodcasts CarpheartTV an. Das sind nicht besonders viele Menschen. Aber es ist eine kleine, feine Community mit bestimmten Interessen und Bedürfnissen.
Das Internet befördert das, was man neudeutsch »Unbundling«, Entbündelung, nennt: Früher hat man die ganze Zeitung, also das Gesamtprodukt, gekauft, die Inhalte überflogen und dann gelesen, was interessant erschien. Heute werden aus dem Informationsangebot nur noch die Rosinen herausgepickt. Den Rest muss man nicht mehr beachten. Der ganze Prozess hat sich verändert. Die neue Technik macht es auch möglich, den Zeitpunkt des Medienkonsums weit individueller zu bestimmen als früher und Sendungen unabhängig vom Sendetermin abzurufen. Früher hieß es: »Hast du das gestern im Fernsehen gesehen?« Wenn das nicht der Fall war, dann hatte man eine Sendung tatsächlich verpasst. Heute kann man antworten: »Noch nicht, aber bald.« Die Werbung davor, das ›Heute Journal‹ danach – beides geht an uns vorbei.
Auf diese Entwicklung gibt es mehrere Sichtweisen. Da gibt es zum Beispiel die Journalisten, die gewohnt sind, ein fertiges Produkt in einem definierten Umfeld abzuliefern: Der Radiomann steckt in einem festen Korsett von Abläufen, er hat teils sekundengenaue Vorgaben, wann welches Element in seiner Sendung vorkommt. Zeitungsmacher müssen mit dem begrenzten Platz ihrer Seiten sparsam umgehen. Fernseh-Sendeplaner haben eine feste Choreografie für ihre Sendungen festgelegt. Sie alle haben das Gefühl, dass sie mit ihrer Entscheidung über den Zeitpunkt der Sendung oder die Platzierung die Wichtigkeit festlegen: Ein Aufmacher oder doch eher eine Randspalte, nach Mitternacht oder zur Prime Time?
Nun kommen plötzlich die Konsumenten aus den Ohrensesseln gekrochen. Sie möchten die Angebote dann anschauen, hören, lesen, wenn es ihnen in den Kram passt. Sie klicken einfach auf das, was ihnen gefällt, was sie interessiert und bewegt. Sie ignorieren die redaktionelle Zusammenstellung, das Umfeld und greifen einfach das Kernstück ihres Interesses ab. Viele Journalisten fühlen sich bei ihrer Arbeit dadurch – und das nicht zu Unrecht – ein Stück weit ihrer früheren Macht beraubt. Was wird aus den Themensetzern, den Entscheidern, wenn sie jederzeit und überall mit einem lustigen YouTube-Film konkurrieren müssen? Und führt es nicht zwangsläufig zur vollkommenen Verblödung und Fragmentierung unserer Gesellschaft, wenn jeder nur noch das liest, sieht und hört, was er lesen, sehen und hören will?
Anfang November 2011 fanden in Stuttgart die Jugendmedientage statt. Falk Lüke war eingeladen worden, um dort mit anderen Journalisten vor einem Publikum aus potenziellen Nachwuchsjournalisten über die »Infoflut« zu diskutieren. Journalisten müssen von Berufs wegen große Mengen Informationen sichten, sortieren und bewerten können. Was ist wichtig, was kann weg? Wo kann man mit eigener Recherche anknüpfen? Für viele festangestellte Journalisten gibt es feste Rituale: zum Frühstück zwei, drei Tageszeitungen überfliegen, beim Zähneputzen und auf dem Weg in die Redaktion Deutschlandfunk hören, dann ist man für die Themenkonferenz des Tages gerüstet. Und am Abend dann natürlich die Tagesschau um 20 Uhr gucken, damit man sieht, was die Fernsehkollegen für wichtig erachten und was vielleicht am nächsten Tag auch noch relevant sein könnte. Ein solches Verhalten wird auch nach wie vor von den Nachwuchsjournalisten erwartet. Einer der Mitdiskutanten fragte die circa 50 anwesenden angehenden Journalisten, ob sie denn die ›Tagesschau‹ sehen würden. Fast alle hoben die Hand, und der Kollege schien erleichtert: Es ändert sich ja gar nicht alles. Falk Lüke fragte nach, wann und wie das stattfindet. Fast alle sehen die ›Tagesschau‹ nicht mehr im Fernsehen, sondern über das Onlineangebot der ARD – dann, wenn sie es für richtig erachten. Nicht, wenn ihnen der Sender die Hauptnachrichten auf dem klassischen Sendeplatz um acht Uhr serviert.
Tatsächlich leiden die lautesten Kritiker der Unbundling-Entwicklung an einiger Selbstüberschätzung. Die Nachrichtenunterbrechung zur Halbzeit von Fußballspielen war immer schon die beste Gelegenheit, den Fernseher weiter-, aber auch einmal den Harn laufen zu lassen. Zeitungen wurden auch früher schon selten von vorne bis hinten gelesen. Allein der Zeitaufwand wäre erheblich. Dennoch scheint die Lust an der Mediennutzung grundsätzlich ja schier unendlich, wenn man einschlägigen Studien Glauben schenken mag.
So haben angeblich die Deutschen laut einer Studie (Christa Maria Ridder, Bernhard Engel: Massenkommuniktation 2010: Mediennutzung im Intermediavergleich. Media Perspektiven 11 / 2010, Frankfurt a. M.) täglich 187 Minuten Radio gehört. Und das ist gar nicht so viel, denn was machen die Deutschen noch so? Sie schauen fern. Und das machen sie dann weitere 220 Minuten täglich. Und sie sind 83 Minuten am Tag im Internet. Für die Tageszeitung hingegen bleibt nur ein kleiner Teil des täglichen Zeitbudgets der Bundesbürger übrig, aber immerhin auch noch 23 Minuten. Zählt man dies alles zusammen, kommt man auf satte 514 Minuten Mediennutzung pro Bundesbürger über 14 Jahren tagtäglich. Und das nur in der Zeit zwischen 5 und 24 Uhr, denn die dazwischen liegenden Stunden werden in diesen Studien nicht berücksichtigt. 514 Minuten, das sind gute achteinhalb Stunden. Klingt das für Sie unrealistisch? Für uns auch. Vor allem, weil dies Mittelwerte sein sollen. Natürlich gibt es eine Menge Menschen, die beim Arbeiten das Radio oder den Fernseher nebenbei laufen lassen. Aber kann man das überhaupt Mediennutzung nennen? Ist Nutzung nicht etwas Aktives, und der etwa beim Dönerdealer laufende Radiosender in erster Linie ein passives Hintergrundgedudel? Uns ist nicht klar, was dort gemessen wird. Aber dass wir ein Drittel unseres Tages mit Medienkonsum verbringen und davon den Großteil für Radio und Fernsehen verwenden sollen, das wirkt dann doch etwas befremdlich – selbst im Mittel.
Was kann man heutzutage überhaupt noch unter den »Medien« verstehen? Das Internet ist als Multimedium ein Allesfresser: Alle klassischen Medienformen können mehr oder minder gleichwertig im Netz stattfinden. Ob Texte, gesprochene Sprache, Musik oder Film: da wird kein Unterschied gemacht – es sind schlicht Inhalte. Durch das spezifische Charakteristikum des Netzes, dass jeder zugleich Sender wie Empfänger ist oder zumindest potenziell sein kann, hat sich noch mehr verändert. Mit im Vergleich zur Produktion klassischer Medien geringen Mitteln können Menschen Inhalte veröffentlichen und einer beliebig großen Menge anderer Menschen zugänglich machen. Wer im Jahr 1994 erzählt hätte, dass man heute von seinem Mobiltelefon aus Liveübertragungen von einem fast beliebigen Ort aus in die große weite Welt machen könnte, der hätte Unglauben geerntet. Die damals gängigen Mobiltelefone waren groß wie Ziegelsteine und hatten weder Kamera noch Internetzugang. Heute ist das problemlos möglich: Alles, was es dafür braucht, ist ein internetfähiges Mobiltelefon mit einem Internetzugang. Jeder kann also das machen, was früher aufgrund technischer, finanzieller und Know-how-Hürden nur sehr wenigen möglich war.
Es ist nicht so, dass die alten Leitmedien ihrer Wirkung beraubt sind. Aber durch die neuen technischen Möglichkeiten hat sich die Vielfalt der verfügbaren Informationen ins Unendliche erweitert. Das Spektrum ist viel größer geworden. Jede Ansicht, jede Information kann gefunden werden, sofern sie veröffentlicht ist. Kein Verleger dieser Welt hätte zum Beispiel ein Magazin für netzpolitische Themen aufgelegt, als Markus Beckedahl damit anfing. Aber mit wenig Aufwand stand die Technik, anhand derer er »ins Internet schreiben« konnte.
Mit den Medien lässt sich Öffentlichkeit herstellen. Aufgabe des unabhängigen Journalismus ist es, über das Weltgeschehen zu berichten, insbesondere, wenn etwas schiefläuft. Doch was geschieht, wenn irgendwo auf dieser Welt etwas schiefläuft und kein Journalist darüber berichtet oder berichten kann? Mit dem Internet lässt sich Öffentlichkeit auch für Themen herstellen, die aus verschiedensten Gründen nicht Teil der klassischen Medienberichterstattung werden. Menschen können sich mit relativ geringem Aufwand – vom eigenen Computer aus – in die Berichterstattung über den Lauf der Welt einbringen. Insbesondere, wenn etwas schiefläuft. Dafür gibt es bekanntermaßen reichlich Anlässe auf unserem Planeten.
Menschenrechtsaktivisten wie Amnesty International und Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder Friends of the Earth nutzen das Netz, um auf Probleme aufmerksam zu machen, Betterplace, Kiva und GlobalGiving organisieren die Finanzierung kleiner Veränderungsschritte. Das Internet macht es einfach, Menschen für etwas zu interessieren, und auch, sie zu mobilisieren. Das gilt nicht nur für Menschenrechtsfragen. Auch Politiker und Parteien nutzen das Netz, um die Wähler anzusprechen, so die eventuell entscheidenden Prozente hinzuzugewinnen und ihre Ziele zu erreichen. Onlinekampagnen jeder Art funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Je mehr Menschen von etwas erfahren und sich einbringen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel erreicht wird. Dabei kann es sich um klassische politische Ziele handeln, um das Sammeln von Spenden oder einfach nur um Aufmerksamkeit für etwas.
Greenpeace startete 2006 eine Kampagne gegen den Hardwarehersteller Apple. Dieser hatte für seine Produkte giftige Materialien verwendet. Man verursachte Umweltschäden, wenn man seinen iPod wegwarf. Greenpeace lenkte die Aufmerksamkeit der Nutzer auf das Fehlverhalten dieses so populären Unternehmens, und zwar mit einer ausgefeilten Internetstrategie. Unter greenmyapple.org wurde die Seite von Apple geklont, und kritische Nachbildungen der Apple-Werbeanzeigen wurden produziert. Greenpeace forderte die Internetnutzer dazu auf, die auf dieser Seite zur Verfügung gestellten digitalen Rohmaterialien kreativ weiterzuentwickeln und im Netz zu verbreiten. Und die Nutzer wurden aufgerufen, an den Apple-Geschäftsführer Steve Jobs E-Mails zu schreiben und »ein grüneres Apple« einzufordern. Die Kampagne war erfolgreich. Nach knapp einem Jahr der öffentlichen Kritik gab Steve Jobs bekannt, dass Apple den Forderungen der Umweltschützer nachkommen wolle.
Greenpeace hatte eine gute Kampagnenstrategie: Man erledigte die eigentliche Drecksarbeit, die chemische Analyse von Apple-Produkten, und nutzte das Ergebnis dann als Basis der Kampagne, als der Konzern sich – anders als andere Hersteller von Hardware – nicht bereit zeigte, an seiner Produktion etwas zu ändern. Greenpeace sprach die Nutzer des Netzes an, die potenziellen Käufer, und ermutigte sie zu einem aktiven Eintreten gegen diese Firma, die doch sonst als so fortschrittlich galt. Greenpeace setzte auf die Kreativität der anonymen Masse dort draußen im Netz, als Verstärker der eigenen Aktivität.
Das ist heutzutage die Grundlage erfolgreicher Kampagnen im Internet: Die Basisarbeit wird von einigen wenigen geleistet. Diese informieren die Nutzer und animieren sie zum Mitmachen. Dabei setzen die Initiatoren ihrerseits auf die Initiative, die Kreativität und die Fähigkeiten der Nutzer sowie auf deren Bereitschaft, ihre Zeit dafür aufzuwenden. Im Fall der Greenpeace-Kampagne haben die Initiatoren dadurch auch dafür gesorgt, dass sie nicht einfach aus dem Netz verschwinden würde. Die Website, die weiterverarbeitet werden konnte, war ja offensichtlich eine Kopie der Apple-Website. Hätte Apple dagegen geklagt, hätte Greenpeace sie aus dem Netz nehmen müssen. Aber sie wäre dennoch im Netz weitergelaufen, selbst wenn die zentrale Seite nicht mehr verfügbar war. Und auch das ist ein Grundprinzip im Netz.
Was haben die Deutsche Bahn und das Haus von Barbra Streisand gemeinsam? Mehr, als man glauben könnte. Beide sind Beispiele dafür, dass man eine Information, die einmal in der Welt ist, nicht mehr unterdrücken kann. Anfang 2009 war die Deutsche Bahn AG in einen Skandal verwickelt. In der Öffentlichkeit wurde diskutiert, ob Mitarbeiter überwacht wurden und eine konzerneigene Rasterfahndung installiert wurde. Im politischen Berlin kursierte ein Vermerk des Berliner Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit über ein Gespräch mit der Deutschen Bahn AG vom Oktober 2008 über die Geschäftsbeziehungen der Deutschen Bahn AG zu einem Überwachungsdienstleister. Einige Medien hatten darüber berichtet, aber nur kleine Auszüge daraus zitiert. Von einer Quelle wurde das Dokument an netzpolitik.org gesendet.
Dort wurde es, bereinigt von Datenspuren, online gestellt, sodass sich jeder selbst anhand der Originalquelle ein Bild machen konnte. In dem Vermerk wurden detailliert einige wenige Überwachungsmaßnahmen beschrieben. Einige Monate später kam heraus, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt war. Da das Dokument an einem Samstag online gestellt wurde, war das Interesse an der Originalquelle zunächst eher gering. Wichtige Infos hatten frühere Medienberichte ja bereits verbreitet. Am darauffolgenden Dienstag erreichte die netzpolitik.org-Redaktion gegen Mittag eine E-Mail mit der Überschrift »Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen«. Die Rechtsabteilung der Deutschen Bahn AG schickte vorab per E-Mail eine Abmahnung mit der Aufforderung, das Dokument von der Seite zu entfernen und bis zum kommenden Freitag eine Unterlassungserklärung abzugeben. Dabei wurden die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen sowie die Einleitung von strafrechtlichen Schritten angedroht.
Anstatt der Aufforderung nachzukommen, stellten wir die Abmahnung auf netzpolitik.org online, dazu die Nachfrage, was man jetzt tun sollte. Wir wollten einerseits juristischen Rat einholen, inwiefern die Drohung der Deutschen Bahn AG ernst zu nehmen sei, und andererseits Aufmerksamkeit auf das Dokument lenken in der Hoffnung, dass dieses schnell überall im Netz gespiegelt werden würde. Wenn Juristen mehrheitlich der Meinung waren, dass der Aufforderung nachzukommen sei, konnte man das Dokument immer noch von der Seite nehmen. Aus der Welt wäre es damit nicht mehr gekommen.
Die Aufmerksamkeitsspirale begann gegen 15 Uhr, als der Artikel online ging und der Link über Twitter verbreitet wurde. In den ersten Stunden retweeteten Hunderte Twitter-Nutzer den Link, und einige Blogs schrieben über die Geschichte. Viele Leser des Blogs spiegelten innerhalb der ersten Stunde das Dokument auf zahlreichen Plattformen. Nach drei Stunden erschienen die ersten Online-Medienberichte, aber für eine Stellungnahme der Deutschen Bahn AG war es an diesem Tag schon zu spät. In den kommenden Tagen schaukelte sich die Geschichte weiter hoch, immer mehr klassische Medien berichteten darüber. Das Davidgegen-Goliath-Element dieser Blogger-Geschichte trug sicher zur Aufmerksamkeit bei. Ebenso war der Überwachungsskandal zu der Zeit eines der Topthemen aller Medien. Mehrere Parteien und Fraktionen sicherten bald darauf ihre Unterstützung zu, bei einem Unternehmen, das zu 100 Prozent in Staatseigentum ist, nicht ganz irrelevant.
»Blogwart Mehdorn« titelte die ›taz‹ am darauffolgenden Donnerstag, während die Pressestelle der Deutschen Bahn AG immer noch darauf bestand, im Recht zu sein und ihr Anliegen gerichtlich durchzuziehen. Die überwältigende Mehrheit der kommentierenden Juristen war aber der Meinung, dass die Publikation von der Pressefreiheit gedeckt sei, da netzpolitik.org, auch wenn es sich um ein Blog handelte, ein redaktionelles Medium sei. Am Freitagnachmittag, eine Woche nach dem Beginn, endete dann die Auseinandersetzung mit der Aufgabe der rechtlichen Schritte durch die Deutsche Bahn AG: Goliath hatte kapituliert. Gegenüber einem Journalisten des Deutschlandfunks gab die Bahn eine Erklärung ab, dass man sich außerstande fühle, alle Kopien des Dokuments aus dem Netz zu bekommen.
Die Bahn war in eine Falle getappt, die im Netz bereits einen Namen hat: Es ist der »Streisand-Effekt«. Die US-Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand versuchte im Jahre 2003 mit rechtlichen Schritten gegen eine Webseite vorzugehen, die ihr Anwesen aus der Luftsicht zeigte. Das Foto von Streisands Anwesen war nicht das einzige auf dieser Webseite. Sie zeigte rund 12 000 andere Fotos von der Küste von Kalifornien. Aber erst durch Streisands rechtliche Schritte gab es eine Verknüpfung zwischen dem Foto und ihrer Person. Juristische Schritte sind etwas, was im Netz nur in Ausnahmefällen als Diskursmittel akzeptiert wird. Wenn diese als unbegründet wahrgenommen oder nur als Machtmittel empfunden werden, dann kann es wie in diesem Fall zu einer heftigen Gegenreaktion führen: Die Aufnahmen werden einfach an vielen Stellen im Netz gespiegelt. Rechtliche Schritte gegen eine einzige Webseite ergeben dann keinen Sinn mehr. Streisand und ihre Anwälte mussten schlussendlich aufgeben.
2007 schickte das ARD-Morgenmagazin eine Gruppe Sechsjähriger als Kinderreporter mit einem Kamerateam zu Spitzenpolitikern, um sie zum Thema Internet zu interviewen. Die munteren Kinder schafften es, den Politikern einige Aussagen zu entlocken, die seitdem zu keinem Text über Politiker im Netz fehlen dürfen. Für Guido Westerwelle war das Internet so was »wie ein Hammer und ein Nagel«, der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck schaute ganz erstaunt in die Kamera, als er erfuhr, dass schon Kinder Webseiten bauen können, und der Grüne Christian Ströbele hatte schon einmal davon gehört, dass es Suchmaschinen gibt, er selbst würde so etwas aber nicht nutzen. Und dann war da noch die damalige Justizministerin, mit zuständig für viele Gesetze zum Internet. Auf die Frage, welchen Browser sie nutzen würde, schaute Brigitte Zypries (SPD) irritiert zu ihren Mitarbeitern hinüber und fragte dann in die Kamera: »Browser, was sind noch mal Browser?« Nun konnte man davon ausgehen, dass sie nur auf dem falschen Fuß erwischt wurde und einen Browser schon als Selbstverständlichkeit ansah, den man zum Surfen im Netz benötigte, aber diese Frage wurde für einige Jahre der Standard, um das Verhältnis von Politik zum Netz zu beschreiben.
Und noch etwas hatte sich verändert. Früher wäre dieser Beitrag im ARD-Morgenmagazin »versendet« worden, wie die Medienleute sagen. Die Zuschauer hätten kurz darüber gelacht, und anschließend wären die Zitate wieder vergessen worden. In diesem Fall hatte jemand den Beitrag mitgeschnitten und kurz nach der Ausstrahlung an netzpolitik.org geschickt. Dort wurde er online gestellt und verbreitete sich in den kommenden Stunden und Tagen durch eine Vielzahl von Blogs und Webseiten weiter. Dadurch erreichte der Beitrag der Kinderreporter eine größere Aufmerksamkeit (und vielleicht auch Wirkung) als durch die Ausstrahlung im morgendlichen Fernsehprogramm, das zwischen Zahnputzbecher und Türklinke »mitgenommen« wird.
Während sich früher in der Medienrealität Beiträge im Radio und Fernsehen schnell versendeten, bedeutet die spätere Verfügbarkeit in Mediatheken, oft verbunden mit Transkripten, also Wortprotokollen, eine größere Transparenz. Damit verbunden ist auch eine größere Kontrollmöglichkeit über das, was Politiker den lieben langen Tag so fordern und erzählen. Vor allem bei Radiointerviews macht sich das bemerkbar. Was früher ein Politiker morgens im Deutschlandfunk erzählte, erreichte in der Regel nur dann eine größere Öffentlichkeit, wenn andere Medien Zitate übernahmen. Letzteres kommt auch heute noch häufig vor: Wer morgens im Deutschlandfunk ist, taucht vormittags in der Rubrik »Was halten die Kollegen für wichtig« in den Redaktionssitzungen der Tageszeitungen und Abendhauptnachrichten auf. Aber eben nicht mehr nur dort.
In der Diskussion um das Zugangserschwerungsgesetz zeigten sich im Sommer 2009 gleich mehrfach die veränderten Medienrealitäten. Ein beliebtes Argument von Politikern, um die Idee von Netzsperren gegen kinderpornografische Inhalte zu verkaufen, war der Hinweis, dass es Staaten geben würde, auf die unsere Sicherheitsbehörden keinen Zugriff hätten und wo diese Inhalte für jedermann zugänglich seien. Dahinter stand der Gedanke, dass es zu einem digitalen Vorhang mit Hilfe einer Zensurinfrastruktur keine Alternative gäbe. Dass Kinderpornografie weltweit geächtet ist und auch die Statistiken der Sicherheitsbehörden immer wieder darauf hinwiesen, dass diese Inhalte auf Servern in Staaten wie USA, Niederlande, England und auch Deutschland zu finden sind, wurde dabei gerne übersehen. Mehrfach wurden Ursula von der Leyen und einige ihrer Kollegen in den entscheidenden Wochen der Diskussion im Radio mit der Frage konfrontiert, in welchen Staaten es denn Probleme mit der Bekämpfung von Kinderpornografie gebe.
Interessierte Nutzer erfuhren von diesen Interviews in der Regel über die Suche nach bestimmten Stichwörtern auf Google-News. Dort werden auch die Transkripte von vielen Radiobeiträgen auf Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und anderen Sendern angezeigt. So erfuhr man, dass die zu sperrenden Inhalte auf Servern in Kasachstan oder Paraguay zu finden seien. Daraufhin setzte ein spannender Faktencheck-Wettlauf ein: Blogger schrieben darüber und baten um Hinweise, ob das denn auch stimmte. Leser dieser Blogs recherchierten und stellten fest, dass es in diesen Staaten teilweise schärfere Gesetze gegen Kinderpornografie als in der Bundesrepublik gab. Sie fanden heraus, dass die genannten Staaten auch sonst als nicht besonders geeignet für den Vertrieb über das Netz angesehen werden konnten, weil sie nicht über schnelle Infrastrukturen im Netz verfügten. Und komischerweise tauchten sie nicht einmal in den Statistiken des BKA und anderer Sicherheitsbehörden auf. Ein Staat nach dem anderen fiel aus als Quelle für solche inkriminierten Inhalte.
Höhepunkt dieser Auseinandersetzung zwischen Bloggern und Politikern war der Hinweis von Ursula von der Leyen, in Indien sei Kinderpornografie nicht verboten. Deswegen würden die Netzsperren gebraucht. Dutzende Blogger und ihre Leser schrieben daraufhin die indische Botschaft an und fragten nach der Gesetzeslage. Die indische Botschaft sah sich genötigt, in einem Schreiben die eigene Gesetzeslage darzulegen und die damalige Familienministerin zu korrigieren. Selbstverständlich machte auch diese Nachricht die Runde. Damit war das Länderraten vorbei. Es hieß dann nur noch: »In Afrika gibt es Staaten …«
Ursula von der Leyen und das Internet: Daraus sollte keine Freundschaft mehr werden. Nachdem das Zugangserschwerungsgesetz mit den Stimmen der großen Koalition durch den Bundestag gebracht wurde, begann die heiße Zeit des Wahlkampfes 2009. Ursula von der Leyen, die während der Diskussion immer wieder darauf hingewiesen hatte, sie würde selbstverständlich die Debatte nicht zu Wahlkampfzwecken instrumentalisieren, reiste durch die Republik, um für Stimmen für die Union zu werben. In Sulzbach an der Saar sprach sie zu einem mehrheitlich aus Senioren bestehenden Publikum und fühlte sich in ihrem Element. In einer rhetorisch wie demagogisch eindrucksvollen und zielgruppen-kompatiblen Rede rekapitulierte sie die Debatten um Netzsperren, führte bereits widerlegte Argumente an, wie die Staaten, in denen Kinderpornografie nicht geächtet sei, und äußerte sich verächtlich über die Kritiker der Diskussion. So konnte sie sich vor diesem Publikum als Vorkämpferin im Kampf gegen Kindesmissbrauch inszenieren. Früher wäre das auf den Ort der Veranstaltung begrenzt geblieben. Die Teilnehmer sind sicher mit dem Gefühl nach Hause gegangen, hier einer mutigen Frau begegnet zu sein, die sich gegen alle Widerstände für etwas Gutes eingesetzt hatte.
Aber da war noch ein junger Mensch vor Ort, der wahrscheinlich nur gekommen war, um ein paar Fragen zu stellen. Er hatte ein Smartphone dabei, das mit einer Kamera ausgestattet war, 2009 nicht mehr unüblich. Er hielt seine Kamera auf die Rednerin Ursula von der Leyen, nahm rund zehn Minuten der Rede auf und stellte diese anschließend auf YouTube. Das Video wurde rasch von vielen Blogs gespiegelt, und auf einmal fand sich eine ganz andere Öffentlichkeit als Rezipienten wieder, für die dieser Vortrag nicht mehr so zielgruppen-kompatibel war. Dazu zählten viele Kritiker des Gesetzes, die sich durch die Rede beleidigt und in eine bestimmte Ecke gerückt fühlten. Mehr als 85 000 Mal wurde dieses Video auf YouTube abgerufen, die Mitschrift der Rede fand noch einmal mehr Leser.
Man kann sich als Politiker heute nicht mehr darauf verlassen, dass das, was an einem Ort gesagt wird, eben auch nur dort und für die dort zuhörenden Menschen zugänglich ist. Und das ist zweifelsohne gut so.
Am 22. Mai 2010 sollten diese neuen medialen Öffentlichkeitsmechanismen erneut eine größere Aufmerksamkeit erlangen. Das Deutschlandradio Kultur sendete ein Interview mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zum Engagement der Bundeswehr in Afghanistan, aufgenommen im Flugzeug. Der Präsident redete dabei viel und er sagte wenig, er wirkte eher lustlos und matt als daran interessiert, zum Volk zu sprechen. Aber er äußerte sich zu einigen Themen. Der Radiosender sendete nur kleine Ausschnitte. Dabei fiel der Satz, Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit müsse »zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen«. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler »freie Handelswege«. Vielleicht hätte diese Aussage von vorneherein mehr Aufmerksamkeit gefunden, wenn es nicht der Pfingstsamstag 2010 gewesen wäre. Das Wetter war wunderschön, und viele Journalisten hatten über das verlängerte Wochenende frei.
Doch später war das Interview im Onlineangebot des Deutschlandradio Kultur verfügbar. Blogger stolperten über den Wortlaut. Einer davon, Stefan Graunke, schrieb auf seinem Blog unpolitik.de unter dem Titel ›Unser Volk braucht Markt‹ darüber und stellte die Frage: »Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?« In den kommenden Tagen wurde der Inhalt des Interviews weiter fast nur in Blogs diskutiert. Es gab zwar eine Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) mit dem Zitat, aber diese wurde nicht weiter journalistisch verarbeitet. Am Donnerstag darauf sendete das Deutschlandradio erneut die Äußerung, in einem Interview mit dem CDU-Politiker Ruprecht Polenz. Darauf angesprochen, sagte Polenz, Bundespräsident Köhler habe sich »missverständlich ausgedrückt«. Damit war das Interview in eine größere Öffentlichkeit gerückt, und die Äußerung wurde schnell von vielen Massenmedien aufgenommen, erweitert um kritische Kommentare der Opposition.
Ab da ging alles schnell. Am Samstag darauf veröffentlichte der ›Spiegel‹ eine Vorabmeldung zu einer größeren kritischen Story über Köhler, am Anfang der darauffolgenden Woche trat dieser dann zurück. Auch wenn die ›Spiegel‹-Story größeren Einfluss auf den Rücktritt gehabt hat, wäre es ohne die Rolle der Blogger nicht so weit gekommen. Blogger hielten durch ihre Berichterstattung und Diskussion die Geschichte am Leben, die sonst aufgrund des schönen Wetters und des verlängerten Wochenendes ohne viel Aufmerksamkeit erst versendet und damit auch versandet wäre.