11. Auseinandersetzungen



Ende Juni 2011

Die Gespräche, die Marcus mit den beiden Gefangenen führt, erinnern ihn fatal an die Gespräche, die seinerzeit Klaus mit ihm führte, als er von der PPU gefangen gehalten wurde. Man wollte ihn zwingen, mit der PPU zu kooperieren und sich einen Chip einpflanzen zu lassen, um ihn notfalls kontrollieren zu können.

Die Vorschläge, die Marcus Richard und Ann zunächst unterbreitet, laufen auf dasselbe hinaus. Allerdings wird bald klar, dass weder die beiden zu einer Kooperation bereit sind, noch es sinnvoll scheint mit Personen, die sich immer wieder zu anderen - unmenschlich erscheinenden - Wertvorstellungen bekennen, zusammenzuarbeiten.

Daher bietet Marcus schließlich Richard und Ann nur die Wahl zwischen zwei Alternativen: lebenslanges Eingesperrtsein in einem komfortablen Gefängnis oder Freiheit und ungestörtes Leben, aber mit einem eingepflanzten Chip, der die Para-Fähigkeiten der beiden auslöscht und der bei der geringsten Manipulation durch die Träger die SR-Inc. verständigt. Klaus ist sicher, dass das technisch machbar ist.

Marcus denkt an seine eigene Situation zurück. Er hat das Gefühl, dass sein Angebot an Richard und Ann eine Nuance fairer ist als jenes, das ihm seinerzeit die PPU machte. Damals hatte man ja nur die Alternativen bescheidenes Gefängnis oder Kooperation mit der PPU und Einpflanzung eines Betäubungschips geboten.

Marcus hat das Gefühl, dass es auch in Zukunft keine andere Möglichkeiten geben wird, gegen bösartige Para-Begabungen vorzugehen, als die jetzt vorgeschlagenen. Allerdings, wo ist die Grenze zu bösartig? Muss man vielleicht irgendwann allen Para-Begabungen einen Chip einpflanzen, der durch eine externe Einrichtung, wie etwa ein Gericht, aktiviert werden kann und der dann die Para-Fähigkeiten ausschaltet? Wird die PM, eine Regierung, ihm und seinen Mitstreitern je vertrauen können, ohne eine solche letzte Kontrolle haben zu können? Gibt es andere Lösungen? Marcus verdrängt die Problematik wie schon so oft, aber er weiß, dass sie alle früher oder später damit konfrontiert werden.

Richard und Ann sind nicht bereit, auf Marcus‘ Alternativen einzugehen. Sie haben verstanden, dass Marcus sie nicht töten wird (sie hätten das an seiner Stelle sofort getan), und nützen das aus. Sie stellen immer neue Forderungen und versuchen mit »weniger Überwachung« freizukommen. Sandra kann die Gefühle von Richard und Ann durch den Anti-Para-Schirm nicht lesen. Das wäre eine Hilfe gewesen, um festzustellen, wie ehrlich Richard und Ann bei einigen ihrer Vorschläge sind. Sandra hätte festgestellt, dass der Begriff »ehrlich« für die beiden gar nicht existiert, sondern nur das Gebot »Gut ist, was mir nützt«. Sandra fragt Klaus mehrmals, ob man nicht »Einbahn«-Anti-Para-Schirme entwickeln könnte, durch die man von außen hineinwirken kann, aber nicht umgekehrt. Klaus sieht das als interessante Idee:

»Ja, das wäre schön. Wir verstehen von Para-Kräften noch immer zu wenig, als dass wir das systematisch umsetzen könnten. Aber wir werden es in unseren Forschungen berücksichtigen.«


Die Verhandlungen mit Richard und Ann sind festgefahren. Da bittet Aroha um die Möglichkeit, mit Ann zu sprechen.

Man hat Aroha bisher aus begreiflichen Gründen von den Gefangenen fern gehalten. Sie betrachtet - sie sagt das auch selbst - Ann nach wie vor als gute Freundin. Obwohl sie inzwischen rational weiß, dass dieses Gefühl nur durch einen posthypnotischen Befehl zustande kommt und sie alle unangenehmen Seiten von Ann begriffen hat, ändert das an dem starken Gefühl nichts. Sie ist verzweifelt, dass sie sich so wenig unter Kontrolle hat.

»Aroha, ich weiß, es muss unangenehm sein«, versucht Sandra sie zu beruhigen, »aber gibt es nicht auch sonst manchmal Situationen, wo das, was wir fühlen, ganz entgegengesetzt ist zu dem, was wir rational wissen oder wollen? Wie oft ist jemand verliebt oder eifersüchtig, obwohl dies der Person als unsinnig bewusst ist, aber sie trotzdem gegen die Gefühle machtlos ist?«

Schließlich kommt es zu dem Gespräch zwischen Aroha und Ann unter allen erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen. Die Gesprächspartner werden sich zwar sehen - darauf besteht Ann, was Marcus besonders misstrauisch macht -, sie bleibt aber in ihrem Para-Gefängnis, Aroha außerhalb. Sandra wird die Gefühle von Aroha laufend kontrollieren; man wird notfalls sofort eine optische Barriere zwischen der am Fenster stehenden Ann und Aroha errichten und Aroha rasch wegbringen. Auf Stephans Anregung hat man einen Temperatursensor am Mindcaller angebracht, der die Daten an einen Monitor sendet, den Stephan betreuen wird.

Die Unterhaltung entwickelt sich ungewöhnlich. Als Aroha Ann sieht, überschwemmt sie eine Welle von Zuneigung. Und während sich die beiden akustisch unterhalten, Aroha die Chip-Lösung von Marcus anpreist und Ann dagegenhält, »hört« Aroha in ihrem Kopf ein leises Flüstern:

»Aroha, wir sind Freundinnen, du musst mir helfen. Du siehst, ich bin krank, ich muss mich trotz der Hitze in eine Decke wickeln. Ich bin nicht böse, das weißt du. Nur Richard ist es und er hat mich teilweise mitgerissen. Du hilfst mir, dass ich hier herauskomme, ich lasse aber Richard hier in Verwahrung, er verdient es.«

Auch über die Überwachungskameras im Haus entgeht es allen, dass Richard unterhalb der Decke, in die sich Ann gehüllt hat, kauert und fest die beiden Hände von Ann hält. Sie versuchen mit ihrer vereinigten Para-Kraft, die (weil schon einmal geistig überwältigt) besonders »anfällige« Aroha wieder in Anns Macht zu bekommen. Richards Bett haben sie so mit Polstern hergerichtet, dass es aussieht, als würde er dort schlafen. Es war den beiden nach langem Grübeln klar geworden, wie man die Überwachungskameras vermutlich würde austricksen können. Die Stimme in Arohas Kopf flüstert weiter:

»Aroha, wir sind Freundinnen, ich sage dir, wie du mir helfen kannst. Du darfst das aber niemandem weitersagen, verstehst du! Du bist meine Freundin und wirst mir gehorchen. Als Zeichen dafür wirst du jetzt deinen rechten Arm heben und mir zuwinken.«

Ann und Richard setzen alle ihre Kräfte ein, sie wissen aus Erfahrung, wenn der erste Befehl ausgeführt wird, egal, wie klein er ist, dann bricht damit ein »Damm« und man hat gewonnen. Aroha muss winken.

»Aroha, winke deiner Freundin zu.«

Aroha will nicht, kann aber kaum mehr der Aufforderung widerstehen. Da merkt Stephan, wie Arohas Mindcaller warm wird:

»Klaus, Papa, Arohas Mindcaller wird warm, Ann schafft es irgendwie den Para-Schutzschirm zu durchbrechen und Aroha zu beeinflussen.« Sandra runzelt die Stirne:

»Ich merke nur, dass Aroha Ann liebt und ihr dies mit einer Geste zeigen will.« Klaus dreht die Regelung des Para-Schirms auf die höchste Stufe. Die Stimmen in Arohas Kopf werden leiser, der Druck zu winken lässt nach.

Ann merkt die Änderung mit Zorn. Sie flüstert Richard zu:

»Streng dich mehr an« und selbst wirft sie ihre ganze Energie auf Aroha, nur wird fast alles vom Para-Schirm absorbiert. Die Unterstützung von Richard schwankt! Ann presst ärgerlich die Hände von Richard, wieder verstärkt er seine Unterstützung, Ann kann nicht mehr reden vor Anstrengung. Das Team vor dem Haus merkt, dass hier etwas Besonderes vor sich geht. Plötzlich merkt Ann, dass die Unterstützung von Richard ganz weg ist. Mit einer Aufballung von Wut schreit sie mit letzter Kraft den Para-Befehl »Winke« an Aroha. Aroha hört diesen Befehl, beginnt die Hand zu heben. Da sieht sie, dass Ann zusammenbricht. Der Zwang zu winken ist schlagartig weg.

Was ist passiert? Alle schauen sich an.

»Die Temperatur des Mindcallers sinkt«, ruft Stephan.

»Bist du in Ordnung, Aroha?«, ist Klaus besorgt.

»Ja, ich bin in Ordnung, aber Ann hatte mich fast wieder unter ihrer Kontrolle. Nur jetzt kommt überhaupt nichts mehr von ihr, vorher war es wie ein Flüstern im Kopf.«

Die e-Kolibris im Haus zeigen eine zusammengebrochene Ann unterhalb der Fensterbank liegen. Aber was ist das? Unter der Decke schaut noch ein Bein heraus! Das muss Richard sein ... Aber sah man ihn nicht schlafen? Klaus lässt den e-Kolibri im Schlafzimmer um das Kopfende des Bettes fliegen.

»Die beiden haben versucht uns zu täuschen. In Richards Bett liegt niemand. Die beiden haben versucht, ihre gemeinsame Kraft gegen Aroha einzusetzen, und haben sich so verausgabt, dass sie nun erschöpft zusammengebrochen liegen.«

Erschöpft? Sie rühren sich noch immer nicht!

»Sandra und ich gehen hinein und schauen nach. Ich habe die Pistole mit Betäubungsnadeln bei mir«, sagt Marcus.

»Ich komme auch mit«, meint Klaus.

»Nein, Klaus, du bewegst dich mit der Verletzung nach dem Unfall noch nicht gut genug. Bleibt alle hier, beobachtet uns und wir sind über Kommunikationsbrillen mit euch in Kontakt.«

Vorsichtig betreten Marcus und Sandra das Para-Gefängnis. Im Wohnzimmer unter dem vergitterten, offenen Fenster liegen Ann und offenbar Richard. Sie bewegen sich nicht.

»Nimm die Pistole. Schieß sofort, notfalls auch auf mich, wenn etwas passiert.«

Marcus geht zur reglosen Gestalt von Ann, tastet dann vorsichtig am Hals nach ihren Puls. Ungläubig starrt er Sandra an: »Sie ist tot!« Er reißt die Decke weg, tastet nach Richards Puls: nicht vorhanden.

»Klaus, stell den Para-Schirm ab. Schalte ihn sofort wieder ein, wenn ich die Hand hebe.«

»Para-Schirm ist abgeschaltet.«

»Sandra, welche Gefühle spürst du von Ann und Richard?«

»Absolut keine. Die beiden sind nicht nur bewusstlos, sie sind mit Sicherheit tot.«

Allmählich beginnen sie zu begreifen, was geschehen ist. Ann und Richard haben sich bei ihrem Para-Angriff so verausgabt, dass sie starben. Marcus will es nicht denken und denkt es doch: »Das löst wohl ein Problem für uns. Aber vielleicht schafft es ein neues!«

Klaus übernimmt wie selbstverständlich das Kommando:

»Wir müssen die beiden heute Abend in ihre Villa nach Rotorua bringen und dann anonym die Polizei verständigen, dass Richard und Ann schon mehrere Tage nicht gesehen wurden, man möge doch einmal nachsehen. Man wird dort die beiden tot finden und bei der Obduktion wohl einen rätselhaften Tod oder Selbstmord feststellen ... Es wäre für uns sehr interessant, an die Obduktionsergebnisse herankommen.«

Maria ist es fast unheimlich, wie kühl Klaus auf den Tod von Menschen reagiert, auch wenn es zwei Menschen waren, denen man vielleicht nicht unbedingt nachtrauern muss.

Der Plan von Klaus wird am Abend umgesetzt. Die beiden Toten werden am Tag darauf in ihrer Villa in Rotorua von der Polizei gefunden. Die Obduktion ergibt einen mehrfachen Gehirnschlag. Das ist so außergewöhnlich, dass man einen Unfall oder Selbstmord durch unbekannte Drogen als offizielle Todesursache angibt.


Die PM erhält den Bericht vom Tod der beiden mit dem ungewöhnlichen Obduktionsergebnis. Die Landung des Moller600 und das Ausladen von zwei großen länglichen Paketen war von ihren Leuten beobachtet worden. Auf Grund der Todeszeit, die der Arzt feststellte, mussten Ann und Richard schon mehrere Stunden vorher gestorben sein, sie wurden offenbar auf Great Barrier Island mit einer unbekannten Methode umgebracht.

Es läuft ihr kalt über den Rücken: Jetzt heißt es agieren. Sie wird ihre Regierungskollegen informieren. Sie müssen sofort Maßnahmen gegen SR-Inc. und die Para-Gruppe beschließen. Das Problem ist nur: welche Maßnahmen? Man weiß zu wenig über die Para-Kräfte, um sie spezifisch zu bekämpfen. Man kann aber doch nicht alle involvierten Personen töten lassen, noch dazu in einem Land, wo es seit langem keine Todesstrafe mehr gibt und wo man gegen jede Art von Krieg sehr allergisch ist. Und ein richtiger Krieg ist das ja auch nicht.

Sie ist überzeugt, nur zwei Möglichkeiten zu haben. Entweder versucht man die gesamte Gruppe des Landes zu verweisen oder sie muss (ein unangenehmer Gedanke) den Vorsitzenden der EU-Kommission um Hilfe bitten. Denn die EU hat mit Para-Kräften ja einige Erfahrung und eine eigene Forschungsgruppe dafür, wie sie sich erinnert. Sie wird diese Entscheidung nicht alleine treffen, sondern mit ihrem Kabinett diskutieren. Sie erwartet schwere Vorwürfe, vielleicht sogar Rücktrittsaufforderungen, aber was bleibt ihr übrig? Sie ist im Begriff, zum Telefon zu greifen.


Marcus hat Sandra noch am Tage des Todes der beiden Para-Hypnotiker nach Wellington gesandt mit dem Auftrag, die Gefühle der PM möglichst umfassend zu überwachen. Er kann sich vorstellen, dass die PM von den Vorgängen in Rotorua einiges erfahren hat und möglicherweise Aktionen gegen die Para-Gruppe beschließen wird. Er muss dies vermeiden, indem er notfalls vorher mit ihr spricht und ihr alles so weit erklärt, wie sie das wünscht.

So kommt es, dass Sandra Marcus warnt:

»Die PM hat sich offensichtlich entschlossen, alles, was sie über uns weiß, ihren Regierungsmitgliedern zu berichten!«

Marcus zögert keine Sekunde. Er ruft sofort die PM auf der Geheimnummer an, die die PM ihm nach der erfolgreichen Beendigung der Entführung gegeben hat. Bevor die PM das Kabinett verständigen kann, sieht sie, dass Marcus anruft.

»Kann er Gedanken lesen?«, schießt es ihr durch den Kopf.

»Vielleicht!« Sie weiß so wenig über die Fähigkeiten der Gruppe um Marcus, dennoch - oder deshalb? - nimmt sie das Gespräch sofort an.

»Sehr geehrte Frau PM, hier ist Marcus von der SR-Inc. Ich rufe Sie an, weil es neue Entwicklungen gibt, die ich Ihnen unbedingt erläutern sollte. Sie wissen einiges über SR-Inc. Ich glaube aber, es ist notwendig, dass Sie alles wissen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Bitte reden Sie vorläufig mit niemanden, bevor ich eine Chance hatte, mit Ihnen zu sprechen.«

Die PM zögert: Was immer Marcus berichten wird, sie kann den Mord an zwei unbescholtenen Bürgern nicht hinnehmen! Schließlich willigt sie aber doch ein, nichts zu unternehmen, bevor sie mit ihm in Wellington gesprochen hat.

»Es darf aber niemand sonst von Ihrer Gruppe zusätzlich nach Wellington kommen.«

Marcus atmet tief durch. Er versteht diese vernünftige Vorsichtsmaßnahme der PM und er kann ihr zusagen, dass keine zusätzliche Person nach Wellington fliegen wird. Dass Sandra zufällig schon dort ist, widerspricht dem nicht. Er hätte Sandra notfalls auch nach Auckland zurückgeschickt, wenn die PM formuliert hätte:

»Es darf niemand zusätzlich in Wellington sein« ... Sie hatte aber »nach Wellington kommen« gesagt. Und so würde er feststellen können, ob er einem etwaigen Versprechen der PM trauen kann oder nicht!

Am nächsten Tag sitzt Marcus bei der PM, die sich nach längerem Zögern entschlossen hat, das Risiko auf sich zu nehmen und mit Marcus alleine und ohne Überwachung zu sprechen. Sie macht das ungern, aber was Marcus ihr zu sagen hat, soll wohl niemand anderer hören.

»Sie haben ja SR-Inc. und meine Gruppe sicher bis zu einem gewissen Grad überwachen lassen. Soll ich einen umfassenden Bericht geben oder gibt es einen speziellen Punkt, der für Sie besonders kritisch ist?«, beginnt Marcus.

»Ich glaube, wir sollten gleich den Hauptpunkt besprechen: Wie verteidigen Sie den Mord an zwei unbescholtenen Neuseeländern?«, fragt die PM etwas erregt.

»Sie meinen Richard und Ann Brodlyn aus Rotorua?« Die PM nickt.

»Beginnen wir beim Ersten: Die beiden sind nicht unbescholtene Bürger, sondern menschenverachtende Verbrecher gewesen.«

Die PM blickt erstaunt: »Aber alle Personen, die durch meine Leute befragt wurden, haben sehr positiv über beide gesprochen!«

Marcus nickt: »Die beiden waren hochbegabte Para-Hypnotiker. Mit ihrer Fähigkeit konnten sie Personen ohne zu reden zu beliebigen Handlungen zwingen, ja sogar post-hypnotische Befehle erteilen. Einer ihrer Standardbefehle war natürlich, nur positiv über sie zu sprechen.«

Marcus berichtet über die Geldbeschaffungsmethoden von Richard und Ann, erklärt, dass vor allem Richard seine Begabung dazu verwendete, um sich ungehemmt sexuelle Erlebnisse zu beschaffen. Er belegt mit Kopien von Polizeiakten und Zeitungsberichten eine Spur von Selbstmorden, die auf das Konto der beiden gehen, berichtet von dem Selbstmordbefehl an Aroha. Die PM kann es fast nicht glauben.

»Wenn Sie einen starken Magen haben, dann zeige ich Ihnen jetzt ein Video, das eine von uns eingebaute Überwachungskamera in dem Haus der beiden aufzeichnete.«

Marcus startet das Video von den beiden Mädchen, auf dem es zunächst so aussieht, als würden die Mädchen alles freiwillig tun, was allerdings nach dem, was passiert, kaum verständlich ist. Die folgende Aufzeichnung des Gesprächs zwischen Ann und Richard stellt eindeutig klar: Die Mädchen mussten das unter hypnotischen Zwang machen, das Video zeigt also in Wahrheit zwei brutale Vergewaltigungen! Auch der Rest des aufgezeichneten Gesprächs zwischen Ann und Richard bestätigt natürlich, was Marcus vorher berichtete.

Die PM ist sehr aufgeregt. »Ja, ich verstehe, die beiden sind wirklich Monster gewesen. Aber auch das berechtigt Sie nicht, die beiden umzubringen.«

»Nein, natürlich nicht. Wir haben sie auch nicht umgebracht und würden dies nie tun. Wir haben sie allerdings eingesperrt und waren nur bereit, sie nach einem Eingriff freizulassen, der ihre Para-Hypnose-Fähigkeit gelöscht, aber sonst keine Auswirkungen gehabt hätte. Was geschah, ist etwas anderes: Die beiden versuchten, Aroha, die Ann ja schon einmal in ihrer Macht hatte, mit ihrer Para-Fähigkeit zu überreden, sie zu befreien. Dabei überanstrengten sie sich in einem tödlichen Ausmaß. Der Obduktionsbericht, den wir nicht kennen, müsste da eigentlich Aufschlüsse geben. Schauen Sie sich diese Filmszenen an.«

Marcus zeigt jetzt ein Video des Gesprächs von Aroha mit Ann: Man sieht, wie am Ende Ann zusammenbricht und wie Marcus dann im Zimmer den Tod von Ann und Richard feststellt.

»Das passt mit dem Obduktionsbefund zusammen«, sagt die PM, »da, werfen Sie einen Blick darauf.« Die PM gibt Marcus die Befunde: starke Blutungen im Gehirn durch mehrere geplatzte Blutgefässe!

Die PM lehnt sich zurück.

»Ich bin froh, dass diese Sache eine derartige Erklärung hat. Und ich bin Ihnen wohl im Namen unseres Landes Dank schuldig, dass sie zwei gefährliche Verbrecher damit ausgeschaltet haben. Aber es löst mein Problem nicht zur Gänze. Da haben wir also in Auckland und auf Great Barrier Island eine Gruppe von Personen mit ungewöhnlichsten Fähigkeiten, die sich eigentlich jeder gesetzlichen Kontrolle entziehen kann, wie ich annehme. Glauben Sie, dass das auf die Dauer so weitergehen kann?«

»Auf die Dauer sicher nicht. Erstens verstehe ich Ihre Bedenken. Obwohl ich Ihnen für mich und was ich kontrollieren kann, fest zusage, nur für das Wohl dieses Landes einzutreten und bei Katastrophen u. Ä. immer zu helfen, gibt es schon dabei Probleme. Sie müssen mir meine Aussage ja nicht unbedingt glauben bzw. mir unbedingt vertrauen. Es kann auch wieder eine Person mit einer Para-Begabung auftreten, die verbrecherisch agiert. Selbst für die Leute bei mir kann ich genauso gut und schlecht meine Hand ins Feuer legen wie Sie für die von Ihnen ausgewählten Mitglieder Ihres Kabinett. Und manchmal kann es sogar unklar sein, was das Wohl dieses Landes ist. Nehmen wir doch an, Sie bitten uns unsere Kräfte einzusetzen, damit Sie die nächste Wahl wieder gewinnen. Ich glaube, wir könnten die Dinge so manipulieren, dass wir massiv nachhelfen könnten. Persönlich wünsche ich mir Ihre Wiederwahl, aber ob es zum Wohl des Landes ist, ist sicher für uns beide schwer zu entscheiden.« Die PM lächelt.

»Zweitens, die Tatsache, dass wir im Verborgenen arbeiten müssen, erschwert unsere Arbeit sehr. Ich zum Beispiel bin ein starker Telekinet, ich kann also Dinge mit bloßen Gedanken bewegen. Das ist sehr nützlich, wenn man etwa Menschen unter Trümmern bergen will, weil man dann diese einfach wegschieben kann usw. Aber wo immer ich meine so genannte T-Kraft einsetze, ich muss das so machen, dass es noch einigermaßen normal aussieht. Um dies zu erreichen, haben wir unsere geheimnisumwobenen hochtechnologisierten Bergefahrzeuge und andere modernste Hilfsmittel entwickelt, wie Sie wissen, und wir können dann viele Erfolge auf die Technik schieben, aber es ist doch oft frustrierend.«

Fast scheint es, als wolle die PM unterbrechen, aber dann lässt sie Marcus weiterreden.

»Langfristig müssen wir uns sicher irgendwann ‚outen‘. Nur wenn wir es zu früh tun und nicht genügend Vorbereitungen getroffen haben, werden wir als Monster betrachtet und verfolgt werden. Das wollen wir naturgemäß nicht. Es wäre auch schade, da wir dann wohl im besten Fall eingesperrt oder zum Verlassen des Landes gezwungen werden würden und nicht mehr positiv tätig sein können, wie wir es jetzt sind.«

Die PM hat aufmerksam zugehört. »Ja, ich verstehe das alles. Aber was schlagen Sie dann vor?«

Marcus antwortet wohl überlegt: »Wir sind intensiv dabei, die Geheimnisse von Para-Fähigkeiten zu erforschen. Wir sind schon heute mit Prototypen in der Lage, ganze Gebäude gegen Para-Einflüsse abzuschirmen. Sonst hätten wir ja auch Ann und Richard nicht einsperren können, weil die jeden von uns mit Para-Hypnose umgepolt hätten! Das heißt aber, dass wir früher oder später Schutz gegen Para-Kräfte werden bieten können. Dann braucht niemand mehr Angst zu haben, dass seine Gedanken ohne sein Wissen gelesen werden oder so etwas.«

Die PM horcht auf: »Können Sie in Ihrer Gruppe Gedanken lesen?«

»Nein, eine solche Para-Begabung ist uns noch nicht untergekommen. Aber meine Tochter Lena kann zum Beispiel große Emotionen wie Freude, Trauer, Zorn usw. feststellen, aber nur zirka 20 Kategorien.«

»Sie wollten, glaube ich, noch mehr sagen, als ich Sie unterbrach«, meint die PM.

»Ja«, sagt Marcus, »voraussichtlich können wir gewisse Schutzmechanismen gegen Para-Begabungen entwickeln. Es zeichnet sich ab, dass wir die Para-Begabung von Personen auf Wunsch (etwa eines Gerichtes) stilllegen können. Andererseits gibt es technische Entwicklungen, gegen die wir uns schützen müssen.«

»Wie meinen Sie das?«, unterbricht die PM.

»Sie verwenden doch vermutlich ferngesteuerte Drohnen für militärische Aufklärungszwecke?« Die PM nickt.

Marcus setzt fort: »Diese werden irgendwann so klein sein, dass man mit ihnen jede Handlung jedes Menschen beobachten kann. Ich denke, das ist dann fast genauso schlimm oder schlimmer oder eben auch genauso bequem wie das Telesehen, das meine Frau beherrscht, oder Gedankenlesen, das Sie vorher erwähnten.

Mein Vorschlag und meine Bitte sind also: Lassen Sie uns jetzt noch im Geheimen weitermachen. Es wäre schön, wenn wir uns gegenseitig als Verbündete betrachten dürften. Rufen Sie uns, wann immer Sie uns brauchen. Helfen Sie uns, wann immer Sie können. Und umgekehrt. Und gleichzeitig ist uns allen bewusst, dass wir uns irgendwann outen müssen und auch outen können, nämlich dann, wenn wir genug Schutzmechanismen in ein Gesetz einbauen können, Schutzmechanismen, die auch technische Errungenschaften einbeziehen werden müssen, um besondere Errungenschaften - seien es Para- oder technische Fähigkeiten - sinnvoll einsetzen zu können, ohne damit Verbotenes machen zu können und ohne die Privatsphäre aller Menschen zu gefährden.«

Die PM schweigt. »Gute Rede«, meint sie schließlich lächelnd.

»Ja, aber Spaß beiseite, ich denke, ich bin bereit Ihnen zu vertrauen und zu glauben, dass wir so weitermachen können. Ich heiße Jenny«, sagt sie impulsiv und streckt Marcus die Hand hin. Marcus ergreift sie. Da geschieht etwas, was er noch nie beim Berühren einer Hand gespürt hat: Der Boden wankt plötzlich unter seinen Füßen, er spürt ein unbekanntes Schwindelgefühl.

»Was ist das?«, fährt es ihm durch den Kopf, »ist die PM in einer ganz unbekannten Weise para-begabt?«

Der PM geht es fast genauso. Als die Alarmsirenen aufheulen und ihr Auf- und Abschwellen Erdbebenwarnung verkündet, kann sich die PM vor Lachen nicht mehr zurückhalten:

»Und ich dachte ... und du auch, offenbar!« Beide fallen sich lachend in die Arme, was die Sekretärin, die angesichts des Erdbebenalarms ins Zimmer stürzt, nicht sehr passend findet.

Nun ist die PM wieder ganz die Regierungschefin. Von allen Seiten bekommt sie Nachrichten. Es war ein Beben der Stärke 4 nach Richter, es dürften keine großen Schäden aufgetreten sein. Von betroffenen Personen weiß man bisher nichts. Erleichtert lässt sich die PM auf einen Sofasessel fallen.

Da kommt die Hiobsbotschaft: Das Baugerüst des neuen Archivs ist eingestürzt und hat den Wirtschaftsminister Patrick Fisher verschüttet, der die Baustelle besuchte. Fisher meldete sich noch kurz, offenbar verletzt und unter großen Lasten begraben, über sein Handy, aber jetzt hat man den Kontakt verloren.

»Marcus, hol meinen Kollegen heraus«, sagt die PM fast schroff, »und wenn du deine Tarnung dabei aufgeben musst, kümmere dich nicht darum. Ich werde anschließend die Tarnung wiederherstellen. Ich habe ein Geschenk für dich, von dem ich nie dachte, dass es so wertvoll werden könnte.«

Mit diesen Worten schickt sie Marcus los, gibt ihrem Assistent den Befehl mit dem Hubschrauber am Dach Marcus sofort zur Unfallstelle zu bringen und dann sofort zurückzukommen und sie abzuholen.

»Aber Sie können sofort mitfliegen, es ist genug Platz«, wendet ihr Assistent ein.

Die PM winkt ab: »Ich weiß, aber ich muss noch was erledigen.« Sie nimmt ein Eichenfässchen mit Whisky aus einem Schrank in ihrem Büro. Sie öffnet den großen Korken und streut aus einem Säckchen weißes Pulver in den Whisky. Sie steckt fünf weitere Päckchen von dem Pulver ein. Dann lässt sie sich eine Schachtel mit 50 kleinen Whiskygläsern bringen und sagt zu ihrer Sekretärin:

»Ich bin sicher, dass Patrick Fisher gerettet werden kann. Wir sollten das mit einem Schluck feiern. Kommen Sie mit, wir fliegen zur Unfallstelle und dort beginnen Sie mit dem Einschenken des Whiskys.« Die Sekretärin ist sprachlos, obwohl man sich das bei dieser PM eigentlich schnell abgewöhnt ...

Marcus ist bei der Unfallstelle. »Wo liegt der Verschüttete ungefähr?«

Die Bauarbeiter deuten auf einen Punkt, wo Gerümpel meterhoch liegt. Marcus fährt alle seine zehn unsichtbaren Pseudohände aus, erhöht seine Individualgeschwindigkeit und versucht den Wirtschaftminister zu ertasten. Nach sehr langer subjektiver Zeit, aber nur acht Minuten objektiver, hat er ihn gefunden. Er ist bewusstlos, aber der Puls geht gleichmäßig, doch Patrick Fisher scheint eine große, stark blutende Wunde am Kopf zu haben. Marcus hebt das Material über dem Verschütteten an, sodass dieser nicht mehr belastet ist. Marcus öffnet Löcher durch den Schutt und das Brettergewirr, sodass frische Luft in die »Höhle« hereinströmt.

Aber nun ist eine kritische Entscheidung notwendig. Er kann einer Bergungscrew Anweisungen geben, wo man den Minister finden kann; er kann dafür sorgen, dass die »Höhle« während der Bergung nicht einbricht; er kann den Blutverlust - er muss da an Klaus denken - durch Druck verringern. Doch die Rettung wird dann Stunden dauern und ob das der Minister überleben wird, ist unklar. Oder er kann mit dem Einsatz aller Kräfte ein »Wunder« geschehen lassen, aber damit wird er enttarnt sein bzw. wird ein großes Rätselraten einsetzen.

Da sieht Marcus aus den Augenwinkeln, dass gerade die PM landet und zu seiner Verwunderung mit einem Fass aus dem Hubschrauber steigt: Hat sie nicht versprochen, dass sie eine Enttarnung wieder beheben würde können? Muss er nicht beweisen, dass er ihr vertraut?

Und so setzt er seine T-Kräfte ein wie schon lange nicht mehr, nicht zaghaft, sondern in voller Wucht. Alle, die es sehen, inklusive PM, können nicht fassen, was passiert: Dort, wo der größte Hügel von Gerümpel ist, öffnet sich plötzlich etwas wie ein Vulkan. Tonnenweise fliegen Steine und Holz in die Luft und plötzlich segelt der Körper des Wirtschaftsministers wie von Geisterhand aus der Baugrube herauf zu den Beobachtern.

Die Sirenen des näher kommenden Rettungswagens zeigen, dass medizinische Versorgung nicht mehr weit entfernt ist. Da nimmt die PM ein Megafon:

»Der Minister lebt und wurde gerettet. Jeder, der hier ist, muss darauf anstoßen.«

Sie hebt ein Glas mit Whisky, die Sekretärin gibt jedem Bauarbeiter ein Glas, die PM besteht darauf, dass auch der Hubschrauberpilot und die Sekretärin anstoßen. Die PM nimmt Marcus ein Whiskyglas aus der Hand und gibt ihm eine anderes.

»Der ist besser für dich«, meint sie verschwörerisch. Alle trinken ihren Whisky.

Patrick Fisher, der allmählich das Bewusstsein wiedererlangt, wird von der Rettung abtransportiert.

»Leichte Gehirnerschütterung und eine Kopfplatzwunde. Muss genäht werden, ist aber sonst nicht kritisch«, berichtet der Sanitäter noch, bevor sie losfahren.

Marcus fliegt mit der PM und der Sekretärin ins Parlament zurück. Als sie dort wieder alleine sind, sagt die PM bewundernd: »Marcus, wenn ihr alle so tolle Sachen machen könnt wie du, dann seid ihr noch mächtiger, als ich mir vorstellen konnte.«

Marcus lächelt: »Wir sind als Team sehr stark ... Aber ich habe alle meine Kräfte heute eingesetzt und nun wird das große Wundern beginnen, was eigentlich geschehen ist.«

»Nein«, antwortet die PM, »hier ist mein Geschenk für dich und dafür, dass du mir vertraut hast.«

Sie gibt ihm fünf kleine Säckchen: »Das Pulver in den Säckchen bewirkt, dass man die zehn Minuten vor der Einnahme des Pulvers einfach vergisst. Ich habe es von einem Staatsbesuch in China und kann mehr besorgen. Das Pulver war im Whisky. Nur wir beide haben davon nicht getrunken. Aber wenn ich dein Glas nicht ausgetauscht hätte, dann würdest selbst du dich schon jetzt nicht mehr an die Rettung erinnern. Wäre eigentlich amüsant.«

Marcus erkennt die Bedeutung des Pulvers für zukünftige Einsätze. »Aber fällt den Menschen nicht ihre Gedächtnislücke auf?«

»Nein, sie nehmen die erste einigermaßen plausible Geschichte auf, als hätten sie sie erlebt. Und eine solche werde ich jetzt gleich verbreiten lassen.«

Marcus und die PM verabschieden sich sehr herzlich.


Als Marcus Sandra nach den Gefühlen der PM fragt, kichert sie:

»Die PM vertraut dir und bewundert dich vollständig. Aber ich fürchte, über die anderen Gefühle, die ich bei ihr und auch bei dir bemerkt habe, sollte ich Maria besser nichts berichten.«

Marcus schwebt nach dem Gespräch mit der PM wie auf rosa Wolken. Alle Probleme sind ausgeräumt. Aber jetzt, wo ihm Sandra dies sagt, muss er sich eingestehen, dass wohl noch ein anderes Gefühl dabei war.

»Ich werde mich beherrschen«, sagt Marcus.

»Ja, du solltest es versuchen. Aber es wird gar nicht so leicht werden. Die PM mag dich ziemlich und sie ist eine geschiedene, allein stehende Frau. Ich werde aber versuchen, dich durch Drohungen auf dem rechten Weg zu halten.« Marcus ist unsicher, ob er sich darüber freuen soll.


Seit dem Zwischenfall mit der »Rainbow Warrior«, jenem Greenpeace-Schiff, das in Auckland von französischen Marinetauchern gesprengt wurde, um so die Behinderung französischer Atomtests im Pazifik zu vermeiden, sind die Neuseeländer nicht gut auf die französische Marine zu sprechen.

Dies ist einer der Gründe, warum die PM schon früh erfährt, dass sich eine französische Fregatte von Tahiti aus den Cookinseln und möglicherweise Neuseeland nähert. Auf Anfragen bei der französischen Botschaft erhält die PM nur nichts sagende Auskünfte.

Sie hat inzwischen noch einmal Marcus nach Wellington einfliegen lassen, um mehr über Para-Begabungen zu erfahren, und sie hat die SR-Inc. besucht. Sie ist von den Forschungen dort beeindruckt, obwohl ihr Marcus nur einen Bruchteil zeigt. Abgesehen davon, dass sie und Marcus sich sehr gut verstehen, ist es ihr inzwischen klar geworden, dass das, was SR-Inc. bzw. das Team Marcus macht, von größter - auch politischer - Bedeutung sein könnte. Und als sie von dem französischen Schiff hört, da klingelt irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein: Hat nicht Dirkmann erwähnt, dass sich die Franzosen besonders intensiv mit Para-Forschung beschäftigen?

Sie berichtet Marcus über die Marineeinheit mit Kurs auf die Cookinseln und vielleicht Neuseeland und die paar Sätze, die ihr vor einiger Zeit der Vorsitzende der EU-Kommission über Para-Forschung mitteilte. Marcus will vorsichtig sein und freut sich, das mit einem Kurzurlaub verbinden zu können. Er wird mit einer Motorjacht von den Cookinseln aus der Fregatte wie zufällig entgegenfahren und mit seinem Team versuchen festzustellen, ob das Schiff irgendetwas mit Para-Forschung zu tun hat.

Maria, Marcus und die Kinder fliegen mit Sandra und Klaus zunächst auf die Cookinseln. Sie genießen das Südseeleben, umrunden die Insel auf Motorrollern und durchqueren die Insel auf einem Weg durch Dschungel und über einen Bergrücken.

Sandra und Klaus sind bereit, zwei Tage auf die Kinder aufzupassen, sodass Maria und Marcus auf die kleine vorgelagerte Insel Aitukaki fliegen können. Sie wohnen im alten Hotel an der großen Lagune, wo vor dreißig Jahren noch die Wasserflugzeuge der berühmten »Coral Route« von Auckland nach Los Angeles einen der vielen Stopover zum Auftanken machten, während die Passagiere eine Stunde im herrlichen Südseewasser schwimmen und schnorcheln konnten.

Die Lagune wird neben der Hauptinsel von vielen kleineren umrahmt, wobei das romantische »One Foot Island« mit der spektakulären Öffnung durch das Riff besonders schön ist. Durch die Öffnung im Riff kann man sich bei Flut von außen in die Lagune treiben lassen. Es ist der Traum jedes Schnorchlers, so wie hier bewegungslos über Korallen, große Mantas, die am Boden stehen, über Barrakudaschwärme und eine insgesamt unendlich reiche Fischwelt in die Lagune zu driften. Der vereinzelte Riffhai an der Riffaußenseite sorgt ab und zu für ein bisschen Adrenalin. Maria ist auch auf Great Barrier Island so viel im Wasser und nutzt fast jeden Sonnenstrahl aus, dass sie fit ist und blendend aussieht.

Marcus kann sich kaum satt sehen. Er besteht dann darauf, auf einen noch einsameren Motu1 zu fahren, und Maria weiß, was auf sie zukommt, aber sie ist stolz, dass sie Marcus noch immer so gefällt. Nackt lässt sie sich ganz oder halb im Wasser, liegend, sitzend, schwimmend oder an Palmen gelehnt, am Rücken oder Bauch, in allen Posen fotografieren, bis schließlich Marcus das Fotografieren aufgibt und sich auf Maria stürzt. Diese schreit »nein« und läuft davon, doch irgendwann erreicht sie Marcus, der sie hält und umarmt. Er legt sie zwar sacht auf den Strand, aber dann werden beide sehr stürmisch ...

Nach diesem kurzen Urlaubsintermezzo erhält Marcus die Nachricht, dass die drei französischen Schiffe inzwischen auf 300 km an die Cookinseln herangekommen sind. Maria und Marcus mit den Kindern und Sandra und Klaus schiffen sich auf einer komfortablen Motorjacht mit Skipper und Stewardess ein und fahren der französischen Fregatte entgegen. Beim Zusammentreffen tauscht man wie üblich auf hoher See Höflichkeiten aus. Marcus lädt den Kapitän und die Offiziere zu einem Essen auf ihre Jacht ein. Nach kurzem Zögern wird die Einladung angenommen. Das Para-Team kann nun zu arbeiten beginnen. Klaus und Lena stellen sofort fest, dass kein Mensch mit Para-Begabung bei den Franzosen ist. Lena überrascht aber, als sie sagt, dass auf der Fregatte etwas ist wie auf Arohas Mindcaller, nur sehr viel mehr. Es war vorher Maria und Marcus nicht bewusst, dass Lena auch Silatraviat orten kann! Rückblickend ist es aber klar: Sie hätte ja sonst die zweite Hälfte des Mindcallers bei Herbert2 nicht entdeckt! Maria durchforscht mit ihren Augen gründlich die Fregatte und Marcus verwendet dazu seine Pseudohände. Beide entdecken einen Raum, in dem sich eigentümliche Geräte befinden.

1 Motus sind die Mini-Inseln in den Lagunen der Südsee: Sandstrand und ein paar Palmen sind ihre Markenzeichen!

Am meisten hilft Sandra weiter. Indem alle das eine oder andere fragen und Sandra den Wahrheitsgehalt der Antworten erfühlen kann, wird eines klar: Die Fregatte hat die Aufgabe, möglichst nahe an Neuseeland und an einige der vorgelagerten Inseln zu gelangen und dort einige Geräte auszuprobieren. Es wird auch klar, dass die Geräte etwas mit Para-Fähigkeiten zu tun haben; aber deswegen hat der Kapitän kein schlechtes Gewissen, sondern nur, weil er den Auftrag hat, in der Bucht von Auckland in neuseeländisches Gewässer einzudringen, um für einige Versuche nahe genug beim Land zu sein. Das darf ein Marinefahrzeug nur mit vorheriger Genehmigung, und eine solche wird nicht eingeholt werden. Andererseits stand die Verwendung eines zivilen Schiffes wegen der dann nötigen Zollerklärungen für die Spezialgeräte nie zur Diskussion.

Das Essen wird trotzdem für alle angenehm. Die Besatzung der Fregatte hat nichts Böses im Sinn, sie werden nur einige Aufzeichnungen von Messungen vornehmen, ohne zu wissen, worum es dabei geht.

Während sie mit dem Beiboot zurück zur Fregatte fahren, verwendet Klaus einen e-Kolibri, um gute Bilder von dem Geräten in dem fraglichen Raum zu machen, bei dem zum Glück eine Luke offen steht, durch die der e-Kolibri hinein kann. Da der Versuch, eine Gegeneinladung auf die Fregatte zu erhalten, eindeutig scheitert, gibt es eigentlich nicht viel mehr zu tun. Die Bilder von dem e-Kolibri werden der Para-Forschungsabteilung von SR-Inc. zur Auswertung übermittelt und Marcus teilt der PM mit, dass das französische Schiff vorhat, in neuseeländische Hoheitsgewässer einzudringen. Es wäre von großem Vorteil, wenn man die Fregatte bei dieser Gelegenheit aufbringen und die Geräte untersuchen könnte. Die PM antwortet, dass es ein Vergnügen sein wird, der französischen Marine eine Lektion zu erteilen.

2 Der Mann im Food-Court in Rotorua, bei dem Lena die zweite Hälfte des Mindcallers feststellte, mit dem aber bisher kein Kontakt aufgenommen wurde.

Maria, Marcus und die Begleiter verbringen noch schöne Tage an Bord der Jacht. Stephan sorgt für Unterhaltung, indem er immer wieder Meerestiere zum Boot »herbeiordert«. Das Schwimmen mit Delfinen, die auf Stephans Befehl kommen, aber dann freiwillig bleiben, ist für alle besonders schön. Der Skipper der Jacht wird noch jahrelang davon berichten, wie viele Fische und Delfine auf dieser Reise zu sehen waren.

Zurück in Auckland erwarten alle mit Spannung, ob eine Untersuchung der Fregatte möglich sein wird. Die PM hält Wort: Als die Fregatte bei Auckland in die 30-Meilen-Zone eindringt, wird sie aufgebracht ... ein Triumph für ganz Neuseeland, dessen kleine Marine nicht auf viele internationale Erfolge verweisen kann. Schließlich ist die aufgebrachte Fregatte größer als jedes Schiff der neuseeländischen Marine!3

Klaus gelingt es, einige seiner Para-Forscher in das Team, das die Fregatte untersucht, einzuschleusen. Das Ergebnis stimmt sehr nachdenklich, ist aber dürftig: Alle Para-Geräte wurden von der Mannschaft gesprengt, so lautete der ausdrückliche Befehl, berichtet der Kapitän. Man findet nichts außer großen Mengen von Silatraviat.

Das Para-Team sitzt nachdenklich auf Great Barrier Island zusammen.

»Hat jemand eine Idee, welche Para-Geräte die Franzosen an Bord der Fregatte ausprobieren wollten?« Niemand will spekulieren.

»Ich fürchte, wir sollten Spione nach Europa senden«, meint Klaus. Marcus nickt.

»Bitte unternimm etwas in diese Richtung, Klaus!«

Dann gibt es erfreulichere Mitteilungen: Sandra und Klaus haben beschlossen zu heiraten. Man stößt darauf an und alle schauen auf Barry und Monika: »Wann seid ihr dran?«

Die fast peinliche Situation wird von Aroha unterbrochen: »Ich habe Herbert mit der zweiten Hälfte des Mindcallers getroffen. Er scheint ein netter Kerl zu sein, ein halber Maori. Ich würde ihn gerne einmal nach Auckland und hierher einladen, geht das?«

3 Die neuseeländische Marine besteht nur aus vier Fregatten und einigen Wachbooten.

»Ja, prima, natürlich«, sagt Maria, »aber Herbert ist doch ein etwas ungewöhnlicher Name für einen Maori?«

»Ja, er ist ja auch nicht reinblütig: sein Großvater war Österreicher.«

»Wird dir Herbert die zweite Hälfte des Mindcallers geben?«

Aroha errötet etwas: »Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Wir haben uns ja erst einmal kurz getroffen, aber wir haben verabredet, dass er in den nächsten Wochen einmal bei mir vorbeischaut, wenn er sowieso in Auckland ist.«

Alle stimmen überein, dass sie sich freuen, Herbert kennen zu lernen. Niemand ahnt, dass ihnen damit eine weitere Überraschung ins Haus steht.