24

Wir saßen in ihrem Zimmer vor französischen Türen, die auf einen Balkon mit Blick zum Meer hinausgingen. Dünne Vorhänge blähten sich im Wind, der nach Salz roch. Die Suite war dunkel und alt, ein Sammelsurium von ziemlich geschmacklosen Stücken, die sie und Woody aus den Anfangsjahren ihrer Ehe herübergerettet haben mußten: eine Frisierkommode mit gesprungenem Furnier, ein Paar häßliche Lampen mit dunkelroten Seidenschirmen. Ich fühlte mich an die Schaufenster von Trödlern erinnert, die mit dem Zeug anderer Leute vollgestellt waren. Nichts in diesem Zimmer ließ sich als »Sammlerstück« bezeichnen, geschweige denn als Antiquität.

Sie saß in einem Schaukelstuhl mit Roßhaarpolsterung, glänzend und fadenscheinig, und zupfte am Stoff der Armlehnen. Sie sah schrecklich aus. Die Haut ihres Gesichts war durch Oli-ves Tod noch bleicher geworden, ihre Wangen waren übersät mit Leberflecken und von sichtbaren Äderchen durchzogen. Es sah aus, als hätte sie in den letzten paar Tagen an Gewicht verloren. Das Fleisch hing ihr in Falten von den Oberarmen, die Knochen traten an die Oberfläche wie eine lebende Lektion in Anatomie. Sogar das Zahnfleisch war von den Zähnen zurückgewichen, der Alterungsprozeß war plötzlich greifbar wie bei einer Zeitrafferaufnahme. Sie schien von einer unbekannten Gemütsbewegung niedergedrückt, die ihre Augen rotunterlaufen und glanzlos machte. Ich glaubte nicht, daß sie das überleben würde, um was immer es sich auch handeln mochte.

Ich setzte mich auf einen hartlehnigen Stuhl neben sie und fragte leise: »Sie wissen, was hier vorgeht, nicht wahr?«

»Ich denke, ja. Ich hätte schon früher etwas sagen sollen, aber ich hatte so sehr gehofft, mein Verdacht wäre grundlos und wir hätten die Vergangenheit begraben. Ich dachte, wir hätten es hinter uns, aber das stimmt nicht. Es gibt so viel Schande in der Welt. Warum sollte ich ihr noch mehr hinzufügen?« Ihre Stimme zitterte, und ihre Lippen bebten, als sie sprach. Sie brach ab, kämpfte mit sich. »Ich habe Woody versprochen, nie mehr davon zu sprechen.«

»Das müssen Sie aber, Helen. Es geht um Menschenleben.«

Einen Moment lang erwachten ihre dunklen Augen. »Ich weiß«, fuhr sie mich an. Die Energie hielt nicht lange vor, war wie ein Streichholz, das nur kurz aufflackert. »Du tust, was du nur kannst«, fuhr sie fort. »Du versuchst, das Richtige zu tun. Dinge geschehen, und du rettest, was übrig ist.«

»Niemand macht Ihnen einen Vorwurf.«

»Doch, ich selbst. Es ist meine Schuld. Ich hätte in dem Augenblick, als es anfing schiefzugehen, sofort etwas sagen müssen. Ich kannte die Zusammenhänge, aber ich wollte es nicht glauben, dumm wie ich bin.«

»Hat es mit Woody zu tun?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Mit wem dann?«

»Mit Lance«, flüsterte sie. »Es hat alles mit ihm angefangen.«

»Mit Lance?« Ich war verblüfft. Das war der letzte Name, den ich zu hören erwartet hatte.

»Man sollte meinen, die Vergangenheit könnte verwischt werden... hätte nicht die Macht, uns so lange nach der Tatsache noch zu beeinflussen.«

»Wie weit reicht das zurück?«

»Siebzehn Jahre, fast auf den Tag genau.« Sie kniff die Lippen zusammen, schüttelte dann wieder den Kopf. »Als Teenager war Lance rebellisch und verschlossen. Er und Woody gerieten unaufhörlich aneinander, aber so ist das mit Jungs. Lance war in einem Alter, in dem er sich behaupten mußte.«

»Ash hat erzählt, er wäre damals ein paarmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten.«

Sie machte eine ungeduldige Bewegung. »Er hatte ständig Ärger. Heute nennt man das >sich austobem, aber ich habe ihn nicht für einen schlechten Jungen gehalten. Ich glaube das auch heute noch nicht. Er hatte eine schwierige Jugend...« Sie brach ab, holte tief Luft. »Ich will diesen Punkt nicht beklagen. Was geschehen ist, ist geschehen. Woody hat ihn schließlich zur Militärakademie geschickt, und danach ging er in die Armee. Wir haben ihn kaum gesehen, bis er zu Weihnachten Urlaub hatte und nach Hause kam. Da schien alles in Ordnung mit ihm. Er war erwachsen. Reif. Ruhig und angenehm und zivilisiert uns beiden gegenüber. Er fing an, sich für die Firma zu interessieren. Er sprach davon, sich niederzulassen und das Geschäft zu lernen. Woody war selig.« Sie entnahm ihrer Tasche ein Taschentuch, das sie an die Lippen preßte und das den Schweißfilm aufsaugte, der sich wie Tau darauf gelegt hatte.

Bislang hatte sie mir noch nichts erzählt, was ich nicht schon gewußt hätte. »Was geschah dann?«

»In jenem Jahr... als Lance heimkam und alles so gut lief... in jenem Jahr... es war der Neujahrstag. Ich erinnere mich noch, wie glücklich ich war, weil alles so schön anfing. Da erschien Bass mit einer völlig absurden Geschichte bei uns. Irgendwie habe ich ihm wohl immer die Schuld gegeben, tief in meinem Herzen. Er hat alles verdorben. Ich habe ihm nie wirklich verziehen, obgleich es wohl kaum seine Schuld war. Bass war damals erst dreizehn. Doch schon in diesem Alter wußte er Bescheid über Boshaftigkeit, und er genoß das alles so sehr.«

Das hat sich nicht geändert, dachte ich. »Was hat er Ihnen erzählt?«

»Er sagte, er hätte Lance erwischt. Er kam dann direkt zu uns, mit diesem verschlagenen Ausdruck in den Augen, tat so, als wäre er traurig, dabei wußte er ganz genau, was er tat. Zuerst hat Woody ihm kein Wort geglaubt.«

»Wobei hat er Lance erwischt?«

Schweigen senkte sich, und dann zwang sie sich weiterzureden, mit so leiser Stimme, daß ich gezwungen war, mich näherzubeugen. »Mit Olive«, hauchte sie. »Lance und Olive. In ihrem Zimmer, auf dem Bett. Sie war sechzehn und so schön. Ich dachte, ich müßte vor Schande und Scham sterben, aus Ekel vor dem, was da vorging. Woody wurde wahnsinnig. Er brüllte vor Wut. Lance schwor, daß es ganz unschuldig gewesen wäre, daß Bass alles falsch verstanden hatte, daß es Unsinn wäre. Absurd, daß wir so etwas glauben könnten. Woody hat Lance halb totgeprügelt. Es war schrecklich. Ich dachte, er würde ihn umbringen. Lance schwor, es wäre nur einmal passiert. Er schwor, er würde nie wieder Hand an sie legen, und er hat sein Versprechen gehalten. Das weiß ich.«

»Damals wurde Olive ins Internat geschickt«, sagte ich.

Helen nickte.

»Wer wußte sonst noch von dem Vorfall?«

»Niemand. Nur wir fünf. Lance und Olive, Bass und Woody und ich. Ebony war in Europa. Ash wußte, daß etwas Entsetzliches passiert war, aber sie hat nie erfahren, was.«

Wieder trat Stille ein. Helen strich den zerschlissenen Stoff auf der Armlehne ihres Schaukelstuhls glatt, aus dem sie einzelne Fäden herausgezupft hatte. Sie starrte mich an. Aus ihrem Gesicht sprach das schlechte Gewissen, wie bei einem alten Hund, der irgendwo eine Pfütze gemacht hat, die man noch nicht entdeckt hat. Da steckte noch mehr dahinter, da war noch etwas, das sie nicht zugeben wollte.

»Und weiter?« bohrte ich.

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Wangen hatten jetzt leuchtendrote Flecken.

»Erzählen Sie es mir, Helen. Das kann auch nichts mehr ausmachen.«

»O doch, das kann es«, widersprach sie leise. Sie hatte angefangen zu weinen. Ich konnte sehen, wie sie sich verschloß, wie sie ihre Gefühle wieder einsperrte, ganz wie in all den Jahren seither.

Ich wartete so lange, daß ich schon nicht mehr daran glaubte, sie könnte es noch zu Ende bringen. Ihre Hände fingen an zu zittern, tanzten einen ganz eigenen Tanz, einen Jitterbug der Angst und Sorge. Endlich redete sie. »Lance hat gelogen. Es war schon seit Jahren so gegangen. Woody hat es nie gewußt, aber ich hatte etwas vermutet.«

»Sie haben vermutet, daß Lance sie mißbraucht, und Sie sind nie eingeschritten?«

»Was hätte ich sagen können? Ich hatte keinen Beweis. Ich hielt sie voneinander fern, wenn ich es irgendwie konnte. Er fuhr ins Sommerlager. Sie blieb bei Freunden von uns in Maine. Ich habe sie nie allein daheim gelassen. Ich hoffte, es wäre nur eine Phase, etwas, das von selbst wieder aufhören würde. Ich dachte, wenn ich darauf aufmerksam machen würde... ich weiß nicht, was ich dachte. Es war so unaussprechlich. Eine Mutter setzt sich nicht mit einem Jungen hin und spricht über diese Dinge. Ich wollte nicht neugierig sein, und Olive stritt immer alles ab, wenn ich auch nur andeutete, daß etwas nicht in Ordnung war. Wenn sie sich an mich gewendet hätte, wäre ich eingeschritten. Natürlich hätte ich das getan, aber sie hat nie auch nur ein Wort gesagt. Nach allem, was ich weiß, kann es sogar sie selbst gewesen sein, die die ganze Sache angefangen hat.«

»Wie lange lief das so?« Es fiel mir schwer, den vorwurfsvollen Ton aus meiner Stimme zu halten. Ich fürchtete, wenn sie das volle Ausmaß meiner Wut erkannte, würde sie sich erneut verschließen.

»Lance war fast von Kindheit an von ihr besessen. Er war fünf, als sie geboren wurde, und ich war so erleichtert, daß er sie nicht ablehnte, weißt du. Da waren doch nur er und Ebony, bis Olive geboren wurde. Er war der Jüngere gewesen, und so war ich entzückt, daß er von ihr so angetan zu sein schien. Es muß als kindliche Neugier angefangen haben und wurde dann zu etwas anderem. Es hörte allerdings auf, nachdem sie entdeckt worden waren. In den letzten paar Jahren konnten sie kaum die Gegenwart des anderen ertragen, aber da war der Schaden schon angerichtet. Sie hatte schreckliche Probleme.«

»Sexuelle Probleme, nehme ich an.«

Helen nickte, ihre Wangen röteten sich. »Sie litt auch unter Depressionen, die monatelang anhielten. Sie tat nichts anderes als laufen, laufen, laufen. Alles, um ihren Gefühlen zu entfliehen. Spielen und Geld ausgeben. Geld ausgeben und spielen. Das war ihr Leben.«

Schnell ging ich in Gedanken alles durch, was man mir erzählt hatte, alles, was ich im Vorbeigehen aufgeschnappt hatte. »Olive sagte, sie und Bass hätten Krach gehabt, als er zu Thanksgiving heimkam. Worum ging es da?«

»Ach, eine Albernheit. Ich kann mich jetzt nicht einmal mehr erinnern, womit es angefangen hat. Ein dummer Streit, wie es manchmal passiert, wenn Leute zuviel getrunken haben. Bass war wütend und wollte ihr eins auswischen, aber es ging urn gar nichts. Einfach schlechte Laune, das ist alles.«

Ich beobachtete sie sorgfältig, verbannte jeglichen Gedanken aus meinem Kopf, versuchte den Sinn ihrer Worte herauszufiltern. Es hatte mit Lance angefangen, mit Wood/Warren, dem Gespräch einer Übernahme, Beweisen für Versicherungsbetrug. Jemand hatte Lance hereingelegt, und ich war in dieselbe Falle getappt. Als Olive starb, hatte ich angenommen, daß ihr Tod mit dem Geschäft zusammenhing, daß es ein Unfall war. So sollte es auch aussehen, aber das war es nicht. Die Antwort sprang mich förmlich an, so offensichtlich, nachdem ich erst einmal wußte, was vorgegangen war. »Oh, Scheiße!« sagte ich. »Bass hat es Terry erzählt, nicht wahr?«

»Ich denke, ja«, antwortete sie, fast unhörbar. »Ich glaube, Terry ist nicht wie wir anderen. Er ist ein guter Mensch. Er kommt mir nicht richtig vor. Sogar, als sie sich kennenlernten, kam er mir irgendwie >seltsam< vor. Aber er war verrückt nach Olive...«

»>Besessen< hat es jemand genannt«, warf ich ein. »Es hieß, er hätte den Boden angebetet, über den sie gegangen war.«

»O ja, er hat sie bewundert, daran besteht kein Zweifel. Das war genau das, was sie gebraucht hat, und ich dachte, es würde alles wunderbar klappen. Sie hatte ihr Leben lang eine so schlechte Meinung von sich selbst. Sie schien keine Beziehung zu ertragen, bis Terry kam. Ich gönnte ihr so sehr ein wenig Glück.«

»Sie meinen, weil sie beschädigt war, ja? >Gebranntmarkt< durch das, was Lance getan hatte.«

»Nun, sie war gebranntmarkt. Wer weiß, welch bestialische Gelüste Lance in ihr geweckt hatte?«

»Das war ja wohl kaum ihre Schuld.«

»Natürlich nicht, aber welcher nette Junge würde sie jemals ansehen, wenn die Wahrheit ans Licht kam? Terry schien wie ein Gottesgeschenk.«

»Also haben sie beide beschlossen, ihm nichts zu verraten.«

»Wir haben nicht einmal unter uns darüber geredet«, erklärte sie bitter, »also konnten wir wohl kaum ihm gegenüber davon sprechen. Warum Ärger machen, Probleme schaffen, wo doch alles so gut lief?«

Ich erhob mich abrupt und ging zum Telefon hinüber, wählte Lieutenant Dolans Nummer hei der Polizei von Santa Teresa. Die Telefonistin wollte mich verbinden, und so wartete ich, daß Dolans Apparat läutete. Helen hatte recht. Was geschehen war, war geschehen. Es hatte keinen Sinn, Bass die Schuld zu geben. Wenn es überhaupt eine Schuld gab, so lag sie bei Helen und Woody. Olive mußte sterben, weil Helen so verdammt rücksichtsvoll war, zu rücksichtsvoll, um mit der Wahrheit umgehen zu können.

»Wo ist Terry jetzt?« fragte ich Helen über meine Schulter hinweg.

Sie weinte jetzt ganz offen. Es schien ein wenig spät für Tränen, aber das sagte ich nicht. »Er war erst vor kurzem hier. Jetzt ist er auf dem Heimweg.«

Als Dolan sich meldete, nannte ich meinen Namen und erzählte ihm alles bis ins Kleinste.

»Ich lasse ihn zum Verhör holen«, sagte Dolan. »Wir besorgen uns einen Haft- und Durchsuchungsbefehl, damit wir das Haus durchsuchen können. Irgendwo muß er die Bombe schließlich gebastelt haben.«

»Vielleicht in der Fabrik.«

»Das prüfen wir nach. Bleiben Sie dran.« Er legte die Hand auf die Muschel, und ich konnte hören, wie er jemandem in seinem Zimmer Anweisungen gab. Dann meldete er sich wieder. »Lassen Sie mich Ihnen erzählen, was wir unsererseits herausgefunden haben. Wir konnten die Fingerabdrücke identifizieren, die wir aus dem Mietwagen haben, in dem Lyda Case gefunden wurde. Sie gehören einem Kerl namens Chris Emms, der wegen Mordes an seiner Ziehmutter angeklagt war, vor zwanzig Jahren. Hat sie mit einer Paketbombe in die Luft gejagt, die er mit der Post geschickt hat. Die Geschworenen erkannten auf Nichtzurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat.«

»Oje, kapiert. Kein Gefängnis.«

»Richtig. Er wurde ins Staatshospital in Camarillo überstellt und ist achtzehn Monate später geflohen.«

»Und er wurde nie gefaßt?«

»Er war frei wie ein Vogel. Ich hab’ mich gerade mit einem der Ärzte da unterhalten. Die suchen jetzt die alten Unterlagen durch, was sie sonst noch über ihn haben.«

»War der wirklich verrückt, oder hat er nur so getan?«

»Jeder, der das macht, was er getan hat, ist verrückt.«

»Lassen Sie es die Familie wissen, wenn Sie ihn verhaftet haben?«

»Mach ich. Vorläufig schick’ ich erst mal jemanden rüber, für den Fall, daß er beschließt zurückzukommen.«

»Bereiten Sie lieber auch die Sicherheitsleute von Wood/Warren vor. Er könnte es auf Lance abgesehen haben.«

»Richtig«, stimmte Dolan zu. Dann legte er auf.

Ich ließ Helen im Schaukelstuhl zusammengesunken zurück, ging nach unten, suchte Ebony und erzählte ihr, was los war. Als ich das Haus verließ, war sie auf dem Weg nach oben zu ihrer Mutter. Kaum vorzustellen, worüber sie reden wollten. Ich sah wieder Olive vor mir, wie sie durch die Luft segelte, ins Vergessen flog. Das Bild wurde ich einfach nicht los. Als ich heimfuhr, fühlte ich mich elend, aber das war in den letzten Tagen schon zum Dauerzustand geworden. Ich bin es müde, in der schmutzigen Wäsche anderer Leute herumzuwühlen. Ich hab’ es satt, mehr über sie zu wissen, als ich eigentlich sollte. Die Vergangenheit ist niemals schön. Geheimnisse haben niemals mit guten Taten zu tun, die plötzlich ans Licht kommen. Nichts läßt sich jemals mit einem Händeschütteln oder einem offenen Gespräch von Mensch zu Mensch lösen. So oft erscheint mir die Menschheit einfach gemein, und ich weiß nicht, wie man darauf reagieren soll.

Meine Verbrennungen unter den Verbänden waren heiß und schmerzten dumpf. Ich betrachtete mich im Rückspiegel. Mit dem über der Stirn abgesengten Haar und ohne Augenbrauen wirkte mein Gesicht irgendwie erschreckt, als hätte die plötzliche Lösung dieses Falles mich völlig überrascht. Ganz richtig. Ich hatte keine Zeit gehabt, die Ereignisse in Ruhe zu verarbeiten. Ich dachte an Daniel und Bass. Im Geiste mußte ich die Tür vor ihnen schließen, aber es kam mir vor, als ob dieser Job noch nicht beendet sei, und das gefiel mir nicht. Ich wollte ihn zu Ende bringen. Ich wollte endlich wieder inneren Frieden finden.

Ich stieß das Tor auf, nahm im Vorbeigehen die Post aus dem Briefkasten. Dann schloß ich meine Wohnung auf und warf die Handtasche auf die Couch. Ich hatte das dringende Bedürfnis, ein Bad zu nehmen, so symbolisch das auch war. Es war erst 4 Uhr nachmittags, aber ich wollte mich gründlich abschrubben und dann an Rosies Tür klopfen. Es war Dienstag, und sie war inzwischen sicher wieder da. Normalerweise öffnete die kleine Kneipe um 17 Uhr, aber vielleicht konnte ich sie überreden, mich früher hineinzulassen. Ich brauchte ein kräftiges ungarisches Abendessen, ein Glas Weißwein und jemanden, der mich umsorgte wie eine Mutter.

Ich blieb am Schreibtisch stehen und hörte den Anrufbeantworter ab. Keine Nachricht. Die Post war langweilig. Mit Verspätung registrierte ich, daß die Tür zu meinem Badezimmer geschlossen war. Ich mache sie nie zu. Mein Apartment ist klein, und das Licht, das durchs Badezimmerfenster fällt, läßt es heller wirken. Ich drehte den Kopf und spürte, wie sich die Haare in meinem Nacken sträubten. Der Knauf wurde gedreht, und die Tür öffnete sich. Dieser Teil des Zimmers lag jetzt im Schatten, aber ich konnte ihn doch dort stehen sehen. Mein Rückgrat verwandelte sich in Eis, die Kälte erfaßte alle meine Glieder, die mir einfach nicht mehr gehorchen wollten. Terry kam aus dem Bad und ging um die Couch herum. In seiner rechten Hand hielt er eine Pistole, die genau auf meinen Bauch zielte. Ich fühlte, wie ich automatisch die Hände in die Höhe streckte, die klassische Geste der Unterwerfung, die Waffen hervorzurufen scheinen.

»Huch! Jetzt hast du mich erwischt«, meinte Terry. »Ich wollte eigentlich schon fort sein, wenn du heimkommst.«

»Was machst du hier?«

»Ich habe dir ein Geschenk gebracht.« Er deutete auf die Kochnische.

Wie in Trance drehte ich mich um, um zu sehen, worauf er zeigte. Auf dem Tresen stand ein Schuhkarton, in Weihnachtspapier gewickelt, weiße HO HO HOs auf dunkelgrünem Hintergrund, und mit lustigen Weihnachtsmännern, die durch jedes O turnten. Eine vorgefertigte rote Satinschleife klebte auf dem Deckel. Welch eine gelungene Überraschung! Terry Kohler hatte mir eine Todesschachtel zugedacht.

»Nett«, brachte ich heraus, obwohl mein Mund trocken war.

»Willst du es nicht öffnen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich denke, ich lasse es einfach da, wo es ist. Ich hasse den Gedanken, ihm einen Stoß zu versetzen.«

»Diese arbeitet mit Zeitzünder.«

Es gelang mir, meinen Kiefer zu lockern, aber ich brachte kein Wort heraus. Wo hatte ich meine Pistole? Mein Kopf war vollkommen leer. Ich streckte die Hand nach der Tischkante aus, um mich mit den Fingerspitzen abzustützen. Bomben sind laut. Das Ende kommt schnell. Ich räusperte mich. »Tut mir leid, daß ich dich gestört habe. Meinetwegen mußt du nicht hierbleiben.«

»Ich kann noch eine Minute bleiben. Wir können noch ein wenig plaudern.«

»Warum willst du mich umbringen?«

»Schien mir einfach eine gute Idee zu sein«, meinte er in mildem Ton. »Ich dachte, du würdest diese Welt gern mit einem lauten Knall verlassen.«

»Ich bin erstaunt, daß du es nicht auf Lance abgesehen hast.«

»Ich habe ein Paket genau wie dieses für ihn im Auto.«

Wahrscheinlich unten in meiner Handtasche, dachte ich. Ich wollte sie ja ins Waffengeschäft bringen. Hatte ich sie in den Aktenkoffer auf dem Rücksitz von meinem Wagen gesteckt? Wenn ja, dann war sie noch immer da draußen, und mein Leben war keinen Pfifferling mehr wert. »Hast du was dagegen, daß ich mich setze?«

Er musterte schnell die Ecke, vergewisserte sich, daß keine Gewehre, Peitschen oder Schlachtermesser in Reichweite waren. »Nur zu.«

Ich ging zur Couch hinüber und sank darauf, ohne den Blick von ihm zu wenden.

Er zog meinen Schreibtischstuhl heran und setzte sich, schlug die Beine übereinander. Er war ein gutaussehender Mann, dunkel und schlank. Nichts an seinem Verhalten ließ darauf schließen, wie verrückt er war. Aber wie verrückt ist er wirklich, fragte ich mich. Wie weit ist das fortgeschritten? Wie zugänglich ist er vernünftigen Argumenten? Würde ich mein Leben gegen bizarre sexuelle Wünsche einsetzen, wenn er darum bat? Na klar, warum nicht?

Ich hatte Schwierigkeiten, die Situation einzuschätzen. Ich war daheim, wo ich hätte sicher sein sollen. Es war noch nicht einmal dunkel draußen. Ich mußte dringend auf die Toilette, aber das hörte sich an wie ein Trick. Und, ehrlich, es war mir peinlich, darum zu bitten. Es schien ratsam, ein Gespräch zu beginnen, eine dieser Unterhaltungen. »Wie ist der weitere zeitliche Ablauf?«

Er sah auf die Uhr. »Noch ungefähr zehn Minuten. Die Bombe sollte um 16 Uhr 30 hochgehen. Ich hatte befürchtet, du würdest nicht rechtzeitig heimkommen. Ich kann sie zwar neu einstellen, aber ich will die Verpackung nicht beschädigen.«

»Das kann ich verstehen«, murmelte ich. Ich warf einen Blick auf die Uhr auf meinem Schreibtisch. 16 Uhr 22. Ich spürte, wie meine Adrenalindrüse Flüssigkeit in meine Venen jagte. Terry schien sich keine Sorgen zu machen. »Du machst ja einen ziemlich ruhigen Eindruck«, bemerkte ich.

Er lächelte. »Ich bin auch nicht in der Nähe, wenn das verdammte Ding losgeht. Die sind gefährlich.«

»Wie willst du mich hier festhalten? Da mußt du mich zuerst erschießen.«

»Ich werde dich fesseln. Ich habe ein Seil mitgebracht.« Jetzt sah ich, daß er ein Stück Wäscheleine auf den Küchenboden geworfen hatte.

»Du denkst wirklich an alles«, lobte ich. Ich wollte, daß er zu reden anfing. Ich wollte nicht, daß er mich fesselte, denn das bedeutete meinen sicheren Tod. Es gab keine Möglichkeit, nach draußen zu humpeln. Keine Glasscherben, mit deren Hilfe ich meine Fessel durchschneiden konnte. Keine Messer, keine Tricks, keine Wunder. »Was ist, wenn sie zu früh losgeht?«

»Zu dumm«, meinte er ironisch. »Aber du weißt ja, was Dylan Thomas sagt: >Nach dem ersten Tod gibt es keinen anderen^«

»Was hat Hugh Case damit zu tun? Du hast doch nichts dagegen, daß ich frage? Ich möchte es einfach nur wissen.«

»Nein, ich habe nichts dagegen. Wir haben ja sonst nichts, worüber wir reden können. Hugh wurde zum Sicherheitsbeauftragten ernannt, nachdem Woody sich bei der Regierungsausschreibung beworben hatte. Wir brauchten alle Unbedenklichkeitszeugnisse, aber der Knabe ist zu weit gegangen. Formulare, Befragungen, all diese penetranten Fragen. Er nahm sich wirklich ernst. Zuerst hielt ich es alles für ein Spiel, aber allmählich wurde mir klar, daß er zu viele Fragen stellte. Er wußte Bescheid. Natürlich, er wollte meine Fingerabdrücke. Ich habe es so lange wie möglich hinausgezögert, aber ich konnte mich nicht weigern. Ich mußte ihn töten, ehe er Woody die ganzen schmutzigen Einzelheiten erzählen konnte.«

»Über deine Mutter.«

»Ziehmutter«, verbesserte er mich.

»Hätte nicht jemand anders dieselben Informationen ans Tageslicht bringen können?«

»Ich hatte mir schon einen Ausweg ausgedacht, aber ich mußte ihn aus dem Weg schaffen, damit es funktionierte.«

»Aber du weißt nicht, ob er dir wirklich schon auf der Spur war.«

»Doch, doch, war er. Ich habe die Akte vernichtet, die er im Werk aufbewahrte, aber er hatte ein Duplikat daheim. Es wurde über ein Leck in der Sicherheit geredet. Das kam erst kürzlich raus.«

»Lyda hat sie gefunden.«

»Das war nur deine Schuld. Nachdem du nach Texas geflogen warst, ging sie noch einmal alle Papiere durch, die sie zusammengepackt hatte. Dabei stieß sie auf die Aufzeichnungen über Chris Emms. Sie hatte keine Ahnung, wer das war, aber sie dachte sich, es müßte jemand im Werk sein. Sie rief mich von Dallas aus an und erklärte, sie hätte Informationen, die Hugh ausgegraben hätte. Ich erklärte ihr, ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich die sehen dürfte und ihr helfen könnte zu entscheiden, was damit geschehen sollte. Ich mußte ihr versprechen, Lance gegenüber nichts davon zu erwähnen, weil sie ihn ohnehin im Verdacht hatte.«

»Nett. Und ihre Drohung... hast du die erfunden?«

»Ja.«

»Lind an dem Tag, als wir am Bird Refuge gewartet haben, da war sie schon tot?«

»Richtig.«

»Wie hast du Hugh umgebracht?«

Gleichgültig zuckte Terry die Achseln. »Chloralhydrat. Dann bin ich hingegangen und hab’ seine Blut- und Urinproben gestohlen, damit es nicht nachgewiesen werden konnte.«

»Dazu gehören Nerven«, meinte ich.

»Es mußte sein, und ich wußte, daß ich recht hatte. Ich konnte mir von ihm nicht mein Leben zerstören lassen. Was mich später so wütend machte, war natürlich die Tatsache, daß es alles umsonst war. Olives Vergangenheit war genauso schmutzig wie meine. Ich hätte mich überhaupt nicht schützen müssen. Wenn sie mir die Wahrheit gesagt hätte... wir wären quitt gewesen.«

»Jetzt, wo sie nicht mehr ist, fühlst du dich bestimmt besser. Sie hat bezahlt, nicht wahr?«

Sein Gesicht umwölkte sich. »Ich hätte Lance umbringen und sie am Leben lassen sollen. Ich hätte ihr das Leben zur Hölle machen können.«

»Ich dachte, das hast du getan.«

»Nun ja, aber sie hat noch nicht annähernd genug gelitten. Und jetzt ist sie mir entkommen.«

»Sie hat dich geliebt«, sagte ich.

»Na und?«

»Nichts und. Ich schätze, Liebe zählt in deinen Augen nicht viel.« Mein Blick wanderte zur Uhr. 16 Uhr 25.

»Nicht, wenn sie auf Lüge und Verrat basiert«, erklärte er fromm. »Sie hätte mir die Wahrheit sagen sollen. Sie hat mir die Tatsachen immer verschwiegen. Sie ließ mich immer in dem Glauben, unser tristes Sexualleben wäre allein meine Schuld. Sie ließ mich denken, ich wäre der Versager, dabei war es die ganze Zeit über sie. Manchmal denke ich an ihn, an seinen Mund, der über ihren ganzen Körper wandert, der überall an ihr saugt. Abscheulich.«

»Das ist schon lange her.«

»Nicht lange genug.«

»Was ist mit Andy Motycka? Wie hast du ihn dazu überredet, dir zu helfen?«

»Geld und Drohungen. Zuckerbrot und Peitsche. Janice hat ihm jeden Pfennig aus der Tasche gezogen. Ich habe ihm zehn Riesen gezahlt. Immer, wenn er nervös wurde, habe ich gesagt, daß ich Janice von Lorraine erzählen würde, wenn er versuchen sollte auszusteigen.«

»Wie hast du das mit ihr herausgefunden?«

»Wir kannten uns alle seit Jahren; waren zusammen auf der Uni, ehe er und Janice geheiratet haben. Das war natürlich, nachdem ich meine neue Identität angenommen hatte. Als ich erst einmal den Plan gefaßt hatte, gehörte nicht mehr viel dazu zu erkennen, daß er in der Lage war, mir zu helfen.«

»Hast du ihn auch umgebracht?«

»Ich wünschte, ich hätte es. Er ist mir entwischt, aber ich hol’ ihn mir schon zurück. Er ist nicht sehr schlau.«

Ich hätte schwören können, ich hörte die Zeitbombe fröhlich ticken. Ich feuchtete meine Lippen an. »Ist da drin wirklich eine Uhr? Funktioniert die Bombe damit?«

Er warf einen Blick zum Küchentresen hinüber. »Das ist kein kompliziertes Gerät. Das für Olive war ausgeklügelter, aber ich mußte ja auch sichergehen, daß es durch einen Stoß ausgelöst wurde.«

»Ein Wunder, daß ich nicht getötet wurde.«

»Das hätte die Dinge vereinfacht«, gab er zu.

Jetzt fiel mir wieder ein, wie er sich gebückt hatte, um den Schlauch aufzurollen, der auf dem Gartenweg lag. Nur ein Vorwand, um zurückzubleiben, außerhalb des Wirkungsbereichs. Ich fühlte mich langsam merkwürdig frei. Die Zeit, die mir noch blieb, war kurz, aber sie fing an sich zu dehnen wie ein Stück Kaugummi. Die Vorstellung, daß ich die letzten Minuten meines Lebens damit verbrachte, über Trivialitäten mit dem Mann zu diskutieren, der mich umbringen wollte, schien absurd. Aber zum Teufel, warum nicht? Wieder mußte ich an meinen kurzen Flug von Olives Veranda denken, während sie wie ein Vogel an mir vorbeischwirrte. Einen Tod wie diesen spürt man kaum. Wovor ich wirklich Angst hatte, war davonzukommen, verstümmelt, verbrannt — lange genug, um zu spüren, wie es zu Ende ging. Es wird Zeit, etwas zu unternehmen, sagte ich mir, ungeachtet der Konsequenzen. Was hat man schon zu verlieren, wenn sein Leben auf dem Spiel steht?

Ich griff nach meiner Handtasche. »Ich hab ’n paar Beruhigungspillen da drin. Du hast doch nichts dagegen?«

Er schien überrascht, wackelte mit der Waffe herum. »Laß die, wo sie sind.«

»Ich bin ein Wrack, Terry. Ich brauche wirklich eine Valium. Danach kannst du mich fesseln.«

»Nein«, beharrte er. »Rühr die nicht an. Ich meine es ernst!«

»Komm schon. Tu mir den Gefallen. Es ist nur eine so kleine Bitte.«

Ich zog die Tasche heran und öffnete den Reißverschluß, durchwühlte den Inhalt, bis ich den Elfenbeingriff meiner geliebten .32er gefunden und die Waffe entsichert hatte. Er konnte es nicht fassen, daß ich ungehorsam gewesen war, schien aber nicht zu wissen, was er tun sollte.

Als er aufstand, feuerte ich durch den Boden meiner Handtasche aus einem Abstand von nur zehn Schritt auf ihn, aber ohne sichtbare Wirkung. Er machte einen Satz, als hätte ich ihm heiße Soße auf die Hose gegossen, aber ich konnte kein Blut sehen, und er brach auch nicht auf dem Boden zusammen, wie ich allen Ernstes gebetet hatte. Statt dessen erwachte er brüllend zu neuem Leben und ging wie ein tollwütiger Hund auf mich los. Ich zog die Pistole aus der Tasche, schoß noch einmal, aber da hatte er mich schon erwischt, riß mich mit sich zu Boden. Ich sah seine Faust auf mich herabsausen und zuckte nach rechts. Der Schlag landete auf meinem linken Ohr, das vor Schmerz dröhnte. Ich zog mich an der Couch hoch, kam auf die Füße. Ich hatte keine Ahnung, wo meine Pistole war, aber er zielte mit seiner auf mich. Ich packte meine Handtasche und schwang sie. Ich erwischte ihn am Kopf. Der Schlag ließ ihn seitwärts taumeln.

Er versperrte mir den Weg nach draußen, also wirbelte ich herum und raste ins Bad. Ich warf die Tür hinter mir zu, sperrte ab und warf mich zu Boden. Er schoß zweimal, die Kugeln surrten durch die Tür wie Hummeln. Es gab keinen Weg hinaus. Das Fenster befand sich genau in der Schußlinie, und ich konnte nichts sehen, womit ich mich hätte verteidigen können. Er fing an, gegen die Tür zu treten. Das Holz splitterte unter der Wucht der Tritte. Ich sah seinen Fuß durch das Paneel kommen, und er trat noch einmal zu. Seine Hand schoß durch das Loch, er tastete nach dem Schloß. Ich riß den Deckel von der Toilette und versetzte ihm damit einen Schlag. Ich hörte ihn schreien, und er zog die Hand zurück. Er feuerte erneut, kreischte Obszönitäten. Plötzlich tauchte sein Gesicht in der Öffnung auf, die Augen rollten wild, als er mich suchte. Die Mündung seiner Waffe zeigte auf mich. Ich hielt den Toilettendeckel wie einen Schutzschild vor mich, weil mir nichts anderes einfiel. Klirrend prallte die Kugel dagegen. Die Wucht war groß genug, mir den Deckel aus der Hand zu reißen und, ihn in zwei Teile zu zerbrechen. Terry trat wieder nach der Tür, aber die Schläge verloren an Kraft.

Dann hörte ich ihn auf der anderen Seite hinfallen. Ich erstarrte, erstaunt, nach Atem ringend. Mir blieb keine Zeit, um abzuwarten, ob er nur spielte. Mit fliegenden Fingern öffnete ich das Schloß, drückte gegen die Tür, konnte sie aber nicht bewegen. Ich ließ mich auf die Knie herab und starrte ihn durch das Loch im Paneel hindurch an. Er lag flach auf dem Rücken, sein Hemd war blutgetränkt. Offenbar hatte ich ihn doch mit dem ersten Schuß getroffen, aber es hatte so lange gedauert, bis er zusammengebrochen war. Blut sickerte aus seinem Körper wie aus einem Loch in einem alten Reifen. Seine Brust hob und senkte sich noch immer. Über seinem Atem hörte ich das Ticken des Paketes.

»Terry, verschwinde von der Tür! Terry, beweg dich!«

Er reagierte nicht. Die Uhr auf meinem Schreibtisch zeigte 17 Uhr 29.

Ich stieß gegen die Tür, so fest ich konnte, aber es war unmöglich, ihn zu bewegen. Ich mußte von hier verschwinden. Verzweifelt sah ich mich um, packte dann eine Hälfte des zerbrochenen Klodeckels. Ich hieb damit gegen das Fenster. Glasscherben fielen auf den Hof hinaus, andere Splitter blieben im Rahmen zurück. Ich schnappte mir ein Handtuch und legte es über die glasübersäte Fensterbank, als ich mich hinauszwängte.

Der Knall der Explosion schleuderte mich durch das Fenster wie Superman in vollem Flug. Ich landete auf dem Rasen, und zwar mit einer solchen Wucht, daß es mir den Atem verschlug. Einen Moment lang war ich von Panik gelähmt, fragte mich, ob ich je wieder würde atmen können. Scherben regneten um mich herab. Ich sah ein Stück Dach wie ein UFO an mir vorbeisegeln. Dann fing es an zu taumeln und blieb schließlich in den Zweigen eines Baumes hängen. Eine weiße Rauchwolke trieb heran, löste sich auf. Ich lenkte meinen Blick zur Wand hinter mir. Sie schien in Ordnung zu sein. Mein Schlafsofa stand in der Auffahrt, die Kissen waren schief. Auf der Armlehne hockte der Farn. Er sah aus, als wäre er aus eigenem Antrieb dort hinaufgehüpft. Die gesamte Vorderseite meiner Wohnung mußte verschwunden sein, die Einrichtung, mein ganzer Besitz zerstört. Zum Glück habe ich sowieso nicht viel auf dieser Welt, dachte ich.

Wieder war ich vorübergehend taub, aber ich gewöhnte mich schon langsam daran. Schließlich erhob ich mich mühevoll und ging zurück, um nachzusehen, ob von Terry noch was übrig war.