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Ich brauchte drei Stunden, um die Stätte des Brandes zu untersuchen. Terry machte sich die Mühe, die Vordertür aufzusperren, obwohl das angesichts der Zerstörung, die das Feuer angerichtet hatte, lächerlich schien. Der größte Teil der äußeren Hülle des Gebäudes stand noch, aber der erste Stock war eingestürzt, lag jetzt im Erdgeschoß, und das Ergebnis war eine nahezu undurchdringliche Masse aus geschwärztem Müll. Die Scheiben der Fenster im ersten Stock waren durch die Hitze gesprungen. Metallrohre lagen frei, viele von ihnen verbogen durch das Gewicht der nach innen einstürzenden Mauern. Was an erkennbaren Gegenständen blieb, war auf abstrakte Umrisse reduziert worden. Farben oder sonstige Details waren nicht mehr zu erkennen.
Als er merkte, daß ich eine ganze Weile dort zu tun haben würde, entschuldigte sich Terry. Wood/Warren hörte an diesem Tag früher auf, weil es Heiligabend war. Er erklärte, wenn ich früh genug fertig würde, wäre ich eingeladen, etwas Punsch mit ihnen zu trinken und Weihnachtskekse zu essen. Ich hatte bereits mein Maßband herausgeholt, außerdem Notizbuch, Zeichenblock und Bleistifte und entwarf im Geiste eine Liste, in welcher Reihenfolge ich vorgehen wollte. Ich bedankte mich bei ihm und bemerkte kaum, daß er ging.
Ich umkreiste das Gebäude, entdeckte die Bereiche, wo es am stärksten gebrannt hatte, überprüfte die Fensterrahmen im ersten Stock auf Spuren eines gewaltsamen Eindringens. Ich war mir nicht sicher, wann die Aufräumungsmannschaft eintreffen würde, aber da es keine offensichtlichen Hinweise auf Brandstiftung gab, konnte ich mir nicht vorstellen, daß California Fidelity eine Verzögerung erwirken könnte. Montag morgen wollte ich Lance Woods finanzielle Lage überprüfen, nur um sicherzugehen, daß nicht Profitgier als Motiv hinter dem Brand selbst steckte... in diesem Fall war das eine reine Formsache, da der Einsatzleiter der Feuerwehr in seinem Bericht Brandstiftung bereits ausgeschlossen hatte. Da dies wahrscheinlich die einzige Gelegenheit war, die wir bekommen würden, um alles zu untersuchen, fotografierte ich alles und verschoß dabei zwei Filme mit jeweils vierundzwanzig Aufnahmen.
Soweit ich erkennen konnte, lag der Ursprung des Feuers irgendwo in der Nordwand, was im Flinklang mit der Theorie eines Kurzschlusses zu stehen schien. Ich würde das Diagramm der Leitung auf den Bauplänen einsehen müssen, aber ich vermutete, daß der Einsatzleiter genau das getan hatte und so zu seiner Analyse gekommen war. Die Oberfläche des verkohlten Holzes wies das typische Muster von Rissen auf, wobei die am stärksten verkohlte Stelle und der kleinste Riß im Muster sich in diesem hinteren Teil des Gebäudes befanden. Da heiße Luft aufstieg und Flammen normalerweise nach oben schlagen, ist es für gewöhnlich möglich, den Verlauf eines Brandes nachzuvollziehen. Die Flammen neigen dazu, nach oben zu züngeln, bis sie an ein Hindernis stoßen, und sich dann horizontal auszubreiten, auf der Suche nach anderen, vertikalen Ausgängen.
Ein Großteil der Inneneinrichtung war zu Asche geworden. Die tragenden Wände standen noch, schwarz und spröde wie Schlacke. Vorsichtig suchte ich mir einen Weg durch das verkohlte Zeug, fertigte eine detaillierte Zeichnung der Ruinen an, notierte den Grad der Verbrennung, das Aussehen im allgemeinen, wie stark die verbrannten Gegenstände jeweils verkohlt waren. Jede Oberfläche, der ich mich gegenübersah, war von der schwarzen und aschenen Fahlheit extremer Hitze überzogen. Der Geruch war mir vertraut: verbranntes Holz, Ruß, der Gestank durchweichten Isoliermaterials, und über allem hing der chemische Duft von ganz gewöhnlichen Stoffen, die auf ihre Grundelemente reduziert worden sind. Da war auch noch ein anderer Geruch, den ich zwar bemerkte, aber nicht identifizieren konnte. Wahrscheinlich hing er mit den Materialien zusammen, die hier gelagert worden waren. Als ich Lance Wood am Vortag angerufen hatte, hatte ich um eine Kopie der Inventarliste gebeten. Ich wollte sie noch einmal überprüfen. Vielleicht konnte ich die Quelle dieses Geruches herausfinden. Es gefiel mir zwar nicht sonderlich, daß ich die Brandstätte überprüfen mußte, ehe ich Gelegenheit hatte, mit ihm zu sprechen, aber mir schien keine Wahl zu bleiben, nachdem er jetzt verschwunden war. Vielleicht würde er zur Weihnachtsfeier im Büro wiederkommen, und ich könnte ihn dann auf ein Gespräch gleich Montag früh festnageln.
Um 14 Uhr klappte ich meinen Skizzenblock zu und bürstete meine Jeans ab. Meine Tennisschuhe waren fast weiß von der Asche, und ich vermutete, daß mein Gesicht schmutzig war. Trotzdem war ich recht zufrieden mit dem, was ich geschafft hatte. Wood/Warren würde die Schätzungen von verschiedenen Lieferanten beibringen müssen, und diese würden der California Fidelity zusammen mit meiner Empfehlung bezüglich der Zahlung der Versicherungssumme vorgelegt werden. Ich griff auf die Standardregel zurück und kam zu einer Schätzung von fünfhunderttausend Dollar Erstattungskosten und einer zusätzlichen Zahlung für den Verlust des Inventars.
Die Weihnachtsfeier war tatsächlich in vollem Gange. Sie fand in den inneren Büroräumen statt, wo eine Schüssel mit Punsch auf einem der Zeichentische aufgestellt worden war. Schreibtische waren leergeräumt worden, und jetzt bedeckten sie Platten mit kaltem Fleisch, Käse und Crackern, außerdem gab es Obstkuchen und Kekse. Die Gesellschaft beschäftigte sechzig Angestellte, so daß der Lärmpegel hoch war. Die gute Stimmung nahm in dem Maße an Lebhaftigkeit und Lockerheit zu, wie der Punsch abnahm. Eine Art Reggae-Version von Weihnachtsliedern dröhnte aus der Gegensprechanlage.
Von Lance Wood war noch immer nichts zu sehen, aber ich entdeckte Heather auf der anderen Seite des Zimmers. Ihre Wangen waren vom Punsch gerötet. Terry Kohler fing meinen Blick auf und bahnte sich einen Weg zu mir. Als er mich erreichte, beugte er sich zu meinem Ohr vor.
»Sie sollten sich lieber Ihre Handtasche holen, ehe das hier außer Kontrolle gerät«, meinte er. Ich nickte heftig und schob mich dann hinter ihm durch die Menge bis zum Empfangsbereich von Lances Büro. Die Tür stand offen. Sein Schreibtisch wurde als Bar benutzt. Likörflaschen, Eis und Plastikgläser standen auf der Schreibfläche, und mehrere Leute bedienten sich sowohl des Alkohols als auch der Bequemlichkeit der Möbel ihres Chefs. Meine Handtasche war in einen schmalen Spalt zwischen einem Aktenschrank und einem Bücherregal geschoben worden, das mit technischen Gebrauchsanweisungen vollgestopft war. Ich verstaute meine Kamera und meinen Skizzenblock und hängte mir die Tasche über die rechte Schulter. Terry bot an, mir von dem Punsch zu holen, und nach kurzem Zögern willigte ich ein. Warum auch nicht?
Mein erster Impuls war es, mich so bald wie möglich zu empfehlen. Ich fühle mich schon unter normalen Umständen in Gruppen nicht wohl, und in diesem Fall kannte ich keine Menschenseele. Was mich hier festhielt, war einzig und allein, daß ich nicht wußte, wohin ich sonst hätte gehen können. Das hier könnte der Höhepunkt meiner Weihnachtstage sein, und ich sagte mir, da könnte ich ebensogut meinen Spaß haben. Ich ließ mir etwas Punsch geben, holte mir ein paar Cracker und Käse, aß Kekse mit rosa und grünem Zucker darauf, lächelte freundlich und war überhaupt sehr nett zu allen in meiner Reichweite. Um 15 Uhr, als die Party richtig in Schwung war, entschuldigte ich mich und eilte aus der Tür. Ich hatte gerade die Straße erreicht, als ich jemand meinen Namen rufen hörte. Ich drehte mich um. Heather kam hinter mir her und streckte mir einen Umschlag mit dem Firmensignet von Wood/Warren entgegen.
»Ich bin froh, daß ich Sie noch erwischt habe«, sagte sie. »Ich glaube, Mr. Wood wünschte, daß Sie das hier bekommen, ehe Sie gehen. Er mußte unerwartet fort. Es lag in meinem Ausgangskorb.«
»Danke.« Ich öffnete die Klappe und betrachtete den Inhalt: Inventarverzeichnis. »Oh, prima«, sagte ich, erstaunt, daß er bei seinem überstürzten Aufbruch daran gedacht hatte. »Ich rufe Montag an und mache einen Termin für ein Gespräch mit ihm aus.«
»Tut mir leid mit heute«, bemerkte sie. »Fröhliche Weihnachten!« Sie winkte und ging dann zu den anderen zurück. Die Tür stand jetzt offen, Zigarettenrauch und Lärm drangen nach draußen. Ava Daugherty beobachtete uns. Ihr Blick ruhte neugierig auf dem Umschlag, den Heather mir gegeben hatte und den ich jetzt in meine Tasche schob. Dann kehrte ich zu meinem Wagen zurück und fuhr in die Stadt.
Als ich beim Büro hielt, mußte ich an den dunklen Fenstern der California Fidelity vorbei. Wie viele andere Unternehmen auch hatten sie am Heiligabend früher Schluß gemacht. Ich sperrte meine Tür auf, warf die Akte auf den Schreibtisch und sah nach, ob jemand eine Nachricht für mich hinterlassen hatte. Dann rief ich den Brandmeister an, um mir die Informationen bestätigen zu lassen, aber auch er war nicht mehr da. Ich hinterließ meine Nummer, und man sagte mir, daß er wahrscheinlich nicht vor Montag zurückrufen würde.
Um 16 Uhr war ich wieder in meiner Wohnung und hatte die Zugbrücke eingeholt. Und dort blieb ich das ganze Wochenende.
Den Weihnachtstag verbrachte ich allein, fühlte mich aber nicht unglücklich.
Der folgende Tag war ein Sonntag. Ich räumte meine Wohnung auf, kaufte ein, bereitete mir kannenweise heißen Tee zu und las.
Am Montag, Z7. Dezember, war ich wieder an der Arbeit, saß düsterer Stimmung an meinem Schreibtisch und versuchte, aus meinen Notizen von der Brandstätte einen zusammenhängenden Bericht zu machen.
Das Telefon läutete. Ich hoffte, daß es Mrs. Brunswick von der Bank war, die mich zurückrief, um zu erklären, daß der Wirrwarr mit den fünftausend Dollar aufgeklärt war. »Millhone Detektei«, meldete ich mich.
»Hallo, Kinsey. Hier ist Darcy, von nebenan. Ich wollte wissen, wann ich rüberkommen und die Akte holen kann.«
»Darcy, es ist doch erst Viertel nach zehn! Ich arbeite dran, okay?« Beachten Sie bitte: Ich habe das Wort mit »Sch« nicht benutzt, weil ich weiß, daß sie schnell beleidigt ist.
»Also, diesen Ton brauchst du auch nicht gleich anzuschlagen«, meinte sie. »Ich habe Mac schon gesagt, daß der Bericht noch nicht fertig sein würde, aber er sagte, er wolle sowieso erst einen Blick in die Akte werfen.«
»Ehe er was tut?«
»Ich weiß nicht, Kinsey. Woher soll ich das wissen? Ich habe angerufen, weil da eine Nachricht für mich auf dem Schreibtisch lag.«
»Warum hast du das nicht gleich gesagt? Dann komm und hol dir die verdammte Akte ab.«
Schlechte Laune und Vorahnungen sind keine gute Mischung. Aber solange Darcy mir im Nacken saß, würde ich meiner quälenden Unausgeglichenheit kaum Herr werden können. Meine erste Tat an diesem Morgen war das Ausfüllen eines Formulars für die Versicherungsbetrugsbekämpfung gewesen. Und zwar hatte ich um eine Überprüfung von Lance Wood per Computer gebeten. Vielleicht stieß ich irgendwo in seiner Vergangenheit auf einen weiteren Brandschaden, und das beschäftigte mich. Der Computerbericht würde mir erst in zehn Tagen vorliegen, aber wenigstens hatte ich alles Nötige veranlaßt. Ich stellte die Tabulatoren an meiner Maschine ein, tippte den Namen des Versicherten, Ort, Datum und Zeit des Schadensfalles.
Als Darcy erschien, um die Akte zu holen, sagte ich, ohne aufzublicken: »Ich habe auf dem Weg hierher den Film bei Speedee-Foto eingeworfen. Bis Mittag werden die die Abzüge für mich fertig haben. Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit Lance Wood oder dem Brandmeister zu sprechen.«
»Ich werde es Mac ausrichten«, erklärte sie kühl.
Na schön, dachte ich. Sie war sowieso nie eine Busenfreundin von mir gewesen.
Da es keine Spalte gab, in die man unspezifische Vermutungen eintragen konnte, hielt ich meinen Bericht vollkommen neutral. Als ich fertig war, drehte ich ihn aus der Maschine, unterschrieb, datierte und legte ihn beiseite. Mir blieb noch eine Stunde, bis ich die Fotos abholen konnte. Also zeichnete ich die Skizze des Lagerhauses ins reine und klemmte sie mit einer Heftklammer an dem Bericht fest.
Das Telefon klingelte. Diesmal war es Andy. »Könntest du für ein paar Minuten in Macs Büro kommen?«
Ich unterdrückte meine Wut, hielt es für das Beste, die Manager von California Fidelity nicht zu verärgern. »Natürlich, aber die Fotos habe ich erst in einer Stunde.«
»Das ist uns klar. Bring einfach mit, was du schon hast.«
Ich legte auf, suchte den Bericht und die Skizze zusammen, sperrte das Büro hinter mir ab und ging zur Nebentür. Was sollte dieses blöde »uns«, überlegte ich.
Kaum betrat ich Macs Büro, da wußte ich auch schon, daß etwas nicht in Ordnung war. Ich kenne Maclin Voorhies, seit ich vor fast zehn Jahren angefangen habe, für California Fidelity zu arbeiten. Er ist inzwischen über sechzig, mit einem schmalen, mürrischen Gesicht. Er hat spärliches, graues Haar, das um seinen Kopf steht wie eine Pusteblume, große Ohren mit langen Ohrläppchen, eine Knollennase und kleine, schwarze Augen unter buschigen weißen Brauen. Sein Körper scheint mißgebildet: lange Beine, kurzer Oberkörper, schmale Schultern, Arme, die für die durchschnittlichen Ärmel zu lang sind. Er ist schlau, tüchtig, sparsam mit Lob, humorlos und tiefgläubiger Katholik, was sich in einer fünfunddreißigjährigen Ehe und acht erwachsenen Kindern äußert. Ich habe ihn nie eine Zigarre rauchen sehen, aber fast immer kaut er auf einem Stummel herum, und der Tabak hat auf seinen Zähnen Flecken hinterlassen, so daß sie aussehen wie alte Kloschüsseln.
Ich achtete weniger auf seinen Ausdruck, der nicht düsterer war als sonst auch, als vielmehr auf den von Andy, der gleich links von ihm stand. Schon unter guten Umständen verstehen Andy und ich uns nicht sonderlich gut. Er ist zweiundvierzig, ein Speichellecker, der immer versucht, Situationen so hinzubiegen, daß er gut dasteht. Er hat ein Mondgesicht, und sein Kragen sieht aus, als wäre er zu eng, und auch alles andere an ihm ärgert mich. Manche Menschen wirken eben so auf mich. In diesem Augenblick schien er gleichzeitig unruhig und verschlagen und gab sich große Mühe, meinem Blick auszuweichen.
Mac blätterte die Akte durch. Ungeduldig sah er Andy an. »Hast du nichts zu tun?«
»Was? O ja, sicher doch. Ich dachte, Sie wollten, daß ich bei dieser Besprechung anwesend bin.«
»Ich kümmere mich schon darum. Ich bin sicher, daß du ohnehin schon überlastet bist.«
Andy murmelte etwas, so daß es aussah, als wäre sein Abgang seine eigene, prachtvolle Idee gewesen. Mac schüttelte den Kopf und seufzte leise, als sich die Tür schloß. Ich sah zu, wie er den Zigarrenstummel von einem Mundwinkel in den anderen schob. Überrascht blickte er auf, als bemerke er jetzt erst, daß ich dastand. »Bringen Sie mich auf den neuesten Stand?«
Ich erzählte ihm, was bislang geschehen war, erwähnte aber nichts davon, daß die Akte drei Tage lang auf Darcys Schreibtisch gelegen hatte, ehe ich sie erhielt. Es war zwar nicht unbedingt nötig, daß ich sie in Schutz nahm. Aber in meinem Job ist es besser, die Helfer nicht schlechtzumachen. Ich erzählte ihm also, daß ich zwei Filme zum Entwickeln gebracht hatte, daß noch keine Schätzungen vorgenommen worden waren, aber daß es, soweit ich es beurteilen konnte, nach einem Routinefall aussah. Ich überlegte, ob ich ihm von meinem unguten Gefühl erzählen sollte, verwarf die Idee aber, noch während ich sprach. Ich war mir selbst noch nicht klar darüber, was mich beunruhigte, und hielt es für klüger, mich an die Tatsachen zu halten.
Mac runzelte die Stirn, nachdem ich ungefähr dreißig Sekunden lang erzählt hatte, aber was mich beunruhigte, war sein Schweigen, nachdem ich geendet hatte. Mac ist ein Mann, der für gewöhnlich Fragen abfeuert. Er sitzt nur selten da und starrt vor sich hin, wie es jetzt der Fall war.
»Wollen Sie mir nicht sagen, was das zu bedeuten hat?« forderte ich ihn auf.
»Haben Sie die Nachricht gesehen, die vorn an der Akte befestigt war?«
»Welche Nachricht? Da war keine«, widersprach ich.
Er hielt mir ein California-Fidelity-Memo-Formular hin, vielleicht sieben mal zwölf Zentimeter groß und mit Jewels schnörkeliger Schrift bedeckt. »Kinsey... der Fall stinkt nach Betrug. Tut mir leid, daß ich keine Zeit hab’, um Dir alles zu erklären. Aber der Bericht vom Brandmeister ist eigentlich klar. Er sagt, Du kannst ihn anrufen, wenn Du Hilfe brauchst. J.«
»Das hing nicht an der Akte, als ich sie bekommen hab’.«
»Und was ist mit dem Bericht der Feuerwehr? War der auch nicht drin?«
»Doch, natürlich. Das war das erste, was ich gelesen hab’.«
Macs Ausdruck war ernst und bekümmert. Er reichte mir die Akte, die beim Bericht der Feuerwehr aufgeschlagen war. Ich starrte auf das vertraute Formular. Die einleitende Information entsprach genau der, die ich im Kopf hatte. Aber den ausführlichen Bericht hatte ich nie zuvor gesehen. Der Brandmeister, John Dudley, hatte seine Untersuchung mit der nüchternen Bemerkung zusammengefaßt, daß er Brandstiftung vermutete. Der Zeitungsausschnitt, der jetzt der Akte beilag, kam zum selben Schluß.
Ich konnte spüren, wie mein Gesicht heiß wurde, wie sich dann eisige Furcht ausbreitete. Ich sagte: »Das ist nicht der Bericht, den ich gesehen habe.« Meine Stimme hatte eine Tonlage angenommen, die ich kaum erkannte. Mac streckte die Hand aus, und ich gab ihm die Akte zurück.
»Ich bin heute morgen angerufen worden«, erzählte er. »Jemand behauptet, Sie wären gekauft worden.«
Ich starrte ihn an. »Was?«
»Haben Sie dazu was zu sagen?«
»Das ist absurd. Wer hat angerufen?«
»Das soll uns im Augenblick nicht beunruhigen.«
»Mac, hören Sie. Jemand beschuldigt mich eines kriminellen Vergehens, und ich will wissen, wer das ist.«
Er sagte nichts, aber sein Gesicht verschloß sich, zeigte wieder den für ihn charakteristischen sturen Ausdruck.
»Also schön, lassen wir das«, sagte ich. Ich hielt es für besser, erst einmal die ganze Geschichte in Erfahrung zu bringen, ehe ich mir Gedanken über die Beteiligten machte. »Was hat dieser unbekannte Anrufer also gesagt?«
Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, musterte die kalte Asche am Ende seiner Zigarre. »Jemand hat gesehen, wie Sie einen Umschlag von Lance Woods Sekretärin in Empfang genommen haben«, erzählte er.
»Quatsch. Wann?«
»Letzten Freitag.«
Vor meinem geistigen Auge tauchte Heather auf, die mich zurückrief, als ich die Fabrik verließ. »Das war die Inventarliste. Ich hatte Lance Wood gebeten, sie für mich bereitzuhalten, und er hat sie in seinen Ausgangskorb gelegt.«
»Welche Inventarliste?«
»Die ist da in der Akte.«
Er schüttelte den Kopf, blätterte alles durch. Von der Stelle aus, an der ich stand, konnte ich sehen, daß nur zwei oder drei lose Blätter auf einer Seite festgeklemmt waren. Da war nichts, was auch nur im entferntesten der Inventarliste ähnelte, die ich beigelegt hatte. Er schaute zu mir auf. »Was ist mit dem Interview mit Wood?«
»Das habe ich noch nicht gemacht. Ein Notfall kam dazwischen, und er ist verschwunden. Ich sollte mich heute mit ihm treffen.«
»Um welche Zeit?«
»Äh, ich weiß nicht. Ich hab’ noch nicht angerufen. Ich habe versucht, erst den Bericht zu tippen.« Es schien mir nicht möglich, den rechtfertigenden Ton aus meiner Stimme zu vertreiben.
»Ist das der Umschlag?« Mac hielt den vertrauten Umschlag mit dem Wood/Warren-Logo in der Hand. Bloß war jetzt eine Nachricht auf die Vorderseite gekritzelt. »Ich hoffe, das reicht vorläufig. Der Rest folgt, wie abgemacht.«
»Verdammt, Mac. Das kann nicht Ihr Ernst sein! Wenn ich mich bestechen lassen würde, warum sollte ich dann den Umschlag in der Akte lassen?«
Keine Antwort. Ich versuchte es noch einmal. »Glauben Sie wirklich, daß Lance Wood mich bestochen hat?«
»Ich glaube überhaupt nichts, ich denke nur, wir sollten die Sache genau überprüfen. Sowohl Ihret- als auch unseretwegen...«
»Wenn ich Geld genommen hätte, wohin ist das dann verschwunden?«
»Ich weiß es nicht, Kinsey. Sagen Sie es mir. Wenn es Bargeld war, dürfte es nicht schwierig gewesen sein, es zu verstecken.«
»Ich müßte ja verrückt sein! Ich wäre ein Idiot, und er auch! Wenn er mich bestechen will, glauben Sie wirklich, er wäre so dämlich, das Geld in einen Umschlag zu stecken und eine Notiz draufzuschreiben, die genau das erklärt? Mac, das ist doch eindeutig eine abgekartete Sache!«
»Warum sollte irgend jemand das tun?« Sein Verhalten war in diesem Augenblick nicht anklagend. Er schien ehrlich erstaunt über diese Idee. »Wer würde sich so viel Mühe machen?«
»Woher soll ich das wissen? Vielleicht bin ich bloß in die Falle getappt. Vielleicht ist Lance Wood das eigentliche Ziel. Sie wissen, daß ich so etwas niemals machen würde. Ich bringe Ihnen meine Kontoauszüge. Sie können alles überprüfen. Sie können auch unter meiner Matratze suchen...« Verwirrt brach ich ab.
Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten, aber ich hörte nicht mehr, was er sagte. Ich spürte, wie die Falle um mich zuschnappte, und etwas wurde plötzlich verständlich. Mit der Morgenpost hatte ich eine Nachricht bekommen, daß meinem Konto fünftausend Dollar gutgeschrieben worden waren. Ich glaube, in diesem Augenblick wußte ich, was das zu bedeuten hatte.