12
Der Rückflug verlief ereignislos. Ich hatte anderthalb Stunden mit Lyda verbracht, den Rest der Nacht dann im Flughafen mit dem roten Teppich, der hohen Glasdecke, den echten Bäumen und einem richtigen Vogel, der hin und her flog und unaufhörlich zwitscherte. Es war fast wie beim Camping, nur saß ich aufrecht und hatte keine Würstchen zum Rösten. Ich machte mir Notizen über mein Gespräch mit Lyda, die ich daheim für die Akten übertragen wollte. Ich neigte zu der Ansicht, Hugh Case sei ermordet worden, wenngleich ich nicht wußte wie, warum oder von wem. Ich neigte ebenfalls dazu zu glauben, sein Tod hätte mit den derzeitigen Vorkommnissen bei Wood/Warren zu tun, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wo die Verbindung liegen könnte. Lyda hatte versprochen, sich mit mir in Verbindung zu setzen, wenn ihr irgend etwas Wichtiges einfallen sollte. Alles in allem war es kein unproduktiver Ausflug gewesen. Er hatte zwar mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, aber das war mir recht. Solange es Fäden zu entwirren gibt, bin ich im Geschäft. Der Frust setzt erst ein, wenn alle Spuren austrocknen und die Straßen sich als Sackgassen erweisen. Mit Hugh Case hatte ich das Gefühl, gerade eines der Eckstücke in diesem Puzzle entdeckt zu haben. Ich hatte keine Ahnung, wie das fertige Bild aussehen würde, aber wenigstens hatte ich einen Anfang.
Ich bestieg das Flugzeug um 4.30 Uhr morgens, kam um 5.45 Uhr in Los Angeles an. Dort mußte ich bis 7 Uhr auf eine Maschine nach Santa Teresa warten, und als ich mich schließlich heimschleppte, war ich zu Tode erschöpft. Ich schloß meine Wohnungstür auf, warf einen Blick auf den Anrufbeantworter (keine Nachrichten), zog die Stiefel aus und rollte mich, vollkommen bekleidet, auf dem Bett zusammen.
Ungefähr um 9.02 Uhr klopfte es an meine Tür. Ich wachte auf und schlurfte zur Tür, schleifte dabei meine Bettdecke wie eine Brautschleppe hinter mir her. Ich hatte einen schlechten Geschmack im Mund, und mein Haar stand senkrecht vom Kopf hoch wie bei einem Punker, nur nicht so sauber. Ich spähte durch den Spion, zu schlau, um mich schon am frühen Morgen von einem Halsabschneider überraschen zu lassen. Auf der Schwelle stand mein zweiter Exmann. Daniel Wade.
»Scheiße«, murmelte ich. Ich lehnte kurz den Kopf an die Tür und sah dann noch mal hinaus. Alles, was ich leicht verzerrt erblicken konnte, war sein Gesicht im Profil, biondes Haar, das sich wie ein Heiligenschein um seinen Kopf lockte. Daniel Wade ist wahrscheinlich der schönste Mann, den ich jemals gesehen habe — ein schlechtes Zeichen. Schöne Männer sind für gewöhnlich entweder schwul oder unglaublich narzißtisch. (Tut mir leid, diese Verallgemeinerung, Leute, aber das ist die Wahrheit.) Ich mag ein gutes Gesicht oder ein interessantes Gesicht oder ein Gesicht mit Charakter, aber nicht diese gemeißelte Vollkommenheit... die gerade, gutproportionierte Nase, die hohen Wangenknochen, die kräftigen Kiefer, das feste Kinn. Sein Haar war sonnengebleicht, die Augen von einem bemerkenswerten Blau, das von den dunklen Wimpern noch betont wurde. Seine Zähne waren gerade und sehr weiß, sein Lächeln ein wenig schief. Könnt ihr ihn euch vorstellen, Leute?
Ich öffnete die Tür. »Ja?«
»Hi.«
»Hallo.« Ich musterte ihn unhöflich, hoffte, er würde verschwinden. Er ist groß und schlank und kann alles essen, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen. Da stand er nun in ausgeblichenen Jeans und einem dunkelroten Sweatshirt, dessen Ärmel er hochgeschoben hatte. Seine Haut hatte einen goldenen Schimmer, sonnengebräunt, und seine Wangen glühten dunkel. Noch so ein langweiliger kalifornischer Goldjunge. Das Haar auf seinen Armen war fast weiß geblichen. Die Hände hatte er in die Hosentaschen geschoben, was auch ganz gut war so. Er ist Jazz-Pianist mir langen, knochigen Fingern. Ich hatte mich damals zuerst in seine Finger verliebt und dann in den Rest.
»Ich war in Florida.« Auch noch ’ne gute Stimme... nur für den Fall, daß seine restlichen Vorzüge versagen sollten. Tief und rauh. Er singt wie ein Engel, spielt sechs Instrumente.
»Was hat dich denn zurückgebracht?«
»Ich weiß nicht. Hatte wohl Heimweh, schätze ich. ’n Freund von mir fuhr in diese Richtung, da hab’ ich mich angehängt. Hab’ ich dich geweckt?«
»Nein, ich lauf oft so rum.«
Jetzt ein leichtes Lächeln, perfektes Timing. Er schien ein wenig zu zögern, was gar nicht charakteristisch für ihn war. Er musterte mich, suchte (möglicherweise) nach einem Hinweis auf das Mädchen, das ich früher einmal war.
»Mir gefällt dein Haarschnitt«, bemerkte er.
»Ja, ist toll. Ich mag deinen auch.«
»Schätze, ich hab’ dich in ’nem schlechten Augenblick erwischt. Tut mir leid.«
»Ach, Daniel, könnten wir das vielleicht sein lassen? Ich hab’ nur eine Stunde geschlafen und fühle mich beschissen.«
Es war klar, daß er sich die ganze Unterhaltung vorher zurechtgelegt hatte, aber in seiner Vorstellung war meine Antwort zärtlich gewesen und nicht einfach grob und unhöflich. »Ich wollte, daß du weißt, daß ich clean bin«, sagte er. »Seit einem Jahr. Keine Drogen. Kein Alkohol. Es war nicht leicht, aber ich hab’s wirklich geschafft.«
»Super. Das freut mich. Aber es wurde ja wohl auch Zeit.«
»Könntest du den Sarkasmus vielleicht lassen?«
»So rede ich immer, seit du weg bist. Die Männer mögen das, ehrlich.«
Er wippte leicht auf den Fersen und warf einen Blick über den Hof. »Schätze, bei dir kriegt niemand eine zweite Chance.«
Ich machte mir nicht die Mühe, darauf zu antworten.
Er versuchte es auf eine andere Art. »Hör mal. Ich hab’ ’ne Therapeutin namens Elise; Sie war es, die vorgeschlagen hat, ich sollte alles in meinem Leben in Ordnung bringen, was noch aus der Vergangenheit offen ist. Sie dachte, für dich wäre es vielleicht auch gut.«
»Is ja toll. Gib mir ihre Adresse, dann bedank’ ich mich bei ihr.«
»Darf ich reinkommen?«
»Himmel noch mal, Daniel, natürlich nicht! Hast du denn immer noch nicht begriffen? Ich hab’ dich seit acht Jahren nicht gesehen, und jetzt zeigt sich, daß das noch nicht lange genug war.«
»Wie kannst du nach all der Zeit noch so feindselig sein? Ich bringe dir keine schlechten Gefühle entgegen.«
»Warum solltest du auch? Ich hab’ dir schließlich nichts getan!«
Er sah mich traurig und verletzt an, und seine Verwirrung schien ehrlich zu sein. Es gibt Menschen, die legen dich rein und verstehen dann überhaupt nicht, wie tief dein Schmerz geht. Er verlagerte sein Gewicht. Scheinbar lief das alles nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er streckte die Hand aus, um einen Holzsplitter aus dem Türrahmen über meinem Kopf zu ziehen. »Ich hätte nicht gedacht, daß du so verbittert bist. Das sieht dir gar nicht ähnlich, Kinsey. Wir hatten ein paar wirklich schöne Jahre.«
»Jahr. Einzahl. Elf Monate und sechs Tage, um genau zu sein. Vielleicht solltest du deine Hand dort wegnehmen, ehe ich die Tür zuschlage.«
Er nahm die Hand fort.
Ich schlug die Tür zu und ging zurück ins Bett.
Nach ein paar Minuten hörte ich das Tor quietschen.
Ich warf mich eine Weile hin und her, aber es war klar, daß ich nicht wieder einschlafen würde. Ich stand auf, putzte mir die Zähne, duschte, wusch mir die Haare und rasierte die Beine. Ich habe mir oft vorgestellt, daß er wieder auftauchen würde. Ich habe mir lange Monologe ausgedacht, in denen ich meiner Wut und meinem Schmerz freien Lauf ließ. Jetzt wünschte ich, er würde wiederkommen, damit ich es besser machen könnte. Zurückgewiesen werden ist schwer. Man bleibt mit einer emotionalen Last zurück, die man auf jeden anderen ablädt. Es geht nicht nur um den Verrat, sondern auch um den Menschen, zu dem man wird... und der für gewöhnlich nicht sehr nett ist. Jo-nah hatte es überstanden. Er schien zu begreifen, daß es nichts mit ihm zu tun hatte. Er war selbst so grob, daß einbißchen Unhöflichkeit ihm nichts ausmachte. Was mich angeht, so hatte ich wirklich gedacht, ich hätte mit der Vergangenheit abgeschlossen, bis ich ihm plötzlich wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.
Ich rief Olive Kohler an und verabredete mich mit ihr für einen späteren Zeitpunkt an diesem Tag. Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch und tippte meine Notizen ab. Gegen Mittag beschloß ich, ein paar Sachen zu erledigen. Daniel saß in einem Wagen, der direkt hinter meinem parkte. Er war auf dem Beifahrersitz zusammengesunken, hatte die Stiefelabsätze auf das Armaturenbrett gestützt und sich einen Cowboyhut über das Gesicht gezogen. Bei dem Wagen handelte es sich um einen zehn Jahre alte Pinto, dunkelblau, verbeult und verrostet und ohne Radkappen. Die Schaffellsitzbezüge sahen aus wie ein verfilzter Köter. Ein Sticker auf der Stoßstange verriet mir, daß der Wagen von Rent-A-Ruin stammte.
Daniel mußte das Tor quietschen gehört haben, als ich herauskam. Er drehte den Kopf und schob müde den Hut zurück. »Fühlst du dich jetzt besser?«
Ich schloß meinen Wagen auf, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr los. Für den Rest des Tages mied ich meine Wohnung. Ich kann mich jetzt nicht mal mehr an die Hälfte dessen erinnern, was ich tat. Größtenteils hab’ ich meine Zeit verschwendet und die Tatsache bedauert, daß ich nicht nur kein Büro mehr hatte, sondern auch aus meiner eigenen Wohnung verbannt war.
Mit Hilfe einer Straßenkarte fand ich um 17 Uhr das Haus der Kohlers in einer abgelegenen kleinen Gasse, draußen in Montebello. Das Anwesen verbarg sich hinter einer drei Meter hohen Hecke, die Zufahrt war von einem elektronisch kontrollierten schmiedeeisernen Tor versperrt. Ich parkte auf der Straße und trat durch eine hölzerne Pforte ein, die in die Hecke eingebettet war. Das Haus war einstöckig, im englischen Tudorstil erbaut, mit einem steilen Ziegeldach und sehr hübschen Fachwerkgiebeln an der Vorderseite. Das Grundstück war groß, es gab Platanen und Eukalyptusbäume, die so glatt und grau waren wie Beton. Überall schien dunkelgrünes Efeu zu wachsen. Ich sah seinen Gärtner, der die Büsche zu Tierfiguren zurechtstutzte. Der hatte wohl die Walt-Disney-Schule für Landschaftsgestaltung besucht.
Die Zeitung lag auf der Fußmatte vor der Tür. Ich hob sie auf und drückte dann auf die Klingel. Es kam kein Mädchen, sondern Olive öffnete selbst. Sie trug einen Hausmantel aus grauem Satin und flache Satinpantoffeln, wie man sie aus Filmen mit Joan Crawford kennt. Es sieht immer so aus, als müßte es toll sein, so was zu tragen. Einen Moment lang sah ich mich, wie ich in Pantoffeln in meiner Wohnung herumlief. Zigarettenspitze. Dauergewelltes Haar. Ich könnte meine Augenbrauen zu schmalen Strichen zurechtzupfen.
»Hallo, Kinsey. Komm rein. Terry ist schon unterwegs. Ich hatte ganz vergessen, daß wir um sechs zu einer Cocktailparty eingeladen sind.« Sie trat von der Tür zurück, und ich folgte ihr ins Haus.
»Wir können das auf einen anderen Tag verschieben«, schlug ich vor und reichte ihr die Zeitung.
»Danke. Nein, nein. Das ist schon gut so. Wir haben sowieso noch eine Stunde Zeit, und die Leute wohnen nicht weit von hier. Ich muß mich fertig anziehen, aber wir können hier miteinander reden.« Mit einem kurzen Blick streifte sie die Zeitung und warf sie dann auf einen Tisch in der Halle, neben einen Stapel Post.
Sie klapperte den langen, mit dunklen Steinen gefliesten Korridor entlang zum großen Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses. Olive war schlank und blond, das schulterlange Haar fiel ihr voll in den Nacken. Ich fragte mich manchmal, ob Ash die einzige Schwester war, deren Haar seine natürliche Farbe behalten hatte. Olives Augen waren heilblau, ihre Wimpern schwarz, ihre Haut golden. Sie war dreiunddreißig oder so, nicht so spröde wie Ebony, aber auch ohne Ashs Herzlichkeit. Über die Schulter redete sie mit mir.
»Ich hab’ dich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Was treibst du denn so?«
»Hab’ meine eigene Agentur gegründet.«
»Verheiratet? Kinder?«
»Nein. Beides nicht. Habt ihr Kinder?«
Sie lachte. »Um Gottes willen.«
Das Schlafzimmer, das wir betraten, war geräumig. Balkendecke, großer Kamin, französische Türen, die auf einen ummauerten Innenhof hinausgingen. Ich konnte ein rundes Zwei-Personen-Warmwasserbecken sehen, von Farnkraut umgeben. Eine weiße Perserkatze hatte sich auf einem Liegestuhl zusammengerollt, das Gesicht in die buschige Schwanzspitze vergraben.
Der Schlafzimmerboden aus poliertem Teak war mit langflorigen Läufern aus weißer Wolle belegt, die wahrscheinlich von Yaks stammte. Die gesamte Wand hinter dem Bett war verspiegelt, und ich schaltete blitzschnell ein Bild von Terry Kohlers sexuellen Künsten ein. Was starrte Olive an, fragte ich mich, während er sich selbst beobachtete? Ich schaute zur Decke hinauf, um zu sehen, ob da oben vielleicht eine Karikatur angebracht war wie im Untersuchungsraum meines Gynäkologen: »Lächeln Sie. Dann hat Ihr Gesicht was zu tun!« Nicht besonders witzig.
Ich lümmelte mich in einen Sessel und sah zu, wie Olive in einen begehbaren Schrank von der Größe einer Garage für zwei Wagen trat. Schnell durchsuchte sie einen Ständer mit Abendkleidern, verwarf bodenlange Organzagewänder, perlenbesetzte Jacken mit langen, passenden Röcken. Ich konnte eine Sammlung von Schuhen sehen, die in durchsichtigen Plastikkästen auf einem Regal über ihrem Kopf standen, und an einem Ende der Stange entdeckte ich Pelzmäntel in verschiedenen Längen und Formen. Sie wählte ein knielanges Cocktailkleid mit Spaghettiträgern und kehrte ins Schlafzimmer zurück, wo sie ihr Spiegelbild musterte. Das Kleid war avocadogrün und verlieh ihrer Flaut ungesund wirkende Untertöne.
»Was meinst du?« fragte sie, die Augen noch immer unverwandt auf ihr Spiegelbild geheftet.
»Läßt dich grün aussehen.«
Sie starrte sich an, kniff kritisch die Augen zusammen. »Du hast recht. Hier. Nimm du’s. Mir hat es sowieso nie gefallen.« Sie warf das Kleid aufs Bett.
»Ich trage solche Kleider nicht«, bemerkte ich.
»Nimm’s trotzdem. Wir geben eine Silvesterparty, und da kannst du es tragen.« Sie zog ein schwarzes Taftkleid heraus, das vorn ganz gerade geschnitten war. Sie stieg hinein, schloß den Reißverschluß auf der Rückseite, und plötzlich saß alles genau am richtigen Platz. Sie war so schlank, daß ich nicht begriff, wie diese kugelähnlichen Brüste ihr gehören konnten. Sie sah aus, als hätte ihr ein Chirurg Softbälle implantiert. Wenn man eine solche Frau umarmte, hinterließ sie bestimmt Dellen.
Sie setzte sich auf die Bank vor der Frisierkommode und zog eine schwarze Strumpfhose an, ehe sie die Füße in zehn Zentimeter hohe schwarze Pumps schob. Sie sah toll aus, bestand nur aus Kurven und makelloser Haut, und das hellblonde Haar streifte ihre nackten Schultern. Sie wühlte in ihrem Schmuckkästchen und entschied sich für Diamantclips in der Form von zarten Silberzweigen, an denen funkelnde Früchte hingen.
Dann kehrte sie zum Schrank zurück und kam in einem weichen, weißen Pelz heraus, der dieselbe Länge hatte wie das Kleid. Als sie den Mantel um sich zusammenzog, konnte ich sie nur anstarren.
Sie lächelte ein wenig, als sie meinen Blick auffing. »Ich weiß, was du denkst, Süße, aber die waren schon tot, als ich zur Pelzhandlung kam. Ob ich den Mantel gekauft habe oder nicht, hat sich nicht auf ihr Schicksal ausgewirkt.«
»Wenn Frauen sie nicht tragen würden, würden sie überhaupt nicht erst umgebracht werden«, erklärte ich.
»Ach, Quatsch. Mach dir doch nicht selbst was vor. In der Wildnis werden diese Tiere jeden Tag in Fetzen gerissen. Warum soll man ihre Schönheit nicht erhalten wie ein Kunstwerk? Diese Welt ist grausam; da mache ich mir und anderen nichts vor. Und widersprich mir nicht«, sagte sie entschieden. Sie deutete mit dem Finger auf mich. »Du bist hergekommen, um zu reden. Also rede.« Sie streifte den Mantel wieder ab und warf ihn aufs Bett. Dann setzte sie sich auf die Bank und schlug die Beine übereinander. Sie schob einen hohen Absatz herunter und ließ den Schuh gegen die Sohle ihres Fußes flappen.
»Wieviel weißt du über die Situation bei Wood/Warren?« fragte ich.
Sie machte eine ungeduldige Handbewegung. »Geschäfte sind langweilig. Diesen Teil der Zeitung nehme ich immer dazu, die Katzentoilette auszuschlagen.«
»Dann hast du auch kein Interesse an dem Familienzwist?«
»Familienzwist? Du meinst mit Lance? Ich habe nichts investiert. Er und Ebony sind unterschiedlicher Meinung. Sie möchte, daß ich für sie stimme. So, wie sie es mir erklärt hat, wäre es zu meinem Vorteil. Lance wird natürlich einen Anfall bekommen, aber wen kümmert das schon? Er hat seine Chance gehabt.«
»Dann bist du auf ihrer Seite?«
»Wer weiß? Wahrscheinlich. Sie ist schlauer als er, und es wird Zeit für frischen Wind. Er ist ohnehin unfähig, Süße. Mein Bruder ist im Grunde seines Herzens ein Verkäufer. Er kann seinen Charme andrehen, wenn es ihm paßt. Er ist enthusiastisch, wenn es um irgend etwas geht, was ihn interessiert, aber das ist nicht viel. Er hat kein Gespür für Zahlen. Absolut nicht. Er haßt es, in einem Büro zu sitzen, und Routine kann er nicht ausstehen. Er ist gut, wenn es darum geht, Geschäfte anzukurbeln, aber er ist ausgesprochen schlecht darin, sie dann auch durchzuziehen. Ende.«
»Hast du das selbst beobachtet? Oder behauptet Ebony das?«
»Ich höre jeden Tag, was in der Firma passiert. Terry ist ein Workaholic und spricht fast nur vom Geschäft.«
»Wie kommen er und Lance miteinander aus?«
»Die schlagen sich ständig die Köpfe ein. Terry ist besessen. Es macht ihn wahnsinnig, wenn Leute was versauen. Entschuldige diesen hochwissenschaftlichen Ausdruck. Lance hat kein Urteilsvermögen. Das wissen alle. Wenn du noch Zweifel daran haben solltest, dann schau dir nur mal die Frau an, die er geheiratet hat.«
»Wie steht es mit dem Rest der Familie? Kann der ihn nicht überstimmen?«
»Nee. Wir besitzen zusammen nur neunundvierzig Prozent der Aktien. Ebony will Druck auf ihn ausüben, aber sie kann ihn nicht aus der Firma jagen.«
»Ich nehme an, Bass mischt sich von New York aus nicht ein.«
»Er taucht gelegentlich bei Vorstandssitzungen auf. Es macht ihm Spaß, den großen Mogul zu spielen, aber er ist harmlos. Er und Lance halten für gewöhnlich zusammen.«
»Auf wessen Seite steht Ashley?«
»Keine Ahnung. Aber offensichtlich hofft Ebony, daß sie uns alle auf ihre Seite ziehen kann.«
»Wie fühlt sich eure Mutter bei all dem? Das kann ihr doch nicht gerade gefallen.«
»Sie haßt es. Sie möchte, daß Lance die Kontrolle bekommt. Nicht, weil sie ihn für gut hält, sondern weil sie glaubt, daß es dann weniger Ärger gibt.«
»Glaubst du, daß er ehrlich ist?«
»Lance? Machst du Witze? Unmöglich.«
»Wie kommt ihr beiden aus?«
»Ich kann ihn nicht ausstehen. Er ist ein sehr verschlossener Mensch und soooo paranoid. Ich hasse es, in seiner Nähe zu sein. Er geht mir auf die Nerven. Er ist mein Bruder, und ich liebe ihn, versteh mich da nicht falsch. Ich mag ihn nur nicht sonderlich.« Sie zog die Nase kraus. »Er riecht immer nach Knoblauch und Schweiß und diesem schrecklichen Brut-Cologne. Ich weiß nicht, warum Männer das benutzen. Es ist so abstoßend.«
»Hast du irgendwelchen Klatsch über den Brand im Lager gehört?«
»Nur, was Terry mir erzählt hat. Du weißt sicher, daß Lance vor zwei Jahren Geld geliehen und die Firma als Sicherheit eingesetzt hat. Jetzt droht er alles zu verlieren. Er könnte eine halbe Million Dollar gut brauchen.«
»Tatsächlich. Das höre ich zum erstenmal.«
Sie zuckte nur mit den Schultern. »Er ging ins Druckgewerbe, was an sich schon dumm genug ist. Ich habe gehört, Druckereien und Restaurants sind die besten Möglichkeiten, um schnell pleite zu gehen. Er kann von Glück sagen, daß das Lager abgebrannt ist.« Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und das Kinn auf eine Faust. »Wenn du Antworten suchst, ich hab’ keine mehr. Mir ist Lance egal. Mir ist auch Wood/Warren egal, wenn du die Wahrheit wissen willst. Manchmal amüsieren mich die ganzen Geschichten da wie eine Seifenoper, wie Denver Clan, aber eigentlich ist es immer todlangweilig.«
»Was ist dir denn dann nicht egal?«
»Tennis. Reisen. Kleider. Golf. Was gibt es sonst noch?«
»Hört sich an wie ein lustiges Leben.«
»Ist es auch. Ich habe Gäste. Ich engagiere mich bei Wohlfahrtsorganisationen, wenn ich Zeit habe. Es gibt Leute, die halten mich für eine verzogene, faule Ziege, aber ich habe, was ich haben will. Das ist mehr, als die meisten Leute von sich behaupten können. Die Habenichtse sind es, die immer an irgendeinem ihre Wut auslassen müssen. Ich bin ein zahmes Kätzchen.«
»Du kannst von Glück sagen.«
»Sagen wir mal, es gibt keinen Freifahrtschein. Ich zahle auch einen Preis, das kannst du mir glauben.«
Ich konnte sehen, wie anstrengend das sein mußte.
Wir hörten jemanden am Eingang, dann Schritte in der Halle. Als Terry Kohler die Schlafzimmertür erreichte, war er bereits damit beschäftigt, Mantel und Krawatte abzulegen.
»Hallo, Kinsey. Olive hat schon erzählt, daß du kurz vorbeikommen würdest. Ich springe schnell unter die Dusche, und danach können wir uns unterhalten.« Er sah zu Olive hinüber. »Kannst du uns einen Drink holen?« fragte er. Sein Ton ließ keine Widerrede zu.
Es war nicht gerade so, daß sie sich auf die Hinterbeine stellte und ihn anfauchte, aber sie schien kurz davor zu sein. Vielleicht war ihr Job doch härter, als ich dachte. Ich würde das für niemanden tun.