9
Links von uns befand sich ein Alkoven, der als kleines Wohnzimmer eingerichtet war, mit zwei leichten Sesseln und einem Tisch. »Setz dich«, forderte sie mich auf.
»Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst, und wir bringen es hinter uns?«
Sie zuckte die Achseln und durchquerte das Zimmer. Sie bückte sich und zupfte eine Zigarette aus der Kristallschale auf dem Tisch. Dann setzte sie sich in einen der Polstersessel. Sie zündete die Zigarette an. Sie blies den Rauch aus. Jede Geste war von der vorangehenden getrennt, kam ganz bewußt, zielte darauf ab, ihr die größtmögliche Aufmerksamkeit einzubringen.
Ich ging zur Tür und öffnete sie. »Danke für den Ausflug nach oben. War toll«, sagte ich und machte Anstalten, hinauszugehen.
»Kinsey, warte. Bitte.«
Ich blieb stehen, drehte mich zu ihr um.
»Tut mir leid. Ich entschuldige mich. Ich weiß, ich bin unhöflich.«
»Es ist mir egal, ob du unhöflich bist, Ebony. Mach nur mal ’n bißchen schneller.«
Ihr Lächeln war eisig. »Würdest du dich bitte setzen.«
Ich setzte mich.
»Möchtest du einen Martini?« Sie legte die brennende Zigarette in den Aschenbecher und öffnete einen kleinen Kühlschrank, der unten in den Tisch eingebaut war. Sie zog frostbeschlagene Gläser hervor, ein Glas mit eingelegten Oliven und eine Flasche Gin. Von Vermouth war weit und breit nichts zu sehen. Ihre Nägel waren so lang, daß sie einfach falsch sein mußten, aber sie erlaubten es ihr, Oliven aus dem Glas zu fischen, ohne sich die Finger naß zu machen. Sie schob eine Acrylspitze ins Glas, spießte eine Olive nach der anderen auf und hob sie heraus. Ich beobachtete, wie sie den Gin mit einem Leuchten in den Augen einschenkte, das auf einen Durst deutete, der der Tiefe ihres Seins entsprang.
Sie reichte mir ein Glas. »Was ist zwischen dir und Lance passiert?«
»Warum willst du das wissen?«
»Weil ich neugierig bin. Alles, was ihn betrifft, betrifft auch die Firma. Ich will wissen, was hier vorgeht.« Wieder nahm sie ihre Zigarette auf und inhalierte tief. Ich begriff, daß Nikotin und Alkohol eine innere Angst beruhigten.
»Er weiß genausoviel wie ich. Warum fragst du nicht ihn?«
»Ich dachte, du könntest es mir erzählen, wo du schon mal hier bist.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Er scheint zu denken, daß du mit der Sache zu tun hast.«
Ihr Lächeln kehrte zurück, aber es war freudlos. »In dieser Familie habe ich mit überhaupt nichts zu tun. Ich wünschte, ich hätte es.«
Ich spürte, wie mich erneut Ungeduld überfiel. »Himmel, laß uns doch endlich aufhören, um den heißen Brei herumzureden. Ich hasse solche Gespräche. Es geht doch um folgendes: Jemand hat mich reingelegt, und das gefällt mir nicht. Ich habe keine Ahnung, warum, und es kümmert mich auch nicht sonderlich, aber ich werde herausfinden, wer es war. Im Augenblick arbeite ich nur für mich selbst, muß also niemandem Rechenschaft ab-legen. Wenn du irgendwelche Informationen willst, heuer einen Privatdetektiv an. Ich stehe zur Verfügung.«
Ihr Ausdruck wurde steinhart, das Gesicht totenbleich. Ich vermutete, ihre Haut würde sich kalt anfühlen, wenn ich sie jetzt berühren würde. »Ich hatte gehofft, du wärest vernünftig.«
»Warum? Ich weiß nicht, was hier los ist, und das, was ich bisher gesehen habe, gefällt mir nicht. Nach allem, was ich weiß, steckst du dahinter oder weißt zumindest, wer es ist.«
»Du nimmst auch kein Blatt vor den Mund, was?«
»Warum sollte ich? Ich arbeite schließlich nicht für dich.«
»Ich habe eine einfache Frage gestellt. Ich verstehe nicht, warum du beleidigt bist.« Sie drückte ihre Zigarette aus, als sie kaum halb aufgeraucht war.
Sie hatte recht. Ich war wütend und wußte selbst nicht recht, warum. Ich holte tief Luft und beruhigte mich. Nicht ihretwegen, sondern meinetwegen. Dann versuchte ich es wieder. »Du hast recht. Ich bin unfair. Ich hätte nicht gedacht, daß ich wütend bin, aber offensichtlich bin ich es. Irgendwie bin ich in eine Familienfehde reingerutscht, und das paßt mir nicht.«
»Was macht dich so sicher, daß es eine Familienfehde ist? Wenn nun jemand dahintersteckt, der nichts mit der Firma zu tun hat?«
»Wer zum Beispiel?«
»Wir haben Konkurrenten, genau wie jeder andere.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Martini, und ich konnte sehen, wie sie die eiskalte Flüssigkeit genoß, als sie ihren Mund durchspülte. Ihr Gesicht war schmal, die Züge fein. Ihre Haut war makellos und ohne Falten, was ihr den leeren Ausdruck einer Madame-Alexander-Puppe verlieh. Entweder hatte sie bereits plastische Chirurgie hinter sich, oder sie hatte es irgendwie gelernt, keine Gefühle zu haben, die Spuren hinterließen. Es war schwer, sich vorzustellen, daß sie und Ash Schwestern waren. Ash war sinnlich und offen, mit sonnigem Gemüt, sie war großzügig, gutmütig, entspannt und leicht im Umgang. Ebony war schmal und hart wie eine Peitsche — spröde, zurückhaltend, beherrscht, arrogant. Es war möglich, sagte ich mir, daß die Unterschiede zwischen ihnen teilweise mit ihren unterschiedlichen Positionen in der Familienkonstellation zusammenhingen. Ebony war die älteste Tochter, Ash die jüngste. Woody und Fielen hatten bei ihrem ersten Kind wahrscheinlich Perfektion erwartet. Als sie dann später Ash bekamen, und danach noch Bass, mußten sie es schon aufgegeben haben, überhaupt noch etwas zu erwarten.
Ebony berührte die Olive in ihrem Glas, drehte sie. Sie schob ihren Nagel in das Loch und zog die Frucht heraus, legte sich den grünen Ball auf die Zunge. Ihre Lippen schlossen sich um ihren Finger, und sie gab ein leicht schmatzendes Geräusch von sich. Die Geste wirkte irgendwie obszön, und ich fragte mich plötzlich, ob sie auf mich losgehen würde.
Sie sagte: »Ich nehme nicht an, daß du mir sagen wirst, was Mutter gewollt hat.«
Ich konnte fühlen, wie meine Laune sich wieder verschlechterte. »Redet ihr eigentlich nicht miteinander? Sie hat mich zum Tee eingeladen. Wir haben von alten Zeiten geredet und gelacht. Ich denke nicht dran, anschließend hier raufzulaufen und dir alles zu erzählen. Wenn du wissen willst, worüber wir gesprochen haben, frag sie. Wenn ich weiß, was hier passiert, dann werde ich es dir gerne präsentieren. Bis dahin halte ich es nicht für sehr schlau, rumzurennen und jedem zu erzählen, was ich weiß.«
Ebony war amüsiert. Ich konnte sehen, wie sich ihre Mundwinkel nach oben bogen.
Ich brach ab. »Bereitet dir das irgendwelche Probleme?«
Sie lachte. »Tut mir leid. Ich will nicht herablassend scheinen, aber so bist du schon immer gewesen. All diese Energie. So hitzig und immer zur Verteidigung bereit.«
Ich starrte sie an, wußte nicht, was ich sagen sollte.
»Du bist eine hauptberufliche Detektivin«, fuhr sie freundlich fort. »Das verstehe ich. Ich habe dich nicht gebeten, mir irgendwelche Geheimnisse zu verraten. Es handelt sich hier um meine Familie, und ich mache mir Sorgen, was hier vorgeht. Das ist alles. Wenn ich helfen kann, sag mir bloß wie. Wenn irgend etwas, das du herausfindest, mit mir im Zusammenhang steht, möchte ich das wissen. Ist das so unverständlich?«
»Natürlich nicht. Entschuldige«, sagte ich. Ich ging in Gedanken noch einmal unser Gespräch durch und stieß auf etwas, das sie vorher gesagt hatte. »Du hast erwähnt, der Ärger könnte auch von jemandem außerhalb der Firma ausgehen. Hast du das allgemein gemeint? Oder hast du von jemand Bestimmtem gesprochen?«
Sie zuckte die Schultern. »Eigentlich allgemein, obwohl ich jemanden kenne, der uns bitterlich haßt.« Sie machte eine Pause, als müßte sie überlegen, wie sie ihre Erklärung abfassen sollte. »Da gab es mal einen Ingenieur, der jahrelang für uns gearbeitet hat. Ein Mann namens Hugh Case. Vor zwei Jahren, ein paar Monate vor dem Tod meines Vaters, ist er — nun ja, er hat sich umgebracht.«
»Gab es da einen Zusammenhang?«
Sie schien überrascht. »Mit Daddys Tod? O nein. Ich bin sicher, daß da nichts war, aber nach allem, was man ihr erzählt hat, war Hughs Frau überzeugt, daß Lance dafür verantwortlich war.«
»Wieso das denn?«
»Wegen der Einzelheiten mußt du schon jemand anders fragen. Ich war zu der Zeit in Europa, deshalb weiß ich nicht viel, außer, daß Hugh sich in seiner Garage eingeschlossen und den Motor seines Wagens laufen gelassen hat, bis er an Kohlenmonoxydvergiftung gestorben ist.« Sie machte eine neuerliche Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. Einen Moment lang saß sie dann stumm da und benutzte das abgebrannte Streichholz dazu, die Asche zu einem säuberlichen Haufen im Aschenbecher zusammenzuschieben.
»Seine Frau hatte also das Gefühl, Lance hätte ihn dazu getrieben?«
»Nicht ganz. Sie dachte, Lance hätte ihn ermordet.«
»Ach, nun hör aber auf!«
»Nun, er war derjenige, der einen Vorteil dadurch hatte. Damals ging das Gerücht, daß Hugh Case beabsichtigte, Wood/Warren zu verlassen und eine eigene Firma zu gründen, die der unseren Konkurrenz machen würde. Er war für Forschung und Entwicklung zuständig, und augenscheinlich war er einem revolutionären neuen Prozeß auf der Spur. Wenn er uns verlassen hätte, hätte uns das beträchtlichen Schaden zugefügt. In unserem Arbeitsbereich gibt es auf nationaler Ebene nur etwa fünfzehn Firmen, so daß uns das um ein gehöriges Stück zurückgeworfen hätte.«
»Aber das ist doch lächerlich. Ein Mann wird doch nicht ermordet, weil er die Stelle wechseln will!«
Ebony zog leicht eine Braue hoch. »Es sei denn, für die Firma, die er verläßt, bedeutet es einen finanziellen Verlust, der groß genug ist, um sie zum Krüppel zu machen.«
»Ebony, das glaub’ ich einfach nicht. Du kannst hier sitzen und so etwas von deinem eigenen Bruder behaupten?«
»Kinsey, ich erzähle nur, was ich gehört habe. Ich habe nie gesagt, ich würde das glauben, nur, daß sie es tat.«
»Die Polizei muß die Sache untersucht haben. Was ist dabei herausgekommen?«
»Keine Ahnung. Da mußt du die Beamten fragen.«
»Das werde ich auch, glaube mir. Es hängt vielleicht nicht mit meiner Angelegenheit zusammen, aber die Sache ist es wert, überprüft zu werden. Was ist mit Mrs. Case? Wo ist sie jetzt?«
»Ich habe gehört, sie hätte die Stadt verlassen, aber vielleicht ist das nicht wahr. Sie war Bardame, ausgerechnet in dieser Cocktaillounge am Flughafen. Vielleicht weiß man da, wohin sie gegangen ist. Ihr Name ist Lyda Case. Wenn sie allerdings wieder geheiratet oder ihren Mädchennamen angenommen hat, weiß ich nicht, wie du sie ausfindig machen willst.«
»Fällt dir sonst noch jemand ein, der es auf Lance abgesehen haben könnte?«
»Eigentlich nicht.«
»Wie ist es mit dir? Ich habe gehört, du hättest Interesse an der Firma. Bist du nicht deshalb zurückgekommen?«
»Unter anderem. Lance hat ein paar ziemlich dumme Entscheidungen getroffen, seit er die Leitung übernommen hat. Ich war der Meinung, es wäre Zeit, heimzukehren und zu tun, was ich kann, um meine Interessen zu wahren.«
»Was heißt das?«
»Genau das, was ich gesagt habe. Er ist eine Bedrohung. Ich würde ihn gern hier raus haben.«
»Wenn er also wegen Betrugs angezeigt wird, würde es dir nicht gerade das Herz brechen.«
»Nicht, wenn er schuldig ist. Das würde ihm ganz recht geschehen. Ich bin hinter seinem Job her. Das leugne ich nicht, aber ich habe es bestimmt nicht nötig, ihn mir auf diese Weise zu beschaffen, wenn du darauf hinauswillst«, erklärte sie fast spielerisch.
»Ich danke dir für deine Offenheit«, sagte ich, obwohl ihr Verhalten mich wütend machte. Ich hatte erwartet, sie würde sich verteidigen. Statt dessen amüsierte sie die ganze Sache. Dieser Hauch von Überlegenheit, der alles untermalte, was Ebony tat, beleidigte mich. Ash hatte mir erzählt, daß Ebony immer als leichtsinnig gegolten hatte, ln der High-School gehörte sie zu den Mädchen, die alles einmal probieren müssen. In einem Alter, als alle anderen damit beschäftigt waren, sich anzupassen, hatte Ebony immer getan, wozu sie gerade Lust hatte. »Geraucht, unverschämt zu Erwachsenen und rumgehurt«, hatte Ash es ausgedrückt. Mit siebzehn hatte sie es gelernt, sich keinen Deut um irgend jemanden zu kümmern, und jetzt schien ihr der Stempel des Hochmuts aufgedrückt zu sein. Ihre Kraft lag in der Tatsache, daß sie nicht den Wunsch hatte zu gefallen, und es war ihr egal, welche Meinung man von ihr hatte. Das Zusammensein mit ihr war anstrengend, und ich war plötzlich zu müde, um etwas zu dem kleinen Lächeln zu sagen, das um ihre Lippen spielte.
Es war 18 Uhr 15. Tee half jemandem wie mir mit einem gesunden Appetit nicht viel weiter. Ich war plötzlich am Verhungern. Von Martini bekomme ich sowieso Kopfschmerzen, und ich wußte, daß ich nach kaltem Zigarettenrauch stank.
Ich entschuldigte mich und machte mich auf den Heimweg, hielt bei McDonald, um einen Viertelpfünder mit Käse und eine große Portion Pommes zu mampfen, dazu eine Cola. Jetzt war nicht die Zeit, meine Zellen mit guter Nahrung zu quälen, dachte ich mir. Zum Schluß nahm ich noch eine von diesen gebackenen Teigtaschen, gefüllt mit heißem Klebstoff, der einem den ganzen Mund verbrennt. Himmlisch!
Als ich zu Hause ankam, verspürte ich dieselbe Melancholie, die ich immer wieder einmal empfunden hatte, seit Henry in sein Flugzeug nach Michigan gestiegen war. Es ist nicht meine Art, mich einsam zu fühlen oder auch nur für einen Augenblick meine Unabhängigkeit zu bejammern. Ich bin gern allein. Ich bin gern Single. Ich finde die Einsamkeit heilsam, und ich kenne ein Dutzend Arten, mich zu amüsieren. Das Problem war, daß mir keine einzige einfiel. Ich werde nicht zugeben, daß ich deprimiert war, aber um 20 Uhr war ich im Bett... nicht gerade toll für eine mutige Privatdetektivin, die einen Ein-Frauen-Krieg gegen alle bösen Männer führt.