Der Sturz vom Dach

Es war sechs Uhr morgens, und ich joggte auf dem Fahrradweg den Strand entlang. Fünf Kilometer im Kampf gegen mein schlaffes Hinterteil. Ich bin 32 Jahre alt, einen Meter fünfundsiebzig groß und 59 Kilo schwer. Gewichtsprobleme habe ich eigentlich nicht, aber als alleinstehende Privatdetektivin muß ich manchmal um mein Leben rennen und kann es mir nicht leisten, aus der Übung zu kommen.

Ich hatte gerade meinen richtigen Laufrhythmus gefunden, mein Atem ging hörbar, aber nicht keuchend, die Sohlen meiner Schuhe berührten im Takt den Asphalt, der gleichmäßig unter meinen Füßen dahinzog, als Schritte hinter mir mich beunruhigten, die auch noch stetig näher kamen. Wie zufällig schaute ich über die Schulter zurück und spürte umgehend, wie ein Adrenalinstoß meinen Herzschlag schmerzhaft beschleunigte. Ich steigerte mein Tempo und versuchte, die Lage zu peilen. Weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Kein anderer Jogger. Keiner der sonst zahlreichen Penner auf den Wiesen.

Ich bog in Richtung Straße ab und hoffte auf ein vorbeifahrendes Auto.

»He rief der Mann hinter mir.

Ich lief weiter und rekapitulierte im Geiste sämtliche Selbstverteidigungsmethoden, die man mir beigebracht hatte.

»Warten Sie doch schrie mein Verfolger. »Sind Sie nicht Kinsey Millhone

Ich wurde etwas langsamer. »Ja. Und wer sind Sie

Mit seinen langen Beinen hatte er mich bald eingeholt. »Harry Grissom. Ich brauche einen Privatdetektiv

»Die meisten versuchen’s erst mal in meinem Büro«, sagte ich giftig. »Mann, haben Sie mir einen Schreck eingejagt! Ich bin fast gestorben vor Angst

»Tut mir leid. Der Typ vom Skateboard-Verleih hat behauptet, daß ich Sie hier finden kann. Ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit für ein Gespräch

Mit Gus hatte ich bei einem meiner Fälle zu tun gehabt und mochte ihn sehr. Ich merkte, daß ich gnädiger gestimmt wurde. »Woher kennen Sie Gus

»Ich habe Grundbesitz auf Granita. Er hat dort ein Häuschen zu vermieten

»Und wozu brauchen Sie mich

»Mein Bruder Don ist vom Dach gefallen und war sofort tot. Die Polizei ist der Meinung, es war ein Unfall. Ich glaube, daß da jemand nachgeholfen hat

»Ach. Und wer?«

»Meine Schwägerin.«

Wir joggten Seite an Seite in zügigem Tempo. Harry Grissom war ein gutaussehender Mann, vielleicht fünfunddreißig, mit dichtem schwarzem Haar, einem Schnurrbart und der typischen Figur eines Schnelläufers: groß und schlank. Er behauptete, von Beruf Chiropraktiker zu sein, leidenschaftlich gern Ski zu fahren und ein bescheidenes Talent als Maler zu besitzen. Ich schätze, er erzählte mir das alles, um mich von seiner Aufrichtigkeit und seiner Sorge um das Schicksal seines Bruders zu überzeugen.

»Wann ist das mit Don passiert

»Vor einem halben Jahr.«

»Und wie lange war er da verheiratet

»So etwa dreizehn Jahre. Don und Susie haben sich im College kennengelernt. Don hatte damals noch ein Jahr bis zum Examen. Sie haben von Anfang an nicht zueinander gepaßt. Aber darüber konnte man mit ihnen nicht sprechen. Nach zwei Jahren stürmischer Liebe sind sie durchgebrannt und haben geheiratet. Von da an ging’s nur noch bergab

»Und wo lag das Problem

»Sie hatten vor allem keine Gemeinsamkeiten, sie waren beide aufbrausend, stur und unreif

»Was ist mit Kindern fragte ich.

»Amy ist acht, und der kleine Todd ist fünf

»Sonst noch was?«

»Die beiden haben sich jahrelang gestritten, daß die Fetzen flogen, und plötzlich herrschte Friede. Susie war ein Engel, und alles schien bestens zu sein. Don und ich haben ein paarmal darüber gesprochen. Er wußte nicht recht, was eigentlich passiert war, aber natürlich war er froh. Er glaubte, daß endlich alles gut sei

»Glaubten Sie das auch

Harry zuckte mit den Achseln. »Ja, schon. An der Oberfläche schien alles in Ordnung zu sein. Aber ich hatte so meine Zweifel. Es war schließlich nicht so, daß sie eine Therapie gemacht hätte oder ein völlig neuer Mensch aus ihr geworden wäre. Sie hatte sich verändert, nur gab es keine erkennbare Ursache. Ich tippte auf einen Liebhaber, aber das habe ich Don nie gesagt. So was hört niemand gern, und ich konnte außerdem nichts beweisen

»Was wollen Sie damit andeuten? Daß sie sich einen Liebhaber angelacht und dann einen Unfall >arrangiert< hat, um Don aus dem Weg zu räumen

»Warum denn nicht?«

»So schwer ist eine Scheidung in Kalifornien nun auch wieder nicht zu haben. Mord erscheint mir eine ziemlich radikale Methode, um einen ungeliebten Ehegatten loszuwerden

»Bei einer Scheidung kriegt man keine Prämien

»War er so gut versichert

»Die Lebensversicherung belief sich auf hundertfünfundzwanzigtausend Dollar. Bei Tod durch Unfall das Doppelte. Die Lady hat eine Viertelmillion an Land gezogen. Außerdem kann sie auch noch mit dem Mitgefühl ihrer Mitmenschen rechnen. Bei einer Scheidung hätte sie kämpfen müssen und vermutlich verloren. Glauben Sie mir, ich bin unverheiratet. Die Hälfte der Frauen, mit denen ich ausgehe, sind geschieden, und die erzählen alle dieselbe Geschichte. Eine Scheidung ist die Hölle. Warum hätte Susie sich das aufladen sollen, wenn sie ihm nur einen Schubs zu geben brauchte

»Hat sie ihn im Lauf der Jahre irgendwann einmal körperlich angegriffen

»Nein... aber sie hat ihn bedroht

»Und wann war das

»Vergangenen Juni... oder Juli. Irgendwann im Sommer, als die Ehe auf dem absoluten Tiefpunkt war. Ich weiß nicht mal mehr, worum der Streit ging, aber sie hat gesagt, sie würde ihn umbringen. Ich stand dabei. Und kurz darauf war er tot

»Ich bitte Sie, Harry. In der Hitze des Gefechts rutscht einem so was schon mal raus. Das macht doch aus keinem einen Mörder

»In diesem Fall schon

»Da braucht es mehr als Ihr Wort. Aber sagen Sie mir, was Sie von mir wollen

Er sah mich unbewegt an, seine Stimme war tonlos. »Weisen Sie ihr diesen Mord nach. Irgendwie. Ich zahle jede Summe

Ich nahm den Auftrag an... nicht des Geldes wegen, sondern wegen des Ausdrucks in seinem Gesicht. Der Mann empfand aufrichtige Trauer und Schmerz.

Am Nachmittag kam er in mein Büro, unterschrieb den Standardvertrag und bezahlte tausendfünfhundert Dollar Vorschuß.

Am nächsten Morgen machte ich mich an die Arbeit.

Harry Grissom hatte mir die wenigen Zeitungsausschnitte überlassen, die sich mit dem Tod seines Bruders befaßten. >EINWOHNER AUS SANTA TERESA STÜRZT VOM DACH SEINES HAUSES IN DEN TOD.< Der Zeitung zufolge war Don nach anhaltenden Regenfällen aufs Hausdach geklettert, um nach einer undichten Stelle zu suchen, durch die Wasser in das Gästebadezimmer hatte eindringen können. In einer beigefügten Kopie des Polizeiberichts stand, daß Mr. Grissom allem Anschein nach auf dem vom Regen rutschigen Ziegeldach den Halt verloren habe, zwei Stockwerke tief gefallen sei und sich das Genick gebrochen habe. Der amtliche Leichenbeschauer hatte >Tod durch Unfall< konstatiert. Harry Grissom meinte dazu, der Leichenbeschauer sei ein Idiot.

Ich notierte mir die Adresse der Grissoms, wo ich prompt mit einem Notizblock in der Hand auftauchte. Während Polizeibeamte gesetzlich verpflichtet sind, sich bei der Ausübung ihrer Pflicht auszuweisen, haben Privatdetektive die Freiheit, in jede gewünschte Rolle zu schlüpfen. Und genau das macht Spaß in meinem Beruf. Obwohl ich die meiste Zeit ein gesetzestreues Hühnchen bin, habe ich den Ruf, zu lügen wie gedruckt. Die Geschichte, die ich mir für Susie Grissom zurechtgelegt hatte, war von der Wahrheit gar nicht weit entfernt und klang so echt, daß ich schon beinahe selbst daran glaubte.

»Mrs. Grissom begann ich, als sie die Tür öffnete.

»Ja, bitte fragte sie vorsichtig. Sie war Anfang Dreißig, ihr hellbraunes Haar hatte sie hinten mit einer Spange zusammengefaßt, sie hatte braune Augen und Sommersprossen, war ungeschminkt und trug Jeans und T-Shirt.

Ich tippte auf den Notizblock in meiner Hand. »Ich komme von der California-Fidelity-Versicherung Das entsprach durchaus der Wahrheit, ich habe früher einmal bei der CFV gearbeitet und erledigte jetzt noch gelegentlich Aufträge für die Firma. Als Gegenleistung zahlen sie meine Büromiete.

»Ja und?«

Das Wort >Versicherung< war für die Dame offenbar eine Art Zaubercode. Wenn Harry recht hatte und sie die zweihundertfünfzigtausend bereits kassiert hatte, war es verständlich, daß das Thema sie noch zu faszinieren vermochte. »Ihr Mann hat bei uns eine Versicherung abgeschlossen«, erklärte ich. »Und unsere Filiale hier hat uns jetzt benachrichtigt, daß er... daß er gestorben ist

Ihre Miene wurde angemessen ernst. »Ja. Er ist am 4. September bei einem Sturz vom Dach tödlich verunglückt. Und was für eine Versicherung war das

»Ich habe die Unterlagen nicht hier, aber es handelt sich wohl um eine betriebliche Altersversicherung. War er irgendwann mal bei einer großen Firma beschäftigt

Es war ihr anzusehen, daß ich richtig getippt hatte. Schließlich hat fast jeder irgendwann einmal in seinem Leben für ein größeres Unternehmen gearbeitet.

»1981 war er kurz bei Raytheon. Ich dachte, er hätte die Versicherung längst gekündigt

»Offenbar nicht«, entgegnete ich. »Wenn Sie gestatten, ich brauche ein paar Daten. Nur, damit wir das mit der Auszahlung regeln können.«

»Auszahlung?«

»Bei Unfalltod wird die Versicherung automatisch fällig

Sie bat mich, einzutreten.

Ich habe zwar nicht gerade einen sechsten Sinn, aber eines steht fest: Ich wußte vom ersten Augenblick an, daß die Frau schuldig war. Ich habe genug Witwen und Waisen erlebt, um aufrichtigen Schmerz erkennen zu können. Davon war hier nichts zu spüren. Das hier war eine Art Pseudo-Trauer, Heuchelei, Theater, aber kein wirklicher Schmerz.

Wir saßen im Wohnzimmer. Ich ging meinen Fragenkatalog ausführlich durch. Nachdem ich die Versicherungssumme genannt hatte — ich hatte meinen großzügigen Tag und sagte fünfzigtausend war sie so kooperativ wie nur möglich. Ich saß also da, machte Notizen und schnurrte und miaute. Sie spielte ihre Rolle perfekt mit Tränen in den Augen und geröteter Nase.

»Es muß für Sie schrecklich gewesen sein«, bemerkte ich. »Sie waren an dem Tag fort, und als Sie wiederkamen, war er tot

Susie Grissom nickte stumm und schnaubte in ihr Taschentuch. »Ich war beim Treffen meines Krimi-Clubs«, murmelte sie. »Zuerst habe ich gar nichts begriffen... Polizeiwagen vor dem Haus, die Ambulanz... Und dann habe ich erfahren, daß er tot ist

»Furchtbar«, seufzte ich. »Muß auch für die Kinder ein Schock gewesen sein. Wie kommen denn die damit zurecht

»Sie sind noch klein. Ich habe getan, was ich konnte

Insgeheim überlegte ich, wie ich ihr Alibi nachprüfen konnte. Es war zwar anzunehmen, daß die Polizei das bereits getan hatte, aber sicher war es nicht. »Das wäre im Augenblick wohl erst mal alles Ich stand auf. Susie Grissom begleitete mich zur Tür. »Ich bin übrigens auch ein Krimi-Fan

»Ach, wirklich?« Ihre Miene hellte sich auf. »Welches sind denn Ihre Lieblingsautoren

Volltreffer! Jetzt hat sie dich, dachte ich. »Oh, da gibt’s viele. Smith... und White...«

»Teri? Sie ist phantastisch. Diesen Monat sind bei uns übrigens die weiblichen Autoren dran. Haben Sie Lust zu kommen

»Sehr gern«, sagte ich. »Ich freue mich riesig

Und so landete ich bei einem Clubtreffen der weiblichen Krimi-Leser von Santa Teresa. Ich trug mein Allzweck-Kleid mit Strümpfen und flachen Schuhen, da ich angenommen hatte, daß man so was bei Hausfrauen aus den Vorstädten eben anzog. Und zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben fühlte ich mich overdressed, obwohl alle schrecklich nett waren und so taten, als würden sie nichts merken. Es gab Tee und Kekse, und wir lachten und plauderten über Autorinnen, von denen ich noch nie gehört hatte. Ich gab Sätze von mir wie: >Also, der Schluß von diesem Buch hat mich so erschreckt, daß ich richtig Angst hatte, allein zu Hause.< Oder: >Die Geschichte war mir zu verzwickt. Was meinen Sie?< Ich schwindelte so routiniert, daß ich schon befürchtete, man würde mir ein Clubamt antragen. Statt dessen luden sie mich lediglich zum nächsten Clubabend im darauffolgenden Monat ein.

»Ich bitte Jenny, daß sie Ihnen ein Jahresprogramm gibt«, sagte Susie. »Für den Fall, daß Sie auf dem laufenden bleiben wollen.«

Die Schatzmeisterin des Clubs zauberte raschelnd eine Kopie des Clubprogramms für mich hervor, auf dem Datum und Ort der Zusammenkünfte und die besprochenen Bücher verzeichnet waren. Wir saßen beieinander, tranken Tee, und ich versuchte, unauffällig die Frauen neben mir zu imitieren. Meine Stärke liegt auf anderen Gebieten. Weder kann ich backen, noch bin ich in der Sozialarbeit erfahren. Außerdem weiß ich nicht, wie man Konversation macht, und schaffe es nie, mit übergeschlagenen Beinen elegant dazusitzen. Ich studierte das Programm. Kaum hatte sich Susie einer anderen Gruppe zugewendet, beugte ich mich zu Jenny hinüber und senkte die Stimme. Jenny war Mitte Fünfzig, sie hatte einen Tweedrock mit passendem Pullover an und trug eine echte Perlenkette. »Dieses Treffen damals im September«, begann ich. »Ist an diesem Abend nicht Susies Mann ums Leben gekommen

Sie nickte. »Es war schrecklich«, seufzte sie. »Sie hatte an diesem Abend ausgerechnet für die Erfrischungen zu sorgen

»Sind Sie damals dabei gewesen

»Natürlich. Ein Polizeibeamter hat einen Gastvortrag gehalten, und Susie hat so angeregt mit ihm diskutiert. Später habe ich in der Küche mit ihr zusammen die Keksteller aufgefüllt. Und die ganze Zeit über war er schon tot, und sie hatte keine Ahnung

Ich schüttelte den Kopf. »Mein Gott, das muß ein Schlag für sie gewesen sein. Haben sie sehr aneinander gehangen

»Selbstverständlich.« Jenny musterte mich interessiert. »Wie haben Sie Susie kennengelernt? Kennen Sie sie schon lange

»Nein. Aber ich glaube, ich kenne sie gut genug«, erwiderte ich bescheiden.

Die Frau links von mir hatte offenbar zugehört und mischte sich ein. »Was machen Sie beruflich, Kinsey

»Ich bin im Versicherungsgeschäft«, antwortete ich.

»Ach? Irgendwie kam mir Ihr Name bekannt vor. Kann ich ihn mal in den Nachrichten gehört haben

»Gütiger Himmel, nein! Da müssen Sie mich verwechseln Es war erst etwa sechs Wochen her, daß ich in Verbindung mit einem Mord erwähnt worden war. »Kann ich hier mal irgendwo für kleine Mädchen

Ich sah, wie die beiden Frauen einen Blick wechselten. Vermutlich hatte ich mich im Vokabular vergriffen. »Ich würde mir gern die Nase pudern«, verbesserte ich mich.

»Natürlich. Den Gang hinunter und dann rechts.«

Ich trödelte herum, bis ich Aufbruchsgeräusche hörte, und machte mich aus dem Staub. Am darauffolgenden Tag suchte ich Susies Nachbarn heim.

Als erste traf ich eine Frau Mitte Vierzig mit Übergewicht und vorzeitig ergrautem Haar, eine Mrs. Hill, wie ich dem Adreßbuch entnommen hatte. »Ich komme von der California Fidelity«, stellte ich mich vor. »Wir überprüfen einen Versicherungsanspruch Ihrer Nachbarin Mrs. Grissom. Würden Sie mir ein paar Fragen beantworten? Mrs. Grissom ist damit einverstanden Ich hielt ihr ein Formular unter die Nase. Susies Unterschrift hatte ich gefälscht.

»Das nehme ich doch an«, erwiderte Mrs. Hill zögernd »Was wollen Sie denn wissen

Ich begann mit einer Reihe von Fragen der Machart: >Wie gut kennen Sie die Grissoms? Sind Sie am Unglückstag zu Hause gewesen?< Mrs. Hill erwies sich als schon beinahe einmalig unergiebig, sie gehörte zu den Menschen, die auf alle Fragen mit nicht mehr zu überbietender Einsilbigkeit antworteten. Als klar war, daß sie rein gar nichts zu bieten hatte, verabschiedete ich mich und ging weiter.

Das Haus auf der anderen Seite des Grissomschen Grundstücks lag im Dunkeln.

Ich sah mich aufmerksam in der Gegend um und entschloß mich, mein Glück beim Haus direkt hinter den Grissoms zu suchen, das von deren Garten nur noch durch eine schmale Gasse getrennt war. Die Frau, die mir öffnete, war Mitte Sechzig und redselig.

»Ich komme von einer Versicherungsgesellschaft hier in der Stadt und mache einen Bericht über Ihre Nachbarn, die Grissoms. Wie heißen Sie

»Mrs. Peterson. Er ist nicht mehr, wissen Sie. Ist vom Dach gefallen. Aber sie schert das einen Teufel

»Wirklich bemerkte ich. Bevor ich noch die erste Frage loswerden konnte, war sie schon dabei, mir alles zu erzählen, was sie wußte.

»Die haben immer fürchterlich gestritten«, sagte sie mit rollenden Augen, die Hand an der Backe, eine komische Personifizierung verletzten Schamgefühls.

»Das wußte ich ja gar nicht«, erwiderte ich ungläubig. »Sind Sie zufällig zu Hause gewesen, als er vom Dach fiel

»Mädel, ich bin immer zu Hause. Seit Teddy tot ist, gehe ich überhaupt nicht mehr aus

»Ihr Mann?«

»Mein Hund. Mir ist beinahe das Herz gebrochen, damals als er starb. Jedenfalls, ich saß oben in meinem Nähzimmer am Fenster, weil da das Licht gut ist. Ich habe an einer Kreuzstichstickerei gearbeitet, und dabei kann man sich leicht die Augen verderben... auch mit einer so guten, modernen Brille wie meiner neuen...« Sie nahm die Brille ab, hielt sie gegen das Licht und setzte sie wieder auf.

»Können Sie von dort oben das Haus der Grissoms sehen versuchte ich sie sanft wieder aufs Thema zu lenken.

»Aber ja. Die Aussicht ist hervorragend. Kommen Sie doch rauf und überzeugen Sie sich selbst

Ich ergab mich meinem Schicksal und folgte ihr pflichtschuldig die Treppe hinauf. Innerlich war ich auf die nächste Pleite gefaßt. Menschen, die zuviel allein sind, können einem manchmal die Hucke voll quasseln. Auf den ersten Blick schien sie zwar durchaus vernünftig zu sein. Aber wer garantierte mir, daß sie hier nicht die Verrückte vom Dienst war? Wir kamen schließlich in ein kleines Zimmer auf der Rückseite des Hauses. Mrs. Peterson schob mich zum Fenster. Von hier aus konnte man direkt zum Haus der Grissoms hinübersehen, das gut zweihundert Meter entfernt lag.

»Haben Sie zufällig beobachtet, wie er auf dem Dach gearbeitet hat wollte ich wissen.

»Sicher. Ich habe ihm eine gute Stunde lang zugesehen«, antwortete sie, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt.

Ich hielt die Luft an, wagte kaum weiterzufragen.

Sie runzelte die Stirn. »Ich fand es schon ziemlich komisch, daß er bei Regen aufs Dach geklettert ist«, gestand sie. »So was macht man doch nicht, oder

»Soviel ich gehört habe, soll was undicht gewesen sein«, warf ich ein.

»Möglich. Aber das erklärt noch lange nicht, was die Rothaarige da oben wollte

Ich merkte, wie sich mir die Nackenhaare sträubten. »Welche Rothaarige?«

»Keine Ahnung. Ich kenne die auch nicht

»Aber sie war tatsächlich auf dem Dach

»Da aus dem Dachfenster ist sie gekrochen gekommen«, erwiderte Mrs. Peterson zufrieden.

»Mrs. Peterson, haben Sie das eigentlich der Polizei erzählt

»Die haben mich gar nicht gefragt. Ich wollte niemandem Schwierigkeiten machen und habe lieber den Mund gehalten. Wenn sie neugierig sind, dachte ich, dann kommen die schon von selbst... wie Sie. Mittlerweile ist schon Gras über die Sache gewachsen. Ich glaube nicht, daß jemand einen Verdacht hat

»Verdacht? Was für einen Verdacht?«

»Daß sie ihn runtergeschubst hat

»Mrs. Grissom hat ihn runtergeschubst

»Nein, doch nicht die. Die Rothaarige. Sie ist um den Schornstein rumgeschlichen, wo er einen Dachziegel ausgewechselt hat. Dann hat sie ihm einen Stoß versetzt, und er fiel. Er hat nicht mal geschrien. Muß total überrascht gewesen sein

»Und Sie haben das alles gesehen

»Klar und deutlich.«

»Über beide Gärten hinweg bei bewölktem Himmel fragte ich skeptisch.

»Natürlich. Ich habe ja mit meinem Opernglas aufs Dach rübergeschaut

»Mit dem Opernglas wiederholte ich wie eine Schwachsinnige. Ich war so perplex, daß mir nichts anderes einfiel.

»Damit beobachte ich hier alles«, sagte Mrs. Peterson, als verstehe sich das von selbst. Sie reichte mir das Opernglas, und ich riskierte selbst einen Blick. Ich hielt die Luft an. Der Schornstein war plötzlich zum Greifen nah.

»Was ist dann passiert wollte ich wissen.

»Na, die Rohaarige ist wieder durchs Mansardenfenster ins Haus geklettert und weggefahren. Sie hatte einen kleinen weißen Mercedes mit einer Schramme an der Seite. Der Wagen parkte direkt hinten in unserer Straße. Danach habe ich die Dame nie wiedergesehen

»Konnten Sie das Autokennzeichen erkennen

»Nicht von hier oben. Da ist der Winkel zu ungünstig

»Warum haben Sie damals nicht gleich die Polizei verständigt

»O nein. Ich nicht. Nein, Madam. Wenn die Frau erfahren hätte, was ich gesehen habe, wäre ich die nächste auf ihrer Liste gewesen. Ich bin alt, aber nicht blöd. Und rechnen Sie nicht damit, daß ich die Geschichte vor der Polizei wiederhole. Die hätten gleich nach dem Unglück zu mir kommen müssen. Dann hätte ich ausgepackt. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt, wo sie sich sicher fühlt und sich ein wasserdichtes Alibi zurechtgelegt hat. Nein, nicht mit mir!«

Offenbar war sie jetzt plötzlich der Meinung, genug erzählt zu haben, und trotz meiner subtilen Versuche war kein weiteres Wort aus ihr herauszubringen.

Ich fuhr direkt zum Polizeirevier und hatte ein Gespräch mit Lieutenant Dolan vom Morddezernat. Er hörte mir aufmerksam zu, doch seine Haltung war eindeutig. Er würde den Fall wieder aufrollen, wenn ich ihm nur den geringsten Beweis brächte. Was Beweise betrifft, die sich auf Hörensagen gründen, ist die Polizei von Santa Teresa ziemlich kleinlich. Besonders dann, wenn es um einen Fall geht, in dem bereits entschieden wurde, daß ein Verbrechen nicht vorliegt. Mord und Versicherungsbetrug als Motiv nachzuweisen, sei außerdem schwierig, erklärte Dolan. Wenn ich ihm allerdings Beweise lieferte, würde er sehen, was er tun könne. Im Augenblick jedoch hätten wir nur Mrs. Petersons Aussage, und die würde möglicherweise alles leugnen. Es sei frustrierend, aber ihm seien die Hände gebunden.

Ich fuhr in mein Büro zurück.

Als ich im Korridor in meiner Handtasche nach den Schlüsseln kramte, rief jemand meinen Namen. »Hallo, Kinsey! So eine Überraschung!«

Ich sah auf. Die Schatzmeisterin des Krimi-Clubs kam den Korridor entlang auf mich zu, eine wirklich elegante kleine Frau mit perfekt sitzender Frisur und frisch lackierten Fingernägeln. Ich fragte mich sofort, ob ihr wohl die Aufschrift >Kinsey Millhone — Privatdetektivin< aufgefallen sein mochte, die in großen Messingbuchstaben an meiner Bürotür prangte, und ging automatisch näher in Richtung des Nachbarbüros der California Fidelity, um sie abzulenken. Zwar hatte ich die Dame nicht direkt belogen, aber ich hatte auch nicht die Wahrheit gesagt, und ich wollte unbedingt vermeiden, daß Susie Grissom herausfand, was ich wirklich vorhatte.

»Hallo, Jenny! Was machen Sie denn hier

»Ich war gerade ein Stockwerk höher beim Zahnarzt«, sagte sie und blickte zum Firmenschild der California Fidelity hinüber. »Ist das die Firma, bei der Sie arbeiten? Hübsch hier. Ich bin froh, Sie zu treffen. Wir haben morgen abend eine außerplanmäßige Clubveranstaltung und wollten Sie gern einladen, aber niemand hatte Ihre Telefonnummer. Ich schreibe Ihnen Adresse und Uhrzeit auf. Es findet bei mir zu Hause statt. Jeder bringt Kekse mit. Nicht vergessen Sie notierte alles auf einem Zettel.

»Was ist denn der Anlaß fragte ich.

Jenny senkte die Stimme. »Wir haben einen Gastredner. Sein Thema ist Mord. Ist das nicht aufregend

Kann man wohl sagen, dachte ich.

Für den Rest des Tages ging mir die Rothaarige auf dem Dach der Grissoms nicht mehr aus dem Kopf. Selbstverständlich konnte das durchaus Susie Grissom mit einer Perücke gewesen sein, auch wenn alle schworen, sie sei zur Tatzeit im Krimi-Club gewesen. Vielleicht auch eine andere Frau. Aber woher hatte sie gewußt, daß Grissom auf dem Dach, das Haus leer und die Gelegenheit so günstig sein würde? Und wie war sie überhaupt reingekommen? Und was noch wichtiger schien, welches Motiv hätte sie gehabt? Auf den ersten Blick war Susie Grissom die alleinige Nutznießerin. Und ich war bisher überzeugt gewesen, daß sie dahintersteckte. Jetzt war ich unsicher geworden. Hatte sie möglicherweise eine Komplizin gehabt?

Ich rief Harry Grissom in der Praxis an. »Hatte Ihr Bruder vielleicht eine Geliebte? Eine mit rotem Haar fragte ich.

»Wie bitte entgegnete er wütend. »Selbstverständlich nicht. Wer hat Ihnen denn das erzählt

»Immer mit der Ruhe, Harry. Niemand hat das erzählt. Ich habe da eine Spur

»Und was hat die Rothaarige damit zu tun

»Kann ich noch nicht sagen. Und ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, aber jemand hat eine rothaarige Frau mit dem Tod Ihres Bruders in Verbindung gebracht. Ich frage mich nur, wer das sein könnte. Hat er je eine rothaarige Frau erwähnt? Vielleicht eine Arbeitskollegin? Eine frühere Liebe? Eine Freundin von Susie

Harry dachte kurz nach. »Glaube ich nicht«, antwortete er schließlich. »Mir ist sie jedenfalls nicht bekannt

»Wer könnte sonst noch einen Vorteil aus der Geschichte gezogen haben

»Niemand. Glauben Sie mir! Ich habe alle Möglichkeiten ausgelotet, bevor ich zu Ihnen gekommen bin. Warum schenken Sie mir nicht reinen Wein ein? Was ist los? Vielleicht kann ich helfen

»Lassen Sie mir noch einen Versuch, dann unterhalten wir uns

Am Feierabend des darauffolgenden Tages besorgte ich in einer Bäckerei Plätzchen, die ich zu Hause auf einer Kuchenplatte anrichtete. Ich gab eine Löffelspitze Marmelade auf jeden Keks, stäubte Puderzucker darüber und überdeckte alles mit Lebensmittelfolie. Für mich sah’s selbstgebacken aus. Um zehn vor sieben zog ich ein paar saubere Bluejeans, Pullover und Tennisschuhe an, nahm die Platte mit den Plätzchen, meine Handtasche und den Zettel mit Jennys Adresse. Sie wohnte im Stadtzentrum, nicht weit von meinem Büro entfernt.

In der Gegend parkten so viele Autos, daß ich meinen VW einen Block weiter abstellen mußte. Jennys Auffahrt war mit Wagen zugeparkt. Ich hatte vergessen zu fragen, wer der Redner sein würde. Immerhin konnte es auch Lieutenant Dolan sein. Ich klingelte und wartete auf dem Vorplatz, daß jemand die Tür öffnete. Am Ende der Auffahrt parkte ein kleiner weißer Mercedes mit einer Schramme an der Seite. Ich hatte ihn geistesabwesend gut eine halbe Minute betrachtet, bis mich die Erkenntnis wie ein Blitz traf. In diesem Moment ging die Tür auf. Ich zuckte vor Schreck zusammen und hätte beinahe den Teller fallen gelassen. Jenny begrüßte mich fröhlich und zog mich ins Haus.

»Hübscher Mercedes da draußen«, bemerkte ich. »Wem gehört der

»Mir«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um, und ehe ich mich versah, schüttelte ich der Rothaarigen die Hand, die mir gegenüberstand.

»Ich bin Shannon«, stellte sie sich vor. »Oh, haben Sie kalte Hände

In diesem Augenblick fiel mir ein, daß es in unserem Bürohaus gar keine Zahnarztpraxis gab, und ich fragte mich, was Jenny dort am Vortag wohl gesucht haben mochte. Im Wohnzimmer saßen bereits fünfzehn oder zwanzig Frauen auf Klappstühlen. Einige wandten die Köpfe und blickten zu mir her. Ihre Gesichter waren ausdruckslos. Mein Magen krampfte sich plötzlich zusammen. Ich wußte, daß ich in der Patsche steckte. Wir spielten ein kompliziertes Spiel, und ich war das Opfer.

»O Jenny, kann ich noch mal schnell auf den Lokus? Ich habe eine Konfirmandenblase«, entschuldigte ich mich.

»Natürlich. Dort den Gang entlang«, sagte sie, als sie mir den Weg zeigte. »Beeilen Sie sich. Ich schenke schon mal Getränke aus

»Bin gleich wieder da«, versprach ich. Damit zog ich die Toilettentür hinter mir zu und versuchte abzuschließen. Das Schloß war kaputt... natürlich! Vermutlich steckte System dahinter. Ich versuchte es am Fenster, doch es ließ sich nicht öffnen. Nennen Sie es Vorahnung, Intuition... wie Sie wollen. Als ich so dastand, war mir klar, daß die Damen des Krimi-Clubs alles eingefädelt hatten. Susie Grissom hatte ein Problem, und sie haben ihr geholfen, ihr eine Mörderin und ein Alibi verschafft. Ich fragte mich, wie viele andere häusliche Konflikte sie auf diese Weise schon gelöst hatten. Lästige Schwiegermütter, aufsässige Stiefkinder... Tragische Haushaltsunfälle, die soviel Mitgefühl erregten. Aber vielleicht war Don Grissom auch der erste gewesen, und sie warteten erst einmal ab, ob sie unbehelligt blieben.

Mir war eiskalt, und gleichzeitig spürte ich, wie mir unter dem dicken Pullover der Schweiß von den Achseln herunterlief. Mit klopfendem Herzen betätigte ich die Toilettenspülung, wusch mir die Hände und versuchte, äußerlich ruhig zu wirken. Sie mußten inzwischen wissen, daß ich Privatdetektivin war, und sicher vermuteten sie, daß ich Don Grissoms Tod untersuchte. Ahnten sie auch, daß ich bereits wußte, was geschehen war? Meine einzige Chance war, mich dumm zu stellen und auf eine Fluchtgelegenheit zu warten.

Als ich aus der Toilette trat, kam Jenny gerade mit einem großen Glaskrug voller Fruchtsaft den Gang entlang. Das ist deine Chance, dachte ich.

»Vorsichtig rief ich melodisch.

»Bin ich«, erwiderte sie im selben Tonfall.

Dann versetzte ich ihr einen so heftigen Stoß, daß der Fruchtsaft ihr ins Gesicht schwappte, der Rand des Kruges gegen ihre Zähne schlug und überall Eiswürfel durch die Luft flogen. Jenny stieß einen spitzen Schrei aus, ging zu Boden und riß zwei weitere Frauen im Fallen mit. Die Rothaarige packte mich am Arm, doch ich trat ihr gegen das Schienbein und verpaßte ihr einen Kinnhaken. Dann stieß ich den Beistelltisch um, rannte in die Küche und riß die Hintertür auf. Hinter mir hörte ich Schreie und das Geklapper von Absätzen. Ich sprang von der Veranda und rannte ums Haus. Mit einem Satz war ich über den Zaun und im Nachbargrundstück. Von dort aus setzte ich über zwei weitere Zäune und sprintete durch den nächsten Garten auf die dahinterliegende Straße.

Mittlerweile war es stockdunkel, aber die Straßenbeleuchtung brannte, so daß ich genug sehen konnte. Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um die zwei Frauen zu bemerken, die hinter mir über den Zaun sprangen. Sie schwangen Baseballschläger. Es wurde ernst. Selbst aus dieser Entfernung hörte ich, wie mehrere Automobile starteten, und ahnte, daß ich das Ziel der Rallye sein würde. Kurz darauf tauchten Scheinwerferkegel hinter der Kurve auf. Ich verdoppelte meine Laufgeschwindigkeit, und meine Füße flogen nur so über den Asphalt.

Ich hörte, wie jemand schnaubend hinter mir Boden gutmachte, und steigerte erneut das Tempo. Bilder zogen durch mein Bewußtsein wie bei einem Diavortrag: dunkle Häuser. Leere Straßen. Einsamkeit. Vor mir an der nächsten Ecke hielt ein Auto an. Vier Türen flogen auf. Die Insassen rannten auf mich zu. Um um Hilfe zu schreien, fehlte mir die Puste. Aber falls nicht bald Hilfe kam, war mein Ende sicher. Sie würden mich bewußtlos schlagen und von einer Brücke werfen, mich in ein Boot packen und mich im Meer versenken, mich in Stücke hacken und in ihren Tiefkühltruhen aufbewahren, bis sie entschieden hatten, was weiter mit mir geschehen sollte. Die ganze Stadt schien von meinen Schritten widerzuhallen. Aus den Augenwinkeln sah ich Susie Grissom neben mir auftauchen. Ich ließ sie wie ein Footballstürmer an meinem ausgestreckten rechten Arm auflaufen. Sie taumelte und ging zu Boden. Zwei andere Frauen schlossen sofort auf, und ich spürte, wie mir eine dritte bereits im Nacken saß.

Meine Lungen brannten wie Feuer, und mein Atem ging keuchend, als mir die Gegend plötzlich bekannt vorkam und ein Plan in mir Gestalt gewann. Ich bog abrupt nach links ab, steigerte noch einmal das Lauftempo und sprintete auf die Lichter zu, die ich geradeaus vor mir erkennen konnte. Mein Gehirn funktionierte nur noch in Zeitlupe, während ich um mein geliebtes Leben rannte. Ich befand mich mittlerweile auf der Floresta, einer Straße, die ich wie meine Westentasche kannte. Direkt vor mir parkten vier identische Autos am Straßenrand. Schwarzweiße Streifenwagen. Gütiger Himmel steh mir bei, dachte ich. Das Gebäude dahinter, das jetzt hell erleuchtet war, gehörte meiner geliebten Polizei von Santa Teresa. Den Mitgliedern des Krimi-Clubs mußte allmählich auch ein Kronleuchter aufgegangen sein, denn ich merkte, daß meine Verfolgerinnen langsam zurückfielen. Als ich das Polizeirevier erreicht hatte, war niemand mehr hinter mir her. Wie beflügelt nahm ich die letzten Stufen und wußte nicht, ob ich weinte oder lachte, als ich schließlich durch die Tür brach.