Unter der Bettdecke
Ich blinzelte die Frau vor meinem Schreibtisch verwirrt an. Ich hätte schwören können, daß sie gerade gesagt hatte, im Bett ihrer Tochter liege ein toter Mann. Die Aussage an sich war reichlich merkwürdig, erst recht, wenn sie mit diesem liebreizenden Lächeln und im höflichen Konversationston vorgebracht wurde. Möglicherweise hatte ich was mißverstanden.
Es war neun Uhr morgens, an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Zugegeben... ich hatte einen Kater; und das kommt höchst selten vor. Ich trinke sonst nie viel. Aber am Vorabend hatte mein Vermieter Henry Pitty seinen zweiundachtzigsten Geburtstag gefeiert. Zu irgendeinem Zeitpunkt muß die Party aus den Fugen geraten sein, denn jetzt saß ich mit einem Kopf aus Watte im Büro, kämpfte gegen Übelkeit an und versuchte, wie eine intelligente, tüchtige Privatdetektivin auszusehen; in Normalform bin ich das auch... ehrlich!
Meine Besucherin hatte sich als Emily Culpepper vorgestellt. Das allerdings war vorläufig das einzige, was Sinn ergab. Mrs. Culpepper war klein und zierlich und verkörperte jenen alterslosen Frauentyp, der immer adrett bleibt. Sie hatte dunkles kurzes Haar, ein hübsches Gesicht und sah aus wie die perfekte Familieneigenheimbesitzerin in ihrer blaßblauen Bluse mit dem runden Kragen, einer heidefarbenen Wolljacke und passendem Tweedrock, dünnen Strümpfen und Lederschuhen mit halbhohen zierlichen Absätzen. Ich schätzte, daß sie etwa in meinem Alter war.
Ich griff nach Block und Bleistift. »Verzeihen Sie, Mrs. Culpepper, würden Sie das bitte wiederholen?«
Das reizende Lächeln wurde starr. Sie beugte sich vor. »Machen Sie ein Protokoll?« erkundigte sie sich ängstlich. »Ich meine, kann das vor Gericht gegen mich verwendet werden?«
»Ich versuche nur zu begreifen, wovon Sie reden«, erwiderte ich. »Kann es sein, daß Sie gerade gesagt haben, im Bett Ihrer Tochter liege ein toter Mann? Ist das korrekt?«
Sie nickte ernst und mit großen Augen.
Ich schrieb >toter Mann im Bett der Tochter< und wußte dabei nicht recht, was ich als nächstes fragen sollte. Wenn jemand so etwas behauptet, drängen sich so viele Fragen auf. »Kennen Sie den Mann?«
»Ja, natürlich. Es ist Gerald«, antwortete sie.
Ich notierte den Namen. »Ist das Ihr Mann?«
»Mein Liebhaber«, verbesserte sie mich. »Ich bin geschieden.«
»Und wo ist im Augenblick Ihre Tochter?«
»Bei ihm... bei meinem Mann. Vermutlich ist sie jetzt schon wieder auf dem Heimweg. An Wochentagen muß er sie nicht nehmen. Das steht im Scheidungsurteil. Aber er war verreist, und ich dachte, das geht in Ordnung. Dieses eine Mal wenigstens.«
»Sicher«, murmelte ich, um sie wenigstens in diesem Punkt zu beruhigen. »Und wann haben Sie...« Ich warf einen Blick auf meine Notizen. »... Gerald entdeckt?«
»Gegen sechs heute morgen. Das heißt, eher so gegen zehn vor.«
»Und wie ist er... hm... gestorben?«
»Wie bitte?«
»Ich meine die Todesursache. Können Sie mir da was sagen?«
»Ach so. Ja. Er wurde erschossen.«
Ich wartete, daß sie fortfuhr, aber sie schwieg. »Und wo?«
Sie deutete auf ihr Herz.
Ich machte mir erneut eine kurze Notiz. Das war ja wie beim Zähneziehen. »Und Sie sind sicher, daß er tot ist?«
»Nicht unbedingt«, erwiderte sie zögernd. »Er war kalt. Und steif. Geatmet hat er auch nicht mehr.«
»Das müßte genügen«, bemerkte ich. »Was ist mit der Tatwaffe?«
»Eine Pistole.«
»Haben Sie sie gesehen?«
»Sie lag direkt neben ihm auf dem Bett.«
»Wissen Sie zufällig, um welche Marke es sich handelt?« Ich nahm an, daß sie bei technischen Details passen würde, doch sie hielt sich tapfer.
»Es ist eine kleine Derringer, Kaliber 5,6 Millimeter mit zwei Läufen und doppelter Sicherung. Das bedeutet, sie kann nicht von selbst losgehen, auch wenn man sie fallen läßt. Außerdem... ist sie vernickelt mit schwarzem Griff und so breit.« Sie hielt Daumen und Zeigefinger ungefähr zwei Zentimeter auseinander.
Ich starrte sie an. »Die Pistole gehört Ihnen?«
»Ja. Ich habe sie erst letzte Woche gekauft. Deshalb war ich ja auch so entsetzt, als mir klarwurde, daß man ihn mit meiner Waffe erschossen hat. Und das auch noch in Altheas Bett! Sie ist erst vier, aber groß für ihr Alter. Althea schlägt nach der Familie meines Exmannes.«
Für mich war das Thema Gerald noch nicht ganz erledigt. »Warum haben Sie sich eine Pistole zugelegt?«
»Die war im Sonderangebot... fünfzig Prozent billiger.«
»Haben Sie das der Polizei erzählt?« Emily Culpepper wurde blaß. Der veränderte Ausdruck in ihrem Gesicht gefiel mir überhaupt nicht. »Sie haben doch wohl die Polizei verständigt, oder?«
»Ehrlich gesagt, nein. Ich hätte es tun müssen. Sicher. Aber wer hätte mir schon geglaubt? Wir hatten gestern nacht Streit. Normalerweise verliere ich nie die Beherrschung. Aber da bin ich explodiert. Ich habe ihn angebrüllt. Es war schrecklich. Ich habe geschrien, daß ich ihn umbringen würde. Wirklich! Dann kamen die Tränen, und ich bin aus dem Haus gerannt und die ganze Nacht mit dem Wagen herumgefahren.«
»Hat jemand die Drohung gehört?«
»Nur die Nachbarn auf beiden Seiten.«
Ich hatte das dringende Bedürfnis laut zu stöhnen, beherrschte mich jedoch. »Ich verstehe. Sie sind also herumgefahren. Was sonst noch? Haben Sie mit jemandem gesprochen? Kann jemand bezeugen, wo Sie wann gewesen sind?«
»Glaube ich nicht. Ich bin nur herumgefahren, um endlich den Mut zu fassen, ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Wir leben seit einem halben Jahr zusammen, und es war der Himmel auf Erden. Einfach wunderbar! Ich kann mich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein.«
»Im Himmel wird niemand umgebracht«, bemerkte ich.
»Ich weiß. Aber ich hatte eben herausbekommen, daß er mich mit einer anderen Bewohnerin des Apartmenthauses betrog. Und da habe ich rotgesehen. Ich war ein Nervenbündel. Es ist nicht zu fassen! Da hat sich der Mann Tausende von Dollars von mir gepumpt, und dann muß ich feststellen, daß er mit Caroline herumbu... Na, Sie wissen schon, was ich meine.«
»Und das haben Sie erst gestern nacht erfahren?«
»Nein, nein. Die Affäre mit Caroline ist schon vor Wochen herausgekommen. Von der Szene mit ihr will ich gar nicht reden. Der reine Horror! Sie wurde hysterisch und ist ausgezogen. Soll sie bleiben, wo der Pfeffer wächst.«
»Hat Gerald so was schon mal gemacht?«
»Sie meinen, daß er fremdgegangen ist? Da bin ich nicht sicher. Ich nehme es an. Ja, muß er wohl. Er hat schon massenweise Frauen gehabt. Er war so was wie ein Don Juan. Wenn man ihm glauben durfte, hat er sie reihenweise betrogen. Nur hätte ich nie gedacht, daß er’s auch bei mir versucht.«
»Was war an ihm denn so Tolles dran?« fragte ich. »Es macht mich immer neugierig, wenn Frauen sich in miese Typen verlieben.«
»Gerald ist...«
»War«, verbesserte ich sie.
»Richtig. Also er sah gut aus und so... war so zärtlich. Schwer zu sagen. Er war sehr liebevoll und einfühlsam. Und er war romantisch! Ich war verrückt nach ihm.«
Sie war den Tränen nahe, und ich ließ ihr Zeit, sich zu fassen.
»Und worum ging der Krach gestern abend?«
»Das weiß ich gar nicht mehr«, gestand sie. »Wir haben irgendwo noch was getrunken, und ein Wort gab das andere. Mit einer dummen Bemerkung an der Bar hat es angefangen, und plötzlich kam seine ganze Vergangenheit zur Sprache... diese Lorraine, nach der er vor Jahren so verrückt war; Ann-Marie, Trish, Lynn. Ständig hat er davon geredet, wie toll diese Frauen gewesen sind. Dann wurde er gemein und ich auch. Als wir in der Wohnung zurück waren, wurde es nur noch schlimmer. Als ich es nicht mehr aushalten konnte, bin ich gegangen.
Heute morgen, als ich zurückkam, dachte ich zuerst, er sei fort. Dann sah ich, daß Altheas Zimmertür offenstand. Da lag er. In ihrem Bett.«
»Was hatte er denn in dem Zimmer zu suchen?«
»Aus meinem hatte ich ihn ausgesperrt. Ich hatte gedroht, wenn er auch nur den Fuß da rein setzen würde, würde ich ihm in die Ei... Ich meine, ich habe gesagt, daß ich dann handgreiflich werden würde. Jedenfalls hat er wohl ein Glas und eine Flasche Bourbon mit in Altheas Zimmer genommen und dort getrunken, bis er umfiel. Ich stand im Türrahmen und habe ihm gesagt, daß er seine Sachen packen solle.
Zuerst dachte ich, er stellt sich nur schlafend. Als ich fertig war, und er noch immer kein Wort sagte, habe ich die Wut gekriegt und ihn an der Schulter gerüttelt. Und da habe ich erst gemerkt, daß er tot war. Und als ich die Decke zurückgeschlagen habe, war alles voller Blut.«
Ich schrieb mit, so schnell es ging, und merkte darüber gar nicht, daß sie geendet hatte. Als die Stille anhielt, sah ich zu ihr auf. Sie war dabei, ihre Fassung zu verlieren. Ihre Lippen zitterten, die Augen schwammen in Tränen. »Lassen Sie sich Zeit«, murmelte ich.
Sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und tupfte sich die Augen trocken. Dann putzte sie die Nase und holte tief Luft. »Als ich dann die Pistole auf dem Bett entdeckte, habe ich ganz automatisch gehandelt.«
Mir schwante Böses. »Und was haben Sie gemacht?«
»Ich habe sie aufgehoben.«
»Mrs. Culpepper, ausgerechnet das hätten Sie nicht tun dürfen. Jetzt sind Ihre Fingerabdrücke auf der Waffe.«
»Ich weiß. Deshalb habe ich sie auch gleich wieder aus der Hand gelegt und bin fortgerannt. Mein Gott, ich war völlig aufgelöst.«
»Kann ich mir vorstellen«, sagte ich. »Und dann?«
»Ich habe mich in den Wagen gesetzt, bin eine Weile ziellos herumgefahren, dann habe ich angehalten, Ihre Nummer aus dem Telefonbuch herausgesucht und bin hierhergekommen.«
»Weshalb ausgerechnet zu mir?« fragte ich und versuchte, nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen.
»Sie sind eine Frau. Ich dachte, Sie würden mich verstehen. Ich zahle jeden Preis, wenn Sie mir helfen, mich da rauszupauken. Ich meine, wenn Sie das alles der Polizei erklären...« Sie knetete ihr Taschentuch in den Händen und sah mich hilflos an.
Meine Augen brannten. Ich sehnte mich nach einer Roßkur mit Alka-Seltzer. Verstohlen zog ich meine Schreibtischschublade einen Spaltbreit auf und erspähte eine Packung. Was mochte passieren, wenn ich einfach eine Tablette auf der Zunge zergehen ließ wie ein Brausebonbon? Angeblich bringt einen das glatt um, aber ich weiß nicht, ob das nicht doch ein Märchen ist. Das Gerücht kursierte während meines Examensjahrs im College, zusammen mit der Geschichte von dem Mäuseschwanz, der aus einer Limoflasche ragte. Seither habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Limonade in der Flasche.
Schließlich versuchte ich, mein angeschlagenes Denkvermögen wieder auf den vorliegenden Fall zu konzentrieren. Im stillen allerdings hoffte ich, mir Emily Culpeppers Probleme irgendwie vom Hals halten zu können; aber das war natürlich ein frommer Wunsch.
»Emily... ich darf Sie doch Emily nennen?«
»Gern. Aber dann sage ich Kinsey zu Ihnen.«
»Selbstverständlich«, antwortete ich. »Im Augenblick ist es das beste, ich gebe Sie in die Obhut einer Freundin... einer Anwältin mit Kanzlei in diesem Haus. Während Sie ihr die Geschichte schildern, fahre ich mit Ihren Schlüsseln zur Wohnung und sehe mir die Bescherung an. Dann verständige ich die Polizei. Natürlich möchten die Beamten mit Ihnen selbst reden, aber das geschieht dann wenigstens in Gegenwart eines Rechtsbeistands.«
Ich rief kurz Germaine an, sagte, worum es ging, und begleitete anschließend Emily Culpepper den Korridor entlang zu Germaines Kanzlei. Mit Emilys Wohnungsschlüssel in der Tasche lief ich dann zum Parkplatz hinunter und stieg in meinen VW.
s war Winter in Santa Teresa, die schönste Jahreszeit in Kalifornien. Die Sonne schien, die Stadt ertrank in üppigem Grün, das Meer rauschte wie eine Waschmaschine im Schongang. Während das übrige Amerika in Regen, Matsch, Hagel und Schnee versank, waren wir in Hemdsärmeln und Shorts und spielten Volleyball am Strand; das heißt, einige wenigstens. Ich fuhr zu Emily Culpeppers Apartmenthaus und rekapitulierte dabei, was Emily in ihrer Ungeschicktheit alles auf sich geladen hatte. Es war eine ganze Menge. Nicht nur, daß sie ein Motiv für den Mord an Gerald hatte... sie hatte ihn ganz konkret bedroht, und zwar so, daß Zeugen sie hatten hören können. Nicht nur, daß Gerald mit ihrer kleinen Derringer erschossen worden war, sie hatte das verdammte Ding auch noch angefaßt, möglicherweise bereits vorhandene Abdrücke verwischt und dafür deutlich ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Und schließlich war sie davongelaufen, anstatt die Polizei sofort zu benachrichtigen. Die ganze Kette von Ereignissen war für Emily so belastend, daß ich mich schon fragte, ob sie mich zum Narren hielt, ob sie sich damit ein besonders schlaues (aber völlig absurdes) Alibi verschaffen wollte. Vielleicht hatte sie ihn wirklich getötet und sich diese verrückte Geschichte ausgedacht, um Spuren zu verwischen. Jedenfalls hatte sie sich so dämlich verhalten, daß es fast schon wieder gerissen schien.
Die Adresse, die Emily mir genannt hatte, führte zu einer schattigen Seitenstraße in der Nähe des Stadtzentrums von Santa Teresa. Etwa zwanzig Apartments waren hier um einen Innenhof gruppiert. Die Anlage war in jenem pseudo-spanischen Stil errichtet, der in dieser Gegend vorherrscht: rote Ziegeldächer, weiß verputztes Mauerwerk, Bögen und Innenhof mit Brunnen. Emily hatte das Apartment Nr. 2 im Erdgeschoß, gleich neben der Hausmeisterwohnung. Ich blickte mich um. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich steckte den Schlüssel ins Schloß. Mich plagten Gewissensbisse, und ich war nervös. Leichen sind kein vergnüglicher Anblick, und ich war nicht sicher, was mich hinter dieser Tür erwartete.
Mein Herz klopfte heftig, und ich fühlte, wie mein Nacken feucht wurde. Obwohl Emily die Wohnung beschrieben hatte, brauchte ich einige Minuten, bis ich mich zurechtfand. Der Raum, in dem ich stand, war ein kombiniertes Wohn- und Eßzimmer. Eine langgestreckte Theke stellte die Verbindung zur dahinterliegenden Küche her. Grün und Goldgelb waren die vorherrschenden Farben, und die Polstermöbel sahen bequem aus. Einige Spielsachen lagen herum, doch ansonsten sah alles sauber und ordentlich aus.
Ich durchquerte das Wohnzimmer. Links ging ein kurzer Korridor ab, der zu einem Badezimmer führte. Nach Emilys Beschreibung lag ihr Schlafzimmer links und Altheas Zimmer rechts von diesem Korridor. Beide Türen waren geschlossen. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf Zehenspitzen den Gang entlangschlich und einen Moment vor Altheas Tür stehenblieb. Dann legte ich ein Papiertaschentuch über den Griff und öffnete.
Vorsichtig sah ich hinein: zartrosa Wände, Spielzeugregale, Stofftiere auf dem Fensterbrett, ein weißes Kinder-Himmelbett.
Und keine Leiche.
Ich starrte verdutzt auf die Tür. War ich nicht im richtigen Zimmer?
Ich probierte die gegenüberliegende Tür, doch die war, wie Emily gesagt hatte, verschlossen. Verwirrt kehrte ich in Altheas Zimmer zurück. Was wurde hier gespielt? Das Bett sah unberührt aus, die Überdecke fleckenlos weiß, die Kissen waren aufgeschüttelt. Vorsichtig zog ich die Bettdecke zurück und betrachtete prüfend das Bettuch. Von Blut keine Spur. Unter dem Leintuch lag eine Gummiunterlage, offenbar um die Matratze zu schützen, wenn Althea nachts gelegentlich ein kleines Mißgeschick passierte. Als ich schließlich auch die Gummiunterlage zurückschlug, kamen auf der Matratze weder Blutspuren noch Einschußlöcher zum Vorschein. Ich machte das Bett, strich den Überwurf glatt und schüttelte die Zierkissen auf.
Dann ging ich nachdenklich aus dem Zimmer und zum Telefon, das ich in der Küche entdeckt hatte. Ich legte auch hier ein Papiertaschentuch über den Hörer und hob ab. Die Leitung war tot. Ich verließ die Wohnung. Draußen war noch immer niemand zu sehen. Vorsichtig drückte ich mich an der Außenmauer entlang bis zu den Fenstern, die zu Emilys Schlafzimmer gehören mußten. Die Vorhänge waren einen Spaltbreit geöffnet. Ich spähte hinein. Alles schien in bester Ordnung zu sein. Von einer Leiche keine Spur.
»Kann ich irgendwie behilflich sein?«
Ich wirbelte herum. Vor mir stand eine Frau und musterte mich argwöhnisch. Sie war Mitte Vierzig, eine welke Schönheit mit tiefen Falten um Augen und Mundwinkel.
»Mein Gott, Sie haben mich zu Tode erschreckt!« entfuhr es mir atemlos.
»Das sehe ich.«
»Hören Sie, es ist nicht so, wie Sie denken. Ich wollte wirklich nicht einbrechen. Emily Culpepper hat mir ihre Wohnungsschlüssel gegeben, damit ich etwas für sie überprüfe.«
»Aha. Und das wäre?« fragte sie.
»Ich bin Privatdetektivin. Hier ist mein Ausweis.«
Ich zog die in Plastik eingeschweißte Kopie meiner Lizenz mit diesem schrecklichen Foto von mir aus der Handtasche. »Ich bin Kinsey Millhone«, fuhr ich fort, tippte mit dem Finger auf die Namenszeile und überließ ihr den Ausweis zur näheren Betrachtung. Ich hoffte, sie würde so etwas sagen wie: >Das Foto ist Ihnen aber gar nicht ähnlich<, doch sie schwieg. Schließlich gab sie mir meinen Ausweis unwillig zurück. »Trotzdem haben Sie mir noch nicht erklärt, was Sie hier eigentlich suchen.«
»Die Schlafzimmertür ist verschlossen. Ich wollte nachsehen, ob vielleicht jemand drin ist. Sind Sie Emilys Nachbarin?«
»Die Hausmeisterin. Pat Norman.«
»Kennen Sie Emilys Freund Gerald?«
»Gerry. Ja. Den kenne ich.« Sie beäugte mich weiterhin mißtrauisch, so als traue sie mir zu, jederzeit eine Gummischlange aus dem Ärmel zu zaubern und sie aus purem Übermut zu erschrecken.
»Dann wissen Sie vermutlich Bescheid«, fuhr ich fort. »Emily hatte angeblich gestern Krach mit Gerald und ist dann wütend davongefahren. Heute morgen ist sie nach Hause gekommen und hat Gerald im Bett ihrer Tochter vorgefunden... erschossen.«
»Tot?« fragte Pat entsetzt. »Großer Gott, warum hat sie denn das getan? Ist ja nicht zu fassen! Sieht Emily überhaupt nicht ähnlich.«
»Die Sache scheint komplizierter zu sein, als Sie denken. Ich konnte keine Leiche entdecken. Außerdem ist das Telefon kaputt. Könnte ich mal bei Ihnen telefonieren?«
Ich folgte Pat Norman in ihre Wohnung. Sie führte mich zum Telefon. Ich rief Germaine an und war unangenehm berührt, als Pat unverblümt lauschte. Germaine versprach, sofort mit Emily zu mir zu kommen.
Pat lud mich ein, während der Wartezeit eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich nahm dankend an und sah mich in ihrer Wohnung um, während sie Geschirr holte. Die Aufteilung entsprach Emilys Apartment, die Möblierung war anders, doch Teppich, die Tapete in der Küche bis hin zu der Telefonnummer, die jemand mit Bleistift über dem Telefon an die Wand geschrieben hatte, waren identisch. Pat schien eine Vorliebe für Fotos zu haben, die sie mit irgendwelchen Berühmtheiten zeigten und die mit gefühlvollen Widmungen versehen waren. Sämtliche dieser >VIP’s< waren mir unbekannt, aber ich nahm an, daß ich mich beeindruckt zeigen mußte. »Eine tolle Sammlung. Alle Achtung«, bemerkte ich und vermied jede konkretere Bezeichnung.
»Ich war Golfprofi... in meiner Jugend«, gestand sie.
»Das ist ja interessant! Und seit wann machen Sie hier die Hausverwaltung?«
»Seit zwei Jahren.«
»Und Emily? Seit wann wohnt Emily hier?«
»Seit der Trennung von ihrem Mann. Das muß jetzt ein knappes Jahr her sein. Kurz darauf ist Gerald eingezogen.« Pat zögerte. »Wenn ich ehrlich sein soll, muß ich gestehen, daß ich den Streit gestern abend mitgekriegt habe. Ich habe die Wohnung direkt daneben... und mußte praktisch alles mitanhören. Ich bin überzeugt, daß sie ihm kein Haar gekrümmt hat... aber gedroht hat sie ihm... natürlich ohne es ernst zu meinen. So wie er sich verhalten hat, könnte man es allerdings verstehen.«
»Worum ging der Streit?«
»Sicher um seine Frauengeschichten. Er nahm mit, was er kriegen konnte. Der Typ, der sich zuerst Geld leiht und dann verduftet.«
»Haben Sie irgend etwas Ungewöhnliches gehört, nachdem Emily das Haus verlassen hatte?«
»Kann ich nicht behaupten.«
»Was ist eigentlich mit dieser Caroline? Ich meine die Frau, mit der er angeblich eine Affäre hatte?«
»Angeblich? Na, Sie sind gut! Monatelang hat er mit ihr rumgemacht, bis Emily endlich dahintergekommen ist. Ich wußte längst, daß da was lief, aber ich habe den Mund gehalten. Es geht mich schließlich nichts an. Da halte ich mich lieber raus.«
»Hatte er sich auch von Caroline Geld geliehen?«
»Keine Ahnung. Caroline wohnte zwei Apartments weiter. Vergangene Woche ist sie ausgezogen. Von heute auf morgen. Ziemlich rücksichtslos.« Pat sah auf die Uhr. »Heute kommen Leute, um die Wohnung zu besichtigen. Ich will sie zum Monatsende wieder vermietet haben.«
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Pat öffnete. Eigentlich hatte ich Germaine und Emily erwartet. Statt dessen sagte eine kleine Person: »Ist Mammi da?«
Pat warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Dann antwortete sie in dem albernen Ton, den Erwachsene gern vor Kindern benutzen: »Nein, Althea. Komm doch rein. Ist dein Daddy auch da?«
»Ja. Unten im Wagen.«
Normalerweise kann ich Kinder nicht leiden. Ich bin ein Einzelkind und bei einer unverheirateten Tante aufgewachsen, für die Kinder grundsätzlich ein Ärgernis waren, und manchmal auch ich. Althea jedoch hatte eine seltsame Wirkung auf mich. Sie hatte den stämmigen Körper einer Vierjährigen und ein uraltes Gesicht. Ich konnte mir exakt vorstellen, wie sie später einmal aussehen würde. Das Mädchen hatte Pausbacken und trug eine Brille mit rosarotem Plastikgestell. Hinter den dicken Gläsern wirkten ihre grauen Augen unnatürlich groß. Ihr vollkommen glattes braunes Haar war an beiden Seiten mit pinkfarbenen Spangen zusammengefaßt, die schon herauszurutschen drohten. Ihr gesmoktes Hängerkleidchen hatte Puffärmel, deren Gummizüge sich in ihre molligen Oberarme eindrückten. Sie wirkte in sich gekehrt und humorlos. In späteren Jahren würde sie sich vermutlich zu einer jener geheimnisvollen Frauen entwickeln, denen die Männer verfielen. Arrogant und mondän würde sie allen die Herzen brechen und niemals ganz verstehen, was sie anrichtete.
»Ich sollte dem Vater Bescheid sagen«, wandte sich Pat leise an mich. Altheas Blick wanderte von Pat zu mir.
»Hallo, ich bin Kinsey«, stellte ich mich vor.
»Hallo«, erwiderte das Mädchen.
Pat lief zum Parkplatz hinaus, wo offenbar Mr. Culpepper wartete.
Althea musterte mich mit dem feierlichen Ernst einer Katze. Sie setzte sich in einen Sessel und rutschte so weit zurück, daß ihre Füße gerade noch über den Polsterrand ragten. »Wer bist du?«
»Ich bin Privatdetektivin. Weißt du, was das ist?«
Sie nickte und schob die Brille zurück.
Da ich annahm, daß sie ihr Wissen über Privatdetektive aus dem Fernsehen bezog, war ich sicher, daß ich kaum ihren Vorstellungen entsprach. Das war vermutlich auch der Grund, warum sie mich so skeptisch anstarrte.
»Ich habe nicht ins Bett gemacht«, erklärte sie unvermittelt.
»Das glaube ich dir.«
Während sie mich weiterhin unverwandt musterte, schien sie etwas mehr Vertrauen zu mir zu fassen. »Wo wohnst du denn?« fragte sie schließlich.
»Drunten am Strand«, antwortete ich.
»Und warum bist du hier?« wollte sie wissen.
»Weil deine Mammi mich hergebeten hat.«
»Weshalb?«
»Damit ich mich ein bißchen umsehe und mit Pat rede...«
Althea betrachtete ihre Lederschuhe. »Soll ich dir mal was sagen?«
»Was denn?«
»Hühnerpopo«, sagte sie und ihr Gesicht verzog sich zu einem schüchternen Lächeln.
Ich lachte fast mehr über ihren Gesichtsausdruck als über den Kinderwitz, den ich als Kind selbst gern zum besten gegeben hatte. »Wie heißt dein Daddy?«
»David. Er ist netter als Gerald.«
»Kann ich mir vorstellen.«
Sie beugte sich plötzlich vor und zupfte an ihrem Schuh herum. Dann lehnte sie sich zurück und bewegte die Füße hin und her. »Wo ist meine Mutter?«
»Auf dem Weg hierher«, erwiderte ich.
Plötzlich wurde es still. Althea schnalzte mit der Zunge. Dann seufzte sie und stützte das Kinn auf die Hand. »Machst du manchmal ins Bett?«
»In letzter Zeit nicht mehr.«
»Ich auch nicht mehr. Nur Babys tun das. Und ich bin schon groß.«
Sie verstummte erneut. Wir hatten das Thema offenbar erschöpfend behandelt.
Draußen hörte ich Stimmengemurmel. Pat kehrte in Begleitung eines Mannes zurück, der sich mir als David Culpepper vorstellte. Culpepper war ein großer Mann mit Vollbart, dichtem Haar, breiten Schultern, schmalen Hüften und dem Oberkörper eines Gewichthebers. Er trug ein Flanellhemd, Jeans und Stiefel. Zum idealen Cowboy fehlte ihm eigentlich nur noch das Pferd. »Pat hat mir schon alles erzählt«, begann er. »Ist Emily noch nicht da?«
»Sie muß jeden Augenblick kommen«, versicherte ich ihm.
Wir sahen alle wie auf Kommando zu Althea, der Schocks irgendwelcher Art natürlich erspart bleiben sollten.
»Althea, Kleines«, sagte Pat prompt wie Minnie Mouse persönlich. »Geh’ doch noch ein bißchen auf den Spielplatz schaukeln.«
»Das war ich schon.«
»Althea!« sagte ihr Vater mit drohendem Unterton.
Althea stand mit einem hörbaren Seufzer auf und ging mit beleidigter Miene zur Tür. Kaum war sie verschwunden, wandte sich David Culpepper mir zu.
»Was ist eigentlich los?«
»Im Augenblick weiß ich auch nicht mehr als Sie«, ent-gegnete ich. »Ihre Frau schwört, so gegen sechs Uhr heute morgen diesen Gerald mausetot in Altheas Bett entdeckt zu haben. Ich habe bisher nicht die Spur von ihm gefunden.«
»Mein Gott! Warum sollte Emily so was behaupten, wenn’s nicht stimmt?«
»Bitte, entschuldigen Sie mich«, warf Pat ein. »Gleich wollen sich Leute die leerstehende Wohnung ansehen. Ich warte lieber draußen. Sagen Sie mir, falls Sie was brauchen.« Damit nahm sie einen Schlüsselbund von der Küchentheke und ging in den Hof hinaus.
»Vielleicht sehen Sie sich Altheas Zimmer selbst mal an«, schlug ich David vor.
»Keine schlechte Idee.«
Emilys Wohnungstür war noch offen. Wir gingen durch den Wohnraum zu Altheas Zimmer. Von einer Leiche war genausowenig zu sehen wie zuvor. David untersuchte wie ich als erstes das Bett bis zur Matratze.
»War Gerald der Scheidungsgrund?« erkundigte ich mich, als er fertig war.
»Ja, das könnte man auch sagen.«
»Und was könnte man noch sagen?«
»Ich weiß nicht, was Sie das angeht.«
»Bitte, wenn Sie’s lieber der Polizei erzählen.«
Er seufzte. »Bevor wir Althea bekamen, war Emily berufstätig. Nach der Geburt ist sie zu Hause geblieben. Offenbar hat sie das nicht gut vertragen. Wenigstens behauptet sie das. Als Althea in den Kindergarten ging, hatte sie plötzlich kaum was zu tun. Sie ist jeden Nachmittag in den Country Club gegangen. Ich dachte, sie würde sich dort großartig amüsieren. Ich wäre froh, wenn ich soviel Zeit hätte. Sie hat Tennis, Golf und Bridge gespielt. Und Gerald kennengelernt...«
Den Rest ließ er unausgesprochen, doch es war nicht schwierig, sich alles zusammenzureimen. Emilys Verhältnis mit Gerald hatte wohl als eine Art Freizeitsex begonnen und sich dann zu einer ernsthafteren Affäre entwickelt.
»Was machen Sie eigentlich beruflich?« fragte ich.
»Ich bin Bauunternehmer. Eine ziemlich anspruchslose Arbeit«, erklärte er beinahe entschuldigend. »Mir fehlt vermutlich die nötige Romantik... ich bin eher ein Vernunftmensch. Und viel Freizeit habe ich nie gehabt. Ich habe geschuftet, damit wir gut leben konnten.«
»Emily hat behauptet, Gerald sei ein Schuft gewesen. Er hat sie betrogen, sich Geld von ihr gepumpt./ Weshalb hat sie das mit sich machen lassen?«
»Fragen Sie sie doch selbst«, entgegnete er. »Der Kerl war eine taube Nuß. Zahlen Sie mal Unterhalt und Alimente, wenn Sie genau wissen, daß Ihr Geld in die Taschen eines Mannes fließt, der Ihre Frau bumst.«
»David! Das ist eine Unverschämtheit!«
Wir drehten uns beide um. Emily Culpepper stand mit hochrotem Gesicht im Türrahmen. Hinter ihr entdeckte ich Germaine Santoni, die Anwältin aus der Kanzlei direkt gegenüber von meinem Büro. Germaine ist groß, hat dunkles, lockiges Haar und veilchenblaue Augen... David Culpepper erfaßte dies alles mit einem einzigen Blick. Ich machte die Honneurs und erklärte alles zum x-tenmal.
»Aber er hat genau dort gelegen!« sagte Emily aufgeregt. »Das schwöre ich!«
»Und Ihr Zimmer? Könnten wir da mal reinsehen?« bat ich.
Ich gab Emily ihre Schlüssel zurück. Sie schloß die Schlafzimmertür damit auf. Unsicher zwängten wir uns wie Comic-strip-Figuren in das kleine Zimmer. Von einer Leiche fehlte auch hier jede Spur. David sah in den Schrank, und Emily ließ sich auf Händen und Füßen nieder, um unters Bett zu gucken.
Schließlich machte sie die Nachttischschublade auf. »Da ist wenigstens meine Pistole!« Sie machte Anstalten hineinzugreifen.
»Lassen Sie die Finger weg!« schrie ich sie an. »Lassen Sie das verdammte Ding bloß liegen!«
Emilys Hand zuckte zurück. »Entschuldigung«, murmelte sie.
»Suchen wir weiter nach Gerald.«
Germaine nahm sich den Wäschekorb vor. Der Gründlichkeit zuliebe durchsuchte ich Altheas Zimmer und den Wäscheschrank im Flur und stellte interessiert fest, wie ordentlich dort alles war. Ich dagegen schaffte es nicht einmal, die Bettücher faltenlos zusammenzulegen, und stopfte die Handtücher meistens alle irgendwie in ein Fach hinein. Emilys Handtücher waren nach Farben geordnet, die Bettwäsche war gestärkt und gebügelt. Sie hielt sogar Platz im Regal für die Garnitur frei, die gerade in der Wäscherei war. Ich hatte den dringenden Verdacht, daß sie für die Herren sogar die Unterwäsche bügelte. Sie schien der Typ zu sein.
Ich wollte gerade in Emilys Schlafzimmer zurückkehren, als wir Pats Schreien hörten. Es klang wie in einem Horrorfilm, jedoch anhaltender. Ich hechtete aus der Wohnung und entdeckte Pat im Hof. Sie stand zwei Türen weiter, kalkweiß im Gesicht, und bewegte nur stumm die Lippen. Sie deutete dabei geradeaus. Ich drängte mich an ihr vorbei in das leere Apartment, das vormals wohl Caroline bewohnt hatte.
Auf dem Wohnzimmerfußboden lag eine Leiche. Ich hoffte nur inständig, daß es auch tatsächlich Gerald war.
»Das ist er!« behauptete Pat. »Oh, mein Gott. Er ist tot. Genau wie sie gesagt hat. Ich wollte die Wohnung noch mal lüften, bevor die Mietinteressenten kommen. Die Tür war nicht verschlossen. Ich bin reingegangen... und da lag er.« Sie brach in Tränen aus.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Leiche hierhergekommen sein sollte. Hatte Gerald möglicherweise noch gelebt, als Emily ihn am frühen Morgen entdeckt hatte? Hatte er sich aus eigener Kraft hierher geschleppt? Ich beugte mich über den Toten und betrachtete verständnislos das Häufchen weißen Pulvers neben Geralds rechter Hand. Das Zeug sah aus wie Waschpulver. Die Körnchen, die am rechten Zeigefinger des Toten hafteten, ließen darauf schließen, daß er noch versucht hatte, eine Nachricht zu übermitteln. Jedenfalls waren auf der Oberfläche des Pulvers Buchstaben erkennbar.
»Was ist das denn?« fragte David hinter mir.
»Keine Ahnung«, murmelte ich. »Liest sich wie M-A-F-I-A. Mafia?«
»Großer Gott, ein Mafiamord!«
»Machen Sie sich nicht lächerlich!« schimpfte Pat und putzte geräuschvoll die Nase. »Was sollten die denn von Gerald gewollt haben?«
Ich ging in die Küche. Die Waschpulverschachtel stand vor der Spüle am Boden. Sie war leer. Es handelte sich um eine jener Portionspackungen, die man in Waschsalons aus dem Automaten holen kann. Ich ließ alles so, wie es war. Die Leute von der Spurensicherung hatten sicher noch einiges damit vor.
Inzwischen war natürlich auch Emily Culpepper herübergekommen, zusammen mit Germaine und einem Paar, das ich zum erstenmal sah. Die Vier standen vor der Tür. Ich sah, wie sich die fremde Frau zu Germaine hinüberbeugte und ihr ins Ohr flüsterte.
»Ist das die Wohnung, die zu vermieten ist?«
Germaine nickte und legte den Finger an die Lippen. Vermutlich wollte sie die Dame damit zum Schweigen bringen, um uns verstehen zu können.
Die Frau senkte die Stimme. »In der Annonce stand was von Einbauten. Wissen Sie, ob der Kühlschrank eine automatische Abtauvorrichtung hat?« Offenbar nahm sie an, Germaine sei die Mäklerin.
Germaine schüttelte den Kopf. »Ich bin auch gerade erst hergekommen«, wisperte sie. »Im Wohnzimmer liegt eine Leiche.«
»Der frühere Mieter?«
»Jemand anders«, erwiderte Germaine.
Die Frau nickte, als ob man bei einer Wohnungssuche öfters über Leichen stolperte. Sie gab die Informationen an ihren Mann weiter, und der stellte sich sofort auf Zehenspitzen, um besser sehen zu können.
»Ich rufe von Pat aus die Polizei an«, erklärte David unvermittelt. »Faßt nichts an.« Wir starrten ihn verblüfft an. Bis auf den toten Gerald war die Wohnung leer. Und wer wollte schon eine Leiche anfassen?
Pat begann erneut leise zu schluchzen. Emily legte tröstend den Arm um sie, führte sie in den Hof und setzte sich mit ihr auf den Brunnenrand. Die Mietinteressenten hatten offenbar beschlossen, sich weiter umzusehen, und verschwanden in der Wohnung. Ich gesellte mich zu Pat und Emily auf den Brunnenrand. Germaine ging im Hof auf und ab und rauchte eine Zigarette.
Plötzlich beugte sich Emily vor und sah mich an. »Jetzt wissen Sie, daß ich nicht verrückt bin«, sagte sie. »Ich habe ihn heute morgen gesehen. Allerdings ist mir nicht klar, wie er dorthin gekommen ist.«
»Sind Sie sicher, daß er heute morgen tot war?« fragte ich noch einmal.
»Also beschwören könnte ich das nicht.«
»Was ist mit dem Hinweis auf die Mafia? Könnte Gerald was mit dem Mob zu tun gehabt haben?« Ich faßte es selbst kaum, daß mir Platitüden wie >Mob< so glatt über die Lippen gingen, so als sei Gerald >hingerichtet< worden, weil er einen Verbrecherboß ausgetrickst hatte. Das war absurd. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Fernsehfilm.
Pat faßte mich am Arm. Ihre Nägel gruben sich schmerzhaft in mein Fleisch. »Jetzt fällt es mir wieder ein. Caroline hat vor zwei Tagen hier angerufen. Sie wollte vorbeikommen, um den Rest der Kautionssumme für die Hausreinigung abzuholen. Sie hatte uns nämlich keine neue Adresse hinterlassen.«
»Na und?«
»Was, wenn sie wirklich zurückgekommen ist?«
»Gestern nacht?« fragte ich.
Pat nickte heftig. »Vielleicht hat sie gehört, wie Emily Gerald bedroht hat. Sie könnte gewartet haben, bis Emily fortgefahren war, und dann selbst hineingegangen sein.«
»Hat sie von der Pistole gewußt?«
»Das wußte jeder«, erwiderte Pat.
Emily blieb skeptisch. »Ich hatte die Tür zwar nicht abgeschlossen gelassen, aber es macht trotzdem keinen Sinn. Wenn sie ihn umgebracht hat... warum hat sie dann die Leiche in ihre Wohnung gebracht, anstatt sie in meinem Apartment zu lassen?«
»Und weshalb hätte sie Ihre Telefonleitung durchschneiden sollen?« warf ich ein. »Das Problem ist, daß wir den Hergang nicht kennen. Möglicherweise haben Sie den Mörder gestört.«
»Augenblick mal«, sagte Emily plötzlich. »Angenommen er hat versucht, die Anfangsbuchstaben des Namens seines Mörders zu schreiben...«
Ich sah, wie alle mit dem Mund stumm M-A-F-I-A... formten, um herauszufinden, wie der Name lauten konnte.
In diesem Moment kam David über den Hof. »Die Polizei ist unterwegs«, verkündete er.
»Ich gleich auch, Herrschaften«, erklärte Germaine. »Ich habe in zehn Minuten eine Besprechung in meinem Büro.«
»Aber wie soll ich mich denn verhalten?« fragte Emily. »Was ist, wenn sie mich verhören und ins Gefängnis stecken?«
»In einer Stunde bin ich wieder hier. Verweigern Sie erst mal die Aussage. Sagen Sie den Herren, daß Sie Fragen nur in Gegenwart Ihrer Anwältin beantworten.«
»Kann ich das denn?« wollte Emily naiv wissen. »Ich meine, ist das überhaupt zulässig?«
»Das steht im Gesetzbuch, schwarz auf weiß, Herzchen«, erwiderte Germaine mit mehr Geduld, als ich sie in diesem Moment aufgebracht hätte.
Ich warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie ging zu ihrem Wagen, der am Straßenrand parkte.
Etwas an dieser Geschichte stimmte nicht. Ich hatte wieder einmal das Gefühl, es müsse für alles eine simple Erklärung geben, vorausgesetzt ich kam darauf. Jemand zupfte an meinem Ärmel. Ich sah hinunter. Neben mir stand Althea. Sie schob ihre Hand in meine Hand. Offenbar fühlte sie sich ausgerechnet zu mir hingezogen; fast wie eine Katze, die sich unweigerlich auf dem Schoß desjenigen niederläßt, der an Katzen-Phobie leidet. Zugegeben, ich fühlte mich irgendwie geschmeichelt. Allerdings konnte ich mir nicht ganz erklären, womit ich mir dieses Vertrauen verdient hatte.
Pat entdeckte jetzt ebenfalls das kleine Mädchen.
»Oh, da ist ja Althea!« flötete sie in höchsten Tönen.
»Wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang«, verkündete ich entschlossen, denn ich fürchtete fast, auch noch in diesen Ton zu verfallen, wenn ich noch länger hier herumhing.
Althea und ich schlenderten in einer Seitenstraße auf und ab, an einem Eingang zum Innenhof vorbei. Dabei konnte ich beobachten, daß mittlerweile zwei Beamte in Uniform eingetroffen und die potentiellen Mieter bei der Besichtigung der Waschküche angelangt waren. Die Leute von der Spurensicherung schienen sich zu verspäten, denn in der folgenden halben Stunde standen alle nur tatenlos herum. Zuvor hatte ein Beamter die Personalien der Beteiligten aufgenommen, und der andere den Tatort mit einem Seil abgesperrt.
Altheas Schweigen wurde mir allmählich doch unheimlich.
»Bist du kein bißchen neugierig?« fragte ich.
Sie schüttelte ernst den Kopf. »Wir sind vorhin nicht hier gewesen, als ich gespielt habe.«
»Was hast du gemacht?«
»Nichts.«
»Klingt langweilig«, bemerkte ich. »Und wieso hast du nichts gemacht?«
»Deshalb.«
»Und dabei bleibst du, was?« sagte ich scherzhaft. Ich sah in das ernste kleine Gesicht mit den Pausbacken, der Brille und den großen grauen Augen hinunter. Für das Kind war die Sache nicht zum Lachen, und ich wußte, daß ich nichts ins Lächerliche ziehen durfte.
»Gerald ist tot«, erklärte sie.
»Ja, sieht so aus«, antwortete ich nachdenklich.
Ich dachte an den Mann, der in ihrem Zimmer erschossen worden war, und an die leere Wohnung zwei Türen weiter. Emily mußte am Tatort aufgetaucht sein, bevor die Leiche fortgebracht werden konnte. Aber weshalb hatte man ihn ausgerechnet dort umgebracht? Und warum hatte man ihn dann fortgeschafft? Weshalb fanden sich in Altheas Bett keinerlei Spuren? Das Waschpulver auf dem Teppich und die Buchstaben fielen mir wieder ein. Es war reichlich verwirrend. Die Antwort schien greifbar zu sein. Ich blieb stehen. Zu viele Fragen wirbelten in meinem Kopf herum.
»Komm! Mal sehen, ob wir bei Pat kurz telefonieren können«, sagte ich zu Althea. Das Kind trippelte gehorsam neben mir her. Wir gingen auf den Hof und an der Waschküche vorbei.
»Warte einen Moment.« Ich streckte den Kopf zur Tür hinein. An der Wand hing tatsächlich ein Waschmittelautomat, aus dem man kleine Portionspackungen entnehmen konnte. Es waren dieselben Schachteln, die wir in Carolines Wohnung gefunden hatten. Zumindest wußte ich jetzt, woher das Waschpulver stammte.
Am Brunnen warteten Pat und Emily noch immer auf das Eintreffen der Mordkommission mit Arzt, Fotografen und anderen Spezialisten.
»Darf ich mal bei Ihnen telefonieren?« bat ich Pat. Sie nickte.
Die Telefonnummer, die ich sowohl bei Pat als auch bei Emily an der Wand gelesen hatte, machte mich neugierig. Warum hatten sich die beiden dieselbe Nummer notiert? Was hatten sie gemeinsam... abgesehen von der Tatsache, daß sie in einem Haus wohnten? Ich überlegte, ob die Lösung des Rätsels in dieser siebenstelligen Nummer verborgen liegen könnte.
Wir betraten Pats Wohnung. Ich ging schnurstracks zum Telefon, warf einen Blick auf die Nummer an der Wand und wählte. Das Rufzeichen ertönte zweimal, dann meldete sich eine melodische Stimme: >Beim ersten Ton des Zeitzeichens ist es zwölf Uhr null Minuten und null Sekunden<. Ich lachte schallend. Althea musterte mich verwundert.
»Was ist denn so lustig?« wollte sie wissen.
»Ach, nichts. Ich habe nur gerade was Dummes gemacht.«
Auf dem Weg zur Wohnungstür fiel mein Blick auf Pats Fotokollektion. Und plötzlich erlebte ich eines jener geistigen Erdbeben, durch die alle Zusammenhänge klar werden. Vielleicht war nicht das >Warum<, sondern das >Wer< die entscheidende Frage. »Althea, war Gerald Golfprofi?«
Das Kind nickte.
»He, Kleine«, sagte ich. »Gerade haben wir beide den Fall geknackt!«
Altheas Blick war eher besorgt als begeistert.
Als ich in den Innenhof zurückkam, war Lieutenant Dolan endlich eingetroffen. Er beriet sich mit den beiden Beamten in Uniform. David, Emily und Pat standen abwartend etwas abseits. Über mein Auftauchen schien er überrascht, aber nicht unbedingt unangenehm berührt zu sein. Dolan ist der stellvertretende Leiter des Dezernats für Gewaltverbrechen, Mitte Fünfzig und ein kluger Kopf mit Hängebacken. Obwohl ich meistens ein Ärgernis für ihn bin, weiß er doch, daß ich ihn respektiere und niemals in seinem Revier wildere. Da ich selbst zwei Jahre im Polizeidienst gewesen bin, würde ich nie Informationen zurückhalten oder Beweismittel unterschlagen.
»Was haben Sie denn mit diesem Fall zu tun?« fragte er prompt.
Ich gab ihm einen kurzen Abriß der Ereignisse. Als ich geendet hatte, steckte er die Hände in die Taschen und wippte auf den Absätzen hin und her. »Und wie ich annehme, zaubern Sie uns den Mörder auch gleich aus dem Hut.« Das war als Witz gedacht.
»Ganz richtig«, erwiderte ich. »Darf ich anfangen?«
»Ihr Auftritt, bitte!«
Ich faßte Althea an der Hand und ging in Emilys Apartment zurück. Die ganze Versammlung trabte hinter uns her in Altheas Zimmer. Ich kam mir fast ein wenig wie Hercule Poirot vor. Ich wartete, bis alle versammelt waren, auch die Wohnungshaie, die im Hintergrund lauerten und sich verstohlen umsahen. Man konnte ja nicht wissen. Vielleicht wurde Emily verhaftet, und ihr Apartment stand ebenfalls zur Disposition.
»Fangen wir ganz von vorn an«, erklärte ich. »Emily war überzeugt, daß Gerald in Altheas Bett erschossen worden ist. Als ich herkam, war die Leiche jedoch verschwunden, und es fehlte jede Spur von einem Mord.
Ich bin zu Pat rübergegangen, um zu telefonieren. Da kamen Althea und ihr Vater. Emily hatte das Kind über Nacht zu David geschickt, und er brachte sie nun zurück. Das sollten wir zumindest glauben. In Wahrheit hatte David Althea bereits wesentlich früher zurückgebracht. Er hatte Geralds Leiche entdeckt und sofort erkannt, wie schlecht es um Emily bestellt war...«
»Augenblick mal«, unterbrach Dolan mich. »Weshalb sind Sie so sicher, daß die Leiche überhaupt hier gelegen hat? Sie stützen sich doch allein auf Mrs. Culpeppers Aussage, stimmt’s?«
»Schon, aber die entspricht der Wahrheit«, erwiderte ich.
»Beweise?« forderte Dolan lakonisch. Er schien interessiert, aber nicht überzeugt zu sein.
Mein Herz begann nervös zu klopfen, doch ich gab mich selbstsicher. Wie schon einige Stunden zuvor zerlegte ich das Bett. Leintuch und Bezüge waren noch immer peinlich sauber, und die Matratze sah völlig unberührt aus. David knackte unruhig mit den Fingerknöcheln. Emily legte Althea beschützend die Hände auf die Schultern und zog sie an sich.
»Drehen wir die Matratze doch einfach mal um«, erklärte ich.
Die beiden Polizisten in Uniform taten das mit einem geschickten Ruck. Auf der Unterseite wies die Matratze im rechten unteren Bereich ein Loch und einen dunkelroten Fleck auf.
»Wenn mich nicht alles täuscht, müßten Sie dort in der Füllung die Kugel vom Kaliber 5,6 Millimeter finden, die Gerald getötet hat.«
»Aber was haben das Waschpulver und die durchgeschnittene Telefonleitung zu bedeuten?« fragte Pat.
»Gar nichts«, erwiderte ich. »David hat sein möglichstes getan, um den Verdacht von seiner Exfrau abzulenken. Deshalb das ganze Theater. Er hat die Leiche vom Tatort weggeschafft, die Matratze umgedreht und das Bett frisch bezogen.«
»Er?« wiederholte Emily überrascht, als höre sie zum erstenmal, daß ihr Exmann überhaupt in der Lage war, ein Bett zu beziehen.
»Ja, natürlich. Mir ist aufgefallen, daß eine Garnitur im Wäscheschrank fehlt. Außerdem habe ich gemerkt, daß Althea aus irgendeinem Grund Angst hatte. David hatte sie zum Spielplatz geschickt, aber sie hatte gesehen, wie er das Bett abzog und fürchtete, man würde ihr vorwerfen, ins Bett gemacht zu haben.«
Althea sah von einem zum anderen. Sie merkte offenbar, daß ihr Vater in einer unangenehmen Lage war.
»David hat Althea eingeschärft, niemandem zu sagen, daß sie hier gewesen waren, und sie hat ihn wörtlich genommen«, fuhr ich fort. »Ich fand die Art, wie sie sich ausdrückte merkwürdig, bis mir klarwurde, was sie mit >wir sind vorhin nicht hier gewesen< meinte.« Ich sah Althea an. »Du hast versucht, genau das zu tun, was dein Daddy dir gesagt hatte, stimmt’s?«
»Und wie geht’s weiter?« fragte Dolan ungeduldig.
»Tja, nachdem er die Leiche fortgeschafft hatte, hat er versucht, falsche Spuren zu legen. Er hat das Waschpulver ausgeschüttet und mit Geralds Finger Buchstaben in das Pulver gemalt. Es sollte so aussehen, als sei Gerald von wildfremden Leuten umgebracht worden. David hat offenbar zu viel Folgen von >Hawai-Null-Fünf< gesehen.«
»Blödsinn!« schnaubte David verächtlich. »Sie können nichts beweisen!«
»O doch. Ich denke schon«, widersprach ich gelassen.
»David soll Gerald umgebracht haben?« sagte Emily mit ihren großen unschuldigen Augen.
Ich schüttelte den Kopf. »Das war Pat«, erklärte ich. »Pat wie Patricia.«
Alle drehten sich gleichzeitig um und starrten Pat an; nur das Ehepaar im Hintergrund verzog keine Miene.
»Wer?« fragte der Mann seine Frau.
»Ich?« sagte Pat. »Das ist doch lächerlich. Welchen Grund sollte ich gehabt haben?«
»Das müssen Sie uns schon persönlich erklären«, fuhr ich fort. »Ich nehme an, daß Sie vor langer Zeit in Gerald verliebt gewesen waren. Damals zum Beispiel, als Sie das Haig&Haig-Turnier im Jahre 1966 gespielt haben. Sie haben mir selbst erzählt, daß Sie damals Golfprofi waren. Das Foto, das man von Ihnen beiden beim Turnier gemacht hat, hängt in Ihrer Wohnung. Es trägt sogar seine Widmung: >Für Trish, in ewiger Liebe — Gerry.< Schon als ich zum erstenmal bei Ihnen telefoniert habe, ist mir das Bild aufgefallen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich Gerald ja noch nicht gesehen. Erst beim zweitenmal habe ich ihn darauf erkannt. Und dann ist mir eingefallen, daß Emily von einer ehemaligen Freundin Geralds namens >Trish< gesprochen hatte.«
Dolan blickte Pat an. »Möchten Sie einen Anwalt, bevor Sie mehr sagen?«
»Ach, was hilft das schon?« entgegnete sie ungeduldig. »Der Schuft ist tot. Das ist alles, worauf’s mir ankommt. Ich hatte zwar gehofft, den Mord einer anderen anhängen zu können, aber dann hat David alles verdorben. >M A F I A<! Mein Gott, ich habe meinen Augen nicht getraut!«
»Geschieht Ihnen ganz recht!« konterte David. »Sie haben versucht, den Verdacht auf Emily zu lenken!«
»Na und? Sie hätte auf Mord im Affekt plädieren können. Und welche Geschworenen hätten ein Püppchen wie sie schon auf den elektrischen Stuhl gebracht?«
»Aber warum haben Sie ihn denn umgebracht?« wollte Emily entsetzt wissen. »Das begreife ich nicht.«
»Auch um Gänse wie Sie vor ihm zu schützen«, entgegnete Pat. »Sie haben ja keine Ahnung, was er mir angetan hat. Ich bin zweiundzwanzig, dumm und unerfahren gewesen. Der Schuft hat mich um mein ganzes Geld erleichtert und sich mit einem Flittchen davongemacht, das weit unter mir in der Rangliste stand. Er hat mir das Herz gebrochen, meinen Aufschwung ruiniert und meine Karriere zerstört. Und dann platzt er eines Tages so mir nichts, dir nichts wieder in mein Leben! Das war zuviel für mich. Und das schlimmste: Er hat mich nicht mal wiedererkannt! Er wußte gar nicht, wer ich bin. Ich habe damals gelitten wie ein Tier. Dabei war ich ihm völlig gleichgültig. Ich war ein Niemand. Nicht mal eine nette Erinnerung. Mir war von vornherein klar, daß ich mit ihm abrechnen würde. Und wenn’s das letzte sein sollte, das ich auf dieser Welt tat.«
»Hört, hört«, sagte der Mann im Hintergrund und verstummte, als seine Frau ihm den Ellbogen in die Rippen stieß.
Danach löste sich die Versammlung auf. Pat wurde fortgebracht. Die anderen versuchten in der folgenden Viertelstunde, alles noch einmal zu rekapitulieren. Emily bat David eine Weile zu bleiben. Sie war gerührt, daß er versucht hatte, sie vor dem Zugriff der Polizei zu retten. Mir war schon seit geraumer Zeit aufgefallen, daß sich meine Kopfschmerzen wieder einstellten, und ich verabschiedete mich. Althea folgte mir und beobachtete jede meiner Bewegungen. Sie postierte sich auf dem Bürgersteig, während ich in den Wagen stieg. Schließlich kurbelte ich das Fenster auf der Beifahrerseite herunter und machte ihr ein Zeichen, näher zu kommen.
»Alles in Ordnung?« fragte ich.
Althea nickte und sagte dann scheu: »Wenn ich groß bin, möchte ich werden wie du.«
»Gute Idee«, lobte ich. »Paß mal auf. Heute in zwanzig Jahren kommst du zu mir ins Büro. Dann machen wir einen Partnerschaftsvertrag.«
»In Ordnung«, sagte sie ernst, und wir besiegelten die Abmachung mit einem Handschlag.