Gras aus Non Sung
Der Tag war ungewöhnlich: wolkenverhangen und kalt. Sonnenschein und ein böiger Wind, der als Vorhut eines tropischen Wirbelsturms über Kalifornien zog, wechselten in rascher Folge. Es war Ende September in Santa Teresa. Statt des üblichen schönen Altweibersommers erlebten wir bereits einen Vorgeschmack auf den bevorstehenden langen grauen Winter. Ich kramte unwillkürlich dicke Pullover aus der untersten Schublade und fuhr in einer Dunstwolke aus Mottenkugeln und Parfüm vom Vorjahr ins Büro.
Den Vormittag verbrachte ich mit Papierkram am Schreibtisch, eine Beschäftigung, die ich als äußerst unproduktiv empfinde. Es war das Ende einer ereignislosen Woche, und ich war so gelangweilt, daß ich jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, dem Schreibtisch zu entfliehen. Kurz vor zwölf Uhr mittags ertönte ein schüchternes Klopfen an meiner Tür, und eine junge Frau betrat mein Büro. Sie war höchstens zweiundzwanzig, mit sinnlichen, leicht ordinären Zügen, und schien nach durchfeierter Nacht noch nicht wieder zu Hause gewesen zu sein. Wie sonst war zu erklären, daß sie ein tief dekolletiertes Flitterkleid trug? Es sei denn, sie bevorzugte diesen Aufzug auch tagsüber. Die Schuhe mit den hohen, spitzen Absätzen waren in passendem Grün gefärbt. Die Beine waren nackt. Unsicher wie eine Anfängerin auf Rollschuhen stakste sie zu meinem Schreibtisch.
»Hallo! Einen schönen guten Tag. Setzen Sie sich doch«, lud ich sie ein.
Sie sank auf einen Stuhl. »Danke. Mona Starling ist mein Name. Schätze, Sie sind Kinsey Millhone?«
»Volltreffer.«
»Und Sie sind wirklich Privatdetektivin?«
»Mit Stempel und allem Pipapo«, antwortete ich.
»Unverheiratet?«
Ich nickte und zuckte mit den Schultern in der Hoffnung, das würde als Erklärung für die zwei Scheidungen und meinen gegenwärtig glücklichen Status als Single genügen.
»Bestens«, sagte sie. »Dann können Sie mich verstehen. Mann, ich fasse es selbst nicht, daß ich jetzt hier sitze. Noch nie hab’ ich einen Privatdetektiv engagiert. Aber was soll ich sonst machen?«
»Worum geht’s denn?«
Sie lief rot an, vielleicht aus Nervosität oder Verlegenheit. Jedenfalls belebte die Färbung ihre grünen Augen ungemein. Sie rutschte unruhig hin und her, und der Goldflitter an ihrem Kleid blinkte. Sie wirkte plötzlich sehr jung, kaum alt genug, um einen Führerschein zu besitzen.
»Vielleicht finden Sie’s idiotisch, aber... Also gestern abend habe ich diesen Typ kennengelernt, und es hat gefunkt! O Mann! Wie das gefunkt hat! Er hat gesagt, daß er Gage heißt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Manchmal erfinden die Kerle einfach einen Namen, wenn sie verheiratet sind... oder nicht wissen, ob sie einen wiedersehen wollen. Jedenfalls ist die Post abgegangen. Danach ist er verduftet. Wieviel würd’s kosten, wenn Sie für mich rausfinden, wo ich ihn erreichen kann?«
»Woher wissen Sie, daß er darauf Wert legt?«
»Wär’ doch möglich, oder? Ich gebe ihm natürlich noch ein paar Tage Zeit. Seinen Namen und seine Adresse brauche ich nur für alle Fälle.«
»Vermutlich auch seine Telefonnummer, oder?«
Sie lachte unsicher. »Also... ja, natürlich.«
»Und was ist, wenn er die Bekanntschaft nicht erneuern will?«
»Dann würde ich ihn in Ruhe lassen. Ich weiß, es sieht aus, als wollte ich mich an ihn ranschmeißen. Aber das ist Quatsch. Er soll nur nicht glauben, daß mir das alles nichts bedeutet hat.«
»Ich nehme an, die Begegnung war... intim?«
»Kann man sagen. Wir haben gebumst... und es war super. Ich möchte ihn wiedersehen.«
Widerwillig griff ich nach Block und Bleistift und machte eine Notiz. »Und wo haben Sie den Mann kennengelernt?«
»Im >Mooter<. Hatte den Anschein, als sei das seine Stammkneipe. Die Musik war so laut, daß wir uns anbrüllen mußten. Deshalb sind wir nach ’ner Weile in die Bar nebenan. Dort war’s wenigstens ruhig. Wir haben stundenlang geredet. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Warum lassen Sie nicht die Finger davon, oder so, stimmt’s? Aber ich hab’s mir nun mal in den Kopf gesetzt.«
»Warum gehen Sie nicht ins >Mooter< und fragen dort nach?«
»Das kann ich nicht. Ich habe einen Freund. Und der ist verdammt eifersüchtig. Er würd’s rauskriegen. Ich darf einen anderen nicht mal ansehen. Manchmal ist er mir geradezu unheimlich.«
»Und wie haben Sie’s dann vergangene Nacht geschafft?«
»Er hat gearbeitet. Ich war allein«, antwortete sie. »Sie helfen mir doch, ja? Bitte! Ich bin die ganze Nacht rumgefahren und hab’ nach seinem Wagen gesucht. Er muß irgendwo in Montebello wohnen. Da bin ich sicher.«
»Wahrscheinlich finde ich ihn, Mona. Aber ich bin nicht billig.«
»Spielt keine Rolle. Ich habe Geld. Sagen Sie mir nur, wieviel?«
Nach kurzem inneren Kampf verlangte ich fünfzig Dollar von ihr. Ich hatte nicht das Herz, das übliche Honorar zu berechnen. Eigentlich war das auch kein Auftrag für mich, aber es war besser, als am Schreibtisch stupide Büroarbeit zu machen. Mona legte einen Fünfzigdollarschein auf den Tisch. Ich schrieb eine Quittung aus. Meinen üblichen Standard-Vertrag ließ ich in der Schublade. In Anbetracht ihrer Jugend konnte ich nicht einmal sicher sein, daß er überhaupt rechtskräftig war.
Ich notierte mir ihre Beschreibung des Mannes Gage. Was dabei herauskam, hätte auf jeden Anmacher der Stadt gepaßt: Anfang Dreißig, einen Meter achtzig groß, dunkles Haar, Schnurrbart, strahlendes Lächeln, Grübchen am Kinn. Mehr war nicht. Wenn man die angeblich intensiven stundenlangen Gespräche der beiden bedachte, wußte Mona eigentlich herzlich wenig von ihrem Traummann. Ich fragte sie eindringlich nach Freizeitaktivitäten, Interessen und Beruf aus. Die einzig brauchbare Information, die ich aus ihr herausbekommen konnte, war die, daß er einen alten silbergrauen Jaguar fuhr. Und in dem hatten sie auch >die Nummer abgezogen<, wie sie es nannte. Danach mußte Gage sich wahrhaftig in Luft aufgelöst haben. Muß Liebe schön sein! Ich wagte ihr nicht zu sagen, daß es immer dieselbe alte Geschichte war. In Santa Teresa sind akzeptable Männer so knapp, daß sie praktisch machen können, was sie wollen. Ich notierte mir Monas Adresse und Telefonnummer und versprach, mich zu melden. Als sie gegangen war, griff ich mir Handtasche und Autoschlüssel. Ich hatte einiges privat zu erledigen, und anschließend wollte ich mich um Monas Anliegen kümmern.
Das >Mooter< ist einer der Single-Treffs von Santa Teresa. Abends herrscht dort qualvolles Gedränge, und es ist unbeschreiblich laut. Zur >Blauen Stunde< werden Drinks für fünfzig Cents ausgeschenkt, und bei jedem Fünf-Dollar-Trinkgeld läutet eine Glocke. Die Tische sind klein und stehen dichtgedrängt um eine Tanzfläche von der Größe eines Boxrings. An den Wänden hängen die Karikaturen von Berühmtheiten. Diese Dekoration muß von einem anderen Etablissement gekauft worden sein, denn sie sind mit Widmungen an einen gewissen >Stan< versehen, und von dem hat hier noch niemand was gehört. Einer meiner Exmänner hat im >Mooter< als Jazz-Pianist gearbeitet, aber das ist Jahre her.
Ich kam um zwei Uhr nachmittags, als der Laden gerade geöffnet wurde. Zwei Männer, dem Aussehen nach Gewohnheitstrinker, drängten vor mir hinein und nahmen sofort zwei Hocker am Ende der Bar in Beschlag, offenbar ihre Stammplätze. Sie tauschten Belanglosigkeiten aus, die auf täglichen Kontakt ohne Tiefgang schließen ließen. Der Mann, der uns hereingelassen hatte, fungierte offenbar in der Doppelrolle von Barkeeper und Rausschmeißer. Er war Anfang Dreißig, hatte blondgelocktes Haar und trug ein T-Shirt mit dem Wort >RAUSSCHMEISSER< über der imposanten Brust. Seine Arme waren so dick, daß ich fürchtete, sein Hemd müßte aus allen Nähten platzen, wenn er nur die Muskeln spielen ließ.
Ich schwang mich auf einen Hocker am entgegengesetzten Ende der Bar und wartete, während der Barkeeper für die beiden anderen Gäste zwei Martinis mixte. Kurz darauf erschien eine Kellnerin zur Arbeit und zog auf dem Weg zum Bar-Küchentrakt den Mantel aus.
Dann kam der Barkeeper mit fragendem Blick auf mich zu.
»Geben Sie mir eine Wein-Schorle«, bat ich.
Ein hagerer Typ mit einem Gitarrenkasten in der Hand betrat hinter mir das Lokal. Als der Barkeeper ihn sah, grinste er. »Heh, was macht die Kunst? Wie geht’s Fresno?«
Sie schüttelten sich die Hände, und der Typ nahm zwei Hocker neben mir Platz. »War ’ne heiße Sache. Mit Einschränkungen. Aber Mary Jane war in Ordnung. Wir haben wirklich voll aufgedreht.
»Einen Smirnoff on the Rocks?«
»Ne, nicht heute. Gib mir ein Bier.«
Der Barkeeper zapfte ein Bier und stellte Wein-Schorle und Bier gleichzeitig vor uns auf die Theke. Ich überlegte, was das für ein Leben sein müßte, den ganzen Tag in Saloons herumzulungern, Bier zu trinken und Sprüche mit Langweilern und Idioten zu klopfen. Die Kellnerin kam aus der Küche und band sich ihre Schürze um. Dann nahm sie die Bestellungen der beiden Männer am anderen Ende der Theke auf. Sie wollten Sandwichs. Der Typ mit der Gitarre und ich lehnten ab, etwas zu essen. Danach machte sie sich an Servietten und Besteck zu schaffen.
Der Barkeeper fing meinen Blick auf. »Soll ich Musik anmachen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Danke bestens«, sagte ich. »Ich suche einen Kerl, der gestern abend hier war.«
»Sie sind gut. Gestern ging’s hier zu wie im Irrenhaus.«
»Offenbar ist er ein Stammgast. Soll ich ihn mal beschreiben?«
»Was hat er denn ausgefressen?«
»Gar nichts. Soviel man mir erzählt hat, hat er hier eine junge Dame aufgegabelt und sie dann sitzenlassen. Sie möchte sich bei ihm melden. Das ist alles.«
Er blieb vor mir stehen und sah mich an. »Sie sind Privatdetektivin.«
»Richtig.«
Der Barkeeper und der andere Gast wechselten einen Blick.
»Der Notdienst für Frauen, was?« bemerkte der Typ mit der Gitarre. »Ist ja großartig.«
Der Barkeeper zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Wie hat er denn ausgesehen?«
Die Kellnerin hielt ebenfalls in ihrer Arbeit inne und hörte interessiert zu.
Ich erwähnte den Vornamen und wiederholte die Beschreibung, die Mona mir gegeben hatte. »Sonst weiß ich nur, daß er einen alten silbergrauen Jaguar fährt.«
»Gage Vesca«, sagte der andere Gast prompt.
»Ja, das muß er sein«, bestätigte der Barkeeper.
»Wissen Sie, wie ich ihn erreichen kann?«
Der Typ mit der Gitarre schüttelte den Kopf, und der Barkeeper zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nur, daß er ein Idiot ist. Der Kerl hat jedenfalls ’ne Menge Geld für sein Autokennzeichen rausgeworfen: >SEX< lautet die Buchstabenkombination, falls Ihnen das was nützt. Im übrigen hat er vor zwei Monaten geheiratet. Der Junge ist ein übler Kandidat. Sie sollten Ihre Klientin lieber warnen. Der bumst alles, was sich bewegt.«
»Ich werd’s weitersagen, danke.« Damit warf ich einen Fünfdollarschein auf die Theke und sprang vom Hocker. Die Wein-Schorle ließ ich unberührt.
»Moment. Und wer war die Lady?«
»Das darf ich Ihnen nicht sagen«, antwortete ich und griff nach meiner Handtasche.
»Ich weiß, wer das war«, meldete sich die Kellnerin zu Wort. »Das Mädchen in dem grünen Flitterfummel.«
Ich fuhr zu meinem Büro zurück und nahm mir das Telefonbuch vor. Den Namen Vesca gab es dort gar nicht. Auch der Anruf bei der Auskunft brachte nichts. Schließlich rief ich einen Freund bei der Kraftfahrzeugmeldestelle an. Der gab das Autokennzeichen in den Computer ein, und der wiederum spukte den Namen Gage Vesca mit einer Adresse in Montebello aus. Daraufhin fand ich anhand der Adresse auch die Telefonnummer heraus und wählte, um sicherzugehen. Als sich eine weibliche Stimme mit >Residenz Vesca< meldete, legte ich auf.
Ich rief Mona Starling an und gab sämtliche Informationen an sie weiter, einschließlich der Warnung, daß der Mann verheiratet war und einen miserablen Ruf hatte. Das schien sie nicht zu stören. Wenn sie trotzdem weiter hinter dem Mann her war, sagte ich mir, war das ihre Sache... und seine. Bevor sie auflegte, dankte sie mir überschwenglich, und die Erleichterung in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Das war am Samstag.
Am Montagmorgen machte ich die Haustür auf, hob die Zeitung auf, und mein Blick fiel auf die Schlagzeile über Vescas Tod.
»Schei...«
Vesca war am Sonntagmorgen zwischen zwei und sechs Uhr aus nächster Nähe erschossen worden. Anschließend hatte man die Leiche in den Kofferraum seines Jaguars gepackt und diesen auf dem Platz für Dauerparker am Flughafen abgestellt. Vermutlich hatte jemand gehofft, der Tote würde tagelang nicht gefunden werden. Zeit genug, um sich vermutlich ein Alibi zu verschaffen oder unauffällig zu verschwinden. Doch es kam anders. Der Kofferraumdeckel war aufgesprungen, und ein Passant hatte die Leiche entdeckt. Meine Hände begannen zu zittern.
Ich wählte Mona Starlings Telefonnummer. Die Leitung war besetzt. Schließlich zog ich mich hastig an, schnappte mir die Autoschlüssel und raste zu der Adresse in der Frontage Road, die sie mir gegeben hatte. Als ich dort meinen VW mit quietschenden Bremsen zum Stehen brachte, fuhr gerade ein gelbes Taxi ab, in dem nur ein Fahrgast saß. Ich suchte nach der Hausnummer. Es war ein Doppelhaus. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig, daß es Mona war, die gerade die Fliege gemacht hatte. Sie mußte schließlich ungefähr zum selben Zeitpunkt wie ich die Schlagzeilen gelesen haben.
Ich gab erneut Gas und hielt krampfhaft nach dem gelben Taxi Ausschau. Hinter der nächsten Kreuzung kam die Auffahrt zur Schnellstraße. Aus den Augenwinkeln sah ich etwas Gelbes aufblitzen und raste hinterher. Mit durchgedrücktem Gaspedal und ständigem Wechseln der Spur gelang es mir schließlich, zum Taxi in dem Augenblick aufzuschließen, als dieses in die Ausfahrt zum Flughafen einbog. Als das Taxi Mona vor dem Haupteingang absetzte, raste ich auf den Parkplatz für Kurzparker, die Parkkarte zwischen den Zähnen. Ich stopfte sie in meine Handtasche und rannte los.
Der Flughafen von Santa Barbara hat nur fünf Flugsteige, so daß es nicht schwierig war, herauszufinden, welchen Flug Mona gebucht hatte. Über den Lautsprecher kam der letzte Aufruf für die Passagiere des United-Airways-Flugs nach San Francisco. Ich drückte einer verdutzten Fluglinienangestellten die fünfzig Dollar von Mona für ein Ticket und die Bordkarte in die Hand und lief zur Sicherheitskontrolle. Ich hatte weder Gepäck noch sonst etwas bei mir, das den Metalldetektor hätte auslösen können. Ich zückte mein Ticket, stieß die Flügeltür auf, sprintete über das Flugfeld zur Maschine und nahm auf der Gangway zwei Stufen auf einmal. Die Stewardeß machte direkt hinter mir die Passagiertür zu. Ich hatte es geschafft.
Mona entdeckte ich in der achten Reihe hinten auf einem Fensterplatz. Sie hatte das Gesicht abgewandt. Diesmal trug sie Jeans und eine weite Bluse. Der Sitz am Gang war besetzt, doch der Mittelplatz schien frei zu sein. Die Maschine stand noch auf dem Flugfeld. Die Turbinen heulten, als ich, Entschuldigungen stammelnd, an die Knie eines Mannes rempelte und schließlich auf den Sitz neben Miß Starling sank. Sie wandte mir ein bleiches Gesicht zu und stieß prompt einen unterdrückten Schrei aus. »Was machen Sie denn hier?«
»Dreimal dürfen Sie raten.«
»Ich war’s nicht«, flüsterte sie heiser.
»Ja, ja. Natürlich nicht. Deshalb sitzen Sie ja auch prompt im Flugzeug, kaum daß die Geschichte aufgeflogen ist.«
»So ist das nicht!«
»Wie denn dann?«
Der Mann zu meiner Linken beugte sich vor und sah mich interessiert an.
»Der Typ, der sie Freitag abend angemacht hat, hat sich erschießen lassen«, klärte ich ihn höflich auf und hob zur Verdeutlichung den Zeigefinger an die Schläfe. Daraufhin beschloß er offenbar, sich wieder um seine Angelegenheiten zu kümmern, was mir nur recht war. Mona stand auf und versuchte, sich an mir vorbeizudrängeln. Ich brauchte nur die Knie vorzustrecken, und sie saß in der Falle. Andere Passagiere wurden bereits auf uns aufmerksam. Mona sah sich einen Moment prüfend um, rollte mit den Augen und setzte sich wieder. »Steigen wir aus«, schlug sie vor. »Dann erkläre ich Ihnen alles. Aber bitte machen Sie jetzt keine Szene!« Ihre Backen glühten.
»Oh, ich möchte Sie um keinen Preis in Verlegenheit bringen«, bemerkte ich. »Ein Mann ist ermordet worden. Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen. Weiter nichts.«
»Ich weiß, daß er tot ist!« zischte sie. »Aber ich bin unschuldig. Das kann ich beschwören.«
Wir standen gemeinsam auf, drängten uns rücksichtslos an den Knien des anderen Fluggastes vorbei und den Mittelgang entlang zum Ausstieg. Die Stewardeß war sauer, ließ uns jedoch aussteigen.
Wir gingen ins Flughafenrestaurant hinauf und setzten uns an einen kleinen Tisch in einer ruhigen Ecke. Als die Kellnerin kam, schüttelte ich den Kopf, doch Mona bestellte einen Pink Squirrel. Die Kellnerin hatte Bedenken bezüglich Monas Alter, ich hatte Bedenken bezüglich ihres Geschmacks. Ein Pink Squirrel? Mona hatte ihre Brieftasche gezückt, und die Bedienung prüfte ihren Führerschein. Nachdem sie überzeugt war, daß das Foto im Führerschein Mona zeigte, wollte sie das Dokument zurückgeben. Bevor Mona die Hand ausstrecken konnte, hatte ich es mir geschnappt. Mona war einen Monat zuvor einundzwanzig geworden. Die Adresse stimmte mit den Angaben überein, die sie mir gegenüber gemacht hatte. Als wir wieder allein waren, riß Mona mir die Brieftasche aus der Hand und stopfte sie in ihre Handtasche.
»Was sollte das denn?« fragte sie mürrisch.
»Nur zur Sicherheit. Erzählen Sie mir jetzt endlich, was passiert ist?«
Mona griff nach einem Zündholzheftchen der Flughafengesellschaft und spielte mit dem Deckel. »Ich hab’ Sie angelogen.«
»Das überrascht mich nicht«, entgegnete ich. »Und was ist die Wahrheit?«
»Also ich hab’ diesen Typ getroffen, aber nicht mit ihm geschlafen. Das habe ich nur behauptet, weil mir kein anderer Grund dafür eingefallen ist, daß ich seine Adresse haben wollte.«
»Und warum wollten Sie die wirklich?«
Sie blickte zur Seite. »Er hat etwas gestohlen, und ich mußte das wiederhaben.«
Ich starrte sie nachdenklich an. »Lassen Sie mich raten! Es muß was Illegales gewesen sein, sonst hätten Sie mir gleich reinen Wein eingeschenkt... oder wären zur Polizei gegangen. War’s Hasch oder Koks?«
Monas Augen wurden groß. »Hasch. Woher wußten Sie das?«
»Erzählen Sie mir einfach den Rest«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Die Jugend hat was Herzerfrischendes! Ihr seid immer so schön erstaunt, daß wir alles wissen.«
Mona sah an mir vorbei.
Die Kellnerin näherte sich mit dem Tablett. Sie legte eine Papierserviette auf den Tisch und stellte Monas Cocktail darauf. »Macht drei Dollar fünfzig.«
Mona nahm einen Fünfdollarschein aus ihrem Geldscheinbündel und verzichtete auf das Wechselgeld. Dann trank sie einen Schluck von ihrem Pink Squirrel und erschauderte leicht. Das Gebräu hatte die Färbung von rosarotem Bubble-Gum, was auch mir einen Schauer über den Rücken jagte. Mona fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Mein Freund hat eine Lieferung Hasch bester Qualität aufgetrieben. Marihuana aus Non Sung in Thailand.«
»Nie gehört«, sagte ich. »Aber ich bin kein Kenner der Materie.«
»Ich auch nicht, aber er hat zweitausend Dollar dafür berappt und bisher nur einen Joint davon geraucht. Der Typ, von dem wir’s haben, hat gesagt, daß es verdammt stark sei, deshalb wollten wir’s nicht jeden Tag rauchen. Nur zu besonderen Gelegenheiten.«
»Also der absolute Superstoff?«
»Der beste.«
»Und davon haben Sie Gage erzählt?«
»Ja«, antwortete sie zögernd. »Wir haben uns kennengelernt und sind ins Reden gekommen. Er hat gesagt, er müsse unbedingt Stoff auftreiben, und da habe ich davon angefangen. Aber ich wollte ihm unser Gras nicht verkaufen. Er sollte es nur versuchen, und falls er interessiert gewesen wäre, hätten wir ihm vielleicht was besorgen können. In meiner Wohnung bin ich auf den Lokus, während er sich einen Joint gedreht hat. Als ich wieder rauskam, war er fort... und mit ihm das Gras. Ich mußte mit dem Taxi zum >Mooter< zurückfahren, um meinen Wagen zu holen. Ich hatte Panik. Ich wußte, daß Jerry durchdrehen würde, wenn das rauskam.«
»Ist Jerry Ihr Freund?«
»Ja«, murmelte sie und starrte auf ihre Hände. Tränen glitzerten zwischen ihren Wimpern.
»Und was weiter?« drängte ich schroff, um die Tränen zu stoppen. »Nachdem Sie von mir die Telefonnummer gekriegt hatten, haben Sie sich Gage vorgeknöpft, was?«
Mona nickte stumm und holte tief Luft. »Ich mußte warten, bis Jerry zur Arbeit gegangen war. Dann habe ich angerufen. Gage hat gesagt...«
»Moment! Er war am Telefon?«
»Nein, sie... seine Frau. Aber ich hab’ natürlich gewartet, bis sie mich verbunden und aufgelegt hatte. Und danach brauchte er auch nur mit Ja und Nein zu antworten. Ich hab’ ihm gesagt, daß er den verdammten Stoff gestohlen hat und ich ihn wiederhaben will. Mann, hab’ ich ihm die Hölle heiß gemacht! Jedenfalls war er bereit, sich mit mir nach Lokalschluß auf dem Parkplatz vom >Mooter< zu treffen.«
»Samstag nacht?«
Sie nickte.
»Aha. Und weiter?«
»Nichts weiter«, seufzte sie. »Um Viertel nach zwei war er dort und hat mir den Stoff übergeben. Ich hab mir das Päckchen geschnappt und bin in meinen Wagen gesprungen. Ich hab’ ihm nicht mal mehr gesagt, was ich von ihm halte. Und dann heute morgen die Schlagzeilen! Ich dachte, ich dreh’ durch.«
»Wer sonst noch könnte von alledem was mitbekommen haben?«
»Na, niemand.«
»Was hat denn Ihr Freund dazu gesagt, daß Sie um Viertel nach zwei Uhr nachts mit dem Wagen fort sind?«
Mona schüttelte den Kopf. »Ich war doch wieder zu Hause, bevor er zurückkam.«
»Und er hat nicht gemerkt, daß der Stoff verschwunden war?«
»Nein. Bevor er auf die Idee kam, nachzusehen, lag das Zeug an seinem alten Platz. Er hat gar nichts gemerkt.«
»Und bei >Mooter<? War da sonst noch jemand auf dem Parkplatz?«
»Ich hab’ jedenfalls niemanden gesehen.«
»Ist denn niemand mehr aus dem Lokal gekommen?«
»Nur der Geschäftsführer.«
»Und Mrs. Vesca? Könnte sie Gage gefolgt sein?«
»Ich hab’ ihn gefragt, ob seine Frau unser Telefongespräch mitgehört hat, und er hat nein gesagt. Aber natürlich hätte sie hinter ihm herfahren können. Ich weiß nicht, was für einen Wagen sie fährt, vielleicht hat sie eine Straße weiter geparkt.«
»Und warum glauben Sie, daß überhaupt irgend jemand auf den Gedanken kommen könnte, Sie mit Vescas Tod in Verbindung zu bringen? Weshalb die Flucht nach San Francisco?«
Ihre Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern: »Meine Fingerabdrücke müssen doch in seinem Wagen sein. Ich bin doch erst vor zwei Tagen mit ihm gefahren.«
Ich sah den Ausdruck in ihren Augen und ahnte Böses. »Sie sind vorbestraft«, stellte ich schließlich fest.
»Wegen Kaufhausdiebstahl«, ergänzte sie. »Aber das war das einzige Mal. Ehrlich.«
»Sie sollten zur Polizei gehen. Besser, Sie machen dort reinen Tisch, bevor die Bullen von selbst auf Ihre Spur kommen. Und das kann nicht mehr lange dauern.«
»Mein Gott, das überlebe ich nicht.«
»Reden Sie keinen Unsinn. Es erleichtert kolossal. Also tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Ich kümmere mich um alles andere.«
»Wirklich?«
»Na, klar! Was denken Sie denn?« fuhr ich sie an. »Wenn ich Ihnen die Adresse nicht besorgt hätte, würde Gage nämlich noch leben. Was glauben Sie, was das für ein Gefühl ist?«
Ich folgte dem Hausmädchen durch die Villa der Vescas zum Swimmingpool hinaus. Eines der Umkleidehäuschen war dort zu einem privaten Fitneßraum umfunktioniert worden. Auf dem mit Gummimatten bedeckten Fußboden standen vier Gewichthebemaschinen. Der Raum war an drei Seiten verspiegelt, durch die Fenster fiel das Sonnenlicht herein. Katherine Vesca trainierte im pinkfarbenen Gymnastikanzug und silbernen Tights. Mir kam das wie eine unnötige Energieverschwendung vor, denn sie war dünn wie eine Schlange. Ihr aschblondes Haar hatte sie mit einem rosafarbenen Chiffontuch zurückgebunden, ihre grauen Augen blickten mir kühl entgegen. Während sie meine Visitenkarten betrachtete, tupfte sie sich den Schweiß vom Nacken. »Arbeiten Sie für die Polizei?«
»Nein. Ich hoffe trotzdem, daß Sie meine Fragen beantworten.«
»Warum sollte ich?«
»Ich versuche, den Mörder Ihres Mannes zu finden.«
»Und warum überlassen Sie das nicht der Polizei?«
»Weil ich Informationen habe, die die Polizei noch nicht hat. Und bevor ich die Fakten weitergebe, wollte ich sehen, was sich noch feststellen läßt.«
»Fakten?«
»Es geht um die letzten beiden Tage vor dem Tod Ihres Mannes.«
Mrs. Vesca schenkte mir ein frostiges Lächeln. Dann legte sie sich unter die Maschine für das Training der Beinmuskeln. Sie schob die Marke auf 90 Kilo und begann mit den Übungen. »Schießen Sie los«, sagte sie.
»Am Samstag hat Ihr Mann nach meinen Informationen einen Anruf erhalten«, begann ich.
»Das stimmt. Von einer Frau. Noch spät in der Nacht wollte er sich mit ihr treffen. Danach ist er nicht mehr zurückgekommen. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.«
»Wissen Sie, worum’s bei diesem Anruf ging?«
»Nein. Das hat er mir nicht erzählt.«
»Waren Sie nicht neugierig?«
»Als ich Gage geheiratet habe, habe ich versprochen, nie >neugierig< zu sein.«
»Und er war bei Ihnen auch nie >neugierig<?«
»Wir haben eine liberale Ehe geführt. Auf seinen Wunsch, sollte ich vielleicht hinzufügen. Er konnte tun und lassen, was er wollte.«
»Und Sie hatten nichts dagegen?«
»Gelegentlich schon. Aber das waren seine Bedingungen, und ich hatte mich gefügt.«
»Wo hat er gearbeitet?«
»Er hat gar nicht gearbeitet. Wir haben beide nicht gearbeitet. Ich habe ein Unternehmen in der Stadt und beziehe daraus ein Einkommen... unter anderem.«
»Wissen Sie, ob er mit jemandem Streit hatte?«
»Wenn, dann hat er mir nie was davon gesagt«, antwortete sie. »Er war nicht gerade beliebt, aber Feinde hatte er auch nicht.«
»Haben Sie einen Verdacht, wer ihn getötet haben könnte?«
Nach zehn Übungen legte sie eine Pause ein. »Ich wollte, es wäre so.«
»Wann findet die Beerdigung statt?« wollte ich wissen.
»Morgen vormittag um zehn. Sie sind herzlich eingeladen. Vielleicht sind wir dann wenigstens zu zweit.«
Sie nannte mir den Friedhof.
»Noch was«, sagte ich abschließend. »In welcher Branche sind Sie tätig? Könnte das irgendwie von Bedeutung sein?«
»Kaum denkbar«, entgegnete sie. »Ich habe ein Lokal. Das >Mooter<. Es wird von meinem Bruder Jim geführt.«
Er stand hinter der Theke und spülte Biergläser, als ich das Lokal betrat. Rechts neben ihm stand bereits ein Turm noch dampfender sauberer Krüge. Er hatte ein T-Shirt an, unter dem sich sein muskulöser Oberkörper imposant abzeichnete. Auf der Brust stand der Slogan: >Besser schlechter Sex als gute Arbeit.< Er sah auf und lächelte. »Hallo. Wie geht’s?«
Ich schwang mich auf einen Barhocker. »Danke der Nachfrage«, erwiderte ich. »Sind Sie Jim?«
»So ist es. Und Sie sind doch die Privatdetektivin. Ihren Namen haben Sie, glaube ich, noch nicht erwähnt.«
»Kinsey Millhone. Ich nehme an, Sie wissen schon, daß Vesca tot ist?«
»Sicher. Armer Kerl. Da hat wohl jemand eine Rechnung beglichen. Hoffentlich nicht die Lady, die er neulich versetzt hat.«
»Möglich wär’s.«
»Eine Schorle?«
»Gern«, antwortete ich. »Sie haben ein gutes Gedächtnis.«
»Nur für Getränke«, sagte er einschränkend. »Das ist mein Job.« Er goß Wein und Sodawasser in ein Glas und steckte eine Zitronenscheibe auf den Glasrand. »Mit einer Empfehlung des Hauses«, erklärte er und stellte das Glas vor mir auf den Tresen.
»Danke.« Ich trank einen Schluck »Weshalb haben Sie mir verschwiegen, daß Vesca Ihr Schwager war?«
»Wie haben Sie das denn rausgekriegt?«
»Ihre Schwester hat’s erwähnt.«
Er zuckte mit den Schultern. »Schien mir nicht wichtig zu sein.«
Sein Verhalten verwirrte mich. Er tat überhaupt nicht so, als habe er etwas zu verbergen. »Haben Sie Gage Samstag gesehen?«
»Seinen Wagen hab’ ich gesehen, bei Lokalschluß«, antwortete er. »Aber das war eigentlich schon Sonntag früh. Weshalb?«
»Er muß ungefähr zu diesem Zeitpunkt erschossen worden sein. In der Zeitung steht zwischen zwei und sechs Uhr morgens.«
»Kurz nach zwei Uhr habe ich den Laden dichtgemacht. Mein Freund hat mich direkt hier an der Tür abgeholt. Ab fünf nach halb drei habe ich in einem Privatclub Poker gespielt.«
»Haben Sie Zeugen?«
»Ungefähr fünfzig. Vermutlich hätte ich Gage vorher noch schnell erschießen können, aber weshalb? Er war mir zwar nicht gerade sympathisch... aber gleich erschießen? Meine Schwester war verrückt nach ihm. Weshalb hätte ich ihr das Herz brechen sollen?«
Gute Frage, dachte ich.
Ich kehrte ins Büro zurück, setzte mich in meinen Drehsessel und legte die Beine auf den Schreibtisch. Ich kam nicht davon los, daß Gages Tod irgend etwas mit dem Päckchen Marihuana zu tun haben mußte. Schließlich rief ich Katherine Vesca an. Das Hausmädchen meldete sich. Ich wartete, bis sie Katherine geholt hatte. »Ja, bitte?«
»Tag, Mrs. Vesca. Hier ist Kinsey Millhone.«
»Hallo. Was kann ich für Sie tun?«
»Etwas habe ich vergessen. Sagen Sie, hat Gage je von Gras aus Non Sung gesprochen?«
»Nein, ich glaube nicht. Was ist das?«
»Exzellentes Marihuana aus Thailand. Die Unze zu zweitausend Dollar. Offenbar hat er Freitag nacht das Zeug jemandem geklaut.«
»Also... Er hatte Marihuana, aber das muß eine andere Sorte gewesen sein. Er hat behauptet, die Qualität sei miserabel. Er war wütend, daß man es ihm angedreht hatte.«
»Ach, wirklich?« sagte ich mehr zu mir selbst.
Allmählich begann mir die Wahrheit zu dämmern.
Ich pochte an die Tür des Doppelhauses in der Frontage Road. Mona öffnete. Sie war überrascht, mich zu sehen.
»Sind Sie bei der Polizei gewesen?« fragte ich.
»Noch nicht. Ich wollte gerade los. Warum? Ist was passiert?«
»Ich glaube, wir haben uns irgendwie mißverstanden. Sie haben mir erzählt, daß Ihr Freund Jerry Freitag nacht gearbeitet hat, als Sie aus waren. Weshalb haben Sie sich überhaupt getraut, die ganze Nacht wegzubleiben?«
»Er war außerhalb«, erwiderte sie. »Und ist erst Samstag nachmittag gegen fünf zurückgekommen.«
»Könnte er nicht früher wieder in Santa Teresa gewesen sein?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Schon möglich.«
»Und Samstag, als Sie Gage auf dem Parkplatz vom >Mooter< getroffen haben? Hat er da auch gearbeitet?«
»Ja doch. Er hatte ein Engagement hier in der Stadt. Und ist gegen drei Uhr morgens nach Hause gekommen«, fügte sie verwirrt hinzu.
»Er ist Musiker, stimmt’s?« fragte ich.
»Moment mal! Was soll das? Was hat das alles mit ihm zu tun?«
»Eine ganze Menge«, sagte eine Männerstimme hinter mir. Ein Arm legte sich von hinten um meinen Hals und drückte mir die Luft ab. Ich stellte mich auf Zehenspitzen, um den Druck auf meine Luftröhre abzumildern, aber viel mehr konnte ich nicht tun. Ich spürte einen harten Gegenstand zwischen meinen Rippen und war nicht so naiv, das für Jerrys Füllfederhalter zu halten. Mona war perplex.
»He, Jerry? Was zum Teufel soll der Quatsch?« schrie sie.
»Rein, du Flittchen. Los zurück! Laß uns rein!« zischte er zwischen zusammengepreßten Zähnen. Zappelnd hob und schob er mich über die Schwelle. Drinnen warf er mich auf die Couch und richtete die Waffe auf meine Stirn, genau zwischen die Augen. Ich war sanft wie ein Lamm.
Als ich schließlich sein Gesicht sah, wurde mein Verdacht zur Gewißheit. Jerry war der junge Mann mit der Gitarre, der bei meinem ersten Besuch im >Mooter< neben mir gesessen hatte. Er war weder besonders groß noch besonders stark, aber er hatte mich überrumpelt. Außerdem schien er nervös zu sein und hatte einen leicht irren Ausdruck in den Augen. Die Waffe in seiner Hand beunruhigte mich, die Mündungsöffnung war auf mich gerichtet. Das Ding sah wie ein halbautomatischer Colt Kaliber 7,45 aus. Und diese Waffe mußte manuell entsichert werden. Wenn mich nicht alles täuschte, brauchte man dazu zwei Hände. Allerdings konnte ich mich nicht erinnern, gehört zu haben, daß er den Hahn gespannt hatte, bevor er den Colt in meinen Rücken drückte. Da lag natürlich die Frage nahe, ob er in seiner Hast und Eile vergessen haben konnte, die Waffe zu entsichern.
»Hallo, Jerry«, sagte ich. »Nett, Sie wiederzusehen. Warum erzählen Sie Mona nicht von Ihrem Rendezvous mit Gage?«
»Du hast Gage umgebracht?« keuchte Mona ungläubig.
»Ganz recht, Mona. Und dich bringe ich auch um, wenn ich mit der hier fertig bin.« Er ließ mich nicht aus den Augen.
»Aber warum denn? Was habe ich denn getan?«
»Komm mir bloß nicht damit!« schnaubte er. »Du hast mit dem Kerl geschlafen. Hast dich halbnackt mit diesem Flitterfummel rumgetrieben und dir ausgerechnet dieses Schwein aufgegabelt. Ich habe dir von Anfang an gesagt, daß ich dich umbringe, wenn du mir so was antust.«
»Aber ich hab’s doch gar nicht getan! Ich schwöre es! Ich hab’ ihn doch bloß hierhergeschleppt, um ihn von unserem Gras probieren zu lassen!«
»Quatsch!«
»Nein, das ist kein Quatsch!«
»Sie sagt die Wahrheit, Jerry«, warf ich ein. »Deshalb hat sie mich doch engagiert!«
Verwirrt sah er zu Mona hinüber. »Du hast nicht mit ihm geschlafen?«
»Großer Gott, nein! Der Kerl war widerlich! So primitiv bin ich nicht.«
Jerrys Hand begann zu zittern. Sein Blick schweifte unruhig von Mona zu mir. »Warum hast du dich dann gestern nacht noch mal mit ihm getroffen?«
»Um mir das Marihuana zurückzuholen. Was sollte ich denn sonst tun? Ich wollte nicht, daß du erfährst, daß man mich um Stoff im Wert von zweitausend Dollar beklaut hatte.«
Er starrte sie wie vom Schlag gerührt an. Und in diesem Augenblick ging ich zum Angriff über. Den Kopf nach unten, hechtete ich auf ihn zu und riß ihn zu Boden. Die Waffe schlidderte klappernd über den Fußboden. Mona sprang auf ihn und versetzte ihm einen Faustschlag in den Magen. Während sie ihn mit dem Gewicht ihres Körpers auf dem Boden hielt, stolperte ich hinter dem Colt her. Ich griff danach. Die Waffe war die ganze Zeit über entsichert gewesen. Ich hatte Glück gehabt, daß ich mir keine Kugel eingehandelt hatte.
»Schon gut, schon gut!« schrie Jerry hinter mir. »Runter von mir! Ich geb auf!« Er rang nach Luft. Ich hielt den Colt auf seine besonders empfindlichen Körperteile gerichtet, während Mona die Polizei anrief.
Jerry setzte sich auf. Ich trat einen Schritt zurück. Der irre Ausdruck war aus seinen Augen verschwunden. Noch immer atemlos begann er zu weinen. »Großer Gott, ich kann’s nicht fassen!«
Mona warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Für Gewissensbisse ist es jetzt zu spät, Jerry.«
Er schüttelte den Kopf. »Du weißt noch nicht alles, Kleine. Nicht dich hat man um zweitausend Dollar erleichtert..., sondern mich.«
Sie starrte ihn ausdruckslos an. »Was soll das heißen?«
»Ich habe zweitausend Dollar für Schrott hergegeben. Der Stoff war nichts wert. Ich wollt’s dir nicht sagen, und hab’ deshalb den Blödsinn mit dem Gras aus Non Sung erfunden. So was gibt’s gar nicht. Reine Phantasie.«
Es dauerte eine Weile, bis sie die Ironie der Geschichte begriff. Dann kauerte sie neben ihm nieder. »Aber warum hast du mir denn nicht vertraut? Warum hast du mir nicht einfach die Wahrheit gesagt?«
Er verzog keine Miene. »Und warum hast du mir nicht vertraut?«
Die Frage hing zwischen ihnen wie ein Spinnennetz, das in der Herbstsonne hin und her wabert. Die Antwort lag in ihrer Beziehung verborgen.
Als die Polizei kam, kauerten sie engumschlungen, in ihrer Verzweiflung vereint, auf dem Fußboden.
Ihr Anblick genügte beinahe, um mich von meiner gelegentlichen Lust am Lügen endgültig zu heilen.
Aber eben nur beinahe.