Als Lucy nicht nach Hause
kam
September in Santa Teresa. Ich habe noch niemanden getroffen, der bei Herbstbeginn nicht von einer gewissen Unruhe erfaßt wird. Im Herbst gibt es neue Schulkleidung, noch unbeschriebene Hefte und frisch gespitzte Bleistifte ohne Kauspuren. Man fühlt sich, als wäre man wieder acht Jahre alt und alles wäre wieder möglich. Eigentlich sollte das Jahr im Herbst beginnen und nicht am ersten Januar. Es sollte im Herbst beginnen und nur so lange dauern, wie unsere Lederschuhe noch keine Kratzer und unsere Lunchboxen keine Beulen haben.
Ich heiße Kinsey Millhone. Geschlecht: weiblich; Alter: 32; zweimal geschieden. Ich arbeite als selbständige Privatdetektivin in einer Kleinstadt, etwa hundert Kilometer nördlich von Los Angeles. Bei mir gibt es keine Laufkundschaft wie bei einem Kosmetiksalon. Meine Klienten stecken meistens in irgendeiner Klemme und hoffen, daß ich Ihnen für dreißig Dollar die Stunde plus Spesen eine Lösung ihrer Probleme präsentieren kann. Robert Ackermanns Nachricht erwartete mich auf dem Anrufbeantworter, als ich am Montagmorgen um neun ins Büro kam.
»Hallo. Mein Name ist Robert Ackerman. Rufen Sie bitte bei mir zurück? Meine Frau ist verschwunden, und ich mache mir Sorgen. Hoffentlich können Sie mir helfen.«
Im Hintergrund waren quengelige Kinder zu hören. Eine Sorte, die ich besonders liebe. Ackerman wiederholte seinen Namen und nannte seine Telefonnummer. Ich brühte mir eine Kanne Kaffee auf und rief ihn an.
Es meldete sich eine Kinderstimme mit undeutlichem >Hallo<, und dann war nur noch heftiges Atmen dicht an der Sprechmuschel zu hören.
»Tag«, sagte ich. »Kann ich mal deinen Pappi sprechen?«
»Ja.« Wieder Schweigen im Walde.
»Vielleicht heute noch?« fragte ich.
noch bevor man mich zum Eintreten aufgefordert hatte, daß es überall sandig unter meinen Schuhsohlen knirschen würde.
Robert wirkte abgehetzt, aber er besaß einen jungenhaften Charme. Er war Anfang Dreißig, schlank und gut aussehend, mit dunklen Augen und dunklem Haar und einem Wirbel über der Stirnmitte. Er trug eine Drillichhose und ein weißes Hemd, und auf einer Hüfte saß ein ungefähr achtmonatiges Baby wie eine Einkaufstasche. Ein zweites Kind hatte sein rechtes Bein umklammert, während Nummer drei mit seinem Dreirad gegen Wände und Türpfosten bumste und dabei vor Begeisterung jedesmal laut schrie.
»Tag. Kommen Sie rein«, sagte Robert. »Wir können uns hinten im Garten unterhalten, während die Kinder spielen.« Sein Lächeln war einnehmend.
Ich folgte ihm durch die chaotische Enge in den kleinen Garten, wo er das Baby in eine Sandkiste setzte. Das zweite Kind hielt sich an Roberts Gürtelschlaufen fest, steckte den Daumen in den Mund und starrte mich an. Nummer drei auf dem Dreirad versuchte mit seinem Gefährt die Verandaecke abzufahren. Ich mag keine Kinder. Wirklich nicht. Besonders nicht, wenn sie rumschreien. Und Kinder spüren meine Abneigung und halten Distanz. Diese hier beobachteten mich mit einer Mischung aus Groll und Verachtung.
Der Garten war ungepflegt. Die Säcke, in denen der Sand angefahren worden war, lagen in der Gegend herum. Robert gab den Kindern Kekse aus einer Packung und schob sie weg. Innerhalb der nächsten Viertelstunde würden sie wahrscheinlich süchtig werden nach dem Zucker. Ich warf einen Blick auf die Uhr und hoffte, dann längst über alle Berge zu sein.
»Möchten Sie einen Liegestuhl?«
»Nein, nicht nötig«, sagte ich und ließ mich auf dem Rasen nieder. Weit und breit war kein Liegestuhl zu sehen, aber das Angebot ehrte ihn.
Er hockte sich auf die Sandkastenumrandung und fuhr sich geistesabwesend mit der Hand übers Haar. »Himmel, tut mir leid, daß es hier so aussieht, aber Lucy ist seit zwei Tagen weg. Sie ist Freitag nicht von der Arbeit nach Hause gekommen, und seitdem bin ich fix und fertig.«
»Sie haben die Polizei verständigt?«
»Natürlich. Am Freitagabend. Sie hat die Kinder nicht bei der Tagesmutter abgeholt. Um sieben hat man mich schließlich hier angerufen und gefragt, wo sie bleibe. Ich dachte, sie wäre noch einkaufen gefahren oder so, und habe die Kinder sofort abgeholt. Als ich gegen zehn Uhr noch immer kein Lebenszeichen von ihr hatte, war mir klar, daß etwas nicht stimmte. Ich habe ihren Chef zu Hause angerufen, und er sagte, daß sie um fünf aus dem Büro weggegangen sei, wie immer. Daraufhin habe ich die Polizei angerufen.«
»Haben Sie eine Vermißtenanzeige aufgegeben?«
»Das geht erst heute. Bei Erwachsenen muß man, glaube ich, 72 Stunden warten. Aber auch dann kann die Polizei nicht viel machen.«
»Was hat man Ihnen geraten?«
»Das Übliche, schätze ich. Ich habe bei sämtlichen Freunden und Bekannten angerufen. Ich habe mit ihrer Mutter in Bakersfield und mit der Arbeitskollegin gesprochen. Niemand hat eine Ahnung, wo sie sein könnte. Ich habe Angst, daß ihr was zugestoßen ist.«
»Haben Sie in den Krankenhäusern der Umgebung nachgefragt?«
»Natürlich. Das war das erste, was ich gemacht habe.«
»Und es war ihr nichts anzumerken?«
»Nichts.«
»War sie vielleicht deprimiert, oder hat sie sich komisch benommen?«
»Also, irgendwie war sie nervös. Aber im Herbst war sie immer ziemlich unruhig. Sie hat behauptet, die Jahreszeit erinnere sie an ihre Schulzeit.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich habe die Schule gehaßt.«
»Aber sie ist nie einfach verschwunden?«
»Himmel, nein. Ich habe das nur erwähnt, weil Sie gefragt haben. Ich glaube, es hatte nichts zu bedeuten.«
»Hat sie Alkohol- oder Drogenprobleme?«
»Lucy ist nicht der Typ«, verneinte er. »Sie ist zierlich, still und... häuslich, wie Sie vermutlich sagen würden.«
»Was ist mit Ihrer Ehe? Kommen Sie gut miteinander aus?«
»Von mir aus gesehen, ja. Natürlich gibt’s manchmal Krach. Aber es ist nie was Ernstes.«
»Und worum ging’s dann meistens?«
Er lächelte traurig. »Meistens ums liebe Geld. Bei drei Kindern ist immer zuwenig da. Ich mag große Familien, aber finanziell gesehen ist es schon hart. Ich wollte immer vier oder fünf Kinder, aber Lucy findet, drei sind genug; vor allem, weil das älteste noch nicht mal zur Schule geht. Darüber streiten wir hauptsächlich.«
»Sie arbeiten beide?«
»Wir müssen. Sonst würd’s gar nicht reichen. Lucy hat eine Stelle bei einer Treuhandfirma, und ich bin beim Fernmeldeamt.«
»Als was?«
»Techniker.«
»Gibt es vielleicht einen anderen Mann in ihrem Leben?«
Er seufzte und zupfte an den Grashalmen zwischen seinen Füßen. »Ich wünschte fast, ich könnte >ja< sagen. Ich würde gern denken, sie hat vielleicht alles satt und sich auf ein hübsches Wochenende in einem Motel eingelassen... oder so was.«
»Aber Sie glauben nicht recht daran.«
»Hm... Ne. Ich mach’ mir schreckliche Sorgen. Ich will wissen, wo sie ist.«
»Mr. Ackerman...«
»Sagen Sie ruhig Rob zu mir«, fiel er mir ins Wort.
Das höre ich von meinen Klienten immer. Alle wollen mit dem Vornamen angeredet werden.
»Also gut, Rob«, begann ich erneut. »In Ihrer Situation sind Sie am besten bei der Polizei aufgehoben. Ich arbeite allein. Der Polizei steht ein ganzer Fahndungsapparat zur Verfügung. Und der kostet Sie keinen Cent.«
»Sie sind wohl sehr teuer, was?«
»Dreißig Dollar die Stunde plus Spesen.«
Er dachte einen Augenblick nach. Dann sah er mich prüfend an. »Könnten Sie einfach mal zehn Stunden für mich investieren? Ich habe dreihundert Dollar gespart. Damit wollten wir eigentlich in den Zoo von San Diego.«
Ich tat so, als überlegte ich. Dabei war mir längst klar, daß ich diesem Jungengesicht keine Bitte abschlagen konnte. Außerdem fingen die Kinder gerade zu quengeln an, und ich wollte nichts wie weg. Ich verzichtete auf Vorschuß und sagte, daß er eine Rechnung kriegen würde, sobald die zehn Stunden um wären. Ich überlegte, daß ich ihm den Vertrag per Post zuschicken könnte, um den Kontakt mit den Zwergen, die ihn bereits wegen neuer Süßigkeiten umlagerten, auf ein Minimum zu beschränken. Ich verlangte ein Foto neueren Datums von Lucy, doch alles, was er auftreiben konnte, war ein zwei Jahre altes Bild mit den beiden älteren Kindern. Schon damals machte sie einen gequälten Eindruck; und das war immerhin vor der Geburt von Nummer drei. Ich dachte an die ruhige, zierliche Lucy Ackerman, deren drei stramme Söhne Beine vom Durchmesser meiner Arme hatten. Wenn ich sie gewesen wäre, hätte ich schon gewußt, wo ich sein würde: über alle Berge.
Lucy Ackerman arbeitete als Büroangestellte in einer kleinen Treuhandfirma in der State Street, nicht weit von meinem Büro entfernt. Es waren bescheidene weißgetünchte Räume mit rotbraun bezogenen Polstermöbeln und einem Teppichboden in gedämpftem Orangerot; mit Gauguin-Drucken an den Wänden und einem Blumentopf auf jedem Schreibtisch. Ich stellte mich der Büroleiterin, einer Mrs. Merriman, vor. Mrs. Merriman war Anfang Sechzig, sie hatte ihr toupiertes Haar hochgesteckt und trug Schnürstiefeletten mit hohen, spitzen Absätzen. Sie wirkte auf mich wie eine Frau, die später mal ihre gesamte Rente in Schönheitsfarmen verprassen würde.
»Robert Ackerman hat mich beauftragt, seine Frau zu suchen«, begann ich.
»Der arme Mann. Ich hab’s schon gehört«, erklärte sie mit dem Mund, während ihre Augen deutlich sagten, daß sie mir bei meinem Vorhaben kaum eine Chance gab.
»Haben Sie eine Vermutung, wo sie sein könnte?«
»Da unterhalten Sie sich am besten mit Mr. Sotherland.« Die propere Mrs. Merriman wandte sich geschäftsmäßig ab, doch ich spürte, daß sie etwas wußte und darauf brannte, weiter befragt zu werden. Ich nahm mir vor, ihr den Gefallen zu tun, sobald ich mit dem Herrn gesprochen hatte. Gerade in Kleinbetrieben herrscht meiner Erfahrung nach ein eisernes Protokoll.
Gavin Sotherland erhob sich aus seinem Drehsessel und streckte mir seine Pranke entgegen. Eine weitere Angestellte, Barbara Hemdahl, die Buchhalterin, stand gleichzeitig von ihrem Stuhl auf und entschuldigte sich. Mr. Sotherland wartete, bis sie gegangen war, dann bedeutete er mir, auf dem frei gewordenen Stuhl Platz zu nehmen. Ich sank auf das von Barbara Hemdahls Hinterteil noch warme Lederpolster; eine seltsam intime Empfindung. Insgeheim nahm ich mir vor, herauszufinden, was diese Dame wußte, und betrachtete dann interessiert den Vizepräsidenten der Firma. Die Namen und Berufsbezeichnungen der Firmenmitglieder waren kein Geheimnis, bei Sotherland konnte ich sie von einem Messingschild auf seinem Schreibtisch ablesen, die beiden Frauen trugen entsprechende Plastikschildchen wie Krankenschwestern am Revers. Soviel ich bis zu diesem Zeitpunkt mitbekommen hatte, bestand die Belegschaft der Firma einschließlich Lucy Ackerman aus vier Personen, und es war unwahrscheinlich, daß sie die Namensschildchen brauchten, um sich gegenseitig richtig anzureden. Vielleicht waren sie für Kunden gedacht, denen man nicht zutraute, ohne diese Identifikationshilfen einen vom anderen zu unterscheiden.
Gavin Sotherland war groß, von athletischer Statur, etwa fünfundvierzig, mit einer blonden Haarmähne, die am Scheitel bereits schütter wurde, und einem feuchten Händedruck. Er hatte sein Jackett abgelegt, sein vormals gestärktes Oberhemd war lasch und zerknittert, und die beige Gabardinehose wies tiefe Sitzfalten auf. Alles in allem wirkte er wie jemand, der gerade einen Kontinent per Bahn durchquert hatte. Trotzdem konnte ich ihm eine gewisse Attraktivität nicht absprechen, auch wenn er sich ganz offenbar gehenließ.
»Nett, Sie kennenzulernen, Miss Millhone. Gut, daß Sie da sind.« Seine Stimme war tief und heiser mit einem vertrauenerweckenden Timbre. Wenn ich vorgehabt hätte, ein Grundstück zu erwerben, ich hätte ihm ohne Zögern mein Geld überlassen. Seine dunklen Augen blickten ernst und sorgenvoll drein. »Soweit ich informiert bin, ist Mrs. Ackerman Freitag abend nicht nach Hause gekommen.«
»Das hat man mir berichtet«, erklärte ich. »Können Sie mir sagen, wie der Tag hier im Büro verlaufen ist?«
Er warf mir einen prüfenden Blick zu. »Nun, ich muß Ihnen gegenüber wohl ehrlich sein. Unsere Buchhalterin ist auf Unregelmäßigkeiten bei den Kundenkonten gestoßen. Sieht so aus, als habe sich Mrs. Ackerman mit einer halben Million Dollar, die uns anvertraut war, aus dem Staub gemacht.«
»Wie hat sie das denn angestellt?«
Ich sah Lucy Ackerman bereits vor mir, wie sie sich frei von den nervenden Bälgern am Strand von Rio aalte und einen Rumdrink aus einer Kokosnußschale schlürfte.
Mr. Sotherland sah gequält aus. »Offen gestanden ziemlich schlau sogar«, antwortete er. »Sie hat ein neues Bankkonto bei einer Filiale in Montebello eröffnet und dort zehn Schecks eingezahlt, die eigentlich auf andere Konten hatten gehen sollen. Vergangenen Freitag hat sie dann über fünfhunderttausend Dollar in bar abgehoben. Und zwar unter dem Vorwand, wir bräuchten die Summe für eine größere Immobilientransaktion. Das Kontobuch haben wir in der untersten Schublade ihres Schreibtischs entdeckt.« Er warf das Heft über den Schreibtisch. Ich fing es auf. Es war mit einer Lochzange ungültig gemacht. Ein Blick genügte, um zu sehen, daß in den vergangenen drei Monaten in Abständen zehn Einzahlungen vermerkt waren und am letzten Freitag die gesamte Summe abgehoben worden war.
»Hat denn niemand diesen Vorgang gegengeprüft?«
»Im Juni hatten wir gerade unsere alljährliche Buchprüfung hinter uns gebracht. Es war alles in bester Ordnung. Wir haben dieser Frau blind vertraut. Und hatten auch allen Grund dazu.«
»Und den Verlust haben Sie heute morgen entdeckt?«
»Ja. Allerdings gebe ich zu, daß mir schon Freitag abend ein gewisser Verdacht gekommen ist, als Robert Ackerman mich zu Hause anrief. Es sah Lucy Ackerman überhaupt nicht ähnlich, wortlos zu verschwinden. Sie hat acht Jahre lang bei uns gearbeitet und war immer pünktlich und gewissenhaft.«
»Nun, zumindest pünktlich«, sagte ich. »Haben Sie die Polizei verständigt?«
»Das wollte ich gerade tun. Ich muß das auch der Gewerbeaufsicht melden. Herrgott, ich kann’s noch immer nicht fassen, daß sie uns das angetan haben soll. Meinen Job bin ich vermutlich los. Wahrscheinlich schließen sie uns die Firma.«
»Haben Sie was dagegen, wenn ich mich hier mal ein bißchen umsehe?«
»Wozu?«
»Noch besteht die Chance, daß wir rauskriegen, wo sie ist. Wenn wir schnell genug handeln, erwischen wir sie vielleicht, bevor es zu spät ist.«
»Da bin ich skeptisch«, entgegnete er. »Freitag nachmittag wurde sie zuletzt gesehen. Das war vor zwei vollen Tagen. Mittlerweile kann sie überall sein.«
»Mr. Sotherland, Lucy Ackermans Ehemann hat sich bereits für dreihundert Dollar bei mir eingekauft. Warum nutzen Sie das nicht aus?«
Er starrte mich an. »Meinen Sie nicht, daß die Polizei was dagegen hat?«
»Vermutlich schon. Aber ich habe nicht die Absicht, irgend jemandem ins Handwerk zu pfuschen. Und alles, was ich herausfinde, mache ich der Polizei zugänglich. Außerdem wird man sicher kaum vor heute nachmittag jemanden vom Betrugsdezernat vorbeischicken. Falls ich eine Spur entdecke, stehen Sie der Firma und der Polizei gegenüber doch ganz gut da.«
Er hob resignierend die Hände. »Mir ist alles egal. Machen Sie, was Sie wollen.«
Als ich sein Büro verließ, rief er die Polizei an.
Ich setzte mich kurz an Lucys Schreibtisch, der ordentlich und aufgeräumt aussah. Die Schubladen enthielten die üblichen Büroutensilien und keinerlei persönliche Gegenstände. Auf dem Schreibtisch lag ein Terminkalender in Form eines Ringbuches mit einem Kalenderblatt für jeden Tag. Ich blätterte die letzten beiden Monate durch. Die einzigen persönlichen Eintragungen betrafen einen Termin in der Frauenklinik am zweiten August und einen zweiten Besuch dort am vergangenen Freitagnachmittag. Jener Freitag mußte für Lucy ein anstrengender Tag gewesen sein, wenn man bedachte, daß sie einen Termin beim Arzt gehabt und dann ihre Firma noch um eine halbe Million geprellt hatte. Die beiden anderen Frauen in der Firma ließen mich nicht aus den Augen. Ich merkte das, obwohl sie beide so taten, als nähme die Büroarbeit sie völlig in Anspruch.
Als ich alles durchsucht hatte, stand ich auf und ging quer durchs Zimmer zu Mrs. Merrimans Schreibtisch. »Kann ich hier Ablichtungen von dem Kontobuch machen, das Mrs. Ackerman benutzt hat?«
»Ja, schon. Wenn Mr. Sotherland einverstanden ist«, sagte sie.
»Wo hatte Mrs. Ackerman übrigens tagsüber ihren Mantel und ihre Handtasche?«
»Hinten. Jeder von uns hat einen Schrank im Lagerraum.«
»Diesen Schrank würde ich mir gern mal ansehen.«
Ich wartete geduldig, während sie meine Wünsche mit ihrem Chef klärte, und folgte ihr schließlich ins Hinterzimmer. Dieser Raum besaß eine Tür, durch die man auf den Parkplatz gelangte. Links davon lag eine kleine Toilette, rechter Hand befand sich ein Stauraum mit vier Metallschränken, einem Kopierer und zahlreichen Regalen mit Bürobedarf. Jeder schulterhohe Metallschrank trug ein Namensschild. Lucy Ackermans Schrank war noch immer verschlossen. Ich betrachtete das Schloß. Es juckte mir in den Fingern, mich mit meinem handlichen Dietrichset daran zu schaffen zu machen, wollte es mir aber lieber nicht mit der Polizei verderben, die sicher schon auf dem Weg war.
»Wäre nett, wenn mir jemand erzählen könnte, was im Schrank war... Sobald die Polizei ihn geöffnet hat«, bemerkte ich, während Mrs. Merriman das Kontobuch für mich kopierte.
»Das hier bitte auch.« Ich gab ihr den Durchschlag der Empfangsbestätigung, die Lucy bei Auszahlung des Geldes unterschrieben hatte; sie hatte zusammengefaltet in der letzten Kontobuchseite gelegen. »Haben Sie eine Idee, wo Mrs. Ackerman sein könnte?«
Mrs. Merriman spitzte züchtig den Mund, als kämpfe sie mit sich, wieviel sie sagen durfte.
»Ich möchte mir ungern den Vorwurf einhandeln, aus der Schule geplaudert zu haben«, erklärte sie schließlich.
»Mrs. Merriman. Es besteht der Verdacht, daß ein Verbrechen begangen worden ist«, sagte ich. »Wenn die Polizei erst da ist, wird man Sie dasselbe fragen.«
»Na ja, in dem Fall ist das wohl in Ordnung. Natürlich habe ich nicht die leiseste Ahnung, wo sie ist... Aber ich finde, daß sie sich in den vergangenen Monaten ziemlich komisch benommen hat.«
»Inwiefern?«
»Sie hat so geheimnisvoll getan, so von oben herab. Als wüßte sie was, wovon wir keine Ahnung hatten.«
»Was sich mittlerweile als zutreffend herausgestellt hat«, bemerkte ich.
»Aber damit hatte das wohl nichts zu tun. Ich glaube, sie hatte eine Affäre.«
Das interessierte mich. »Ein Verhältnis? Mit wem?«
Mrs. Merriman schwieg und berührte eine der Haarnadeln, die ihren kunstvollen Haarturm zusammenhielten. Dann ließ sie ihren Blick bedeutungsvoll zu Mr. Sotherlands Bürotür schweifen. Ich drehte mich um und sah in dieselbe Richtung.
»Wirklich?« murmelte ich. Kein Wunder, daß er schwitzt, dachte ich.
»Ich möchte es nicht beschwören«, flüsterte sie. »Aber seine Ehe wackelt seit Jahren, und ich vermute, daß sie auch nicht besonders glücklich war. Sie hat diese drei schrecklichen kleinen Jungen, wissen Sie... und einen Mann, der entschlossen zu sein scheint, noch mehr davon in die Welt zu setzen. Sie und Mr. Sotherland... Gavie, nennt sie ihn... haben... also ich bin sicher, daß sie was miteinander hatten. Ob das was mit dem verschwundenen Geld zu tun hat... Also, da will ich lieber keine Mutmaßungen anstellen.« Nachdem sie bereits so viel gesagt hatte, kriegte sie es plötzlich mit der Angst zu tun. »Sie wiederholen das doch hoffentlich nicht vor der Polizei, oder?«
»Selbstverständlich nicht«, erwiderte ich. »Es sei denn, man fragt mich.«
»Natürlich.«
»Hat die Firma übrigens ein Reisebüro, mit dem sie zusammenarbeitet?«
»Ja. Gleich nebenan«, antwortete sie.
Ich unterhielt mich kurz mit der Buchhalterin, die dem allgemeinen Eindruck von Lucy Ackermans letzten Arbeitstagen nichts hinzuzufügen wußte, holte meinen VW vom Parkplatz und fuhr zur Frauenklinik hinüber, die nur ein paar Blocks weiter lag. Mich beschäftigte die Frage, was Lucy Ackerman dort gewollt haben konnte. Ich tippte auf Empfängnisverhütung... und zwar die endgültige. Falls sie einen Liebhaber hatte — und entschlossen war, nie wieder schwanger zu werden — , schien das die logische Konsequenz. Mir war nur noch nicht klar, wie ich das feststellen könnte. Ärzte und anderes Krankenhauspersonal geben sich, was solche Informationen betrifft, im allgemeinen äußerst zugeknöpft.
Ich stellte den Wagen vor dem Krankenhaus ab und griff nach der Aktentasche auf dem Rücksitz. Für Fälle wie diesen führe ich stets einen Vorrat an Allzweck-Formularen bei mir. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Bewerbungsformular und Versicherungsvertrag. Ich füllte eines dieser Formulare in Lucys Namen aus und fälschte ihre Unterschrift unter dem Absatz, der den Besitzer berechtigte, Informationen über die Unterzeichnerin einzuholen. Als Vorlage benutzte ich die Kopie der Empfangsbestätigung, die im Kontobuch gelegen hatte. Ich gebe gern zu, daß man meine Methoden als unorthodox, ja sogar als illegal bezeichnen könnte. Aber da ich nicht annahm, daß diese Information vor Gericht zur Sprache kommen würde, schien es irrelevant, wie ich sie mir verschafft hatte.
Ich betrat die Klinik, registrierte dankbar den fast leeren Wartesaal und holte aus meiner Brieftasche einen Ausweis der California Fidelity Versicherung heraus. Für diese Gesellschaft arbeite ich gelegentlich als Versicherungsdetektivin. Dafür zahlen sie mir meine Büromiete. Die Firma hat allerdings einmal den Fehler gemacht, mir einen Firmenausweis mit Paßfoto auszustellen, mit dem ich seither ziemlich schamlos hausieren gehe.
Bei der Anmeldung hatte ich die Wahl zwischen drei weiblichen Angestellten. Nach kurzer Bedenkzeit stellte ich Sichtkontakt zu der ältesten Frau her. An Orten wie diesem besitzen jüngere Kräfte keinerlei Autorität, und Leute ohne Befugnisse leiern meistens nur wie Papageien ihre Vorschriften herunter. Außerdem scheinen sie angesichts ihrer eigenen Ohnmacht auch noch eine geradezu boshafte Befriedigung dabei zu haben, andere zur Fügsamkeit zu zwingen.
Die Frau trat an die Theke und sah mir erwartungsvoll entgegen. Ich zeigte meinen Versicherungsausweis und hielt das Formular offen in der anderen Hand, als ob ich nichts zu verbergen hätte.
»Tag. Ich bin Kinsey Millhone«, begann ich. »Vielleicht können Sie mir helfen. Wie ist Ihr Name?«
Sie war sofort auf der Hut, als besäße ihr Name magische Kräfte, die man ihr mit Gewalt nehmen könnte. »Lil-lian Vincent«, kam zögernd die Antwort. »Helfen? Inwiefern?«
»Lucy Ackerman hat einen Antrag auf Beihilfe gestellt. Dazu brauchen wir Ihre Bestätigung. Natürlich kriegen Sie dazu einen Aktenauszug.«
Ich schob das gefälschte Formular über die Theke und nestelte arglos an meiner Mappe herum.
Sie war sofort mißtrauisch. »Was ist das?«
Ich sah sie an. »Oh, entschuldigen Sie. Das ist ein Antrag auf Mutterschaftsurlaub. Wir brauchen den genauen Termin der Niederkunft.«
»Mutterschaftsurlaub?«
»Ist Mrs. Ackerman denn nicht Patientin hier?«
Lillian Vincent starrte mich an. »Augenblick mal«, sagte sie und ging mit dem Formular in der Hand zu einem Aktenschrank. Sie holte eine Karteikarte heraus und kehrte an die Theke zurück. Die Karteikarte schob sie mir zu. »Die Dame hat eine Eileiterligatur vornehmen lassen«, erklärte sie in barschem Ton.
Ich blinzelte und lächelte vorsichtig, als hielte ich die Auskunft für einen Witz. »Das muß ein Irrtum sein.«
»Im Irrtum befindet sich Lucy Ackerman, wenn sie glaubt, daß sie damit durchkommt.« Sie klappte das Patientenblatt auf und tippte mit dem Finger bedeutungsvoll auf das Datum 2. August. »Am Freitag ist sie zur Nachuntersuchung hier gewesen. Sie ist sterilisiert.«
Ich starrte auf das Patientenblatt. Die Eintragung war eindeutig. Ich runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
»Na ja, dann machen Sie mir lieber mal eine Kopie davon.«
»Das würde ich aber auch sagen.« Sie ging zu einem der Kopierer, legte mir die Ablichtung auf die Theke und sah zu, wie ich sie in meine Mappe klemmte.
»Ich weiß nicht, weshalb die immer glauben, daß sie damit durchkommen«, seufzte sie.
»Manche probieren’s eben gern«, erwiderte ich.
Es war fast zwölf Uhr mittags, als ich das Reisebüro aufsuchte, das neben Lucy Ackermans Firma lag. Ich hatte schnell heraus, wie Mrs. Ackerman ihren Abgang geplant hatte. Vor zwei Wochen hatte sie einen Flug erster Klasse bei PanAm nach Buenos Aires gebucht. Für eine Person. Die Flugkarte hatte sie am Freitagnachmittag abgeholt, kurz vor Geschäftsschluß.
Der Leiter des Reisebüros stützte die Ellbogen auf die Theke, sah mich interessiert an und hoffte vermutlich, sensationelle Einzelheiten von mir zu erfahren. »Ich hab’ von der Geschichte nebenan gehört«, bemerkte er. Er war jung, vielleicht vierundzwanzig, stupsnäsig, mit kastanienbraunem Haar und einer Zahnlücke. Er sah genau aus wie der zweite Hauptdarsteller in einer netten, harmlosen Familienserie im Fernsehen.
»Wie hat sie die Flugkarte bezahlt?«
»Bar«, antwortete er. »Ungewöhnlich, was?«
»Hat sie irgendwas Besonderes dabei gesagt?«
»Eigentlich nicht. Sie wirkte aufgekratzt, und wir haben über Montezumas Rache und so gewitzelt. Ich wußte, daß sie verheiratet ist, und habe sie noch gefragt, wer auf die Kinder aufpaßt und was ihr Alter macht, während sie fort ist. Himmel, ich hätte nicht im Traum daran gedacht, daß sie so ein Ding dreht.«
»Haben Sie sie gefragt, warum sie allein nach Argentinien fliegen wollte?«
»Ja, schon. Sie hat behauptet, es sei eine Überraschung.« Er zuckte mit den Schultern. »Das ergab zwar keinen Sinn, aber sie lachte dabei, und ich dachte, ich hätte die Pointe nur nicht kapiert.«
Ich bat um eine Kopie der Reisebuchung. Lucy Ackerman hatte für ein Rundreiseticket bezahlt... aber keine Reservierung für den Rückflug vormerken lassen. Vielleicht hatte sie vorgehabt, sich das Geld für den Rückflug auszahlen zu lassen, sobald sie in Argentinien war. Ich klemmte die Reiseunterlagen zu der Patientenkarte und dem Versicherungsformular in meine Mappe. Etwas an der Geschichte störte mich, aber ich wußte noch nicht recht was.
»Danke für Ihre Hilfe«, sagte ich und ging zur Tür.
»Keine Ursache. Ich schätze, der nebenan hat’s auch nicht kapiert«, bemerkte er.
Ich blieb abrupt stehen und drehte mich um. »Was nicht kapiert?«
»Den Witz. Ich habe die beiden nebenan gehört. Und sie haben sich gestritten, daß die Fetzen flogen.«
»Ach ja?« Ich starrte ihn an. »Um wieviel Uhr ist das gewesen?«
»Viertel nach fünf. So um den Dreh rum jedenfalls. Wir hatten schon geschlossen, aber Dad wollte, daß ich bleibe, bis die Reinigungstruppe hier war. Das Reisebüro gehört ihm. Deshalb arbeite ich hier. Die Reinigungsfirma ist neu, und Dad wollte, daß ich die Leute einweise.«
»Sind Sie noch ’ne Weile hier?«
»Klar.«
»Gut. Die Polizei interessiert das sicher auch.«
Auf dem Weg zurück zur Treuhandfirma schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken. Barbara Hemdahl und auch Mrs. Merriman hatten sich offenbar entschlossen, das Mittagessen an ihrem Arbeitsplatz einzunehmen. Vielleicht hatte auch die Polizei sie gebeten, dazubleiben. Die Buchhalterin saß hinter ihrem Schreibtisch, vor sich ein belegtes Brot, einen Apfel und eine Packung Milch ordentlich arrangiert, während Mrs. Merriman in einer Styroporschachtel aus einem Fast-Food-Restaurant herumstocherte.
»Wie geht’s?« fragte ich.
Barbara Hemdahl antwortete aus ihrer Ecke: »Die Kripo besorgt sich einen Durchsuchungsbefehl, damit sie die Schränke da hinten öffnen können zur Beweissicherung.«
»Es ist doch nur einer verschlossen«, entgegnete ich.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ohne den Papierkram dürfen sie vermutlich nicht mal einen Blick riskieren.«
Jetzt meldete sich auch Mrs. Merriman zu Wort, mit schuldbewußter Miene: »Sie haben uns gefragt, ob wir unsere Schränke freiwillig öffnen würden. Und das haben wir natürlich auch getan.«
Mrs. Merriman und Barbara Hemdahl wechselten einen Blick.
»Und?«
Mrs. Merriman wurde leicht rot. »In Mr. Sotherlands Schrank lag eine Reisetasche. Der Inhalt gehörte offenbar ihr.«
»Ist die Tasche noch hinten?«
»Ja. Aber sie haben einen Beamten zur Bewachung hiergelassen, damit niemand damit verschwinden kann. Sie haben alles auf dem Kopierer ausgebreitet.«
Ich ging nach hinten und warf einen Blick in den Lagerraum. Den diensthabenden Beamten kannte ich, und er hatte nichts dagegen, daß ich mir die Sachen ansah, solange ich nichts berührte. Die Reisetasche hatte all jene persönlichen Dinge enthalten, die Frauen gern bei sich tragen für den Fall, daß das übrige Gepäck versehentlich in Mexiko landet. Da lagen Zahnbürste und Zahncreme, Hausschuhe, ein durchsichtiges Nachthemd, Medikamente, Haarbürste und eine zweite Brille im Etui. Unter einem Stapel Unterwäsche entdeckte ich eine runde Plastikschachtel mit leicht gewölbtem Deckel in der Größe einer Puderdose.
Gavin Sotherland saß noch immer hinter seinem Schreibtisch, als ich in sein Büro blickte. Er war grau im Gesicht und zog wie ein Mann an seiner Zigarre, der das Rauchen längst aufgegeben hatte, in Streßsituationen jedoch die schlechte Angewohnheit wiederaufnahm. Direkt hinter der Tür rechts stand ein zweiter Uniformierter.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen. Gavin sah kaum auf.
»Sie haben gewußt, was sie vorhatte, aber Sie dachten, sie würde Sie mitnehmen, was?«
Sein Lächeln war bitter. »Das Leben ist voller Überraschungen«, sagte er.
Ich mußte Robert Ackerman mitteilen, was ich herausgefunden hatte, und davor graute mir. Um Zeit zu schinden und um zu demonstrieren, was für ein braves Mädel ich bin, fuhr ich zuerst zum Polizeirevier, um die Beweise, die ich gesammelt hatte, abzuliefern und meine Theorie zu erklären. Sie verliehen mir zwar nicht gerade einen Orden, aber sie waren längst nicht so verärgert, wie es angesichts meiner zahlreichen Regelverstöße bei den Ermittlungen hätte sein können. Für ihre Verhältnisse waren sie sogar ziemlich höflich, was im Umgang mit mir was Neues war. Leider ging das alles sehr schnell, und bevor ich wußte, wie mir geschah, stand ich wieder vor Robert Ackermans Haustür.
Ich klingelte und wartete. Kalauer gingen mir durch den Kopf. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie, Robert. Die gute Nachricht ist die, daß ich den Fall in wenigen Stunden aufklären konnte, so daß Sie mir nicht die vollen dreihundert Dollar bezahlen müssen, auf die wir uns geeinigt hatten. Die schlechte Nachricht lautet: Ihre Frau hat Geld unterschlagen, ist vermutlich tot, und es wird gerade ein Durchsuchungsbefehl ausgestellt, weil wir zu wissen glauben, wo die Leiche versteckt ist.
Die Tür ging auf. Vor mir stand Robert Ackerman, den Finger an die Lippen gelegt. »Die Kinder machen Mittagsschlaf«, flüsterte er.
Ich nickte bedächtig, bekundete gestenreich mein Verständnis, als ob die Stille, die er dem Haus verordnete, dieses Verhalten von mir verlangte.
Er bedeutete mir, hereinzukommen, und wir gingen beide auf Zehenspitzen durchs Haus und in den rückwärtigen Garten hinaus, wo wir uns weiterhin in gedämpftem Ton unterhielten. Ich wußte nicht, in welchem Schlafzimmer die kleinen Scheißer schliefen, aber ich wollte auf keinen Fall dafür verantwortlich sein, daß sie auf wachten.
Nach einem Vormittag voller Vaterpflichten sah Robert zerzaust und geschafft aus.
»So bald habe ich Sie gar nicht zurückerwartet«, wisperte er.
Ich flüsterte ebenfalls. Die Geheimnistuerei schüchterte mich ein. Es erinnerte mich an die Schulzeit; die Luft roch nach Herbst, und wir hockten hier wie Kinder, die etwas ausgeheckt hatten, nebeneinander auf dem Rand der Sandkiste. Ich wollte ihm nicht das Herz brechen, aber was blieb mir anderes übrig?
»Ich glaube, wir haben den Fall gelöst«, begann ich.
Er sah mich einen Augenblick an. Aus meiner Miene schien er abzulesen, daß ich schlechte Nachrichten für ihn hatte. »Geht es ihr gut?«
»Vermutlich nicht«, antwortete ich. Dann erzählte ich ihm, was ich in Erfahrung gebracht hatte, fing mit der Unterschlagung und der Affäre mit Gavin an und schloß mit dem Streit, den der Leiter des Reisebüros mit angehört hatte. Robert war mir längst voraus.
»Sie ist tot, stimmt’s?«
»Wir vermuten es.«
Er nickte. Tränen traten in seine Augen. Er schlang die Arme um die Knie und legte das Kinn auf die Fäuste. Ich wollte ihm die Hand auf den Arm legen. Er sah so jung aus. »Hatte sie wirklich einen andern«, fragte er kläglich.
»Das müßten Sie doch gemerkt haben«, entgegnete ich. »Sie haben erzählt, daß sie schon wochenlang unruhig und nervös gewesen ist. Hat Sie das nicht stutzig gemacht?«
Er zog seine Schultern hoch und wischte die Tränen in seinem Gesicht mit dem Ärmel ab. »Ich weiß nicht«, murmelte er. »Vielleicht.«
»Und dann sind Sie Freitag nachmittag in die Firma gefahren und ertappten sie dabei, daß sie verreisen wollte. Da haben Sie sie umgebracht, stimmt’s?«
Seiner Kehle entrang sich ein quiekender Ton. Dann schluchzte er einmal auf, und seine Stimme wurde wieder zu einem Flüstern. »Sie hätte es nicht tun dürfen... uns so zu hintergehen. Wir haben sie so geliebt...«
»Ist das Geld hier?«
Er nickte unglücklich. »Davon wollte ich Ihr Honorar aber nicht bezahlen«, erklärte er unnötigerweise. »Wir hatten wirklich ein paar Ersparnisse, um eines Tages nach San Diego in den Zoo fahren zu können.«
»Tut mir leid, daß es nicht geklappt hat«, sagte ich.
»So dumm habe ich mich doch eigentlich nicht angestellt, oder? Ich meine, vielleicht hätte es klappen können.«
Ich hatte von der Reise zum Zoo gesprochen. Er dachte, ich spiele auf den Mord an seiner Frau an. Mein Gott!
»Sie hätten’s fast geschafft.« Verdammter Mist, da saß ich nun und versuchte den Kerl auch noch zu trösten!
Er sah mich mitleiderregend an. Seine Augen waren gerötet und voller Tränen, seine Lippen zitterten. »Aber was habe ich falsch gemacht? Wie sind Sie auf mich gekommen?«
»Sie haben das Diaphragma in ihre Reisetasche gesteckt, die Sie gepackt haben. Sie hatten die Absicht, den Verdacht damit auf Gavin Sotherland zu lenken, aber der wußte, daß sie sich hatte sterilisieren lassen.«
Wut glomm in seinen Augen auf und erlosch wieder. Ich vermutete, daß ihre freiwillige Sterilisation ihn mehr traf als die Affäre mit ihrem Chef.
»Herrgott, ich weiß nicht, was sie an dem fand«, sagte er atemlos. »Dieses Schwein!«
»Na ja. Wenn es Sie tröstet, sie wollte auch ihn nicht mitnehmen auf die Reise. Sie wollte nur ihre Freiheit. Sonst nichts.«
Er zog ein Taschentuch heraus, putzte sich die Nase und versuchte sich zu beruhigen, zitternd vor innerer Anspannung. »Aber wie wollen Sie mir das ohne Leiche nachweisen? Wissen Sie denn, wo sie ist?«
»Ich denke schon«, erwiderte ich leise. »Die Sandkiste, Robert. Direkt unter uns.«
Er schien völlig gebrochen. »Mein Gott«, stöhnte er. »Mein Gott, bitte verraten Sie mich nicht. Sie können das Geld haben. Es interessiert mich überhaupt nicht. Aber lassen Sie mich bei meinen Kindern. Die kleinen Kerle brauchen mich. Ich hab’s für sie getan. Das schwöre ich. Sie müssen es der Polizei doch nicht verraten, oder?«
Ich schüttelte den Kopf, öffnete meinen Hemdkragen und zeigte ihm das Mikro. »Die Polizei hat mitgehört.« Dann schweifte mein Blick zum seitlichen Gartenteil hinüber.
Und diesmal war ich tatsächlich froh, als Lieutenant Dolan dort auftauchte.