Stardock
Der Wind peitschte das Wasser zu weißem Gischt.
Gardan blickte zur fernen Küste von Stardock hinüber und wünschte sich, er könne zur Akademie reiten und brauche sich nicht darauf zu verlassen, daß das Schicksal den Kahn auch wirklich heil dorthin brachte. Aber Stardock war eben eine Insel. Gewiß, er war schon früher zu Seereisen gezwungen gewesen, doch obwohl er fast alle seine Jahre am Meer gelebt hatte, mochte er Schiffsfahrten gar nicht, auch wenn er das nicht offen zugab.
Sie waren von Krondor mit dem Schiff die Küste entlang bis zur Enge zwischen dem Bitteren Meer und dem Meer der Träume gefahren – letzteres war eher ein großer Salzwassersee denn ein echtes Meer. In Shamata hatten sie sich Pferde besorgt und waren dem Dawlin bis zum Großen Sternsee gefolgt. Nun warteten sie darauf, daß der Kahn anlegte. Er wurde von zwei Männern gestakt, die einfache Kittel und Hosen trugen, dem Aussehen nach einheimische Bauern. Bald würden Gardan, Bruder Dominic, Kasumi und sechs Tsuraniwächter einsteigen und zu dem eine Meile entfernten Stardock gestakt werden.
Gardan fröstelte in der für die Jahreszeit zu kalten Luft. Es war Frühling, doch der Spätnachmittag hatte nichts von der Wärme an sich, die zu dieser Zeit eigentlich zu erwarten wäre.
»Ich bin der, der aus einer heißen Gegend kommt, Hauptmann«, sagte Kasumi lächelnd.
Besorgnis sprach aus Gardans Stimme, als er antwortete: »Es ist nicht nur die Kälte hier, sondern noch etwas anderes. Mich plagen schlimme Ahnungen, seit wir den Fürsten verlassen haben.« Bruder Dominic schwieg, aber seine Miene verriet, daß ihn dasselbe Gefühl wie Gardan quälte.
Kasumi nickte. Er war in Krondor zum Schutz des Königs geblieben. Als Aruthas Nachricht eintraf, nahm er Lyams Auftrag an, Gardan und den ishapischen Mönch nach Stardock zu begleiten.
Ganz abgesehen davon, daß er sich darauf freute, Pug wiederzusehen, war da etwas in des Königs Ton gewesen, das ihm sagte, er hielte des Mönchs sicheres Eintreffen auf Stardock für lebenswichtig.
Der Kahn legte am Steg an, und einer der beiden Ruderer stieg aus und sagte: »Wir werden zweimal übersetzen müssen, Herr, um die Pferde mitnehmen zu können.«
Kasumi, der der Rangälteste war, nickte. »Ist schon recht.« Er deutete auf fünf seiner Männer. »Sie werden als erste mitkommen, wir anderen folgen.«
Gardan schwieg, er hatte nichts gegen die kurze Gnadenfrist. Die fünf Tsuranis brachten ihre Pferde auf den Kahn und stellten sich stumm neben sie. Was immer sie von der Überfahrt mit dem schaukelnden Boot halten mochten, sie behielten es für sich und verzogen keine Miene.
Gardan blickte dem ablegenden Kahn nach. Von geringer Betriebsamkeit auf der fernen Insel abgesehen, wirkte die Südküste des Großen Sternsees verlassen. Warum, fragte Gardan sich, entschloß jemand sich, in solcher Abgeschiedenheit zu leben? Der Sage nach war ein Stern vom Himmel gefallen, und so war der See entstanden. Doch was auch immer sein Ursprung war, niemand hatte sich an seinen Ufern angesiedelt.
Der Tsuraniwächter sagte etwas in seiner eigenen Sprache zu Kasumi und deutete gen Nordosten. Kasumis Blick folgte seinem Finger, Gardan und Dominic desgleichen. In der Ferne, nahe dem Horizont und der einbrechenden Nacht zuvorkommend, glitten einige Geflügelte sichtbar eilig in ihre Richtung. »Was ist das?« fragte Kasumi erstaunt. »So große Vögel habe ich auf eurer Welt noch nie zuvor gesehen. Sie sind ja fast von Mannesgröße.«
Gardan kniff die Augen zusammen. Plötzlich schrie Dominic: »Ishap schütze uns! Schnell, alle zurück ans Ufer.«
Die zwei Fährleute blickten ihn an. Der Kahn war noch nicht sehr weit vom Ufer entfernt. Als sie sahen, daß die an Land ihre Waffen zogen, stakten sie so schnell sie konnten zurück. Die Geflügelten waren nun schon deutlich zu erkennen, als sie auf die Gruppe am Ufer zuschossen. Ein Fährmann schrie vor Furcht auf und betete zu Dala um Schutz. Die Geflügelten waren von menschenähnlicher Gestalt, männlich, nackt, mit blauer Haut und ungemein kräftig gebaut. Brust- und Schultermuskeln hoben sich unter der Haut ab, während sie ihre riesigen, fledermausähnlichen Flügel bewegten. Ihr Köpfe erinnerten an haarlose Affen, und jeder schwenkte einen langen Greifschwanz. Gardan zählte sie, es war genau ein Dutzend.
Mit unvorstellbar schrillem Kreischen stießen sie geradewegs auf den Trupp am Ufer herab.
Während sein Pferd durchging, warf Gardan sich hastig zur Seite und entging so knapp den Klauen eines der Ungeheuer. Hinter ihm gellte ein Schreckensschrei, und Gardan sah aus den Augenwinkeln, daß ein Fährmann in die Luft gezerrt wurde. Einen Augenblick schwebte die Kreatur mit mächtigem Flügelschlag auf der Stelle, den Mann am Hals gefaßt haltend. Dann riß sie mit einem verächtlichen Schrei den Kopf vom Rumpf und ließ ihn fallen. Blutüberströmt stürzte die Leiche ins Wasser.
Gardan hieb nach dem Ungeheuer, das versuchte, ihn auf gleiche Weise zu packen. Die Klinge traf es quer über das Gesicht, doch es zog sich nur um einen Flügelschlag zurück. Keine Wunde war zu erkennen, wo die Schneide getroffen hatte. Es verzog lediglich das Gesicht, dann griff es erneut an. Gardan wich zurück.
Menschenähnliche Finger mit langen Krallen scharrten über den Stahl seiner Klinge. Er wünschte sich, sein Pferd hätte lange genug standgehalten, daß er nach seinem Schild hätte greifen können.
»Was sind das für Wesen?« brüllte Kasumi, als der Kahn dem Ufer nahe genug war, daß die fünf Tsuranis ans Ufer springen konnten.
Dominics Stimme war hinter ihm zu hören. »Elementarkreaturen, durch schwarze Magie erschaffen. Unsere Waffen können ihnen nichts anhaben.«
Das schien die Tsuranis jedoch nicht weiter zu beunruhigen. Sie griffen die Ungeheuer an, wie jeden anderen Gegner auch, ohne Zögern. Zwar schienen die Hiebe den Geflügelten keine Wunden zuzufügen, offenbar aber Schmerzen, denn sie wichen zurück und schwebten auf der Stelle.
Gardan schaute sich um und sah Kasumi und Dominic ganz in der Nähe. Beide hielten Schilde und standen abwehrbereit. Schon griffen die Ungeheuer erneut an. Ein Soldat schrie auf, und Gardan bemerkte, daß ein Tsurani fiel.
Kasumi wich dem Ansturm von zwei dieser Kreaturen aus und nutzte Schwert, Schild und Behendigkeit gleichermaßen zu seiner Verteidigung. Gardan wußte jedoch, daß es keine Hoffnung auf Rettung gab. Es war lediglich eine Frage der Zeit, daß sie ermüdeten und zur Beute der Ungeheuer wurden, während diese offenbar Erschöpfung nicht kannten. Jedenfalls griffen sie nach wie vor mit derselben Heftigkeit an.
Dominic schlug mit seiner Streitaxt zu, und ein Geflügelter stieß einen gellenden Schmerzensschrei hervor. Wenn Waffen schon nicht die durch Zauber erschaffene Haut zu verletzen vermochten, konnten sie zumindest Knochen brechen. Die Kreatur flatterte im Kreis und versuchte verzweifelt sich in der Luft zu halten, doch dann sank sie immer tiefer. Daraus, wie ein Flügel lahm herunterhing, war zu schließen, daß Dominic ihr die Schulter zerschmettert hatte.
Gardan wich einem weiteren Ansturm aus und sprang zur Seite.
Hinter den beiden Ungeheuern, die ihn angriffen, fiel das verwundete Wesen gerade zu Boden. Kaum berührten seine Beine die Erde, stieß es einen ohrenbetäubenden Schmerzensschrei aus, und Funken stoben auf. Mit einem in der Dämmerung blendenden Blitz verschwand es, und nur ein rauchender Flecken auf dem Boden blieb von ihm zurück. Dominic rief: »Es sind Luftwesen, und sie überstehen die Berührung mit der Erde nicht!«
Gardan hieb kräftig nach der Kreatur rechts von ihm. Die Wucht des Streiches schlug sie nach unten. Nur flüchtig berührte sie den Boden, doch das genügte. Wie die andere löste sie sich in sprühende Funken auf. In ihrem Schrecken hatte sie eine Hand ausgestreckt und nach dem herabhängenden Schwanz des Geflügelten neben sich gegriffen, als könne sie sich dadurch vor der Berührung mit dem Boden schützen.
Nun zog ein Funkenregen auch seinen Schwanz hoch, und beide Ungeheuer wurden davon verzehrt.
Kasumi wirbelte herum. Drei seiner sechs Männer waren inzwischen tot, doch noch immer griffen neuen Geflügelte an, allerdings nun etwas vorsichtiger, wie es schien. Einer stieß zu Dominic hinab, der sich gegen seinen Angriff wappnete. Doch statt nach dem Mönch zu greifen, schlug das Ungeheuer mit dem Flügel nach ihm, um ihn umzuwerfen. Gardan raste hinter der Kreatur herbei und duckte sich, um den Krallen zu entgehen. Dann warf er sich nach vorn und schlang die Arme um die baumelnden Beine des Dominic angreifenden Geflügelten. Ganz fest umklammerte er sie.
Sein unerwartetes Gewicht zog den Geflügelten hinunter. Er kreischte und flatterte heftig mit den Schwingen, doch Gardan hatte ihn aus dem Gleichgewicht geworfen und brachte ihn nun zu Boden.
Wie die vor ihm ging er in Funken auf.
Gardan rollte sich zur Seite. Die Schmerzen an Armen und Brust, wo er mit der Kreatur in Berührung gekommen war, waren grauenvoll. Aber er unterdrückte sie in seiner wachsenden Hoffnung.
Sie waren nun zu siebt, er, Kasumi, Dominic, drei Tsuranisoldaten und ein Fährmann, der die Bootsstange schwang. Und die Ungeheuer bloß noch acht.
Eine Weile kreisten die Luft wesen außerhalb der Reichweite ihrer Klingen über ihnen. Als sie sich zu einem Sturzangriff bereitmachten, erhob sich ein Schimmern am Ufer unweit der Verteidiger. Gardan betete zu Tith, dem Gott der Kämpen, daß es nicht die Ankunft weiterer Angreifer bedeutete. Schon einer mehr mochte ihr Untergang sein.
Lichtumspielt erschien ein Mann in einfachem schwarzem Kittel und ebensolchem Beinkleid. Gardan und Kasumi erkannten Pug sofort und riefen ihm eine Warnung zu. Der Magier machte sich ruhig ein Bild der Lage. Ein Geflügelter, der den unbewaffneten neuen Gegner entdeckte, schrie vor Freude auf und tauchte zu ihm hinab.
Pug blieb scheinbar wehrlos stehen. Doch nicht ganz zehn Fuß von ihm entfernt krachte das Ungeheuer gegen einen unsichtbaren Schild. Als wäre es gegen eine Steinmauer geprallt, stürzte es zu Boden und verging in einem blendenden Blitz.
Schreckensschreie erklangen aus der Luft, als die restlichen Kreaturen erkannten, daß hier ein Gegner war, gegen den sie nicht ankamen. Im Handumdrehen ergriffen die Geflügelten die Flucht gen Norden.
Pug schwenkte die Arme. Plötzlich züngelte ein bläuliches Feuer auf seinen erhobenen Handflächen. Er schleuderte es den Fliehenden nach. Die blaue Feuerkugel holte sie weit über dem Wasser ein. Wie eine Wolke pulsierenden Lichtes begann sie, sie einzuhüllen.
Würgende Schmerzensschreie waren zu vernehmen, als die Wesen in der Luft zu zucken begannen und in die Tiefe stürzten. Als jedes einzelne die Wasseroberfläche berührte, ging es in grünen Flammen auf, die es verschlangen, während sie versanken.
Gardan blickte Pug entgegen, als er sich den erschöpften Verteidigern näherte. Des Magiers Gesicht wirkte ungewöhnlich düster und verriet eine Macht, wie Gardan es an ihm noch nie zuvor bemerkt hatte. Doch als Pug sich entspannte, veränderte sich seine Miene gleich. Trotz seiner fast sechsundzwanzig Jahre sah er nun jungenhaft aus. Mit einem unvermittelten Lächeln sagte er: »Ihr seid auf Stardock herzlich willkommen, meine Herren.«
Ein sanft glühendes Feuer strahlte wohlige Wärme aus. Gardan und Dominic ruhten sich in bequemen Sesseln vor dem offenen Kamin aus, und Kasumi saß auf Tsuraniart auf dem Kissen.
Kulgan versorgte die Brandwunden des Hauptmanns und umhegte ihn wie eine Glucke ihr Küken. Die beiden kannten sich seit Jahren von Crydee her und so gut, daß Kulgan sich einen rauhen Ton erlauben konnte. »Wie konntet Ihr bloß so dumm sein, eines dieser Ungeheuer zu berühren! Jeder weiß, daß die Berührung einer elementgebundenen Kreatur zur Entladung ungeheurer Energie führt, wenn sie zu ihrem Ursprungszustand zurückkehrt!«
Gardan wurde es überdrüssig, ausgeschimpft zu werden. »Nun, ich wußte es jedenfalls nicht! Kasumi, habt Ihr es gewußt? Ihr, Dominic?«
Kasumi lachte, als Dominic antwortete: »Ich wußte es!«
»Ihr seid auch nicht gerade eine Hilfe, Bruder«, brummte der Hauptmann. »Kulgan, seid Ihr bald fertig, daß wir endlich essen können ? Seit fast einer Stunde strömt der Duft köstlicher Speisen herein und macht mich schier wahnsinnig!«
Pug, der an der Wand neben dem Kamin lehnte, lachte. »Doch wohl erst seit höchstens zehn Minuten, Hauptmann.«
Sie befanden sich in einem gemütlichen Gemach im Erdgeschoß eines großen Gebäudes, an dem noch gebaut wurde. Kasumi sagte: »Ich freue mich, daß der König mir gestattete, Eure Akademie zu besuchen, Pug.«
»Ich mich ebenfalls«, warf Bruder Dominic ein. »Wir wissen die Abschriften, die Ihr so freundlich ward, uns zu schicken, sehr zu schätzen, doch was Eure Pläne betrifft, tappen wir noch im dunkeln. Wir möchten gern mehr erfahren.«
Pug versicherte ihm: »Ich freue mich über jeden Besuch, den das Bedürfnis nach weiterem Wissen hierherführt, Bruder Dominic.
Vielleicht könnt Ihr uns unsere unbedeutende Gastfreundschaft einmal vergelten, indem Ihr uns erlaubt, Eurer vielgerühmten Bibliothek einen Besuch abzustatten.«
»Oh, dieser Bitte kann ich mich nur anschließen«, warf Kulgan schnell ein.
»Ihr seid uns beide jederzeit herzlich willkommen«, versicherte ihnen der Mönch.
»Auf ihn müßt Ihr dort aber sehr gut aufpassen!« warnte Gardan mit einem Kopfnicken in Kulgans Richtung. »Wenn Ihr ihn frei in Euren unterirdischen Gewölben herumlaufen laßt, werdet Ihr ihn nie mehr wiederfinden. Er ist so versessen auf Bücher wie ein Bär auf Honig.«
Eine in höchstem Maß anziehende Frau mit dunklem Haar und großen dunklen Augen betrat das Gemach, gefolgt von zwei Dienern.
Alle trugen Tabletts mit dampfenden Speisen. Als sie ihres auf dem langen Tisch am anderen Ende des Gemachs abstellte, rief sie: »Bitte – es ist Zeit zum Abendessen.«
Pug wandte sich an den Mönch. »Bruder Dominic, das ist Katala, meine Frau.«
Dominic verbeugte sich höflich. »Meine Lady.«
Sie lächelte ihn an. »Bitte, Katala. Wir sind hier nicht gern so förmlich.« Wieder verbeugte der Mönch sich, als er sich auf den angebotenen Stuhl setzte. Er hörte das Öffnen einer Tür und drehte sich um. Zum ersten Mal, seit der Hauptmann ihn nun kannte, war der Mönch nahe daran, die Fassung zu verlieren. William kam in das Gemach gerannt mit dem grünschuppigen Fantus dichtauf.
»Ishaps Erbarmen! Ist das ein Feuerdrache?«
William eilte zu seinem Vater und schlang die Arme um ihn, während er die Besucher heimlich beäugte. Kulgan erklärte: »Das ist Fantus, Herr dieses Anwesens. Er duldet, daß wir hier wohnen, und zieht Williams Gesellschaft der aller anderen vor.« Der Drache wandte Kulgan den Kopf zu, als wolle er dessen Worte bestätigen.
Dann blickten seine großen roten Augen wie sinnend auf den Tisch und die darauf abgestellten Speisen.
»Begrüße Kasumi, William«, forderte sein Vater ihn auf.
Lächelnd verneigte sich der Junge und sagte etwas auf tsuranisch, das Kasumi lachend beantwortete.
Dominic horchte interessiert auf. Pug erklärte: »Mein Sohn beherrscht sowohl die Königszunge wie auch die Sprache der Tsuranis. Meine Frau und ich halten ihn zum Studium von beiden an, denn viele meiner Werke sind in Tsuranisch. Das ist eines der Probleme, die ich bei der Übertragung der Kunst des Erhabenen Pfades nach Midkemia habe. Vieles, was ich tue, ist das Ergebnis meiner Art zu denken – und Magie denke ich auf tsuranisch. William wird mir eines Tages bestimmt eine große Hilfe dabei sein, Möglichkeiten zu entdecken, wie man Magie in der Königszunge wirken kann, damit ich sie jene lehren kann, die hier leben.«
Katala erinnerte: »Meine Herren, das Essen wird kalt.«
»Und meine Frau gestattet nicht, daß wir uns an diesem Tisch über Magie unterhalten«, warnte Pug.
Kulgan schnaubte, und Katala erklärte: »Erlaubte ich es, würden die beiden nicht dazu kommen, auch nur einen Bissen zu essen!«
Trotz seiner Brandwunden kam Gardan schnell herbei. »Ich brauche nicht öfter als einmal aufgefordert zu werden.« Er setzte sich sofort nieder, und ein Diener tischte ihm auf.
Das Mahl verlief angenehm bei unbeschwerter Plauderei. Als hätte die Nacht alle Schrecken des vergangenen Tages vertrieben, wurde beim Essen kein Wort über die Ereignisse verloren, die Gardan, Dominic und Kasumi nach Stardock geführt hatten. Man sprach nicht von Aruthas Suche nach dem Heilmittel, von Murmandamus’ Drohung und auch nicht von der Wahrsagung, über die man im Kloster geredet hatte. Eine kurze Weile gab es nichts Unangenehmes – eine Stunde lang war die Welt ein heiler Ort mit alten Freunden und neuen Gästen, und ein jeder genoß die Gesellschaft der anderen.
Dann sagte William zu allen gute Nacht. Dominic staunte über die Ähnlichkeit des Jungen mit seiner Mutter, obgleich er in Haltung und Sprechweise seinen Vater zumindest nachahmte. Fantus hatte von Williams Teller zu fressen bekommen, und er tapste jetzt hinter dem Jungen aus dem Gemach.
»Ich glaube, meinen Sinnen immer noch nicht trauen zu können, was diesen Drachen betrifft«, gestand Dominic, nachdem die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte.
»Solange ich mich erinnern kann, war er so etwas wie Kulgans Haustier«, sagte Gardan.
Kulgan zündete sich gerade eine Pfeife an. »Ha, jetzt nicht mehr. Seit dem Tag, da der Junge und Fantus sich zum erstenmal sahen, sind sie unzertrennlich.«
»Zwischen den beiden ist etwas, das über das natürliche Maß hinausgeht«, meinte Katala. »Manchmal glaube ich, daß sie einander genau verstehen.«
»Lady Katala«, sagte Dominic, »an diesem Ort ist wenig, was nicht das natürliche Maß übersteigt. Diese Ansammlung von Magiern, dieser Bau…«
Pug stand auf und bat die anderen zu den Sesseln am Kamin.
»Aber Ihr müßt wissen, auf Kelewan, wo ich in der Vereinigung studierte, ist alles, was hier erst im Werden begriffen ist, alteingeführt. Die Bruderschaft der Magier ist dort etwas Selbstverständliches, so wie die allgemeine Verbreitung des Wissens unter den Magiern.«
Kulgan sog zufrieden an seiner Pfeife. »So soll es auch sein!«
»Wir können uns morgen über die zukünftige Akademie auf Stardock unterhalten«, versprach Pug, »wenn ich euch unsere Gemeinschaft hier zeige.
Doch nun zu etwas anderem. Die Botschaften von Arutha und dem Abt werde ich heute abend lesen. Ich weiß alles, was zu Aruthas Aufbruch von Krondor führte. Gardan, was ist zwischen dort und Sarth geschehen?«
Der Hauptmann, der kaum noch die Augen hatte offenhalten können, zwang sich schnell, voll wach zu werden, und erzählte, was sich zwischen Krondor und Sarth ereignet hatte. Bruder Dominic verharrte stumm, da der Hauptmann nichts von Bedeutung ausließ.
Dann war er an der Reihe und berichtete von dem Angriff auf das Kloster. Als er geendet hatte, stellten Pug und Kulgan ein paar Fragen, unterließen jedoch jeglichen Kommentar.
Schließlich sagte Pug: »Eure Neuigkeiten geben zu größter Besorgnis Anlaß. Trotzdem, heute ist es schon spät, und ich meine, es sind noch andere auf der Insel, die wir bei der Beratung mit hinzuziehen sollten. Ich schlage vor, wir zeigen diesen müden Herren ihre Gemächer und unterhalten uns morgen eingehend.«
Gardan unterdrückte ein Gähnen und nickte. Er, Kasumi und Bruder Dominic wurden von Kulgan, der den anderen eine gute Nacht wünschte, zu ihren Gemächern geleitet.
Pug erhob sich aus dem Sessel am Kamin. Er stellte sich an ein Fenster und beobachtete den kleinen Mond, dessen Licht sich im Wasser spiegelte, als er zwischen den Wolken hervorlugte. Katala trat hinter ihren Mann und schlang die Arme um seine Hüfte.
»Diese Neuigkeiten beunruhigen dich.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Wie immer, weißt du, was in mir vorgeht.« Er wandte sich in ihrer Umarmung und zog sie an sich. Der angenehme Duft ihres Haares betörte ihn, als er sie auf die Wange küßte. »Ich hatte nur gehofft, wir könnten unser Leben friedlich zubringen, nur mit der Sorge um die Errichtung der Akademie und damit, unsere Kinder großzuziehen.«
Sie lächelte zu ihm auf. Ihre dunklen Augen spiegelten die unendliche Liebe, die sie für ihren Mann empfand, wider. »Bei den Thuril haben wir ein Sprichwort: ›Das Leben bedeutet Probleme; zu leben, um sie zu lösen‹.« Er lächelte darüber. »Trotzdem stimmt es«, sagte sie. »Was hältst du von den Neuigkeiten, die Kasumi und die anderen brachten?«
»Ich weiß es nicht.« Er strich über ihr dunkles Haar. »In letzter Zeit verspürte ich wachsende Sorge. Ich dachte, sie hinge nur mit der Akademie zusammen oder vielmehr mit den Fortschritten ihrer Errichtung. Aber es ist mehr als das. Des Nachts quälen mich Träume.«
»Ich weiß, Pug. Dein Schlaf ist sehr unruhig. Du hast darüber noch nicht mit mir gesprochen.«
Er blickte sie an. »Ich wollte dich nicht beunruhigen, Liebling. Ich hielt meine Träume für unbewußte Erinnerungen an schlimme Zeiten. Doch jetzt – bin ich nicht mehr sicher. Einer kehrt ständig wieder und nun in kürzeren Abständen als zuvor. Aus einem finsteren Ort ruft eine Stimme mir zu. Sie braucht mich, bittet um meine Hilfe.«
Sie schwieg, denn sie wußte, daß ihr Mann warten würde, bis er bereit war, sich ganz mitzuteilen. Schließlich gestand er: »Ich kenne die Stimme, Katala. Seit der Zeit größter Not, seit dem schrecklichen Augenblick, als der Ausgang des Spaltkriegs in der Schwebe hing und das Schicksal zweier Welten auf meinen Schultern lastete. Es ist Macros! Seine Stimme ist es, die ich höre!«
Katala erschauderte und drückte ihren Mann fest an sich. Sie kannte den Namen gut, denn die Bibliothek Macros des Schwarzen hatte die Gründung der Akademie für Magier erst ermöglicht.
Macros war der geheimnisvolle Zauberer, der weder dem Pfad der Geringeren Magie, wie Kulgan, noch dem Erhabenen Pfad, zu dem Pug gehörte, zuzurechnen war. Macros hatte schon so lange gelebt, daß man ihn für unsterblich halten konnte, und er hatte die Gabe, in die Zukunft zu sehen. Er hatte auf seine Weise den Verlauf des Spaltkriegs beeinflußt und ein kosmisches Spiel mit Menschenleben für ein Ziel getrieben, das nur er kannte. Er hatte auf Midkemia den Raumspalt geschlossen und so die Brücke zwischen dieser Welt und der der Tsuranis geschlossen. Katala schmiegte sich noch enger an Pug. Sie wußte, weshalb dieser Traum ihn so beunruhigte: Macros war tot!
Gardan, Kasumi und Dominic standen im Erdgeschoß und bewunderten die Arbeit, die hier geleistet wurde. Maurer aus Shamata setzten Reihe um Reihe Steine für die hohe Hauswand der Akademie. Pug und Kulgan begutachteten die neuesten Pläne des verantwortlichen Baumeisters.
Kulgan winkte die Neuankömmlinge zu sich. »Darf ich euch um Nachsicht bitten – diese Arbeit ist ungemein wichtig für uns. Wir sind erst seit einigen Monaten dabei und möchten nicht, daß sie irgendwie aufgehalten wird.«
»Dieses Gebäude wird ja gewaltig!« staunte Gardan.
»Fünfundzwanzig Stockwerke hoch, mit einigen noch höheren Türmen zur Himmelsbeobachtung.«
»Das ist ja unvorstellbar!« rief Dominic. »Es könnte Tausenden Platz bieten!«
Kulgan lächelte. »Nach dem, was Pug mir erzählt hat, ist es klein verglichen mit der Stadt der Magier auf jener anderen Welt. Dort ist eine ganze Stadt zu einem einzigen riesigen Gebäude zusammengewachsen. Wenn wir mit unserem Bau hier fertig sind, in vielen Jahren erst, wird er höchstens ein Zwanzigstel so groß sein.
Aber hier ist Platz genug zum Anbau. Vielleicht wird die Akademie eines Tages ganz Stardock bedecken!«
Der Baumeister zog sich zurück. Pug entschuldigte sich.
»Verzeiht die Unterbrechung, aber es mußten einige Entscheidungen getroffen werden. Kommt, sehen wir uns weiter um.«
Sie folgten der Wand, und als sie um die Ecke bogen, lag so etwas wie eine kleine Siedlung vor ihnen. Hier gingen Männer und Frauen in der im Königreich üblichen Kleidung ihrer Beschäftigung nach.
Kinder spielten auf dem breiten Platz in der Mitte, zu ihnen gehörte William. Dominic schaute sich um und sah Fantus in der Nähe neben einer Tür in der Sonne liegen. Die Kinder versuchten eifrig, einen Ball aus lederumwickelten Stofffetzen mit dem Fuß in ein Faß zu schießen. Offenbar spielten die Kinder ohne irgendwelche Regeln.
Dominic lachte bei dem Anblick. »Als Junge spielte ich an Sechstagen ebenfalls Faßball.«
Pug lächelte. »Ich ebenfalls. Vieles, was wir planen, muß erst noch ausgearbeitet werden. So gibt es für die Kinder einstweilen nur vereinzelte Pflichten. Das scheint ihnen aber nichts auszumachen.«
»Was ist das hier?« erkundigte sich Dominic.
»Gegenwärtig das Zuhause unserer kleinen Gemeinschaft. Der Flügel, in dem Kulgan und meine Familie untergebracht sind und in dem sich einige Lehrsäle befinden, ist der einzige bezugsfertig gemachte Teil der Akademie, obgleich der Bau der Stockwerke darüber noch lange nicht beendet ist.« Er deutete auf die Siedlung.
»Jene, die hier arbeiten oder nach Stardock zum Lernen gekommen sind, wohnen hier, bis weitere Unterkünfte im Hauptgebäude geschaffen werden.« Pug bedeutete den Gästen, ihm in ein größeres Gebäude zu folgen, das sich von den übrigen der Siedlung abhob.
William verließ das Spiel und trippelte neben seinem Vater her. Pug legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes. »Na, wie sieht es mit deinem Unterricht aus?«
Der Junge verzog das Gesicht. »Nicht so gut. Ich habe für heute Schluß gemacht. Nichts geht so, wie es soll.«
Pugs Miene wurde ernst, doch Kulgan gab William einen sanften Stoß. »Geh wieder spielen, Junge. Und mach dir keine unnötigen Gedanken. Dein Vater war genauso dickköpfig, als er mein Student war. Es kommt alles zu seiner Zeit.«
Pug lächelte leicht. »Dickköpfig?«
»Nun, ›schwer von Begriff‹ hätte vielleicht etwas arg hart geklungen.« Kulgan grinste.
Pug öffnete die Tür. »Ich bin überzeugt, Kulgan wird mich selbst in meiner Todesstunde noch aufziehen.«
Das Gebäude erwies sich als so etwas wie eine hohle Schale. Sein einziger Zweck schien zu sein, einen großen Tisch zu beherbergen, der sich über die gesamte Länge hinzog, mit Stühlen an den Stirnseiten und zu beiden Seiten. Ansonsten befand sich nur noch ein offener Kamin in dem großen Raum. Schwere Balken, von denen freundliches Licht ausstrahlende Lampen hingen, trugen die hohe Decke.
Pug rückte einen Stuhl am Kopfende des Tisches zurecht und bedeutete den anderen, Platz zu nehmen.
Dominic freute sich über das prasselnde Feuer im Kamin. Obwohl der Frühling schon bald dem Sommer weichen würde, war der Tag kalt. »Was ist mit den Frauen und Kindern hier?« fragte er.
Kulgan zog seine Pfeife aus dem Gürtel und begann sie zu stopfen. »Die Kinder sind die Söhne und Töchter jener, die hierhergekommen sind. Wir beabsichtigen eine Schule für sie zu errichten. Pug hegt die wohl etwas ungewöhnliche Hoffnung einer Schulbildung für alle im Königreich – eines Tages. Ich dagegen kann mir nicht vorstellen, daß so etwas allgemein durchgeführt wird. Und was die Frauen betrifft, nun, sie sind entweder Ehefrauen von Magiern oder selbst Magier, also zum Teil solche, die man als Hexen betrachtet.«
»Hexen?« echote Dominic hörbar besorgt.
Eine Flamme züngelte aus Kulgans Fingerspitze, damit zündete er seine Pfeife an. Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in einem Wölkchen aus. »Was ist schon eine Bezeichnung? Sie wirken Magie. Aus mir unverständlichen Gründen wurden Zauberer an manchen Orten zumindest geduldet, während man Frauen aus so gut wie jedem Ort verjagte, wenn man herausfand, daß sie über magische Kräfte verfügten.«
»Ja, aber man nimmt an, daß Frauen diese Kräfte dadurch gewinnen, daß sie den Mächten der Finsternis dienen.«
Kulgan winkte ab. »Unsinn! Das ist reinster Aberglaube!
Verzeiht, wenn ich das so unverblümt sage. Die Quelle ihrer Gabe ist nicht finsterer als Eure eigene, und ihr Verhalten ist gewöhnlich weit gütiger als das so mancher begeisterter, aber fehlgeleiteter Diener einiger Tempel.«
»Das mag stimmen«, gab Dominic zu, »aber Ihr sprecht, wenn Ihr Euch auf mich bezieht, von einem anerkannten Angehörigen eines anerkannten Tempels.«
Kulgan blickte Dominic eindringlich an. »Vergebt meine Bemerkung, aber trotz des Rufes, daß die Ishapier eine weit weltlichere Einstellung als andere Orden haben, erscheint mir Eure doch sehr engstirnig. Was gilt es schon, wenn diese armen Frauen nicht einem Tempel angehören? Dient eine Frau in einem Tempel, ist sie heilig. Kommt sie zu ihrer Gabe jedoch in einer armseligen Waldhütte, dann ist sie gleich eine Hexe. So seht Ihr es doch? Selbst mein alter Freund, Pater Tully, würde so etwas nicht dulden! Bei Euch geht es nicht um die Frage, ob gut oder böse, sondern lediglich darum, wer die bessere Gilde hat.«
Dominic lächelte. »Ihr versucht also, eine bessere Gilde aufzubauen?«
Kulgan stieß ein weiteres Rauchwölkchen hervor.
»Gewissermaßen, ja, obgleich das weniger der Grund unseres Tuns ist als der, so viel magische Überlieferung zu sammeln, wie nur möglich.«
»Verzeiht meine barschen Fragen«, bat Dominic. »Zu meinem Auftrag gehörte, Eure Beweggründe herauszufinden. Der König ist Euer mächtiger Verbündeter, und unser Tempel machte sich Gedanken, daß hinter Eurer Betriebsamkeit ein verborgener Grund stecken mochte. Mein Orden sagte sich, da ich ohnedies hierherkam…«
»Könntet Ihr gleich feststellen, was wir tun und wie es sich mit unseren Behauptungen vereinbart«, beendete Pug den Satz für ihn.
Kasumi warf ein: »Solange ich Pug kenne, bestimmte ihn immer die Ehre.«
»Hätte ich die geringsten Bedenken gehegt «, versicherte ihnen Dominic, »hätte ich jetzt nichts mehr gesagt. Daß ihr den hehrsten Zielen entgegenstrebt, bezweifle ich nicht. Nur…«
Gleichzeitig fragten Pug und Kulgan: »Was?«
»Es ist mir klar, daß ihr mehr als alles andere eine Gemeinschaft von Weisen anstrebt. Das, an und für sich, ist lobenswert. Aber ihr werdet nicht immer hier sein. Eines Tages könnte die Akademie sich als mächtiges Werkzeug in den falschen Händen erweisen.«
»Wir treffen jede erdenkliche Vorsichtsmaßnahme, das zu verhindern«, entgegnete Pug. »Das müßt Ihr mir glauben.«
»Das tue ich«, versicherte ihm Dominic.
Pugs Ausdruck veränderte sich. Es schien, als lausche er. »Sie kommen!« sagte er.
Kulgan beobachtete ihn hingerissen.
»Gamina?« wisperte er.
Pug nickte, und Kulgan stieß ein zufriedenes »Ah!« hervor. »Die Verbindung war besser denn je. Ihre Kräfte wachsen von Woche zu Woche.«
Dann erklärte er den anderen: »Ich habe die Botschaften gelesen, die ihr mitgebracht habt, und jemanden gerufen, der vielleicht helfen kann. Er wird in Begleitung kommen.«
»Diese Begleitung…«, Kulgan machte eine ehrfürchtige Pause, »…ist eine, die Gedanken mit erstaunlicher Deutlichkeit senden und empfangen kann. Sie ist bisher die einzige, die das vermag, zumindest von all jenen, die wir bisher fanden. Pug hat mir von einer ähnlichen Fähigkeit auf Kelewan erzählt, die während seiner Ausbildung eingesetzt wurde, aber sie bedurfte der entsprechenden Vorbereitung des Betreffenden.«
»Es ist ähnlich der Geistberührung zwischen bestimmten Priestern«, erklärte Pug, »doch ist eine körperliche Berührung oder auch nur die Nähe nicht erforderlich. Genausowenig besteht die Gefahr, daß ein Geist der sich Berührenden den anderen einfängt.
Gaminas Gabe ist offenbar selten.« Dominic war beeindruckt. Pug fuhr fort: »Sie sendet dem Geist, und man versteht es, als spräche sie.
Wir hoffen diese ungewöhnliche Begabung eines Tages zu verstehen und eine Möglichkeit zu finden, sie in anderen zu wecken und sie auszubilden.«
»Ich höre sie kommen!« Kulgan erhob sich. »Bitte, meine Herren.
Gamina hat Schlimmes hinter sich und ist sehr scheu. Bedenkt dies und behandelt sie entsprechend sanft.«
Kulgan öffnete die Tür, und zwei Personen traten ein. Die erste war ein Greis mit ein paar hauchfeinen Haarsträhnen wie weißer Rauch, die über seine Schultern fielen. Seine Hand ruhte auf der Schulter der anderen, und er ging vornübergebeugt. Unter seinem roten Gewand hob sich ein leichter Höcker ab. Die milchigen Augen, die blicklos geradeaus starrten, verrieten, daß der Greis blind war.
Doch es war das Mädchen, das sofort die Aufmerksamkeit auf sich zog. Es trug einen grobgewebten einfachen Kittel und schien etwa sieben Jahre alt zu sein – ein niedliches Ding, das die Finger an die Hand auf ihrer Schulter klammerte. Die blauen Augen waren schier riesig und beherrschten das bleiche Gesicht mit den feinen Zügen. Das Haar der Kleinen war fast so weiß wie das des Greises, doch wie von einem Hauch Gold durchzogen. Das Gefühl überwältigte Dominic, Gardan und Kasumi, daß dieses Kind vielleicht das schönste war, das sie je gesehen hatten. Und schon jetzt versprach das Kindergesicht die unvergleichliche Schönheit, zu der es sich entwickeln würde.
Kulgan führte den Alten zu dem Stuhl neben dem seinen. Das Mädchen wollte sich nicht setzen, sondern blieb hinter dem Greis stehen, beide Hände auf seine Schultern gelegt. Die Finger verkrampften sich, als befürchtete die Kleine, die Verbindung zu ihm zu verlieren. Sie blickte die drei Fremden wie ein in die Enge getriebenes Wild an und bemühte sich nicht, ihr Mißtrauen zu verhehlen.
»Das ist Rogen«, stellte Pug vor.
Der Blinde verbeugte sich knapp. »Mit wem habe ich die Ehre?«
Trotz der unübersehbaren Altersrunen wirkte das Gesicht lebhaft und aufgeschlossen. Er hielt es lächelnd schräg geneigt, als könne er so besser hören. Es war ganz offensichtlich, daß er sich, im Gegensatz zu dem Mädchen, freute, neue Menschen kennenzulernen.
Pug stellte ihm die drei Männer vor, die Kulgan und Rogen gegenübersaßen. Der Blinde lächelte freundlich. »Ich freue mich, euch kennenzulernen, edle Herren.«
»Und dies ist Gamina«, sagte Pug.
Dominic und die anderen zuckten unwillkürlich leicht zusammen, als ein Hallo in ihren Köpfen erklang.
Die Lippen des Mädchens hatten sich nicht bewegt. Es stand reglos und hatte die großen blauen Augen auf sie gerichtet.
»Hat sie gesprochen?« fragte Gardan.
»Mit dem Geist«, antwortete Kulgan. »Eine andere Möglichkeit zu sprechen, hat sie nicht.«
Rogen faßte nach den Händen des Mädchens, um sie zu streicheln. »Gamina wurde mit dieser Gabe geboren. Allerdings hat sie ihre Mutter mit ihrem lautlosen Schreien als Baby fast in den Wahnsinn getrieben.« Das Gesicht des Greises wurde sehr ernst.
»Gaminas Eltern wurden von den Bewohnern ihres Heimatorts gesteinigt, weil sie angeblich einen Dämon in die Welt gesetzt hatten. Arme, abergläubische Menschen waren es. Sie wagten jedoch nicht, das Kind zu töten, da sie befürchteten, es könnte seine ›wahre‹
Gestalt annehmen und sie alle umbringen. Also setzten sie es im Wald aus, damit es dort erfriere und verhungere. Gamina war damals noch keine drei Jahre alt.«
Das Mädchen schaute den Greis eindringlichen Blickes an. Er drehte sich zu ihm um, als könne er es sehen, und sagte: »Ja, da fand ich dich.«
Er wandte sich an die anderen. »Ich lebte im Wald, in einer verlassene n, ehemaligen Jagdhütte, auf die ich gestoßen war. Auch mich hatte man aus meinem Heimatdorf vertrieben, doch bereits Jahre früher. Ich hatte den Tod des Müllers vorhergesagt, und dann gab man mir die Schuld daran. Man beschimpfte mich als Hexer.«
Pug erklärte: »Rogen hat die Gabe des Zweiten Gesichts, vielleicht als Ausgleich für seine Blindheit. Er wurde schon ohne Augenlicht geboren.«
Rogen lächelte. »Wir sind uns auf viele Weise gleich, sie und ich.
Ich hatte mir bereits Gedanken gemacht, was aus Gamina werden würde, wenn ich nicht mehr bin.« Er unterbrach sich, um sich dem Mädchen zuzuwenden, das bei seinen Worten zu zittern begonnen hatte. »Ruhig!« mahnte er sanft. »Natürlich werde ich sterben. Das muß ein jeder. Doch hoffe ich, daß es noch nicht so bald sein wird«, fügte er schmunzelnd hinzu, ehe er weitererzählte. »Wir kamen von einem Dorf nahe Salador. Als wir von diesem wundersamen Ort erfuhren, machten wir uns auf den Weg. Wir brauchten sechs Monate, bis wir hier anlangten, hauptsächlich meines hohen Alters wegen. Und nun haben wir Menschen gefunden, die wie wir sind, die in uns eine Quelle der Hilfe und des Wissens sehen und die uns nicht fürchten. Wir sind zu Hause!«
Dominic schüttelte verwundert den Kopf, überrascht, daß ein Greis und ein Kind Hunderte von Meilen gewandert waren. Er war ganz offensichtlich gerührt. »Ich beginne einen weiteren Grund für Euer Wirken hier zu erkennen. Gibt es noch viele wie diese beiden hier?«
»Nicht so viele, wie wir gern hätten«, bedauerte Pug. »Einige der namhafteren Magier wollen sich uns nicht anschließen. Andere fürchten uns. Sie möchten uns ihre Fähigkeiten nicht offenbaren.
Wieder andere wissen noch gar nicht, daß es uns gibt. Doch einige wie Rogen kommen von selbst zu uns. Wir haben fast fünfzig Magiewirker hier.«
»Das ist eine beachtliche Menge«, staunte Gardan.
»In der Vereinigung gab es zweitausend Erhabene«, sagte Kasumi.
Pug nickte. »Dann hatten wir auch noch genau so viele, die dem Geringeren Pfad folgten. Und jene, die sich das schwarze Gewand errangen, das Kennzeichen der Erhabenen, waren nur jeweils einer von fünfen, die mit der Ausbildung begannen, und zwar unter weit härteren Umständen, als wir sie hier schaffen könnten oder überhaupt wollten.«
Dominic blickte Pug an. »Und jene, die versagten?«
»Wurden getötet«, antwortete Pug dumpf.
Dominic spürte, daß dies etwas war, worüber Pug Stillschweigen bewahren wollte. Furcht sprach aus des Mädchens Gesicht. Rogen beruhigte es rasch: »Keine Angst, Kleines, niemand wird dir hier ein Leid tun. Er sprach von einem fernen Ort. Und du wirst einmal eine große Lehrerin werden!«
Das Mädchen entspannte sich, und flüchtig trat Stolz in ihren Gesichtsausdruck. Es war unverkennbar, daß sie mit jeder Faser ihres Herzens an dem Greis hing.
Nun wandte Pug sich an den Alten. »Rogen, es geht etwas vor, das zu verstehen Eure Gabe uns vielleicht helfen kann. Wäret Ihr bereit?«
»Ist es so wichtig?«
»Ich würde Euch sonst nicht bitten. Fürstin Anita liegt in einem Dämmerzustand, und Fürst Arutha befindet sich unter ständiger Bedrohung durch einen unbekannten Feind.«
Das Mädchen wurde wieder von Furcht ergriffen, oder so zumindest deuteten Gardan und Dominic ihren Gesichtsausdruck.
Rogen neigte den Kopf wie lauschend, dann sagte er: »Ich weiß, daß es gefährlich ist, aber wir haben Pug viel zu verdanken. Er und Kulgan sind die einzige Hoffnung für unseresgleichen.« Diese Worte schienen beide Männer verlegen zu machen, doch sie schwiegen.
»Außerdem ist Arutha des Königs Bruder, und ihrem Vater verdanken wir es, daß wir nun alle auf dieser wundervollen Insel leben können. Was würden die Leute denken, wenn sie erfahren würden, daß wir hätten helfen können, es aber nicht taten?«
Pug flüsterte Dominic zu. »Rogens zweites Gesicht – ist anders als alle, von denen ich bisher hörte. Wenn ich mich nicht irre, sind Eurem Orden Prophezeiungen bekannt.« Dominic nickte. »Er sieht – nun, am besten läßt es sich wohl mit Wahrscheinlichkeiten beschreiben. Er sieht, was geschehen könnte. Das kostet ihn jedoch ungeheure Kraft, und obgleich er zäher ist, als er aussieht, dürfen wir nicht vergessen, daß er doch schon sehr alt ist. Es ist besser, wenn nur einer mit ihm spricht, und da Ihr Euch mit der Art der bisher angewandten Magie am besten auskennt, halte ich es für angebracht, daß Ihr ihm alles erzählt, was Ihr wißt.« Dominic erklärte sich damit einverstanden.
Pug bat: »Dürfte ich alle um Ruhe ersuchen?«
Rogen nahm die Hände des Mönches in die seinen. Dominic staunte über die Kraft, die in den Greisenfingern steckte. Obgleich er selbst nicht in die Zukunft zu blicken vermochte, war er doch mit der Weise vertraut, wie seine Ordensbrüder es taten. Er räusperte sich und begann die Geschichte zu erzählen, angefangen von Jimmys Begegnung mit dem Nachtgreifer auf dem Dach bis zu dem Zeitpunkt, da Arutha Sarth verließ. Rogen unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Gamina rührte sich nicht. Als Dominic von der Prophezeiung sprach, die Arutha den ›Schrecken der Finsternis‹ nannte, erschauderte der Greis, und seine Lippen bewegten sich stumm.
Während der Mönch berichtete, verdüsterte sich die Stimmung im Saal. Selbst das Feuer schien seine Wärme zu verlieren. Gardan ertappte sich dabei, daß er fröstelnd die Arme über der Brust verschränkte.
Selbst als Dominic geendet hatte, gab Rogen seine Hände nicht frei und gestattete ihm auch nicht, sich zurückzulehnen. Er hatte den Kopf erhoben und leicht zurückgeneigt, als lausche er etwas unendlich Fernem. Eine Weile bewegten seine Lippen sich noch lautlos, dann begannen sich Worte zu formen, aber zunächst so schwach, daß sie nicht verständlich waren. Doch plötzlich wurde seine Stimme laut und deutlich.
»Da ist – etwas, eine – Wesenheit. Ich sehe eine Stadt, ein mächtiges Bollwerk mit Türmen und Mauern. Auf der Brustwehr stehen stolze Männer, bereit, die Stadt mit ihrem Leben zu verteidigen. Nun – wird sie belagert – jetzt eingenommen. Ihre Türme brennen lichterloh. Eine Stadt, die gemeuchelt wird. Eine wilde Horde stürmt durch die Straßen, als sie fällt. Die Verteidiger werden arg bedrängt und ziehen sich auf eine Burg zurück. Jene, die schänden und brandschatzen – sind keine Menschen. Ich sehe Brüder des Düsteren Pfades und ihre Kobolddiener. Sie streifen durch die Straßen mit bluttriefende Waffen. Ich sehe, wie ungewöhnliche Sturmleitern an die Burgmauern gelehnt werden, und ich sehe Brücken der Schwärze. Nun brennt alles – überall Flammen… Es ist vorbei.«
Eine kurze Weile schwieg Rogen, dann fuhr er fort: »Ich sehe Heerscharen auf einer Ebene, über ihnen flattern fremdartige Banner.
Schwarzgerüstete Gestalten sitzen schweigend auf Pferden. Ihre Schilde und Röcke weisen seltsame Wappen auf. Über ihnen erhebt sich ein Moredhel…« Tränen brannten in den toten Augen des Greises. »Er ist – schön… Er ist – böse. Er trägt das Zeichen des Drachen. Er steht auf einer Hügelkuppe, und unter ihm marschieren die Armeen vorbei und schmettern Kampflieder. Bedauernswerte menschliche Sklaven ziehen schwere Kampfmaschinen.«
Wieder machte Rogen eine kurze Pause. »Ich sehe eine andere Stadt, doch verschwommen und schwankend, da ihre Zukunft weniger sicher ist. In ihre Mauern sind Breschen geschlagen, und ihre Straßen sind rot von Blut. Die Sonne versteckt ihr Antlitz hinter grauen Wolken – und die Stadt schreit ihre Qual hinaus. Endlose Reihen von aneinandergeketteten Männern und Frauen werden von Kreaturen, die sie verspotten und mit Peitschen schlagen, zu einem großen Platz getrieben, wo der Eroberer wartet. Ein Thron ist auf einer Erhebung errichtet – auf einem Berg von Leichen. Auf dem Thron sitzt – der Schöne, der Böse. Neben ihm steht ein Schwarzvermummter. Hinter beiden ist etwas – anderes… Ich kann es nicht sehen, aber es ist da, es existiert, es ist – finster… Es ist nicht stofflich, nicht wirklich dort, aber – es ist doch dort. Es berührt den auf dem Thron.« Rogens Finger verkrampften sich um Dominics Hände. »Wartet…« Er zögerte. Seine Hände fingen zu zittern an.
Verstört, fast schluchzend rief er: »O ihr Götter, habt Erbarmen. Es kann mich sehen! Es kann mich sehen!« Die Lippen des Greises bebten, während Gamina an seinen Schultern zerrte, sich mit furchterfüllten Augen und angstverzerrtem Gesicht an ihn schmiegte.
Plötzlich öffneten Rogens Lippen sich zu einem schrecklichen Ächzen, einem Laut tiefster Qual und Verzweiflung, und er erstarrte.
Ohne Vorwarnung überfiel brennender, unerträglicher Schmerz alle, die im Saal saßen. Gamina schrie lautlos.
Gardan preßte die Hände an die Schläfen und verlor fast die Besinnung durch den weißglühenden Blitz sengender Qual.
Dominics Gesicht war aschgrau, und er taumelte unter dem entsetzlichen Schrei zurück, als hätte ihn ein Keulenschlag getroffen.
Kasumi schloß die Lider über den sich verdrehenden Augen, als er sich mühte aufzustehen. Kulgans Pfeife entglitt den schlaffen Lippen, während er die Hände an den Kopf drückte. Pug taumelte auf die Füße. Er benutzte alle magische Kraft, über die er verfügte, um eine Art geistigen Schirm gegen die Schmerzen in seinem Kopf zu errichten, und verdrängte die Schwärze, die ihn zu übermannen drohte. Er versuchte das Mädchen zu erreichen. »Gamina!« krächzte er.
Doch das Mädchen beendete nicht das lautlose Schreien.
Verzweifelt zerrte es am roten Gewand des Greises – ein sinnloses Unterfangen –, als könnte es ihn von dem ihn bedrohenden Grauen zurückholen. Ihre großen Augen wirkten noch riesiger, und ihre lautlose Hysterie trieb sie alle fast in den Wahnsinn. Pug faßte sie an der Schulter. Gamina achtete nicht darauf, sondern schrie weiter in ihrer Angst um Rogen. Mit all seiner Kraft gelang es Pug, das Entsetzen und den Schmerz in des Mädchens gesendeten Gedanken zu verdrängen.
Gardans Kopf sackte auf den Tisch, ebenso wie Kasumis, Kulgan kämpfte sich hoch, doch dann fiel er kraftlos auf seinen Stuhl zurück.
Außer Pug und Gamina war nun nur noch Dominic bei Bewußtsein.
Etwas in ihm hatte mit aller Kraft versucht, das Mädchen zu erreichen, sosehr er sich auch wünschte, sich von dem Schmerz zurückziehen zu können, den es verursachte.
Die grauenvolle Angst des Mädchens zwang Pug schier auf die Knie, aber er kämpfte dagegen an. Schließlich gelang ihm ein Zauber. Gamina kippte nach vorn. Sofort endete der Schmerz. Pug fing sie auf, doch die Anstrengung ließ ihn rückwärts taumeln, und er fiel auf seinen Stuhl. Benommen von dem heftigen Angriff blieb er mit dem bewußtlosen Mädchen in den Armen sitzen.
Dominic glaubte, sein Schädel müsse bersten, aber er versuchte mit allen Kräften, bei Sinnen zu bleiben. Der Greis wirkte immer noch wie erstarrt. Er krümmte sich vor Schmerzen, und seine Lippen bewegten sich schwach. Hastig sprach Dominic einen Heilzauber, einen, der die Schmerzen nahm. Schließlich erschlaffte Rogen und sackte auf seinem Stuhl zusammen. Doch sein Gesicht blieb eine Maske des Schreckens und Schmerzes, und ehe gnädiges Dunkel ihm Vergessen schenkte, wisperte er heiser Worte, die der Mönch nicht verstehen konnte.
Pug und der Mönch wechselten verwirrte Blicke. Dominic spürte, daß nun auch er die Besinnung verlor, doch ehe es ganz soweit war, wunderte er sich, weshalb der Magier plötzlich so verstört dreinblickte.
Gardan stiefelte in dem Gemach hin und her, in dem sie am vergangenen Abend gespeist hatten. Kulgan, der es sich am Kamin bequem gemacht hatte, rügte: »Ihr trampelt noch eine Furche in den Steinboden, wenn Ihr Euch nicht setzt!«
Stumm blickte Kasumi von seinem Kissen am Boden neben dem alten Magier hoch, und Gardan ließ sich neben ihm nieder. »Diese schreckliche Warterei!« brummte er. Dominic und Pug pflegten mit einigen Heilern der Gemeinschaft den Greis. Rogen war dem Tod nahe, seit sie ihn aus dem Ratssaal getragen hatten. Gaminas Gedankenschreie hatten alle innerhalb einer Meile berührt, nur hatten sie glücklicherweise mit der Entfernung an Kraft verloren. Trotzdem waren selbst außerhalb des Hauses einige Leute ohnmächtig geworden. Als ihr Schreien endlich aufhörte, waren die Geistesgegenwärtigen sogleich in den Ratssaal geeilt, um festzustellen, was geschehen war. Sie hatten alle dort bewußtlos vorgefunden.
Katala war sogleich zur Stelle gewesen und hatte dafür gesorgt, daß sie in das große Schlafgemach gebracht wurden, wo sie sich ihrer annehmen konnte. Von Rogen abgesehen, waren alle nach wenigen Stunden zu sich gekommen. Die Sitzung hatte am Vormittag stattgefunden, und nun war es Abend, doch der Greis war noch bewußtlos.
Gardan hieb die Faust in die Hand. »Verdammt! Für so etwas bin ich ungeeignet. Ich bin Soldat! Diese Zauberungeheuer! Diese namenlosen Mächte… Wie sehr ich mir einen Feind aus Fleisch und Blut wünschte!«
»Ja, und ich weiß sehr wohl, was Ihr mit einem Gegner aus Fleisch und Blut machen könnt!« sagte Kasumi nun. Kulgan blickte interessiert auf, und der Tsurani erklärte: »In den ersten Kriegsjahren standen der Hauptmann und ich uns bei der Belagerung von Crydee gegenüber. Doch erst als wir unsere Erlebnisse austauschten, erfuhr ich, daß er während der Belagerung Aruthas rechte Hand gewesen war. Und er hatte zuvor nicht gewußt, daß ich den Befehl über die Belagerer gehabt hatte.«
Ein kräftiger Mann trat ein und nahm den wallenden Umhang ab.
Sein bärtiges Gesicht war von Wind und Wetter gebräunt, und er sah aus wie ein Förster oder Holzfäller. Lächelnd meinte er: »Kaum bin ich einmal ein paar Tage weg – und wer kommt da an?«
Gardan sprang erfreut auf und streckte dem anderen die Hand entgegen. »Meecham!«
Überschwenglich schüttelten sie sich die Hände, und Meecham sagte: »Schön, Euch wiederzusehen, Hauptmann!« Kasumi tat es Gardan gleich, denn Meecham war ein alter Bekannter. Er war ein freier Mann mit eigenem kleinen Grundbesitz, stand jedoch in Kulgans Dienst, allerdings war er dem Magier mehr Freund denn Diener.
»Hattest du Glück?« fragte Kulgan ihn.
Der Bärtige strich über die große Narbe an seiner linken Wange.
»Nein, alles Scharlatane.«
Kulgan erklärte den anderen: »Wir hörten von einem Zug Wahrsager und Zigeuner, die ein paar Tagesritte von Landreth entfernt lagerten. Ich schickte Meecham zu ihnen, um festzustellen, ob welche mit der echten Gabe unter ihnen seien.«
»Einer hat sie vielleicht gehabt, aber als ich ihm sagte, woher ich kam, war nichts mehr aus ihm herauszukriegen. Vielleicht taucht er von selber auf.« Meecham schaute sich um. »Na, will denn keiner mir verraten, was hier vorgeht?«
Nachdem Kulgan Meecham in alles, was geschehen war, eingeweiht hatte, wurde die weitere Unterhaltung durch William unterbrochen, der mit Gamina an der Hand hereinkam. Der Schützling des Greises war noch bleicher als am Vormittag, als Gardan sie zum erstenmal gesehen hatte. Sie blickte Kulgan, Kasumi und Gardan an, und sie hörten ihre Entschuldigung im Kopf: Es tut mir leid, daß ihr durch mich solche Schmerzen erleiden mußtet. Ich hatte große Angst.
Kulgan streckte ihr die Arme entgegen, und sie gestattete ihm scheu, daß er sie auf seinen breiten Schoß hob. Sanft drückte er sie an sich und sagte: »Schon in Ordnung, Kleines. Wir verstehen es.«
Die anderen lächelten dem Mädchen beruhigend zu, und Gamina entspannte sich sichtlich. Fantus kam durch die Tür getapst. William warf ihm einen schnellen Blick zu und stellte fest: »Fantus hat Hunger.«
»Dieses Untier wurde hungrig geboren«, brummte Meecham.
Nein, kam der klare Gedanke. Er hat ihm gesagt, daß er Hunger hat. Man hat vergessen, ihn heute zu füttern. Ich habe es gehört.
Kulgan hielt das kleine Mädchen ein wenig von sich, damit er ihr Gesicht sehen konnte. »Was meinst du damit?«
Er sagte William, daß er Hunger hat. Gerade eben. Ich habe es gehört.
Kulgan starrte den Jungen an. »William, kannst du Fantus hören?«
Erstaunt schaute der Junge den Magier an. »Natürlich. Ihr nicht?«
Sie unterhalten sich die ganze Zeit miteinander.
Aufgeregt rief Kulgan: »Das ist ja großartig! Ich hatte keine Ahnung! Jetzt wundert es mich nicht mehr, daß die beiden so unzertrennlich sind. William, wie lange sprichst du denn schon auf diese Weise mit Fantus?«
Der Junge zuckte mit der Schulter. »Solange ich mich erinnern kann. Fantus hat immer mit mir geredet.«
»Und du konntest hören, wenn sie sich unterhielten?« Gamina nickte. »Kannst du zu Fantus sprechen?«
Nein. Aber ich höre ihn, wenn er zu William spricht. Er denkt komisch. Es ist schwierig.
Gardan war verwundert über diese Unterhaltung. Er konnte Gaminas Antworten in seinem Kopf hören, als lausche er. Als er sich erinnerte, daß das Mädchen sich am Vormittag mehrmals nur mit Rogen verständigt hatte, wurde ihm klar, daß sie sich nach Belieben auch bloß an einzelne zu wenden vermochte.
William drehte sich zu dem Drachen um. »Na gut!« Dann wandte er sich an Kulgan. »Ich gehe besser schnell mit ihm in die Küche und sehe zu, daß er was zu fressen kriegt. Darf Gamina hierbleiben?«
Kulgan legte wieder die Arme um das Mädchen, und Gamina kuschelte sich an ihn. »Natürlich.«
William eilte hinaus und Fantus hinter ihm her. Die Aussicht auf Futter veranlaßte ihn zu für ihn ungewöhnlicher Eile. Als beide verschwunden waren, fragte Kulgan das Mädchen: »Gamina, kann William auch mit anderen Tieren sprechen?«
Das weiß ich nicht. Ich werde ihn fragen.
Beeindruckt schauten alle zu, wie die Kleine den Kopf neigte, als lausche sie. Kurz darauf nickte sie. Er sagte, nur manchmal. Die meisten Tiere sind langweilig. Sie denken fast immer bloß ans Fressen und an andere Tiere. Kulgan sah aus, als hätte er ein langersehntes Geschenk bekommen.
»Das ist wundervoll! Welch eine Gabe! Wir haben noch nie davon gehört, daß ein Mensch sich direkt mit Tieren verständigen kann. Bestimmte Magier haben früher vermutet, daß es so etwas gab, doch nie auf diese Weise! Wir werden das eingehend erforschen.«
Gaminas Augen wurden noch größer, während sie mit erwartungsvoller Miene zur Tür blickte und sich auf dem Schoß aufsetzte. Einen Moment später traten Pug und Dominic ein. Ihre Gesichter verrieten keineswegs Bedrücktheit, wie die anderen befürchtet hatten.
Noch ehe sie Fragen stellen konnten, sagte Pug: »Er lebt, obgleich er sehr mitgenommen ist.« Er bemerkte Gamina auf Kulgans Schoß, und es schien, als sei diese körperliche Nähe sehr wichtig für sie.
»Geht es dir besser?« fragte Pug sie. Sie lächelte und nickte.
Sie schien offenbar zu ihm allein zu sprechen, dann berichtete Pug. »Ich glaube, er wird sich wieder erholen. Katala wird ihn pflegen. Bruder Dominic war uns eine große Hilfe, denn er ist in der Heilkunst bewandert. Aber Rogen ist sehr alt, Gamina, und falls er nicht mehr zu Kräften kommt, mußt du das verstehen und stark sein.«
Tränen glänzten in ihren Augen, aber sie nickte.
Pug und der Mönch setzten sich zu den anderen, da erst bemerkte Pug den Bärtigen, und er begrüßte Meecham herzlich, dann machte er ihn mit Dominic bekannt.
Nach einer Weile wandte Pug sich an das Mädchen: »Gamina, du könntest uns eine große Hilfe sein. Wärst du dazu bereit?«
Was kann ich tun?
»Soviel ich weiß, hat es noch nie zuvor einen Vorfall wie den heute vormittag gegeben. Ich muß wissen, aus welchem Grund du solche Angst um Rogen hattest.« Pugs Benehmen verriet tiefe Besorgnis, obwohl er sich bemühte, es um des Kindes willen zu verbergen.
Gamina wirkte verschreckt. Sie schüttelte den Kopf und sagte offenbar etwas zu ihm. »Was immer es war«, sprach Pug laut, »mehr darüber zu erfahren, könnte für Rogen den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Etwas, was wir nicht verstehen, steckt dahinter, wir müssen aber herausfinden, was es ist.«
Gamina biß sich auf die Unterlippe. Gardan fand, daß sie erstaunlich tapfer war. Nach dem wenigen, was er über ihr bisheriges Los gehört hatte, mußte sie Entsetzliches durchlebt haben. In einer Welt aufzuwachsen, in der die Menschen ihr gegenüber immer mißtrauisch und feindselig gesinnt waren und deren Gedanken sie aufzunehmen vermochte, mußte sie ja geradezu an den Rand des Wahnsinns gebracht haben. Daß sie diesen Männern hier traute, kam einem Wunder nahe. Rogens Liebe und Güte mußten unendlich gewesen sein, um das Leid auszugleichen, das diesem Kind widerfahren war. Gardan dachte, wenn irgend jemand den hin und wieder vergebenen Titel ›Heiliger‹ verdiente – den die Tempel einigen ihrer Helden und Märtyrer verliehen –, dann war es Rogen.
Das lautlose Gespräch zwischen Gamina und Pug wurde fortgesetzt. Schließlich sagte Pug: »Sprich so, daß jeder es hören kann. Alle hier sind deine Freunde, Kind, und sie müssen deine Geschichte erfahren, um zu verhindern, daß Rogen und andere wieder solchem Grauen ausgesetzt werden.«
Gamina nickte. Ich war bei Rogen.
»Was meinst du damit?« fragte Pug.
Als er sein Zweites Gesicht benutzte, begleitete ich ihn.
»Wie konntest du das?« erkundigte sich Kulgan eifrig.
Manchmal, wenn jemand Dinge denkt oder sieht, kann ich das gleiche sehen oder hören wie er. Es ist schwer, wenn sie es nicht für mich denken. Am besten gelingt es mir bei Rogen. In meinem Kopf konnte ich sehen, was er sah.
Wieder schob Kulgan das Kind ein bißchen von sich, um in seine Augen sehen zu können. »Heißt das, daß du Rogens Geistbilder zu sehen imstande bist?« Das Mädchen nickte. »Wie ist es bei Träumen?«
Manchmal.
Kulgan drückte Gamina fest an sich. »Was bist du doch für ein erstaunliches Kind! Zwei Wunder an einem Tag! Danke, du großartiges kleines Mädchen!«
Gaminas Lächeln wirkte fast glücklich, als sie Kulgan ansah. Pug warf ihm einen fragenden Blick zu. Der alte Magier erklärte: »Dein Sohn kann mit Tieren sprechen!« Unwillkürlich öffnete Pug den Mund, doch Kulgan fuhr fort: »Das ist im Augenblick nicht so wichtig. Gamina, was hat Rogen gesehen, das ihn so erschreckte?«
Gamina begann zu zittern. Kulgan drückte sie beruhigend an sich.
Es war schlimm. Er sah eine Stadt niederbrennen, und böse Kreaturen fügten Menschen Schmerzen zu.
»Kennst du die Stadt?« fragte Pug. »Ist es eine, durch die du mit Rogen gekommen bist?«
Gamina schüttelte den Kopf, und ihre Augen waren groß und klar.
Nein, es war eben eine Stadt.
»Was sonst noch?« erkundigte sich Pug sanft.
Das Mädchen erschauderte. Er sah etwas – einen Mann? Eine starke Verwirrung ging von ihr aus, als plage sie sich mit Vorstellungen, die sie nicht so recht zu verstehen vermochte. Der Mann??? sah Rogen.
Behutsam fragte Kulgan. »Wie kann etwas in einem Geistbild den Seher sehen? In diesem Fall war das Geistbild etwas, was nun vielleicht wahr werden würde. Welche Art von Wesen kann einen magischen Zeugen über die Schranken der Zeit und Wahrscheinlichkeit hinweg spüren?«
Pug nickte. »Gamina, was machte dieser ›Mann‹ mit Rogen?«
Er? es? griff nach ihm und tat ihm weh! Er? sagte ein paar Worte.
Katala trat ein, und das Kind blickte sie erwartungsvoll an. »Er schläft jetzt tief und fest. Ich glaube, er wird sich wieder ganz erholen.« Sie stellte sich hinter Kulgans Stuhl, stützte sich mit einer Hand auf die Rückenlehne und legte die andere unter Gaminas Kinn.
Sie hob ihr Gesicht, daß ihre Augen sich trafen. »Du solltest jetzt ins Bett gehen, Kind.«
»Eine kurze Weile noch«, bat Pug. Katala zweifelte nicht, daß ihr Mann einen triftigen Grund dafür hatte, und nickte. »Kurz bevor Rogen in Ohnmacht fiel, sagte er noch etwas. Es ist wichtig, daß ich weiß, was es war. Ich glaube, er wiederholte das, was er von dem bösen Mann aus seinem Geistbild gehört hatte. Ich muß unbedingt wissen, was Rogen den bösen Mann hat sagen hören. Kannst du dich an die Worte erinnern, Gamina?«
Sie schmiegte den Kopf an Kulgans Brust und nickte schwach, offenbar fürchtete sie sich vor der Erinnerung. Beruhigenden Tones bat Pug: »Würdest du uns diese Worte sagen?«
Nein. Aber ich kann es Euch zeigen.
»Wie?« fragte Pug.
Ich kann Euch zeigen, was Rogen sah, antwortete sie. Das kann ich.
»Uns allen?« erkundigte sich Kulgan. Sie nickte. Das kleine Mädchen richtete sich auf seinem Schoß auf und holte tief Luft, als müsse es sich wappnen. Dann schloß es die Augen und nahm alle mit an einen dunklen Ort.
Schwarze Wolken rasten von heftigem Wind getrieben über den Himmel. Ein Unwetter bedrohte die Stadt. Die schweren Stadttore waren in sich zusammengestürzt, denn die Belagerungsmaschinen hatten Holz und Eisen zerschmettert. Überall loderten nicht mehr zu dämmende Feuer, während die Stadt unterging. Menschen und andere Wesen marterten die Bürger, die sie auf den Speichern und in Kellern verkrochen gefunden hatten, und Blut sammelte sich in Lachen auf den Straßen. Auf dem Marktplatz der Stadt hatte man einen fast zwanzig Fuß hohen Berg von Leichen aufgehäuft und darauf ein Podest aus dunklem Holz errichtet. Dieses Podest trug einen Thron, auf dem ein auffallend schöner Moredhel saß. Er betrachtete zufrieden die Verwüstung ringsum, die seinen Dienern zu verdanken war. Neben ihm stand eine ganz in Schwarz gewandete Gestalt. Die tief ins Gesicht gezogene Kapuze und die weiten Ärmel trugen dazu bei, sie völlig zu vermummen.
Doch etwas hinter dem Paar zog die Aufmerksamkeit Pugs und der anderen auf sich: ein Wesen der Finsternis, etwas Unsichtbares, dessen Anwesenheit jedoch spürbar war. Obwohl es sich im Hintergrund hielt, war es zweifellos die wahre Quelle der Macht hinter den beiden auf dem Podest. Der Schwarzvermummte deutete auf etwas, dabei wurde eine grüne Schuppenhand sichtbar. Irgendwie stellte die Wesenheit hinter den zweien eine Verbindung her. Sie wußte, daß sie beobachtet wurde, und tat ihren Ärger und ihre Geringschätzung kund. Sie bediente sich ihrer fremdartigen Kräfte und sprach, und ihre Botschaft trug zu jenen im Gemach gräßliche Verzweiflung.
Alle bemühten sich, das übertragene Bild abzuschütteln. Dominic, Kulgan, Gardan und Meecham erschienen verstört, und die Drohung, die von dem Gezeigten ausging – obgleich sie durch die Wiedergabe an Kraft verloren haben mußte –, jagte ihnen kalte Schauder über den Rücken.
Kasumi, Katala und Pug waren erschüttert. Als das Kind geendet hatte, rannen Tränen über Katalas Wangen, und Kasumis Gesicht, üblicherweise eine Tsuranimaske, war aschgrau und angespannt. Pug schien am stärksten von allen betroffen. Er ließ sich schwer auf den Boden nieder, senkte den Kopf und zog sich in sich selbst zurück.
Kulgan schaute sich erschrocken um. Gamina nahm die Reaktion der anderen offenbar mehr mit als die Wiederherbeibeschwörung des Geistbildes. Katala schien zu spüren, was in dem Kind vorging. Sie nahm es von Kulgans Schoß auf in ihre Arme und drückte es an sich.
Dominic fragte: »Was ist es?«
Pug blickte hoch, und mehr denn je wirkte er plötzlich erschöpft, als müsse er erneut die Last zweier Welten tragen. Schließlich sagte er schleppend: »Im Augenblick, da Rogen von seinen Schmerzen befreit wurde, sagte er folgendes: ›Die Finsternis, die Finsternis!‹
Dies war, was er hinter den beiden Gestalten sah. Und die Finsternis, die Rogen bemerkte, sprach diese Worte: ›Eindringling, wer immer du bist, wo immer du sein magst, wisse, daß meine Macht sich ausbreitet. Mein Diener bahnt den Weg. Erzittere, denn ich komme!
Wie es früher war, wird es wieder sein, immer und für alle Zeit. Nun koste meine Macht!‹ Er? Es? muß sich dann irgendwie Rogens bemächtigt und ihm diesen grauenvollen Schmerz zugefügt haben.«
»Wie ist das möglich?« fragte Kulgan.
Leise, heiser antwortete Pug: »Ich weiß es nicht, alter Freund.
Doch nun ist dem Rätsel, wer nach Aruthas Tod trachtet und wer hinter all der Schwarzen Magie steckt, mit der er und seine Freunde bekämpft werden, eine weitere Größe hinzugefügt.« Er barg sekundenlang das Gesicht in den Händen, dann schaute er sich um.
Gamina schmiegte sich an Katala, und aller Augen waren auf ihn gerichtet.
»Da ist noch etwas anderes«, sagte Dominic. Er blickte Kasumi und Katala an. »Was ist das für eine Sprache? Ich hörte sie genau wie ihr, und hörte auch Rogens Ausruf, doch ich verstand die Worte nicht.«
Es war Kasumi, der antwortete: »Die Worte waren – alt, uralt, die der Tempelsprache. Auch ich verstand nur wenig. Doch es war – Tsuranisch.«