Vernichtung
Arutha musterte den alten Dieb.
Der Bote des Aufrechten hatte gewartet, während der Fürst die Botschaft las. Nun ruhte Aruthas Blick auf ihm. »Kennst du den Inhalt?«
»Was die Einzelheiten betrifft, nein. Er, der sie mir gab, war jedoch genau in seinen Anweisungen.« Der ehemalige Dieb, dem das Alter die Behendigkeit geraubt hatte, rieb sich abwesend den kahlen Kopf. »Er sagte, ich solle Euch mitteilen, daß der Junge Euch mühelos zu dem in der Nachricht genannten Ort bringen könne, Eure Hoheit. Außerdem sagte er, die Spötter wüßten nun über die Sache mit ihm Bescheid und damit sei sie abgetan.« Der Mann blinzelte Jimmy verschmitzt zu. Der Junge, der etwas abseits stand, atmete bei diesen Worten erleichtert auf, und das Blinzeln verriet ihm, daß ihm die Straßen offen stehen würden, obgleich er kein Spötter mehr sein durfte, und daß Alvarny der Flinke immer noch sein Freund war.
Arutha entgegnete: »Versichert Eurem Meister, daß ich erfreut über seine schnelle Arbeit bin, und ich beabsichtige, die Sache noch heute nacht zu Ende zu führen. Er wird verstehen, was ich meine.«
Arutha winkte einer Wache zu, Alvarny aus dem Saal zu geleiten, und wandte sich an Gardan. »Wählt einen Trupp Eurer verläßlichsten Männer aus und jeden Kundschafter, der sich noch in der Garnison befindet. Doch nehmt keinen, der erst seit kurzem in unserem Dienst steht. Weist jeden an, doch nur mündlich, sich bei Sonnenuntergang am hinteren Tor einzufinden. Sie sollen sich dann allein oder zu zweit auf den verschiedenen Wegen in die Stadt begeben und unauffällig darauf achten, ob man sie beschattet. Sie sollen in der Stadt von Schenke zu Schenke ziehen und etwas essen, doch trinken dürfen sie nur vortäuschen. Um Mitternacht müssen sie sich alle im Bunten Papagei einfinden.«
Gardan salutierte und machte sich daran, den Auftrag auszuführen.
Als Arutha und der Junge allein waren, sagte der Fürst: »Du glaubst sicher, daß ich dir einen schlechten Gefallen erwiesen habe.«
Jimmys Miene verriet seine Überraschung. »Nein, Hoheit, ich fand es bloß etwas erstaunlich. Außerdem habt Ihr mich vor dem Tod bewahrt.«
»Ich machte mir Sorgen, daß du es übelnehmen würdest, aus der einzigen Familie gerissen zu werden, die du je kanntest.« Jimmy zuckte nur die Schulter. »Und was das andere betrifft, nun, du hast auch mich vor dem Tod bewahrt.« Arutha lehnte sich zurück und lächelte. »Nun sind wir quitt, Junker James, denn wenn du in jener Nacht nicht so schnell gehandelt hättest, würde ich jetzt wohl nicht mehr hier stehen.«
Nun lächelte auch Jimmy. »Wenn wir quitt sind, warum dann die Ernennung?«
Arutha erinnerte sich des Versprechens, das er dem Aufrechten gegeben hatte. »Sieh es so, daß ich dadurch ein Auge auf dich haben kann. Du bist frei, zu kommen und zu gehen, wie du magst, solange du deine Pflichten als Junker nicht vernachlässigst. Aber sollte ich feststellen, daß Goldpokale aus dem Speisesaal fehlen, dann werfe ich dich höchstpersönlich ins Verlies!«
Jimmy lachte, doch nun nahm Aruthas Stimme einen ernsteren Tonfall an. »Da hat auch jemand, anfangs dieser Woche, den Anschlag eines Assassinen auf dem Dach eines gewissen Tuchwalkers vereitelt! Und du hast mir nie gesagt, weshalb du mit der Geschichte über diesen Nachtgreifer gleich zu mir gekommen bist, statt die Sache den Spöttern zu melden, wie du verpflichtet gewesen wärst.«
Der Blick, mit dem Jimmy Arutha bedachte, machte das junge Gesicht weit älter als seine Jahre. Schließlich sagte er: »In jener Nacht, als Ihr mit der Prinzessin aus Krondor entkamt, hatte ich eine ganze Kompanie von Guys Reitern im Hafen zwischen mir und der Freiheit. Ihr habt mir Euren Degen zugeworfen, noch ehe Ihr wußtet, ob Ihr selbst in Sicherheit wart. Und als wir im Versteck festsaßen, habt Ihr mir das Fechten beigebracht. Ihr wart immer gut zu mir, wie zu allen anderen auch.« Er machte verlegen eine Pause. »Ihr habt mich wie einen Freund behandelt. Ich – ich habe nur wenige Freunde, Hoheit.«
Arutha zeigte ihm, daß er verstand. »Auch ich habe nicht viele wahre Freunde: meine Familie, die Magier Pug und Kulgan, Vater Tully und Gardan.« Wieder lächelte er. »Laurie hat sich als mehr als ein einfacher Höfling herausgestellt, ich glaube, auch er mag sich als echter Freund erweisen. Ja, ich würde sogar so weit gehen, Amos Trask als wahren Freund anzunehmen. Wenn Amos der Freund des Fürsten von Krondor sein kann, warum dann nicht auch Jimmy die Hand?«
Jimmy grinste, aber seine Augen glänzten feucht. »Ja, warum nicht?« Er schluckte und verbarg hastig seine Gefühle wieder. »Was ist eigentlich aus Amos geworden?«
Arutha lehnte sich zurück. »Als ich ihn das letzte Mal sah, stahl er des Königs Schiff.« Jimmy riß unwillkürlich den Mund auf. »Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört. Ich gäbe viel darum, diesen Halunken heute nacht zur Seite zu haben.«
Jimmys Lächeln erstarb. »Ich rede nicht gern davon, aber was ist, wenn wir es wieder mit so einer verfluchten Kreatur zu tun kriegen, die sich nicht umbringen läßt?«
»Nathan hält es für unwahrscheinlich. Er glaubt, es kam nur deshalb dazu, weil die Priesterin das Wesen aus dem Reich der Toten zurückrief. Außerdem kann ich nicht darauf warten, daß die Tempel eingreifen. Lediglich dieser Todespriester Julian hat seine Hilfe angeboten.«
»Und wir haben selbst gesehen, was die Hilfe der Lims-Kragma-Diener ausrichtet«, fügte Jimmy trocken hinzu. »Hoffen wir, daß Vater Nathan weiß, wovon er spricht.«
Arutha stand auf. »Komm, wir wollen uns noch ein bißchen ausruhen, denn die Nacht dürfte anstrengend werden.«
Die Nacht hindurch hatten sich die Gardisten, als einfache Söldner gekleidet, in den Straßen von Krondor herumgetrieben, und wenn sie einander begegneten, so getan, als würden sie sich nicht kennen. Erst drei Stunden nach Mitternacht fanden sich über hundert Soldaten im Bunten Papagei ein. Einige verteilten Waffenröcke aus riesigen Säcken, damit die Gardisten während des Angriffs wieder die Farben des Fürsten tragen würden.
Jimmy betrat die Schenke in Gesellschaft von zwei Männern in einfacher grüner Kleidung. Sie gehörten Aruthas Elitekompanie von Kundschaftern an: den königlichen Pfadsuchern. Der rangältere Pfadsucher salutierte. »Dieser Junge hat die Augen einer Katze, Hoheit. Er bemerkte dreimal, daß man einigen unserer Männer zur Schenke folgte.«
Als Arutha sie fragend anblickte, erklärte Jimmy: »Zwei der Beschattenden waren mir bekannte Bettler, die sich mühelos in die Irre führen ließen, aber der dritte… Vielleicht folgte er nur, um zu sehen, ob sich irgend etwas tut. Jedenfalls, als wir ihm in einer Straße den Weg versperrten – sehr unauffällig, das versichere ich Euch –, schlug er einfach eine andere Richtung ein. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten.«
»Oder vielleicht doch«, meinte Arutha. »Aber wir können nichts tun. Selbst wenn die Nachtgreifer ahnen, daß wir etwas vorhaben, wissen sie nicht, was. Schau her.« Er bedeutete Jimmy, sich eine Karte anzusehen, die er auf dem Tisch vor sich ausgebreitet hatte.
»Der Hofbaumeister gab sie mir. Sie ist alt, aber an der Kanalisation dürfte sich nichts geändert haben.«
Jimmy betrachtete sie eingehend. »Bis vor zwanzig Jahren mag sie noch gestimmt haben. Aber seht her!« Er deutete auf einige Punkte auf der Karte. »Hier ist eine Wand eingebrochen. Die Abwässer finden zwar noch Durchlaß, aber ein Mensch kann sich nicht hindurchzwängen. Und hier ist ein neuer Schacht. Ein Gerber hat ihn gegraben, um seine stinkende Brühe schneller abzuleiten.«
Jimmy studierte die Karte weiter. »Habt Ihr vielleicht ein Stück Holzkohle zur Hand?«
Man brachte ihm Holzkohle, und er zeichnete ein paar Kreuze ein.
»Freund Lucas hat durch seinen Keller einen direkten Zugang zu diesem Kanalteil.«
Der alte Wirt hinter dem Schanktisch riß den Mund auf, als er das hörte. »Was? Woher weißt du das?«
Jimmy grinste. »Die Dächer sind nicht die einzige Straße der Diebe. Von hier…«, er deutete auf eines der Kreuze, »… können ganze Kompanien zu diesen beiden Punkten marschieren. Die Ausgänge vom Keller des Nachtgreiferstützpunkts sind sehr geschickt angelegt. Ein jeder führt zu einem Tunnel, der nicht direkt mit den anderen verbunden ist. Die Türen sind manchmal nur zehn Fuß oder weniger voneinander entfernt, doch dazwischen liegen genauso viele Fuß dicke Mauern aus Ziegel und Fels. Es kann Stunden dauern, den Weg von einem Ausgang zum nächsten zu finden. Dieser dritte hier bietet das größte Problem. Er endet an einer Gabelung mit Dutzenden von Gängen, durch die man fliehen kann – zu viele, sie alle zu blockieren. «
Gardan, der über des Jungen Schulter schaute, warf ein: »Das setzt einen genau koordinierten Angriff voraus. Jimmy, kann man es hören, wenn jemand durch eine der Türen einbricht und man sich selbst an einer anderen befindet?«
Jimmy nickte. »Ich nehme es an. Ganz sicher, wenn jemand am Kopfende der Treppe die Ohren offenhält, und schon gar zu dieser nachtschlafenden Zeit. Ihr würdet Euch wundern, wie viele Geräusche von der Straße man des Tags dort unten hören kann, und dann erst des Nachts…«
Arutha wand te sich an die beiden Pfadsucher: »Wenn ihr euch nach der Karte richtet, könnt ihr dann diese Punkte finden?« Beide nickten. »Gut. Jeder von euch wird ein Drittel der Männer zu einem dieser beiden Eingänge führen. Das restliche Drittel kommt mit Gardan und mir. Jimmy wird uns führen. Ihr werdet eure Männer postieren, aber den Keller jenes Gebäudes nicht betreten, außer man entdeckt euch oder ihr hört unseren Trupp jene im Innern angreifen.
Dann kommt, so schnell ihr könnt, Gardan, die Männer auf den Straßen sollten bereits ihre Stellung eingenommen haben. Sie haben ihre Befehle?«
»Jeder hat seine genauen Anweisungen«, versicherte ihm der Hauptmann. »Beim ersten Zeichen, daß sich etwas tut, darf niemand jenes Gebäude verlassen, außer er trägt Eure Farben und ist zumindest vom Ansehen bekannt. Ich habe dreißig Bogenschützen auf den Dächern ringsum postiert, die verhindern werden, daß jemand sich schnell in Sicherheit zu bringen versucht. Ein Herold mit Horn wird den Alarm auslösen, woraufhin zwei Kompanien Reiterei vom Schloß aufbrechen werden. Sie erreichen uns innerhalb von fünf Minuten. Jeder auf der Straße, der nicht zu uns gehört, wird niedergeritten, das ist ein Befehl.«
Arutha schlüpfte nun selbst in einen Waffenrock und warf Jimmy und Laurie auch je einen zu. Als alle des Fürsten Purpur-und-Schwarz trugen, sagte Arutha: »Es ist soweit.«
Die Pfadsucher führten die ersten beiden Trupps in den Keller unter der Schenke. Dann war Jimmy an der Reihe, der Gruppe des Fürsten den Weg zu weisen. Er brachte sie durch den Ausschlupf in der Wand hinter einem falschen Weinfaß und eine schmale Stiege zur Kanalisation hinunter. Bei dem Gestank keuchten oder fluchten einige Soldaten, aber eine knappe Warnung Gardans stellte schnell wieder Ruhe her. Einige verhängbare Laternen wurden nun angezündet. Jimmy bedeutete den Männern, hintereinander zu gehen, und führte des Fürsten Sturmtrupp zum Kaufmannsviertel.
Nach etwa einer halben Stunde, während der sie an träge fließenden Abwässern entlangschlichen, die in den Hafen mündeten, gelangten sie zu der Vielfachgabelung. Arutha befahl, die Laternen zu verhängen. Jimmy ging weiter. Arutha versuchte ihm zu folgen und mußte erstaunt feststellen, daß die Dunkelheit den Jungen zu verschlucken schien. Und so sehr Arutha auch lauschte, er konnte Jimmy nicht hören. Für die wartenden Gardisten war das Ungewöhnlichste an der Kanalisation die Stille, die nur von dem schwachen Schlagen des Abwassers gegen die Kanalwände gebrochen wurde. Jeder Soldat hatte dafür gesorgt, daß weder ein Rasseln noch sonstiger Laut seiner Waffen und Rüstung ihn verraten und eine mögliche Wache der Nachtgreifer alarmieren konnte.
Jimmy kehrte alsbald zurück mit der Nachricht, daß nur ein einzelner Wächter am Fuß der Treppe zu dem Gebäude stand. Mit dem Mund dicht an Aruthas Ohr wisperte er: »Ihr werdet nicht einen Eurer Leute nahe genug heran bringen, ohne daß der Wächter Alarm schlägt. Ich bin der einzige, dem es gelingen könnte. Sobald Ihr hört, daß ich den Wächter überwältigt habe, kommt herbeigelaufen.«
Der Junge zog seinen Dolch aus dem Stiefelschaft und huschte davon. Plötzlich war ein Aufschrei zu hören. Arutha rannte mit seinen Männern los, jetzt ohne darauf zu achten, ob sie leise waren oder nicht. Der Junge hatte den Wächter von hinten angesprungen, ihm den Arm um den Hals geschlungen und nur verwundet mit dem Dolch, der nun auf dem Boden lag. Der Mann hatte sich gewehrt und versucht, Jimmy gegen die Wand zu schmettern. Arutha beendete den Kampf mit einem Stich seiner Klinge. Lautlos glitt der Mann auf die Steine. Jimmy ließ ihn los und lächelte schwach. Er war ziemlich mitgenommen. »Bleib hier«, wies Arutha ihn an, dann winkte er seinen Männern zu, ihm zu folgen.
Arutha hatte Volney zwar versprochen zurückzubleiben, während Gardan den Sturm anführte, doch daran dachte er jetzt nicht mehr. Er hastete leise die Treppe hoch, blieb vor einer Holztür mit nur einem einfachen Riegel stehen, drückte ein Ohr daran und lauschte.
Gedämpfte Stimmen dahinter veranlaßten ihn, warnend die Hand zu heben. Gardan und die anderen kamen auf Zehenspitzen näher.
Leise zog Arutha den Riegel zurück und schob die Tür einen Spalt auf. Er spähte in einen großen, hellerleuchteten Keller. Um drei Tische saßen etwa ein Dutzend Bewaffnete. Einige säuberten ihre Waffen oder Rüstungen. Es sah hier eher wie im Aufenthaltsraum einer Kaserne denn wie in einem Keller aus. Und was Arutha am unglaublichsten fand, war die Tatsache, daß dieser Keller sich unter dem teuersten und am meisten frequentierten Freudenhaus der Stadt befand: dem Weidenhaus, das die meisten reichen Kaufleute besuchten und nicht wenige des niedrigeren Adels von Krondor. Nun verstand Arutha, wie die Nachtgreifer so viel über das Schloß und sein eigenes Kommen und Gehen erfahren konnten. So mancher Höfling prahlte gewiß mit dem eine n oder anderen ›Geheimnis‹, um sein Stundenliebchen zu beeindrucken. Bestimmt hatte die zufällige Bemerkung irgend jemand genügt, daß Gardan plane, dem Fürsten zum Osttor entgegenzureiten, um den Nachtgreifern Aruthas Ankunft Anfang dieser Woche zu verraten.
Plötzlich kam eine Gestalt in Aruthas Blickfeld, die ihn den Atem anhalten ließ. Ein Moredhelkrieger näherte sich einem Mann, der ein Breitschwert einölte. Er sprach leise zu ihm. Der Mann nickte, der düstere Bruder redete weiter. Unvermutet wirbelte er herum. Er deutete auf die Tür und öffnete den Mund. Da zögerte Arutha nicht länger.
»Jetzt!« brüllte er und stürmte in den Kellerraum.
Augenblicklich war die Hölle los. Jene, die zuvor noch müßig dagesessen hatten, griffen nach ihren Waffen und warfen sich auf die Eindringlinge. Andere rasten durch Türen, die zum Freudenhaus hochführten oder hinunter zu anderen Teilen des Abwassernetzes.
Oben schrieen Kunden auf, erschreckt von den fliehenden Assassinen. Jene, die ihr Heil in der Flucht durch die Ausgänge zur Kanalisation suchten, wurden von anderen Trupps des Fürsten wieder zum Keller zurückgedrängt.
Arutha duckte sich unter einem Hieb des Moredhels hinweg und sprang nach links, als Gardisten sich einen Weg zur Mitte des Kellerraums erkämpften und so den Fürsten von dem düsteren Bruder trennten. Die paar Nachtgreifer, die sich zum Widerstand entschieden hatten, stürzten sich, ohne ihres Lebens zu achten, auf Aruthas Männer und zwangen die Soldaten, sie zu töten. Die einzige Ausnahme war der Moredhel, der wie besessen versuchte, an den Fürsten heranzukommen. »Faßt ihn lebend!« brüllte Arutha.
Der Moredhel war bald der einzige noch lebende Gegner im Kellerraum. Er wurde an die Wand zurückgedrängt und dort in Schach gehalten. Arutha ging auf ihn zu. Der finstere Elb durchbohrte den Fürsten mit den Blicken, und sein Gesicht war haßverzerrt. Als Arutha sein Schwert hob, ließ er sich entwaffnen.
Noch nie zuvor war Arutha einem lebenden Moredhel so nahe gewesen. Daß die düsteren Brüder zur Elbensippe gehörten, war unübersehbar, obwohl die Elben zum größten Teil helleres Haar und hellere Augen hatten. Wie Martin einmal bemerkte, waren die Moredhel eine gutaussehende Rasse, doch schwarzen Herzens.
Als ein Gardist sich bückte, um des Moredhels Stiefelschäfte nach verborgenen Waffen abzusuchen, stieß der Düstere ihm ein Knie ins Gesicht, warf einen zweiten Soldaten zu Boden und sprang nach Arutha. Dem Fürsten blieb kaum eine Sekunde, sich unter den nach seinem Gesicht ausgestreckten Händen zu ducken. Er wich nach links aus und sah, wie der Moredhel erstarrte, als Lauries Klinge in seine Brust drang. Der düstere Bruder sackte auf den Boden, doch noch mit einem letzten Aufbäumen versuchte er Aruthas Bein zu umkrallen. Der Sänger trat nach des Unholds Händen und lenkte sie von dem Fürsten ab. »Paßt auf die Nägel auf«, warnte er. »Ich sah einen merkwürdigen Schimmer, als er sich entwaffnen ließ.«
Arutha griff nach einem Handgelenk und betrachtete des Moredhels Finger eingehend. »Vorsicht!« mahnte Laurie. Arutha sah winzige Nadeln in den Nägeln eingebettet, und die Spitze einer jeden war dunkel gefärbt.
»Es ist ein alter Dirnentrick«, erklärte Laurie. »Allerdings brauchen sie dazu viel Geld und einen ihnen wohlgesonnenen Arzt.
Wenn ein Kunde sich zu zahlen weigert oder Gewalt anwendet, genügt ein leichter Kratzer, und der Mann wird niemandem mehr Schwierigkeiten machen.«
Arutha blickte den Sänger lange an. »Ich stehe in deiner Schuld.«
»Banath steh uns bei!«
Arutha und Gardan drehten sich um. Sie sahen, daß Jimmy zu einem Toten ge treten war: ein gutgekleideter, blonder junger Mann.
»Golddase!« flüsterte er ungläubig.
»Du kanntest ihn?« fragte Arutha.
»Er war ein Spötter«, antwortete Jimmy. »Ihn hätte ich als letzten verdächtigt!«
»Lebt denn keiner mehr?« rief der Fürst heftig. Er war wütend, denn er hatte befohlen, so viele wie nur möglich gefangenzunehmen.
Gardan, der sich inzwischen hatte Bericht erstatten lassen, meldete: »Hoheit, es waren insgesamt fünfunddreißig Assassinen in diesem Keller und den oberen Räumen. Alle kämpften entweder so, daß unsere Männer keine Wahl hatten, als sie zu töten, oder sie töteten einander oder legten die Waffen gegen sich selbst an.« Der Hauptmann streckte dem Fürsten etwas entgegen. »Sie alle trugen die gleichen Anhänger, Hoheit.« An einem Goldkettchen baumelte ein schwarzer Greifvogel.
Plötzliches Schweigen machte sich breit, aber nicht, weil die Männer versuchten, einen Blick auf den Anhänger zu werfen, sondern als hätten sie alle etwas vernommen, das sie genauer hören wollten – doch da war nicht der geringste Laut! Auf gespenstische Weise drückte plötzlich etwas auf alle, erfüllte sie mit unbeschreiblichem Grauen. Und dann verbreitete sich eine Eiseskälte. Arutha stellten sich die Härchen am Nacken auf, während die Urangst nach ihm griff. Etwas unendlich Fremdartiges hatte den Raum erfüllt: eine unsichtbare, aber spürbare, von Grund auf böse Wesenheit.
Als Arutha sich zu Gardan und den anderen wandte, um etwas zu sagen, schrie ein Soldat: »Hoheit, ich glaube, der da lebt! Er hat sich gerührt!« Seiner Stimme war zu entnehmen, daß er überzeugt war, der Fürst würde sich über diese Worte freuen. Da rief ein zweiter Gardist: »Der hier ebenfalls!« Arutha sah, wie die beiden Männer sich über gefallene Assassinen beugten.
Doch da zuckten alle im Keller vor Entsetzen zurück, als die Hand einer Leiche hochschnellte und den knienden Soldaten an der Kehle packte. Nun setzte der Untote sich auf und zwang den Mann hoch.
Das grauenvolle Knacken, als der Hals des Soldaten brach, erfüllte alle mit Entsetzen. Die andere erwachte Leiche sprang empor. Das Wesen stieß dem zweiten Soldaten die Zähne in den Hals und riß ihm die Kehle auf, während Arutha und seine Männer wie erstarrt sich nicht von der Stelle rühren konnten.
Der erste Untote schleuderte sein Opfer von sich und drehte sich um. Er blickte den Fürsten mit Augen an, von denen lediglich das Weiße zu sehen war. Ein Grinsen verzog die Lippen, und eine Stimme erklang wie aus weiter Ferne: »Wieder stehen wir einander gegenüber, Lord des Westens! Diesmal entgehst du meinem Diener nicht, denn heute hast du keinen lästigen Priester mitgebracht. Erhebt euch! Erhebt euch, o meine Kinder! Erhebt euch und tötet!«
Alle Leichen im Kellerraum fingen an zu zucken und sich zu erheben. Die Gardisten hielten den Atem an oder hauchten ein Stoßgebet zu Tith, dem Gott der Krieger. Einer hatte die Geistesgegenwart, dem zweiten Untoten den Kopf abzuhacken, noch ehe er ganz auf die Beine kam. Der Schädellose erschauderte und fiel, doch dann machte er sich erneut daran aufzustehen, während der rollende Kopf die Lippen zu stummen Verwünschungen verzog. Wie Marionetten eines wahnsinnigen Puppenspielers kamen die Untoten ruckend und zuckend auf die Beine. Mit zitternder Stimme flüsterte Jimmy: »Wir hätten wohl doch auf die Hilfe der Tempel warten sollen!«
»Beschützt den Fürsten!« brüllte Gardan, und seine Leute warfen sich auf die neubelebten Leichen, doch so sehr sie auf sie einstachen und einhieben, sie waren nicht aufzuhalten.
Die Soldaten glitten in dem Blut auf dem Boden aus. Kalte, feuchte Hände faßten nach ihren Armen und Beinen. Würgende Schreie entrangen sich einigen Männern Gardans, als sich tote Finger um ihren Hals schlossen oder scharfe Zähne in ihr Fleisch schlugen.
Gliedmaßen, in ihrer Verzweiflung von den Gardisten abgehackt, flogen durch die Luft, doch auf dem Boden angelangt, zuckten sie wie Fische auf dem Trockenen. Arutha spürte etwas an seinem Fußgelenk. Er blickte hinunter und sah eine abgetrennte Hand an seinem Knöchel zerren. Er riß das Bein wie zum Tritt hoch. Die Hand flog durch den Raum und prallte von der Wand ab.
»Seht zu, daß ihr hinauskommt, und haltet die Türen von außen geschlossen!« brüllte der Fürst. Männer fluchten, während sie sich einen Weg durch verstümmelte Leiber bahnten. Obwohl abgehärtete Veteranen, waren manche Gardisten der Panik nahe. Nichts in ihrer langjährigen Dienstzeit hatte sie auf ein Grauen vorbereitet wie das hierin diesem Keller. Jede Leiche, die niedergeschlagen wurde, erhob sich aufs neue. Doch jeder Kamerad, der fiel, blieb leblos liegen.
Arutha führte seine Leute zu der Tür nach oben, dem nächsten Ausgang. Jimmy und Laurie folgten. Der Fürst hielt kurz inne, um einen sich erhebenden Untoten wieder zu Boden zu schicken, und Jimmy hastete an ihm vorbei. Er erreichte die Tür als erster und fluchte, als er hochblickte. Die Treppe herab stürzte der Leichnam einer schönen Frau in hauchdünnem Gewand, halb vom Leib gerissen, und einer blutenden Wunde an der Taille. Ihre leeren Augen waren auf den Fürsten am Fuß der Treppe gerichtet, und sie schrie erfreut auf. Jimmy duckte sich unter einem unbeholfenen Hieb, stieß die Schulter in den blutenden Bauch der Untoten und brüllte: »Nicht zur Treppe!« Mit ihr stürzte er die paar unteren Stufen hinab, doch er kam zuerst auf die Füße und an ihr vorbei.
Arutha blickte in den Keller zurück und sah, wie seine Männer niedergemetzelt wurden. Gardan und einige Gardisten hatten die hinteren Türen erreicht und waren dabei, sie zu schließen, während einige Nachzügler, die verzweifelt versuchten sie zu erreichen, in die Hände der Untoten fielen. Ein paar wahrhaft Heldenmütige schlossen die Türen von innen, obwohl sie wußten, daß dies ihr sicherer Tod war. Der Boden war glitschig von Blut und Leichenteilen. Viele Soldaten rutschten aus und fielen, und die Untoten gaben ihnen keine Chance, sich wieder zu erheben. Einzelne Körperteile der Untoten fanden wieder zueinander, und so wurden die Leichen erneut voll einsatzfähig. Arutha, der sich erinnerte, wie der erste Untote im Schloß mit der Zeit immer mehr an Kraft gewonnen hatte, brüllte:
»Verbarrikadiert die Türen!«
Laurie sprang zur Treppe und schlug nach der grinsenden Dirne.
Ihr blondbeschopfter Kopf rollte an Arutha vorüber, als dieser hinter Jimmy und dem Sänger die Stufen hocheilte.
Im Erdgeschoß angekommen, mußten sie feststellen, daß auch hier Soldaten mit wiederbelebten Leichen kämpften. Die Reiterkompanien waren eingetroffen, hatten die Straßen geräumt und das Gebäude gestürmt. Doch wie ihre Kameraden im Keller waren sie nicht darauf vorbereitet, gegen Untote zu kämpfen. Außerhalb der großen Eingangstür versuchten einige mit Pfeilen gespickte Leichen sich zu erheben, doch wann immer eine auf die Füße kam, warf ein neuer Pfeilhagel aus der Dunkelheit sie auf den Boden zurück.
Jimmy schaute sich in der Vorhalle um und machte einen Riesensatz auf einen Tisch. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit sprang er über einen Gardisten, den ein toter Nachtgreifer erdrosselte, und klammerte sich an einen Wandbehang. Einen Augenblick hielt dieser sein Gewicht, dann riß er aus seiner Deckenbefestigung. Ganze Stoffmassen fielen auf und um Jimmy, der sich eilig davon befreite. Er packte soviel davon, wie er nur konnte und zerrte den Wandbehang zu dem großen offenen Kamin des Freudenhauses. Als er Feuer fing, warf er alles Brennbare, an das er Hand anlegen konnte, darauf. In kürzester Zeit breiteten die Flammen sich in der Halle aus.
Arutha stieß eine Leiche zur Seite und riß ebenfalls einen Wandbehang von der Decke. Er warf ihn Laurie zu. Der Sänger duckte sich, als ein toter Assassine sich auf ihn stürzte. Die Leiche verfing sich in dem Behang. Schnell wirbelte Laurie sie herum, daß der Stoff sich ganz um sie schlang, und versetzte ihr einen Tritt. Sie stolperte auf Jimmy zu, der zur Seite wich, und schon landete sie in den sich schnell ausbreitenden Flammen. Der Untote brüllte auf vor Wut.
Die Hitze in der Halle wurde allmählich unerträglich. Laurie rannte zur Tür und blieb knapp vor der Schwelle stehen. »Der Fürst«, brüllte er zu den Schützen auf den umliegenden Dächern hoch. »Der Fürst kommt heraus!«
»Beeilt euch!« kam die Antwort, während ein Pfeil einen sich knapp vor dem Sänger erhebenden Leichnam niederstreckte.
Arutha und Jimmy eilten aus der vom Feuer erhellten Tür, gefolgt von einigen hustenden Gardisten. »Zu mir!« rief Arutha.
Sogleich rannten ein Dutzend Soldaten über die Straße, vorbei an den Stallburschen, die sie mitgebracht hatten, um die Pferde zu halten. Der Gestank von Blut, verbrennendem Fleisch, und die Hitze der Flammen ließen die Streitrosse scheuen. Sie wieherten, bäumten sich auf und zerrten an ihren Zügeln, während die Stallburschen sie wegführten.
Als die Gardisten Arutha erreichten, hoben sie einige pfeilgespickte Leichen hoch und warfen sie durch die Fenster in das Feuer. Die Schreie verbrennender Untoter erfüllten die Nacht. Ein toter Nachtgreifer stolperte aus der Tür. Seine linke Seite stand in Flammen. Er hatte die Arme ausgestreckt, als wolle er Arutha umarmen. Zwei Soldaten packten ihn und stießen ihn zurück durch die Tür ins Feuer, ohne der Verbrennungen zu achten, die sie selbst dabei erlitten.
Arutha wandte dem prasselnden Feuer den Rücken, während die Soldaten den Untoten die Flucht aus dem Inferno verwehrten. Er überquerte die Straße, und hinter ihm brannte das prunkvollste Freudenhaus der Stadt nieder. »Sorg dafür«, wandte er sich an einen Soldaten, »daß die Trupps in der Kanalisation ja keinen Untoten aus dem Keller entkommen lassen!« Der Soldat salutierte und rannte los.
In Kürze war das Gebäude eine einzige Feuersäule, die die Umgebung taghell erleuchtete. Die Bewohner der benachbarten Häuser rannten auf die Straße, da die Hitze den ganzen Block zu entzünden drohte.
Arutha befahl den Soldaten, die Häuser mit Wasser zu beschütten und die Männer bildeten Ketten, die volle Eimer weiterleiteten.
Kaum eine halbe Stunde nach Ausbruch des Brandes erfolgte ein ohrenbetäubendes Krachen, und dicker Rauch stieg auf, als der Boden des Freudenhauserdgeschosses nachgab und das Gebäude in sich zusammenfiel. »Damit dürfte vom Keller auch nichts übriggeblieben sein«, murmelte Laurie.
Grimmiger Miene knurrte Arutha: »Und es traf noch einige gute Männer da unten.«
Jimmy war bei dem Anblick wie erstarrt. Sein Gesicht war mit Blut und Ruß verschmiert. Arutha legte die Hand auf seine Schulter.
»Wieder hast du deine Sache gut gemacht.«
Jimmy konnte nur stumm nicken. Laurie blickte auf. »Ich brauche etwas Starkes zu trinken. Ihr Götter, diesen Gestank werde ich wohl nie wieder los!«
»Kehren wir ins Schloß zurück«, befahl der Fürst. »Unsere Arbeit ist getan.«