Leben Nr. 7:
Träumerei
Einfach nur ein Leben

 

Es war ruhig im Innenhof. Bis auf das sonore Brummen, das aus dem offenen Doppelfenster im Erdgeschoß herüber wehte, sich auf dem Weg zu mir aber irgendwie in das Rauschen eines sanften Bächleins verwandelte, und die angenehme Stille  noch geräuschvoll unterstrich.

Ich brauchte einen Moment um herauszufinden, warum das so war. Dieser Innenhof hatte keinen direkten Zugang zur Straße. Er war von allen vier Seiten von gelben Wänden umgeben. Sieben Stockwerke, die Fenster durch weiße Umrandungen schlicht und würdevoll abgesetzt. Der einzige Weg in den Hof führte durch das Gebäude. An der Kopfseite gab es einen Zugang vom Foyer her und auf der gegenüberliegenden Seite einen zweiten Zugang von und zu den Hotelzimmern. Eine dritte Tür saß in einer Seitenwand und war verschlossen, wahrscheinlich ging es da zur Küche.

Die ganze Woche über hatte es geregnet, ohne dass die Niederschläge den Mumm gehabt hätten, die bleierne Schwüle wirkungsvoll auszutreiben. Der Sommer kam dieses Jahr daher in den Geschmacksrichtungen englischer Landregen, asiatischer Tröpfchenschleier oder Monsun. Hauptsache feucht. Heute war das anders. Zum ersten Mal seit Langem kündigte sich so etwas wie ein lauer Sommerabend an.

Deshalb saß ich auch hier draußen im Innenhof meines Hotels auf einer gemütlichen kleinen Bank und drückte mich in die sauberen, weichen Polster. Vor mit ein Tischchen mit einer Cola Zero und zwei kleinen Sesseln, von denen ich einen spontan mißbrauchte, um die Füße hochzulegen, besockt selbstverständlich, die Schuhe hatte ich feinsäuberlich preußisch akkurat neben meiner Bank auf dem Boden plaziert.

Das Hotel hatte vier oder fünf solcher Sitzgruppen auf einer kleinen Rasenfläche verteilt, die von einem schlichten Steinmosaik eingerahmt und von ockerfarbenen Sonnenschirmen überspannt wurde. Die hatten zwar die letzten Wochen vornehmlich als Regenschirme Dienst geschoben, was aber der mediterranen Stimmung, die das Ensemble verbreitete, keinen Abbruch tat. Besonders heute abend, wo sich zumindest über der Spree die Sonne gegen die triefenden Wattebäusche am Horizont durchgesetzt hatte. Als ich am Morgen am Neckar in den Flieger gestiegen war, hatte es dort noch in Strömen gegossen.

Ich hatte jede Menge zu tun, also hatte ich an mein lauschiges Plätzchen eine ganze Mappe mit Schriftstücken und Notizen mitgenommen. Außerdem meinen Terminkalender. Genauer gesagt einen Ausdruck meines Terminkalenders für die nächste Woche. Natürlich hatte ich in Wirklichkeit einen virtuellen, elektronischen Terminkalender, an den alle möglichen Menschen per Mail Terminanfragen senden konnten und aus dem heraus ich meinerseits alle möglichen Menschen mit Terminanfragen malträtieren konnte. Natürlich konnte man den Kalender in seiner elektronischen Form nicht vernünftig lesen, nicht auf dem Bildschirm, und schon gar nicht auf einem der vielen kleinen digitalen Helferchen, die man überall mit sich herumschleppte, um allzeit Zugriff auf alles Mögliche zu haben. Also druckte meine Sekretärin das Ganze jeden Morgen in Farbe aus und drückte es mir in die Hand. Gottlob hatte sich die Schreckensvision vom papierlosen Büro nicht bewahrheitet. Ich wäre sonst ganz schön aufgeschmissen gewesen.

Unter all den Menschen, die über Terminvereinbarungen Einfluß auf mein Leben zu nehmen suchten, nahm meine Sekretärin eine herausgehobene Stellung ein. Sie führte einen heroischen Kampf gegen die ständig zunehmende Effektivität unserer Kommunikationsprozesse im allgemeinen und der Terminkalendersoftware im speziellen, mit nichts weiter bewaffnet als einer gesunden Portion Menschenverstand und einem Mauszeiger, den sie ohne Rücksicht auf die Größe des jeweiligen Bildschirmfensters vollkommen blind über dem „Ablehnen“-Knopf im Terminanfragenmenü plazieren konnte, um dann mit einem kurzen Klick meinem Arbeitstag ab und an einen Sonnenstrahl durch das dicht wuchernde Termingeflecht zu gönnen, wohlwissend, dass dieser virtuelle Dschungel die gleiche unangenehme Eigenschaft besaß, wie die Drachen, mit denen sich die Helden in grauer Vorzeit herumschlagen mußten: Sowie man einen Termin abschlug, wuchsen zwei neue nach. Aber wirtschaftlich gesehen hatte es ja auch sein Gutes, zumindest insoweit, als dass im Schatten dieses gigantischen Mißverständnisses zwischen Effektivität und Effizienz mit der Entschleunigungsindustrie ein völlig neuer, genauso gigantischer Markt das Licht der Welt erblickt hatte. 

Mein Blick fiel auf die Terminleiste des morgigen Tages. Ich war immer auf dem Sprung. Zweimal war ich für kurze Zeit sogar an mehreren Orten gleichzeitig eingeplant, und selbst für den abendlichen Weiterflug an den Main war während der Taxifahrt zum Flughafen noch ein dringender Call angesetzt. Aber die Zeit zwischen Check-In und Boarding war unverplant. Schön.

Um den Tag morgen zu überstehen, war die Idee, dass ich mich heute abend zumindest auf die wichtigen Gespräche noch ein wenig vorbereitete. Was ein wichtiges Gespräch war, entschied meine Sekretärin weitgehend autonom. Ich konnte ihre Entscheidung daran erkennen, dass sie in diesem Fall eine Information zum Gesprächspartner oder zum Sachstand beifügte.

Ich nahm ein erstes Schriftstück aus meiner Mappe, aber mein Blick blieb an dem offenen Doppelfenster im Erdgeschoß hängen. Den gigantischen Ventilator, der anscheinend in diesem Zimmer am Werke war, konnte man von meinem Platz aus nicht sehen, aber man konnte ihn wie gesagt hören, und ein Stück Schlagschatten rotierte immer wieder wie ein wildgewordenes Hamsterrad die Zimmerdecke entlang. Ich nahm daher an, dass der Ventilator auf dem Fußboden stand, und fragte mich gleichzeitig, ob das wohl wichtig war.

Ein junger, blonder Mann durchquerte das Zimmer und geriet für einige Augenblicke in mein Blickfeld. Damit geriet er auch in den Bannkreis des unsichtbaren Ventilators, jedenfalls standen seine Haare plötzlich senkrecht nach oben, und er sah aus wie Bart Simpson. Interessanterweise schien das den Mann nicht weiter zu stören. Er hatte eine ähnlich schmächtige Statur wie Bart Simpson, so dass man eigentlich Angst haben mußte, dass es ihn einfach wegwehte, durch das geöffnete Fenster hinaus zu mir in den Hof, aber er stapelte in aller Seelenruhe einige schwere Bücher in ein Regalfach, das offenbar nur zu erreichen war, wenn man sich direkt vor der Windmaschine postierte.

Nach einer Weile verschwand Simpson wieder aus meinem Blickfeld, und ich wandte mich meiner Unterlage zu.

Eine junge Blondine betrat den Hof. Ich nahm an, dass es sich um eine Mutter handelte, denn sie schob einen sportlichen Alu-Buggy vor sich her, in dem ein fröhlich krähender kleiner Piepmatz saß. Blaue Augen, blonde Locken, rosa Schleife im Haar – bis auf die Schleife ganz die Mutter. Ich überlegte, ob ich mir einen besonderen Platz ausgesucht hatte, von dem aus man nur blonde Leute sehen konnte.

Die Blondine mit dem Kinderwagen war äußerst geschmackvoll gekleidet, verfügte über eine ansprechende Figur und einen anmutigen Gang, der unmißverständlich signalisierte, dass sie sich dieser ansprechenden Details äußerst bewußt war.

Ich ließ sie nicht aus den Augen, wie sie so den Hof überquerte. Sie gab es durch nichts zu erkennen, aber ich hätte wetten können, dass sie meine Blicke mit Befriedigung registrierte. Sie wußte um ihre Wirkung, das war für sie wahrscheinlich zur Selbstverständlichkeit geworden.

Mich verwirrten diese Signale unterschwelliger, latenter Paarungsbereitschaft ein wenig, weil die archaischen Schichten meiner Kleinhirnrinde, die für diese Art von biologischer Signalverwertung zuständig waren, den Kinderwagen da irgendwie nicht richtig einordnen konnten. Wenn ich Heidi Klum im Fernsehen über eiserne Selbstdisziplin und knallhartes Mode-Business dozieren hörte, während sie sich lasziv eine eigens zu diesem Zweck eingeföhnte Kunsthaarsträhne aus der Stirn strich, erging es mir ähnlich.

Wahrscheinlich lag das an meinem archaischen Kleinhirn, das unmodern war, nicht mehr in die Zeit paßte und völlig überreagierte. Also gab ich mir einen Ruck und konzentrierte mich auf die Blondine im Kinderwagen.

Ich hatte Kinder ganz gern und mußte geradezu zwanghaft lächeln, wenn ich ihnen ins Gesicht sah. Wahrscheinlich trug auch dafür eine von diesen tieferliegenden Hirnregionen die Verantwortung.

Die Kleine lächelte zurück. Ich setzte noch einen drauf und zog ein paar alberne Grimassen. Jetzt gluckste die Kleine, was mir als Bonus den ersten direkten Blickkontakt mit ihrer Mutter einbrachte und zumindest ein kurzes, unverbindliches Lächeln.

„Du bist aber süüüß“, ließ ich mich hinreißen, ganz der knallharte Manager, der unbeeindruckt von allen Ablenkungen einen wichtigen Termin vorbereitet.

Das schien der Kleinen jetzt weniger zu gefallen. Ihr Näschen verkrumpelte sich abweisend, um sich dann aus heiterem Himmel in einem gigantischen Nieser in meine Richtung zu entladen. Es war interessant, wieviel klebrige Flüssigkeit in so ein kleines Näschen paßte, jedenfalls hätte ich vorher nicht vermutet, in welch erstaunlich hohem Grade eine Mappe mit Unterlagen davon in Mitleidenschaft gezogen werden konnte. Der Farbausdruck mit meinen Terminen war kaum mehr zu lesen.

So viel zu Thema süß. Mutter Heidi winkte mit ihrer manikürten Hand einmal kurz in meine Richtung, wobei nicht klar war, ob sie damit eine Art Entschuldigung andeuten wollte, oder ihren kleinen Liebling vor einem unsensiblen Grobian wie mir, der unschuldige Kinder erschreckte, in Schutz nahm. Dann waren die beiden auch schon in Richtung Foyer verschwunden.

Falls Simpson die kleine Episode beobachtet hatte, ließ er es sich nicht anmerken, sondern beschäftigte sich im Hintergrund hingebungsvoll mit dem Aufeinanderstapeln mehrerer staubbedeckter Kisten, wozu wiederum eine Position direkt vor dem riesigen Ventilator notwendig war. Er schien dabei völlig ohne To-Do-Liste, Terminplan oder ähnliche Hilfsmittel auszukommen. Faszinierende Arbeitsweise.

Ich nippte an meiner Cola Zero und fragte mich, wo eigentlich der Sinn lag, eine Cola zu entwickeln, die nicht wie Cola schmeckte? Und wo lag der Sinn, ausgerechnet den Zucker aus dem Rezept zu entfernen, wahrscheinlich die gesündeste Zutat, die in dem Gesöff drin sein mochte? War es sinnvoll, das Zeugs zu trinken?

Ich nahm noch einen Schluck. Hmm, gar nicht so übel.

Ich glaube, ich hatte Kinder wirklich gern. Selbst diese kleine Rotznase, die mir gerade gründlich die Unterlagen eingeweicht hatte, war irgendwie süß gewesen. Irgendwie waren sie alle süß. Gut, ehe man es sich versah, waren 20 Jahre rum, und die Kleine stolzierte als neue Heidi mit wehender Mähne und messerscharfen Absätzen die Straße entlang und verdrehte den Männern reihenweise den Kopf, ohne den eigenen dabei auch nur andeutungsweise in deren Richtung zu bewegen. In 20 Jahren waren Mädels wahrscheinlich selbst bei einer so belanglosen Tätigkeit wie einfach gut aussehen gleichzeitig permanent online, mit Kommunikationsimplantaten in Mund und Ohren, die beste Freundin auf Kurzwahl über ein Zupfen am Ohrläppchen erreichbar, und unter der Kopfhaut eine kleine Applikation, mit der man auf Knopfdruck die Haarfarbe wechseln konnte. Aber selbst das war irgendwie süß, und der Weg dahin sicher spannend. Ich ertappte mich bei der neugierigen Frage, warum ich nicht eine eigene kleine Heidi hatte, um das Ganze aus nächster Nähe zu erleben? Oder meinetwegen auch einen kleinen Kevin oder Julius-Hieronymus oder wie moderne Kinder heute so hießen?

Andererseits – ich war gerade erst frisch verheiratet. Ein Wunder, dass wir es überhaupt vor den Traualtar geschafft hatten, bei all den Terminen.

Meine Frau und ich arbeiteten beide im gleichen Versicherungskonzern. Ich als Geschäftsführer. Das war witzig, denn vor vielen, vielen Jahren hatte ich den Einstieg in mein Berufsleben ebenfalls als Geschäftsführer begonnen. Damals durch eine unwahrscheinliche Mischung aus Zufall, Verwechslung und Vorwitzigkeit, die sich dann auch nur ein knappes Jahr lang als tragfähig erwies. Lange genug immerhin, um mich unmerklich aber unwiederbringlich von dem Ziel wegzuführen, dessen Verfolgung mich überhaupt erst in die Situation gebracht hatte, Banderolen für Konservendosen zu bedrucken, nämlich der unbändige Wunsch, Schriftsteller zu werden. Bestseller-Autor, um genau zu sein.

Ich blickte mich versonnen um. Wenn ich jetzt Bestseller-Autor wäre, würde ich mich bestimmt von der einzigartig authentischen Atmosphäre dieses Hinterhofs inspirieren lassen. Und ich würde Bart Simpson etwas ganz Verrücktes tun lassen. Verrückt auf den ersten Blick, tiefsinnig und allegorisch auf den zweiten. Ich sah zu Bart hinüber. Er schien mir weder verrückt noch tiefsinnig. Mit stoischer Ruhe, mir den Rücken halb zugekehrt, schickte er sich an, einige Metallteile mit einem Lappen zu polieren. Auch das offensichtlich eine Tätigkeit, die nur in unmittelbarer Nähe des Ventilators durchgeführt werden konnte, der im gesamten Gebäudekomplex eine murmelnde Klangkulisse erzeugte, die kein Feng Shui Berater besser hinbekommen hätte.

Langsam senkte sich die Dämmerung über den Hof.

Ich hatte bei der Versicherung zunächst im Innendienst begonnen, weil mir nach mehreren Jobs mit exzessiver Reisetätigkeit nach etwas Ruhe gewesen war. Die wollte ich nutzen, um unter anderem ausgiebig mit netten Kolleginnen zu flirten, an denen erfreulicherweise im Innendienst kein Mangel herrschte. Meine Freundin hatte mich kurz zuvor abserviert, und ich mußte den Blues loswerden.

Aber im Grunde war ich kein besonders guter Flirter. Ich hatte eher ein Händchen, mir die falschen Frauen auszusuchen, um mich dann in herzerfrischender Hilflosigkeit zu fragen, warum es nicht richtig geklappt hatte. Oder zumindest nicht lang genug. So schwer konnte das doch nicht sein, in Film und Fernsehen war das doch auch kein Problem.

Irgendwann hatte ich die Nase voll von unerfüllten Tagträumen von rauschendem Sex im Büro, und das einzige, was fortan im Büro rauschte, waren die Akten auf meinen Ablagestapeln.

Und prompt lernte ich Ilse kennen. Mit rauschendem Sex im Büro war es zwar wieder nichts, nicht mit Ilse, dafür aber mit gemeinsamen Restaurantbesuchen, Kinofilmen und langen Abendspaziergängen. Romantische Zweiergesprächen bei Kerzenschein mit ökologisch unbedenklichem Wohlfühltee. Gegen Abend gerne auch mit Rotwein statt Tee, und irgendwann dann auch Kaffee zum Frühstück.

Trotzdem vermißte ich nach einiger Zeit das Reisen und den Reiz des Unbekannten, kehrte dem Innendienst wieder den Rücken und wechselte in den Vertrieb. Aus Rotwein wurde Prosecco, die gemeinsamen Abende wurden seltener, aber Ilse blieb Ilse. Als Sachverständige reiste sie fast so viel in der Welt herum, wie ich, also war das kein Problem für uns.

Ich machte meine Sache nicht schlecht an der Vertriebsfront und auf einmal war ich unser Sales Champion. Der Mann mit den höchsten Abschlüssen im Geschäftsjahr. Meine Zeit im Innendienst erwies sich jetzt als unschätzbarer Vorteil, denn anders als viele meiner Kollegen hatte ich tatsächlich eine vage Vorstellung von den Produkten, die ich an den Mann zu bringen hatte.

Aus Prosecco wurde Champagner und aus mir der neue Geschäftsführer Vertrieb, mit mehr Terminen, als man es für möglich halten sollte. Dafür aber mit einer nagelneuen Oberklasse-Limousine.

Ein paar dieser Termine wollte ich eigentlich heute abend vorbereiten. Wenn ich meine Gedanken weiter so schweifen ließ, würde da nichts draus.

Ich sollte mir ein Beispiel an Simpson nehmen. Während ich die hereinbrechende Dämmerung mit Reflexionen zu meinem Werdegang beglückte, hatte Bart offenbar seine Metallteile fertig poliert und machte sich jetzt an einer schweren Walze zu schaffen. Ein unglaubliches Pensum, was der Mann da im Schweiße seines Angesichts absolvierte.

Schweiß im übertragenen Sinne, denn echte Schweißtropfen auf seinem Angesicht ließ die infernalische Windmaschine, vor der er nahezu sein gesamtes Arbeitsleben zu verbringen schien, nicht zu.

Ich überlegte, was Bart wohl für einen Beruf hatte und nahm mir vor, morgen vor dem Sprung ins Taxi kurz einen Blick auf seinen Laden zu werfen.

Jetzt aber genug. Wenn ich so weitermachte, konnte ich auch gleich die Füße hochlegen, den lauen Abend genießen und in Ruhe darüber nachdenken, was eigentlich wichtig war im Leben.

Gut, dass ich kein Schriftsteller geworden war. Bei meinem Hang, mich - sowie niemand zuschaute - mit allem möglichen zu beschäftigen, nur nicht mit der vor mir liegenden Aufgabe, hätte ich bis heute wahrscheinlich nicht mal eine Kurzgeschichte zu Papier gebracht, geschweige denn einen Roman.

Ich schnappte mir den verschmierten Ausdruck meines Terminkalenders. Ich mußte meiner Sekretärin dankbar sein, dass sie mich so an der kurzen Leine hielt, es war zu meinem Besten.

Was hatten wir denn hier? Die Kleine hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, es war kaum etwas zu entziffern.

Dr. Ferkelstein? Sagte mir nichts.

Dr. Fredestein? Feuerstein? Frankenstein?

Natürlich, Dr. Frankenfeld! Er war Personalvorstand eines bekannten Unternehmens. Weltmarktführer in Sachen Schrauben. Oder Gewinde? Etwas in der Art. So genau wußte ich es nicht. Aber ich wußte, dass er mit dem Gedanken spielte, in der kompletten Firmengruppe die Altersvorsorge umzustellen. Einheitliche europäische Standardzusagen in allen Landesgesellschaften, durchgängige Umstellung der Bilanzpositionen zum Thema Pensionsverpflichtungen, das volle Programm. Und wir hatten genau das richtige Produkt für den Mann an der Hand. Wenn wir diesen Deal holten, dann hatte ich meine Abschlußziele für das nächste Jahr schon so gut wie in der Tasche. Meiner Vertriebsmannschaft würde ich das natürlich nicht auf die Nase binden, geschweige denn meinem Aufsichtsrat. Aber ich würde schon mal viel ruhiger schlafen und in Ruhe darüber nachdenken, was ich mit dem Bonus am Jahresende Schönes anfangen würde.

Dr. Frankenfeld hatte ein Vorabtreffen unter vier Augen vorgeschlagen, quasi von Chef zu Chef, um die generellen Möglichkeiten und Perspektiven auszuloten, die ein solcher Deal für alle Beteiligten barg. Er wollte ein Gefühl bekommen, ob wir tatsächlich der richtige Partner für ihn waren. Für sein Unternehmen, und natürlich auch, was ihn persönlich betraf. Die Neuordnung der betrieblichen Altersvorsorge war etwas, was ihm auf keinen Fall die Karriere versauen durfte, sollte irgend etwas schiefgehen. Dreistellige Millionenbeträge faßte man in der Regel nur an, wenn man dabei auch etwas für sich persönlich herausschlagen konnte und wenn man einen Plan B in der Tasche hatte, sollten wider Erwarten Probleme auftauchen.

Zum Thema ‚Plan B‘ wollte Frankenfeld sicher einige Takte aus meinem Munde hören. Vertrauliche und vor allem beruhigende Takte. Er hatte deshalb auch ein intimes, vertrauenerweckendes italienisches Spitzenlokal als Treffpunkt ausgewählt, wo die gediegene klassische Hintergrundmusik gut zum Takt unseres Gespräches passte, und er sich von mir zu einer kleinen Degustation mit passender Menüwahl einladen lassen würde.

Mein Magen fing an zu kribbeln. Nicht wegen dem Gedanken an die bevorstehende Degustation. Auch nicht wegen der Cola Zero, obwohl man das nie so genau sagen konnte.

Da war plötzlich so eine Hitzesäule, die aus dem Magenmund heraus in die Speiseröhre vorstieß und, anders als bei einer Gastroskopie oder einer Cola Zero, weiter bis in den Kieferknochen hochschoß, die Wangen ordentlich rötete und Stirn und Ohren glühen ließ.

Neulich war ich bei einem Empfang über einen wichtigen Geschäftspartner gestolpert, der mir erst kürzlich das ‚Du‘ angeboten hatte, an dessen Vornamen ich mich aber partoût nicht mehr erinnern konnte. Ich konnte das unmöglich zugeben, und mußte es zum Glück auch nicht, weil just bevor die kurze Pause nach dem ‚Hallo…‘ peinlich und die Ohren rot zu werden drohten, geistesblitzartig doch noch ein Name in meinem Kurzzeitgedächtnis aufschien und ich ein befreiendes ‚Thomas‘ an mein einsames ‚Hallo‘ anhängen konnte. Ich fühlte mich so erlöst, der peinlichen Situation entronnen zu sein, dass ich den verklärten Gesichtsausdruck meines Gegenüber als Hinweis mißdeutete, ihn zum Zeichen der engen Vertrautheit ruhig noch einige weitere Male beim Vornamen anzureden. Ich verstummte erst, als seine Gattin neben ihm auftauchte und ihn laut und deutlich ‚Peter‘ nannte.

Es war so peinlich, mir wären fast die Ohren abgefallen.

Ich murmelte ein leises ‚Oh, hallo Margot‘, um zu retten, was zu retten war und wendete mich mit glühenden Wangen ab - auf der Suche nach einem Drink. Kaum hatte ich mein Glas in der Hand, fiel mir ein, dass Margot mit ziemlicher Sicherheit der Name von Peters hochattraktiver Sekretärin aus einem unserer neuen deutschen Bundesländer war, mit der ich ihn mehrmals privat zusammen gesehen hatte. Nicht der Name der Ehefrau. Da machte sich mein Magenmund heiß und unangenehm bemerkbar. Ich leerte mein Glas in einem einzigen, großzügigen Schluck, aber das Gefühl, im Boden versinken zu wollen, blieb.

So ähnlich fühlte ich mich gerade. Leider hatte ich nichts Hochprozentiges zur Hand. Nicht mal mehr einen Schluck Cola Zero. Was mich so aus dem Konzept gebracht hatte, war ein Blick auf das Datum meiner Verabredung mit Dr. Frankenfeld.

Trotz Rotzspuren auf meinem Kalender konnte es keinen Zweifel geben: Das tet-a-tet, das mir den Grundstein für ein sorgenfreies Geschäftsjahr legen sollte, fand heute abend statt. Heute abend!

Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich es gerade noch schaffen konnte. Ich sprang auf, packte meine Sachen und stürzte zum Ausgang. Nach ein paar Schritten merkte ich, dass ich keine Schuhe anhatte. Ich eilte zurück, fuhr in meine Schuhe, und stürzte erneut los. Zum Glück war ich noch in Anzug und Krawatte, so wie ich aus dem Flieger gestiegen und im Hotel angekommen war. Ein bißchen zerknautscht vielleicht, aber es würde gehen.

Wo hatte ich nur meine Gedanken? Ein Kind konnte ich auch morgen noch zeugen, vielleicht auch erst nächste Woche. Heute abend mußte ich Dr. Frankenfeld treffen.

Ich eilte durchs Foyer, an der Rezeption vorbei und raus auf die Straße. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite war ein Taxistand. So ein Glück. Ich konnte es immer noch schaffen.

Ich schoß zwischen zwei parkenden Autos hervor und winkte nach rechts in Richtung des Taxifahrers, damit er schon mal den Motor startete. Ich sah nicht nach links. Ich sah den schwarzen Wagen nicht kommen.

Bumm!

Es tat einen dumpfen Schlag. Viel zu dumpf, viel zu nah. Eine Schmerzwelle explodierte in meiner linken Seite. Dann schlug mein Kopf auf den Asphalt.

Dann nichts mehr…

Ich tastete mit meiner linken Hand an die Schläfe. Es tat weh. Aber nicht so weh, wie ich es erwartet hätte. Ich war verwirrt. Um mich herum war es dunkel. Keine Geräusche. Nur ein leises, beruhigendes Summen. Ich versuchte mich aufzusetzen, was mir ohne Probleme gelang. Also war ich wahrscheinlich nicht tot, oder?

Große weißgeränderte Augen schauten von allen Seiten mit teilnahmslosem Blick auf mich herab. Unheimlich. Ich blinzelte, und aus den Augen wurden hell gestrichene Fensterrahmen, aus den leeren Pupillen normale Glasscheiben.

Ich war auf meiner Bank eingenickt und hatte einen ziemlich schlimmen Traum gehabt. Anscheinend war ich aus meiner ursprünglichen Sitzposition mit bequem hochgelegten Füßen immer weiter in die Schräglage gerutscht, bis ich mit einem unsanften Bumm! meinen Kopf an der hölzernen Armlehne angeschlagen hatte.

Ein schaler Nachgeschmack des unangenehmen, aufdringlichen Traumes hielt mich noch immer gefangen. Ich mußte mich sammeln und sah mich um. Von Bart Simpson keine Spur. Hatte ich den nur geträumt?

Der Ventilator schien jedenfalls echt zu sein. Auch wenn man in der Dunkelheit keinen Schlagschatten mehr ausmachen konnte, hörte ich doch das vertraute Säuseln und ich bildete mir ein, dass es vom Fenster rechts im Erdgeschoß zu mir herüber strich.

Mein Blick fiel auf die verschmierten Unterlagen vor mir auf dem Tisch. Also schien auch an der Begegnung mit Heidi und ihrem Nachwuchs kein Zweifel zu bestehen. Ich mußte nach dieser Episode eingenickt sein.

Der Nachgeschmack begann sich zu verflüchtigen. Ein paar Augenblicke später hatte ich es überstanden. Ich wußte zwar noch, dass ich einen schlechten Traum gehabt hatte, aber die Details waren bereits von der internen Festplatte gelöscht. Oder in eine tieferliegende Schicht meines Bewußtseins ausgelagert worden. Ich hatte keine Ahnung, wie der Mechanismus genau funktionierte, war aber dankbar, dass er funktionierte.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, schnappte ich mir meinen Terminplan und überprüfte akribisch die Einträge für heute abend. Nichts. Keine Termine.

Ich war erleichtert, ohne recht zu wissen, warum. Da war nur noch so ein Gefühl, dass ich aber nicht mehr recht fassen konnte.

Meine Sekretärin hatte mir einige Unterlagen mitgegeben, um mich auf den morgigen Tag vorzubereiten.

Ich nahm die Papiere in die Hand und legte sie wieder weg. Mir war jetzt nicht nach arbeiten. Ich würde lieber noch ein wenig spazieren gehen. Einen so schönen Sommerabend mußte man einfach auskosten.

Ich schlüpfte in die akkurat vor mir abgestellten Schuhe, schnappte mir die Unterlagen und ging hinüber zum Foyer. Meine Mappe deponierte ich an der Rezeption, ich wollte keinen Ballast mitnehmen.

Ich trat hinaus auf die Straße und atmete tief die milde Abendluft ein. War das ein Hauch von Freiheit, den ich da in meinem Lungen spürte? Falls ja, dann war es schon weit mit mir gekommen. Ich dachte immer, ich wäre frei?

Ich sollte mich öfter mal ins Grüne setzen und die Seele baumeln lassen.

Gut, vielleicht nicht gleich morgen, da standen wichtige Termine auf dem Programm. Und übermorgen hatte ich ein Abendessen mit Dr. Frankenfeld. Wichtiger Mann, der uns einen gigantischen neuen Deal bringen konnte. Am Freitag das blöde Abendessen mit Ilses Ex-Freund, aber versprochen war versprochen. Am Wochenende würden wir es uns dafür mal so richtig gut gehen lassen. Vielleicht würden wir Freunde besuchen, oder meinen kleinen Neffen. Oder Ilses Patenkind. Alles Dinge, die wir viel zu selten taten. Vielleicht machten wir auch einen spontanen Kurztrip in den Schwarzwald, wo uns Bekannte ein verträumtes Romantikhotel empfohlen hatten. Die hatten Nachmittags einen lecker Ökotee und abends wunderbare Rotweine. Und wer weiß, vielleicht würden wir auch ein bißchen über unsere gemeinsame Zukunft plaudern.

Na ja, mit dem Kurztrip würde es wahrscheinlich nichts werden, weil Sonntag abend schon wieder der Planungsworkshop für unsere neue Produktinitiative begann. Und Samstag mußte Ilse noch irgendeine Software auf ihren Rechner spielen, weil sie es unter der Woche einfach nicht geschafft hatte.

Gedankenverloren überquerte ich die Straße. Wenn ich darüber nachdachte, hatten wir unser Leben schon merkwürdig eingeteilt. Aber es war ja noch Zeit. Der Schwarzwald lief uns nicht davon und unsere Zukunft auch nicht.

Ich trat zwischen zwei geparkten Autos hervor. Rechts vor mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein Taxistand. Prima, da konnte ich mich morgen früh bequem zu meinem ersten Termin chauffieren lassen.

Ich machte noch einen Schritt. Ich sah nicht nach links. Ein schwarzer Wagen brauste heran.

Im letzten Moment registrierte ich einen heranstürmenden Schatten und rettete mich mit einem mächtigen Satz zwischen zwei parkende Autos. Der schwarze Wagen raste vorbei. Der Fahrer schien mich gar nicht bemerkt zu haben. Bei der Geschwindigkeit konnte er Passanten ohnehin höchstens als flirrende Schemen wahrnehmen.

Ich atmete einen tiefen Zug der milden Abendluft. Noch einen. Und noch einen. Bis das Zittern in den Beinen aufhörte. Es war nichts passiert, es ging mir gut, ich war am Leben. Einen Moment lang hatte ich geglaubt, es sei mir davon gelaufen, das Leben, aber da war es. Frisch und munter. Und es war nur eins, nicht sieben. Ein Leben. Mein Leben. Ich sollte das nie vergessen.



♦ ♦ ♦