Leben Nr. 3:
Wiedersehen macht Freude
Ein Leben als Berater

 

Ich weiß, man begann eine Geschichte nicht mit ‘Ich’.

Oder galt das nur für Briefe? Wo man doch heute eh kaum noch Briefe schrieb, im Zeitalter von eMail und SMS. Simsen war mittlerweile sogar als Verb in den Duden aufgenommen.

Ich war stilistisch verunsichert, trotz meiner literarischen Ambitionen, oder gerade deswegen. Was mir zeigte, dass ich dringend mehr an mir arbeiten sollte. Schließlich war ein gelungener Einstieg in eine Geschichte die halbe Miete.

Aber was machte ich mir da überhaupt für Gedanken? Schließlich war ich doch schon mitten drin in meiner Geschichte. Das hier war lediglich der Einstieg in ein neues Kapitel. Warum sollte man das nicht mit ‚Ich’ beginnen? Wo es doch um mich ging?

Ein besserer Anfang jedenfalls als ‘Du blöder Idiot’.

Schon ‚Idiot‘ war nicht optimal. Vor allem, wenn man damit seinen Vermieter titulierte, obwohl man gar nicht die Absicht hatte auszuziehen. Genau genommen machte schon das Duzen keinen guten Eindruck.

Ich sollte von vorne beginnen. Um den Tag und das neue Kapitel meines Lebens in seiner ganzen Pracht vor dem geneigten Leser zu entfalten, sollte ich mit dem Zeitpunkt beginnen, an dem mein Wecker klingelte. Das war leider nicht der Zeitpunkt, an dem er hätte klingeln sollen. Da schlief ich noch.

Eigentlich war es auch kein Wecker, sondern ein telefonischer Weckdienst, und als mir eine fröhliche Stimme am anderen Ende mitteilte, es sei jetzt neun Uhr und ein ganz wunderschöner Morgen, da hatte ich so eine Ahnung, daß das auf den Tag als Ganzes gesehen möglicherweise  nicht zutreffen würde. Ich war mit jedenfalls sicher, dass ich dem Nachtportier gestern abend sieben Uhr gesagt hatte. Sieben Uhr und keine Minute später.

Mir stand ein Tag bevor, wie er höchst ungewöhnlich für einen Personalreferenten gewesen wäre. Selbst in gehobener Stellung.

Aber ich war kein Personalreferent mehr.

In Anbetracht der Umstände verzichtete ich auf mein Frühstück, und reihte mich in die Schlange vor der Rezeption ein. Auschecken. Was für ein Wort. Tat meiner Schriftstellerseele weh. Man könnte zum Beispiel auch die Rechnung begleichen. Sagte man aber nicht mehr. Man sagte Auschecken.

Als ich endlich an der Reihe war, hatte der Kreditkartenleser seinen Geist aufgegeben und Bargeld hatte ich nicht so viel dabei. Es war immerhin ein Business Class Hotel mit Business Class Preisen. Bevor der Wortwechsel mit der schwarz gekleideten Gottesanbeterin hinter dem Checkout-Desk zu einer unschönen Szene ausartete, verließ ich das Hotel mit dem Hinweis, mir die Rechnung doch bitte zuzusenden. Ich war ja in Eile.

Die Auskunft, dass dies leider nicht möglich sei, quittierte ich mit einem Achselzucken und bat darum, dem Nachtportier schöne Grüße von mir auszurichten. Ich mußte wirklich los. Sollten die doch mit der Rechnung, machen was sie wollten.

Keine Rechnung hieß natürlich, dass ich von dem klauenbewehrten Ungetüm hinter der Rezeption auch kein Ausfahrticket für das Parkhaus bekommen hatte.

Ohne Ticket war es gar nicht so einfach, meinen Mietwagen aus der Tiefgarage herauszubekommen. Schließlich schaffte ich es, mich im Windschatten eines VW-Busses durch die Schranke zu mogeln. Der Fahrer bemerkte mich erst, als sich die Schranke schon wieder geschlossen hatte. Als gesetzestreuer Bürger trat er sofort heftig in die Eisen, und zeigte mir erregt den Vogel und andere schöne Dinge.

Hätte ich an seiner Stelle wahrscheinlich nicht anders gemacht. Da ich jedoch auf eine erzieherische Maßnahme vorbereitet war, rauschte ich dem aufgebrachten Oberlehrer nicht in die Heckklappe, sondern zog mit einem eleganten Schlenker an ihm vorbei und reihte mich samtweich in den fließenden Verkehr ein.

Der Berufsverkehr hatte sich um diese Uhrzeit bereits gelichtet. Wider Erwarten fand ich direkt vor dem Eingang des Bürogebäudes, in dem ich seit über einer Stunde sehnsüchtig erwartet wurde, einen Parkplatz. Das war ungewöhnlich. Normalerweise gab es hier überhaupt keine Parkplätze. Meine Laune besserte sich sogleich. Als ich ausstieg, blinzelte die Sonne titansilber-metallic über das Gebäude hinweg und die Glasfassade glitzerte wie eine riesige Diskokugel. Alles in allem kein schlechter Morgen. Ich atmete einmal tief durch, und war bereit, mich in die Arbeit zu stürzen.

Ich war jetzt Berater.

Nachdem ich einige Zeit in der Personalabteilung Berater und Projektleiter betreut hatte, ohne die geringste Ahnung, was die Kollegen eigentlich taten, hatte ich beschlossen, es einfach mal selber auszuprobieren. So schwer konnte das ja nicht sein. Es hatte eine Menge mit Marketing zu tun und da kannte ich mich aus.

Die ursprüngliche Strategie, mir einen ruhigen Job zu angeln, um nebenher einen Weltbestseller zu verfassen, der mich gänzlich unabhängig von den Niederungen des Angestellten-Daseins machen würde, stellte ich für eine Weile zurück. Wieder mal. Aber meine Zeit würde kommen. Nur eben nicht jetzt.

Jetzt war der Zeitpunkt, mal etwas tiefer in einen Job einzusteigen. Ich hatte das Gefühl, ich mußte mich irgendwie weiterentwickeln. An Berufserfahrung hatte ich ja schon einiges zu bieten, aber noch kaum berufliche Fähigkeiten. Dafür bereits einen Lebensstandard, den ich nicht mehr missen wollte, und so etwas verpflichtet. Das schöne an der Beratung war, dass selbst Junior Consultants schon Gehälter auf dem Niveau eines gestandenen Abteilungsleiters einstreichen konnten, wenn sie sich gut verkauften. Das gefiel mir, und ich hatte mich gut verkauft im Einstellungsgespräch. Kein Wunder. Bei meiner Vergangenheit als Personaler kannte ich mich aus mit Bewerbungsgesprächen. Ich hatte da so meine Erfahrungen.

Das war aber auch schon wieder fast ein Jahr her.

Jetzt saß ich gerade in einer fremden Stadt in einem fremden Büro und ließ mir von einem Klienten erklären, was ihn heute glücklich machen würde.

Klienten glücklich zu machen, war das Kerngeschäft eines jeden Beraters. Wie er das machte, oder mit welchen Arbeitsergebnissen, war bestenfalls zweitrangig.

Mein Klient gab mir zu verstehen, dass er glücklich wäre, wenn er noch heute eine kleine Präsentation zu einer Idee bekommen könnte, die er sich überlegt hatte. Nichts Großartiges. Einfach ein paar Slides zur strategischen Positionierung, Marktchancen, Wachstumsprognose, Profitabilitätsanalyse und so weiter.

Ich stöhnte. Was dieser Kerl in seinem karierten Sakko da von mir wollte, war heftig, selbst wenn man wie ich mit einem patentierten Berater-Handbuch und einer guten Methoden-Toolbox gerüstet war. So grausam konnte doch niemand sein, an einem Freitag? Selbst wenn er aufgenähte Lederflecken an den Ellbogen trug?!

Gut, freitag nacht auch mal im Büro zu verbringen, war eine der weniger schönen Begleiterscheinungen, mit der man als Berater leben mußte. Ich hatte schnell gelernt, dass sie das Geld nicht wirklich verschenkten, das sie mir als Gehalt zahlten. Aber heute?

Heute hatte ich eigentlich eine Verabredung.

Mein kleinkarierter Klient ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken. Vielleicht hatte er das Gefühl, dass es so dringend nicht sein konnte mit meiner abendlichen Verabredung, wenn ich gemütlich nach Abschluß des Berufsverkehrs im Büro eintrudelte. Er selbst war heute morgen zeitig losgefahren, und hatte zur Belohnung über eine Stunde im Stau verbracht. So etwas stimmte nicht gerade milde.

Was Karo nicht wußte war, dass Silvia in einer hübschen Wohnung mit Blick auf den Main auf mich wartete, während ich hier mit Blick auf den Neckar festsaß, umgeben von kilometerlangen Fertigungsanlagen und einer Unmenge fabrikneuer Autos.

Ich hatte Silvia zwei Wochen nicht gesehen.

Man konnte sagen, dass unsere Beziehung in einer kleinen Krise steckte.

Ich hatte Silvia bei einem Assessment-Center kennengelernt. Sie hatte da nicht mitgemacht, sie stand am Tresen in der Rezeption. Ich hatte auch nicht mitgemacht, ich hatte bei der Veranstaltung bloß Protokoll geführt. Witzigerweise hatte ich trotzdem den Job bekommen.

Und eben Silvie. Nicht gleich natürlich, aber wir hatten uns wieder getroffen, waren ein paar Mal miteinander ausgegangen, und irgendwann hatte es dann gefunkt.

Bei mir sowieso, wir Männer waren ja nicht so kompliziert, scheinbar jedenfalls. Bei Silvie hatte es ein bißchen gedauert, bis sie ihre Gefühle sortiert hatte. Silvie war eben keine einfache Frau. Natürlich nicht! Welche Frau war das schon?

Neuerdings schienen ihr meine Arbeitszeiten nicht mehr zu gefallen. Sie war nicht der Typ für eine Wochenend-Beziehung, sagte sie. Ich verstand das. Trotzdem wurde ich nicht schlau aus ihr. Wenn es überhaupt so etwas wie einen Wochenendtyp gab, hätte ich schwören können, Silvia gehörte dazu. Sie liebte es, sich Samstag nacht um die Ohren zu schlagen und sich soviel Club-Musik zu geben, dass es den ganzen Sonntag lang in den Ohren klingelte.

Als ich noch Personalreferent gewesen war, hatten wir normalerweise die ganze Woche miteinander verbracht und das Wochenende obendrein. Aber das war Silvia auf Dauer irgendwie ein bißchen eng und eingefahren vorgekommen. Der unter-der-Woche-Typ war sie eben auch nicht. Sie war nicht leicht zufrieden zu stellen, was die gemeinsame Zeitgestaltung betraf.

 Wenn es überhaupt die Arbeitszeiten waren, um die es hier ging.

So oder so, ich stürzte mich jetzt erst mal in dieselbe.

Statt Mittagessen besorgte ich mir eine Tasse Kaffee. Meinen Hunger konnte ich später im ICE-Bordrestaurant stillen. Jetzt mußten schnellstmöglich ein paar knackige Folien her. Das Problem war, dass meine Analyse nicht so recht vorankommen wollte.

Ich hätte natürlich spontan meinen ersten Eindruck zu Papier bringen können (Methode Nr. 12 aus meiner Berater-Toolbox), aber das schien mir nicht ratsam. Der erste Eindruck konnte täuschen. Und wenn nicht, schien es erst recht nicht ratsam, denn mein erster Eindruck war verheerend, und das würde meinen Klienten womöglich nicht glücklich machen. Genau das aber war mein Job. Gefragt waren also Relativierungen. Optionen, Chancen, Handlungsalternativen. Ich brauchte mehr Kaffee.

Beim Gang zur Kaffeemaschine traf ich im Flur auf meinen Klienten. Mist. Der wollte natürlich sofort wissen, wie weit ich war.

„Im Prinzip fertig“, versicherte ich mit der branchenüblichen Professionalität. Bluffen gehörte zum Handwerk.

„Prima“, freute sich Karo. Na also. Er war glücklich und ich kam vielleicht doch pünktlich los.

„Ich würde die Sachen nachher gerne noch mit Ihnen durchsprechen?“, ließ Karo da freudestrahlend verlauten.

„Nachher?“, echote ich verwirrt.

„Ja, nachher. Ich bin ziemlich dicht heute. Aber so um sechs würde es passen. Ich würde mir gerne vor dem Wochenende noch ein Bild machen, wo wir stehen.“

Na prima. Sechs Uhr. Da kam er noch rechtzeitig zu seiner Frau zum Abendessen nach Hause, und ich verpaßte meinen Zug. Vor meinem geistigen Auge tauchte Silvia auf. Eine eingeschnappte, bissige Silvia. Ideale Voraussetzungen, um mal in Ruhe über unsere Beziehung zu sprechen.

„Wissen Sie“, versuchte ich zu erklären. „Das wird heute leider nicht gehen. Sonst jederzeit gerne, aber gerade heute abend habe ich diese Verabredung…“

Ich versuchte, es so klingen zu lassen, als hätte ich noch einen wichtigen geschäftlichen Termin. Das mit Silvia ließ ich natürlich weg, niemand glaubte ernsthaft, daß Berater ein nennenswertes Privatleben brauchten, beziehungsweise es interessierte einfach nicht. Silvia glaubte es ja auch nicht.

Mein Klient schluckte. Er war nicht erfreut. Sein Adamsapfel hüpfte wie ein Jo-Jo auf und ab. Trotz Karojacke hatte er ein Büro im zwölften Stock. Top Floor. Da kam man nur hin, wenn man wirklich wichtig war, und so jemanden versetzte man nicht einfach so.

Natürlich war Karo Profi und blieb äußerlich gelassen.

„Soooo… Wenn Sie meinen...“. Er bemühte sich um einen ungezwungenen Tonfall. Aber das Ende des Satzes hing drohend in der Luft. Genau wie seine Augenbraue.

Nun, ich war nicht sein Leibeigener, sondern sein Berater. Ihm blieb also letztlich nichts anderes übrig, als mir ein schönes Wochenende zu wünschen und mich ziehen zu lassen.

Allerdings machte er sich eine mentale Notiz. Beim nächsten Projektreview würde er das Thema Kundenfreundlichkeit in Relation zur Höhe der Beratersätze zur Sprache bringen. Als Gesprächspartner hatte er meinen Chef im Auge, und er hatte vor, auf einen ganz bestimmten Berater näher einzugehen.

Um den Boden zu bereiten, versicherte er mir zum Abschied, wie hoch er meine Arbeit schätzte und wie vorzüglich meine Analyse zweifellos sei, und daß er sich schon sehr auf die Details freue, die ich sicher zahlreich und mit großem Geschick eingearbeitet hätte, auch wenn er auf meine persönlichen Erläuterungen ja heute leider verzichte müsse, was aber gar kein Problem wäre. Obwohl er sich extra heute abend eine Stunde für mich reserviert hatte. Aber kein Problem. Gar kein Problem. Er würde sich über das Wochenende eben meine schriftlichen Unterlagen anschauen. Sehr genau anschauen.

Ich versicherte ihm, daß die Analyse bestimmt seine Erwartungen treffen würde und ich mich schon sehr auf sein Feedback freue. Aber eben erst am Montag. Dann drückte ich ihm den Foliensatz mit meiner Einschätzung seiner großartigen Produktidee in die Hand und begann zu packen. In nächster Zeit durfte ich mir keinen Schnitzer mehr erlauben. Nur glückliche Kunden waren bereit, unsere horrenden Tagessätze zu bezahlen.

Doch Fortuna hatte sich ob meiner Unverfrorenheit bereits von mir abgewandt, und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Als ich aus dem Gebäude kam und ins Auto steigen wollte, war quer vor meinem Mietwagen eine dunkle Limousine geparkt. Mir dämmerte, daß ich in der Eile heute früh vielleicht doch keinen so tollen Parkplatz erwischt hatte. Die Nachricht am Scheibenwischer wies mich an, unverzüglich beim Pförtner zu erscheinen.

Ich wußte, dass mich eine Diskussion über die Schutzwürdigkeit von Sonderparkflächen für Direktionsfahrzeuge mindestens eine Viertelstunde kosten würde.

Die hatte ich nicht.

Wild entschlossen, meinen Zug zu erwischen, aber behindert von einer Mauer im Rücken und einer S-Klasse vor mir, wählte ich schweren Herzens den Weg durch das Blumenbeet. Knapp umfuhr ich einen jungen Haselnußstrauch, aber es ließ sich nicht vermeiden, dass es einige Stiefmütterchen erwischte. Oder waren es Chrysanthemen? Ich hab’s nicht so mit Blumen.

Im Rückspiegel erhaschte einen letzten Blick auf das ungläubige Gesicht des Pförtners, der aus seinem Häuschen geeilt war, um meine Nummer zu notieren. Dann war ich auf der Straße.

Berater fahren normalerweise nicht durch die Blumenbeete ihrer Klienten, und wenn doch, ließen sie sich keinesfalls erwischen. Falls der Pförtner über Mietwagenfirma und Reisestelle tatsächlich bis zu meinen Personalien vordringen sollte, standen mir in der nächsten Woche ernste Unannehmlichkeiten bevor. Aber daran war jetzt nichts mehr zu ändern.

Ich hielt mich in der Regel an Geschwindigkeitsbegrenzungen. Mit einem persönlichen Aufschlag von etwa 20 Stundenkilometer, so viel Flexibilität mußte sein. Auch in Eile ließ ich mich nicht zu unvernünftig schneller Fahrweise hinreißen. Wenn doch, suchte ich mir einen anderen Verkehrsteilnehmer, der es noch eiliger hatte und hängte mich so dicht wie möglich an seine Stoßstange. Wenn es dann blitzte, war mein Nummernschild wenigstens nicht auf dem Bild zu erkennen.

Auch diesmal fand ich einen geeigneten Vordermann. An jugendlichen Rasern hatte es in keinem Ballungsgebiet dieser Welt einen Mangel. Ich schätzte, daß es bei dem Tempo, das mein Vordermann vorlegte, trotz des einsetzenden Nieselregens noch zu schaffen war.

Ich ließ die Wischblätter den feuchten, klumpigen  Blütenstaub gleichmäßig über die Windschutzscheibe schmieren, stellte im Radio einen Rock-Sender ein und dachte an Silvia. There’s no smoke without a fire, there’s no love without desire, röhrte es aus den Boxen, und ich fiel in den Refrain ein. Als Kind der 80er kannte ich die Band, Bad Company, auch wenn die ihren Höhepunkt eigentlich in den 70er gehabt hatten. Aber das Gleiche galt für Supertramp, Deep Purple oder Uriah Heep genauso. Das machte die 80er ja musikalisch aus. Die Kids von heute würden in ein paar Jahren wahrscheinlich verständnislos gucken, wenn man sie fragte, wer Elvis sei.

So wie unsere Großeltern sich wundern mochten, warum niemand mehr Platten von Georg Gershwin oder Max Pallenberg hörte.

Aber ich war nicht mit dem Herzen bei meiner Kulturkritik. Ich machte mir so meine eigenen Gedanken zum Thema Liebe und Verlangen.

Diesen Augenblick nutzte mein Vordermann, um völlig unmotiviert auf die Bremse zu treten. Ich wußte nicht, was dieser Verrückte vorhatte, denn weit und breit war kein Hindernis zu sehen. Jedenfalls soweit ich das durch die verklebte Scheibe im Nieselregen erkennen konnte.

Geistesgegenwärtig wechselte ich auf die linke Spur, zog schimpfend an dem Vollidioten vorbei und blinzelte, als das grelle Licht eines Blitzers meine Augen traf. Ich sah auf den Tacho und stöhnte. Anders als der Pförtner würde die Ordnungsbehörde in jedem Fall meine Personalien ermitteln können, und ich wußte, daß mir bei diesem Tempo wohl ein Fahrverbot ins Haus stand. Mist.

Nach einigen Minuten wurde mir die ganze Tragweite meiner Unvorsichtigkeit bewußt und breitete sich als flaues Gefühl im Bauch aus, wo der viele Kaffee meine asbestbeschichteten Magenwände sowieso schon bis an ihre Belastungsgrenze gefordert hatte.

Ich brauchte mein Auto nicht nur beruflich sehr viel, ich wohnte auch nicht gerade an der nächsten U-Bahn Station und sah bereits monströse Taxi-Rechnungen auf mich zukommen. Natürlich konnte mich Silvia ab und zu fahren, aber ihr Verständnis für meine Situation würde sich in Grenzen halten. Sie war nämlich der Meinung, ich führe zu schnell. Was natürlich Quatsch war, aber unter den gegebenen Umständen nur schwer zu vermitteln sein würde.

Ich versuchte, diese düsteren Gedankengänge beiseite zu schieben. Es war nicht mehr zu ändern.

Der Verkehr wurde zähflüssiger. Ich arbeitete mich auf einer der Hauptlebensadern der Stadt langsam in Richtung Bahnhof vor. Schon zu jeder anderen Tageszeit kein Vergnügen, herrschte am Freitag Nachmittag das reinste Chaos.

Überall liefen Männer mit gelben Helmen durch die Gegend und ein Sattelschlepper, dessen Fahrer aufgebracht mit einem Baggerführer diskutierte, blockierte alle drei Spuren Richtung Innenstadt. Die beiden schienen sich heftig zu streiten. Wahrscheinlich beanspruchten sie das gleiche Stück Asphalt jeweils für ihr Vehikel.

Der Bahnhof war zu diesem Zeitpunkt schon in Sichtweite, aber der Sattelschlepper hatte es geschafft, dass der Verkehr völlig zum Erliegen kam. Noch acht Minuten. Das durfte doch nicht wahr sein. Sieben Minuten. Nach allem, was ich schon auf mich genommen, war ich nicht bereit, jetzt einfach aufzugeben.

Sechs Minuten.

Unter den staunenden Blicken der Passanten und dem wütenden Hupen meines Nebenmannes scherte ich über alle Spuren hinweg nach rechts aus, holperte auf den Gehsteig und stellte den Motor ab.

Der Nieselregen hatte sich mittlerweile zu einem ordentlichen Schauer ausgewachsen. Als ich Koffer, Aktentasche und Notebook aus dem Kofferraum gewuchtet hatte, war ich bereits bis auf die Knochen durchnäßt. Trotzdem verzichtete ich auf meinen Schirm, ich hatte nur zwei Hände. Ich hastete schwer beladen Richtung Bahnhof. Einer von den Gelbhelmen, dem Organ nach ein enger Verwandter des Baggerführers, rief mir nach. Er deutete aufgeregt auf meinen Wagen, aber ich reagierte nicht. Ich wußte selbst, dass man da nicht parken durfte.

Hätte ich mich umgedreht, hätte ich gesehen, daß ich den Wagen nicht nur im Halteverbot, sondern auch etwas unglücklich im toten Winkel des Baggers geparkt hatte. Dessen Fahrer brüllte gerade dem Sattelschlepper eine letzte rohe Verunglimpfung zu und setzte dann wütend und mit Schwung zurück. Einige Augenblicke später war ein ohrenbetäubendes Knirschen zu hören.

Ich beschloß, dass das häßliche Geräusch von berstendem Stahlblech, das an meine Ohren drang, nichts mit meinem Mietwagen zu tun haben konnte und drehte mich nicht um.

Noch vier Minuten bis zur Abfahrt. Ich schleppte mich triefend in die Bahnhofshalle. Das Gewicht meines Gepäcks raubte mir den Atem, und meine Hand zitterte. Ich kritzelte den kurzen Hinweis „Wagen an der Baustelle vorm Bahnhof abgestellt“ auf den Mietvertrag und warf ihn mitsamt dem Schlüssel in den Briefkasten einer Mietwagenfirma. Leider nicht die, bei der ich den Wagen angemietet hatte, aber ich sah bloß diesen einen Briefkasten und hatte es eilig. Ich nahm doch an, dass die sich alle untereinander kannten. Ansonsten würde das wahrscheinlich Ärger geben. Da ich mich nicht umgedreht hatte, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar, wieviel Ärger das noch geben würde.

Noch drei Minuten. Neu beflügelt bewältigte ich die Treppe zu den Fernbahnsteigen in Rekordzeit und kam gerade rechtzeitig, um den ICE aus der Bahnhofshalle fahren zu sehen. Das durfte nicht wahr sein. Seit wann fuhren die denn früher ab?

Sie taten es nicht. Ein kurzer Vergleich der Bahnhofsuhr mit meiner nagelneuen Reverso zeigte mir, wo die fehlenden Minuten geblieben waren. Die hatte meine Armbanduhr augenscheinlich einfach verschluckt.

Ich wollte es nicht glauben und befragte drei oder vier Passanten, wie spät es ihrer Meinung nach sei, bevor ich mich resigniert auf meinem Koffer niederließ und meiner guten, alten Casio nachtrauerte. Nicht so ein Designerstück wie die Reverso, aber alle Zeitzonen immer präzise verfügbar. Es schien, dass die Japaner die Schweizer in Sachen Präzision mittlerweile hinter sich gelassen hatten.

Ich überlegte, was ich tun konnte.

Ich konnte Silvia anrufen und ihr erzählen, daß ich den Zug verpaßt hatte. Aber ich hatte schon zu oft irgendwelche Züge verpaßt, in Staus gesteckt oder irgendwelche unvorhergesehene Termine wahrnehmen müssen. Da wollte ich nicht ausgerechnet heute am Telefon die Frage diskutieren, wie wichtig mir eigentlich unsere Beziehung war. Wo ich doch um des lieben Friedens willen heute extra einen Streit mit meinem Kunden riskiert hatte.

Natürlich, der Flughafen! Mit ein bißchen Glück konnte ich noch die Abendmaschine erreichen. Die Lufthansa hatte zwar schon mehrfach angedroht, die Stecke zwischen Neckar und Main aus dem Flugplan zu streichen, weil sich der kurze Flug kaum rentierte, aber noch gab es die Maschine meines Wissens.

Außerdem gab es eine direkte U-Bahnverbindung vom Hauptbahnhof zum Flughafen.

Ich war wieder auf den Beinen. Bevor ich zur U-Bahn spurtete, mußte ich meinen Koffer loswerden, sonst war es nicht zu schaffen. Kurzentschlossen wuchtete ich ihn in eines der Schließfächer und steckte den Schlüssel ein. Ich konnte den Koffer nächste Woche wieder abholen. Am Wochenende brauchte ich ihn eh nicht.

Auf der Rolltreppe sah ich meine U-Bahn einfahren. Ich gebärdete ich mich als militanter Anhänger der Parole „rechts stehen, links gehen“ und schubste ein paar Schlafmützen rüde beiseite. Eigentlich hasse ich es, von hinten ein Notebook ins Kreuz zu kriegen, nur weil ich ein Stück zu weit links stehe, aber bis auf ein paar Verwünschungen blieb ich unversehrt und schaffte es tatsächlich, in den Zug zu springen, bevor sich die Türen schlossen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung plumpste ich in einen Sitz. Schweiß stand mir auf der Stirn. Aber das machte nichts, ich war sowieso völlig aufgeweicht. Meine Gedanken schweiften kurz zu der Frage ab, inwieweit diese Art des Reisens meiner Gesundheit zuträglich war, und ich begann prompt ausgiebig zu husten.

Die Tatsache, das ich in der Eile keine Fahrkarte mehr hatte kaufen können, betrachtete ich nicht als Problem. In der U-Bahn wird so gut wie nie kontrolliert.

Ich war gerade dabei, die Nase zu schneuzen, als mich eine humorlose Gestalt in Schaffneruniform eines besseren belehrte. Für einen nachträglich ausgestellten Fahrschein verlangte er vierzig Euro. Meinen Einwand, daß eine Fahrkarte am Automaten höchsten vier Euro kosten könne, quittierte er mit dem Hinweis, daß Schwarzfahren nach wie vor als Straftat verfolgt werde und bat mich um meine Personalien. Jeder schien heute an meinen Personalien interessiert. Ich gab spontan nach, zahlte bar und wurde als Gegenleistung für den Rest der Fahrt in Ruhe gelassen.

Im Flughafen angekommen, hastet ich zum Ticketschalter. Die Dame dahinter musterte meine Erscheinung mit kaum verhohlenem Mißtrauen.

„Bitte??“ Sie sprach tatsächlich die drei Fragezeichen mit.

Ich stellte fest, daß mir das Hemd aus der Hose hing, meine Krawatte tropfte und ich mir irgendwo den Ärmel meines Jacketts aufgerissen haben mußte. Nur die Tatsache, daß ich eine Vielfliegerkarte vorweisen konnte, brachte sie dazu, mich überhaupt zu bedienen. Meinen Wunsch nach einem Gangplatz in der Economy Class bedachte sie mit einem nachsichtigen Lächeln und teilte mir dann mit, daß ich großes Glück hätte, überhaupt noch einen Platz zu ergattern.

Ich bezahlte also den horrenden Business-Tarif, den ich niemals in meiner Reisekostenabrechnung würde unterbringen können, und fand mich wenige Minuten später eingekeilt zwischen zwei übergewichtigen Fleischbergen wieder, die mir mit gigantischen Kaugummis freundlich in die Ohren schmatzten und ihre Unterhaltung über meinen Kopf und das Dröhnen der Triebwerke hinweg lautstark fortsetzten. Offensichtlich kannten sich die beiden. Mein Angebot, die Plätze zu tauschen, lehnten sie kopfschüttelnd ab. Ohne dabei ihre Unterhaltung zu unterbrechen. Auch egal. Ich war auf dem Weg nach Hause. Ich würde Silvia nicht versetzen und alles würde sich zum Guten wenden.

Als die Stewardeß kam, bestellte ich Kaffee und einen Stapel Servierten. Ich nippte an der Tasse und spürte, wie die Wärme mir guttat. Dann zog ich die nassen Schuhe und Socken aus und stopfte die Servierten hinein, ohne mich um die Blicke meiner beiden Nachbarn zu kümmern. Ich hatte die Lage wieder unter Kontrolle.

Die endlose Wüste weißer Wattebäusche, die sich träge im Abendhimmel lümmelten, beruhigte meine Nerven. Das monotone Brummen der Triebwerke bewirkte ein Übriges. Ich stellte mir vor, wie schön es wäre, da draußen spazieren zu gehen. Ohne Schuhe und Strümpfe hatte der Gedanke einen besonderen Reiz. Ich stellte mir vor, daß Silvia auf einer dieser Wolken saß und auf mich wartete. Sie aber nicht barfuß, sondern mit Stilettos und Strümpfen aus schwarzer Spitze.

Was ein absonderlicher Gedanke. Die letzten Stunden hatten mich wohl mehr mitgenommen, als ich gedacht hatte. Ich verscheuchte Wolken und die Frage des angemessenen Schuhwerks aus meinem geistigen Blickfeld und konzentrierte meine Gedanken auf Silvia. Sie war zuckersüß und völlig verrückt. Zärtlich und egozentrisch. Was für eine Frau. Aber keine Ahnung, ob sie mich tatsächlich liebte!

Über mir leuchteten die Anschnallzeichen rot.

Als routinierter Vielflieger ignorierte ich die Warnung. Bis zur Landung war noch Zeit. Ich dachte zurück an meine erste Begegnung mit Silvia an der Rezeption dieses kleinen Landgasthofs im Taunus. Sie war atemberaubend gewesen. Aber keine Ahnung, ob ich sie tatsächlich liebte.

Was für eine vertrackte Welt, diese Welt der Gefühle.

Eine gewaltige Faust riß mich aus meinen Betrachtungen, bohrte sich in meinen Magen und schleuderte mich mit einem Ruck nach oben.

In Wirklichkeit sackte der Flieger mit einem gewaltigen Ruck in ein Luftloch, während ich dem Gesetz der geringeren Masse gehorchend noch einen Moment blieb, wo ich war. Dann holte mich die Schwerkraft wieder ein, haute mich in den Sitz und meinen Kaffee über die Anzüge meiner Nachbarn, die vor Schreck fast ihre Kaugummis verschluckt hätten. Die Sache hatte aber auch ihr Gutes - immerhin hatte es ihnen für den Moment die Sprache verschlagen.

Weitere Böen zerrten an der Maschine. Ringsherum klammerten sich bleiche Manager an ihre Armlehnen. Nur wenige Verwegene blätterten demonstrativ weiter in ihrer Financial Times, aber man sah ihnen an, daß sie ohne große Begeisterung bei der Sache waren.

„Hier spricht Ihr Kapitän.“

Fröhlich dröhnte die Stimme aus dem Cockpit. Eine Stimme, die darauf geschult war, Selbstmordkandidaten und Terroristen zu stabilisieren. Eine Stimme wie geschaffen für die Situation.

„Wir durchfliegen gerade ein paar kleine Turbulenzen und möchten sie daher bitten, die Anschnallzeichen zu beachten. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung.“

Kleine Turbulenzen. Mein Magen, sowieso nicht ganz auf der Höhe, drohte zu rebellieren. Da half auch die Ankündigung wenig, daß wir trotz allem unseren Zielflughafen pünktlich erreichen würden.

Meine Nachbarn fanden jetzt ihre Sprache wieder und begannen sogleich, mir wüste Vorhaltungen wegen der Anzüge zu machen. Ich war drauf und dran, ihnen auch noch den restlichen Kaffee über die Hose zu verteilen. Den, den ich bereits getrunken hatte.

Wie versprochen landete die Maschine wenige Minuten später sicher auf der Rollbahn. Wie besessen fingerte ich unter meinem Sitz auf dem Boden herum, konnte aber nur einen Schuh finden. Der andere mußte sich in dem Wirrwarr selbständig gemacht haben. Also beugte ich mich nach unten, um ihn zu suchen, aber davon wurde mir schlecht. Eine besorgte Stewardeß bot mir an, zu warten, bis das Reinigungspersonal anrückte. Die würden den Schuh mit Sicherheit finden. Ich blickte auf die Uhr und lehnte dankend ab. Dafür reichte die Zeit nicht mehr.

Es ist schwer zu beschreiben, wie blöd man sich mit nur einem Schuh im Parkhaus eines internationalen Flughafens vorkommt. Aber soviel kann ich sagen: Man kommt sich verdammt blöd vor.

Wie ein begossener Pudel stand ich vor dem Parkschein-Automaten, der partoût mein Ticket nicht fressen wollte. Dann erinnerte ich mich, daß mein Wagen im Parkhaus am Hauptbahnhof stand, und nicht hier am Flughafen. Genaugenommen war es Silvias Wagen, der dort stand. Ich hatte mir ihren kleinen Mini geborgt, weil man damit am Bahnhof besser einen Parkplatz bekam. Na, den konnten wir auch morgen noch abholen. Vorausgesetzt, dass es ein gemeinsames Morgen für uns gab.

Ich humpelte zum Taxistand, und erst der dritte Fahrer war bereit, mich mitzunehmen.

„Sie sehen nicht gut aus“, informierte er mich.

„Weiß ich schon“, sagte ich.

 Ich nannte ihm die Adresse. „Ich hab’s eilig.“

„Wollen es wohl lieber schnell hinter sich bringen, was?“

Ich glotzte den Mann verständnislos an.

„Na, ich hätte es nicht so eilig, in dem Aufzug nach Hause zu kommen. Meine Frau...“, er ließ das Ende des Satzes unvollendet.

„Ich habe keine Frau“, ließ ich ihn wissen. „Und wenn Sie nicht ordentlich Gas geben, hab’ ich bald nicht mal mehr eine Freundin.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Was der Diesel an natürlicher Spritzigkeit vermissen ließ, machte mein Chauffeur durch seine Spontanität mit Gaspedal und Bremse spielend wett. Ich hoffte, daß sein Fahrkönnen in ausgewogenem Verhältnis zu seiner Risikobereitschaft stand. Immerhin mußte er sich so auf die Straße konzentrieren, daß er mich in Ruhe ließ. Ich schneuzte mich und hätte fast das Taschentuch verschluckt, als wir mit Karacho auf einen anderen Wagen prallten. Der hatte die Frechheit besessen, an einer auf Rot umspringenden Ampel zu bremsen anstatt ordentlich Gas zu geben.

Soweit ich sehen konnte, war nichts Ernsthaftes passiert, aber mein Fahrer war aus dem Häuschen. Er gab abwechselnd mir und den Idioten vor uns die Schuld und fluchte wie ein Rohrspatz.

Vorne gingen die Türen auf, und die Spatzenhirne, wie mein Fahrer sie jetzt lauthals beschimpfte, kamen zu unserem Taxi herüber. Langhaarige, bärige Typen in Leder und Jeanskutten. Jede Menge Tattoos, bevorzugt Totenköpfe. Bad Company.

Sie schienen über die ganze Angelegenheit offensichtlich genauso wenig erfreut wie mein Fahrer.

Ich erinnerte mich nicht mehr genau, was dann geschah, aber die Details spielten auch keine Rolle. Jedenfalls gelang es mir, mit meinem Notebook und einem blauen Auge zu entkommen, bevor die Auseinandersetzung ernstlich eskalierte. Ich hatte auch ein bißchen Nasenbluten, aber das hörte schnell wieder auf.

Mit zwei Schuhen hätte ich es wahrscheinlich in zwanzig Minuten bis nach Hause geschafft. Na ja, vielleicht dreißig. Mit einem Schuh dauerte es etwas länger. Aber nichts in der Welt konnte mich dazu bewegen, mich jetzt nochmal in ein Taxi zu setzen. Also stapfte ich weiter durch die Dunkelheit. Als ich endlich vor meiner Haustür stand, war es beinahe Mitternacht.

Ein paar Minuten stand ich einfach nur so da. Einerseits brauchte ich Zeit, um wieder zu Atem zu kommen, andererseits überlegte ich, ob ich klingeln, oder meinen Schlüssel benutzen sollte. Beides traute ich mich nicht so richtig.

Schließlich entschied ich mich für den Schlüssel, da hatte ich noch das ganze Treppenhaus vor mir, um mir in Ruhe meinen ersten Satz zu überlegen. Das hier war eindeutig eine Situation, wo es auf den ersten Satz ankam!

Ich stöberte in meiner Tasche, und einen furchtbaren Augenblick lang dachte ich, daß ich auch noch den Hausschlüssel verloren hätte. Aber das war nicht der Fall. Ich hatte lediglich den Schließfach-Schlüssel für meinen Koffer am Hauptbahnhof verloren. Die Hausschlüssel waren noch da.

Ich war mit den Nerven ziemlich am Ende. Weil der Koffer noch nagelneu war. Weil ich frierte. Weil ich eine gigantische Blase am linken Fuß hatte. Und weil ich die Nase für diesen Tag gestrichen voll hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber es war noch nicht vorbei.

Während ich unten die Haustüre aufschloß, ging im obersten Stockwerk eine Wohnungstür auf. Meine Wohnungstür. Silvia stand oben am Geländer und sagte kein Wort. Sie schaute einfach auf mich runter und sagte kein Wort. Ich kann mich nicht erinnern, Treppensteigen jemals so gehaßt zu haben, wie in diesem Augenblick.

Endlich stand ich vor ihr.

„Hallo“, sagte ich. Kein optimaler erster Satz, das gebe ich zu. Nicht mal ein Satz. Aber es waren auch keine optimalen Umstände.

Versuchsweise beugte ich mich vor, um Silvia Kuß zu geben. Quasi das Eis antauen. Aber daraus wurde nichts. Sie wandte sich mit verschränkten Armen ab und ging in den Flur zurück. Auf die Garderobe zu. Kein gutes Zeichen.

„Es tut mir leid“, sagte ich.

„Mir auch“. Sie zog sich die Jacke an.

„He, warte mal einen Moment.“

„Ich tue seit Stunden nichts anderes.“ Es war nicht wirklich ein Lachen, was sie da von sich gab, eher ein Knurren. „Wo sind meine Autoschlüssel?“, wollte sie wissen.

„Laß mich doch erst mal reinkommen.“ Ich kam ebenfalls in die Wohnung und zog die Tür hinter mir zu. Das Licht fiel auf meinen traurigen Anblick und für einen Moment schlich sich ein Anflug von Wärme in ihre Mandelaugen. Vielleicht kein Mitgefühl, bestimmt kein Verständnis, aber zumindest vages Interesse.

Ich kam zwar oft zu spät, aber selten in diesem Zustand. In diesem Moment wäre sie vielleicht bereit gewesen, mir zuzuhören, mir eine Chance zu geben, obwohl sie sich in den letzten vier Stunden immer wieder gesagt hatte, daß sie genau das nicht tun würde.

Im Nachhinein fragte ich mich, ob es diesen Moment, diesen entscheidenden Moment wirklich gegeben hatte, oder ob die Entscheidung nicht längst gefallen war, schon viel früher.

„Ich kann Dir alles erklären“, sagte ich.

Oh, oh! Alles wäre besser gewesen, als dieser Vorabend-Serien-Standardsatz. Alles. Ein Scherz, ein resigniert-treuherziger Blick. Vielleicht ein Ohnmachtsanfall. Alle diese Möglichkeiten und tausend andere, die ich mir im Treppenhaus zurechtgelegt hatte.

„Bitte nicht. Nicht schon wieder einer Erklärung“, sagte Silvia und der Moment war vorüber. Keine Erklärungen mehr. Der warme Schimmer in ihrem Blick hatte sich verflüchtigt.

In meinem allerdings auch. Jetzt hatte auch ich langsam genug. Schließlich kam ich nicht zum Spaß so spät, oder? Sie hätte wenigstens fragen können, wieso ich kein Gepäck bei mir hatte oder wo mein Schuh war.

Sie hingegen fragte: „Was ist mit meinen Autoschlüsseln?“

Wortlos warf ich ihr den Schlüsselbund zu. Sie ging zur Tür. Wartete kurz, ob ich noch etwas sagen würde. Ich sagte nichts. Schließlich würde sie in zwei Minuten wieder oben sein, um zu fragen, wo zum Teufel ihr Auto war.

Ich sollte mich täuschen. Als ich die Reifen quietschen hörte, fiel mir ein, daß an dem Schlüsselbund ja auch der Schlüssel für meinen Wagen hing. Ich war zu erschlagen, um mich noch wirklich aufregen zu können. Ohne Führerschein brauchte ich eh keinen Wagen.

Durch die Wohnung zog der Duft von abgestandenem Essen. Kerzen. Silvia hatte tatsächlich etwas für uns gekocht. Das hatte sie noch nie getan. Solange wir uns kannten. Wenn man mal Tiefkühlpizza und Spaghetti Bolognese außen vor ließ. Ich kostete. Kalt war das Zeug ungenießbar.

Ich schleppte mich zur Couch und öffnete den Jack Daniels. Eigentlich mag ich Scotch lieber, eine Marotte, die ich mir von Jerry Cotton abgeschaut hatte, den ich in einem gewissen Alter für den Inbegriff angelsächsischer Coolness hielt, was sicher auch damit zusammen hing, dass ich keine Ahnung hatte, dass es sich um eine durch und durch deutsche Romanserie mit deutschen Autoren handelte, was ich zu diesem Zeitpunkt für alles andere als cool gehalten hätte, aber das war jetzt auch egal. Ich wollte etwas kaputt machen. Unvernünftig, ich weiß. Aber ich dachte, ich müsse platzen, wenn ich nicht irgend etwas zerschmetterte.

Ein Blick auf die Flasche in meiner Hand und ich öffnete das Fenster. Ich war zwar schon betrunken genug, um mit Whiskey-Flaschen um mich zu schmeißen, aber noch nicht so betrunken, daß ich mein eigenes Fenster eingeworfen hätte. Hinten im Hof war um diese Zeit kein Mensch, also schleuderte ich das Ding einfach mit voller Kraft hinaus in die Nacht.

Ich fühlte mich besser. Bis ich das Klirren von Glas hörte. Es klang nach viel mehr Glas als hätte sein dürfen bei einer so kleinen Flasche.

 Wie konnte ich auch wissen, daß mein Vermieter seinen nagelneuen Wagen in den Hof fahren würde. Er hatte ihn erst heute bekommen, einen 911er, nach zehn Monaten Wartezeit. Ein Traum von einem Auto. Jetzt allerdings ohne Windschutzscheibe.

Ich stand oben am Fenster und versuchte, die Welt wieder in den Griff zu bekommen. Wenigstens den kleinen Ausschnitt, der vor meinen Augen auf und ab tanzte und nicht stillstehen wollte.

„Du blöder Idiot“, murmelte ich zu mir selbst.

„Du blöder Idiot!“ Diesmal laut und deutlich. Ich weiß nicht, ob ich vornehmlich den Verlust der Whiskey-Flasche bereute, aus der ich jetzt gerne noch einen Schluck genommen hätte, oder dem Moment nachtrauerte, in dem ich Silvia verloren hatte, wann immer das gewesen ein mochte.

Wahrscheinlich war es der ganze idiotische Tag, den ich verfluchte.

Auf keinen Fall hatte ich aber meinen Vermieter im Sinn, der mit Tränen in den Augen neben seinem Auto stand und fassungslos zu mir herauf starrte, als ich meine Beschimpfungen in den Hof brüllte.

Ich verzog mich ins Schlafzimmer und ließ mich so wie ich war aufs Bett fallen. Für heute hatte ich genug.

Das Beraterleben war anstrengender, als man so dachte.