Kapitel 1

Frühling!

Allein bei dem Wort dachte sie an zwitschernde Vögel, an Tautropfen, den Geruch von Sonne auf saftigem Gras, an zarte Blüten und lachende Kinder.

Frühling bedeutete immer auch Neuanfang, etwas Positives, einen Umbruch.

Symbol für neue Chancen und Wege.

Ihr neuer Weg führte sie in das Herz einer kleinen Stadt am Rhein, und ausgerechnet auf diesem Weg fiel ihr auf, dass sich der Winter geschlagen gegeben hatte.

Wenn das kein Zeichen war.

Die Straße schlängelte sich durch den Wald des Siebengebirges hinab. Die Abendsonne fiel durch die Blätter der Bäume und warf deren Schatten auf die Straße vor ihr. Tanzende Lichter schienen ihr den Weg zu weisen.

Der Gedanke ließ sie lächeln.

In jedem Jahr gab es diesen einen, diesen bestimmten Moment, in dem sie realisierte, dass der Frühling seinen Kampf gegen die Kälte gewonnen hatte. Doch in diesem Jahr haftete ihm etwas Besonderes an.

Es war ihr Frühling, der da gerade anbrach.

Sie ließ das Ortsschild hinter sich, überquerte zwei Kreuzungen, bog dann hart links ab und fuhr nun direkt an der Rheinpromenade entlang. Mit einem Seitenblick erfasste sie ein Mädchen am Ufer, das Enten fütterte. Frühling.

»Der Zeitpunkt ist perfekt«, sagte Anna zu sich selbst. Der Gedanke allein reichte nicht; sie musste ihn hören, um es zu glauben.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündete die sterile Frauenstimme des Navigationssystems.

»Und ob«, antwortete Anna. Geschickt fädelte sie ihren Mini in die Parklücke ein. »Perfekt!« Sie nickte entschlossen, wie zur Bestätigung, und griff nach dem Zeitungsartikel.

Königswinter-Zentrum, Zwei-Zimmer-Apartment, KDB, 63 qm,

300,- Euro kalt.

Mit dreiundzwanzig war es wohl legitim auszuziehen. Selbst als einzige Tochter eines Mannes, der es nicht mal schaffte, Wasser zu kochen, ohne es anbrennen zu lassen, hatte man das Recht dazu. Ihr Vater würde es schon überstehen. Zwar hatte er kaum ein Wort mit ihr gewechselt, seitdem sie ihm zwei Tage zuvor ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, doch er würde sich schon wieder einkriegen.

Anna schlug die Autotür hinter sich zu und wandte sich dem unauffälligen Altstadthaus zu. Oh, nein!

Nach nur einem Blick sackte ihr Herz ein Stück weit hinab und drückte nun unangenehm auf ihren Magen. Sie hatte gewusst, dass es einen Haken geben musste. Zu zentral, zu viele Quadratmeter, zu preiswert.

Zu viel Tanzschule im Erdgeschoss.

Nein, das Zu-vermieten-Schild an der Fensterscheibe direkt über dem vergilbten Leuchtschriftzug ließ leider keine Zweifel zu.

Hier war sie richtig … beziehungsweise eben nicht.

Verdammt!

Die Wohnungsbesichtigung hatte der erste Zug ihres Befreiungsschlags werden sollen und als solcher natürlich von Erfolg gekrönt. Doch nun fühlte sich Anna so entmutigt, dass sie für einen Moment mit dem Gedanken spielte, in ihr Auto zu steigen und einfach wieder zu fahren.

Doch dann, sie hatte den Schlüssel schon ins Türschloss gesteckt, gab sie sich einen Ruck.

Sicher, eine Tanzschule unter ihrem Schlafzimmer war wirklich das Letzte, was sie brauchte, wenn sie von einer anstrengenden Nachtschicht im Krankenhaus kam. Diese hier würde also bestimmt nicht ihre erste Wohnung, aber es könnte zumindest ihre erste Besichtigung werden, sagte sie sich.

Vergeblich suchte sie nach einem Seiten- oder Hintereingang; die einzige Tür öffnete sich mit einem Klack zum Korridor der Tanzschule. Von dort aus führte eine schmale Stiege in das Obergeschoss.

Es roch eigenartig. Eine Mischung aus Rosen-Duftöl und Tapetenkleister. Räucherstäbchen …

Wieder spielte Anna mit dem Gedanken, sich aus dem Staub zu machen. Wieder widerstand sie in letzter Sekunde und blieb in dem schmalen Gang stehen.

Aus dem Raum vor ihr drang Musik. Ein Tango. Sie wusste nicht viel über Standardtänze, doch einen Tango erkannte selbst sie.

Anna fasste sich ein Herz und klopfte an. Sofort flog die Tür auf; Anna zuckte zusammen.

»Kommen Sie, kommen Sie.« Eine rothaarige Dame mittleren Alters, deren extravagante Kleidung Anna sofort ins Auge stach, winkte sie herein.

Die Dame warf einen lilafarbenen Seidenschal über ihre Schulter zurück, begrüßte Anna mit polnischem Akzent, stellte sich sehr knapp als Madame Jankolini vor und ließ ihren strengen Blick dabei nicht für eine Sekunde von dem tanzenden Paar.

Anna konnte nicht anders, sie verspürte Respekt. Madame Jankolini war eine dieser Personen, die einem Ehrfurcht einflößten – durch ihre bloße Erscheinung.

Das junge Paar vor ihnen schritt mit stolz erhobenen Köpfen über die Tanzfläche, in einem ständigen Wechsel aus fließender Eleganz und ruckartigen Bewegungen. Anna bemerkte fasziniert wie … erotisch sie diesen Tanz fand.

Die Madame mit dem unnatürlich roten Haar, das zu einer Art Vogelnest auf ihrem Kopf drapiert war, stand neben ihr und schlug mit einem Stock auf den Parkettboden, genau im Takt der Musik. Die Konzentration und Anspannung sah man ihr deutlich an.

»Gut … Gut … Achtet auf den Abstand.« Madame Jankolini wirkte zufrieden und formte gerade den Ansatz eines Lächelns, als die junge Frau bei einer der schnelleren Schrittfolgen über ihre Füße stolperte, so dass der Mann sie auffangen musste.

RUMMS!

Der Stock knallte so laut auf den Boden, dass der Hall die Musik übertönte.

»Nein!«, schrie Madame Jankolini. »Darf ich euch erinnern, dass ihr es wart, die mich gebeten haben, den Tango vorzuziehen? Es hat einen Grund, dass er der letzte Tanz ist, den ich unterrichte.«

Die junge Frau sah beschämt auf ihre Füße, denen sie die nun folgende Standpauke zu verdanken hatte. Madame Jankolini ging auf das Paar zu. Ihre Stimme bekam einen beschwörerischen Klang, als sie fortfuhr: »Das Wort Tango leitet sich vom lateinischen Wort tangere ab. Berühren. Der Tanz begann als pantomimische Kommunikation zwischen einer Prostituierten und ihrem Freier. Die Bewegungen sind ein Ausdruck starker, widersprüchlicher Gefühle. Anzüglich reicht nicht. Wir sprechen hier über vertikalen Sex, versteht ihr das?«

Annas Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. Dem jungen Paar schien es nicht anders zu gehen. Regungslos standen sie da.

»Habt ihr verstanden?«, fragte Madame Jankolini nachdrücklich. Als hätte sie einen Schalter in ihnen betätigt, nickten beide Tänzer hastig.

»Gut. Ich bin sofort wieder da. Wenn die Musik endet, bevor ich zurück bin, dann geht die Drehung, die ich euch vorhin gezeigt habe, noch einmal trocken durch.«

Mit diesen Worten wandte sie sich wieder Anna zu, die der Rothaarigen nun zum ersten Mal bewusst ins Gesicht sah – und erschrak.

Ohne Zweifel war Madame Jankolini wesentlich älter, als ihre Erscheinung es auf den ersten Blick vermuten ließ. Das regelrecht aufgespachtelte Make-up sprach Bände. Es verdeckte Falten und Krähenfüße. Anna fragte sich, wie ein Leben ausgesehen hatte, von dem ein solches Gesicht erzählte.

Madame Jankolini ließ sie nicht lange grübeln, sie unterbrach Annas Gedanken mit ihrer schrillen Stimme.

»Die Wohnung, richtig? Oder willst du Tanzunterricht nehmen, mein Kind?«

»Nein, keinen Unterricht … die Wohnung, genau«, stammelte Anna und fühlte sich dabei wie eine schüchterne Erstklässlerin.

»Gut. Kommen Sie, kommen Sie!«

Madame Jankolini humpelte vorweg, und Anna wunderte sich.

Gerade eben, in diesem Tanzraum, der mit seiner hohen Decke, dem edlen Parkettboden und den verspiegelten Wänden so gar nicht zu dem Rest dieses Hauses passen wollte, hatte Madame Jankolini noch anmutig und gebieterisch gewirkt.

Nun, gestützt auf ihren Gehstock, war sie eine gewöhnliche Frau im fortgeschrittenen Alter, die sich zufällig wie ein Paradiesvogel kleidete.

In der Sekunde, als sie die Schwelle zu dem schäbigen Korridor mit der vergilbten Raufasertapete überschritt, fiel der Glanz von ihr ab.

Wackelig tapste sie zu einem Schlüsselkasten.

»Nanu … Wo ist denn … Oh! Ich war vorhin oben, um zu lüften. Es kann sein, dass ich den Schlüssel habe stecken lassen. Bitte, Kind, gehen Sie alleine hoch und sehen sich um, ja? Es war meine Wohnung, doch ich hatte … nun ja, einen bösen Unfall. Seitdem wohne ich hier unten. Es ist nur ein Raum, aber das reicht mir auch.«

Anna nickte. »Ist gut. Ich sehe mich um und bringe Ihnen den Schlüssel anschließend ins Studio.«

Madame Jankolinis Augen, geschult und sehr aufmerksam, entging der Zollstock nicht, den Anna in ihrer Hand hielt.

»Messen Sie nur in Ruhe aus. Man muss ja wissen, ob alles passt«, sagte sie freundlich und wandte sich ab.

Anna sah ihr nach, bemerkte die erneute Wandlung, die sich dieses Mal umgekehrt vollzog – von der alten Frau zur anmutigen Diva, sowie sich die Tür zum Tanzsaal öffnete.

 

Die Stufen unter ihr knarrten, als Anna die steile Treppe emporstieg.

Oberschenkelhalsfraktur, dachte sie. Bestimmt ist sie diese Treppe hinabgestürzt.

Die Tür zu der Wohnung war angelehnt, der Schlüssel steckte. Anna zog ihn ab, ließ ihn in ihre Jackentasche gleiten und trat langsam ein. Die Tür ließ sie einen Spaltbreit geöffnet.

Sie stand, anders als erwartet, in einem großen Raum. Es hatte etwas Amerikanisches. Kein Korridor, kein Windfang, direkt das Wohnzimmer. Es dämmerte mittlerweile, und der Himmel tauchte die kahlen Wände in ein eigenartiges rotes Licht. Anna suchte nach dem Lichtschalter und legte ihn um – nichts.

Es gab keine Lampen mehr, nicht mal eine einfache Glühbirne.

Seufzend begann Anna ihre Besichtigung.

Die Wohnung war leer, bis auf eine Einbauküche, die aus den späten Sechzigern zu stammen schien – zumindest meinte Anna, dass Pastellfarben damals der letzte Schrei gewesen waren. Diese hier war mintfarben.

Es gab ein winziges Badezimmer mit einer Dusche und einen Schlafraum auf der anderen Seite des Wohnzimmers.

Als sie diesen Raum betrat, schlug Anna Hitze entgegen. Vermutlich trug einer dieser alten Heizkörper, die sich oft nicht richtig regeln ließen, die Schuld an der Temperatur. Schnell schlüpfte sie aus ihrer Jacke und ließ sie auf den Boden fallen.

Da dieser Raum nur über ein winziges Fenster verfügte, dessen schiefes Rollo es fast vollständig verdeckte, lag er im Dunkeln.

Und natürlich – auch hier gab es keine Glühbirne. Verdammt!

Anna wollte sich gerade aufregen, als ihr einfiel, dass sie ja eh nur pro forma besichtigte. Diese Wohnung stand schon lange vor der Entdeckung der mittelalterlichen Einbauküche und der fehlenden Badewanne nicht mehr zur Diskussion.

»Tanzschule, na klar«, murmelte sie und grinste ins Halbdunkel.

Wäre die Wohnung traumhaft schön gewesen, dann hätte sie sich vermutlich geärgert, aber so, mit all diesen gravierenden Mängeln, fand sie es irgendwie sogar amüsant.

Trotzdem nagte die Neugierde an ihr. Also öffnete sie das Fenster und griff beherzt nach dem Rollo. Sie hob es ein Stück weit an und ließ es noch einmal fallen; in ihrem alten Kinderzimmer hatte das immer den gewünschten Erfolg gebracht. Und wirklich, als sie noch einmal an dem Gurt zog, bewegten sich die Lamellen. Anna triumphierte innerlich.

Doch als sie es bis zum Anschlag hochgezogen hatte und den Gurt losließ, plumpste das Ding wieder halb herab und wirbelte dabei so viel Staub auf, dass Anna husten musste.

»Mist!«, prustete sie.

Als sie sich einigermaßen beruhigt hatte, drehte sie sich um, um den Raum genau zu betrachten.

Das war der Moment, in dem sie schrie.

 

Auf dem Boden hinter der Tür, durch die sie gerade gekommen war, saß ein Mann und starrte sie an. Er rührte sich nicht, machte keine Anstalten, bei Annas Gefühlsausbruch aufzustehen, geschweige denn sie zu beruhigen. Er sah sie an, als ob ihm gerade erst bewusst geworden wäre, dass außer ihm noch jemand den Raum betreten hatte.

»Wer zum Teufel bist du?«, keuchte Anna, die im gleichen Moment still betete, nicht das erste Opfer einer Serie von brutalen Vergewaltigungen und/oder Morden entlang des Rheins zu werden.

Sie holte Luft, um ihn erneut anzuschreien, als sie genauer hinsah.

Er lehnte an der Wand, die Knie eng an die Brust gezogen. Die obersten Knöpfe seines weißen Hemdes standen offen, und seine Jeans schien eine dieser Designerstücke zu sein, die auf künstlerische Art unordentlich und verschlissen aussahen. Sein dunkles Haar hatte einen rötlichen Schimmer – vielleicht auch nur durch das glühende Licht der Abenddämmerung verursacht.

Auf jeden Fall war sein Haar völlig wirr. Es stand in alle Richtungen ab, als hätte er Stunden damit verbracht, es zu raufen.

Unwillkürlich fiel Annas Blick auf seine Hände, als könnten diese ihr Aufschluss darüber geben, ob sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Er hatte lange Finger, auf denen sie vereinzelte Farbsprenkler entdeckte.

Ein Künstler, dachte sie und ließ ihre Augen über sein Gesicht wandern. Er war unrasiert; ein Dreitagebart zog sich über seine Kinnlinie und unterstrich die maskulinen Züge.

Annas Blick blieb an seinen Lippen hängen. Volle Lippen, perfekt geschwungen, als hätte man sie in Stein gemeißelt.

Ebenso bewegungslos wirkten sie, wenn auch bestimmt viel weicher.

Anna ertappte sich bei der Frage, wie sich dieser Mund wohl auf ihrem anfühlen würde. Schnell sah sie weiter aufwärts, über seine gerade Nase hinweg, bevor sie erneut verharrte.

Jadegrüne Augen starrten sie an, umrahmt von Wimpern, so dicht und lang, dass es an eine Unverschämtheit grenzte.

Das Entscheidende war jedoch, dass diese unglaublichen Wimpern feucht und seine Augen rot geschwollen waren. Die Tatsache, dass der Mann geweint hatte, lag so offensichtlich auf der Hand, dass der neue Schrei in Annas Kehle erstarb und sie ihn mitsamt ihrer Wut und ihrem Schock herunterschluckte.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich mehr wie ein Voyeur gefühlt, doch sie konnte ihre Augen nicht von ihm nehmen, so sehr sie sich auch bemühte. Sie konnte nicht einmal blinzeln.

Er sah tragisch aus … gebrochen … und herzzerreißend schön.

»Tut mir leid«, flüsterte sie, als sie endlich ihre Stimme wiederfand. »Madame Jankolini sagte, sie hätte den Schlüssel stecken lassen, aber ich hatte keine Ahnung, dass noch jemand hier oben ist.«

Dann kam die Erleuchtung.

»Oh, du wolltest sicher auch die Wohnung besichtigen und dachtest, unten wäre nur das Tanzstudio. Und hier oben steckte der Schlüssel.«

Er erwiderte nichts, sah sie jedoch weiterhin so intensiv an, als könne er bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Im Bedürfnis, die peinliche Stille zu füllen, begann Anna, vor sich hin zu brabbeln – über alles, was ihr gerade in den Sinn kam.

»Und, interessierst du dich ernsthaft für das Apartment?«

Endlich gelang es ihr, den Blick von seinen Augen zu lösen. Schnell sah sie sich um.

»Es ist ziemlich heruntergekommen, um ehrlich zu sein, doch es hat durchaus Potenzial.«

Als er noch immer nicht antwortete, ging sie langsam an ihm vorbei und verließ den Raum. Mit heftig klopfendem Herzen zog sie sich in die Küche zurück, in der Hoffnung, ihm damit die Zeit zu geben, die er offensichtlich brauchte, um sich sammeln zu können. Dennoch, ihr Mundwerk stand nicht still; sie plapperte immer weiter.

»Die Einbauküche scheint in Ordnung zu sein, obwohl die Farbe natürlich eine Zumutung ist. Sicher findet man da eine günstige Lösung im Baumarkt. Hier gibt es ja direkt einen …«

Ihre Stimme schallte durch die kahlen Räume.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer und wunderte sich, warum sie nicht aufhörte zu reden.

Weil du ihn hören willst. Weil du wissen willst, ob seine Stimme so schön ist wie der Rest von ihm.

Langsam drehte sie sich um ihre eigene Achse und teilte dem Fremden dabei ihre Einrichtungsideen mit. Als sie sich der Schlafzimmertür zuwandte, erschrak sie erneut.

Er stand direkt vor ihr, nur etwa einen halben Meter entfernt, und starrte sie an.

»Irgendeine Idee, wie hoch die Nebenkosten sind?«, flüsterte sie.

Mein Gott, ist er groß!

»Ich hab irgendwie … vergessen zu fragen.« Sie errötete, unfähig, ihren Blick von ihm abzuwenden. Er starrte sie weiter an – und schwieg.

Doch als er blinzelte, sah Anna neue Tränen über seine Wangen herabrollen.

Wissend, dass sie es gesehen hatte, wandte er sich ab und lief zurück in den Schlafraum. Bevor sie wusste warum, folgte sie ihm.

Anna durchkreuzte das Zimmer und stellte sich vor ihn. »Hör zu … ich weiß, du willst wahrscheinlich nur, dass ich endlich verschwinde. Es ist offensichtlich, dass du ein wenig Privatsphäre brauchst.«

Er zog eine Grimasse, blieb jedoch stumm und hielt weiter den Augenkontakt.

»Ich lasse dich jetzt allein, aber … bist du okay?«

Nach einer unbestimmbaren Weile, die sich wie Gummi zog, schüttelte er den Kopf.

»Es ist nur, dass … Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn ich einfach ginge und dich hier zurückließe. Ohne wenigstens zu versuchen, dir zu helfen, weißt du?«

Sie versuchte ein Lächeln, doch das Ergebnis wirkte so kläglich, dass sie schnell aufgab und ihre Gesichtsmuskulatur erlöste.

»Kann ich vielleicht … irgendetwas … für dich tun?«

»Ja«, presste er hervor.

Auch wenn seine Stimme heiser klang, als ob er geschrien hätte, erkannte Anna den sanften Klang darin.

Sie wartete, doch er sagte nichts mehr.

»Was kann ich tun?« Das letzte Wort blieb fast in Annas Kehle stecken.

Denn nun bewegte er sich, schloss die Lücke zu ihr mit nur einem Schritt und betrachtete sie – wie eine Wildkatze ihr Opfer.

Je näher er kam, je weiter er sich zu ihr herabbeugte, desto deutlicher wurde dieses eigenartige Gefühl in ihr. Es wuchs und kribbelte, als gäbe es eine Art elektrische Spannung zwischen ihren Körpern. Reflexartig wich sie zurück, bis sie an das Fensterbrett stieß.

Dieses verdammte Fenster. Wieso hatte sie es auch öffnen müssen?

Der Fremde stoppte nicht, bis er sich mit seinen Händen links und rechts vom Fenster abstützen konnte und sie so einsperrte. Jeder Fluchtweg war ihr abgeschnitten, doch sie konnte sich nicht dazu bringen, Angst zu empfinden.

Verdammt, er riecht auch noch gut.

Anna wusste, sie musste sich nicht fürchten.

Er sah tief in ihre Augen, lange genug, um die Elektrizität zwischen ihnen vollkommen zu entfesseln. Dann erst lehnte er sich vor und ließ sie seinen Atem spüren, als seine Lippen um ein Haar ihr Ohr berührten.

»Schlaf mit mir«, wisperte er.

 

Buch kaufen